und so oft verhauen , weil er immer mit ihm zusammensteckte . « » Fritz wußte nie die richtige Grenze zu ziehen zwischen sich und den Dorf- und Verwaltersjungen , « bemerkte August . » Diese früheren Beziehungen sind ja sehr fatal . Immerhin – der Mann hat Geld – übrigens wirkt er vielleicht nur als Unterhändler . Jedenfalls sollte man doch den Vorschlag dieses Debberitz hören . Ohne Kapital ist für mich nichts anzufangen , und ein Kosegarten kann nicht ewig in einer abhängigen Stellung bleiben . Wenn der Mann zahlungsfähig ist , so wüßte ich keinen Grund ... « Ein knurrender Ton des alten Herrn ließ ihn schweigen . Kosegarten blickte zu seinem Sohn über den Tisch hinüber . Nachdenken , Pläne machen , Entschlüsse fassen – das alles waren greuliche Geschichten , die er haßte . Warum ließ man einen alten Mann nicht in Frieden leben , wie seine Väter gelebt hatten : essen , trinken , auf die Jagd gehen , über die Äcker reiten , mit Förster und Verwalter eintönige und nach den Jahreszeiten sich regelnde Beratungen pflegen und ab und zu auf die Regierung schimpfen ? Warum mußte all dies Neue , dem man doch nicht gewachsen war , über einen armen Kerl von Edelmann hereinbrechen ? Umständlich zündete er sich eine Zigarre an . August ließ ihm Zeit . » Hast ja recht , Junge , « brummte der alte Herr , nachdem er eine Weile geraucht hatte . » Hast ja tausendmal recht . Bist ja mein einziger Trost in diesem Schindluderleben . Aber siehst du , seiner Väter Erbe an so ein Mistvieh verschleudern ... ich bring ' s einmal nicht über mich . Es geht mir wider die Natur ... « Er trank schnell und gierig seinen Tee , verschluckte sich , mußte husten und husten , wurde blaurot im Gesicht , und die Tränen strömten ihm aus den Augen . Mariechen klopfte ihm den Rücken . » Alterchen , Alterchen , dreimal an ' n weißen Schimmel denken , das hilft , das hilft sicher ! « Hilde hielt ihm ein Glas Wasser entgegen . Er nahm einige Schlucke , stand auf , ging zur Tür , trocknete sich die Augen , blickte schweigend hinaus über den schönen Platz und auf die breitästigen Kastanien , die eben im Begriff standen , ihre weißen Blütenfackeln zu öffnen . Marie redete leise auf den Sohn ein , warum er den Vater so in Erregung bringen müsse . August zuckte die Achseln . » Die Sache soll doch einmal besprochen werden . Papa muß sich entschließen . « » Und Mimi Rahlen ? « fragte die Mutter leise . » Das wäre doch ein Ausweg . « » Mama , ich finde es unehrenhaft , ein Mädchen um ihres Geldes willen zu heiraten . « » Aber gewiß , gewiß ! « Marie war ganz erschrocken über den Gedanken , der ihr entschlüpft war . » Ich meinte doch nur , wenn du sie liebtest ... selbstverständlich ... Sie sieht an manchen Tagen noch sehr gut aus ... « » Bitte , Mama , hierüber kein Wort mehr – es wäre mir äußerst peinlich . « Kosegarten kam zurück und ging mit gewaltigen Schritten im Saal auf und nieder . » Ich werde noch einmal ernstlich mit Trinette reden . Schließlich – ich könnte ihr das Kapital hypothekarisch sicherstellen ... Sie hat doch Familiensinn ... « » Alterchen , « rief Marie heftig , » ich verstehe dich nicht – in diesem einen Punkt verstehe ich dich nicht ! Trinette – mein Gott – hat sie uns denn je – zu irgendeiner Zeit geholfen ? Ja – sie kommt im Frühjahr zu uns – läßt es sich schmecken , geht im Park spazieren , sammelt ihr ekliges Kräuterzeug , mit dem sie alle Welt beglückt – borgt sich meinen Hut , wenn sie nach Langenrode zur Prinzessin Karoline fährt – um den ihren zu schonen – und mischt sich überall in Dinge , die sie nichts angehen . Gestern treffe ich sie sogar in der Küche , wie sie zur Wärmchen , die die Salzkartoffeln abgießt , belehrend sagt : › Mamsellchen , was machen Sie denn immer mit der Kartoffelbouillon , das gäbe doch noch gute Suppen für Kranke und Arme ! ‹ Die Leute brüllten vor Lachen , als sie hinaus war . Friedrich – es ist ja deine Schwester – aber ich frage dich , ob ich mir dieses Dreinreden noch länger gefallen lassen muß ? « » Habe doch Geduld , Mariechen , « sagte der alte Herr bekümmert , » sieh mal , ich denke , ich kann ihr schließlich doch noch das Geld herauslocken , und dann könnten wir Rauschenrode behalten . Du hängst auch daran , Mariechen . Es würde dir doch auch schwer , wenn wir fort müßten ... « Marie Kosegarten seufzte . Sie kannte Trinette – sie kannte sie durch und durch . Sie hoffte nichts mehr . Aber die Männer ließen sich immer durch Redensarten fangen . Trinette hatte so eine Manier , mit ihrem Einfluß bei Hofe großzutun , damit imponierte sie ihrem Bruder . Ging sie nicht umher und sprach unaufhörlich davon , daß sie für Hilde eine Hofdamenstelle in Aussicht habe , trotzdem sie ihr schon dreimal ärgerlich erklärt hatte , sie könne Hilde in der Wirtschaft nicht entbehren ? Hatte Trinette nicht spitzig darauf erwidert , es wäre für zunehmende Korpulenz höchst zweckmäßig , sich mehr in Küche und Keller zu bewegen , statt im Sofaeckchen zu sitzen und die Dorfkinder mit wollenen Strümpfen und Röcken zu verwöhnen ? Aber Kosegarten war einmal ein unverbesserlicher Optimist , was seine Schwester betraf ! Das wußte Frau von Kosegarten ja auch längst , und an diesen Punkt war nicht zu rühren . Stand er nicht , weiß Gott , jetzt , wo nur von Trinette die Rede war , auf und rief Zipperjahn , um die Hunde in den Stall zu bringen , weil Trinette den Hundegeruch in den Stuben nicht leiden mochte ? Wie oft hatte Frau von Kosegarten früher darum gebeten , die Hunde draußen zu lassen , die so viel Schmutz auf die Dielen und den Teppich brachten und sich sogar auf die gestickten Kissen legten – aber das war ganz vergeblich gewesen , und Frau von Kosegarten war längst an ihr Geblaff und ihren Geruch und alle ihre Untaten gewöhnt worden . Der strohköpfige Dorfjunge , der eigentlich Zyprian hieß , nach dem Kalendertag , an dem er zur Welt gekommen war , der aber seit seiner Taufe auch schon den zierlichen Kosenamen Zipperjahn empfangen hatte , zeigte sein freundliches Gesicht , das wie ein Vollmond über der lederfarbenen Livree leuchtete , in der Tür und wurde bedeutet , die Hunde in den Stall zu führen . Während er in etwas ungeschickter Weise bemüht war , die drei Teckel in seine Gewalt zu bekommen , fragte die gnädige Frau nach der Posttasche , und das war zu viel für Zipperjahn . Er ließ die Dackel wieder los , worauf sie mit lautem Gebell durch den Saal jagten , legte die Hände an die Hosennaht , stellte sich in Positur und antwortete feierlich : » Herr Schottenmaier hat die Posttasche an sich genommen . « Er wurde zu seiner äußersten Befriedigung beauftragt , von Herrn Schottenmaier die Posttasche zu verlangen – aber dieser seinem Ehrgeiz so schmeichelhafte Auftrag wurde durch das Erscheinen des Herrn Schottenmaier leider vereitelt . Der alte Diener , weißhaarig , mit geistlicher Würde in der Haltung seines Kopfes über der weißen Halsbinde , öffnete die Tür zum Flur und meldete ernsthaft : » Herr Theodor Debberitz wünscht den gnädigen Herrn zu sprechen ! « Kosegarten richtete einen kindlich bekümmerten Blick auf seinen Sohn . » Du meinst also , ich soll den Kerl empfangen ? « » Aber gewiß , Papa , hören , was er sagt – natürlich ! Mein Gott – nichts gegen die Ehre – aber zahlungsfähig soll er ja sein ! « » Na also – dann führen Sie ihn ins Büro , « sagte Kosegarten , ergeben in alle Unglücksfälle , die das Schicksal über ihn hereinwälzte . Hilde fühlte in diesem Augenblick ein großes Mitleid mit dem alten Herrn . Sie trat auf ihn zu , strich ihm liebkosend über die Schulter . » Onkelchen , der Mann will gewiß nur protzen – hat gewiß gar keine ernsten Absichten ... « » Meinst du , Mädel ? « rief Kosegarten erleichtert . » Du wirst recht haben . Na , dem Kerl will ich aber heimleuchten – der soll sich nicht noch mal unterstehen , mich zum Narren zu haben ! « Die Streitlust fachte auch den Lebensmut wieder an . Zipperjahn hatte sich inzwischen mit den Hunden herumgebalgt . Plötzlich fuhren die Tiere sämtlich laut bellend auf einen Mann los , der – niemand hatte gesehen , wie er dort hingekommen war – auf der Rampe vor der geöffneten Glastür stand . Nicht nur Kosegarten , auch die andern Anwesenden wußten sofort , daß dies der prachtvolle Theodor Debberitz war . Sein Gesicht schimmerte mild von einem leichten Fettglanz , als sei es mit Freudenöl gesalbt , indem er , ungeniert eintretend , es der Gruppe am Frühstückstisch entgegenwandte . Die Sonnenstrahlen ergriffen sofort die sich auf dem gerundeten Leib seiner weißen Weste leicht wiegenden Gehänge seiner goldenen Uhrkette als geeigneten Gegenstand , um auf ihnen ein anmutig glitzerndes kleines Feuerwerk zu entzünden . Die Krücke seines Spazierstockes blitzte ebenfalls in einem herausfordernden Silberglanz . Er lüftete den Hut mit weltmännischer Sicherheit . » Morgen , gnädige Frau ! Morgen , gnädiges Fräulein , « ertönte sein jovialer Gruß in die erwartungsvolle Stille , die sein Erscheinen hervorgerufen hatte . Frau von Kosegarten neigte kühl ihr Haupt – o , sie konnte auch die große Dame sein , wenn sie wollte . Der alte Herr , der dunkelrot vor Aufregung geworden war , bemerkte mit beleidigender Trockenheit : » Schottenmaier sollte Sie ins Büro führen . Geschäfte pflege ich nicht in Gegenwart der Damen zu erledigen . « » Ah , bitte sehr um Verzeihung , wenn ich hier unberufen eindringe . Der Diener kam nicht wieder , da wollte ich doch in meinem zukünftigen Besitztum mal ' n bißchen Umschau halten ! « » Nun , das ist etwas vorzeitig Beschlag auf den Besitzertitel gelegt , « rief August heftig . Der Vater hatte recht : dieser Mann war unerträglich dreist . Debberitz lächelte zu Augusts Bemerkung und antwortete ruhig : » Da haben Sie recht , Herr von Kosegarten , abgemacht ist die Geschichte noch lange nicht . Ne Katze im Sack kauft Thete Debberitz nicht – nee , nee ! Die Rampe draußen muß neu fundiert werden , Herr von Kosegarten – fällt Ihnen sonst eines Tags zusammen ! « » Das ist meine Sache , « brummte der alte Herr . » Nun kommen Sie , Debberitz . « Der prachtvolle Herr Debberitz schien noch nicht gewillt zu sein , diesem Wunsche Folge zu leisten . Er blieb stehen , breitbeinig , stemmte die Arme in die Seiten , so daß seine gewaltige Gestalt förmlich eine dunkle Masse in dem hellen Raum bildete , und sah durch die Glastüren in den Park hinaus . » Ein feiner Blick , « reflektierte er seelenruhig , » entschieden hochherrschaftlich ! Für den Gartensaal habe ich immer was übriggehabt . Thete , habe ich mir immer gesagt , hier zu frühstücken , so mit ' n Blick ins Jrüne , ne feine Sache ! Na ja , wenn einer Glück haben will , da hat er ' s ! Das ist mein Wahlspruch , Herr von Kosegarten . Ja , gnädige Frau , so ändern sich die Zeiten . Es ist schon lange her , daß wir uns nicht gesehen haben . Wissen Sie noch , wie ich und Fritz Ihnen mal die halbe Melone gemaust haben ? « » Das muß wohl ein Irrtum sein , « bemerkte Mariechen von Kosegarten ablehnend , aber Herr Debberitz beteuerte ihr , daß er ein sehr gutes Gedächtnis für solche Dinge habe . » Rackers waren wir beide , unverschämte Rackers , « erklärte er fröhlich und schien , nähertretend , nicht übel Lust zu haben , den leeren Stuhl neben Frau von Kosegarten einzunehmen , um sich weiter in allerlei Jugenderinnerungen zu vertiefen . Sie wartete mit einer Art von erstarrtem Staunen auf dieses Ereignis , und vielleicht hielt auch ihr Gatte eine freundschaftliche Niederlassung des selbstzufriedenen Eindringlings nicht für unmöglich , denn in einem Ton , wie er etwa mit einem widerspenstigen Ackerknecht reden mochte , rief er ihm zu : » Debberitz , ich warte ! « Debberitz warf einen schnellen , scharfen Blick seiner zwischen Fettfalten verborgenen , lustig glitzernden Äuglein über den alten Herrn und strich den dicken , wie zwei Eberhörner in die Höhe gedrehten Schnauzbart . › Verfluchte Junkerfrechheit ! ‹ dachte er in diesem Augenblick und nahm sich vor , daß Herr von Kosegarten den Ton zu bereuen haben werde . Die milde und gewissermaßen liebevolle Stimmung , in die er durch die Erinnerung an die gestohlene Melone gebracht worden war , verflog spurlos . Er setzte in Gedanken den Kaufpreis für Rauschenrode sofort um einige Mille herunter . » Also gehen wir , Herr von Kosegarten , gehen wir an die Geschäfte ! « rief er nach diesem Entschluß forsch und kordial . Mit einer für seine Korpulenz erstaunlichen Elastizität folgte er dem voranschreitenden alten Herrn . » Da soll man nun noch sagen : Unrecht Gut gedeihet nicht ! « bemerkte Hilde , den beiden so verschiedenen Gestalten nachschauend . » Mit dem wird Papa allein nicht fertig , « sagte August sorgenvoll . » Wäre er nur nicht so eigensinnig in dem Punkt und ließe mich an den Verhandlungen teilnehmen ! « Schottenmaier brachte die Posttasche . Während dle gnädige Frau in ihrem Körbchen nach dem Schlüssel suchte und Hilde ihn schnell fand , ein kleiner Vorgang , der sich jeden Morgen wiederholte , wartete der Diener , um die Korrespondenz der Leute in Empfang zu nehmen . » Gnädige Frau , « sagte er langsam mit gelindem Vorwurf , » der Herr werden uns das doch nicht antun , den Mann hierher zu setzen ! « » Ach , Schottenmaier , « seufzte Frau von Kosegarten , » wenn der liebe Gott so will , da kann der Herr auch nicht gegen an . « Aber Schottenmaier schüttelte mißbilligend das ergraute Haupt und begann die Sünden der Väter des Herrn Theodor Debberitz aufzuzählen . Wo dessen Reichtum herkam , das wußte man , das konnte sich jedes Kind im Dorf an den fünf Fingern nachrechnen . Wenn man nur an dle Butter und an all die Eier dachte und die Bratenreste , die in der Wachstuchtasche der Frau Debberitzen selig verschwunden waren , wenn sie des Sonntags und bei Jagddiners in der Küche half . Und dann die mysteriöse Geschichte mit den zweitausend Zentnern Kartoffeln , die als erfroren vom alten Debberitz gebucht waren , während doch kein Mensch die erfrorenen Kartoffeln je zu sehen gekriegt hatte . Hildens klugen Mund umflog ein leises Spottlächeln , während der würdige Schottenmaier sich ereiferte . Der Kampf der Familien Schottenmaier und Debberitz um die besten Plätze an der herrschaftlichen Krippe hatte seinerzeit viel Stoff zu humoristischen Geschichten am Herrschaftstisch geliefert . Sich bestehlen lassen und darüber zu lachen , gehörte von alters her zu den Traditionen der Familie Kosegarten . Man hätte es für plebejisch gefunden , sich mehr als höchstens alle Schaltjahr einmal dagegen aufzulehnen . » Sie lassen ja Ihren Sohn jetzt studieren , Schottenmaier , « sagte Fräulein Hilde freundlich , und der Alte erwiderte stolz : » Ja , gnädiges Fräulein , in Halle . Theologie . Der Herr haben ihm das Stipendium verschafft . « » So – nun , da haben Sie es ja auch zu etwas gebracht ! « sagte Hilde etwas schärfer , und Schottenmaier begriff , wo sie hinauswollte . Aber er ließ sich ' s nicht verdrießen und entgegnete würdig : » Der Herr im Himmel hat unsere treue Arbeit gesegnet . Meine selige Frau hat immer verstanden , das wenige zusammenzuhalten . An die Kinder wendet man ' s ja dann gern . « Frau Marie hielt einen Brief in ihrer Hand . » Von der Prinzessin Karoline an Tante Trinette ! « sagte sie ein wenig atemlos , » das betrifft dich – Hilde ! – Bring ihn doch der Tante , sie ist wohl noch im Park . « Hilde ging durch den alten Taxusgang nach dem Obstgarten , wo sie die Tante zu finden hoffte . Es graute ihr davor , nach Langenrode zu kommen , in diese geradlinige , verschlafene Residenz , wo so viel Unsauberes , Verwirrtes , Böses an Intrigen und Leidenschaften unter der Oberfläche vor sich ging . Jeder Stein , jeder Baum würden sie begrüßen mit stummen Erinnerungen an die kurze , qualvolle Seligkeit und die lange , bange Schmach ihres Mädchenlebens . Jene Schmach , die allmählich fast vergessen war im Gleichmaß der Tage und in der behaglichen Güte des einfachen , menschlichen Daseins auf Rauschenrode . Jetzt wußte sie , daß hinter aller friedvollen Stille immer ein heimliches Warten gelauert hatte : wann wird das Vergangene wieder aufwachen , um sie aufs neue vor den Richterstuhl der Unbarmherzigkeit zu fordern ? Wie sollte sie das helle Licht des Tags und den scharfen Wind des Lebens ertragen mit ihrer zerwühlten Seele ? An den Erdbeerbeeten wandelte die hohe , hagere Gestalt Fräulein Trinettes entlang , sich zuweilen niederbeugend und von den jungen zarten Blättchen der von weißen Blüten überdeckten Büsche in ein Handkörbchen sammelnd . Fräulein von Kosegarten genoß stets nur Tee von den getrockneten Blättern der Erdbeerstaude . Sie fand ihn bei weitem bekömmlicher für das leicht erregte Blut , und dann sah sie auch nicht ein , weshalb man die unchristliche mongolische Rasse in ihrem Teehandel unterstützen sollte ! Sie trug einen glockenförmigen Gartenhut , der unter dem Kinn mit schwarzen , oft gewaschenen Bändern gebunden war . Ihr gleichfalls schwarzes Kleid hätte einem impressionistischen Maler reiches Studienmaterial in Farbennuancen geliefert , denn der abgetragene Stoff spiegelte fuchsrot , grünlich und violett vor Alter . An dem welken Spitzenkragen , aus dem der Hals lang und sehnig hervorragte , war das ursprüngliche Muster durch die ausgedehntesten Stopfereien ergänzt , und auch die hackenlosen schwarzen Zeugschuhe wiesen die Kunst der früheren Hofdame im Reparieren und Erhalten alter Kleidungsstücke reichlich auf . Trotz ihres schäbigen Anzugs verleugnete Fräulein von Kosegarten durch die Würde ihrer Haltung und die feine Anmut ihrer Handbewegungen in keiner noch so zweifelhaften Situation , in die ihr Hang zur Sparsamkeit sie brachte , die Dame von Stand . » Hilde , Kind , welche Nachricht ! « rief sie , nachdem sie das Briefchen der Prinzessin überflogen hatte , » die Hoheit , die liebe Hoheit meldet sich zum Lunch an ! Denke , sie will dich kennenlernen ! Will sich unverbindlich mit dir unterhalten ! Nun , was sagst du dazu ? Hat man der alten Tante dankbar zu sein ? « Hilde neigte sich und küßte die lang und gelb aus schwarzen Filethandschuhen sich hervorstreckenden Finger des alten Fräuleins . » Wann kommt die Prinzessin ? « » Ja , sehen wir ! Mon dieu ! – heute , heute mittag um zwölf ! Noch immer so jugendlich impulsiv in ihren Entschlüssen ! Nun , da müssen wir eilen , Marie die Nachricht zu bringen . « » Tante , « sagte Hilde gequält , » halte es nicht für Undankbarkeit , nur sieh , ich eigne mich wirklich nicht zur Hofdame . Du hast neulich bemerkt , die Herzogin wünsche mehr die Gräfin Audorf für ihre Schwägerin . Und Frau von Leuchtenberg – du weißt ja , daß sie mir auch nicht wohlgesinnt ist . « » Leider weiß ich dies , aber Prinzessin Karoline ist nicht von der Leuchtenberg abhängig . « » Tante , Frau von Leuchtenberg ist , wie man sagt , zur Oberhofmeisterin der Herzogin in Aussicht genommen . Tritt sie diesen Posten an , so bin ich gewiß , sofort eine erbitterte Feindin vorzufinden . « » Du legst dir zu viel Wichtigkeit bei , wenn du meinst , daß eine Frau wie die Baronin Leuchtenberg überhaupt noch an jene kindische Geschichte denkt . Ich habe es immer getadelt , daß Marie in ihrer Bequemlichkeit nach jenem Eklat niemals wieder einen Winter mit dir in Langenrode zugebracht hat . « » O Tante , das wäre ihr nicht angenehm gewesen . « » Ja , Marie ist immer dafür , sich das Leben angenehm zu machen . Aber man ist nicht auf der Welt , um das Angenehme zu tun , sondern das Richtige . Richtiger wäre es gewesen , den bösen Zungen Trotz zu bieten . Du hättest auch eher Gelegenheit gehabt , dich zu verheiraten . « » Dazu hatte ich keinen Wunsch , Tante . « » Sehr töricht ! Ein Mädchen kann einen Flecken , der an ihrem Ruf haftet , einzig vertilgen , indem sie sich gut verheiratet . – Jetzt ist es wohl zu spät . Ich hoffe nun wenigstens , daß du dich in die Pläne , die ich mit dir habe , mit klugem Sinne fügst . Ich bin dann auch nicht abgeneigt , dir eine kleine Summe zu einigen Toiletten auszusetzen . In Berlin bekommt man bei Ausverkäufen recht billige Stoffe , die du geschickt verwenden wirst . « Hilde ging schweigend neben der Tante , während diese plaudernd dem Schlosse zuschritt . Als sie in den Gartensaal kamen , fanden sie Frau von Kosegarten in Tränen und August , das Gesicht gerötet , mit großen Schritten auf und ab gehend . » Es ist ein Wahnsinn , eine blanke Verrücktheit ! « schrie er zornig , » was denkt sich der Kerl eigentlich ? Was will er hier ? « » Welcher Kerl ? « fragte Trinette . » Ich bitte , hört doch einen Augenblick auf mich . Mein altes Herz bebt vor Freude ! Die Prinzessin Karoline will heute mittag bei uns lunchen . « Marie blickte mit ihrem verweinten Gesicht die Schwägerin verstört an . August brach in ein lautes Gelächter aus . » Immer besser ! Immer besser ! Dann kann ja Fritz die Prinzessin zu Tisch führen . Ist der Hoheit gewiß noch nicht passiert , von einem Vagabunden zu Tisch geführt zu werden ! « » August , « schluchzte seine Mutter , wie ein Kind herausweinend , » sage nicht so häßliche Worte ! Ich bitte dich , sage nicht › Vagabund ‹ ! « » Jetzt ist keine Zeit zu unverständlichen Witzen , August , « rief die Tante erregt . » Wir müssen an die Vorbereitungen zum Empfang der lieben Hoheit denken ! « » Der Hoheit muß abtelegraphiert werden , « erklärte August kurz . » August , « rief Trinette erschrocken , » besinne dich ! Einer Hoheit telegraphiert man nicht ab ! « » Es müssen sich Gründe finden lassen ! Ein Fall von Scharlach , Keuchhusten , was weiß ich , im Schloß ! « » Wenn sie zu Mittag hier sein will , so ist sie längst von Nassenstein aufgebrochen , « warf Hilde hin . » Dann muß man ihr einen reitenden Boten entgegenschicken ! Die Kombination ist undenkbar ! ... « » Ich meine , ihr könntet uns endlich aufklären , was hier vorgefallen ist , « sagte Trinette würdig , aber scharf . Marie blickte auf und lächelte plötzlich durch ihre Tränen mit einem hellen , frohen Lächeln , während August spöttisch berichtete : » Es hat sich noch ein Gast angemeldet . Ja – Fritz wird in diesen Tagen , möglicherweise schon heute – von Hamburg hier eintreffen . « » Fritz ? Mein Gott , Tantchen – Tantchen ... « Hilde umfaßte Frau von Kosegarten . » Du weinst ? Ach Tantchen , freue dich doch ! « Marie von Kosegarten weinte nur um so heftiger . » Hilde , es ist ja so traurig , so unbegreiflich schrecklich ! « August fuhr in einem künstlich ruhigen und ironischen Ton fort zu berichten : » Der teure Bruder schreibt : da wir nicht in der Lage wären , ihm das Reisegeld zu schicken , und da er überzeugt sei , er könne uns hier von Nutzen sein , so werde er sich auf einem Dampfer als Heizer vermieten und auf diese Weise herüberkommen . « » Als Heizer ? « fragte die alte Hofdame ungläubig , » wie ich Fritz beurteile , steckt dahinter irgendeine Abenteuerlichkeit . « » Ich fürchte nicht , « meinte August höhnisch . » Was wissen wir denn im Grunde von seiner Existenz ? Nichts als seine eigenen Angaben . Nun – wäre er der erste , der drüben gescheitert ist und als verhungerter Bettler heimkriecht unter das väterliche Dach ? « » Als Heizer ! « wiederholte Tante Trinette , und ihr behaartes Kinn begann zu zittern , » als Heizer ... und wir erwarten die Prinzessin Karoline ! « Frau von Kosegarten hatte Hilde den Brief ihres Sohnes gereicht . Sie las ihn und sagte in ehrlicher Entrüstung : » Das hätte ich Fritz nie zugetraut ! « Frau von Kosegarten legte ihren Kopf auf Hildens Schulter , und das junge Mädchen streichelte ihr teilnehmend die nasse Wange . » Hilde , Hilde , « weinte die Mutter , » wie war ich stolz auf diesen Jungen ! Sündhaft stolz ! Als er getauft wurde , stand alles in Flaggen und Girlanden auf Rauschenrode , und sie schossen mit dem alten Böller vom Turm , und die Leute vom Dorf brachten einen Fackelzug ! Und nun – Kohlenschipper ! « » Pfui ! « sagte Tante Trinette laut und langsam . » Ist Amerika nicht groß genug , um eines Menschen Schande zu verbergen ? Aber Fritz hatte niemals den rechten Familiensinn ! « » Nun , Tante Trinette , von Familiensinn solltest du lieber nicht reden , « bemerkte August unmutig . » Hättest du mehr davon , brauchte Papa jetzt nicht mit einem elenden Wucherer und Spekulanten um Rauschenrode zu feilschen ! « » Wieso ? « » Da kommen sie , « flüsterte Marie atemlos vor Spannung , und ein plötzliches Schweigen entstand in der Gruppe , während draußen die Stimme des alten Herrn von Kosegarten und des Unternehmers in heftigem Disput laut wurden . Man hörte Herrn Debberitz in einem rohen , vor Zorn heisern Ton schreien : » Nach der Beleidigung , Herr von Kosegarten , – da ist es aus zwischen uns – da behalt ich meine blauen Lappen , da behalt ich sie eben ! Nich mehr rühr an , sage ich – die runtergekommene Klitsche , das verfluchte , baufällige Rattennest ! « » Schottenmaier ! « donnerte der Gutsherr dagegen , » für den Herrn bin ich nicht mehr zu sprechen – auf keinen Fall ! – hören Sie ? « Gleich darauf stand Kosegarten , blaurot vor Zorn , unter seinen Familienangehörigen und schrie : » Dem hab ich ' s aber gut gegeben , dem Schindluder ! Der kommt nicht noch mal wieder – so ein Mistvieh ! So ein Schweinigel ! « » Ja , da ist es also nichts mit dem Verkauf geworden ? « fragte Marie . » Wird schon noch ne Weile gehen , wie es bis jetzt gegangen ist ! « rief Kosegarten . » Ja , ja – so ' n alter Besitz ! Man ist doch mit ihm verwachsen . Man hat ' s doch lieb , das olle Nest ! Na , noch sind wir Herren im Land , Marie . Geben ' s sobald noch nicht her , was ? « Er wandte sich mit seinem guten , kindlichen Lachen der Frau zu , und sie lachte auch und rief fröhlich : » Gestern abend hab ich doch den lieben Gott so recht innig gebeten , er möchte uns einen Käufer schicken , und heute – heute will ich ihm so recht innig danken , daß du den Käufer wieder davongejagt hast ! « In der Mamsellenstube neben der großen Herrschaftsküche gab es ein neugieriges Stimmengeflüster . An dem Fenster , an dem Mamsell Wärmchen Wachsblumen , rotblühende Kakteen und ein Myrtenbäumchen zog , das , trotzdem es schon manches Kränzlein lieferte , doch seinen Lebenszweck , Mamsellchens eigenes Haupt zu schmücken , bis jetzt verfehlt hatte , scharte man sich dicht um Herrn Schottenmaier . Er pflegte hier auf dem von einer weißen , gehäkelten Decke verhüllten Nähtisch seiner alten Freundin das Frühstück zu verzehren . Heute genoß er ein Täßchen Hühnerbrühe mit Ei – Mamsellchen hatte ein Restchen Frikassee vorgezogen , und während sie ein Beinchen kunstgerecht ablutschte , blickten ihre runden , braunen Augen noch runder als gewöhnlich und ganz bekümmert auf Schottenmaier . » Nee , sagen Sie nur , Schottenmaier – Kohlenschipper – sagen Sie ? Das haben Sie wohl falsch verstanden mit Ihrem linken tauben Ohr – nee , da muß ich doch gleich mal selbst nachfragen . So ein Kummer für die Herrschaft , ach Jott , ich sage ja ! « » Denn is er richtig so ' n armes , verlaustes Wurm ? « fragte Zipperjahn das Hausmädchen , das vor Wichtigkeit und Gruseln die Luft seufzend durch die weißen Zähne zog . Sie dachte an den Kuß , den ihr Herr Fritz einmal auf die frischen fünfzehnjährigen Lippen gedrückt hatte und der so gut nach feinen Zigaretten schmeckte . Zipperjahn aber sagte schmerzlich : » Un he hatte doch bei mich Jevatter gestanden , « als müßte diese