Was hat denn Waldemar schon wieder angestiftet ? « fragte der Gutsherr ärgerlich . » Daß er unbändig ist , weiß ich so gut wie Sie , da kann ich Ihnen aber nicht helfen . Mir ist der Junge längst über den Kopf gewachsen ; er pariert keinem Menschen mehr , auch mir nicht . – Daß er Ihren Büchern davonläuft und sich lieber auf der Jagd herumtreibt – pah , ich habe es in meiner Jugend auch nicht besser gemacht . Mir wollte der Gelehrtenkram auch nicht recht in den Kopf . Daß er keine Manieren hat – ist auch gar nicht notwendig . Wir leben hier ganz unter uns , und wenn wir einmal mit den Nachbarn zusammenkommen , geht es auch ungeniert genug zu . Das wissen Sie doch am besten , Doktor . Sie nehmen ja immer Reißaus vor unsern Jagd- und Trinkgesellschaften . « » Aber bedenken Sie doch , « wendete der Erzieher ein , » wenn Waldemar mit seinem unbändigen Wesen später in andre Lebensverhältnisse tritt , wenn er sich dereinst verheiratet – « » Verheiratet ? « rief Witold förmlich beleidigt von dieser Voraussetzung . » Er wird doch nicht ! Wozu braucht er zu heiraten ? Ich bin Junggeselle geblieben und befinde mich wohl dabei , und der selige Nordeck hätte auch besser daran gethan , wenn er ledig geblieben wäre . Nun , mit unserm Waldemar hat es Gott sei Dank keine Not – der läuft allem , was Frauenzimmer heißt , davon , und daran thut er recht . « Er lehnte sich mit sehr zufriedener Miene in seinen Stuhl zurück . Der Doktor trat einen Schritt näher . » Um nun aber wieder auf den Anfang unsres Gespräches zurückzukommen – « sagte er zögernd . » Sie geben es ja selbst zu , daß mein Zögling mir völlig entwachsen ist , und es dürfte somit wohl die höchste Zeit sein , ihn auf die Universität zu senden . « Herr Witold fuhr mit einem Ruck in die Höhe , daß der Erzieher den eben gethanen Schritt zur Annäherung schleunigst wieder zurückthat . » Dachte ich es doch , daß wieder so etwas herauskommen würde ! Seit vier Wochen höre ich nichts andres von Ihnen . Was soll Waldemar auf der Universität ? Sich von den Professoren den Kopf noch mehr mit Gelehrsamkeit vollpfropfen lassen ? Ich dächte , das hätten Sie schon hinlänglich besorgt . Was ein tüchtiger Gutsherr braucht , hat er gelernt . Er weiß auf Hof und Feldern genau so gut Bescheid , wie mein Inspektor ; die Leute versteht er besser in Respekt zu halten als ich , und im Reiten und auf der Jagd thut es ihm keiner zuvor . ' s ist ein Prachtjunge . « Der Erzieher schien diese enthusiastische Ansicht über seinen Zögling durchaus nicht zu teilen . Er wagte das nun freilich nicht laut werden zu lassen , aber er raffte seinen ganzen , offenbar nicht großen Vorrat von Mut zu einer schüchternen Gegenrede zusammen . » Aber für den Erben von Wilicza dürfte doch am Ende mehr notwendig sein , als nur die Eigenschaften eines guten Inspektors oder Administrators . Mir scheint eine höhere akademische Bildung dringend wünschenswert . « » Mir ganz und gar nicht , « rief Herr Witold . » Ist es nicht genug , daß ich den Jungen , der mir ans Herz gewachsen ist , doch später von mir lassen muß , weil seine Güter gerade in dem verwünschten Polackenlande liegen ? Soll ich mich jetzt schon von ihm trennen , um ihn auf die Universität zu schicken , wohin er durchaus nicht will ? Daraus wird nichts – absolut nicht ! Er bleibt hier , bis er nach Wilicza geht . « Er that einige so grimmige Züge aus seiner Pfeife , daß sein Gesicht für mehrere Minuten gänzlich hinter den Tabakswolken verschwand . Der Erzieher stieß einen Seufzer aus und schwieg , aber gerade diese stille Ergebung schien den tyrannischen Gutsherrn zu rühren . » Geben Sie sich nur zufrieden , Doktor , mit der Universität ! « sagte er in ganz verändertem Tone . » Dazu bringen Sie den Waldemar doch nun und nimmermehr , und für Sie ist es auch viel besser , Sie bleiben hier in Altenhof . Hier sitzen Sie so recht mitten unter Ihren Hünengräbern und Runensteinen , und wie das Zeug alles heißt , an dem Sie den ganzen Tag herumstudieren . Ich begreife freilich nicht , was Sie an dem alten Heidengerümpel Merkwürdiges finden , aber eine Freude muß der Mensch haben , und Ihnen gönne ich sie von Herzen , denn Waldemar macht Ihnen oft genug das Leben schwer – und ich dazu . « Der Doktor machte eine verlegen abwehrende Bewegung , » O , Herr Witold ! « » Genieren Sie sich nicht ! « sagte dieser gutmütig , » Ich weiß ja doch , daß Sie im Grunde unser Leben hier für eine ganz heillose Wirtschaft halten , und uns längst davongelaufen wären , wie Ihre sechs Vorgänger , wenn nicht das alte Heidengerümpel wäre , an dem nun einmal Ihr ganzes Herz hängt , und von dem Sie sich nicht trennen können . Nun , Sie wissen ja , ich bin nicht so schlimm , wenn ich auch hin und wieder einmal auffahre , und da Sie mit Ihren Gedanken doch fortwährend in der Heidenzeit herumstöbern , müßte Ihnen eigentlich bei uns am wohlsten sein . Wie ich mir habe sagen lassen , hatten die Leute damals gar keine Manieren ; sie schlugen sich oft aus reiner Freundschaft untereinander tot . « Dem Doktor schienen die historischen Kenntnisse , die der Gutsherr entwickelte , doch wohl etwas bedenklicher Natur ; vielleicht fürchtete er auch eine praktische Anwendung derselben auf seine eigene Person , denn er retirierte unmerklich nach dem Sofa . » Verzeihen Sie , die alten Germanen – « » Waren nicht wie Sie , Doktor , « rief der Gutsherr , dem das Manöver nicht entgangen war , überlaut lachend . » So viel weiß ich auch noch . Ich glaube , von uns allen kommt ihnen Waldemar am nächsten , also begreife ich gar nicht , was Sie eigentlich an ihm auszusetzen haben . « » Aber , Herr Witold , im neunzehnten Jahrhundert – « Weiter kam der Doktor nicht in seiner Auseinandersetzung , denn in diesem Augenblick krachte ein Schuß , der unmittelbar vor dem offenen Fenster abgefeuert wurde . Die Kugel pfiff durch das Zimmer , und das große Hirschgeweih , das über dem Schreibpulte hing , stürzte polternd herab . Der Gutsherr sprang von seinem Sitze auf . » Waldemar ! Was soll das heißen ? Schießt uns der Junge jetzt etwa gar noch in die Stube hinein ? Wart ' , das Handwerk werde ich dir legen . « Er wollte hinauseilen , wurde aber durch den Eintritt eines jungen Mannes daran verhindert , der die Thür öffnete oder sie vielmehr aufstieß , um sie dann in der rücksichtslosesten Weise wieder ins Schloß fallen zu lassen . Er war im Jagdanzuge , hatte einen großen Jagdhund neben sich und die abgeschossene Flinte in der Hand . Ohne Gruß , ohne Entschuldigung wegen seines gewaltsamen Auftretens , ging er auf Witold zu , stellte sich dicht vor ihn hin und sagte triumphierend : » Nun , wer hat recht ? Du oder ich- « Der Gutsherr war wirklich zornig . » Ist das eine Art , den Leuten über die Köpfe wegzuschießen ? « rief er hitzig . » Man ist ja vor dir seines Lebens nicht mehr sicher . Willst du den Doktor und mich durchaus aus der Welt schaffen ? « Waldemar zuckte die Achseln . » Warum nicht gar ! Meine Wette wollte ich gewinnen . Du behauptetest ja gestern , ich würde von draußen den Nagel nicht treffen , an dem der Zwölfender hängt – da sitzt die Kugel . « Er wies nach der Wand hinauf . Witold folgte der Richtung . » Wahrhaftig , da sitzt sie , « sagte er voll Bewunderung und gänzlich versöhnt . » Doktor , sehen Sie nur – aber was ist Ihnen denn ? « » Herr Doktor Fabian hat wahrscheinlich wieder seine Nervenzufälle , « sprach Waldemar höhnisch , indem er seine Flinte beiseite stellte , aber keine Miene machte , seinem Lehrer beizustehen , der halb ohnmächtig von dem Schreck in das Sofa zurückgesunken war und noch an Händen und Füßen zitterte . Der gutmütige Witold richtete ihn auf und redete ihm nach Kräften zu . » Erholen Sie sich doch ! Wer wird denn gleich ohnmächtig werden , weil ein wenig Pulver verknallt ist ; die Geschichte ist ja nicht der Rede wert . Es ist wahr , wir hatten gewettet , aber wie konnte ich denn wissen , daß der Junge die Sache auf so unvernünftige Weise ins Werk setzen würde . Anstatt uns hinauszurufen , damit wir in aller Ruhe zusehen können , feuert er uns ohne weiteres in die Stube hinein . – Ist Ihnen nun besser ? Gott sei Dank ! « Doktor Fabian war aufgestanden und bemühte sich , sein Zittern zu beherrschen , es wollte ihm aber noch nicht gelingen . » Sie hätten uns erschießen können , Waldemar ! « sagte er mit bleichen Lippen . » Nein , Herr Doktor , das hätte ich nicht thun können , « versetzte Waldemar in wenig ehrerbietigem Tone . » Sie standen mit dem Onkel vor dem Fenster zur Rechten , und ich schoß durch das zur Linken , mindestens fünf Schritt seitwärts . Sie wissen doch , ich fehle nie . « » Künftig aber läßt du das bleiben , « erklärte Witold , mit einem Versuche , die Autorität des Vormundes geltend zu machen . » Der Kuckuck kann doch einmal mit solcher Kugel sein Spiel treiben , und dann ist das Unglück fertig . Ich verbiete dir ein für allemal das Schießen auf dem Hofe . « Der junge Mann schlug trotzig die Arme übereinander . » Das kannst du , Onkel , aber gehorchen thue ich nicht . Ich schieße doch . « Er stand vor seinem Pflegevater wie das verkörperte Bild des Trotzes und der Unbändigkeit . Waldemar Nordeck zeigte in seinem Äußeren den echt germanischen Typus , auch nicht der kleinste Zug erinnerte daran , daß die Mutter einem andern Volk entstammte . Der hohe , fast riesige Wuchs überragte selbst die stattliche Gestalt Witolds noch um einige Zoll , aber dem Körper fehlte das Ebenmaß ; jede Linie trat scharf und eckig hervor . Das blonde Haar schien in seiner überreichen Fülle eher eine Last für den Kopf zu sein , denn es fiel tief in die Stirn herab und wurde von Zeit zu Zeit mit einer ungeduldigen Bewegung zurückgeworfen . Die blauen Augen hatten einen finstern Ausdruck , und in Momenten der Gereiztheit , wie jetzt , gewann der Blick sogar etwas Feindseliges . Das Gesicht war entschieden unschön , auch hier zeigte sich jede Linie scharf , unvermittelt – nichts mehr von den weicheren Formen des Knaben , aber auch noch nichts von den festen Zügen des Mannes , der Übergang trat hier in fast abstoßender Gestalt auf , und die Verwilderung , die sich schon in dem Äußeren des jungen Mannes kundgab , die gänzliche Hintansetzung aller Formen , diente nicht dazu , den ungünstigen Eindruck zu verwischen , den die ganze Erscheinung machte . Herr Witold gehörte offenbar zu jenen Menschen , deren Persönlichkeit und Auftreten eine Energie voraussetzen laßt , von der sie in Wirklichkeit auch nicht das geringste besitzen . Anstatt dem Trotze und der Ungezogenheit seines Mündels in entschiedener Weise entgegenzutreten , fand der Herr Vormund es für gut , nachzugeben . » Ich sagte es Ihnen ja , Doktor , der Junge pariert auch mir nicht mehr , « meinte er mit einer Gemütsruhe , die da zeigte , daß dies der gewöhnliche Ausgang solcher Streitigkeiten war , und daß , wenn es dem jungen Herrn beliebte , einmal Ernst zu machen , der Pflegevater ebenso machtlos war wie der Erzieher . Waldemar kümmerte sich um beide nicht weiter . Er warf sich der Länge nach auf das Sofa , ohne die mindeste Rücksicht darauf zu nehmen , daß seine vom Sumpfwasser durchnäßten Stiefel in Berührung mit den Polstern kamen , während der große Jagdhund , der jedenfalls im Wasser gewesen war , dem Beispiele seines Herrn folgte und es sich mit der gleichen Rücksichtslosigkeit auf dem Teppich bequem machte . Es entstand jetzt eine etwas unbehagliche Pause . Der Gutsherr versuchte brummend seine inzwischen ausgegangene Pfeife wieder in Brand zu setzen , Doktor Fabian aber hatte sich an das Fenster geflüchtet und schickte einen Blick zum Himmel , der deutlicher als Worte aussprach , daß er das Leben hier wirklich für eine » heillose Wirtschaft « erachtete . Der Gutsherr hatte inzwischen nach seinem Tabaksbeutel gesucht , den er denn auch richtig auf dem Schreibpulte unter den Sporen und Reitpeitschen entdeckte . Im Begriffe , ihn hervorzuziehen , fiel ihm ein noch uneröffnetes Schreiben in die Hand ; er nahm es auf . » Das hätte ich beinahe vergessen ! Waldemar , da ist ein Brief an dich . « » An mich ? « fragte Waldemar gleichgültig , aber doch mit jener Verwunderung , die ein ungewöhnliches Ereignis hervorruft . » Jawohl . Eine Krone im Siegel und ein großes Schild mit allerhand Wappengetier . Wird wohl von der Fürstin Baratowska sein . Es ist freilich lange her , daß wir mit einem allergnädigsten Handschreiben beehrt wurden . « Der junge Nordeck erbrach den Brief und durchflog ihn . Er schien nur wenige Zeilen zu enthalten , aber trotzdem stieg auf der Stirn des Lesenden so etwas wie eine Wetterwolke auf . » Nun , was gibt es ? « fragte Witold . » Sitzt die Verschwörergesellschaft noch immer in Paris ? Ich habe den Poststempel nicht angesehen . « » Die Fürstin ist mit ihrem Sohne drüben in C. , « berichtete Waldemar ; er schien die Bezeichnung Mutter und Bruder absichtlich zu vermeiden . » Sie wünscht mich dort zu sehen , ich werde morgen hinüberreiten . « » Das wirst du bleiben lassen , « sagte der Gutsherr . » Hat sich die hochfürstliche Verwandtschaft jahrelang nicht um dich gekümmert , so braucht sie es auch jetzt nicht zu thun . Wir fragen wahrhaftig nichts danach – du bleibst hier . « » Onkel , jetzt ist es genug mit dem ewigen Befehlen und Verbieten , « brach Waldemar auf einmal mit solcher Wildheit los , daß jener ihn mit offenem Munde anstarrte . » Bin ich ein Schulknabe , der bei jedem Schritte erst um Erlaubnis fragen muß ? Habe ich mit einundzwanzig Jahren nicht einmal das Recht , selbst über die Zusammenkunft mit meiner Mutter zu entscheiden ? Ich habe bereits darüber entschieden , und morgen früh reite ich nach C. « » Nun , nun , nur nicht gleich so bärenwütig ! « sagte Witold , mehr erstaunt als erzürnt über diesen plötzlichen Ausbruch eines Jähzorns , den er sich gar nicht erklären konnte . » Meinetwegen reite , wohin du willst ! Ich will nichts mit der Polengesellschaft zu thun haben , das sage ich dir . « Waldemar hüllte sich in trotziges Schweigen ; er nahm seine Flinte , pfiff seinem Hunde und verließ das Zimmer . Der Vormund sah ihm kopfschüttelnd nach , auf einmal aber schien ihm ein Gedanke zu kommen . Er nahm den Brief , den Waldemar achtlos auf dem Tische hatte liegen lassen , und las ihn gleichfalls durch . Jetzt war es Herr Witold , der bei der Lektüre die Stirn runzelte und bei dem schließlich ein Ungewitter losbrach . » Dachte ich es doch ! « rief er , mit der Faust auf den Tisch schlagend , » Das sieht der Frau Fürstin ähnlich . In sechs Zeilen stachelt sie den Jungen zur Empörung gegen mich auf ; darum wurde er auf einmal so aufsässig , Hören Sie nur , Doktor , die saubere Epistel : » › Mein Sohn ! es sind Jahre vergangen , ohne daß ich ein Lebenszeichen von Dir erhalten habe . ‹ Als ob sie uns eins gegeben hätte ! « – schob der Lesende ein . » › Ich weiß nur durch Fremde , daß Du noch auf Altenhof bei Deinem Vormunde lebst . Ich befinde mich augenblicklich in C. , und ich würde mich sehr freuen , wenn ich Dich dort sehen und Dir Deinen Bruder zuführen könnte . Ich weiß nun freilich nicht ‹ – geben Sie acht , Doktor , jetzt kommt der Stachel ! – › ob Du die nötige Freiheit zu diesem Besuche hast . Wie ich höre , bist Du trotz Deiner inzwischen eingetretenen Mündigkeit noch gänzlich von dem Willen Deines Vormundes abhängig . ‹ – Doktor , Sie sind Zeuge davon , wie der Junge uns beide Tag für Tag maltraitiert . – › An Deiner Bereitwilligkeit , zu kommen , zweifle ich nicht , wohl aber an der Erlaubnis dazu von seiten des Herrn Witold . Ich habe es dennoch vorgezogen , mich an Dich zu wenden , und ich werde ja sehen , ob Du so viel Selbständigkeit besitzest , um diesen Wunsch Deiner Mutter , den ersten , den sie Dir ausspricht , zu erfüllen , oder ob Du ihr selbst diese Bitte nicht gewähren darfst . ‹ Das › darfst ‹ ist unterstrichen , – › Im ersteren Falle erwarte ich Dich in diesen Tagen und schließe den Grüßen Deines Bruders die meinigen bei . Deine Mutter . ‹ « Herr Witold war so erbost , daß er den Brief auf den Fußboden schleuderte . » Und so etwas muß man nun lesen ! Meisterhaft ausgedacht von der Frau Mutter . Sie weiß so gut wie ich , welch ein Eisenkopf Waldemar ist , und wenn sie ihn jahrelang studiert hatte , sie könnte ihn nicht besser an seiner schwachen Seite fassen . Der bloße Gedanke , daß ihm Zwang geschehen könnte , bringt ihn außer sich . Jetzt mag ich Himmel und Erde in Bewegung setzen , um ihn zu halten , er wird doch gehen , bloß um zu zeigen , daß er seinen eigenen Willen hat . – Was sagen Sie eigentlich zu der Geschichte ? « Doktor Fabian schien in die Familienverhältnisse hinlänglich eingeweiht zu sein und die bevorstehende Zusammenkunft mit dem gleichen Schrecken zu betrachten , wenn auch freilich aus andern Gründen . » Um Gottes willen ! « sagte er ängstlich . » Wenn Waldemar auch in C. mit seinem gewöhnlichen unbändigen Wesen auftritt , wenn er der Frau Fürstin so vor die Augen kommt , was wird sie denken ! « » Daß er nach seinem Vater geraten ist , und nicht nach ihr , « war die nachdrückliche Antwort des Gutsherrn . » So , gerade so soll sie Waldemar sehen , da wird es ihr wohl klar werden , daß er kein allzu gefügiges Werkzeug für ihre Intriguen abgibt ; denn daß da wieder Intriguen gesponnen werden , darauf will ich meinen Kopf verwetten . Entweder der hochfürstliche Geldbeutel ist leer – ich glaube , er ist nie allzu voll gewesen – , oder es soll wieder einmal eine kleine Staatsverschwörung ins Werk gesetzt werden , und dazu liegt Wilicza so recht bequem , dicht an der Grenze . Was sie eigentlich mit meinem Jungen vorhaben , weiß der Himmel , aber ich werde schon dahinter kommen und ihm beizeiten die Augen öffnen . « » Aber Herr Witold , « mahnte der Doktor . » Wozu den unglücklichen Riß in der Familie noch mehr erweitern , jetzt wo die Mutter die Hand zur Versöhnung bietet ! Ware es denn nicht besser , endlich einmal Frieden zu schließen ? « » Das verstehen Sie nicht , Doktor , « sagte Witold mit einer bei ihm ganz ungewöhnlichen Bitterkeit . » Mit der Frau ist kein Frieden zu schließen , wenn man sich nicht willenlos ihrer Herrschsucht unterwirft , und weil der selige Nordeck das nicht that , hatte er Tag für Tag die Hölle im Hause . Nun , ich will ihn nicht gerade herausstreichen . Er hatte seine argen Fehler und konnte einem Weibe das Leben wohl schwer machen , aber das Unglück kam doch daher , daß er gerade diese Morynska zur Frau nahm . Eine andre hätte ihn vielleicht lenken , vielleicht ändern können , aber freilich , ein wenig Herz hätte dazu gehört , und von dem Artikel hat Frau Jadwiga nie etwas aufweisen können . Herzlos ist sie von jeher gewesen und hochmütig dazu . Nun , die sogenannte › Erniedrigung ‹ der ersten Ehe ist ja durch die zweite wieder gut gemacht worden . Schade nur , daß die Frau Fürstin Baratowska mit Gemahl und Sohn nicht auf Wilicza residieren durfte . Das hat sie nie verwinden können , aber da hatte das Testament zum Glück einen Riegel vorgeschoben , und daß Waldemar nicht noch nachträglich eine Dummheit macht , dafür haben wir mit unsrer Erziehung gesorgt . « » Wir ? « rief der Doktor erschrocken , » Herr Witold , ich habe redlich meine Unterrichtsstunden gegeben , wie es mir vorgeschrieben war ; auf das Wesen meines Zöglings habe ich leider nie den geringsten Einfluß üben können , sonst – « Er stockte . » Wäre er anders geworden , « ergänzte Witold lachend . » Nun , machen Sie sich keine Gewissensbisse darüber ! Mir ist der Junge recht , so wie er nun einmal ist , trotz all seiner Wildheit . Wenn Sie also wollen , ich habe ihn erzogen . Wenn das zu den intriganten Plänen der Baratowska nicht stimmt , so soll es mich freuen , und wenn morgen meine Erziehung und ihre Pariser Bildung tüchtig aneinander geraten , so soll es mich noch mehr freuen . Das ist doch wenigstens eine Vergeltung für die boshafte Epistel da . « Mit diesen Worten ging der Gutsherr aus dem Zimmer . Der Doktor bückte sich nach dem Briefe , der noch immer auf dem Fußboden lag , hob ihn auf , legte ihn sorgfältig zusammen und sagte mit einem tiefen Seufzer : » Und schließlich wird es doch heißen : Ein gewisser Doktor Fabian hat den jungen Erben erzogen . – O du gerechter Himmel ! « Die Herrschaft Wilicza , deren Erbe Waldemar Nordeck war , lag in einer der östlichen Provinzen des Landes und bestand aus einem sehr umfangreichen Güterkomplex , dessen Mittelpunkt das alte Schloß Wilicza mit dem Gute gleichen Namens bildete . Die Art , wie der verstorbene Nordeck in den Besitz dieser Herrschaft gelangt war , wie er schließlich die Hand einer Gräfin Morynska errungen hatte , bildete nur einen neuen Beitrag zu dem in unsern Tagen so oft wiederholten Schauspiele von dem Sinken alter , einst reicher und mächtiger Adelsfamilien und dem Emporsteigen neuer bürgerlicher Elemente , denen mit dem Reichtum auch die Macht zu teil wurde , die jene einst als ihr ausschließliches Vorrecht in Anspruch nahmen . Graf Morynski und seine Schwester waren früh zu Waisen geworden und lebten unter der Vormundschaft ihrer Verwandten . Jadwiga wurde im Kloster erzogen , und als sie dasselbe verließ , hatte man bereits über ihre Hand verfügt . Das war durchaus nichts Ungewöhnliches in jenen Adelskreisen , und auch die junge Gräfin hätte sich unbedingt gefügt , wäre der ihr bestimmte Gemahl ihr nur ebenbürtig , wäre er nur wenigstens ein Sohn ihres Volkes gewesen . Aber gerade sie hatte man zum Werkzeug von Familienplänen ausersehen , die um jeden Preis verwirklicht werden sollten . In der Gegend , wo die meisten Glieder der Morynskischen Familie ansässig waren , war vor einigen Jahren ein gewisser Nordeck aufgetaucht , ein Deutscher von niedriger Herkunft , der aber zu großem Reichtume gelangt war und sich nun hier niederließ . Die Verhältnisse in der Provinz machten es damals einem fremden Elemente leicht , Boden zu gewinnen , wo man es ihm sonst bedeutend erschwert hätte . Die Nachwehen des letzten Aufstandes , der , wenn auch jenseits der Grenze ausgebrochen , doch die deutschen Landesteile in Mitleidenschaft gezogen hatte , machten sich noch überall fühlbar . Die Hälfte des Adels war geflüchtet oder verarmt , infolge der Opfer , die sie der Sache ihres Vaterlandes gebracht hatten , und so war es für Nordeck nicht schwer , die verschuldeten Güter für die Hälfte ihres Wertes an sich zu bringen und nach und nach in den Besitz einer Herrschaft zu gelangen , die ihm eine Stellung unter den ersten Grundbesitzern des Landes sicherte . Freilich war der Eindringling von sehr geringer Bildung und abstoßender Persönlichkeit , auch ergab es sich bald , daß er ein durchaus charakter- und gesinnungsloser Mensch war , aber der riesige Besitz gab ihm nichtsdestoweniger eine Macht , die in der Umgegend nur zu bald gefühlt wurde , um so mehr , als sie sich mit entschiedener Feindseligkeit gegen alles kehrte , was Polentum hieß , vielleicht aus Rache dafür , daß die ausschließlich aristokratische und slavische Nachbarschaft sich mit unverhehlt gegen ihn ausgesprochener Verachtung fernhielt . Mochten nun Unvorsichtigkeiten von dieser Seite vorgefallen sein , mochte der schlaue Fremde auf eigene Hand den Spion gespielt haben , genug , er erlangte Einsicht in gewisse Parteibestrebungen . Dies machte ihn zu einem höchst gefährlichen Gegner und seine Freundschaft geradezu zu einem Gebote der Notwendigkeit . Man mußte um jeden Preis den Mann gewinnen , der , wie man längst wußte , zu gewinnen war . Der Bestechung war der Millionär natürlich unzugänglich , so blieb nur seine Eitelkeit übrig , die ihm die Verschwägerung mit einer der polnischen Adelsfamilien als sehr wünschenswert erscheinen ließ . Vielleicht lenkte der Umstand , daß Wilicza noch bis vor einem halben Jahrhundert im Besitze der Morynskischen Familie gewesen war , die Wahl gerade auf die Enkelin jenes letzten Besitzers ; vielleicht fand sich auch kein andres Haus , welches seine Tochter oder Schwester zu dem Opfer hergeben wollte , das man von der armen , abhängigen Waise verlangte . Dem rohen Emporkömmling schmeichelte es , daß die Hand einer Gräfin Morynska für ihn erreichbar war ; nach einer Mitgift brauchte er nicht zu fragen . Er ging also mit vollem Eifer auf den Plan ein , und Jadwiga sah sich bei ihrem Eintritte in die Welt schon einer Bestimmung gegenüber , gegen die sich ihr ganzes Wesen empörte . Ihr erster Schritt war entschiedene Weigerung , aber was vermochte das Nein eines siebzehnjährigen Mädchens gegen einen Familienbeschluß , dessen Ausführung man als eine Notwendigkeit ansah . Als Befehle und Drohungen nichts fruchteten , nahm man seine Zuflucht zu Vorstellungen . Man zeigte der jungen Verwandten die glänzende Rolle , welche sie als Herrin von Wilicza spielen werde , die unbedingte Herrschaft , die sie über einen Mann ausüben müsse , zu dem sie so tief herabsteige . Man sprach ihr von der Genugthuung , daß wieder eine Morynska auf den ihren Vorfahren entrissenen Gütern gebieten solle , von der Notwendigkeit , aus dem gefürchteten Gegner ein gefügiges Werkzeug der eigenen Pläne zu machen . Man forderte von ihr , daß sie Wilicza und die riesigen Mittel , über welche sein Herr gebot , den Interessen ihrer Partei erhalte – und was dem Zwange verweigert worden war , das erreichte die Ueberredung . Die Rolle einer armen , abhängigen Verwandten war keineswegs nach dem Geschmacke der jungen Gräfin ; sie war glühend ehrgeizig , Herzensneigungen und Herzensbedürfnisse kannte sie nicht , und die flüchtig auflodernde Leidenschaft , die Nordeck bei ihrem Anblick verriet , ließ auch sie glauben , daß ihre Herrschaft über ihn unbegrenzt sein werde . So gab sie denn endlich nach , und die Vermählung fand statt . Aber die Pläne , die Berechnung und Eigennutz von beiden Seiten gesponnen , sollten sämtlich scheitern . Man hatte sich getäuscht in diesem Manne , der , anstatt sich dem Willen seiner jungen Frau zu beugen , nun seinerseits den Herrn und Gebieter herauskehrte , der sich jedem Einflusse unzugänglich zeigte und dessen flüchtige Neigung für die Gattin sich bald genug zum Haß verwandelte , als er entdeckte , daß sie ihn und sein Vermögen nur den Interessen ihrer Familie dienstbar machen wollte . Die Geburt eines Sohnes änderte nichts in diesem Verhältnisse . Die Kluft zwischen den Gatten schien im Gegenteil nur noch tiefer zu werden . Nordecks Charakter war freilich nicht danach , einer Frau Achtung einzuflößen , diese Frau aber ließ ihn ihre Verachtung in einer Weise fühlen , die jeden Mann zum Äußersten gebracht hätte . Es kam zu furchtbaren Scenen , und nach einer derselben verließ die junge Herrin Wiliczas das Schloß und floh in den Schutz ihres Bruders . Der kleine Waldemar , der damals kaum das erste Lebensjahr zurückgelegt hatte , war bei dem Vater zurückgeblieben . Nordeck , wütend über die Flucht seiner Gemahlin , forderte gebieterisch deren Rückkehr . Bronislaw that , was er konnte , die Schwester zu schützen , und es wäre zwischen ihm und seinem Schwager vielleicht zum Schlimmsten gekommen – da löste unerwartet der Tod die kurze und doch so unglückliche Ehe . Ein Sturz mit dem Pferde auf der Jagd , die er mit wildester Leidenschaft trieb , machte dem Leben Nordecks ein Ende , aber auf seinem Sterbebette hatte er noch Kraft und Besinnung genug , ein Testament zu diktieren , das seine Gemahlin von jedem Anteil sowohl an dem Vermögen wie an der Erziehung des Kindes ausschloß . Ihre Flucht aus seinem Hause gab ihm das Recht dazu , und er gebrauchte es schonungslos . Waldemar wurde der Vormundschaft eines ehemaligen Jugendfreundes und entfernten Verwandten übergeben und dieser mit der unbeschränktesten Vollmacht ausgestattet . Die Witwe