hinauf . Kein Wölkchen zeigte sich daran , er war unendlich heiter und die Sonne schien warm . Es gab noch fast keinen Schatten im Garten , die goldenen Strahlen konnten überall durch die Baumzweige auf die Erde niedertanzen . Und das Singen und Jubeln der Vögel hörte nicht auf . Schade , daß sie morgen nach der Stadt zurück mußte , gerade nun es hier so reizend wurde — täglich schöner ! Seit gestern hatte sich alles schon wieder verändert . Busch und Strauch trugen nicht mehr das Grau des Winters — wie durchsichtige bunte Schleier lag es über dem Gezweig . Trat man näher und beugte sich herzu , so sah man , daß die Farbenschleier aus tausend und abertausend kleinen Knöspchen zusammengesetzt waren . Nein , aber wie süß ! Agathe ging von einem zum andern . Dunkelrot schimmerte es an den knorrigen Zweigen der Apfelbäume , die sich über den Weg streckten , grünweiß hoch oben an dem großen Birnbaum , und schneeig glänzte es schon von den losen Zweigen der sauren Kirschen . Bei den Kastanien streckten sich aus braunglänzenden klebrigen Kapseln wollige grüne Händchen neugierig heraus , und die Herlitze war ganz in helles Gelb getaucht . Der Flieder — die Hainbuche — jedes besaß seine eigene Form , seine besondere Farbe . Und das entfaltete sich hier still und fröhlich in Sonnenschein und Regen zu dem , was es werden sollte und wollte . Die Pflanzen hatten es doch viel , viel besser als die Menschen , dachte Agathe seufzend . Niemand schalt sie — niemand war mit ihnen unzufrieden und gab ihnen gute Ratschläge . Die alten Stämme sahen dem Wachsen ihrer braunen , roten und grünen Knospenkinderchen ganz unbewegt und ruhig zu . Ob es ihnen wohl weh that , wenn die Schnecken , die Raupen und die Insekten eine Menge von ihnen zerfraßen ? Agathe streichelte leise die borkige Rinde des alten Apfelbaumes . Sollten die Vögel vielleicht das ausschelten übernommen haben ? Das war eine komische Vorstellung , Agathe kicherte ganz für sich allein darüber . Ach bewahre — die Vögel hatten um diese Zeit schon furchtbar viel mit ihrem großen Liebesglück zu thun . Ob es wohl auch Vögel gab , die eine unglückliche Liebe hatten ? Na ja — die Nachtigall natürlich ! Übrigens — ganz genau konnten das die Dichter auch nicht wissen . Ach — wäre sie doch lieber ein Vögelchen geworden oder eine Blume ! Auf einem ganz schmalen Pfade ging Agathe endlich zum Mühlteich hinab . Er lag am Ende des Gartens , der sich vom Hause her in sanfter Senkung bis zu ihm streckte . Weil die Pastorsjungen beständig ins Wasser gefallen waren , hatte man den Weg zuwachsen lassen . Agathe mußte die Gebüsche auseinanderbiegen , um hindurch zu schlüpfen . Sie wollte Abschied von dem Bänkchen nehmen , das unten , heimlich und traulich versteckt , am Rande des Weihers stand . Im vergangenen Herbst hatte sie viel dort gesessen und gelesen oder geträumt , auch in diesem Frühling schon , in warmen Mittagsstunden . Am linken Ufer des stillen Sees , der weiter hinaus zu einem sumpfigen Rohrfeld verlief , lag die Mühle mit ihrem überhängenden Strohdach und dem großen Rade . In der Bucht am Pfarrgarten zeigten sich auf dem Wasser kleine Nymphäen-Blätter . Im Herbst war es hier ganz bedeckt gewesen von den grünen Tellern , und darüber flirrten die Libellen . Die schleimigen Stiele der Pflanzen drängten sich sogar durch die grauen Planken des zerfallenen Bootes , welches dort im Wasser faulte . Anfangs hegte Agathe romantische Träume über den alten Kahn : daß er draußen in Sturm und Wellen gedient — daß er das Meer gesehen habe und an Felsenklippen gescheitert sei . Die kleinen Pastorsjungen hatten sie aber mit dieser Geschichte ausgelacht . Das Boot wäre immer schon auf dem Mühlteiche gewesen , doch bei den vielen Wasserpflanzen und den Rohrstengeln könne man ja gar nicht fahren ; da sei es durch ' s Stilleliegen allmählich ein so elendes , nutzloses Wrack geworden . Nun konnte Agathe das Boot nicht mehr leiden . Es stimmte sie traurig . Ihre junge Mädchenphantasie wurde bewegt von unbestimmten Wünschen nach Größe und Erhabenheit . Sie dachte gern an die Ferne — die Weite — die grenzenlose Freiheit , während sie an dem kleinen Teich auf dem winzigen Bänkchen saß und sich ganz ruhig verhalten mußte , damit sie nicht umschlug und damit die Bank nicht zerbrach , denn sie war auch schon recht morsch . Plötzlich fiel Agathe die Beichte wieder ein , die sie hatte niederschreiben und ihrem Seelsorger übergeben müssen . Ihre Halbheit und Unaufrichtigkeit . . . und nun wurde es ihr zur Gewißheit , die Schuld des Unfriedens , der diesen heiligen Tag störte , lag in ihr selber . Schamvoll bekümmert starrte sie in das Wasser , das auf der Oberfläche so klar und mit fröhlichen , kleinen goldnen Sonnenblitzen geschmückt erschien und tief unten angefüllt war mit den faulenden Überresten der Vegetation vergangener Jahre . Die Freundschaft zwischen Agathe Heidling und Eugenie Wutrow bestand schon sehr lange — seitdem sie eines Morgens mit weißen Schürzchen und neuen Tafeln und Fibelbüchern zum ersten Mal in die Schule gebracht wurden und ihre Plätze nebeneinander angewiesen bekamen . Da hatten sie die Bonbons aus ihren Zuckerdüten getauscht , und nun waren sie Freundinnen . Ihre beiden Mamas schickten sie in diese kleine vornehme Privatschule , denn in der staatlichen höheren Töchterschule kamen doch immerhin Kinder von allerlei Leuten zusammen , und sie konnten leicht ein häßliches Wort oder gewöhnliche Manieren mit nach Haus bringen . Entweder holte Agathe die kleine Wutrow zum Schulweg ab , oder Eugenie klingelte um dreiviertel auf acht Uhr bei Heidlings , wozu sie sich auf die Zehen stellen mußte , bis Mama Heidling ein Strickchen an den gelben Messingring des Glockenzuges band . Auch in ihren Freistunden steckten die Mädelchen beständig zusammen . Am liebsten war Agathe bei Eugenie , dort blieben sie ungestörter mit ihren Puppen und Bildchen und Seidenflöckchen , mit ihren Geheimnissen und ihrem endlosen Gezwitscher und Gekicher . Das große alte Kaufmannshaus , welches Eugenies Eltern gehörte , barg eine Unmenge von Ecken und Winkeln , köstlich zum Spielen und um sich zu verstecken . Dunkle Korridore gab es da , in denen auch bei Tage einsame Gasflammen brannten und dünnbeinige Kommis eilig an den kleinen Mädchen vorüberstrichen — hinter vergitterten , staubigen Fenstern das Komptoir , und darin saß Herr Wutrow , ein verschrumpftes , taubes , grobes Männchen , auf einem hohen Drehstuhl — ein Hof mit ungeheuren leeren Kisten und graue , schmutzige Hintergebäude , angefüllt mit einer Schar Arbeiter und Arbeiterinnen , die in kahlen Räumen Cigarren drehten . Die Fabrik — das Komptoir — die Korridore — alles roch nach Tabak . Der süßlich-scharfe Geruch drang sogar bis in die großen Wohnzimmer des Vorderhaues . Hier ließ Frau Wutrow beständig das Parquett bohnen und die Spiegelscheiben der Fenster putzen , deshalb war es immer kalt und zugig . Aber der Tabaksgeruch blieb trotzdem haften . Auf Agathe übte das Haus , in dem alles ganz anders war als bei ihren Eltern , eine geheimnisvolle Anziehung aus . Sie fürchtete sich vor den Kommis und den Arbeiterinnen und noch mehr vor Herrn Wutrow selbst , sie hatte eine instinktive Abneigung gegen Frau Wutrow , und mit Eugenie zankte sie sich sehr oft , lief dann schluchzend nach Haus und haßte ihre Freundin . Aber Eugenie holte sie immer wieder , und alles blieb wie zuvor . Eugenie konnte niemals ordentlich spielen . Sie hatte ihre Puppen nicht wirklich lieb und glaubte nicht , daß es eine Puppensprache gäbe , in der Holdewina , die große mit dem Porzellankopf , und Käthchen , das Wickelkind , munter zu plaudern begannen , sobald ihre kleinen Mütter außer Hörweite waren . Agathe verdankte ihrer Freundin verschiedene Strafpredigten , weil Eugenie sie verführte , mit ihr in allerlei Nebengassen der Stadt herumzubummeln , an den Klingeln zu reißen und dann fortzulaufen , alten Damen , die an Parterrefenstern hinter Blumentöpfen saßen , die Zunge herauszustrecken und sich mit Schuljungen zu unterhalten . Am liebsten hielt Eugenie sich in der Fabrik auf . Sie schlich sich an die Männer heran und streichelte die schmutzigen Röcke der Arbeiterinnen und steckte ihnen Kuchen und Äpfel zu , die sie heimlich aus ihrer Mutter Speisekammer holte , damit die Mädchen ihr dafür Geschichten erzählten . Beständig mußten die Aufseher sie fortjagen — im Umsehen war sie wieder da . Ja — und Eugenie wußte auch , daß Walter eine Braut hätte , mit der er sich küßte , und wenn die Lehrer das hörten , käme er vor die Konferenz . Meta Hille aus der dritten Klasse wäre sein Schatz — na so eine ! — Ja — ja — ja — ganz gewiß , wahrhaftig ! ! Hatte Eugenie etwas Derartiges herausgespürt , so schüttelte sich ihr kleines , schlankes Körperchen vor Vergnügen , sie kniff ihre grauen Augen zusammen und blinzelte triumphierend über ihr hübsches Näschen hinweg . Hei — das war fein ! Eines Sonntags Nachmittags saßen die kleinen Freundinnen auf dem untersten Ast des niedrigen alten Taxusbaumes in Wutrows Garten . Sie hielten ihre Battiströckchen mit den Fingerspitzen und wehten damit hin und her , denn sie waren von einer bösen Fee in zwei Vögel verwandelt und schüttelten nun ihr weißes und rosenrotes Gefieder . Das Spiel hatte Agathe angegeben . Sie wollte immer so gerne fliegen lernen . Und dann wußten sie nicht mehr , was sie anfangen sollten , um den Sonntag Abend hinzubringen . Arm in Arm gingen sie an den Beeten mit blühenden Aurikeln oder Stiefmütterchen , an ihren steifen Buchsbaum-Einfassungen entlang . Zwischen den Mauern der Hinterhäuser , die den altmodischen , zierlich gepflegten Stadtgarten einschlossen , wurde es schon grau und dämmerig , während hoch über den Kindern eine rosa Wolke am grünlichen Aprilhimmel langsam verblaßte . “ Du , ” flüsterte Agathe ganz leise , “ es ist doch nicht wahr — das von den kleinen Kindern . . . . Meine Mama . . . . . ” “ Pfui — geklatscht ! Du Petzliese ! ” “ Nein — ich habe ja bloß gefragt ! ” “ Ach , Deine Mama . . Mütter lügen einem immer was vor ! ” “ Meine Mutter lügt nicht ! ” schrie Agathe gekränkt . Aus dem Streit entspann sich ein heimliches Tuscheln und Flüstern zwischen den kleinen Freundinnen . Agathe rief ein paarmal : “ Pfui , Eugenie — ach nein , das glaube ich nicht . . . ” Hilfeschreie , die aus dem Abendschatten unter dem alten Taxusbaum , wo die kleinen Mädchen zusammenkauerten , hervorklangen , wie eine geängstete Vogelstimme , wenn die Katze zum Nest schleicht . Und vor Aufregung und Scham und Neugier frierend und glühend , horchte und horchte sie doch und fragte leise , sich dicht an Eugenie pressend , und schließlich in ein maßloses Gekicher verfallend . Das war zu komisch — zu komisch . . . Aber Mama hatte doch gelogen , als sie ihr erzählte , ein Engel brächte die kleinen Babies ! Eugenie wußte alles viel besser . Wie sie beide erschraken und in die Höhe fuhren , als Frau Wutrows scharfe Stimme sie hineinrief . Agathe klopfte das Herz entsetzlich — es war beinahe nicht auszuhalten . Sie getraute sich nicht in das Zimmer mit der hellen Lampe , holte eilig ihren Hut vom Flur und lief davon , ohne Adieu zu sagen . Was Eugenie ihr sonst noch erzählt hatte — nein , das war ganz abscheulich . Pfui — pfui — ganz greulich . Nein , das konnte gar nicht wahr sein . Aber — wenn es doch wahr wäre ? Und ihre Mama und ihr Papa . . . Sie schämte sich tot . Als Mama kam , ihr einen Gutenachtkuß zu geben , drehte sie hastig den Kopf nach der Wand und wühlte das heiße Gesicht in die Kissen . Nein — sie konnte ihre Mama niemals — niemals wieder nach so etwas fragen . Am andern Morgen trödelte Agathe bis zum letzten Augenblick mit dem Schulgang . Nun war es schon viel zu spät , um Eugenie noch abzuholen . Als sie in der Klasse hörte , daß Eugenie sich erkältet habe und zu Haus bleiben müsse , wurde ihr leichter . Mit wahren Gewissensqualen mußte sie sich fortwährend vorstellen : Eugenie könnte vielleicht sterben . . . . Und dann würde kein Mensch auf der Welt erfahren , was sie gestern miteinander gesprochen hatten . Das wäre doch zu gräßlich — ach — wenn doch Eugenie lieber stürbe ! “ Frau Wutrow schickte schon zweimal , Du möchtest herüberkommen , ” sagte Frau Heidling zu ihrer Tochter . “ Warum gehst Du nicht hin ? Habt Ihr Euch gezankt ? ” “ Ich kann Eugenie nicht mehr leiden . ” “ O , wer wird seine Freundschaften so schnell wechseln , ” sagte Frau Heidling tadelnd . “ Was hat Dir denn Eugenie gethan ? ” “ Gar nichts . ” “ Nun , dann ist es nicht hübsch von meinem kleinen Mädchen , ihre kranke Freundin zu vernachlässigen . Bringe Eugenie die Vergißmeinnicht , die ich auf den Markt gekauft habe . Eugenie ist manchmal ein bißchen spöttisch , aber mein Agathchen ist auch sehr empfindlich . Du kannst viel von Eugenie lernen . Sie macht so hübsche Knixe und hat immer eine freundliche Antwort bereit , läßt nie das Mäulchen hängen , wie mein Träumerchen ! ” Agathe sah ihre Mutter nicht an , mürrisch packte sie ihre Bücher aus . Es that ihr schrecklich weh im Halse , als wäre ihr da alles wund . Sie hätte sich am liebsten auf die Erde geworfen und laut geschrieen und geweint . Doch nahm sie gehorsam und ohne weiter etwas zu sagen den Strauß und ging . Unterwegs traf sie eine Bürgerschülerin , die sie kannte . Da warf sie die Blumen fort und schlenderte mit dem Mädchen . Als sie auf ihren ziellosen Streifereien wieder am Hause ihrer Eltern vorüber kamen , sah Mama aus dem Fenster und rief sie zum Essen . Agathe antwortete nicht und ging ruhig weiter . Sie hörte ihre Mutter hinter sich her rufen und ging immer weiter . Sie wollte überhaupt nicht wieder nach Hause zurück . Auf einem freien Platz mit Blumenbeeten setzte sie sich auf eine der eisernen Ketten , die , zwischen Steinpfeilern herabhängend , die Anlagen schützen sollten , hielt sich mit beiden Händen fest und baumelte mit den Beinen . Das thaten nur die allergemeinsten Kinder ! Das Mädchen aus der Bürgerschule setzte sich auch auf eine von den Ketten . So unterhielten sie sich . Von Amerika . Wie weit es wäre , um dorthin zu kommen . Der Lehrer hatte ihnen erklärt , Amerika läge ganz genau auf der andern Seite von der Erde . Man brauchte nur ein Loch zu graben furchtbar tief — immer tiefer — dann käme man schließlich in Amerika an . “ Aber dazwischen kommt erst Wasser und dann Feuer , ” sagte Agathe nachdenklich . Das hatte der Lehrer nicht gesagt . Aber Agathe glaubte es , ganz bestimmt . Eine entsetzliche Lust plagte sie , das mit dem Lochgraben einmal zu versuchen . Da kam drüben auf dem Trottoir im hellen Sonnenschein Eugenie mit ihrer Mutter . Sie hatte ihren neuen lila Sammetpaletot an und das Barett mit dem Federbesatz . Wie sie sich zierte ! Sie ging ganz sittsam zwischen ihrer Mutter und einem Offizier . Plötzlich bemerkte sie Agathe und stand erstaunt still , sie winkte und rief ihren Namen . Aber Agathe baumelte mit den Beinen und kam nicht . Frau Wutrow sagte etwas zu Eugenie , alle drei Personen sahen , wie es Agathe schien , empört zu ihr hin und spazierten dann weiter . Agathe lachte verächtlich . Dann ging sie mit der Bürgerschülerin , die schon um zwölf Uhr zu Mittag gegessen hatte , trank mit ihr Kaffee und versuchte mit ihr im Hof das tiefe Loch zu graben , das nach Amerika führen sollte . Ach — wenn es wirklich wahr wäre ! ! Sie mühten sich ganz entsetzlich , nur erst den Kies und die Erde fortzubringen . Dann trafen sie zu ihrem grenzenlosen Erstaunen auf rote Ziegelsteine . Es wurde Agathe ganz seltsam zu Mut , so als müsse jetzt ein Wunder geschehen — weiß Gott , was sie nun sehen würden . Mit aller Gewalt suchten sie die Ziegelsteine loszubrechen , schwitzten und stöhnten dabei . Und als der eine sich eben schon ein wenig bewegte — da kam jemand . Das andere Mädchen schrie laut auf vor Schrecken : “ Hu — die schwarze Jule ! Die schwarze Jule ! ” Heidi jagte sie fort und Agathe hinterdrein . Während die Hauswirtin ins Leere über ihren verwüsteten Hof keifte , steckten beide kleine Mädchen im Holzstall und regten und rührten sich nicht vor Angst . Aber das Nachhausekommen . . . . . ! Sie mußte doch einmal — es wurde schon dunkel — in der Nacht hätte sie sich auf der Straße totgefürchtet . Es gab auch Mörder da . Sie mußte schon . “ Ach Gott ! Ach lieber Gott , laß doch Mama in Gesellschaft sein ! ” Er war ja so gut — vielleicht that er ihr den Gefallen . Frau Heidling hatte inzwischen zu Wutrows geschickt , ob Agathe bei ihnen gewesen wäre . Nein — sie hätte auf dem Kasernenplatze gesessen und mit den Beinen gebaumelt . Agathe hatte jetzt alles vergessen , was sie am Morgen gequält . Sie empfand nur noch eine große Furcht vor ihrer Mutter , wie vor etwas schrecklich Erhabenen , vor dem sie nur ein kleines Würmchen war . Und dabei mischte sich auch eine unbestimmte Sehnsucht in die große Angst . Vielleicht dachte ihre Mutter , sie hätte bei Wutrows gespielt , und alles war gut . Als sie zaghaft und ganz leise klingelte , riß Walter die Thür auf , lachte laut und rief : “ Da ist sie ja , die Range ! ” Ihre Mutter nahm sie bei der Hand und führte sie in die Logierstube . Dort ließ sie sie im Dunkeln stehen . Mama würde doch nicht ? Nein — sie war ja schon ein großes Mädchen , dachte Agathe und fror vor Angst — nein , das konnte Mama doch nicht . . . Sie ging doch schon in die Schule . . . Frau Heidling kam mit einem Licht und mit der Rute wieder . “ Nein ! Nein ! Ach bitte , bitte nicht ! ” schrie Agathe und schlug wie rasend um sich . Es war ein wilder Kampf zwischen Mutter und Tochter , Agathe riß Mama die Spitzen vom Kleide und trat nach ihr . Aber sie bekam doch ihre Schläge — wie ein ganz kleines Kind . Als die schauerliche Strafe zu Ende war , wankte Frau Heidling erschöpft in ihr Schlafzimmer und sank keuchend und weinend auf ihr Bett nieder . Sie wußte , daß sie sich nicht aufregen sollte , und daß sie furchtbare Nervenschmerzen auszustehen haben würde . Bis zuletzt , während der Sorge und Angst um Agathe hatte sie gekämpft , ob sie es thun müsse . Ja , es war ihre Pflicht . Das Kind durfte sich nicht so über alle Autorität hinwegsetzen . Als sie Agathe sah , hatte auch der Zorn sie übermannt . Das Mädchen lag in der Logierstube auf den Dielen und schrie noch immer , schluckend und schluchzend , sie konnte die Töne nur noch heiser hervorstoßen , und ihr ganzer kleiner Leib zuckte krampfhaft dabei . Sie wollte sich totschreien . Mit einer solchen Schmach auf sich konnte sie doch nicht mehr leben . . . ! Was würde Papa sagen ? Ihm würde es wohl leid thun , wenn er sein kleines Mädchen nicht mehr hätte . Aber Mama — der war es ganz recht — ganz recht . . . Endlich wurde sie so müde , daß alles um sie her und in ihr verschwamm . Mit wüstem Kopf stand sie auf und kroch taumelnd in ihr Bett . Agathe hatte ihre Mutter nicht mehr lieb . Heimlich trug sie die Gewissensnot und den Schmerz darüber — eine zu schwere Bürde für ihre Kinderschultern . Ihre Haltung wurde schlaff , in ihrem Gesichtchen zeigte sich ein verdrießlicher , müder Zug . Aber der Arzt , den man befragte , meinte , das käme von dem gebückten Sitzen auf der Schulbank . Einige Zeit später wurde Agathes Vater als Vertreter des Landrats in eine kleinere Stadt versetzt . Hier gab es keine höhere Töchterschule und Agathe bekam eine Gouvernante . Allmählich erholte sie sich und wurde wieder munter . Wahrscheinlich verhielt sich alles gar nicht so , wie Eugenie gesagt hatte , dachte sie nun . Weil es ihr zu unmöglich erschien , vergaß sie ihre verworrene Weisheit zuletzt so ziemlich . Nur hin und wieder durch ein Wort von Erwachsenen , eine Stelle in einem Buch , durch ein Bild geweckt , zuweilen ohne jede Veranlassung wachte die Erinnerung an die Stunden in Wutrows Garten und in den dunklen Korridoren in ihrem Gedächtnis auf und quälte sie wie ein schlechter Geruch , den man nicht los wird , oder wie die Mitwissenschaft eines trüben , verhängnisvollen Geheimnisses . Frau Heidling hegte das unbestimmte Ideal eines innigen Verhältnisses zwischen einer Mutter und ihrer einzigen Tochter . Doch wußte sie durchaus nicht , wie sie es beginnen sollte , ein solches zwischen sich und Agathe herzustellen . Sie sorgte mit peinlicher Pflichttreue für deren Anzug , für Zahnbürsten , Stiefel und Korsetts . Aber wenn Agathe mit einem Ausbruch ihres brennenden Interesses für alles und jedes in der Welt : für die Rätsel in Neros Charakter und für Bürgers Liebe zu Molly , für die Ringe des Saturn und die Auferstehung der Toten zu ihrer Mutter kam , sah sie immer nur dasselbe halb verlegene , halb beschwichtigende Lächeln auf dem blassen , kränklichen Gesicht . Und gerade dann wurde ihr meist das Wort abgeschnitten mit einer von den unaufhörlichen Ermahnungen : Halt ' Dich gerade , Agathe — wo ist Dein Zopfband wieder geblieben ! Wirst Du denn nie ein ordentliches Mädchen werden ? Das reizte sie bis zu Thränen und ungezogenen Antworten . Frau Heidling fragte sich oft erstaunt , ob sie selbst nur einmal so schrecklich lebhaft und exaltiert gewesen sein könne — jetzt war ihr doch alles , was außerhalb ihrer Familie und ihres Haushaltes vorging , sehr gleichgültig . Ihr Mann hielt die in feine Form gekleidete geistige Bescheidenheit an der Frau vor allem hoch , und liebt man einen Mann , so sucht man doch unwillkürlich genau so zu werden , wie er es gern hat . Ja — und die vielen Wochenbetten und der Tod von kleinen Kindern — das macht den Kopf einer Frau recht müde . Aber dafür hat man seine Pflicht im Leben erfüllt . Frau Heidling konnte sich oft ängstigen , daß Agathe durch dieses unruhige Umherfahren ihrer Gedanken noch einmal auf Abwege geraten werde . Mit der Gouvernante hatte das Mädchen täglich die heftigsten Scenen . Fräulein wurde ganz von dem Plan beherrscht , den wohlhabenden Apotheker des Städtchens oder einen ältlichen Gerichtsrat dahin zu bringen , sie zu heiraten . Agathe verachtete sie deshalb aus vollem Herzen . Mit bitteren Gefühlen machte sie sich aber klar , daß nicht nur zwischen Fräulein und ihr , sondern auch zwischen Eltern und Kindern eine unausfüllbare Kluft bestehe . Einsam und von niemand verstanden , werde sie an diesem Kummer sterben müssen . Mit einem wahren Schwelgen in grausamen Rachegelüsten konnte sie sich dann die Reuethränen ihrer Mutter , die Verzweiflung ihres Vaters vorstellen . Papa hatte sie übrigens noch lieber als ihre Mutter . Zwar lachte er meistens , wenn sie eine Meinung äußerte , aber er zankte doch wenigstens nicht so viel . Eigentlich war es noch ein Trost , dem Gedanken nachzuhängen , sie sei vielleicht gar nicht das rechte Kind ihrer Eltern und darum könne sie sie nicht so heiß lieben , wie es ihr sehnlichster Wunsch war . Denn sonst — sonst wäre sie ja ein ganz schlechtes , verdorbenes Kind gewesen . Frau Heidling erkundigte sich bei anderen vertrauenswürdigen Frauen , wie heranwachsende Mädchen zu behandeln seien . “ Man soll ja nicht murren , ” sagte sie seufzend , “ aber es ist doch recht wunderlich vom lieben Gott eingerichtet , daß die Mutter , die die Kinder geboren hat , nachher gar keine Kraft mehr übrig behält , sie auch zu erziehen . Agathe greift mich furchtbar an . ” Überall riet man ihr “ die Pension ” . Sie sah also , daß das Übel , welches sie quälte , ein weitverbreitetes war , und das beruhigte sie vollständig . Da sie in ihrem früheren Wohnort , der Hauptstadt der Provinz , mannigfache Beziehungen unterhielt , wandte sie sich dorthin , um von einem geeigneten Institut zu hören . Sie wählte , damit ihre Tochter sich in der Fremde nicht verlassen fühlen möge , die Anstalt , wo sich mehrere frühere Freundinnen von Agathe befanden , unter ihnen Eugenie Wutrow . Du — gestehe mal gleich , wer ist denn Dein sweetheart ? So lautete eine der ersten Fragen , die ihre Mitschülerinnen an Agathe richteten , nachdem die Vorsteherin sie in das Arbeitszimmer geführt hatte , wo die jungen Mädchen mit Heften , Büchern und Handarbeiten um einen großen Tisch saßen . Agathe lernte bereits seit einem Jahre Englisch , aber das Wort sweetheart war in der Grammatik noch nicht vorgekommen . Das sagte sie schüchtern und wurde furchtbar ausgelacht . Agathe bewohnte mit Eugenie denselben Schlafsaal . Anfangs wurde sie von der kindischen Furcht beunruhigt , Eugenie könne irgend welche Anspielungen auf die Gespräche machen , die sie als kleine Mädchen miteinander geführt . Aber Eugenie schien die Erinnerung daran vollständig verloren zu haben . Sie war ein hübsches und schon recht elegantes Mädchen geworden . Agathe faßte , zu ihrer eigenen Verwunderung , sofort eine heftige Liebe für sie . Es gab nun kein größeres Vergnügen , als mit Eugenie Wutrow zusammen zu sein , sich an sie zu schmiegen und sie zu küssen . Eugenie behandelte die Zuneigung ihrer Kindheitsgespielin wie die Verehrung eines Mannes . Bisweilen war sie kalt und spröde und wies Agathes Liebkosungen herbe ab . Agathe konnte sie weder durch das Anerbeiten , die Rechenaufgaben für sie zu lösen , noch durch schwärmerische Briefe , die sie auf das Kopfkissen ihrer Freundin niederlegte , erweichen . Plötzlich war Eugenie dann aber wieder entzückend nett . Agathe litt neuerdings viel an Zahnweh und geschwollenen Backen . Wenn sie des Nachts hinter dem Wandschirm — der Schlafsaal wurde in dieser Weise zu verschiedenen Privatkämmerchen geteilt — auf ihrem Lager stöhnte und wimmerte , kam Eugenie mit bloßen Füßen herübergeschlichen , brachte Eau de Cologne oder Chloroform , saß auf ihrem Bettrand und strich ihr langsam und gleichmäßig über die Stirn , bis die Schmerzen nachließen und Agathe unter der magnetischen Wirkung der weichen Mädchenhand einschlief . Eugenie war eine praktisch beanlagte Natur , sie erriet in jeder Lage ohne viel Besinnen , was hier zu thun sei . Sie war allgemein beliebt unter den Backfischen . Agathe wurde viel von Eifersucht geplagt , wenn Eugenie mit anderen ging oder wenn sie gar den Arm um die Taille einer anderen legte . Es war ihr darum auch schrecklich traurig , daß sie in einer Frage , welche die Gemüter der Pensionärinnnen heftig erregte , nicht zu der geliebten Freundin stehen konnte . Etwa zehn der jüngeren , die noch nicht konfirmiert waren , hatten Religionsunterricht bei dem Direktor des Instituts , einem Doktor der Theologie und Philologie , Namens Engelbert . Er gehörte dem Protestantenverein an , war aus Gewissensbedenken nicht Geistlicher geworden und sprach seinen Schülerinnen offen die Ansicht aus : er halte Jesus Christus nur für einen Menschen , den richtigen Sohn der Maria und des Josef . Darob entstand ein großer Aufruhr unter den Mädchen . Die Tochter eines englischen Predigers erklärte , ihre Eltern würden sie sofort zurückrufen , wenn sie so etwas von Dr. Engelbert hörten . Agathes frommer Wunderglaube empörte sich gegen eine so nüchterne Auffassung der Erlösungsgeschichte . Dr. Engelbert gab sich aber besondere Mühe , gerade sie zu seiner Ansicht zu bekehren . Es waren nicht viele unter den jungen Mädchen , die weltgeschichtliche Fragen mit einem so persönlichen Interesse erfaßten , wie Agathe . Zum ersten Mal wurde sie vor eine selbständige Entscheidung gestellt , Dr. Engelbert forderte stets Selbständigkeit von seinen Zöglingen . Agathe blieb hartnäckig ihrem Gott-Heilande treu . Ohne Wunder und ohne das Walten überirdischer Mächte schien die Welt ihr öde und langweilig . Wohin sie schaute , war alles Leben , Geburt und Tod ihr nur ein Wunder , sie fühlte sich umgeben von unbegreiflichen Geheimnissen , an die man nicht zu tasten wagte . In den Religonsstunden gab es leidenschaftliche Disputionen , unbestimmte , aber desto heftigere Auseinandersetzungen , bis Agathe schluchzte und auch Dr. Engelbert , einem weichmütigen Idealisten , die hellen Thränen in seinen großen Vollbart liefen . Der Glaubensstreit wurde in den Freistunden und bis in die Schlafsäle hinein fortgesetzt . Eugenie stellte sich gleich auf die Seite von Dr. Engelbert . Sie äußerte , daß nur ein beschränkter Verstand an Wunder glauben könne . Agathe bebte in der Furcht , Eugenie möchte sie für dumm halten und ihr die Freundschaft kündigen . Aber die Aussicht in ein ewiges Leben voll Engelgesang und himmlischer Glorie konnte sie der Freundin doch nicht opfern . Welches Glück empfand Agathe daher , als Eugenie