über Augenlider gleitet , nur über die kleinen Duft-Vasen , ohne das volle Gärtchen von zarten Staubfäden , das sich im Kelche drängte , raubend anzustreifen : » Wie lieblich , wie so gar zart ! « ( sagte sie kindlich-froh ) - » Wie fünf kleine Abendsterne ! - Warum kommen sie nur nachts , die lieben scheuen Blumen ? « - Karl schien eine brechen zu wollen . » O laß sie leben « ( bat sie ) - » morgen sind sie ohnehin tot . - Karl ! so welkt so viel « , setzte sie leiser dazu . » Alles ! « sagt ' er barsch . -Aber die Mutter hatt ' es wider Lianens Willen gehört : » Solche Sterbe-Gedanken « ( sagte sie ) » lieb ' ich an der Jugend nicht , sie lähmen ihr die Flügel . « - » Und dann « ( versetzte Liane , es mädchenhaft-umkehrend ) » bleibt sie eben ; wie der Kranich in Kleists Fabel , dem man die Flügel brach , damit er nicht fortzog mit den übrigen ins warme Land . « Dieser heitere bunte Schleier des tiefen Ernstes war unserem Freunde nicht durchsichtig genug . Aber später hatte das gute Mädchen Mühe , so auszusehen , wie die sorgsame Mutter es wollte . Die betäubende Vorstecklilie der Erde , der Mond - und das ganze blendende Pantheon des Sternenhimmels - und die mit Nacht-Lichtern durchbrochne Stadt - und die majestätischen hohen schwarzen Alleen - und auf Fluren und Bächen das milchblasse Lunens-Silber , womit sich die Erde in einen Abendstern einspann - und die Nachtigallen aus fernen Gärten - rührte denn das nicht jedes Herz allmächtig an , daß es weinend seine Sehnsucht bekennen wollte ? Und das weichste , das jetzt unter den Sternen schlug , hätte vermocht , den Schleier ganz über sich zu ziehen ? - Beinahe ! Sie hatt ' es vor der Mutter gewohnt , die Träne , eh ' sie wuchs , sozusagen mit dem Auge abzutrocknen . Sonderbar erschien sie in der nächsten Minute dem Grafen . Die Mutter sprach mit dem Sohn . Liane stand , fern von jenem , mit halbverwandtem , vom Monde ein wenig entfärbtem Gesicht neben einer weißen Statue der heiligen Jungfrau und blickte in die Nacht . Auf einmal schauete und lächelte sie an , gleichsam als erschien ' ihr ein lebendiges Wesen im Äther-Abgrund , und die Lippe wollte reden . Erhabner und rührender war ihm noch keine Erdengestalt begegnet ; das Geländer , in das er griff , ging hin und her ( aber er selber regte es ) , und seine ganze Seele rief : heute , jetzt lieb ' ich die Himmlische am höchsten , am innigsten . So sagt ' er neulich auch , und so wird er öfter sagen ; kann der Mensch mit den unzähligen Wogen der Liebe Höhenmessungen anstellen und auf diejenige zeigen , die am meisten stieg ? - So glaubt der Mensch stets , wo er auch stehe , in der Mitte des Himmels zu stehen . Ach in dieser Minute wurd ' er wieder überrascht , aber eben mit einem Ach . Liane ging zur Mutter , und als sie an der Hand der Gefälligen ein kleines Schaudern fühlte , drang sie in sie , aus der Nachtluft zu gehen , und gab nicht eher nach , als bis sie mit ihr die Zauberstätte verließ . Die Freunde blieben zurück . Nach Albanos Rechnung wär ' es freilich nicht zu viel gewesen , hätte man sich in dieser offenherzigen Zeit , worin unsere heiligern , vom gemeinen Tage bedeckten Gedanken sich wie Sterne offenbaren , bis gegen Morgen auf dem Dache aufgehalten . Beide gingen eine Zeitlang schweigend auf und ab . Endlich hielt sie der Rauchaltar der fünf Blumen fest . Albano faßte zufällig die nahe Statue mit beiden Händen und sagte : » An hohen Orten will man gern etwas hinabstürzen - sogar sich oft . - Und hinein in die Welt , in weite ferne Länder möcht ' ich mich auch stürzen , sooft ich in das Nachtrot dort schaue - und sooft ich unter Orangerie-Blüten komme , wie unter diese . Bruder , wie ist dir ? - Der Himmel und die Erde breiten sich so aus : warum soll denn der Geist so zusammenkriechen . ? « - » Mir ist ebenso , « ( sagt ' er ) » und im Kopf hat der Geist überhaupt mehr Gelaß als im Herzen . « Aber hier ging er zart-erratend auf schönen Umwegen zur zufälligen Eröffnung über , warum seine Schwester so bald hinuntergeeilet . » Bis zum Eigensinn « ( sagt ' er ) » treibe sie die Aufmerksamkeit für die Mutter - das letztemal merkte sie , daß die Mutter das Erblassen unter dem Tanze sehe , sofort hörte sie auf - nur ihm zeige sie das ganze Herz und jeden Blutstropfen und alle unschuldigen Tränen darin - besonders glaube sie etwas von der Zukunft , was sie der Mutter sorgsam verdecke . « - - » Sie lächelte vorhin für sich , « ( sagte Albano und legte auf seine Augen Karls Hand ) » als sähe sie ein Wesen aus der Schleier-Welt droben . « - » Hast du das « ( versetzte Karl ) » auch gesehen ? Und dann regte sie die Lippe ? - O Freund , Gott weiß , was sie betört ; aber das ist gewiß , sie glaubt fest , sie sterbe künftiges Jahr . « - Albano ließ ihn nicht weitersprechen , zu heftig aufgeregt drückte er sich an des Freundes Brust , sein Herz schlug wild , und er sagte : » O Bruder , bleibe stets mein Freund ! « Sie gingen hinab . Im Zimmer , das an Lianens ihres stieß , fanden sie ihr Pianoforte offen . Wahrlich das wars , was dem Grafen fehlte . In der Leidenschaft ( sogar im bloßen Feuer des Kopfes ) greift man weniger nach der Feder als nach der Saite ; und nur in ihr gelingt das musikalische Phantasieren besser als das poetische . Albano setzte sich - indem er der Tonmuse dankte , daß es vierundvierzig Ausweichungen gebe - mit dem Vorhaben an die Tasten , nun eine musikalische Feuertrommel zu rühren und wie ein Sturm in die stille Asche zu brausen und ein helles Funkenheer von Tönen aufzujagen . - Er tats auch , und gut genug und immer besser ; aber das Instrument sträubte sich . Es war für eine weibliche Hand gebauet und wollte nur in weiblichen Tönen , mit Lauten-Klagen reden , als eine Freundin mit einer Freundin . Karl hatt ' ihn nie so spielen gehört und erstaunte über die Fülle . Aber die Ursache war , der Lektor war nicht da ; vor gewissen Menschen - und darunter gehörte dieser - gefriert die spielende Hand , so daß man nur in einem Paar Blechhandschuhen hin- und herarbeitet ; und zweitens , vor einer Menge spielt sichs leichter als vor einem , weil dieser bestimmt vor der Seele haftet , jene aber zerflossen . Und noch dazu , beglückter Albano ! du weißt , wer dich hört . - Die Morgenluft der Hoffnung umflattert dich in Tönen - das wilde Jugendleben schreitet mit rüstigen Gliedern und lauten Schritten vor dir auf und ab - das Mondlicht , von keinem irdischen groben Lichte verunreinigt , heiligt das tönende Zimmer . - Lianens letzte Gesänge liegen vor dir aufgeschlagen , und der anrückende Mondschein kann dich sie bald lesen lassen - und die Nachtigall in der Mutter nahem Zimmer kämpfet , wie von der Tuba ins Feld gerufen , mit deinen Tönen . - - Liane trat mit ihrer Mutter erst spät herein , weil das heftige Ton-Getümmel für beide etwas Hartes und Peinigendes hatte . Er konnte beide seitwärts am untern Fenster sitzen sehen , und wie Liane die Hand der Mutter hielt . Karl ging in weiten Schritten nach seiner Sitte auf und ab und stand zuweilen an ihm still . Albano trat in dieser Nähe der stillen Seele bald aus der harmonischen Wildnis in mondhelle einfache Stellen heraus , wo nur wenige Töne sich wie Grazien und ebenso leicht verbunden hold bewegen . Der künstliche Wirrwarr enharmonischer Irrlichter ist nur der Vorläufer der melodischen Charitinnen ; und nur diese allein schmiegen sich an die weicheren Seelen an . Ihm war bis zur Täuschung , als sprech ' er laut mit Lianen ; und wenn die Töne immer wie Liebende dasselbe wiederholten vor Innigkeit und Lust : meinte er nicht Lianen und sagte ihr : wie lieb ' ich dich , o wie lieb ' ich dich ? Fragt ' er sie nicht : was klagest du , was weinest du ? - Und sagt ' er nicht zu ihr : blick in dies stumme Herz und flieh es nicht , o Reine , Fromme , Meine ? Wie errötet der Gute , als plötzlich der liebkosende Freund ihm die Hände um die Augen legte , die bisher ungesehen im Dunkel vor Liebe übergeflossen waren ! - Karl trat heftig zur Schwester , und sie nahm selber seine Hand und sagte Worte der Liebe . Dann flüchtete sich Albano in die brausende Wildnis so lange , bis die Augen getrocknet waren für den beleuchteten Abschied - langsam ließ er die Wiege unsers Herzens ausschwanken und schloß so mild ' und leise und verstummte ein wenig und stand langsam auf . - - O in dieser jungen stummen Brust lebte alles , womit die herrlichste Liebe segnen kann ! Sie schieden ernst . - Niemand sprach über die Töne - Liane schien verklärt - Albano wagt ' es in dieser Geisterstunde des Herzens nicht , mit einem Auge , das sich so kurz vorher gestillet hatte , lang ' auf ihren milden blauen zu ruhen . - Ihre gerührte Seele drückte sie , wie Mädchen pflegen , bloß am Bruder durch eine heißere Umarmung aus . - Und dem heiligen Jüngling konnte sie scheidend den Ton und den Blick nicht verhehlen , den er nie vergisset . - Er erwachte oft in dieser Nacht und wußte nicht , was sein Wesen so selig wiege - ach der Ton war es , der durch den Schlummer nachklang , und das liebe Auge , das ihn noch in Träumen anblickte . Zwölfte Jobelperiode Froulays Geburtstag und Projekte - Extrablatt - Rabette - die Harmonika die Nacht - der fromme Vater - die Wundertreppe - die Erscheinung 58. Zykel Glücklicher Albano ! du wärest es nicht geblieben , hättest du am Geburtstage des Ministers das gehöret , was er da vorbrachte ! Schon seit geraumer Zeit war Froulay voll bedenklicher gewitterhafter Zeichen , und jede Minute konnte - mußte man fürchten - der Donnerschlag aus ihm fahren ; er war nämlich munter und mild . So drohet auch bei phlegmatischen Kindern große Munterkeit Ausbruch der Pocken . Da er Hausvater war und Despot - die Griechen hatten für beides nur das Wort Despot- : so erwartete man von ihm als ehelichem Wettermacher94 , er werde die gewöhnlichen Stürme und Ungewitter für die Familie besorgen . - Eheliche Gewittermaterie zum bloßen Trüben der Ehe kann nie fehlen , wenn man bedenkt , wie wenig sogar zum Scheiden derselben gehöret , z.B. bei den Juden bloß , daß die Frau zu laut schreie , das Essen anbrenne , ihre Schuhe am Platze der männlichen lasse u.s.w. Noch dazu war manches da , worüber gut zu donnern war ; z.B. Liane , an welcher man die Missetat des - Bruders heimsuchen konnte , weil dieser hartnäckig wegblieb und um keine Gnade bat . Man ist immer gern auf Frau , Tochter und Sohn zugleich ungehalten und lieber ein Land- als Strichregen ; ein Kind kann leichter eine ganze Familie versalzen als versüßen . Aber Froulay verblieb der lächelnde Johannes . Ja trieb ers nicht die Beweise hab ' ich - so weit damit , daß er , da die Tochter der Prinzessin einmal beim Abschiede um den Hals fiel , anstatt ihr mit blitzenden Augen vorzuhalten , wie man Vertraulichkeiten bei Höhern nur annehmen , nicht erwidern und sich eben da nicht vergessen müsse , wo sie sich vergessen - und anstatt ernst zu fragen , ob sie ihn je in seiner wärmsten Liebe gegen den Fürsten wider die déhors habe verstoßen sehen - daß er , sag ' ich , anstatt dieses hagelnd und stürmend zu tun , diesesmal bloß in die schönen Worte ausbrach : » Kind , du meinst es zu gut mit deiner vornehmen Freundin ; frage deine Mutter , sie weiß auch , was freundschaftliche liaisons sind . « Bloß Liane - obwohl so oft von dieser Meerstille hintergangen - war voll unsäglicher Hoffnung und Freude über den häuslichen Frieden und glaubte Bestand , zumal in der Nähe des väterlichen Geburtstages , dieser Olympiade und Normalzeit , wornach das Haus vieles rechnete . Das ganze Jahr lauerte der Minister auf diesen Tag , um am Morgen , wenn die Wünsche kamen , das sichtbare Vergessen desselben nicht zu vergessen , sondern darüber zu erstaunen - die Geschäfte machens , sagt ' er - und um abends , wenn die Gäste kamen - der Geschäfte wegen dinier ' er nie , sagt ' er - , erstaunen zu lassen . Er war wechselnd der Anbeter und der Bilderstürmer der Etikette , ihre Ministerial- und Oppositionspartei , wie es gerade sein Schimmer gebot . Liane drang so lange in den Bruder , bis er den Vater mit etwas zu erfreuen versprach : er machte dazu ein Familienstückchen , worein er die ganze Beicht-Nacht zwischen sich und Albano einschob , nur daß er Albano in eine Schwester verkehrte . Gern lernte Liane noch diese Rolle für den Geburtstag ein , ob sie gleich die blühende Weste lieferte . Der Minister nahm die Weste , den Hauptmann und dessen Komödienzettel des abendlichen Spiels wider Vermuten - gütig auf ; da er sonst wie einige Väter desto lauter knurrte , je öfter ihn die Kinder streichelten . Er tanzte wie ein Polacke95 ganz aufgeräumt mit seiner Familie dahin und versteckte die Peitsche fest unter den Pelz . Es ging ihm jetzt nichts Schlimmers im Kopfe herum als bloß die Frage , wo das Liebhabertheater am besten , ob im Salon de lecture oder ob im Salon der bains domestiques aufzuschlagen ; denn beide Säle waren ganz von einander und von andern Zimmern durch die Namen unterschieden . Der Tag kam . Albano , dessen Einladung Karl ertrotzen müssen , weil der Minister seinen Stolz hassete aus Stolz , brachte leider den Ton in seiner Seele mit , den ihm das letztemal Liane nach Hause gegeben . Seine Hoffnung hatte bisher von diesem Tone gelebt . O verdenkts ihm nicht ! Das luftige Nichts eines Seufzers trägt oft eine Schäferwelt oder einen Orkus auf dem Ephemeren-Flügel . Alles Wichtige ist wie ein Fels auf einen Punkt zu stellen , wo es ein Kinderfinger drehen kann . Aber der Ton war verklungen . Liane wußt ' es gar nicht anders , als daß man unter der Visitengemeinde - deren moralische Pneumatophobie96 sie nicht einmal ganz kannte - vor jede betende Empfindung den Kirchenfächer halten müsse . Logen , Parterre und Groschengalerie wurden fast um die gewöhnliche Schauspielszeit mit stiftsfähigen Gratulanten verziert und ausgefüllt . Der deutsche Herr ragte sehr hervor durch den reichen Trotz seiner Verhältnisse . Von der Visitenkompagniegasse kann im Durchgehen nur angemerkt werden , daß in ihr und im antiphlogistischen System der Sauerstoff die Hauptrolle spielte , welchen aber weniger die Lunge abschied als das Herz . - Als der Vorhang auseinanderging und Roquairol jene Nacht der Vergebung und Entzückung noch feuriger wieder vorbeiführte , als sie gewesen war ; als diese träumerische Nachäffung erst die rechte Wirklichkeit schien : wie glühend und tief brannt ' er sich dadurch in seines Freundes Seele ein ! ( Guter Albano ! Diese Kunst , sein eigner révenant , sein Vexier- und After-Ich zu werden und die Prachtausgabe des eignen Lebens nachzudrucken , hätte dir kleinere Hoffnungen verstatten sollen ! ) - Der Graf mußte in der ernsthaftesten Sozietät , die je um ihn saß , ausbrechen in ein unschickliches - Weinen . Und warum legte Karl Albanos Worte in jener Nacht der zauberisch-gerührten Liane in den Mund und machte die Liebe durch so viele Reize groß bis zum Schmerz ? - Selber der deutsche Herr gab Lianen , diesem weißen Schwan , der errötend durch das Abendrot des Phöbus schwamm , mehrere laute und dem Grafen verdrüßliche Zeichen des Beifalls . Der Minister war hauptsächlich froh , daß das alles zu seiner Ehre vor falle und daß die Pointe des letzten Aktes ihm noch einen ganz besondern epigrammatischen Lorbeerkranz auf den Scheitel werfen müsse . Er überkam den Kranz . - Das Kinderpaar wurde von der anwesenden Erlanger Literaturzeitung und von der Belletrischen sehr günstig rezensiert und mit Kronen überdeckt , mit edlen Märtyrerkronen . - Der deutsche Herr hatte und brauchte das laute Recht , die Krönung und den Kronwagen anzuführen . Niedriger Mensch ! warum dürfen deine Käfer-Augen über die heiligen Rosen , welche die Rührung und die Geschwister-Liebe auf Lianens Wangen pflanzt , nagend kriechen ? - Aber wie noch viel munterer wurde der alte Herr - so daß er mit den ältesten Damen badinierte - , als er den Ritter sein Interesse an Lianen nicht phantastisch oder sentimentalisch , sondern durch stilles stetes Nähern und verständige Aufmerksamkeit , durch Scherze und Blicke und kluges Anreden und endlich durch etwas Entscheidendes herrlich an den Tag geben sah ! - Der deutsche Herr zog nämlich den alten in ein Kabinett hinein und beide kehrten heftigbelebt daraus zurück . Die einsame , ins eigne Herz versenkte Liane flüchtete vom Giftbaum des Lorbeers weg zur erquickenden Mutter . Liane hatte mitten in den stürmischen Mühlengängen täglicher Assembleen eine leise Stimme und ein zartes Ohr behalten , und der Tumult hatte sie eingezogen und fast scheu gelassen . Die schöne Seele erriet selten etwas - eine schöne Seele ausgenommen - ; so leicht ihr Ebenbild , so schwer ihr Gegenbild . Bouverots Annäherungen schienen ihr die gewöhnlichen Vorund Seitenpas der männlichen Höflichkeit ; und sein Ritter-Zölibat erlaubte ihr nicht , ihn ganz zu verstehen ; - prangen nicht die Lilien der Unschuld früher als die Rosen der Scham , wie die Purpurfarbe anfangs nur bleich färbt und erst später rot anglüht , wenn sie vor der Sonne liegt ? - Sie hielt sich diesen Abend der Mutter nahe , weil sie an ihr einen ungewöhnlichen Ernst wahrnahm . - Als Froulay das Geburtstags-Kränzchen , worin mehr Stacheln und Stiele als Blumen steckten , oder das Dornenkrönchen von seinem Kopfe heruntergetan hatte und in der Nachtmütze unter seiner Familie stand : macht ' er sich an das Geschäft , worauf er den ganzen Abend gesonnen hatte . » Täubchen « ( sagt ' er zur Tochter und entlehnte einen guten Ausdruck aus der Bastille97 ) - » Täubchen , lasse mich und Guillemette allein . « - Er entblößte jetzt das Ober-Gebiß durch ein eignes Grinsen und sagte , er hab ' ihr , wie er hoffe , etwas Angenehmes zu hinterbringen . » Sie wissen , « ( fuhr er fort ) » was ich dem deutschen Herrn schuldig bin « - Er meinte nicht Dank , sondern Geld und Rücksicht . - - Man will es sehr preisen an der Familie der Quintier98 , daß sie nie Gold besessen ; ich führe - ohne tausend andere Familien aufzustellen , von denen dasselbe zu beschwören ist - nur die Froulaysche an . Gewisse Familien haben wie Spießglas durchaus keine chemische Verwandtschaft mit diesem Metall , wenn sie auch wollten ; - wahrlich Froulay wollte ; er sah sehr auf seinen Vorteil ( auf etwas anderes nicht ) , er setzte ( obwohl nur in Kollisionsfällen ) gern Gewissen und Ehre beiseite ; aber er brachte es zu nichts als zu großen Ausgaben und großen Projekten , bloß weil er das Geld nicht als Endzweck des Geizes , sondern nur als Mittel des Ehrgeizes und der Tätigkeit sucht . Sogar für einige Gemälde , die Bouverot für den Fürsten in Italien gekauft , war er jenem noch den Kaufschilling schuldig , den er von der Kammer erhoben . Durch seine Schuldbriefe stand er wie durch Zirkelbriefe in ausgebreiteten Verbindungen . Er hätte gern seinen Ehekontrakt in einen Schuldbrief umgeschrieben und mit der Ministerin wenigstens die innigste Gemeinschaft - der Güter gehabt - denn unter den jetzigen Umständen grenzten Scheidung und Konkurs nachbarlich aneinander - ; aber wie gesagt , manche Menschen haben bei den besten Krallen - wie der Adler des römischen Königs99 - nichts darin . - Er fuhr fort : » Jetzt höret diese Gêne vielleicht auf . Haben Sie bisher Beobachtungen über ihn gemacht ? « - Sie schüttelte . » Ich « ( versetzt ' er ) » schon lange und solche , die mich wahrhaft soulagierten ; - j ' avois le nez bon quant à cela - er hat reelle Neigung für meine Liane . « Die Ministerin konnte keinen Verfolg erraten und bat ihn mit verdecktem Erstaunen , zur angenehmen Sache zu kommen . Komisch rang auf seinem Gesicht der freundliche Schein mit der Erwartung , er werde sich sogleich erbosen müssen ; er versetzte : » Ist Ihnen das keine ? Der Ritter meint es ernsthaft . Er will sich jetzt mit ihr heimlich verloben ; nach drei Jahren tritt er aus dem Orden , und ihr Glück ist gemacht . Vous êtes je l ' espêre pour cette fois un peu sur mes interêts , ils sont les vôtres . « - Ihr so schnell und tief getroffenes Mutterherz weinte und konnte kaum verhüllet werden . » Herr von Froulay ! « ( sagte sie nach einiger Fassung ) » ich verberge mein Erstaunen nicht . Eine solche Ungleichheit in den Jahren - in den Neigungen - in der Religion « 100 - - » Das ist des Ritters Sache , nicht unsere « , versetzt ' er , erquickt von ihrer entrüsteten Verwirrung , und warf wie das Wetter in seiner Kälte nur feinen spitzen Schnee , keinen Hagel . - » Was Lianens Herz anlangt , dieses bitt ' ich Sie eben zu sondieren . « - » O dieses fromme Herz ? - Sie persiflieren ! « - » Posito ! desto lieber wird das fromme Herz sich fügen , um das Glück des Vaters zu machen , wenn sie nicht die größte Egoistin ist . Ich möchte die gehorsame Tochter nicht gern zwingen . « - » N ' épuisez pas ce chapitre ; mon coeur est en presse . - Es wird ihr das Leben kosten , das ohnehin an so schwachen Fäden hängt . « - - Diese Erwähnung schlug allezeit Zornfeuer aus seinem Kiesel : » Tant mieux , « ( sagt ' er ) » so bleibt es bei der Verlobung ! hätt ' ich bald gesagt - sacre - - ! Und wer ist daran schuld ? So gehts mir mit dem Hauptmann auch ; anfangs versprechen meine Kinder alles , dann werden sie nichts . - Aber , Madame , « ( indem er sich schnell und giftig zusammenfaßte und statt seiner Lippen und Zähne bloß die Gehörwerkzeuge eines schlafenden Schoßhundes mäßig drückte ) » Sie allein wissen ja alles durch Ihren Einfluß auf Liane zu dressieren und zu redressieren . Sie gehorcht Ihnen vielleicht noch eher als mir . Ich werde dann nicht bei dem Ritter kompromittiert . - Die Vorteile detaillier ' ich nicht weiter . « Seine Brust wurde hier schön erwärmt unter dem Geierfell der Entrüstung . Aber die edle Frau stand jetzt unwillig auf und sagte : » Herr von Froulay ! Bis jetzt sprach ich nicht von mir - Nie werd ' ich es raten , oder billigen , oder zulassen ; ich werde das Gegenteil tun . - Herr von Bouverot ist meiner Liane nicht würdig . « - Der Minister hatte während der Rede mehrmals mit der Lichtschere ohne Not über den Wachslichtern zugeschnappt und nur die Flammenspitze geköpft ; die fixe Luft des Zorns strich jetzt die Rosen seiner Lippen ( wie die chemische die botanischen ) blau an . - » Bon ! « - ( versetzt ' er ) - » Ich verreise ; Sie können darüber reflechieren - aber ich gebe mein Ehrenwort , daß ich nie in irgendeine andere Partie konsentiere , und wäre sie « ( wobei er die Frau ironisch ansah ) » noch ansehnlicher101 als die eben projektierte - entweder das Mädchen gehorcht , oder sie leidet - decidez ! - - Mais je me fie à l ' amour que vous portez au pere , et à la fille ; vous nous rendrez tous assez contents . « Und dann zog er fort , nicht als Gewitter , sondern als Regenbogen , den er aus der achten Farbe allein verfertigte , aus der schwarzen , und zwar mit den Augenbraunen . Nach einigen mit der Mutter und - Tochter zürnenden Tagen reiste er als Luigis Geschäftsträger nach Haarhaar zur fürstlichen Braut . Die bedrängte Mutter vertrauete ihrem ältesten und einzigen Freunde , dem Lektor , das trübe Geheimnis . Beide hatten jetzt ein reines Verhältnis der Freundschaft gegeneinander , das in Frankreich durch die höhere Achtung für die Weiber häufiger ist . In den ersten Jahren der ministerialischen Zwangsehe , die nicht mit Morgentau , sondern mit Morgenreif anbrach , flatterte vielleicht der Dämmerungsvogel , Amor , ihnen nach ; aber später vertrieben die Kinder diese Sphinx . Über die Mutter wird oft die Gattin verschmerzt . Sie nahm daher mit der ihr eignen kalten und klaren Stärke alles Schwankende in ihrem Verhältnis gegen Augusti auf immer weg ; und er machte ihr die Festigkeit durch die seinige leichter , weil er bei mehr Ehr- als Weiber-Liebe über kein Flechtwerk röter wurde als über das eines Korbes und irrig glaubte , ein Empfänger habe sich so zu schämen wie eine Empfängerin . Der Lektor konnte voraussehen , daß sie auch nach ihrer Ehescheidung - die sie nur Lianens wegen verschob - schon darum unverbunden bleiben werde , um ihrer Tochter ein Allodialgut , Klosterdorf , für dessen Vorbehaltung sie nun 21 Jahre lang den Sturmbalken und Sichelwagen und Doppelhaken des alten Ministers bloßgestanden , nicht zu entziehen . Ob sie einem so festen und zarten Manne , der in nichts von ihr abwich als in der Weltkälte gegen positive Religion , nicht ihre teuere Liane selber schweigend zudenke , ist eine andere und schönere Frage . Eine solche Wechselgabe wäre einer solchen Mutter und Freundin würdig , die aus ihrem Herzen wußte , daß Zart- und Ehrgefühl zusammen einer geliebten Seele ein festeres Glück bereiten als die Genieliebe , dieser Wechsel von fliegender Hitze und fliegender Kälte , dieses Feuer , das wie das elektrische stets zweimal zertrümmert , bei dem Anfliegen und bei dem Abspringen . Der Lektor selber warf jene Frage nicht auf ; denn er machte nie unsichere , kecke Plane ; und welcher wär ' es mehr gewesen als der einer solchen Verbindung bei seiner Armut oder bei einem solchen Schwiegervater in einem Lande , wo , wie in Kursachsen , ein so wohltätiges Gesetz ( für die Eltern ) sogar eine vieljährige Ehe , die kein elterlicher Konsens geschlossen , wieder abbestellen kann ! - Mit nassen Augen zeigte die Ministerin ihm die neuen Sturmwolken , die wieder über sie und ihre Liane heraufstiegen . Sie konnte auf sein feines Auge für die Welt , auf seine stumme Lippe und auf seine gewandte Hand für Geschäfte bauen . Er sagte - wie immer - , das hab ' er alles vorausgesehen ; bewies ihr aber , daß Bouverot sein Ritterkreuz - schon aus Habsucht - nie gegen den Ehering vertauschen werde , welche Absichten er auch auf Lianen nähre . Er ließ sie , soweit es die Schonung für ihre wunden Verhältnisse vertrug , es erraten , bis zu welchem Grade von Bereitwilligkeit für Bouverots Wünsche gerade Lianens zerbrechliches Leben den Minister locken könne , um es abzuernten , bevor es abblühe . Denn Froulay brachte Zumutungen gegen die Ehre behender die Kehle hinab als Verletzungen seiner Eitelkeit , wie der Wasserscheue leichter derbe Brocken als Flüssiges . Doch klang das alles der Ministerin nicht so unmoralisch-hart , als Leser aus den mittlern Ständen denken möchten ; ich berufe mich auf die vernünftigern aus den höhern . Augusti und die Ministerin sahen , man müßte in der Abwesenheit des Ministers doch etwas für Liane tun ; und beide trafen wunderbar im Projekte zusammen . - Liane muß aufs Land in dieser schönen Zeit - sie muß ihre Gesundheit rüsten für die Kriege der Zukunft - sie muß den Besuchen des Ritters entzogen sein , die nun der Geburtstag vervielfältigen wird - der Minister muß sogar gegen den Ort nichts einzuwenden haben . - - Und wo kann dieser liegen ? - Bloß unter dem Dache des Direktors Wehrfritz , der den deutschen Herrn nicht ausstehen kann , weil er sein vergiftendes Verhältnis zum Fürsten weiß . Aber freilich sind vorher noch andere Berge zu übersteigen als der nach Blumenbühl . Selber der Leser muß jetzt über einen niedrigen hinüber ; und der ist ein kurzes komi-tragisches Extrablatt über den grünen Markt mit Töchtern Folgendes ist gewiß : jeder Inhaber einer sehr schönen oder sehr reichen Tochter verwahrt gleichsam einen Pitt unter dem Dach , der ihm selber unbrauchbar ist und den er erst nach langem Ruhen einem Regenten102 verkaufen muß . Genau und merkantilisch gesprochen sind Töchter eigentlich kein Handelsartikel - denn die elterlichen Großavanturhändler kann niemand mit jenen Trödlerinnen und Ständel- oder Fratschlerweibern vermengen ,