. Nr. 39. Papiernautilus Antritt der Reise Am Morgen sah er auf der Schwelle reisefertig noch einmal seine dunkle westliche Stube an , darauf sogar in die Kammer hinein und flog mit zwei liebreichen Blicken , die einen Abschied bedeuten sollten , und mit einem an den Turm , dem der Tod noch kein Schnupftuch zugeworfen , freudig auf einen leeren Platz am Tore hinaus , wo er sich überall umsehen und unter den vier Holz-Armen eines Wegzeigers bei sich festsetzen konnte , wohin er gegenwärtig gedenke , ob nach Westen , Norden , Nordosten oder Osten ; aus Süden , dem Stadttor , kam er aber her . Seine Hauptabsicht war , den Namen der Stadt gar nicht zu wissen , der er etwa unterwegs aufstieß , desgleichen der Dörfer . Durch eine solche Unwissenheit hofft ' er ohne alles Ziel unter den geschlängelten Blumenbeeten der Reise umherzuschweifen und nichts zu begehren sowie zu besehen , als was er eben habe- in einem fort bei jedem Tritte anzukommen - sich in jedes goldgrüne Lust-Wäldchen zu betten , und ständ ' es hinter ihm - in jeder Ortschaft selber den Namen der Ortschaft zu erfragen und darüber sich ganz heimlich zu ergötzen - und dabei , bei solchen Maßregeln in einem solchen Strich Landes , der vielleicht mit Landhäusern , Irrgärten , Tharanden , plauischen Gründen vorher , Bergschlössern voll heruntersehender Fräuleins-Augen , Kapellen voll aufgehobner Beter-Augen und überhaupt mit Pilgern , Zufällen und Mädchen ordentlich übersäet sein konnte , in romantische Abenteuer von solcher Zahl und Güte hineinzugeraten , als er freilich nie erwarten wollen . » Mein guter Unendlicher in deinem blauen Morgenhimmel « , betete er in seiner durchdringenden Entzückung , » lasse doch die Freude dasmal nichts vorbedeuten . « Er hatte sich in acht genommen , an den Wegweiser hinaufzusehen , der wie ein Affe vier Arme hatte , um nicht etwa an den abgewaschenen Armröhren einer Stelle ansichtig zu werden , von welcher die Zeit , besonders die Regenzeit , den Namen der Post-Stadt noch nicht rein weggerieben hatte . Am welt- und geistlichen Arm-Paar wär ' er diese Gefahr nicht gelaufen , sondern dieses zeiget allgemeiner ins Blaue . In Norden lag Elterlein ; in Osten standen die Pestitzer oder Lindenstädter Gebürge , über welche diese Straße nach Leipzig - auch eine Lindenstadt - weglief ; zwischen beiden nun nahm der Notar den Weg , um die Höhen , hinter welchen die holdselige Wina jetzt rollte oder ruhte , niemals aus den Augen zu verlieren , welche bald aus Blumenkelchen , bald aus Wolken auf Gebürgen trinken wollten . -Ein Glück ists für den gegenwärtigen Beschreiber der Reise und des Reisenden , daß Walt selber für sein und des Flötenisten Vergnügen ein so umständliches Tage- oder Sekunden-Buch seiner Reise gleichsam als ein Opfer-und Sublimier-Gefäß des Lebens vollgefüllt , daß ein anderer weiter nichts zu tun braucht , als den Deckel diesem Zucker- und Mutterfasse auszuschlagen und alles in sein Dintenfaß einzulassen für jeden , der trinken will . Der leidende Mensch hat einen erfreueten nötig - der erfreuete in der Wirklichkeit einen in der Poesie und dieser , wie Walt , verdoppelt sich wieder , wenn er sich beschreibt . » Fast wollt ' ich hoffen « , so fängt Walt das Sekunden- und Tertienbuch an Vult an , » daß mein liebes Brüderlein mich nicht auslachen werde , wenn ich meine unbedeutende Reise nicht sowohl in deutsche Meilen als russische Werste abteile , welche als bloße Viertelstunden freilich sehr kurz sind , aber doch nicht zu kurz , ich meine für einen Menschen auf der Erde . So wie es nicht auszukommen wäre mit dem flüchtigen Leben , wenn man es , statt an Minuten- und Stunden-Uhren , lieber an Achttage- oder gar Säkular-Uhren abmäße , gleichsam einen kurzen Faden an ungeheuern Welt-Rädern : so möchte man , zumal wenn ein Reich es tut , dem es am wenigsten an Raum fehlt , das russische , dieselbe Entschuldigung haben , wenn man , da der kleine Fuß und der Schuh des Menschen sowohl sein eignes Maß als das seiner Wege ist , für bloße Fußreisen die Werste zum Wegmesser erwählt . Die Ewigkeit ist ganz so groß als die Unermeßlichkeit ; wir Flüchtlinge in beiden haben daher für beide nur ein kleines Wort , Bruder : Zeit-Raum . « Als er seine erste Werste nordöstlich antrat , Winas Gebürge und die Früh-Sonne zur Rechten und mitlaufende Regenbogen in den betaueten Wiesen zur Linken : so schlug er die Hände als Schellen einer morgenländischen Musik gegeneinander vor Lust und wurde so leicht und behend von sich selber dahingetragen , daß er kaum aufzutreten brauchte ! Läuferschuhe und Hosensäcke der Ohnehosen geben dem Menschen , wenn er sonst lange Stiefel und kurze Hosen trug , fast Flügel . Sein Gesicht war voll Morgenluft , und ein Orient der Phantasie war in seinen Blicken gemalt . Sein sämtliches Münzkabinett oder Studentengut hatt ' er eingesteckt , als Surplus- und Operationskasse , um an dieser Geld-Katze einen Schwimm-Gürtel für alle Höllen- und Paradieses-Flüsse zugleich zu haben . Er bewegte sich durch das widerstrebende Leben so frei wie der Schmetterling über ihm , der nichts braucht als eine Blume und einen zweiten Schmetterling . Der Kunststraße , woran er einen ganzen Klumpen Reformatoren und Weg-Frotteurs stampfen und klopfen sah , ging er aus dem Wege , weil er sich nicht damit plagen wollte , entweder einen Morgengruß lang durch sie hinzuziehen , oder den nämlichen lächerlich immer von neuem zu sagen und doch wohl falsch abzusetzen . Hügelauf , talein lief er in nassen Gras-Blüten und verlor und erhielt abwechselnd die Stadt , von welcher er indes wünschte , daß er sie endlich einbüßte , weil ihm sonst immer nicht recht war , als sei er fort . Er mußte noch zwei starke Werste zurücklegen , ehe sie hinter den Obsthügeln unterging . Noch war ihm nichts Besonders unterwegs begegnet als der Weg selber , als er seinen Gruß einem Menschen , dessen Gesicht ein Schnupftuch zuband , im Fluge zuwerfen konnte . Er ging so lange fort , bis er glauben durfte , der Mann habe sich umgesehen , und er könn ' es auch , ohne zusammenzustoßen . Aber eben sah jener her . Er ging wieder weiter und blickte um - der Bandagist seinerseits auch . Als ers zum drittenmal tat , merkte er , daß der Mann trotzig stehen bleibe , und daß ihn die Rücksicht gar verdrüße . Da ließ ihn Walt laufen und stehen . Er stieß bald - so wuchsen die Abenteuer - auf drei alte Frauen und eine blutjunge , welche mit hochaufgetürmten Körben voll Leseholz aus einem Wäldchen kamen . Auf einmal standen sie alle in gerader Linie zugleich hintereinander still , die schweren Körbe auf den schief-untergestellten Stecken auflehnend , die sie vorher als Badinen getragen . Sein Herz machte viel daraus , daß sie , wie Protestanten und Katholiken in Wetzlar , ihre Ferien und Feiertage des Gehens gemeinschaftlich abtaten , um beisammen zu bleiben und fort zu reden . Nie entwischte seinem Auge die kleinste Handvoll Federn oder Heu , womit sich der Arme die harte Pritsche in der Wachtstube seines Lebens etwas weicher bettet und sich die Marterbank auspolstert . Ein liebender Geist spüret gern die Freuden der Armen aus , um darüber eine zu haben ; ein hassender aber lieber die Plagen , seltener um sie zu heben , als um über die Reichen zu bellen , die er vielleicht selber vermehrt . Herzlich gern wollt ' er den Fracht- und Kreuzträgerinnen einige Groschen Trage-Lohn auszahlen ; er schämte sich aber vor so vielen Zeugen einer warmen Tat . Darauf schob ein Mann einen Karren voll hoher klappernder Blechwaren daher ; sein Töchterchen war als Vorspann vorgelegt ; beide keuchten stark . Es zwang ihn , sich mit dem Karrenschieber zusammenzuhalten und sich auf die eine Waagschale zu stellen , den Kärrner auf die andere . Da er nun sogleich bemerkte , wie sehr er mit seinen Glückslosen und Zuckerhüten den Kärrner überwiege - der alten Holzweiber nicht einmal zu gedenken - ; da er finden mußte , daß sein freies fliegendes Fortkommen , gegen das träge Karren- und Stunden-Rad des Mannes gemessen , mehr der freudigen leichten Weise beikomme , wie die Großen reisen : so wurd ' er rot über seinen Reichtum und Stand - er sah die Weiber noch halten und lehnen - er lief zurück mit vier Gaben und eilig davon . » Bei Gott « , schreibt er in sein Tagebuch , um sich ganz zu rechtfertigen , - » der armselige flüchtige Sinnen-Kitzel einer bessern Nahrung , welchen etwan ein paar geschenkte Groschen bereiten können , und überhaupt der Genuß , der kann nie der Anlaß werden , daß man die Groschen so freudig hinreicht ; aber die Freude , die man dadurch auf einen ganzen Tag lang in ein ausgehungertes Herz und in seine welken , kalten , engen Adern auswärmend hineingießet , dieser schönste Himmel anderer Menschen ist doch wohl wohlfeil genug damit erkauft , daß man selber einen dabei hat . « Hier kramt er weitläufig seinen alten Traum von dem Glücke eines reisenden Mylords aus , auf einmal durch eine offne volle Hand ein ganzes Dorf unter Bier und Fleischbrühe zu setzen und in ein Elysium langer Erinnerung . Mit drei Himmeln im unschuldigen Gesicht - noch einen mehr hatt ' er auf den Gesichtern hinter sich gelassen - glitt er leicht von Tautropfen zu Tautropfen . - Das Herz wird wie ein Luftschiff durch den Auswurf des schwersten Ballastes , des Geldes , so leicht , so schnell , so hoch . Indes traf er ziemlich spät in dem nur vier kleine Werste entlegenen Härmlesberg ein . Denn überall saß und schrieb , oder stand und sah er oder las alles - jede Inschrift einer Steinbank - und wollte keine Kleinigkeit übergehen , sie müßte denn Bevölkerung , Stallfütterung , Wiesenwuchs , Lehmboden und dergleichen betroffen haben . » Drinnen will ich « , sagt ' er zu sich , » da ich doch einem großen Herren ähnlich scheinen soll , mein déjeuner dinatoire einnehmen « , und trat in den Krug . Nr. 40. Cedo nulli Wirtshäuser - Reisebelustigungen Der Notarius , der unter die Menschen gehörte , welche wohl jahrelang daheim sparen können , aber nicht unterwegs - hingegen andere kehren es gerade um - , foderte keck sein Nößel Landwein . Dabei aß und saß er und beobachtete vergnügt die Wirtsstube , den Tisch , die Bänke und die Leute . Als einige Handwerkspursche ihren Kaffee bezahlten : bemerkte er sehr wahr , daß die Milchtöpfchen in Franken ihren Gießschnabel dem Henkel gegenüber haben , in Sachsen aber links oder gar keinen . Mit gedachten Purschen ging seine Seele heimlich auf Reisen . Gibt es etwas Schöneres als solche Wanderjahre in der schönsten Jahrszeit und in der schönsten Lebenszeit , bei solchen Diätengeldern , die man unterwegs bei jedem Meister erhebt , und bei solcher Leichtigkeit , in die größten Städte Deutschlands ohne alle Reisekosten zu gehen , und sobald kaltes nasses Wetter einbricht , sogar auf einem Arbeitsstuhl häuslich zu nisten und zu brüten wie der Kreuzschnabel im Winter ? - » Warum ( schreibt sein Tagebuch Vulten ) müssen die armen Gelehrten nicht wandern , denen das Reisen und das Geld dazu gewiß ebenso nötig und dienlich wäre als allen Gesellen ? « » Draußen im Reich « , sagte stets Walts Vater , wenn er bei Schneegestöber von seinen Wanderjahren erzählte ; und daher lag dem Sohne das Reich in so romantischem Morgentau blitzend hin als irgendeine Quadratmeile von Morgenland ; in allen Wandergesellen verjüngte sich ihm die väterliche Vergangenheit . Jetzt fuhr ein Salzkärrner mit einem Pferde vor , trat ein , wusch sich in einer ganz fremden Stube öffentlich und trocknete sich mit dem an einem Hirschgeweih hängenden Handtuch ab , ohne noch für einen Kreuzer verzehrt oder begehrt zu haben . Walt bewunderte den kräftigen Weltmann , ob er gleich nicht fähig gewesen wäre , sich nur unter vier Augen die seinigen zu waschen . Dennoch exerzierte er - da er in etwas getrunken - einige Wirtshaus-Freiheiten und ging in der Stube wohlgemut umher , ja auf und ab . Ob er gleich nicht imstande war , unter einer fremden Stubendecke den Hut aufzubehalten - sogar unter seiner sah er ungern bedeckt aus dem Fenster aus Artigkeit - : so hatt ' er doch seine Freude daran , daß andere Gäste ihren aufhatten und sonst überall von den herrlichen akademischen Freiheiten und Independenzakten der Wirtsstuben den besten Gebrauch machten , es sei , daß sie lagen oder schwiegen oder sich kratzten . Ihm schienen die Wirtsstuben ordentlich als hübsche geräumliche , aus abgebrochenen eingeäscherten Reichsstädten unversehrt herausgehobene reichsunmittelbare Diogenes-Fässer vorzukommen , als hübsche aus Marathons-Ebenen ausgestochne Grünplätze , vom Keller grünend gewässert . Es wurde schon erwähnt , daß er auf und ab ging ; aber er ging weiter und - denn das Wirtshausschild setzt ' er als Achilles-Schild vor , den Weinbecher als Minervens-Helm auf- schrieb unter aller Augen ein und das andere Texteswort in seine Schreibtafel , um , wenn er allein wäre abends im Quartier , darüber zu predigen . Auch trug er ein , daß auf dem Schilde des Wirtshäuschens ein Schilderhäuschen stand . Der Mut der Menschen wächset leicht , ist er nur herausgekeimt ; - Kommende grüßten leise , Gehende laut ; der Notarius dankte beiden lauter . Er war so freudig bei einem Freudenbecher , den nicht einmal sächsischer Landwein hätte wässern können . Er liebte jeden Hund , und wünschte von jedem Hund geliebt zu sein . Er knüpfte deswegen mit dem Wirtsspitze - um nur etwas für das Herz zu haben - ein so enges Band von Bade-Bekanntschaft und Freundschaft an , als ein Stückchen Wursthaut bei solchen Wesen sein kann . Für warmherzige Neulinge sind wohl stets die Hunde die Hundssterne , durch deren Leitung sie zur Wärme der Menschen zu gelangen suchen , sie sind sozusagen die Saufinder und Trüffelhunde tief versteckter Herzen . » Spitz , gib die Pfote « , rief der Wirt in Härmlesberg . Spitz , oder der Spitz - denn der Gattungsname ist , was bei dem Menschen selten , in Deutschland und in Haßlau zugleich der persönliche , ausgenommen in Thüringen , wo die Spitze Fixe heißen - Spitz drückte dem Notar die Hand , soweit er wußte . » Gebt dem Herrn auch eine Patschhand , Bestien « , rief der Wirt , als drei kleine , armlange , geputzte Mädchen von einerlei Statur und Physiognomie an der Hand einer jungen schönen , aber schneeblassen Mutter hereintraten aus der Schlafkammer . » Es sind Drillinge und sollen zu ihrer Frau Patin « , sagte der Wirt . Gottwalt schwört im Tagebuch , daß etwas » Allerliebsteres , Herzinniglicheres « es gar nicht gebe , als drei so liebe hübsche , niedliche Mädchen von einerlei Höhe mit ihren Schürzchen und Häubchen und runden Gesichterchen sind , wobei nur zu bedauern sei , daß es Drillinge gewesen , und nicht Fünflinge , Sechslinge , Hundertlinge . Er küßte sie alle vor der ganzen Wirtsstube kurz und wurde rot ; - es war halb , als hab ' er die zarte bleiche Mutter mit der Lippe angerührt ; auch sind ja die guten Kinder die schönste Wesen- und Jakobsleiter zur Mutter . Dabei sind solche winzige Mädchen für Notarien , welche ohne Mut und ohne Elektrisier- und Sprachmaschine für erwachsene Mädchen dazustehen fürchten , ordentlich die schönen Ableiter und Zuleiter , geschenkte Rechenknechte für den Augenblick ; - man wundert sich fröhlich und heimlich , daß man ein Ding wie ein Mädchen so dreist umhalset . Walt wurde der Kleinen später satt als sie seiner . Er war ja dem Drilling - als eigner Zwilling - viel verwandter als alle Gäste in der Stube . Er beschenkte sie geldlich zur höchsten Freude der Mutter . Dafür bekam er drei Küsse , die er lange zurücklieferte , nur bei sich betrübt , daß ein Tauschhandel solcher Artikel selber so früh dem Tausche der Zeit heimfalle . » Ei , Herr guter Harnisch ! « sagte der Wirt . Walt wunderte sich über die Kenntnis seines Namens , aber nicht ohne Vergnügen , ja mit einiger Hoffnung , daß es , nach einem solchen Anfange zu urteilen , wohl noch seltsamere Avantüren zu erleben gebe . Er wollte daher lieber nicht fragen , wie und wo und wann , aus Furcht , um seine Hoffnung zu kommen . Mit Wollust sah er zu , wie der Vater sich von den Kindern Äpfel abkaufen ließ , um Walts Geld von ihnen zu haben - und wie die Mutter dem ersten Drilling Brot zulangte , damit er wie der davon furchtsam eine Ziege unter dem Fenster abknuppern ließe - und wie der zweite herzhaft in einen Apfel einbiß , ihn dem dritten zum Beißen hinhielt , und wie beide ihn wechselnd anbissen und reichten und jedesmal lächelten . » O wär ' ich nur ein wenig allmächtig und unendlich « , dachte Walt , » ich wollte mir ein besonderes Weltkügelchen schaffen und es unter die mildeste Sonne hängen , ein Weltchen , worauf ich nichts setzte als lauter dergleichen liebe Kinderlein ; und die niedlichen Dinger ließ ' ich gar nicht wachsen , sondern ewig spielen . Ganz gewiß , wenn ein Seraph himmelssatt wäre oder sonst die goldnen Flügel hängen ließe , könnt ' ich ihn dadurch herstellen , daß ich ihn einen Monat lang auf meine springende jubelnde Kinderwelt herabschickte , und kein Engel könnt ' , solange er ihre Unschuld sähe , seine eigene verlieren . « Endlich rückten die Kinder , einander an den Händen zu führen befehligt , mit der Mutter aus , zur Frau Patin . Ein langer Tiroler mit grünem Hut , von welchem bunte Bänder flatterten , trat singend hinein . - Walt trank und brach auf . Schön war draußen die Welt , sogar noch in Härmlesberg . Im Dorfe wurde Zimmerholz mit lauten Schlägen zugehauen und , mit der roten Meßschnur angeschnellet , in gerade Formen abgeteilt ; - alle Kinderszenen unter dem Bauholz seines Vaters kamen mit dem Rosenhonig der Erinnerung aus den Kindheitsrosen beladen zurück . Bleicherinnen mit großen Hüten begossen , leicht gebückt , die weißen Beete aus Flachs-Lilien . Aus dem Hut , den ein Mädchen an langen Bändern an der Hand herunterhängen ließ , floh er zu den blauen , gelben Glaskugeln eines Gartens auf und wiegte sich überall . Jetzt kam er in die lange Gasse des aus Bergen wie aus Palästen zusammengereiheten Rosana-Tals hinein - Edens Gartenschlüssel wurden ihm vorn überreicht , und er sperrte es auf . » Der völlige Frühling ist da , der Orpheus der Natur , sagt ' ich ( schreibt er ) , denn die Wiesen blühen ja - die Dotterblumen stehen so dicht - den Heu-Bergen ziehen kleine Kinder mit großen Rechen kleine Hügel zu - oben aus den Wäldern der Berge ruft die Waldlerche und die Drosseln herrlich herunter - schöne Frühlingswinde ziehen durch das lange Tal - die Schmetterlinge und die Mücken halten ihren Kinderball , und der Rosennachtfalter oder das Goldvögelchen sitzt still auf der Erde - die Blätter der Kirschbäume glühen rot , wie ihre Früchte , nach , und statt blasser Blüten fallen schön bemalte Blätter - und im Frühling wie im Herbste zieht die Sonne am Spinnrade der Erde fliegendes Gewebe aus - - wahrhaftig es ist ein Frühling , wie ich noch selten einen gesehen . « Im hohen Äther waren zarte Streifen Silberblumen gewebt , und meilen-tief darunter zog langsam ein Wolken-Gebürge nach dem andern hin ; - zwischen diese aufgebauete Kluft im Blau flog Walt und wandelte auf dem Himmelswege aus Duft leicht dahin und sah oben noch höher auf . Doch sah er auch herab ins heimliche Tal - sah den stillen glatten Fluß darin gleiten - Wälder bogen sich liebend von einem Bergrücken hinein , am andern glänzten Trauben und Weinbergshäuschen und reife Beete . Er fuhr wieder hernieder in sein langes Tal , wie auf einen Eltern Schoß . » Wie geht es sich so schön in den Säulenhallen der Natur , auf dem Grün und zwischen dem Grün , in ewiger Begleitung des unendlichen Lebens ! « sang er , ohne besondere Metrik , laut hin und sah sich um , damit niemand seine Singstimme belausche . » Wallet nur hin , ihr hübschen Schmetterlinge , und genießet die Honigwoche des kleinen Seins - ohne Hunger , ohne Durst30- ein schönes Sonnenleben - ein Liebessein - und die einzige Kammer des Herzens ist nur eine ewige Brautkammer der Liebe - beugt die Blumen - lasset euch wehen - spielt im Glanz und entzittert nur linde wie Blüten dem Leben . « Er sah eine Herde stummer Nachtigallen , die sich zum nächtlichen Abzug rüsteten . » Wo fliegt ihr hin , ihr süßen Frühlings-Klänge ? Sucht ihr die Myrte zur Liebe , sucht ihr den Lorbeer zum Sange ? Begehrt ihr ewige Blüten und goldne Sterne ? So fliegt nur ohne Stürme unter unsern Wolken fort und besingt die schönsten Länder , aber fliegt dann liebesbrünstig in unsern Frühling zurück und singt dem Herzen in schmachtenden Tönen das Heimweh nach göttlichen Ländern vor . Ihr Bäume und ihr Blumen , ihr neigt euch hin und her und möchtet noch lebendiger werden und reden und fliegen , ich liebe euch , als wär ' ich eine Blume und hätte Zweige ; einstens werdet ihr höher leben . « Und da bog er einen tief ans Wasser sich neigenden Zweig gar ein wenig in die Wellen hinein . Plötzlich hört ' er in tiefer Ferne hinter sich eine Flöte durch das Tal gleichsam auf dem Strom herunterkommen , dem Wehen entgegen . Die Ferne ist die Folie der Flöte ; und ihm , der mehr ihren Ton als ihren Gang verstand , war keine nahe gute nur halb so lieb . Die Töne schienen nachzukommen , doch schwächer . Am Wege stand eine Steinbank , die ihn in dieser Einsamkeit schön an die Menschensorge für andere Menschen erinnerte . Er setzte sich ein wenig darauf , um gleichsam zu danken . Aber er legte sich bald ins hohe Ufer-Gras , um der guten Erde , die zugleich der Stuhl , der Tisch und das Bette der Menschen ist , näher zu sein , und regte sich wenig , um die im warmen stillen Uferwinkel spielenden Eintags-Fischchen nicht wegzuschrecken . Er liebte nicht einen und den andern Lebendigen , sondern das Leben , nicht einmal die Aussichten , sondern alles , die Wolke und den Gras-Wald der goldnen Würmchen , und er bog ihn auseinander , um ihren Aufenthalt zu sehen und ihre Brotbäumchen und ihre Lustgärtchen . Er hielt lieber mit Schreiben und Dichten auf seiner Schreibtafel innen , wenn ein buntes weiches Wesen über die glatte Fläche sich wegarbeitete , als daß er es weggeschnellet oder gar erdrückt hätte . » Gott , wie könnte man ein Leben töten , das man recht angesehen , z.B. nur eine halbe Minute lang « , fragt ' er . Er hörte die Flöte , die gleichsam aus dem Herzen der stummen Nachtigallen sprach . Heiße Freudentropfen sog das dunkle Getön aus seinem von tausend Reizen überfüllten Auge . Jetzt schlugen ein paar große helle Tropfen aus einer warmen Flug-Wolke über ihm auf seine flache Hand herab - er sah sie lange an , wie er es sonst als Kind bei Regentropfen gemacht , weil sie vom hohen fernen heiligen Himmel gekommen . Die Sonne stach auf die weiße Haut und wollte sie wegküssen - er küßte sie auf und sah mit unaussprechlicher Liebe nach dem warmen Himmel auf , wie ein Kind an die Mutter . Er sang nicht mehr , seitdem er hörte und weinte . Endlich stand er auf und setzte seinen Himmelsweg fort , als er einige Schritte in der Nähe einen aus der Hutschnur eines Fuhrmanns entfallenen Zollzettel auf dem Wege gewahr wurde . In der Hoffnung , daß er dem Mann vielleicht nachkomme und ihn finde , hob er das Blättchen auf ; weil ihm nichts Fremdes klein , wie nichts Eignes wichtig vorkam , und weil sein poetischer Sturm leichter einen Gipfel bog als eine Blume . Wenn die Leidenschaft glutverworren auffliegt wie ein brennendes Schiff : so fliegt die zarte Dichtkunst des Herzens nur auf wie eine goldne Abendrot-Taube , oder wie ein Christus , der gen Himmel geht , weil er eben die Erde nicht vergisset . Die Flöte floß ihm immer durch das Bette des Tales nach , ohne doch weder näherzukommen , wenn er stand , oder zurückzubleiben , wenn er lief . Jetzt schwang sich die Landstraße plötzlich aus dem Tale den Berg hinauf . - Die Flöte drunten wurde still , da sich oben die Weltfläche weit und breit vor ihm auftat und sich mit zahllosen Dörfern und weißen Schlössern anfüllte und mit wasserziehenden Bergen und mit gebognen Wäldern umgürtete . Er ging auf dem Bergrücken wie auf einer langen Bogen-Brücke über die unten grünende Meeresfläche zu beiden Seiten hin . Er war ganz allein und vor Ohren sicher , er pfiff frei daher figurierte Choräle , Phantasien und zuletzt alte Volksmelodien und hörte nicht einmal auf , wenn er einatmete . Gegen die Natur aller andern Blasinstrumente bleibt diese Mundharmonika , wie die andere , romantisch und süß in großer Nähe - keinen halben Fuß vom Ohre - und wie bei der Musik im Traum ist hier der Mensch zugleich der Instrumentenmacher , Komponist und Spieler , ohne im geringsten einen andern Lehrmeister dazu gehabt zu haben als wieder sich , den Schüler selber . Immer betrunkner und glücklicher wurde Walt , als er auf dieser ersten Schäferpfeife , auf diesem ersten Alphorn fortblies , dem Morgenwinde entgegen , der die Töne in die Brust zurückwehte ; und zuletzt wurd ' ihm , als komme das verwehte Getön aus weiter Ferne her . Da er lange so ging und träumte - da er von dem Bergrücken bald links in die Hirtenstücken der Wiesen hinuntersah und zu den Kirchtürmen von Altengrün - von Joditz von Talhausen - von Wilhelmslust - von Kirchenfelda - und die Jagd- und Lustschlösser erblickte , deren beide Namen allein , wie romantische Zauberworte , alte Gegenden und Paradiese der Kinderseele erscheinen ließen - da er bald wieder rechts hinunterschauete auf die zweite Ebene , worin sich der gerade Fluß seines Tales , die Rosana , freigeworden , auf einem blumigen Tanzplatz schlängelte und das Silber-Schild der Sonne trug und immer zeigte - und da er das Auge auf die Lindenstädter Gebürge warf , wo unter den hohen hellen Laubholzwäldern die dunklen Tannenwaldungen gleichsam nur als breite Schlagschatten zu stehen schienen - und da er in den Himmel sah , worin still und leicht die Wolke und die Taube flog - und da in den Wäldern des Tals die Herbstvögel schrien und in den Steinbrüchen einzelne Schüsse lang forthalleten : so schwieg er wie aus Andacht vor Gott und dachte dem , was er singen wollte , nach , als ob der Unendliche nicht auch das Denken höre ; bis er mit leiser Stimme den Streckvers sang und wiederholte , den er schon längst gemacht : » O wie ist der Himmel , wie die Erde so voll freudiger Stimmen ! Viel schöner als dort , wo einstens der Chorus laut jammerte und nur Niobe schwieg und unter dem Schleier stand mit dem unendlichen Weh , jauchzen die Chöre im Himmel und auf Erden , und nur der Allselige ist still , und der Äther verschleiert ihn . « Darauf sah er gen Himmel , nannte Gott zweimal du und schwieg lange ; und hielt es für erlaubt , sogleich an Wina zu denken . Plötzlich kam ein altes vertrautes , aber wunderbares Mittagsgeläute aus den Fernen herüber , ein altes Tönen wie aus dem gestirnten Morgen dunkler Kindheit ; siehe , meilen-tief in Westen sah er Elterlein hinter unzähligen Dörfern liegen und glaubte die alte Dorfglocke zu erkennen und Winas weißes Bergschloß , ja sogar das elterliche Haus . Er dachte voll Sehnen an seine fernen Eltern - an das Stilleben der Kindheit - und an die sanfte Wina , die ihm , auch im Stilleben ihrer Kindheit , einst die Aurikeln in die Hand gelegt - sein Auge hing an den östlichen Gebürgen im stillen Blau , hinter welche er wie hinter Klostermauern Wina als sanfte Nonne in Blumen ihres Klostergartens sinnend gehen ließ . Glocken aus mehreren Dörfern tönten zusammen der Morgenwind rauschte stärker - der Himmel wurde blauer und reiner - der bunte leichte Teppich des Erdenlebens breitete sich über die Gegend aus und flatterte an den Enden , und Walt wohnte , wie ein Traum , nur in der Vergangenheit . Er sang voll Seligkeit und nannte ihren Namen nicht : » Es zieht in schöner Nacht der Sternenhimmel , es zieht das Frühlings-Rot31 , es schlägt die Nachtigall - und der Mensch schläft und merkt es nicht ; - endlich geht sein Auge auf , und die Sonne sieht ihn an . O Lina , Lina , du gingst auch vorüber mit deinen Blumen - mit den süßen Tönen - und mit Liebe - aber mein Auge war blind ; nun ist es aufgetan , allein die Blumen sind verwelkt , die Worte sind vergangen , und du glänzest hoch als Sonne . « Hier kehrte er um vor dem lauten Wehen ; er fand die Welt sonderbar still um sich ; nur das Geläute klang allein und leise , wie Schalmeien der Kindheit , und er wurde sehr bewegt . Er lief wieder und sang immer heißer : » Nasses Auge , armes Herz ,