Organisation übrig bleiben könnte , als der Kopf , an welchen etwa noch ein paar Flügel gesetzt werden könnten , die ihm zugleich zur Bewegung und zur Einhüllung dienen würden . Wirklich gefällt mir diese Idee immer besser je mehr ich ihr nachdenke , und mir ist ich würde mich an eine so leichte geistige Existenz in Gesellschaft guter und schöner Köpfe sehr bald gewöhnen können . - » Aber ein bloßer Kopf , meint die kleine Musarion , wäre doch ihre Sache nicht ; sie kann sich keine Glückseligkeit ohne Liebe denken , und eine Liebe , die bloß im Kopfe sitzt , scheint ihr etwas so Kaltes und Langweiliges , daß sie lieber ganz darauf Verzicht thun wollte . « - Du kannst leicht denken , Aristipp , daß ich mich der Köpfe mit gehörigem Eifer annahm , und behauptete : was ihnen allenfalls an Feuer und Innigkeit abginge , würde reichlich dadurch ersetzt , daß sie die Liebe desto feiner zu behandeln , ihr mehr Reiz der Mannigfaltigkeit zu geben , und sie dadurch viel besser zu unterhalten und vor langer Weile und Sättigung zu verwahren wüßten , als wenn sich die Hypochondrien168 mit ins Spiel mischten . Wir stritten uns lange darüber , und kamen zuletzt doch darin überein , daß unsre dermalige Art zu seyn vor der Hand wohl die beste seyn möchte . Dabei , lieber Aristipp , wollen wir ' s denn auch einstweilen bewenden lassen , und der guten Mutter Natur zutrauen , sie würde uns weder das Verlangen noch die Kraft ins Unendliche fort zu leben gegeben haben , wenn es nicht ihr Ernst wäre , daß mit der Zeit noch etwas Besser ' s aus uns werden sollte . Wie sie das anstellen will , ist ihre Sache ; genug daß sie unser vollständigstes Zutrauen verdient , und ( wie Plato weislich sagt ) in allem andern so verständig zu Werke geht , daß wir nicht zu besorgen haben , sie werde in diesem Punkte allein sich selbst ungleich seyn und nicht wissen , was sie mit uns anfangen wolle . 63. Aristipp an Lais . Es ist sehr natürlich , daß die Besitzerin eines Körpers , der den größten Künstlern das unerreichbare Ideal der Schönheit darstellt , sich nie von ihm zu trennen wünschet , und also wenigstens seine Gestalt , wäre sie auch nur aus Wolkenstoff gewebt , ins andere Leben mit hinüber nehmen möchte . Denn die Feinheit des Stoffes würde der Schönheit so wenig nachtheilig seyn , daß sie vielmehr dadurch erhöht werden müßte . Dessen ungeachtet , schöne Lais , scheint dein Widerwille gegen das , was du eine splitternackte Seele nennst , mehr von einer irrigen Vorstellung als von der Sache selbst herzurühren . Warum sollte es , was die Schönheit betrifft , mit der Seele nicht eben dieselbe Bewandtniß haben wie mit dem Leibe ? So wie , nach der sehr wahrscheinlichen Behauptung unsers Freundes Skopas , ein untadelig schöner Leib durch jede Bedeckung in den Augen der Anschauer nur verlieren kann , und sich erst alsdann in seiner ganzen Glorie zeigt , wenn er ohne alle Hülle gesehen wird : so mag auch vermuthlich eine schöne Seele nur dann , wenn sie nach gänzlicher Entkleidung vom Stoff in ihrer eigenthümlichen Gestalt erscheint , durch unmittelbares Anschauen des reinen Ebenmaßes aller ihrer Verhältnisse , und der Harmonie und Einheit , die in allen Theilen und Ausschmückungen ihres Innern herrschet , dem anschauenden Geist einen ungleich höhern Genuß der Vollkommenheit gewähren , als die Einwindelung in einen Körper zulassen kann , der , wenn er auch aus Licht und Aether gewebt wäre , doch nie so durchsichtig seyn könnte , daß er einem wahren Seelenliebhaber nicht noch viel zu wünschen übrig lassen sollte . Doch , ich will auf dieser Idee um so weniger bestehen , da der plötzliche Uebergang aus unsrer gegenwärtigen Art zu seyn in die rein geistige ein Sprung wäre , dergleichen die Natur nicht zu machen pflegt . Ich halte mich also an deine Flügelköpfe , Laiska ! eine so glückliche Vermuthung , daß ich beinahe schwören wollte , du müßtest es wirklich errathen haben . Freilich wird bei dieser Art von Seelenbekleidung niemand mehr gewinnen als du ; aber dieß ist auch nur billig , da niemand mehr dabei aufopfert als du . Gewiß kann kein verständiger Schätzer des Werths der Dinge das letztere höher würdigen als ich ; aber gleichwohl muß ich gestehen , ich habe mich in die Idee einer Welt von lauter Flügelköpfen bereits so stark verliebt , daß ich , wenn es nur auf mich ankäme , keinen Augenblick zögern wollte , dich und mich und alle die wir lieben auf der Stelle in eine solche Welt zu versetzen . Sollte die holde Musarion darauf bestehen , daß sie sich an dem bloßen Kopfe des schönen Kleonidas nicht begnügen könne , so könnten wir ihr zu Gefallen etwa noch so viel Leib hinzuthun , daß die Bewohner unsrer künftigen Welt die Gestalt geflügelter Brustbilder bekämen ; aber mit recht gutem Willen würde ich mich nie dazu bequemen . Denn es fällt auf den ersten Anblick in die Augen , daß die Idee der Flügelköpfe durch diesen üppigen Zuwachs an Masse die Hälfte von ihrer Schönheit verliert . Und warum ? Bloß weil die gute Musarion sich die Mühe noch nicht genommen hat , ihr Vorurtheil gegen den Kopf in etwas genauere Untersuchung zu ziehen . Ich getraue mir zu behaupten , daß die Liebe , die ihren Sitz im Kopfe hat , nicht nur von edlerer und zärterer Natur , sondern auch schmeichelhafter sowohl für den Geliebten als den Liebenden ist , als die andere . Denn sie gründet sich , anstatt auf eine blinde und dem Verstande zuvoreilende Neigung , auf reines Anschauen der Vollkommenheiten des Geliebten . Sie ist weniger feurig und lodernd ; aber ihre Flamme brennt desto heller , gleicher und anhaltender , verzehrt sich nicht selbst , und vermischt sich nicht mit so manchen andern Leidenschaften , welche über und unter dem Zwerchfelle nisten , und so leicht die Harmonie der Liebenden unterbrechen . Wollten wir die Nachgiebigkeit so weit treiben , unsre Köpfe in Büsten zu verwandeln , so möchten wir eben so mehr noch den ganzen übrigen Rumpf hinzuthun , und die reine Seelenliebe , die nur zwischen Köpfen stattfindet , durch Einmischung der Geschlechtsverschiedenheit vollends zu dieser vulgaren Leidenschaft herabwürdigen , die den armen Sterblichen so viel Noth und Plackerei macht , und von welcher auf immer befreit zu seyn , gewiß keiner der geringsten Vorzüge des Lebens in der Welt der Geister ist . Ueberhaupt bitte ich nicht zu vergessen , daß wir ( wie Platons Sokrates sehr schön darthut ) durch unsre Versetzung in diese letztere keine Befriedigung verlieren , die uns nicht durch viel höhere , unsrer geistigen Natur gemäßere Genüsse reichlich und überflüssig ersetzt werden ; und daß Musarion , sobald sie selbst nichts als Kopf seyn wird , den Mangel des übrigen an sich selbst und ihrem Liebhaber eben so wenig spüren wird , als man in einer Welt , deren Bewohner nur vier Sinne hätten , einen fünften vermissen würde . Mit Einem Worte , Laiska , lassen wir es bei deiner Hypothese , welche , meines Erachtens , so sinnreich und philosophisch ist , daß Anaxagoras169 der Geist und der sublime Weise von Samos 170 selbst Freude daran gehabt hätten , wofern die schöne Aspasia oder die edle Theano171 so glücklich gewesen wären , dir mit Erfindung derselben zuvorzukommen . Ich wenigstens finde sie so tröstlich , daß ich die Entfernung von dir künftig ungleich besser ertragen werde als bisher , weil ich sie als eine Vorübung betrachte , wodurch wir beide in Zeiten angewöhnt werden , einander - leider ! nichts als Kopf zu seyn . Ich schreibe dir dieß auf einem reizenden Landgute im Panionion172 , wohin mich einer meiner Bekannten zu Ephesus eingeladen hat , und wo ich mir so wohl gefalle , daß meine Reise zu Hippias vermuthlich noch einige Zeit verschoben bleiben wird . Wenn ich dir nur ein wenig lieb bin , beste Laiska , so erinnere dich , daß du mir schon mehr als einmal dein Bild versprochen hast . Ich bitte bloß um deinen Kopf - wohl zu merken , kein Brustbild ! Ja , ich würde schon mit einem deiner Augen zufrieden seyn , wenn ein Maler in der Welt wäre , der den Blick hinein oder vielmehr herausmalen könnte , womit du mir zu Aegina in der seligsten Stunde meines Lebens ewige Freundschaft angelobtest . 64. Kleonidas an Aristipp . Ich bin mit meinem Geschäfte eher zu Stande gekommen als ich hoffen durfte . Beinahe alle Freunde des göttlichen Sokrates , die seine gerichtliche Ermordung und die Furcht vor den Verfolgungen seiner Feinde von Athen verscheucht hatte , haben sich nach und nach wieder zusammengefunden , und man begegnet ihnen mit so vieler Achtung , als ob man das an ihrem Meister begangene Unrecht dadurch zu vergüten suchte . Es gibt wohl sehr wenige Athener , die das Geschehene , wenn es möglich wäre , nicht ungeschehen zu machen geneigt wären : aber , was man mir schon zu Theben von der allgemeinen Trauer des Volks und von der Rache , die es an den Anklägern des verdienstvollen Greises genommen haben sollte , für gewiß erzählte , ist ohne allen Grund . Die Athener sind zu leichtsinnig und ruchlos , um einer tiefen , anhaltenden Reue über irgend eine ihrer Unthaten fähig zu seyn.173 Mein Tod des Sokrates , der nun beinahe fertig ist , erhält durch eine Menge kleiner Umstände , die mir meistens von dem wackern alten Kriton an die Hand gegeben wurden , und vornehmlich durch die richtige , beim ersten Anblick kenntliche Bezeichnung aller dabei gegenwärtigen Personen , einen Grad von historischer Wahrheit , der diesem Gemälde ein ganz eigenes Interesse gibt ; so daß es ( wie ich aus mehr als Einem Beispiel weiß ) von niemand , der den Sokrates und seine Freunde öfters gesehen hat , ohne Rührung betrachtet werden kann . Der Maßstab von anderthalb Spannen , den ich für die proportionelle Größe der Figuren angenommen habe , trägt , wie ich glaube , zu der guten Wirkung des Ganzen vieles bei , theils weil es so bequemer mit einem Blick umfaßt wird , theils weil sich bei dieser Größe alles deutlich bezeichnen und ausdrücken läßt , ohne daß die künstliche Darstellung der Natur gar zu gleich sieht und sich selbst dadurch Schaden thut . In Lebensgröße würde ein solches Gemälde , wenn es gut gemacht wäre , kaum auszuhalten seyn . Das Fest der Juno zu Samos und der Wettstreit der Künstler ist nun vorbei , und du hast vielleicht schon gehört , daß Timanthes mit seinem Ajas und Skopas mit seiner Aphrodite ( die du zu Aegina entstehen sahst ) beinahe mit allen Stimmen den Preis erhalten hat . Parrhasius , der einzige der meinem Freunde den Sieg streitig machen konnte , ist sehr übel mit dem Urtheil zufrieden von hier abgegangen . Es verdrieße ihn , sagte er , nur für seinen armen Helden174 , daß er nun zum zweitenmal gegen einen Unwürdigen habe verlieren müssen . Man muß beide Stücke selbst gesehen haben , um zu errathen , was die Richter bewogen haben könne dem Timanthes den Vorzug zu geben . In der That sind beide Gemälde vortrefflich , an beiden ist sehr viel zu loben , wenig oder nichts mit Recht zu tadeln . Beide sind mit großer Kunst zusammengesetzt , groß gedacht und mit vielem Fleiß ausgeführt ; auch haben beide Künstler eben denselben Augenblick der Handlung erwählt , nämlich den , da Odysseus unmittelbar nach dem Ausspruch der versammelten Achaier sich der Waffen des Achill bemächtiget . Ich gestehe , daß ich lange zwischen diesen beiden Meisterwerken ungewiß hin und her schwebte , bis ich mich endlich durch eben dasselbe Gefühl , das die Richter bewogen zu haben scheint , auf Timanthes Seite ziehen ließ . Sein zauberischer Pinsel besticht nämlich das Auge gleich beim ersten Anblick durch die Wärme und Harmonie seiner Färbung , und thut durch einen gewissen heroischen Geist , der das Ganze durchweht , und den schönen Ton , der alle Figuren und Gruppen zusammenbindet , eine stärkere oder wenigstens schnellere Wirkung als das Werk seines Antagonisten . Der letztere hat durch die äußerst sorgfältige Ausführung der einzelnen Figuren , und weil beinahe jede sich unsers Auges besonders zu bemächtigen strebt , über das Ganze eine gewisse Kälte verbreitet , die von dem Feuer des Timanthischen Stücks zu stark absticht , um nicht in den Augen der meisten Anschauer gegen dieses zu verlieren ; wiewohl der Kenner immer wieder zu Betrachtung der einzelnen Theile in dem Werke des Parrhasius zurückkehrt , und immer mehr zu bewundern findet , je schärfer er untersucht . Merkwürdig ist die verschiedene Art , wie beide Künstler die zwei Hauptpersonen behandelt haben . Parrhasius läßt seinen Odysseus sich der ihm zugesprochnen Waffen mit einem beinahe höhnisch triumphirenden Blick auf seinen Mitbewerber bemächtigen , während Ajas in seinen von Odysseus abgewandten und über Agamemnon , Menelaus und das Griechische Heer hinblitzenden Augen , so wie in seiner ganzen Miene und Gebärdung , Zorn und Verachtung ausdrückt , und den Griechen ihren Undank ohne alle Zurückhaltung vorzuwerfen scheint . Timanthes Ajas hingegen steht stumm und in sich selbst zusammengedrängt , mit dem ganzen furchtbaren Ausdruck einer verbiss ' nen Wuth , die dem Ausbruch nah ' ist , aber noch durch einen schmerzlichen innerlichen Kampf zurückgehalten wird , indeß sein Odysseus , über sein Glück erröthend , beinahe zu zweifeln scheint , ob er den Sieg wirklich erhalten habe . Die Samier , sagt man , sind ein sehr sinnreiches Volk und große Liebhaber der Homerischen Gesänge ; jedermann bemerkte gegen seinen Nachbar , daß Timanth auf die Anrede des Odysseus an die zürnende Seele des Ajas , im fünften Gesang der Odyssee , angespielt habe ; und diese Bemerkung that vielleicht mehr als alles andere , um den Sieg auf seine Seite zu entscheiden . Uebrigens muß ich von ihm anrühmen , daß er beim Empfang des Preises wie sein Ulysses erröthete , und , vielleicht aufrichtiger als der Homerische , durch den über einen so großen und ältern Meister erhaltenen Vorzug mehr gedemüthigt als aufgebläht zu seyn schien . Timanth hat die Gewohnheit , alle seine vorzüglichen Werke für sich selbst zu copiren , und nicht selten ist das Nachbild noch vollkommner als das Original . Gegenwärtig ist er im Begriff die Copie eines großen Gemäldes zu vollenden , welches ein reicher Kunstliebhaber zu Argos bei ihm bestellt hat , und womit er in kurzem selbst dahin abzugehen gedenkt . Es stellt die Aufopferung der Iphigenia in Aulis vor , und ist eines seiner schönsten Bilder . Iphigenia , eine ächte Gestalt aus der Heroenzeit , von hoher tadelloser Schönheit und in der ersten Blume der Jugend , steht am Altar , mit schwärmerischer Entschlossenheit bereit , sich für das Heil und den Ruhm ihres Vaterlandes zu opfern ; ihre Stellung , ihr großes , zur Göttin aufgehobenes Auge , ihr ganzes Wesen scheint zu sagen , hier bin ich ! und kein Zug verräth die auch nur leiseste Schwäche , wodurch das Wohlgefallen der Göttin an dem reinen jungfräulichen Opfer vermindert worden wäre . Um sie her stehen die Häupter der Achäer , Menelaus , Diomedes , Achilles , Odysseus u.s.w. , und hinter ihnen in einem weiten Kreise das ganze Griechische Heer . Alle , selbst den Priester Kalchas nicht ausgenommen , zeigen sich in verschiedenen Graden , nach ihrem Charakter oder Verhältniß gegen das Haus Agamemnons , gerührt und theilnehmend ; nur Agamemnon , der Vater selbst , steht zwar gegen den Altar gekehrt , aber das Gesicht mit einem Zipfel seines langen faltenreichen Talars bedeckt . Ich war eben bei Timanth in seiner Werkstatt , als ein junger Athener mit einem Paar andern Fremden kam , und sich die Erlaubniß ausbat , dieses Gemälde zu besehen , dessen Schönheit ihm sehr angerühmt worden sey . Alle drei ließen es an bewundernden Ausrufungen nicht fehlen ; doch bemerkte Einer , mit einer bedeutenden Kennermiene , gegen seine Gefährten : ob ihnen nicht auch eine gewisse Kälte im Ausdruck des Schmerzes , den die umstehenden Helden zeigten , besonders beim Menelaus , der doch der Oheim der Prinzessin sey , zu herrschen scheine ? Aber der Athener konnte nicht Worte genug finden , den sinnreichen Gedanken des Künstlers zu bewundern , daß er , nachdem er alles was die Kunst vermöge , im Ausdruck der verschiednen Grade einer anständigen Betrübniß an den Umstehenden erschöpft habe , den Vater selbst verhüllt , und es dadurch der Einbildungskraft der Anschauer überlassen habe , das , was der Pinsel nicht vermocht , selbst zu ersetzen und gleichsam auszumalen . Ein andrer behauptete : diese Verhüllung sey gerade der möglichst stärkste Ausdruck des gränzenlosen väterlichen Jammers , und müsse eine weit größere Wirkung thun , als der höchste Schmerz , den das unverhüllte Gesicht Agamemnons hätte ausdrücken können . Timanth , nachdem er dem Streit dieser weisen Kunstkenner eine Zeitlang lächelnd zugehört hatte , sagte endlich : die Herren sind sehr gütig , mir so viel von ihrem eigenen Scharfsinne zu leihen ; denn ich muß gestehen , daß ich bei der Verhüllung Agamemnons , so wie bei der Behandlung des ganzen Stücks , keinen andern Gedanken hatte , als die bekannte Scene in der Iphigenia des Euripides , gerade so , wie der Dichter sie schildert , und wie ich sie mehrmal auf der Schaubühne gesehen , darzustellen . Steckt in der Verhüllung irgend ein besonderes Verdienst , so gebührt alles Lob dem Dichter ; ich zweifle aber sehr , daß sein Agamemnon einen andern Grund , warum er seinen Kopf einhüllt , hatte , als weil er sich selbst nicht so viel Stärke zutraute , daß er beim Anblick des tödtlichen Stoßes in die Brust seines Kindes Gewalt genug über sich behalten würde , um die Heiligkeit des Opfers nicht durch irgend einen ungebührlichen Ausbruch des Vatergefühls zu entweihen . Denn nach den Begriffen und Sitten jener Zeiten mußten solche Opfer , um von den Göttern mit Wohlgefallen aufgenommen zu werden , freiwillig , ja mit fröhlichem Herzen dargebracht werden . Auch den übrigen Anwesenden war jeder stärkere Ausdruck von Schmerz und Betrübniß untersagt ; das Schlachtopfer wurde mit Blumen bekränzt unter jubelnden Lobgesängen zum Altar geführt , und sogar nach Vollendung der Ceremonie war es weder Verwandten noch Freunden erlaubt , den Tod der geliebten Aufgeopferten durch irgend eine sonst gebräuchliche Handlung oder Sitte zu betrauern . Weit entfernt also daß ein Maler , der eine solche Geschichte bearbeitet , seine Kunst im Ausdruck der verschiedenen Grade des Schmerzes und der Traurigkeit erschöpfen dürfte , besteht seine größte Geschicklichkeit bloß darin , daß er die Umstehenden nicht mehr Theilnahme und Rührung zeigen lasse , als nöthig ist , daß sie nicht als Unmenschen oder ganz gefühllose Klötze dastehen . An die sinnreiche Idee , die Einbildungskraft der Anschauer ergänzen zu lassen , was der Pinsel des Malers oder die Kunst des Schauspielers nicht vermochte , hat Euripides vermuthlich so wenig gedacht als ich . Es dürfte doch wohl eine unerläßliche Pflicht des Künstlers seyn , der Einbildungskraft so viel nur immer möglich ist vorzuarbeiten ; auch erfordert es eben keine außerordentliche Kunst , den höchsten Grad irgend einer Leidenschaft oder irgend eines Leidens mit Pinselstrichen auszudrücken . Aber gerade dieser höchste Grad ist dem Maler , wie dem Bildner , durch ein unverbrüchliches Gesetz der Kunst untersagt , weil er eine Verunstaltung der Gesichtszüge bewirkt , die das edelste Angesicht in ein widerliches Zerrbild verwandeln würde . - Der Athener stutzte einen Augenblick über diese authentische Erklärung aus dem Munde des Meisters selbst , der doch wohl am besten wissen mußte was er hatte machen wollen ; doch erholte er sich sogleich wieder , und versicherte uns mit einem großen Strom von Worten : er sey gewiß , daß er den wahren Sinn der Verhüllung errathen habe . » Das Genie ( setzte er mit vieler Urbanität hinzu ) wirkt oft als bloßer Naturtrieb , und selbst der größte Künstler , wenn er etwas unverbesserlich Gutes gemacht hat , ist sich nicht allemal der Ursache bewußt , warum es so und nicht anders seyn mußte . « - Als wir wieder allein waren , lachten wir beide herzlich über dieses kleine Abenteuer , und Timanth , dem dergleichen Kenner häufiger vorgekommen sind als mir , versicherte mich : es sey sehr möglich , daß das schiefe Urtheil dieses Menschen die öffentliche Meinung von seiner Iphigenia auf immer bestimme , und ihm , lange , nachdem die Zeit das Gemälde selbst zerstört haben werde , noch Lobsprüche zuziehe , die er sich schämen müßte verdient zu haben.175 Der Umgang mit diesem liebenswürdigen Künstler ist mir so angenehm , und zugleich so belehrend und zuträglich in Rücksicht auf meine Liebhaberei , daß ich mich nicht entschließen kann , Samos eher zu verlassen , als bis er selbst abgehen wird . Er hat mir verschiedene wichtige Winke zum Vortheil meines sterbenden Sokrates gegeben , und ich hoffe ihr sollt es gewahr werden , daß mir ein solcher Meister zur Seite dabei gestanden hat . Beinahe hätte ich vergessen , dir zu sagen , lieber Aristipp , daß ich mich bei Kriton und Cebes im Vertrauen erkundigte , ob man sich auf die Aechtheit der Gespräche , welche Plato dem Sokrates im Phädon zuschreibt , verlassen könne . Beide versicherten mich , es wäre zwar die Rede von der geistigen Natur der Seele und von ihrem Zustande nach dem Tode gewesen ; aber Plato hätte so viel von dem Seinigen eingemengt , und die Zusätze so künstlich mit dem , was Sokrates wirklich gesagt habe , zu verweben gewußt , daß es ihnen selbst , wofern sie eine Scheidung vornehmen müßten , schwer seyn würde jedem das seinige zu geben . Ebendasselbe sagte mir der wackere alte Kriton auch von dem Dialog , welchem Plato seinen Namen überschrieben hat , und worin , unter anderm , die schöne Rede der personificirten Gesetze , und überhaupt die dialektische Form der Fragen und Antworten , ganz auf Platons Rechnung komme . Uebrigens haben diese beiden Dialogen viel Aufsehen in Athen gemacht , und wegen der klugen Schonung , womit die Athener darin behandelt werden , und des schönen Lichts , in welchem der sittliche Charakter des Sokrates darin erscheint , nicht wenig zu der günstigen Stimmung beigetragen , welche dermalen über ihn und seine Anhänger zu Athen die herrschende ist . Du würdest mir keine kleine Freude machen , Aristipp , wenn du deine beschlossene Reise nach Samos so beschleunigen wolltest , daß du Timanthen noch anträfest ; wozu die Gelegenheit vielleicht nie wieder kommt . Auch Hippias erwartet dich mit Ungeduld . 65. Aristipp an Lais . Es bedarf wohl keiner Betheurung , schöne Lais , daß wenn ich meiner Neigung Gehör gäbe , Kleonidas nicht ohne mich nach Milet zurückreisen sollte ; auch schmeichle ich mir , nach dieser neuen Probe von Selbstüberwindung für einen tapfern Mann bei dir zu gelten . Ich würde nicht wenig stolz darauf seyn , wenn ich mir verbergen könnte , daß das Vergnügen , in meinen eigenen Augen einen desto größern Werth zu haben , auch mit in Rechnung gebracht werden muß , und daß bei allen meinen Aufopferungen am Ende doch niemand gewinnt als ich selbst . Wird nicht die Freude des Wiedersehens um so überschwänglicher seyn , je länger sie aufgespart wird ? Ich habe hier unvermuthet Gelegenheit gefunden , mich in einigen Wissenschaften zu üben , die mit in meinen Plan gehören , und einem Manne , der nach der möglichsten Ausbildung trachtet , nicht nur zur Zierde gereichen , sondern der Seele selbst einen höhern Schwung und eine ganz andere Ansicht der Natur und des großen Ganzen , in welches wir eingefugt sind , geben , als diejenige an welche wir durch ununterbrochnes Herumtreiben in dem engen Kreise des alltäglichen Lebens unvermerkt gewöhnt werden . Ich liebe , wie du weißt , die Vielseitigkeit ; ich kann zu gleicher Zeit die verschiedensten Dinge treiben , und mich mit den ungleichartigsten Menschen so gut vertragen , daß jeder mich für seinesgleichen , oder wenigstens für ein Subject von ganz guter Hoffnung gelten läßt . Hippias , bei welchem ich gewöhnlich den Abend zubringe , würde nicht begreifen , wie ich so viele Zeit mit Pythagoräischen Phantasten verderben könne , wenn er nicht glaubte , es geschehe bloß um sie auszuholen und mich am Ende desto lustiger über sie zu machen : diejenigen hingegen , die er Phantasten nennt , wissen sich meinen Umgang mit Hippias nicht anders zu erklären , als durch die Voraussetzung , daß ich hinter alle seine Sophistenkünste und Blendwerke zu kommen suche , um ihn und seinesgleichen zu seiner Zeit mit desto besserm Erfolge bekämpfen zu können . Das Wahre ist indessen , daß ich von den Pythagoräern rechnen und messen lerne , und bei Hippias mich dem Vergnügen einer freien genialischen Unterhaltung überlasse , die , ungeachtet ihrer anscheinenden Frivolität , für einen , der alles an seinen rechten Ort zu stellen weiß , immer lehrreich und nützlich ist . Du wirst finden , liebe Lais , daß Kleonidas durch seine zeitherigen kleinen Reisen unter den Griechen viel gewonnen hat . Mit seinen herrlichen Anlagen bedurft ' es nur einiger äußern Veranlassungen , um sich zusehends zu entwickeln und auf einmal als ein vollendeter Mensch dazustehen . Ich rechne darauf , daß er dich meine Abwesenheit so wenig bemerken lassen wird , daß ich vielmehr bei jeder andern , als bei dir , Gefahr liefe gänzlich vergessen zu werden . 66. Lais an Aristipp . Kleonidas ist ohne dich zurückgekommen , Aristipp , und der Gedanke , daß es Leute zu Milet gebe , die sich dadurch in ihrer Erwartung getäuscht finden könnten , scheint nur sehr leicht über deinen heroischen Busen hingeschlüpft zu seyn . Du bist , sagt Kleonidas , bis über die Ohren in Pythagorischen Zahlen versunken , studirst die Verhältnisse der Saitenschwingungen auf dem Monokord , und bringst mit einem Zögling des berühmten Philolaus176 ganze Nächte zu , auf der Zinne eines alten Thurms die Bewegungen der Planeten zu beobachten . Das alles ist schön und bewundernswürdig ; und doch , wie schnell auch deine Lieblingsneigung , alles und wo möglich noch ein wenig mehr als alles zu wissen , zu einer so mächtigen Leidenschaft angeschwollen seyn mag , eine kurze Unterbrechung würde deinen Eifer nur verdoppelt haben , und die Reise von Samos nach Milet ist , für einen so geübten Seefahrer wie du , etwas so Unbedeutendes , daß ich , um mir das Problem zu erklären , am Ende doch genöthiget bin , einen kleinen Sokratischen Iynx zu Hülfe zu nehmen der dich an den Samischen Boden fest zaubert . Hab ' ich recht gerathen , so wirst du mir hoffentlich kein Geheimniß aus deinem Glücke machen , da du nicht zweifeln kannst , daß ich zu sehr deine Freundin bin , um nicht lebhaften Antheil daran zu nehmen . 67. Aristipp an Lais . Auf den kleinen Brief , den ich so eben von dir erhalte , schöne Lais , ist nur eine einzige Antwort möglich , und um sie dir selbst zu bringen , gehe ich stehendes Fußes nach der Rhede , miethe ein Boot und schwimme zu dir hinüber . - Mit aller meiner Eile habe ich doch nicht eher bei deiner Pforte anlanden können , als zu einer Stunde , wo ich Gefahr laufe dich in irgend einem schönen Traume zu stören . Ich habe einige Mühe gehabt deinen Pförtner zu erwecken , und noch größere , von ihm eingelassen zu werden . Nur durch tausend Schwüre , daß ich dir ohne allen Verzug Dinge von der größten Wichtigkeit zu hinterbringen hätte , erhielt ich endlich von dem ehrlichen Paphlagonier , daß er eine deiner Dienerinnen wecken wolle , die dir , wenn sie anders nicht noch ungefälliger als der Pförtner ist , dieses Zeichen meiner Gegenwart überreichen wird . Antwort . Dießmal , mein Lieber , hat dir deine Philosophie einen losen Streich gespielt ; denn , unter allen möglichen Antworten auf mein letztes , bist du gerade auf die einzige gefallen , die du nicht hättest geben sollen . Oder woher konntest du wissen , mein voreiliger Herr , daß du mir nicht ungelegen kommest ? - Wie ist nun zu helfen ? Das Beste wäre wohl , wenn ich dich auf der Stelle wieder zurückschickte ; wenigstens ist es , was ich thun müßte , wenn ich den Eingebungen deines bösen Genius Gehör gäbe . Soll ich ? Soll ich nicht ? Es ist ein Unglück , daß ich gerade keine bessere Rathgeberin bei der Hand habe , als die schelmische Euphorion , die zu den Füßen meines Bettes liegt , und , ich weiß nicht warum , deine Partei mit solcher Wärme nimmt , daß ich eben so mehr dem Rath meines eignen Herzens folgen könnte , als dem ihrigen . - Du gehst also wieder , nicht wahr ? Es wäre wirklich schön von dir , wenn es auch nur der Seltenheit wegen wäre . - Was will das unverschämte Mädchen ? - Da guckt sie mir über die Achseln in meine Schreiberei , und wie sie sieht , daß ich dir deinen Rückpaß schreibe , zieht mir nicht das unartige Ding die Schreibtafel unter den Händen weg und läuft mit ihr davon ? 177 68. Lais an Aristipp . Ich habe , seit einiger Zeit , einen Abend in jeder Dekade dazu bestimmt , eine Tischgesellschaft von Philosophen , Sophisten , oder Phrontisten178 ( wenn du ihnen lieber einen Aristophanischen Namen gibst ) bei mir zu sehen .