übergab , die er in ' s Haus seiner Verwandten brachte , nicht einem Marcius Alpinus in die Arme führen ; sey sie übrigens , wer sie wolle ! Ihr Geschick beunruhigt mich . Ich kann den Gedanken , den ich einmal von ihr gefaßt habe , nicht aufgeben , und jetzt , da sie auf ' s Neue für mich verloren scheint , wird er mir wahrscheinlicher als jemals . Wahrlich , es hätte dieses Zusatzes nicht bedurft , um meine Lage höchst unangenehm zu machen . Indessen soll nichts mein Bewußtseyn erschüttern . Ich weiß , was ich zu thun habe - ob es schwer oder leicht sey , darf ich nicht fragen - es muß geschehen ! Jeder , der in dieser Zeit sich als Christen bekennt , hat einen viel härteren Stand , als die längstbekannten Glaubensgenossen . Man sieht ihn gleichsam als einen trotzigen Rebellen , als einen offenbaren Verächter des kaiserlichen Gebotes an . So geht es mir - so würde es Constantin gehen , der auch in diesen entscheidenden Augenblicken dem Augustus seine wahre Gesinnung entdecken müßte , wäre er nicht der Sohn des Cäsars . Mißtrauen und Haß umlauert uns von allen Seiten , selbst die Briefe sind nicht sicher . Solltest du lange keinen erhalten , so denke , daß es mir unmöglich war zu schreiben , oder das Geschriebene sicher abzusenden . Leb ' wohl ! 68. Theophania an Junia Marcella . Nikomedien , im Februar 303 . Seit zwei Wochen bin ich hier , eine Viertelstunde von Nikomedien entfernt . Von dem flachen Hausdache sieht mein Auge die nahe Stadt , die Giebel ihrer prächtigen Tempel , die ehrwürdigen Thürme unsrer Kirchen , von denen leider jetzt kein Laut zu uns herüber tönen darf . Linker Hand gegen das Stadtthor zu , das an ' s Meeres-Ufer führt , liegt das Quartier der kaiserlichen Leibwache . Dort wohnt Agathokles . Ich sehe den Rauch aus den Essen steigen , ich höre an stillen Abenden die kriegerische Musik herüberschallen , ich entdecke zuweilen schimmernde Schaaren , die durch die Thore ein- und ausziehen . Wie manches Mal mag Er an ihrer Spitze gewesen seyn ! Das schärfste Auge könnte in dieser Entfernung keine Gestalt unterscheiden , aber der Gedanke daran erschüttert mein Innerstes , und macht jede Nerve beben . Unter den Frauen , mit denen ich lebe , ist die Wittwe eines Freigelassenen aus dem Pisonischen Hause . Verschiedene Schicksale haben sie von Rom hierher geführt , aber ihre Tochter Drusilla blieb aus Anhänglichkeit freiwillig in Calpurniens Diensten . Das junge Mädchen , auch eine Christin , besucht ihre Mutter zuweilen . O meine Junia ! Was erzählt uns das Mädchen öfters von der Güte und Freundlichkeit ihrer Gebieterin , von dem wenigen Credit , in dem das männliche Geschlecht bei ihr steht , und daß sie nur höchstens Einen , einen Offizier der Leibwache , den sie schon in Rom gekannt , und nicht ungern gesehen habe , von der allgemeinen Verdammung ausnehme . Dann beschreibt sie uns manche kleine Unterhaltung , manches trauliche Symposion1 , wobei der geschätzte Freund nicht fehlen darf . So bekamen wir die Schilderung eines Festes , das Calpurnia ihrem ruhmbekleideten Geliebten zu Ehren gab . Das Fest muß unausbleiblich einen gewaltsamen Eindruck auf sein Herz gemacht haben , oder er müßte unempfindlich gegen so mächtige Reize , und mehr als demüthig , er müßte blind gegen seinen Werth seyn . Drusilla hatte selbst eine Rolle dabei , und sie mag sie ganz geschickt ausgeführt haben , denn es ist ein artiges wohlgebildetes Geschöpf , dem man die bessere Erziehung ansieht . Das ist Calpurniens Werk , sagt die Mutter , sie hat sich des Mädchens wie eine ältere Schwester angenommen , und Drusilla ist ihr auch dafür mit ganzer Seele ergeben . Und so ist denn der letzte Strahl von Hoffnung verschwunden ! Calpurnia ist nicht allein höchst reizend und liebenswürdig , sie ist auch edel und schätzbar . Agathokles wird sich nicht bei näherer Kenntniß ihres Charakters kalt von ihr wenden , er wird sie immer mehr lieben , je mehr er sie kennen wird , und geistige Vorzüge werden das Band unauflöslich machen , das körperlicher Reiz und schmeichelndes Betragen um sein Herz warf . Und darüber traure ich ? Es schmerzt mich , daß Calpurnia gut ist ? Ich hätte mich freuen können , daß eine Person , die mich nie mit Willen beleidigt hatte , unedler Gesinnungen fähig gewesen wäre ? Mich beeinträchtigt das Gute , was ein dankbares Gemüth von ihr erzählt ? O Neid und Eifersucht , ihr Geburten der Eitelkeit und Selbstsucht ! So muß auch ich euren giftigen Einfluß fühlen ! So ist denn die Tugend , auf die ich stolz seyn zu dürfen glaubte , nichts als Heuchelei , oder Schein gewesen , der vor einer ernsten Probe entflieht ! O Junia ! Wie gebrechlich ist das menschliche Herz ! Welche Hoffnung bliebe ihm auf Verzeihung und Gnade , wenn es nicht mit zitterndem Vertrauen zu dem väterlichen Erbarmen Gottes flüchten könnte ! Diese Stimmung darf nicht bleiben , sie ist nicht menschlich gut , viel weniger einer Christin würdig . Wo meine Kraft nicht ausreicht , halte mich ein stärkerer Arm . Heliodor kömmt morgen von einer kleinen Reise zurück . So viel Ueberwindung es mich kosten mag , so wenig Schonung ich von diesem strengen Richter hoffen darf , so enthülle ihm doch ein offenherziges Geständniß den Zustand meiner Seele , und seine ernste Tugend zeige mir den Weg , auf dem ich mich wieder erheben , und Selbstachtung gewinnen kann . Einige Tage später . Ich bin viel ruhiger in meinem Innern . Leicht war diese Stille nicht erworben , doch ich hoffe , sie soll dauerhaft seyn . Heliodors Strenge hat mich gebeugt , vernichtet . Aber wie die Pflanze nach dem schweren Gewitterregen sich am Strahl der Abendsonne aufrichtet , so richtet sich auch mein Geist durch versöhnende Reue , und feste Vorsätze gestärkt empor . Ich habe mich selbst überwunden , ich habe mein innerstes Wesen zum Opfer auf den Altar der Pflicht gebracht , und der himmlische Lohn folgt auf den Kampf . Ich kann nun zwar nicht mich über Calpurniens Edelmuth und ihre Verbindung mit Agathokles freuen - ach das ist noch nicht möglich ! - aber ich kann bei der Gewißheit , daß ich ihn verloren habe , einige Beruhigung in dem Gedanken finden , daß er mit ihr glücklich seyn wird . Heliodor hat mir zur Sühnung meines Vergehens eine Pflichtübung auferlegt , die mir wahrlich sehr schwer fällt , die nur die Erkenntniß ihrer Verdienstlichkeit mich anfangs ertragen machen konnte . Ich war bisher von der Krankenpflege befreit , meine Erziehung , meine Erfahrung in weiblichen Arbeiten bestimmte mich zum Unterricht der Schülerinnen , und ich widmete mich gern dieser Beschäftigung . Jetzt muß ich aus Heliodors Befehl - denn seine Ueberzeugung spricht sich nicht , wie bei unserm ehrwürdigen Vater Theophron , als Rath oder Ermahnung aus - ich muß auf seinen Befehl mich der Pflege der Kranken widmen , und da er mir , meiner vorigen Verhältnisse wegen , Kenntniß in äußern Verletzungen zutraute - o welche Scenen rief dies Gespräch hervor ! - so muß ich unter seiner und einer betagten Matrone Anleitung die Verwundeten besorgen . O meine Junia ! das war eine schreckliche Aufgabe ! Das erste Mal trug man mich ohnmächtig weg . Aber Heliodor war unerbittlich . In einer unvergeßlichen Stunde führte er mir die Heiligkeit der Pflicht , das Beispiel unsers Erlösers , die schimmernden Thaten so vieler Christen mit einer Beredtsamkeit zu Gemüthe , daß ich endlich , in Thränen zerfließend , in seine Hand den Schwur niederlegte , meinem Berufe treu zu bleiben , und sollte es mir Gesundheit und Leben kosten . Seit dem geht es merklich besser . Ich habe ziemlich viel Uebung ; denn die Grausamkeit der Heiden läßt es nicht an Unglücklichen fehlen , die der Hülfe unseres Hauses bedürfen . Mein Widerwille verliert sich , meine Geschicklichkeit nimmt zu , und ich sehe wohl ein , daß , das Grauen des ersten Anblicks abgerechnet , bei dieser Art von Kranken viel weniger Gefahr und Beschwerde ist . So will ich denn mein Loos mit Geduld tragen ; aber , so bald mein Schicksal entschieden - Agathokles vermählt , und das Daseyn eines vergessenen Geschöpfes ganz gleichgültig ist - eile ich in deine Schwesterarme - und ach ! ich denke - ich komme bald - sehr bald ! Fußnoten 1 Symposion , ein kleines Gastmahl . 69. Constantin an Eneus Florianus . Nikomedien , im Februar 303 . In einer sehr unruhigen Stimmung sende ich dir , mein väterlicher Freund , diesen Brief . Noch diese Nacht geht ein verläßlicher Bote damit heimlich auf einem Fischerkahne aus dem Hafen ab , und bringt ihn nach Byzanz zu unserm Vertrauten , der ihn dann auf bekannten Wegen weiter befördert . Die Stadt ist gesperrt , und Alles in dumpfgährender Bewegung . Heute Morgens ist gäh und unerwartet der Schlag gefallen , den Rache und Parteiwuth längst geheim bereitet hatte . Mit Anbruch des Tages zogen starke Abtheilungen von der Leibwache still und geheimnißvoll durch die Straßen der Stadt , nach allen christlichen Kirchen . Die gesperrten Thüren wurden mit Gewalt aufgesprengt , das Heiligste erbrochen , hervorgerissen , Geräthe , Schriften , Bücher , Alles auf einen Haufen geworfen und verbrannt , und endlich die Kirchen selbst mit wilder Wuth zerstört , und der Erde gleich gemacht . Schrecken und Betäubung waren die ersten Wirkungen dieses unerwarteten Vorfalls aus die ohnedies gebeugten Christen . Nach und nach ermannten sich Einige , die in unüberlegtem Eifer für ihr Heiligstes sich der Uebermacht zu widersetzen , oder auf den Trümmern ihrer Kirchen zu sterben beschloßen . Ein solcher Auftritt zog mehrere ähnliche nach sich , in wenig Stunden war die ganze Stadt in aufrührerischer Bewegung , auf allen Straßen , bei allen Tempeln stellte sich im Kleinen das Bild des großen Kampfs des Polytheismus mit dem Christenthume dar , überall sah man Mißhandlungen , Verwundete , Todte . Die Vernünftigern hielten sich in ihren Häusern verschlossen , selbst die Bessern unter den Heiden sah man keinen Theil an den wilden Ausbrüchen ihrer Partei nehmen - nur Pöbel wüthete gegen Pöbel , aber um so empörender und frecher . Die Ersten von uns erwarteten jeden Augenblick den Befehl , sich vor Gericht zu stellen . Ich war und bin noch auf jeden Fall bereitet . Es ist mehr als wahrscheinlich , daß Galerius nicht blos die Ausrottung einer verhaßten Glaubensform , daß er den Sturz mehrerer Gefürchteten zur Absicht bei diesen Maaßregeln hatte , deren Gewaltsamkeit das deutliche Gepräge seines wilden Gemüthes trägt . Agathokles theilte meine Vermuthungen und meine Besorgnisse . Gebietende Umstände hatten ihn schon vor mehreren Tagen bestimmt , seinen Glauben öffentlich zu bekennen . Seine Weigerung , sich wider die Christen gebrauchen zu lassen , diente dem düstern Galerius zum willkommenen Vorwande . Im Namen des Augustus ward ihm befohlen , seine Stelle als Tribun niederzulegen . Er gehorchte schnell und willig . Als die Nachricht in dem Quartier der Soldaten erscholl , entstand Unruhe und Lärmen unter den Treuen , die den geliebten Anführer nicht missen wollten . Mit einem Ungestüm , in dem sich noch der Geist der alten Prätorianer zeigte , drangen sie in den kaiserlichen Palast , und forderten ihren Obersten zurück . Die Schwäche bewilligte unzeitig , was Uebereilung und Rache eben so unzeitig verhängt hatte . Auf ihren Schildern , unter lautem Jauchzen , trugen sie ihren Anführer in seine Wohnung zurück . Hier blieb er eine Weile unangefochten , man wagte nicht , ihm einen Auftrag von Wichtigkeit zu geben , man fürchtete kleinherzig , daß er die anvertraute Macht mißbrauchen würde . Aber man umgab ihn , so wie mich , auf allen Seiten mit Lauschern und Spähern . Wir trugen unser gemeinschaftliches Schicksal gelassen , und hielten uns stille , besonders den heutigen Tag , an dem jedem klugen Manne Vorsicht ziemte . Gegen Abend verließ mich Agathokles , um noch vor Einbruch der Nacht in sein ziemlich fernes Quartier zu gelangen . Ein einziger Sclave begleitete ihn , Mantel und Kappe verbargen seine Kleidung und seinen Stand , und ein kurzes Schwert war seine ganze Sicherheit . Auf dem Weg trifft ein verwirrter Lärmen und klagende Stimmen sein Ohr . Bekannt mit den Auftritten des heutigen Tages eilt er dem Getöse zu , und findet einen Haufen Soldaten und Pöbel schreiend , tobend um den Altar einer heidnischen Gottheit vor einem kleinen Tempel versammelt , die im Begriffe sind , ein armes Weib mit einem Kind zum Genuß des Opferfleisches , das ihnen ein fanatischer Götzendiener aufdringt , zu zwingen . Die Unglückliche weigert sich standhaft . Jetzt entreißt einer der Barbaren ihr das Kind , und droht , es in die Opferflamme zu werfen . Die Verzweiflung der Mutter , das Angstgeschrei des Kindes durchdringen Agathokles Brust , und rißen ihn hin , zu thun , was die Klugheit nimmer billigen konnte . Er drängt sich in den Kreis , er ruft ihnen im Namen des Kaisers Friede zu , er stellt ihnen vordaß das Edict nur Unterlassung der christlichen Gebräuche , aber nicht die Annahme der heidnischen befehle . Wann hört der Pöbel die Stimme der Vernunft ? Sie übertäuben seine Rede , und schleppen das Weib bei den Haaren zum Altar . Da übermannt ihn der Zorn , er entreißt dem Soldaten das Kind , gibt es der Mutter , und vertheidigt sie und den Kleinen gegen das Andringen der Wüthenden . Aber die Menge wächst jeden Augenblick . Von der Frau und dem Kinde weg , wendet sich ihre Raserei auf den neuen Gegenstand . Mit Spießen , Schwertern und allerlei Geräthe , womit Zufall und blinder Zorn den Unverstand bewaffnet , dringen sie auf ihn ein . Er übergibt die Unglückliche , deren Rettung ihn vielleicht sein Leben kosten wird , dem Sclaven , der ihn begleitet . Dieser will seinen Herrn nicht verlassen ; ein strenger Befehl gebeut Gehorsam , und man läßt ihn mit seinen Geretteten ungehindert fliehen . Aber Agathokles wird das Opfer ihrer Wuth . Schwer und vielfach verwundet sinkt er nieder , und wie sein Mantel sich auseinander schlägt - erkennen die Nächsten mit Schrecken , daß sie einen Offizier der Leibwache getödtet haben . Sie entfliehen , der erschrockene Haufe zerstreut sich . Agathokles bleibt allein im Blute schwimmend liegen . Der Sclave war sogleich in das Quartier seines Herrn geeilt , und verkündete den treuen Soldaten die Gefahr ihres Anführers . Sie stürmen hinaus - aber wie sie auf den Platz kommen , ist Alles einsam , und mit Schrecken und Schmerz finden sie seine Leiche . Sie nähern sich - er athmet noch , mit roher Kunst sucht ihre Liebe das Blut seiner vielen Wunden zu stillen , und einige von den Soldaten , geheime Christen , beschließen , ihn an den besten Ort , den sie für diesen Fall kennen , zu bringen , in das Wittwenhaus der Christen , die sich in der Nähe der Stadt mit Werken der Wohlthätigkeit beschäftigen , und bei denen in diesen Tagen schon mancher Unglückliche Schutz gefunden hat . Die Wachen am Thor lassen sie ziehen , da sie ihr Vorhaben hören , und nun eilt der Sclave zurück , mir die Unglücksbotschaft zu bringen . Mir öffnet mein Name die geschlossenen Stadtthore , ich fliege zu meinem Freund . Bleich , ohne Bewegung , ohne Bewußtseyn finde ich ihn unter den Händen zweier Frauen , von denen die jüngere , in Thränen zerfließend , kaum so viel Besonnenheit übrig hatte , um den Verwundeten zu behandeln . Nie sah ich eine solche Rührung bei einer Unbekannten . Ich trat zu Agathokles , ich faßte seine Hand , ich nannte seinen Namen , endlich schlug er das müde Auge auf , blickte starr um sich her , ohne etwas zu erkennen , und schloß es sogleich wieder . Jetzt schien die Bewegung der Fremden sich noch zu vermehren , sie zitterte so stark , daß ich ihr rieth , sich lieber zu entfernen , wenn ihr der Anblick vielleicht zu schauderhaft wäre . Sie sah mich starr und wild an . » Um keinen Preis der Welt - nicht um meine Seligkeit ! « antwortete sie heftig mit bebender Stimme , und fuhr emsiger in ihrem traurigen Geschäft fort . Der Arzt kam , ein bejahrter Priester , er untersuchte die Wunden , mit Angst sah ich seinem Urtheil entgegen . Blässer als der Verwundete , mit einem Zittern , das ihren ganzen Körper fieberhaft erschütterte , harrte die Frau auf seinen Ausspruch . Er erklärte endlich , daß die Wunden zwar bedenklich , aber nicht tödtlich seyen . Hier sank die Unbekannte mit einem Freudengeschrei ohnmächtig nieder , und man mußte sie wegbringen . Ich blieb noch eine Weile , ich erkundigte mich nach der Fremden , deren Betragen mir so seltsam aufgefallen war . Nichts , was ich hörte , vermochte mir eine Aufklärung zu geben , oder eine Vermuthung zu begründen . Agathokles erholte sich nicht so weit , daß er eines vollen Bewußtseyns fähig gewesen wäre , und so entfernte ich mich endlich , um nicht meine eigne Sicherheit in Gefahr zu setzen , und schreibe dir also gleich die Ereignisse dieses merkwürdigen Tages . Was in meiner Seele vorgeht , kannst du denken ; du weißt , was mir die Sache meiner Glaubensgenossen , meine künftigen Aussichten - und Agathokles sind . Die Nacht ist vorgerückt - der Bote wartet . Leb ' wohl ! 70. Theophania an Junia Marcella . Nikomedien , den 24. Februar 303 . Zitternd , angstvoll , jetzt mit freudigen Schauern , jetzt voll banger Besorgnisse setze ich mich nieder , dir von dem wunderbarsten , dem theuersten , dem bängsten Augenblicke meines Lebens Nachricht zu geben . Eine Wand scheidet mich von Agathokles , ich höre sein leises Athmen , jeden Laut des Schmerzes , den sein Zustand ihm entreißt . Ich fahre freudig empor , wenn ich glaube , daß er ruft , daß er meiner bedarf , und ich zittre jedes Mal , daß er trotz der sorgfältigsten Verhüllung mich erkennen , und diese Erschütterung ihm tödtlich seyn könnte . Du begreifst nicht , wie das zusammenhängt . Ach , wenn es mir möglich ist , mein tiefbewegtes Gemüth zu sammeln , so will ich mich bemühen , Alles , was seit gestern geschehen ist , ordentlich zu erzählen . Was noch fehlt , was unzusammenhängend ist , wird deine Liebe nachsehen . Die traurigen Auftritte des gestrigen Tages wirst du mit mir und allen unsern Glaubensgenossen getheilt haben , indem das Gerücht allgemein verbreitet ist , daß derselbe Schlag an Einem Tage in allen Städten des Reichs bestimmt war , die christliche Religion zu zerstören . Ich sage dir also nichts von unsern Gedanken und Empfindungen . Wir verlassenen Frauen hielten uns stille in unsern Mauern , brachten die Zeit mit Gebeten und Verpflegung der Unglücklichen zu , die die blutigen Vorfälle des Tages nur zu häufig zwangen , bei uns Hülfe zu suchen , und erwarteten jeden Augenblick , daß der Sturm sich bis zu uns verbreiten , und wir gezwungen seyn würden , unsern stillen Aufenthalt zu verlassen . Müde von den Sorgen und Pflichten des bangen Tages saß ich am Abend , als es schon ganz finster geworden war , in meinem Zimmer , dessen Fenster gerade auf das gegenüber stehende Thor1 gehen . Ein heftiges Pochen an demselben erschreckte mich , ich sah die Pforte sich öffnen , und viele Männer , die ich beim Schein der Fackeln an ihren Rüstungen für Soldaten erkannte , drangen herein . Ich glaubte nichts anders , als daß es jetzt um uns geschehen sey , ich eilte an ' s Fenster , die Stille , die Ruhe , mit der die Krieger standen , befremdete mich , ich sah schärfer hin , und entdeckte nun , daß sie eine Bahre niederließen , auf der ein Verwundeter lag . Meine erste Angst war verschwunden , aber ein anderes namenloses Gefühl , eine bange Ahnung ergriff mich . In demselben Augenblicke kam Tabitha , meine Gefährtin bei der Pflege der Verwundeten , um mich zu holen . Ich raffte meine Geräthe mit zitternder Eile zusammen , und folgte ihr beklommen und hastig ; es war , als ob mein Herz mir mein Schicksal verkündete . Ach , es betrog mich nicht ! Als ich an den Thorweg kam , als die Soldaten stumm und trauernd zurückwichen , und ich nun beim Fackelschein Alles erkannte - o Gott - da lag Agathokles - bleich , leblos , mit geschlossenen Augen in allem seinem Blute vor mir . Ich sank mit einem lauten Schrei an ihm nieder , ich nannte seinen Namen , ich versuchte es , ihn in ' s Leben zurückzurufen . Vergebens . Er schien todt , und ich weiß nicht , welche Kraft mich in diesem entsetzlichen Augenblick vor der Ohnmacht bewahrte . Ich raffte mich auf , ich vermochte zu fragen . O Junia ! Wenn es möglich ist , so fühle die Wonne nach , die mitten in der Todesangst mich durchschauerte . Agathokles war ein Christ ! Der Eifer für unsere Religion , und heldenmüthige Menschenliebe hatten ihn in diesen Zustand versetzt . Ich bebte vor Freude und Angst , aber Gott erhielt mir meine Besinnung so , daß ich für seine Pflege sorgen konnte . Ich folgte den Kriegern , die ihn schweigend und bestürzt trugen . O wie that die Treue , mit der diese rauhen Männer ihren geliebten Führer ehrten , meinem Herzen so wohl ! Nun begann ich mit zitternden Händen seine Wunden zu waschen , und , so gut es die Eile verstattete , zu verbinden . Ein geheimer Hoffnungsstrahl drang in meine Seele ; so viel ich verstand , konnten diese Wunden nicht tödtlich seyn , und nur der Blutverlust hatte diese Erschöpfung hervorgebracht . Er lag ohne Laut , ohne Zeichen des Lebens , die Augen wie im Todesschlummer geschlossen . Aber , o meine Junia ! wie schön , wie unaussprechlich liebenswürdig schien er mir in dieser Blässe , in diesen Wunden ! Wie erhaben stand seine Tugend vor mir ! Jetzt erwarteten wir alle mit ängstlicher Sorge Heliodors Ankunft , den man von einem andern Kranken gerufen hatte ; denn er versieht mit beispielloser Anstrengung und Treue das dreifache Amt des Lehrers , Arztes und Priesters bei der Gemeinde . Auf ein Mal öffnete sich die Thüre , und ein schöner junger Mann trat mit königlichem Anstand ein . Er eilte sogleich auf Agathokles zu . Die Hastigkeit , mit der er sich nach Allem , was vorgefallen , erkundigte , die Liebe , mit der er sich um ihn beschäftigte , sein sinkendes Haupt erhob , seine starren Hände faßte , und drückte , gewannen ihm mein innigstes Wohlwollen . Jetzt kam Heliodor , er untersuchte die Wunden , er prüfte lange , vorsichtig - mein Innerstes bebte , ich fühlte , wie ich zitterte , und der Stuhl mit mir schwankte , an dem ich mich während dieser schweren Minute hielt . Endlich verkündete Heliodors Ausspruch Leben - und mein Herz , das den ganzen Umfang des Schmerzens zu fassen im Stande gewesen war , erlag der Freude . Ich sank ohne Bewußtseyn zu Boden . Man brachte mich in ' s Nebenzimmer . Hier , als ich erwachte , als ich fähig war zu begreifen , daß die Vorgänge dieses Abends kein Traum gewesen waren , ergoß sich meine Seele in heißen Gebeten des Danks und der Liebe . Ich fragte nach Agathokles . Er hatte sich wieder ein paar Mal so weit erholt , daß er die Augen aufgeschlagen , und einige Worte gesprochen hatte . Man gab mir die beruhigendsten Hoffnungen , Heliodor hatte meine Ahnung bestätigt ; nicht die Wunden , nur der Blutverlust hatten ihm diese todtähnliche Betäubung zugezogen - sie wird aufhören , wie seine Kräfte sich erholen . Sobald ich einigermaßen mein Herz beruhigt fühlte , setzte ich mich hin , dir zu schreiben , und dir zu sagen , daß es mir nicht möglich ist , meine Blicke vor den schönen Aussichten , die sich mir eröffnen , mit gehöriger Standhaftigkeit zu schließen . Soll es denn bloßes bedeutungsloses Zusammentreffen seyn , was mich von den Ufern der Gothen bis hierher brachte , was mich gerade jetzt zur Pflege der Verwundeten bestimmte , und mir den theuren Freund in diesem Augenblick schenkte ? Er ist ein Christ . Wie kann er Calpurnien seine Hand reichen ? Wie kann er , der so hohe Begriffe vom Zusammenklang der Seelen hat , ein Mädchen lieben , das über den wichtigsten Gegenstand des Menschen ganz verschieden von ihm denkt ? O Junia ! Welche beglückenden Folgen liegen in diesen Fragen verborgen ! Aber noch muß ich mein Herz halten , noch darf ich mich ihnen nicht überlassen , und vor Allem darf Agathokles jetzt noch nicht wissen , wer ich bin . Wie er auch immer für mich fühle , was sein Verhältniß zu Calpurnien seyn mag - eine gähe Entdeckung könnte sein Leben in Gefahr setzen . Noch muß ich verborgen bleiben , aber ich hoffe , die Zeit , das Leben in seiner Gegenwart wird bald meine Zweifel lösen , und dann soll er nach und nach errathen , wer an seinem Lager weinte , und wachte , oder - ich fliehe mit meinem unauslöschlichen Gram ihn , mein Vaterland , die Welt , und begrabe mich in einer tiefen Einsamkeit , in die nur deine Freundschaft zuweilen einen Strahl des Trostes bringen soll . Am 24sten Abends . Die Zweifel sind gelöst - mein Schicksal ist entschieden ! O es war thöricht , vermessen , so ungegründeten Hoffnungen auch nur einen Augenblick Raum zu geben ! In welchen Betracht kann die Verschiedenheit der Denkart , der Religion selbst , von der verzehrenden Flamme einer Leidenschaft kommen , die mit wüthender Gewalt das ergriffene Herz über alle Schranken des Wohlstandes und der Weiblichkeit hinreißt ? Von dieser Macht der Gefühle habe ich keinen Begriff ; aber wer so liebt , muß auch versichert seyn , eben so heiß wieder geliebt zu werden . Und was bleibt dann für die Vergeßne , Verstorbne übrig ! Heute Morgens , als ein luftiger süßer Schlummer voll trügerischer theurer Gestalten mir die erschöpfte Kraft wieder gegeben hatte , hörte ich Agathokles leise rufen . Ich zog den schwarzen dichten Schleier fest um mein Gesicht , meine ganze Gestalt zusammen , und trat mit klopfendem Herzen an sein Lager . Er öffnete die Augen kaum , und forderte nur mit leiser Stimme zu trinken . Ich reichte ihm den Becher , meine Hand zitterte . Wo bin ich ? sing er nach einer Weile wieder an : Wo hat man mich hingebracht ? Ich legte die Hand auf den Mund , und schwieg . Ich fürchtete zu reden , da ich in diesem Augenblick gewiß nicht über meine Stimme gebieten konnte . Ich weiß nicht , ob er mich für stumm , der eigensinnig hielt - er schloß die Augen wieder , und sank auf die Kissen zurück . Jetzt kam Heliodor , nach den Wunden zu sehen . Agathokles erwachte wieder , und wiederholte seine Frage . Heliodor gab ihm Bescheid , er schien sehr zufrieden , und ein freundlicher Blick , eine Bewegung seiner Hand dankte mir für den Theil , den ich an seiner Pflege hatte . Seine Wunden waren , so gut sie seyn konnten ; der ehrwürdige Arzt empfahl ihm nichts als Ruhe , und stärkende Arzneien . Ich weinte ungesehen Thränen der reinsten Freude , aber ich wagte es nicht , länger bei ihm zu bleiben , aus Furcht mich zu verrathen . Die Schwäche , die noch von den Erschütterungen des vorigen Tags an mir sichtbar war , diente mir bei der Vorsteherin des Hauses zur Entschuldigung , daß ich Tabitha mehr für Agathokles zu thun überließ , als ich selbst zu verrichten wagte . Ach , diese Versagung kam mich schwer genug an . Aber die Freude konnte ich mir nicht abschlagen , so viel wie möglich im Nebenzimmer zu seyn , und wenigstens seine Stimme zu hören . Gegen Abend , als es bereits zu dämmern anfing , wagte ich es hinein zu gehen . Er sah mich freundlich an , und grüßte mich als seine stumme Wohlthäterin . Ich neigte mich , ohne zu antworten , und beschäftigte mich an einem Tische mit Zurechtlegen seiner Binden . Jetzt kam eine Aufwärterin des Hauses , und meldete Agathokles , einer seiner Sclaven sey da , der ihn zu sprechen wünsche . Er ließ ihn kommen . Gerechter Gott ! Wer kam ? Ein bildschöner Knabe in niedlicher Sclavenkleidung trat ein . Das hellbraune Haar flatterte in reichen Locken um seine weiße Stirn und die blühenden Wangen . So schwebte die reizende Gestalt näher an ' s Betts - ich erkannte sie jetzt - es war Calpurnia ! Auch Agathokles , der sie vorher verwundert angesehen hatte , errieth die Wahrheit . Er erschrak sichtbar . Cal - rief er - aber mit unbegreiflicher Fassung fiel ihm die Leichtfertige in ' s Wort : Callias , ja , dein treuer Callias ist ' s , der unmöglich von der Gefahr seines Gebieters hören konnte , ohne sich selbst davon zu überzeugen . Bei diesen Worten stand sie an seinem Bette . Er faßte ihre Hand , ich sah ihn erröthen , und wieder erbleichen , ich sah die glühenden Blicke , die sie auf ihn warf , die selige Trunkenheit , mit der sein leuchtendes Auge über die