an , so sprich doch aus , Was hat dich so betrübet , Es stehet noch alles wie gestern im Haus ; Wie hast du mich gestern geliebet ! ICH : Verliebet und fröhlich schlief ich hier ein , Und traurig bin ich erwachet , Die Liebe scheinet mir nun ein Schein , Sie hat mich im Traume verlachet ; Im Traume da sahest du mich recht an Mit allen Liebesgewalten , Ich stürzte nieder , ich freute mich dran , Doch du schienst dich zu halten . Du gabst mir die Hand und sahst mich an , Dann mußtest du dich drehen , Du sagtest : » Da steht der Jedermann , Den muß ich auch noch sehen . « Den Jedermann sahst du so freundlich an , Wie du mir nie erschienen , O fände ich nur den glücklichen Mann , Ich legte ihn nieder im Grünen . Wollt Gott , daß früh ich gestorben wär In meinen jungen Jahren , So hätt ich an Liebe , so hätt ich an Ehr , Nie solchen Schmerz erfahren . Hier mußte er vor Schmerz abbrechen ; was sie ihm geantwortet hatte , war ihm zu unerhört ; er ritt aus und malte sich tausend Arten ihrer Untreue vor . Als er nach Hause kam , fand er einen Brief des alten Bedienten , der ungeachtet seiner Schwäche sich die Oberaufsicht im Hause und das Berichten an den Herrn nicht nehmen ließ . Nach mehreren Nachrichten , ermahnte ihn der alte Mann aus einem gewissen innern Antriebe , es sei nicht recht , daß er seine Frau so lange habe allein gelassen ; er kenne ihre Art von Kindheit , sie wolle immer geführt sein und weil sie das fühle , tue sie stolz und herrisch , wer wisse , was daraus entstehen könne . Diese Worte , so wie die Warnung des Marchese auf dem Wege , die ihm erst jetzt auffiel , schienen dem Grafen in seiner Stimmung ganz überzeugend , daß ein Unrecht geschehen sei ; er aber wagte es nicht zu wissen . Jetzt erinnerte er sich auch , daß ihm im Traume ein gewaltiger wilder Mann erschienen , der jene Waffen und Armringe getragen , die er in dem Denkmale des Riesensteines gefunden und aufgestellt hatte ; der habe ihm mit dem Schwerte gewinkt , in alle Welt zu gehen . Sein Entschluß war bald gefaßt ; an seiner Liebe verzweifelnd wollte er nichts , als weit von dem Orte fort . Er ordnete flüchtig das Notwendigste im Hause , sagte niemand , wohin er reise , und fuhr ohne Bedienten in einem leichten Wagen mit Postpferden nach der nächsten Station . Auf dem Wege nahm er manchmal in seinen Gedanken zärtlichen Abschied von ihr ; es war ihm , als ob eine fremde Gewalt sie von einander risse , und wie an einer Wetterscheide , sein Schiff nach Westen und das ihre nach Osten getrieben würde . Wir hassen alle schauderhaften Bilder , die das Gemüt trostlos verwirren ; wir halten es gefährlich sogar , den Menschen unnötig mit zerrissenem Herzen auszustellen , um die Mitmenschen zu rühren , oder ihn neugierig zu beobachten ; wir unterdrücken gern das meiste , was uns aus jener Zeit von ihm übrig geblieben ; nur einige Stationen seiner Reise heben wir aus , um seinen Ideengang zur Verbindung der Geschichte uns zu versinnlichen ; sie rühren uns bei aller Nachlässigkeit ungemein , denn es ist Sprache eines tiefgekränkten Herzens . 1. Über Stock , über Stein , drein , drein , ohne Bewußtsein ; knackt ' s , bricht ' s , wirft ' s um , ich sitze stumm ; meiner Blicke einzige Sprache ist ewiges Wachen , ein nordischer Tag ohne Nacht in hallender rastloser Jagd . Der Schweißfuchs trabt , der Braune hinkt , das Sattelpferd springt - ein Heimchen noch singt : Halt still , wie mir ' s das Herz erlabt . Der Schwager sagt : » Wir sind gleich da , wir sind gleich da ! « - Das Posthorn klagt : » Die Hände riß ich auseinander , die Herzen zerreiß ich elende , und wandre hin und zurück ; dies ist Geschick . « Berge , ihr hemmenden , neblig beklemmenden , Berge , ihr trennenden , abendlich brennenden , seid mir nun nah , und wir sind nah , und wir sind da . 2. Die müden Pferde ausgespannt werden , matt und dürr zum Einbrechen bleiben sie stehen ; lassen die Fliegen stechen , in den Brunnen sie sehen . Verlassen stehet der Wagen , es wehet ! Und von den spielenden Lüften bleibt kühlender Schauer der Trauer des harrenden starrenden greisenden Reisenden . Und sinken die Winde , so ruhet geschwinde alles umher , öde und schwer , wenig Bewegliches , lauter Alltägliches , alles ist gleich ; hier ein paar Blasen im Teich heften den Blick an ihr Geschick ; Luftbälle der Unterwelt an der Sonne zerschellt , dort trockener Blätter Geflügel , hier schmilzt der Schnee vom Hügel , und rieselt zu nähren die Zähren . Brand ! Brand ! Ich trink ihn aus meiner Hand . Er fließet zum Munde , da schreiet die Wunde des Herzens zum Himmel - sie schließet sich nimmer ! - Das Herz , das bewegliche , urleidend klägliche , nimmermehr rastende , ewig nun fastende still sich verzehrende , nimmer sich leerende , läßt sich der heiligen Stille enthüllen . 3. Wie bin ich zur Küste des Meeres gekommen allhier , oder kam das Meer zu mir ? - Ich seh mich im Spiegel des Meeres an , ein jeder über sich selbst wohl lachen kann ; ich meinte , das Glück mir lächle zurück . Wie Stoßvögel drüber die Sorgen viel trüber , sie dringen hernieder und weichen nicht wieder . Die Narben und Falten sich zeigen und halten , selbst von den Toten nicht scheiden ; doch spurlos sind Freuden , ein gleitender Strahl hin übers zerrissene Felsental . 4. Licht , von Orient wiederkehrend , ach wie bist du so betörend , es verlöscht dein erster Strahl einen Augenblick die Qual ; Blut , so röter kehrst du wieder , und je feuriger , je trüber . O du heller Orient , den keiner so kennt wie ich , hast du schon vergessen mich ? Wer sitzt an meiner Stelle auf der Schwelle , erwartend das Frühgetön , das scharfe Wehn umflattert von Fledermäusen , umkrochen von Ameisen und doch schien mir ' s schön , wie dies Land von den Höhen . - Wer lang genug darinnen haust , der weiß , wo es graust . 5. Warum muß ich fliehen , woher sie alle ziehen , die strahlenden , die malenden , die luftig zerstreuten , im Leuchten erfreuten Blicke der Liebe ! - Des Unbedeutenden Macht hat keiner gedacht und des Bedeutenden Blick ist voller Tück . Was riß mich fort ? Was hielt mich dort ? Mich hielt ein Blick , sie hat ihn abgewendet vom Glück . Nun reißen vier Stricke am Wagen gespannet , mich weg von dem Glücke , ich hab mich ermannet . Den Wagen sie ziehen , die Steine erglühen , wär einer gerissen , ich hätte halten müssen . Warum reißet mein Schmerz doch nie und schreiet nur immer : » Flieh ! « Mit wem red ich , wer kennt mich , wer sind wir ? - Ich und die Luft hier . Der Lüfte lieb Wort , der Vogel zieht fort , wer war der erste im Flug , ihn treffe mein Fluch . Die Luft zieht ihm nach , und ich seufze mein einsam Ach ! Niemand hört mich , Keiner stört mich , und die sind mir jetzt Gesellschaft , meine ganze irdische Freundschaft . Sie liebt einen andern und ich muß wandern . » Herr , da liegt eine Leiche am Weg . « Schwager , fahr stille weg , er mußte auch wandern mit den andern , auch du geliebter Feind mußt wandern mit den andern , wenn gleich dein Leib geheiligt ist , seit sie dich hat geküßt . 6. Der hat das Ende der Welt erreicht , der von der Liebsten weicht ! Dem ihre Stimme fehlet in Freud und Grimme . O Erde nenne sie mir ! Du schweigest vor dir , bist frostig verschlossen und ich bin verdrossen . Ach meine Lieb war mehr als ich , denn sie bezwang mich . Ach meine Liebe ist nun für immer aus , sie fand kein Haus ! Wie ein verspätet Kind ausgeschlossen in Regen und Wind ; der Regen läuft ihm übers Angesicht , es stehet vor dem Hause dicht , es möchte noch klopfen an und es nicht wagen kann . Wenn vieles ich nicht sagen will , so sag ich nichts und schweige still . - Ich bin kein Kind , mir übers Gesicht wehte scharf der Wind , daß mir der Bart aufging ; die Jugend verging , ich hab sie nicht genossen , die süßen Gedanken sind alle zu nichts zerflossen . 7. Ich wandle weiter voraus vor des Wagens dunkles Haus ; ich seh ihn nicht , ich hör ihn klirren mit den Geschirren , und wie das Schicksal folgt er mir nach . Hier steh ich am Bach , im kleinen Haus gehet die Mühle mit Braus . Der Bach verrinnt , der Stein zerreibt , und keiner gewinnt und keiner bleibt . Ich schwanke zwischen Bäumen , da will mir träumen , als führ ich in dem schwarzen Meer in dunkler Nacht daher ; im schwarzen Meer die Masten , sie ziehen ohne Rasten , kein Schiffer will mehr grüßen , die tiefe Still wird büßen , den Leuchtturm versenkt schon der Sturm . Die Segel herunter , es gehet bald bunter . Ich bin auch einer der Euern , ihr müßt nicht feiern . Die Segel hernieder , ihr Brüder . Nun tragt mich ihr Füße durch Regengüsse . Die bestimmten erklimmten Wolken am Waldhang sich senken , es tropft mir das Haar so klar . Wer kann nachdenken ! - Wir machen im Dunkel große Augen und keiner kann sie brauchen . Ihr Wirbel im Meere , ihr füllet die Leere ; ihr Augen , Leuchttürme , Eingänge der andern Welt , neulebend möchte hinaus der Held ; ihr seligen Erinnerungen , ich leb in euch und bin von euch durchdrungen ; ihr lieben Augen der Geliebten , wie kann das taugen dem Betrübten , ihr habt mir Meer und Sturm und Himmel verschlungen und durchdrungen . 8. Müde sink ich in die Kniee , soll ich beten , weil ich glühe , viele Tropfen fallen kühl , keine Tränen , kein Gefühl ! Dieser Schritt ist nun der letzte und ich sink , der Selbstgehetzte , der sich selber hat gejaget , selbst zerrissen , nicht geklaget , und die keusche Jagdgöttin sinkt in Strahlen auf mich hin . 9. Meine Mütze voll von Trauben , Nüsse , die am Boden rollen , Pfirsichen rötlich , weich in Wolle , frischen meinen schwachen Glauben und ich denk an andre Zonen , wo die dunklen Menschen wohnen , wo ein Goldlack Mädchenblicke , schwarze Locken ohne Tücke . Stille wird ' s in meinem Herzen und im Hirne wird es wach , Liebe , süße Liebesschmerzen , lasset ihr doch endlich nach . Und die Fluten , die zerstörten , lassen mich , den Tiefbetörten hier im Grünen einsam stehn . Ach wie ist mir doch geschehn . Ach wo war ich doch so lange ; kühlend wehet ein Vergessen und mir wird nun endlich bange , daß ich gar nichts hab besessen . Hab ich einstmals doch gesessen meinem Glücke in dem Schoß und hier sitz ich nackt und bloß . Neun Monat lag ich im Mutterschoß und hab ihn mit Weinen verlassen , so ließ mich die Liebe nackt und bloß am Berge in Nebelmassen ; die Schwalben streifen nur daran , wie um das Grab des Geliebten ; sie hören mich singen und wissen nicht wo , und kreuzen durch die Lüfte und verlieren sich im Klaren . 10. Mögen alle Gläser springen , alle Lippen davor erblassen , ja ich will die Wahrheit singen , muß ich auch die Wahrheit hassen . Warum die Schönheit so flüchtig ist , das will ich euch verkünden , sie ist ein Gift , das um sich frißt , die Augen davon erblinden . Warum die Liebe so töricht ist , das will ich euch verkünden , weil sie mit aller ihrer List , sich selbst nicht kann ergründen ; o wohl uns , daß so viel Schönheit tot , daß wir sie nicht brauchen zu lieben , o weh uns , daß in der Tränennot mehr Glück als in der Überlegung . Könnt ich von meinen Augen noch eine Träne erpressen , könnt ich von ihrem Hauche die Seligkeit vergessen ! In diesem abwechselnden Kampfe der Liebe mit der Verzweifelung an der Liebe scheint er nach den letzteren Bruchstücken einige fröhlichere Gegenden südlicher durchstrichen , vielleicht auch im unvermeidlichen Umgange mit einigen Menschen neue Überlegung gewonnen zu haben . Gewiß ist es , er erhielt es endlich über sich , mit Klugheit Überzeugung zu suchen ; erst jetzt gestand er sich , daß er eigentlich doch nur Verdacht , nicht Gewißheit habe , daß Dolores in irgend einer neuen Neigung von dem Marchese und dem Bedienten belauscht worden sei , und nicht ohne Widerwillen wendete er sich rückwärts . Neuntes Kapitel Der wunderbare Doktor , das unsichtbare Mädchen und der Flötenspieler . Lenardo und Divina So zweifelnd in sich , obgleich entschlossen zurückzureisen , kam er an dem Abende eines heißen Tages nach H ... Kaum war er ausgestiegen im Wirtshause , so fragte ihn schon ein geschäftiger Lohnbedienter , ob er nicht den berühmten Doktor zu besuchen käme . Erst jetzt erinnerte sich der Graf , daß er unbemerkt in die Atmosphäre eines Wundermannes geraten , der allen Menschen genug auf zu raten gegeben seit beinahe funfzig Jahren , ungeachtet dieses halbe Jahrhundert alle Rätsel und Wunder gänzlich verwirft . - Kann er mir auch nicht helfen , dachte er in sich , so bin ich doch dort ein Rätsel unter Rätseln ; er ließ sich nach seinem Hause führen . Er mußte durch viele Gassen gehen ; endlich traf er am Zusammenstoßen von dreien auf ein schiefwinklig gebautes Haus , worin jedes Fenster aus einer einzigen Scheibe bestand , die aber alle von innen durch Malerei undurchsichtig gemacht waren . Der Bediente klopfte an die Türe dreimal , ein Mann in schwarzen feinen Kleidern , in einer wunderlich festen weißen Perücke aus Glas gesponnen , mit breiter Stirn , mit tiefen grauen freundlichen Augen , alle Finger voll prächtiger Ringe , fragte nach dem Anliegen ; der Lohnbediente antwortete : » Untertäniger Diener , Herr Doktor , ein fremder vornehmer Herr wünschen Ihnen die Aufwartung zu machen . « Bei den Worten zog sich der Bediente mit einer tiefen Verbeugung zurück , der Doktor winkte dem Grafen sehr freundlich hineinzutreten ; nachdem dies geschehen , schloß er die Türe hinter ihm mit sieben Schlössern . Der Graf war in Verlegenheit , ihm recht eigentlich zu sagen , warum er gekommen ; er hatte es aber auch weiter nicht nötig ; der Doktor entschuldigte sich , daß er noch einen Augenblick zu einem Kranken gehen müsse , den er wegen eines dringenden Geschäfts , er sei Stadtausrufer , in acht Tagen von der Lungensucht kurieren müsse ; er möchte inzwischen wohl genug zu sehen haben an den Merkwürdigkeiten , die im Hause ständen , nachher wolle er ihm noch einiges in den verschlossenen Zimmern zeigen , das der Mühe wohl wert sei . Der Doktor wandte sich freundlich von ihm , ging zum Hause hinaus und verschloß die Haustüre hinter sich . Der Graf sah um sich in dem farbig erhellten Zimmer ; über ihm hingen an der Decke statt der Kronleuchter sehr kunstreiche Planetenuhren , in denen die Sonne mit einem wunderbaren Glanze leuchtete ; der ganze Spiegel steckte voll lobpreisender Gedichte und Briefe von Menschen , denen der Doktor geholfen , auf der Seite stand eine Uhr als Urne auf einem Grabmale , und die Stunden drehten sich schön gebildet als Mädchen daran umher . Die Uhr rückte zum Schlagen in sich , da trat ein Knochengerippe aus der Wand hervor und schlug mit seiner harten Hand die siebente Stunde an der klingenden Urne ; ein metallener Vogel , der auf der Urne zu schlafen schien , regte seine Flügel und sang ein Abendlied ; durch alle Zimmer zuckten Drähte , die von dieser Uhr ausgingen und eine Menge Geklingel , Rauschen und Singen in Bewegung setzten . Nun war es ganz still , aber das Knochengerippe war noch nicht verschwunden ; es rückte an einer Rechenmaschine , die neben ihm auf einem Tische stand ; die Räder schnarrten ängstlich in dem runden Kasten , endlich wurde es still und das Gerippe verschwand . Der Graf sah jetzt nach der Rechenmaschine und fand darauf die Zahl sechsundzwanzig : es war sein Alter , und er lachte über den Zufall ; doch wurde es ihm ängstlich in dem schwarzen Zimmer ; es war die Zeit des Zwielichtes , wo die Undeutlichkeit des Sehens sich leicht auch der innern Empfindung mitteilen kann . Er trat in das nächste Zimmer , da trat er sich selbst tief erschreckend entgegen ; doch er hatte zuviel gelitten , um durch so etwas seine Fassung zu verlieren ; er sah bald , daß ein elender Hohlspiegel die ganze Überraschung gemacht hatte . Er fand sich in dem Wohnzimmer des Doktors , voll wunderbaren , aber ganz elenden Gerätes ; Kaffee und Zucker stand da unter Töpfen voll brennender Farben , blauen und roten Karmins ; statt eines Bettes lag da eine Strohmatte mit einem Bündel wohlriechender Kräuter zum Kopfkissen . Er schritt weiter und kam in die Küche , da stand ein kleines Töpfchen mit einer Milchsuppe , das war übergekocht und halbverbrannt ; sonst war der Herd voll Retorten der abenteuerlichsten alten Gestaltung , in denen allerlei Dämpfe , wie Schatten von kleinen Menschen überdampften . Hier wurde ihm sehr öde und einsam , und was alle die künstlichen Maschinen nicht vermocht hatten : er schauderte und eine namenlose Angst ergriff ihn vor dem Leben eines ganz einsamen Menschen , der wie der letzte auf der Erde sich in seinen Träumen verliert und verwildert , an Hölle und Himmel zugleich anstößt und nicht hinein dringen kann . Er wollte ins Freie und trat in den Garten ; da saß an der Haustüre ein magerer nackter afrikanischer Hund auf seinen Hinterfüßen und wie er ihn niedersenkte , gleich setzte er sich wieder in die beschwerliche Stellung ; zwei ekelhafte Katzen schlichen unter kleinen alten , halbverdorrten halbbeschnittenen Bäumen umher , als gingen sie spazieren ; ließen sich auch durch die Ankunft des Grafen nicht irre machen , bis eine riesenhafte Kröte aus einer gemauerten Höhle kam ; da setzten sie sich stille um sie her und fingen an zu spinnen . Mit Abscheu sah der Graf dies widrige Abrichten ; unglaublich , wozu ein Mensch kommen kann , auch der gelehrteste , in wunderlich eigensinniger Abgeschiedenheit ; ihm war es , als sähe er sich schon so getrennt von allem Schönen , wenn er von seiner Dolores getrennt , dem Sonderbaren ganz hingegeben . Er trat aus dem schmalen Garten in ein großes Gartenhaus , das gegen den Sinn des übrigen Hauses , wo alles über und auf einander gehäuft und gelegt war , mit seinen reinen grüngemalten Wänden abstach ; in der Mitte hing über einem eisernen Gitter ein kleiner Glaskasten , aus welchem vier Trompeten von Silber ausliefen . Der Kasten hing an einem dünnen Drahte ; auf der einen Seite stand eine lebensgroße Figur , die eine Flöte in Händen trug , auf der andern Seite schwamm auf einem Quecksilberbecken eine metallene Ente . Noch peinigte ihn das Gefühl , ganz fremde und einsam in der Gewalt fühlloser Maschinen zu sein , die von dem Menschen geschaffen , leicht die Obergewalt über ihn bekommen könnten ; er sagte trotzig laut : » Spiel Flötenspieler , wenn du was kannst ! « - Der Flötenspieler setzte die Flöte sogleich an und spielte zwar etwas steif und unbequem , aber sehr künstliche Konzerte , wobei die Ente im Wasser fröhlich rauschte und von den Körnern , die an der Seite lagen , mit großer Begierde fraß . Der Graf schloß beide Augen mit seinen Händen und rief verwundert : » Wer hört hier , wer läßt sich hören , bin ich närrisch , oder ist alles nicht wahr ? « Eine zarte weibliche Stimme antwortete ihm : » Närrisch sind wir alle , ich kann dich hören , du kannst mich hören . « - Der Graf sah auf : » Wer bist du ? « - » Das unsichtbare Mädchen « , antwortete jetzt die Stimme aus der kleinen Trompete des Glaskastens . - GRAF : » Wie kommst du hierher , die Zeitungen erzählen ja , daß du in London eben viel Aufsehen machst . « - SIE : » Es gibt der unsichtbaren Mädchen viele , mich hält hier die Liebe fest . « - GRAF : » Liebe zu einem Unsichtbaren , oder kannst du sehen ? « - SIE : » Ich sehe mehr als ihr alle , und liebe mehr als ihr alle ; ich liebe den Flötenspieler . « - GRAF : » Liebt er dich wieder ? « - SIE : » Ach nein , er liebt mich nicht , seitdem ich verlangte , er solle mich ganz lieben ; doch was geht dich das an ? « - GRAF : » Liebes Kind , es geht mich sehr nahe an , denn ich wollte auch einmal in meinem Leben ganz geliebt sein . « - SIE : » Unglücklicher , und der Mond hat doch zwei Seiten und eine , die du nie sehen kannst . « - GRAF : » Warum hast du das nicht früher eingesehen ? « - SIE : » Weil ich früher nicht unglücklich war . « - GRAF : » Seit wann bist du unglücklich ? « - SIE : » Seit ich in diese Stadt gekommen und der Flötenspieler in den Büchern des Alten gelesen hat ; da hat er tagelang , nächtelang gelesen , und beschworen , und hat mein vergessen , da er mir doch geschworen hatte , mich nie zu vergessen ; endlich schlief er ein und ich sah , daß er schwer träumte ; der Schweiß lief ihm über die Stirne , da nahm ich seine Bücher , und warf sie alle ins Feuer ; da wachte er zornig auf und schalt sehr und will nicht eher wieder mit mir reden , bis ich die Bücher ihm wiedergeschafft habe . « - GRAF : » Wie kommt ' s , daß du mir dies alles vertraut , ich hab es nicht zu wissen verlangt ; werd ich es auch verdienen , sagst du es jedem ? « - SIE : » Du bist der erste , dem ich es gesagt , denn du siehst wahrhaft unglücklich aus , als wäre dir die Saat deiner Liebe ganz verhagelt , und du hättest keine mehr . « - GRAF : » Sag an Flötenspieler , ist alles so wahr , wie mir das liebe Mädchen gesagt ? « - SIE : » Er spricht niemals , zuweilen singt er aber , wenn er recht betrübt ; er setzt an : hör zu , er wird singen , und er singt so schön , so schön ! « - Der Flötenspieler setzte wirklich die Flöte an , blies und sang abwechselnd folgendes Lied : Flammenruh nach Weisheit streben Senkt den Jünger tief in Schlaf , Und es glüht sein innres Leben , Als wenn Blitz die Tanne traf . Festlich statt der schwarzen Krone Trägt sie einen Flammenkranz , Weihrauch träufelt von dem Throne , Halme wirbeln rings im Tanz . Sonst da dräuten ihm die Bilder , Schrecklich rot und blau gemalt , Und die Zeichen noch viel wilder Und das Tier in Flaschen schalt ; An den tausend Messingscheiben , Wo das Blei am Faden hängt , Mußt er sich erst müde treiben , Eh der Schlaf ihn süß umfängt . Liebchen kommt nun ihn zu küssen , Aber er vernimmt sie nicht , Himmlisch mild die Sterne grüßen Und er steht in vollem Licht , Und sie setzt sich ihm zu Füßen Und umfasset seine Knie , Sollt sie ihn nicht wecken müssen , Er erwachet sonst wohl nie . Leise kam sie erst geschlichen , Doch nun schreit sie ihm ins Ohr , Und der Schlaf ist nicht gewichen , Es ist ein verschloßnes Tor , Und sie nimmt die Bücher alle , Die ihn magisch tief versenkt , Hat die mächt ' gen Geister alle In des Ofens Glut gesenkt . Und der Ofen wollt sich wundern , Schüttelt mit dem alten Kopf , Und aus allen alten Plundern Stieg so mancher grüne Knopf ; Wüst im Kopfe , wild zum Schelten , Wacht er auf und schaut sie an , Die gern alles will entgelten , Wenn sie ihn nur retten kann . Aber er mit wilden Tritten Stößet Liebchen an die Erd , Höret nicht auf ihre Bitten , Sieht die Glut nur auf dem Herd : » O ihr Zeichen , ihr verbrennet , Nun ihr sie mir zugeführt , Ach woran wird nun erkennet , Ob die rechte ich erspürt ! Wärst du Mädchen mir ganz eigen , Wie ein Mädchen lieben muß , Ganz geduldig dich zu zeigen , Wär gewesen dein Genuß ; Wär ich Mädchen dir ganz eigen , Nimmer zweifelte ich mehr , Sondern müßt die Kniee beugen , Und mein Herz wär mir nicht schwer . Herrschen nicht und auch nicht dienen , Zweifel war mein Weltgeschick , Nur beschwören , nicht verdienen Läßt sich jedes Götterglück : Weibervorwitz , wer beschwört dich , Da es selbst nicht lieben kann , Denn die Liebste selbst , sie stört mich , Da ich war in ihrem Bann . « Ehe noch der Flötenspieler sein wunderliches Lied ausgesungen hatte , war der Doktor schon herein getreten und hatte seine große Laute , zusammengesetzt aus Ebenholz und Elfenbeinstreifen , hervorgeholt und mit eingestimmt ; am Schlusse sagte er : » Diesen elenden Gassenhauer habe ich noch auf der Walze gefunden , vorige Nacht habe ich aber eine große Sonate ausgearbeitet und auf eine neue Walze gesetzt , Sie sollen hören , daß die Maschine noch mehr kann . « - Bei diesen Worten eröffnete er die Figur , und wo der Graf einen Menschen versteckt gemeint hatte , waren nichts als sehr verwickelte Messingräder ; im Fußgestelle war die Walze eingesteckt , die alles trieb . Der Doktor schob eine andre ein , und ein sehr künstliches Spiel überraschte den Grafen . Der Doktor , mit großer Kraft , sprang über einen Stuhl hinaus und rief : » Kommen Sie , das sind Kleinigkeiten , Sie sollen mehr sehen . « - » Ich komme wieder « , sagte der Graf zu dem unsichtbaren Mädchen , » wie soll ich dich nennen in meinen Gedanken . « - » Arnika Montana « , sagte sie leise . - Nun führte der Alte den Grafen in seine verschlossenen Zimmer , und zeigte Wunder an Wunder , aber nichts wirkte mehr auf ihn ; er fühlte eine Art Schrecken , wie der Alte da unter verzauberten Menschen mit seinen Späßen lebe , die er über alles ergoß ; so sagte er , als ihm der Graf den Hund zeigte , der noch immer auf den Hinterfüßen saß : » Abgelöst , mein Tierchen , wärst du gemalt , hätte es dir keine Mühe gemacht . « - Die Rechenmaschine erklärte er ihm umständlich , auch die Bewegung des Totengerippes ; als aber der Graf so als müßigen Einfall sagte : » Gut , daß die Rechenmaschine im Kopfe nicht so schnurrt und rasselt , das wäre in einem Handelskomtore nicht auszuhalten ! « - da ward der Alte auf einmal ernst , faltete die Hände und beschwor ihn bei allem Heiligen , solche schreckliche Gedanken der Philosophen über die Seele nicht zu glauben , das wären die Vergifter der Jugend . - » Und « , fuhr er fort , » was haben sie davon , ist wohl einer reich geworden bei solcher Philosophie ; ich kaufe sie noch heute alle zusammen mit dem wenigen baren Gelde aus , was bei mir liegt . « - Bei diesen Worten schlug er die Türe eines Schrankes auf , hob einen gestrichenen Scheffel voll Gold heraus und ließ es daraus in die übrige Menge niederfallen . - Der Graf kam verwundert nach seinem Wirtshause zurück ; erst hier entdeckte er , was ihn bei der Arnika Montana so verweilt hatte , es war eine Ähnlichkeit in der Stimme mit seiner Dolores , die ihn liebenswürdiger , als je , in der Nacht umschwebte : doch immer in der Gewalt eines schrecklichen Zauberers , der ihm wie der Doktor erschien . Am andern Morgen hörte er im Wirtszimmer über den Doktor reden , der eine erklärte ihn für einen Narren , für einen Prahlhans , den er auf einem fahlen Pferde attrappiert habe . Er habe ihm nämlich einen Umschlag von einer chinesischen Tusche sauber geplättet , so daß es wie ein Blatt aus einem Buche ausgesehen , vorgezeigt , da er nun behaupte alle Sprachen zu verstehen , habe er ihm dies Blatt gezeigt und gefragt , was es besage . Mit großer Dreistigkeit habe jener ihm versichert , es sei ein Stück