sich meinem kindischen Gemüte unverlöschlich einprägten . In dieser Nacht sah ich meine Mutter zum letzten Male . Nachher erinnere ich mich wieder auf nichts , als Berge und Wälder , große Haufen von Soldaten und blitzenden Reitern , die mit klingendem Spiele über Brücken zogen , unbekannte Täler und Gegenden , die wie ein Schattenspiel schnell an meiner Seele vorüberflogen . Als ich mich endlich zum ersten Male mit Besinnung in der Welt umzuschauen anfing , befand ich mich allein mit dir in einem fremden , schönen Schloß und Garten unter fremden Leuten . Es war , wie du weißt , unser Vormund , und das Schloß , obschon unser Eigentum , doch nicht unser Geburtsort . Wir beide sind am Rheine geboren . - Es mochte mir hier bald nicht behagen . Besonders stach mir gegen das niemals in meiner Erinnerung erloschene Bild meiner Mutter , die ernst , hoch und schlank war , die neue , kleine , wirtschaftliche und dickliche Mutter zu sehr ab . Ich wollte ihr niemals die Hand küssen . Ich mußte viel sitzen und lernen , aber ich konnte nichts erlernen , besonders keine fremde Sprache . Am wenigsten aber wollte mir das sogenannte gewisse Etwas in Gesellschaften anpassen , wobei ich mich denn immer sehr schlecht und zu allgemeiner Unzufriedenheit präsentierte . Mir war dabei das Verstellen und das zierliche Niedlichtun der Vormünderin und des Hofmeisters unbegreiflich , die immer auf einmal ganz andere Leute waren , wenn Gäste kamen . Ja , ich erinnere mich , daß ich den letztern einige Male , wenn er so außer dem gewöhnlichen Wege besonders klug sprach , hinten am Rocke zupfte und laut auflachte , worauf ich denn jedesmal mit drohenden Blicken aus dem Zimmer verwiesen wurde . Mit Prügeln war bei mir nichts auszurichten , denn ich verteidigte mich bis zum Tode gegen den Hofmeister und jedermann , der mich schlagen wollte . So kam es denn endlich , daß ich bei jeder Gelegenheit hintenangesetzt wurde . Man hielt mich für einen trübseligen Einfaltspinsel , von dem weder etwas zu hoffen noch zu fürchten sei . Ich wurde dadurch nur noch immer tiefsinniger und einsamer und träumte unaufhörlich von einer geheimen Verschwörung aller gegen mich , selbst dich nicht ausgenommen , weil du mit den meisten im Hause gut standest . Ein einziges liebes Bild ging in dieser dunklen , schwerer Träume vollen Zeit an mir vorüber . Es war die kleine Angelina , die Tochter eines verwandten italienischen Marchese , der sich auch vor den Unruhen in Italien zu uns geflüchtet hatte und lange Zeit dort blieb . Du wirst dich des lieblichen , wunderschönen Kindes erinnern , wie sie von uns Deutsch lernte und so schöne , welsche Lieder wußte . Ich hatte damals Tag und Nacht keine Seelenruh vor diesem schönen Bilde . Inzwischen glaubte ich zu bemerken , daß sie überall dich mehr begünstigte , als mich ; ich war ihr zu wild , sie schien sich vor mir zu fürchten . Mein alter Argwohn , Haß und Bangigkeit nahm täglich zu , ich saß , wie in mir selbst gefangen , bis endlich ein seltsamer Umstand alle die Engel und Teufel , die damals noch dunkel in mir rangen , auf einmal losmachte . Ich war nämlich eines Abends eben mit Angelina im Garten an dem eisernen Gitter , durch das man auf die Straße hinaussah . Angelina stand am Springbrunnen und spielte mit den goldenen Kugeln , welche die Wasserkunst glänzend auf- und niederwarf . Da kam eine alte Zigeunerin am Gitter vorbei und verlangte , als sie uns drinnen erblickte , auf die gewöhnliche ungestüme Art , uns zu prophezeien . Ich streckte sogleich meine Hand hinaus . Sie las lange Zeit darin . Währenddes ritt ein junger Mensch , der ein Reisender schien , draußen die Straße vorbei und grüßte uns höflich . Die Zigeunerin sah erstaunt mich , Angelina und den vorüberziehenden Fremden wechselseitig an , endlich sagte sie , auf uns und ihn deutend : Eines von euch dreien wird den andern ermorden . - Ich blickte dem Reiter scharf nach , er sah sich noch einmal um , und ich erkannte erschrocken und zornig sogleich das Gesicht desselben unbekannten Knaben wieder , der uns bei unsrem Auszuge aus der Heimat an dem Feuer so verhöhnt hatte . - Die Zigeunerin war unterdes verschwunden , Angelina furchtsam fortgelaufen , und ich blieb allein in dem großen , dämmernden Garten und glaubte fest , nun als Mörder auch sogar von Gott verlassen zu sein ; niemals fühlte ich mich so finster und leer . In der Nacht konnt ich nicht schlafen , ich stand auf und zog mich völlig an . Es war alles still , nur die Wetterhähne knarrten im Hofe , der Mond schien sehr hell . Du schliefst still neben mir , das Gebetbuch lag noch halb aufgeschlagen bei dir , ich wußte nicht , wie du so ruhig sein könntest . Ich küßte dich auf den Mund , ging dann schnell aus dem Hause , durch den Garten , und kehrte niemals mehr wieder . Von nun an geht mein Leben rasch , bunt , ungenügsam , wechselnd , und in allem Wechsel doch unbefriedigt . Ich will nur einige Augenblicke herausheben , die mich , wie einsam erleuchtete Berggipfel über dem dunkelwühlenden Gewirre , noch immer von weitem ansehn . Als ich zu Ende jener Nacht die letzte Höhe erreicht hatte , ging eben die Sonne prächtig auf . Die Gegend unten , so weit die Blicke reichten , war mit bunten Zelten , unermeßlich blitzenden Reihen , und Lust und Schallen überdeckt . Einzelne bunte Reiter flogen in allen Richtungen über den grünen Anger , einzelne Schüsse fielen bis in die tiefste Ferne hin und her im Walde . Ich stand wie eingewurzelt vor Lust bei dem Anblick . Ich glaubte es nun auf einmal gefunden zu haben , was mir fehlte und was ich eigentlich wollte . Ich eilte daher schnell hinunter und ließ mich anwerben . Wir brachen noch denselben Tag von dem Orte auf , aber schon da auf dem Marsche fing ich an zu bemerken , daß dieses nicht das Leben war , das ich erwartete . Der platte Leichtsinn , das Prahlen und der geschäftige Müßiggang ekelte mich an , besonders unerträglich aber war mir , daß ein einziger , unbeschreiblicher Wille das Ganze wie ein dunkles Fatum regieren sollte , daß ich im Grunde nicht mehr wert sein sollte , als mein Pferd - und so versenkten mich diese Betrachtungen in eine fürchterliche Langeweile , aus der mich kaum die Signale , welche die Schlacht ankündigten , aufzurütteln vermochten . Damals bekam mein Oberst von meinem Vormund , der mich aufgespürt hatte , einen Brief , worin er ihn bat , mich auszuliefern . Aber es war zu spät , denn das Treffen war eben losgegangen . Mitten im blitzenden Dampfe und Todesgewühl erblickt ich plötzlich das beinahe bleiche Gesicht des Unbekannten wieder mir feindlich gegenüber . - Wütend , daß das Gespenst mich überall verfolgte , stürzte ich auf ihn ein . Er focht so gut , wie ich . Endlich sah ich sein Pferd stürzen , während ich selbst , leicht verwundet , vor Ermattung bewußtlos hinsank . Als ich wieder erwachte , war alles ringsum finster und totenstill über der weiten Ebene , die mit Leichen bedeckt war . Mehrere Dörfer brannten in der Runde , und nur einzelne Figuren , wie am Jüngsten Gericht , erhoben sich hin und her und wandelten dunkel durch die Stille . Ein unbeschreibliches Grausen überfiel mich vor dem wahnwitzigen Jammerspiel , ich raffte mich schnell auf und lief , bis es Tag wurde . In einem Städtchen las ich in der Zeitung die Bekanntmachung meines Vormunds , daß ich in dem Treffen geblieben sei , auch hörte ich , daß der Marchese mit seiner Tochter unser Schloß wieder verlassen habe . Ich war zu stolz und aufgeregt , um nach Hause zurückzukehren . Indes erwachte das Bild der kleinen Angelina von neuem in meinem Herzen . Ich bildete mir die liebliche Erinnerung mit allen Kräften meiner Seele aus , und so malte ich damals jenes Engelsköpfchen , das du hier zu meinem Erstaunen mitgebracht hast . Es ist Angelinens Portrait . Mein unruhiges und doch immer in sich selbst verschlossenes Gemüt bekam nun auf einmal die erste entschiedene Richtung nach außen . Ich warf mich mit einem unerhörten Fleiße auf die Malerei und streifte mit dem Gelde , das ich mir dadurch erwarb , in Italien herum . Ich glaubte damals , die Kunst werde mein Gemüt ganz befriedigen und ausfüllen . Aber es war nicht so . Es blieb immer ein dunkler , harter Fleck in mir , der keine Farben annahm und doch mein eigentlicher , innerster Kern war . Ich glaube , wenn ich in meiner Angst einen neuen Münster hätte aus mir herausbauen können , mir wäre wohler geworden , so felsengroß lag immer meine Entzückung auf mir . Meine Skizzen waren immer besser als die Gemälde , weil ihre Ausführung meistens unmöglich war . Gar oft in guten Stunden ist mir wohl eine solche Glorie von nie gesehenen Farben und unbeschreiblich himmlischer Schönheit vorgekommen , daß ich mich kaum zu fassen wußte . Aber dann war ' s auch wieder aus , und ich konnte sie niemals ausdrücken . - So schmückt sich wohl jede tüchtige Seele einmal ihren Kerker mit Künsten aus , ohne deswegen zum Künstler berufen zu sein . Und überhaupt ist es am Ende doch nur Putz und eitel Spielerei . Oder würdet ihr den nicht für töricht halten , der sich im Wirtshause , wo er übernachtet , eifrig auszieren wollte ? Und wir machen so viel Umstände mit dem Leben und wissen nicht , ob wir noch eine Stunde bleiben ! An einem schönen Sommerabende fuhr ich einmal in Venedig auf dem Golf spazieren . Der Halbkreis von Palästen mit ihren still erleuchteten Fenstern gewährte einen prächtigen Anblick . Unzählige Gondeln glitten aneinander vorüber über das ruhige Wasser , Gitarren und tausend weiche Gesänge zogen durch die laue Nacht . Ich ruderte voll Gedanken fort und immer fort , bis nach und nach die Lieder verhallten und alles um mich her still und einsam geworden war . Ich dachte an die ferne Heimat und sang ein altes , deutsches Lied , eines von denen , die ich noch als Knabe Angelina gelehrt hatte . Wie sehr erstaunte ich , als mir da auf einmal eine wunderschöne weibliche Stimme von dem Altan eines Hauses mit der nächstfolgenden Strophe desselben Liedes antwortete . Ich sprang sogleich ans Ufer und eilte auf das Haus zu , von dem der Gesang herkam . Eine weiße Mädchengestalt neigte sich zwischen den Orangenbäumen und Blumen über den Balkon herab und sagte flüsternd : Rudolf ! Ich erkannte bei dem hellen Mondenscheine sogleich Angelina . Sie schien noch mehr sprechen zu wollen , aber die Tür auf dem Balkon öffnete sich von innen , und sie war verschwunden . Verwundert und entzückt in allen meinen Sinnen , setzt ich mich an einen steinernen Springbrunnen , der auf dem weiten , stillen Platze vor dem Hause stand . Ich mochte ohngefähr eine Stunde dort gesessen haben , als ich die Glastür oben leise wieder öffnen hörte . Angelina trat , sich furchtsam auf dem Platze umsehend , noch einmal auf den Balkon heraus . Ihre schönen Locken fielen auf den schneeweißen , nur halbverhüllten Busen herab , sie war barfuß und im leichtesten Nachtkleide . Sie erschrak , als sie mich wirklich noch unten erblickte . Sie legte den Finger auf den Mund , während sie mit der andern Hand auf die Tür deutete , lehnte sich stillschweigend über das Geländer und sah mich so lange Zeit unbeschreiblich lieblich an . Darauf zog sie ein Papierchen hervor , warf es mir hinab lispelte kaum hörbar : Gute Nacht ! und ging zaudernd wieder hinein . - Auf dem Zettel stand mit Bleistift der Name einer Kirche aufgeschrieben . Ich begab mich am Morgen zu der benannten Kirche und sah das Mädchen wirklich zur bestimmten Stunde mit einer ältlichen Frau , die ihre Vertraute schien , schon von weitem die Straße heraufkommen . Ich erschrak fast vor Freuden , so überaus schön war sie geworden . Als sie mich ebenfalls erblickte , wurde sie rot vor Scham über die vergangene Nacht und schlug den Schleier fest über das Gesicht . Auf dem Wege und in der Kirche erzählte sie mir nun ungestört , daß sie schon lange wieder in Italien zurück seien , daß ihr Vater , da ihre Mutter bei ihrer Geburt in Todesnot war , das feierliche Gelübde getan , sie , Angelina , als Klosterjungfrau dem Himmel zu weihn , und daß der dazu bestimmte Tag nicht mehr fern sei . - Das verliebte Mädchen sagte dies mit Tränen in den Augen . Wir kamen darauf noch oft , bald in der Kirche , bald in der Nacht am Balkon zusammen ; der Tag , wo Angelina aus dem väterlichen Hause fort ins Kloster sollte , rückte immer näher heran , und wir verabredeten endlich , miteinander zu entfliehn . In der Nacht , die wir zur Flucht bestimmt hatten , trat sie , mit dem Notwendigsten versehen und reich geschmückt wie eine Braut , hervor . Die heftige Bewegung , in der ihr Gemüt war , machte ihr Gesicht wunderschön , und ich sehe sie in diesem Zustande , in diesem Kleide , noch wie heute vor mir stehn . Sie war noch in ihrem Leben nicht um diese Zeit allein auf der Gasse gewesen , sie wurde daher noch im letzten Augenblick von neuem schüchtern und halb unschlüssig ; sie weinte und fiel mir um den Hals . Ich faßte sie endlich um den Leib und trug sie in den Kahn , den ich im Golf bereithielt . Ich stieß schnell vom Ufer ab , das Segel schwoll im lauen Winde , der Halbkreis der erleuchteten Fenster versank allmählich hinter uns , und wir befanden uns allein auf der stillen , unermeßlichen Fläche . Die Liebe hatte sie nun ganz in meine Gewalt gegeben . Sie wurde nun ruhig . Innerlichst fröhlich , aber still saß sie fest an mich gedrückt und sah mit den weit offenen , sinnigen Augen unverwandt ins Meer hinaus . Ich bemerkte , daß sie oft heimlich zusammenschauerte , bis sie endlich ermüdet einschlummerte . Da rauschte plötzlich ein Kahn mit mehreren Leuten und Fackelschein vorüber nach Venedig zu . Der eine von ihnen schwang eben seine Fackel und ich erblickte bei dem flüchtigen Scheine den unbekannten , wunderbar mit mir verknüpften Fremden wieder , der mitten im Kahne aufrecht stand . Ich fuhr unwillkürlich bei dem Anblick zusammen , und höchst seltsam , obschon die ganze Erscheinung ohne das mindeste Geräusch vorübergeglitten war , so wachte doch Angelina in demselben Augenblicke von selber auf und sagte mir erschrocken , es habe ihr etwas Fürchterliches geträumt , sie wisse sich nun aber nicht mehr darauf zu besinnen . Ich beruhigte sie und sagte ihr nichts von dem Begegnis , worauf sie denn bald von neuem einschlief . Ein lauter Freudenschrei entfuhr ihrer Brust , als sie nach einigen Stunden die hellen Augen aufschlug , denn die Sonne ging eben prächtig über der Küste von Italien auf , die in duftigem Wunderglanze vor uns dalag . Es war der erste überschwengliche Blick des jungen Gemütes in das freie , lüstern lockende , reiche , noch ungewisse Leben . Wir stiegen nun ans Land und setzten unsre Reise zu Pferde nach Rom fort . Dieses Ziehen in den blauen , lieblichen Tagen über grüne Berge , Täler und Flüsse , rollt sich noch jetzt blendend vor meiner Erinnerung auf , wie ein mit prächtig glänzenden , wunderbaren Blumen gestickter Teppich , auf dem ich mich selbst als lustige Figur mit bunt geflickter Narrenjacke erblicke . In Rom nisteten wir uns in einem entlegenen Quartiere der Stadt ein , wo uns niemand bemerkte . Wir führten einen wunderlichen , ziemlich unordentlichen Haushalt miteinander , denn Angelina gewöhnte sich sehr bald auch an das freie , sorglose Künstlerwesen . Sie hatte , gleich als wir ans Land stiegen , Mannskleider anlegen müssen , um nicht erkannt zu werden , und ich gab sie so für meinen Vetter aus . Die Tracht , in der sie mich nun auch frei auf allen Spaziergängen begleitete , stand ihr sehr niedlich ; sie sah oft aus wie Correggios Bogenschütz . Sie mußte mir oft zum Modell sitzen , und sie tat es gern , denn sie wußte wohl , wie schön sie war . Damals wurden meine Gemälde weniger hart , angenehmer und sinnreicher in der Ausführung . Indes entging es mir nicht , daß Angelina anfing mit der Mädchentracht nach und nach auch ihr voriges mädchenhaftes , bei aller Liebe verschämtes Wesen abzulegen , sie wurde in Worten und Gebärden kecker , und ihre sonst so schüchternen Augen schweiften lüstern rechts und links . Ja , es geschah wohl manchmal , wenn ich sie unter lustige Gesellen mitnahm , mit denen wir in einem Garten oft die Nacht durchschwärmten , daß sie sich berauschte , wo sie dann mit den furchtsam dreisten Mienen und glänzend schmachtenden Augen ein ungemein reizendes Spiel der Sinnlichkeit gab . Weiber ertragen solche kühnere Lebensweise nicht . - Ein Jahr hatten wir so zusammengelebt , als mir Angelina eine Tochter gebar . Ich hatte sie einige Zeit vorher auf einem Landhause bei Rom vor aller Welt Augen verborgen , und auf ihr eigenes Verlangen , welches meiner Eifersucht auffiel , blieb sie nun auch noch lange nach ihrer Niederkunft mit dem Kinde dort . - Eines Morgens , als ich eben von Rom hinkomme , finde ich alles leer . - Das alte Weib , welches das Haus hütete , erzählt mir zitternd : Angelina habe sich gestern abend sehr zierlich als Jäger angezogen , sie habe darauf , da der Abend sehr warm war , lange Zeit bei ihr vor der Tür auf der Bank gesessen und angefangen so betrübt und melancholisch zu sprechen , daß es ihr durch die Seele ging , wobei sie öfters ausrief : Wär ich doch lieber ins Kloster gegangen ! Dann sagte sie wieder lustig : Bin ich nicht ein schöner Jäger ? Darauf sei sie hinaufgegangen , habe , während schon alles schlief , noch immerfort Licht gebrannt und am offenen Fenster allerlei zur Laute gesungen . Besonders habe sie folgendes Liedchen zum öftern wiederholt , welches auch mir gar wohlbekannt war , da es Angelina von mir gelernt hatte : » Ich hab gesehn ein Hirschlein schlank Im Waldesgrunde stehn , Nun ist mir draußen weh und bang , Muß ewig nach ihm gehn . Frischauf , ihr Waldgesellen mein ! Ins Horn , ins Horn frischauf ! Das lockt so hell , das lockt so fein , Aurora tut sich auf ! Das Hirschlein führt den Jägersmann In grüner Waldesnacht Talunter , schwindelnd und bergan , Zu nie gesehner Pracht . Wie rauscht schon abendlich der Wald , Die Brust mir schaurig schwellt ! Die Freunde fern , der Wind so kalt , So tief und weit die Welt ! Es lockt so tief , es lockt so fein Durchs dunkelgrüne Haus , Der Jäger irrt und irrt allein , Findt nimmermehr heraus . « - Gegen Mitternacht ohngefähr , fuhr die Alte fort , hörte ich ein leises Händeklatschen vor dem Hause . Ich öffnete leise die Lade meines Guckfensters und sah einen großen Mann , bewaffnet und in einen langen Mantel vermummt , unter Angelinas Fenster stehn , seitwärts im Gebüsch hielt ein Wagen mit Bedienten und vier Pferden . In demselben Augenblicke kam auch Angelina , ihr Kind auf dem Arme , unten zum Hause heraus . Der fremde Herr küßte sie und hob sie geschwind in den Wagen , der pfeilschnell davonrollte . Eh ich mich besann , herauslief und schrie , war alles in der dicken Finsternis verschwunden . Auf diesen verzweifelten Bericht der Alten stürzte ich in das Zimmer hinauf . Alles lag noch wie sonst umher , sie hatte nichts mitgenommen , als ihr Kind . Ein Bild , das nach ihr kopiert war , stand noch ruhig auf der Staffelei , wie ich es verlassen . Auf dem Tische daneben lag ein ungeheurer Haufen von Goldstücken . Wütend und außer mir , warf ich alle das Gold , das Bild und alle andere Bilder und Zeichnungen hinterdrein zum Fenster hinaus . Die Alte tanzte unten mit widrig vor Staunen und Gier verzerrten Gebärden wie eine Hexe zwischen dem Goldregen herum , und ich glaubte da auf einmal in ihren Zügen dieselbe Zigeunerin zu erkennen , die mir damals an dem Gartengitter prophezeit hatte . - Ich eilte zu ihr hinab , aber sie hatte sich bereits mit dem Golde verloren . - Ich lud nun meine Pistolen warf mich auf mein Pferd und jagte der Spur des Wagens nach , die noch deutlich zu kennen war . Ich war vollkommen entschlossen , Angelina und ihren Entführer totzuschießen . - So erbärmliches Zeug ist die Liebe , diese liederliche Anspannung der Seele ! - So durchstreifte ich fast ganz Italien nach allen Richtungen , ich fand sie nimmermehr . Als ich endlich , erschöpft von den vielen Zügen , auf den letzten Gipfeln der Schweiz ankam , schauderte mir , als ich da auf einmal aus dem italienischen Glanze nach Deutschland hinabsah , wie das so ganz anders , still und ernsthaft mit seinen dunklen Wäldern , Bergen und dem königlichen Rheine dalag . - Ich hatte keine Sehnsucht mehr nach der Ferne und versank in eine öde Einsamkeit . Mit meiner Kunst war es aus . - Dagegen lockte mich nun bald die Philosophie unwiderstehlich in ihre wunderbaren Tiefen . Die Welt lag wie ein großes Rätsel vor mir , die vollen Ströme des Lebens rauschten geheimnisvoll , aber vernehmlich , an mir vorüber , mich dürstete unendlich nach ihren heiligen , unbekannten Quellen . Der kühnere Hang zum Tiefsinn war eigentlich mein angebornes Naturell . Schon als Kind hatte ich oft meinen Hofmeister durch seltsame , ungewöhnliche Fragen in Verwirrung gebracht , und selbst meine ganze Malerei war im Grunde nur ein falsches Streben , das Unaussprechliche auszusprechen , das Undarstellbare darzustellen . Besonders verspürte ich schon damals dieses Gelüst vor manchen Bildern des großen Albrecht Dürer und Michelangelo . Ich studierte nun mit eisernem , unausgesetztem Fleiß alle Philosopheme , was die Alten ahneten und die Neuen grübelten oder phantasierten . Aber alle Systeme führten mich entweder von Gott ab , oder zu einem falschen Gott . Alles aufgebend und verzweifelt , daß ich auf keine Weise die Schranken durchbrechen und aus mir selber herauskommen konnte , stürzt ich mich nun wütend , mit wenigen lichten Augenblicken schrecklicher Reue , in den flimmernden Abgrund aller sinnlichen Ausschweifungen und Greuel , als wollt ich mein eigenes Bild aus meinem Andenken verwischen . Dabei wurde ich niemals fröhlich , denn mitten im Genuß mußte ich die Menschen verhöhnen , die , als wären sie meinesgleichen , halb schlecht und halb furchtsam , nach der Weltlust haschten und dabei wirklich und in allem Ernst zufrieden und glücklich waren . Niemals ist mir das Hantieren und Treiben der Welt so erbärmlich vorgekommen , als damals , da ich mich selber darin untertauchte . Eines Abends sitz ich am Pharotisch , ohne aufzublicken und mich um die Gesellschaft zu bekümmern . Ich spielte diesen Abend wider alle sonstige Gewohnheit immerfort unglücklich , und wagte immer toller , je mehr ich verlor . Zuletzt setzte ich mein noch übriges Vermögen auf die Karte . - Verloren ! hört ich den Bankhalter am andern Ende der Tafel rufen . Ich springe auf und erblicke den geheimnisvollen Unbekannten , den ich fast schon vergessen hatte . Er wurde sichtbar bleich , als er mich erkannte . Ich weiß nicht , mit welcher Medusengewalt gerade in diesem Augenblicke sein Bild auf meine Seele wirkte . In der Verblendung dieses Anblicks warf ich alle Karten nach dem Orte , wo die Erscheinung gestanden , aber er war schon fort und schnell aus der Stube verschwunden . Alle sahen mich erstaunt an , einige murrten , ich stürzte zur Tür hinaus auf die Straße . Ich ging eilig durch die Gassen und blickte rechts und links in die erleuchteten Fenster hinein , wie da einige soeben ruhig und vollauf zu Abend schmausten , dort andere ein L ' hombrechen spielten , anderswo wieder lustige Paare sich drehten und jubelten , und allen so philisterhaft wohl war . Mich hungerte gewaltig . Betteln mocht ich nicht . Schmaust , jubelt und dreht euch nur , ihr Narren ! rief ich , und ging mit starken Schritten aus dem Tore aufs Feld hinaus . Es war eine stockfinstere Nacht , der Wind jagte mir den Regen ins Gesicht . Als ich eben an den Saum eines Waldes kam , erblickte ich plötzlich hart vor mir zwei lange Männer , heimlich lauernd an eine Eiche gelehnt , die ich sogleich für Schnapphähne erkannte . Ich ging im Augenblick auf sie los , und packte den einen bei der Brust . Gebt mir was zu essen , ihr elenden Kerle ! schrie ich sie an , und mußte auch gleich darauf laut auflachen , was sie über diese unerwartete Wendung der Sache für Gesichter schnitten . Doch schien ihnen das zu gefallen , sie betrachteten mich als einen würdigen Kumpan , und führten mich freundschaftlich tiefer in den Wald hinein . Wir kamen bald auf einen freien , einsamen Platz , wo bärtige Männer , Weiber und Kinder um ein Feldfeuer herumlagen , und ich bemerkte nun wohl , daß ich unter einen Zigeunerhaufen geraten war . Da wurde geschlachtet , geschunden , gekocht und geschmort , alle sprachen und sangen ihr Kauderwelsch verworren durcheinander , dabei regnete und stürmte es immerfort ; es war eine wahre Walpurgisnacht . Mir war recht kannibalisch wohl . Übrigens war es , außer daß sie alle ausgemachte Spitzbuben waren , eine recht gute , unterhaltende Gesellschaft . Sie gaben mir zu essen , Branntwein zu trinken , tanzten , musizierten und kümmerten sich um die ganze Welt nicht . Mitten in dem Haufen bemerkte ich bald darauf ein altes Weib , die ich bei dem Widerscheine der Flamme nicht ohne Schreck für dieselbe Zigeunerin wiedererkannte , die mir als Kind geweissagt hatte . Ich ging zu ihr hin , sie kannte mich nicht mehr . - Von unserm letzten Zusammentreffen bei Rom wußte oder mochte sie nichts wissen . - Ich reichte ihr noch einmal die Hand hin . Sie betrachtete alle Linien sehr genau , dann sah sie mir scharf in die Augen und sagte , während sie mit seltsamen Gebärden nach allen Weltgegenden in die Luft focht : Es ist hoch an der Zeit , der Feind ist nicht mehr weit , hüte dich , hüte dich ! Darauf verlor sie sich augenblicklich unter dem Haufen , und ich sah sie nicht mehr wieder . Mir wurde dabei nicht wohl zumute und die abenteuerlichen Worte gingen mir wunderlich im Kopfe herum . Indes brachten mich die andern Gesellen wieder auf andere Gedanken . Denn sie drängten sich immer vertraulicher um mich , und erzählten mir ihre verübten Schwänke und Schalkstaten , worunter eine besonders meine Aufmerksamkeit auf sich zog . Ein junger Bursch erzählte mir nämlich , wie seine Großmutter vor vielen Jahren einmal einer reisenden , welschen Dame , die mit einem Herrn im Wirtshause übernachtete , ihr kleines Kind gestohlen habe , weil es so wunderschön aussah . Er beschrieb mir dabei alle Nebenumstände so genau , daß ich fast nicht zweifeln konnte , die reisende , welsche Dame sei niemand anders , als Angelina selbst gewesen . - Ich sprang auf und drang in ihn , mir die Geraubte sogleich zu zeigen . Bestürzt über meinen unerklärlichen Ungestüm , antwortete er mir : Das geraubte Fräulein wuchs teils unter uns , teils unter unsern Brüdern in einer Waldmühle auf , wo sie vor einigen Tagen plötzlich mit Mann und Maus verschwunden ist , ohne daß wir wissen , wohin ? « - » So war also Erwine deine Tochter ! « fiel hier Friedrich seinem Bruder erstaunt ins Wort . - » Seit ich dieses kleine Bild hier gesehen « , sagte dieser , » und ihre weitere Geschichte und Namen von euch gehört habe , ist es mir gewiß . Ich habe sie später , nachdem ich schon von der Welt geschieden war , manchmal von der Mauer gesehn und gesprochen , wenn ich des Nachts an Leontins Schlosse vorbeistreifte . Aber mir war der Knabe , für den ich sie hielt , wie ihr , nur reizend als eine besondere neue Art von Narren , als von welcher mir noch keiner vorgekommen war . Denn auch ich konnte und mochte niemals etwas von ihrem früheren Leben aus ihr herauskriegen . Das gute Kind fürchtete wahrscheinlich noch immer Strafe für die unwillkürliche , schändliche Verbindung , in der sie ihre Kindheit zugebracht . - Doch , hört nun meine Geschichte völlig aus , denn das viele Plaudern ist mir schon zuwider : Noch vor Tagesanbruch also , als wir so lagen und erzählten , kam ein junger Kerl von der Bande , der auf Kundschaft ausgeschickt worden war , mit fröhlicher Botschaft zurück , die sogleich den ganzen Haufen in Alarm brachte . Der reiche Graf , sagte er nämlich aus , wird heute abend auf dem Schlosse seinen Geburtstag feiern , da gibt ' s was zu schmausen und zu verdienen ! Es wurde sogleich beschlossen , dem Feste , auf was immer für eine Art , ungeladen beizuwohnen . Das