Rock , einen Flor um den Arm , um die notarielle Beglaubigung einiger Unterschriften vollziehen zu lassen , mit denen jene welterschütternde Thatsache bestätigt werden sollte . Heilsberg war ein altertümliches Städtchen , das sich sogar einer historischen Vergangenheit rühmen konnte . Es hatte im Mittelalter bei den Fehden des in der Gegend ansässigen Adels öfter eine Rolle gespielt , die Stadtchronik gab beglaubigte Kunde davon . Die noch erhaltenen Reste des ehemaligen Wallgrabens und seiner Türme , das Rathaus und verschiedene Bürgerhäuser stammten noch aus der alten Zeit , und der nahe Burgberg trug die zerfallenen Mauern eines alten Grafenschlosses . Für die undankbare Gegenwart war das freilich verschollen und vergessen , denn Heilsberg lag abseits von allen Verkehrslinien . Die nächste Eisenbahnstation war mehrere Stunden entfernt , und sonst gab es keine größeren Orte in der Nachbarschaft , nicht einmal eine Sommerfrische . Die bescheidenen Reize der Landschaft zogen die Fremden nicht an , und so kam es , daß das Städtchen sich einer idyllischen Ruhe und Abgeschlossenheit erfreute , wie sie im Zeitalter des Verkehrs selten sind . Die Heilsberger waren freilich nicht einverstanden damit , sie empfanden diese Abgeschlossenheit als eine Zurücksetzung , um so mehr , als Neustadt , die erwähnte Bahnstation , sie längst überflügelt hatte . Dort lagen die Steinfelder Gruben und Hüttenwerke in unmittelbarer Nähe , fast vor den Thoren der Stadt , und das brachte dieser unberechenbare Vorteile . Das große industrielle Unternehmen war förmlich aus dem Boden emporgeschossen und hatte in wenigen Jahren einen Umfang und eine Bedeutung erlangt , zu der andere ein halbes Menschenalter brauchten . Dem Besitzer der Werke standen freilich der Einfluß und die Mittel zu Gebote , um jeder seiner Schöpfungen den Erfolg zu sichern , Felix Ronald spielte eine erste Rolle in der Finanzwelt und galt für einen der kühnsten , aber auch der genialsten Spekulanten . Er hatte sich in unglaublich kurzer Zeit zu der Höhe des Reichtums emporgeschwungen . Vor zehn Jahren noch in einer abhängigen Stellung in einem Bankhause , hatte er durch glückliches Börsenspiel den Grund zu seinem Vermögen gelegt und damit Unternehmungen begonnen , die bald genug in das Große gingen . Was andere erst nach jahrelanger Arbeit erreichten , das gewann er mit einem kecken Wagnis in Monaten . Das alte Sprichwort vom Wagen und Gewinnen bewährte sich auch hier . Ronald schien in der That das Geheimnis zu besitzen , Glück und Erfolg an sich zu fesseln , sie blieben ihm treu , mochte der Einsatz auch noch so hoch sein , und er wagte oft genug ein hohes Spiel . Jetzt war er eine Macht geworden , deren Einfluß sich nicht nur an der Börse , auch in der Presse , selbst bei der Regierung geltend machte , deren rastlose Thätigkeit sich auf alle möglichen Gebiete erstreckte . Er wußte alles an sich zu ketten , alles seinen Zwecken dienstbar zu machen und beherrschte das ganze weite Feld seiner Unternehmungen mit bewundernswerter Energie . Nach den Steinfelder Werken kam er nur selten , die technische Leitung lag in den Händen seiner Oberbeamten , die geschäftliche in Berlin , wo der Chef seinen Wohnsitz hatte . Jedenfalls wurde der Betrieb in großartigster Weise geführt . Neustadt war eigentlich nur der Vorort der großen Steinfelder Kolonie geworden , aber die zahlreichen Beamten , die sämtlichen Arbeiter verkehrten in der Stadt , wohnten sogar zum Teil dort . Neustadt hatte die Bahnlinie erhalten und spielte eine große Rolle in der Provinz , Das kannte jeder , davon sprach alle Welt – von Heilsberg wußte man auf einige Kilometer Entfernung kaum mehr , daß es auf der Welt sei , und Heilsberg war doch » historisch « ! Dort gab es meist nur Bauerngüter in der Umgegend , der einzige herrschaftliche Besitz war Gernsbach , das eine Stunde von der Stadt entfernt lag . Es gehörte einer verwitweten Dame , die es mit ihrem kleinen Töchterchen bewohnte , und das geräumige , etwas altertümliche Herrenhaus , mit der breiten Steinterrasse und dem großen , schattigen Park war in der That ein behaglicher Wohnsitz . Die ziemlich umfangreiche Gutswirtschaft war verpachtet für eine recht ansehnliche Summe . Frau von Maiendorf galt überhaupt , wenn nicht für reich , doch für sehr wohlhabend . Es war in den Morgenstunden eines sonnigen Maitages , auf der Terrasse des Herrenhauses saßen zwei Damen am Frühstückstisch , während ein kleines , etwa siebenjähriges Mädchen sich mit Ballspielen vergnügte und dabei lustig die steinernen Stufen auf und ab sprang . » Ich fürchtete schon , du würdest nicht Wort halten mit dem versprochenen Besuche , « sagte die ältere . » Freilich , was kann ich dir bieten , du verwöhnte Prinzessin , hier in der Stille und Einsamkeit des Landlebens ! « » Du ahnst nicht , Wilma , wie wohl mir diese Stille thut , « erwiderte die jüngere . » Wenn du wüßtest , was man uns alles zugemutet hat in dieser Saison – es war wirklich etwas zu viel . « » Ja , ich hielte diesen ewigen Strudel des Gesellschaftslebens nicht aus , « erklärte Wilma . » Du bist freilich daran gewöhnt , Edith , Du hast ja schon seit dem Tode deiner Mutter die Dame des Hauses vertreten müssen , eine schwere Aufgabe , du warst damals erst sechzehn Jahre alt . « » Das lernt sich , « sagte Edith ruhig . » Wenn es nur auf die Dauer nicht so ermüdend wäre ! Immer neue Gesichter und immer dieselben Menschen , dieselben Redensarten und Komplimente ! Wie selten findet man einen darunter , mit dem es sich überhaupt lohnt , zu reden , und wenn man näher zusieht , hält das Interesse auch nicht stand – er ist eben wie all die anderen . « Das herbe Urteil kam aus dem Munde einer jungen Dame von zwanzig Jahren . Edith Marlow war in der That ein schönes Mädchen , mit regelmäßigen , etwas kalten Zügen und großen braunen Augen , die sehr klug in die Welt blickten . Kühle , vornehme Ruhe war überhaupt der hervorstechende Zug in ihrem Aeußeren , und dazu gesellte sich eine gewisse Herablassung gegen alles , was ihr nicht als ebenbürtig erschien . Sie war im hellen Morgenkleide , das braune Haar nur lose aufgesteckt , aber sie verleugnete selbst hier , in dieser zwanglosen Umgebung , nicht die Weltdame . Wilma von Maiendorf stand dagegen schon am Ende der Zwanzig , sah aber noch sehr jugendlich aus . Die zierliche Gestalt mit dem blonden Haar und den hellen Augen konnte freilich nicht auf Schönheit Anspruch machen , aber es lag ein eigener Reiz in diesen weichen Zügen , der selbst neben der blendenden Erscheinung ihrer Cousine noch standhielt . » Du wohnst recht behaglich hier , « hob die letztere wieder an . » Gernsbach ist ein sehr hübscher Sommersitz , aber wie hältst du es nur das ganze Jahr hier aus ? « » Ich komme ja in jedem Jahre nach Berlin , « warf Wilma ein . » Auf sechs oder acht Wochen , und dann sitzest du wieder allein hier in Schnee und Einsamkeit . Weshalb denn ? Dein Vermögen erlaubt dir doch einen regelmäßigen Winteraufenthalt in Berlin . Papa meint überhaupt , du solltest dich wieder vermählen , du bist ja seit fünf Jahren Witwe . Es hat sich schon so mancher um dich bemüht , aber du läßt es nie zu einer Bewerbung und Aussprache kommen . « » Weil ich stets im Zweifel war , ob diese Bewerbung mir oder Gernsbach galt . « » Vermutlich beiden ! Das ist nun einmal nicht anders in unserer Zeit . Die Männer rechnen alle , müssen es meist thun , deine Eltern haben es auch gethan , als sie dir Maiendorf zum Gatten auswählten . Er rechnete allerdings nicht , denn das Vermögen war auf seiner Seite , aber – warst du denn so glücklich mit dem Manne , der dich nur um deiner selbst willen nahm ? « Wilma blieb die Antwort schuldig auf diese kluge , kühle Auseinandersetzung . Edith war ja noch ein Kind gewesen , als ihre Cousine sich vermählte , aber sie wußte durch ihren Vater , daß jene kurze Ehe keine glückliche gewesen war . Der derbe , rohe Landjunker , dem das junge Mädchen auf Andrängen der Eltern die Hand gereicht hatte , war ein sehr tyrannischer Ehemann gewesen . Er hatte die Zeit mit Trinken und Spielen vergeudet und , nachdem die erste verliebte Tändelei vorüber war , sich kaum mehr um Frau und Kind gekümmert . Die junge Frau hatte das schweigend getragen , ohne zu klagen , aber ein Geheimnis war es auch für ihre Verwandten nicht geblieben , und die Erinnerung that ihr noch jetzt weh , das sah man an dem schmerzlichen Zucken ihrer Lippen , auch Edith sah es und lenkte ein . » Verzeih , ich wollte dich nicht kränken , aber du bist achtundzwanzig Jahre , da hat man doch noch ein Anrecht an das Leben . « » Soll ich meiner Lisbeth einen Stiefvater geben , der kein Herz für sie hat , dem sie vielleicht sogar im Wege ist , mit ihren Ansprüchen an Gernsbach ? « fragte Wilma gepreßt . » Um keinen Preis ! Dein Vater meint es gut , ich weiß es – er kommt also erst übermorgen ? « » Jawohl , er ist erst noch mit Herrn Ronald nach Steinfeld gefahren , in Geschäften natürlich . Die Werke sollen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden , und Papa wird die Finanzierung übernehmen , sie haben da weitgehende Pläne . Vermutlich kommt Ronald auch einmal nach Gernsbach herüber , wenigstens sprach er davon bei seiner Abreise . Du hast ihn ja in unserem Hause kennen gelernt , da wird er dir wohl einen Besuch machen . « » Mir ? « die junge Frau lächelte . » Nein . Edith , so eitel bin ich nicht , zu glauben , der Mann , der eine solche Rolle in der Welt spielt und nie eine Stunde übrig hat , würde mich in meinem einfachen Hause aufsuchen . Er kennt mich ja nur ganz flüchtig , aber freilich , du bist hier – das ändert die Sache . « » Hat dir Papa etwa schon eine Andeutung gemacht ? « fragte Edith mit einem raschen Aufblick . » Nein , aber ich sah ja selbst , wie Ronald dich auszeichnete , und der Onkel ist offenbar ganz von ihm eingenommen . « » Gewiß , er schätzt seine Thatkraft und Energie sehr hoch , er nennt ihn eine geniale Kraft , die das Glück zu zwingen versteht und in Zukunft noch weit mehr leisten wird . Bis jetzt ist Ronald freilich nur ein kühner glücklicher Spekulant gewesen ; vielleicht läßt er sich zu Größerem spornen . « » Und dieser Sporn wirst du sein ? « neckte Wilma . » Ich dachte es mir , daß diese Verbindung der Wunsch und Wille des Onkels war . « » Hier kommt es doch wohl auf meinen Willen an , « sagte die junge Dame hoheitsvoll . » Ich lasse mir darin nichts vorschreiben . Das weiß mein Vater . Uebrigens hat sich Ronald noch nicht erklärt , wenigstens mir gegenüber nicht . « » Ist er denn wirklich ein solcher Krösus ? « fragte die junge Frau . » Man spricht von , ich weiß nicht wie vielen Millionen . « Die Lippen des schönen Mädchens kräuselten sich verächtlich und ihre Augen blitzten auf . » Denkst du , daß mich das bestimmt ? Ich will nicht nur die Frau eines reichen Mannes heißen . Der Mann , dessen Namen ich trage , soll mehr sein als all die anderen . Er soll sich und mich emportragen zu den Höhen des Lebens , ich muß auf ihn stolz sein können . Ronald steht bereits auf einer Höhe , wo ihm so leicht keiner nachklimmt , er ist eine Macht geworden , vor der sich alles beugt – es würde sich schon lohnen , an seiner Seite zu leben ! « » Ja – hast du ihn denn auch lieb ? « fragte die kleine Frau von Maiendorf ganz naiv . Edith sah sie mit einem etwas erstaunten Blick an , sie hatte sich diese Frage offenbar noch gar nicht vorgelegt , dann aber erwiderte sie mit voller Gelassenheit : » Wir sind uns ja bisher noch gar nicht so nahe getreten . Ein Mann wie Ronald hat wenig Zeit , auch für seine Werbung , aber mit der Gemeinsamkeit der Interessen kommt auch die Neigung , das findet sich in der Ehe . « » Nein , das findet sich nicht ! « sagte Wilma leise . » Man kann sich fremd bleiben und immer fremder werden . Wenn ich mein Kind nicht gehabt hätte – Lisbeth , komm zu mir ! « Die Kleine folgte dem Rufe und kam herbeigelaufen , es war ein munteres , rosiges Ding , mit den hellen Augen der Mutter , die ihm jetzt zärtlich die Arme entgegenstreckte . » Siehst du , Edith , ich habe trotzdem nicht gedarbt an Liebe . Ich hatte ja meine Lisbeth , und die hat mir alles , alles ersetzt . Gelt , mein süßer kleiner Wildfang ? « Die Kleine antwortete mit stürmischen Liebkosungen . Edith lächelte flüchtig , aber sie sagte zugleich tadelnd : » Du verwöhnst das Kind mit dieser überschwenglichen Zärtlichkeit . Ich lerne das ausgelassene kleine Ding wirklich erst hier kennen , in Berlin ist es so scheu und fremd , aber das kommt von dieser einsamen Erziehung . Lisbeth kennt und sieht ja nichts als dich allein ; was soll denn daraus werden , wenn sie einmal in das Leben treten soll ? – Doch ich will mich jetzt umkleiden und einen Spaziergang in den Wald machen . Auf Wiedersehen ! « Sie erhob sich , küßte mit kühler Freundlichkeit das Kind und ging in das Haus . Lisbeth hatte andächtig zugehört , wie ihre Mama von der viel jüngeren Verwandten abgekanzelt wurde : Ganz unbegründet mochte jener Vorwurf wohl nicht sein , denn die Kleine hegte eine sichtbare Scheu vor der schönen , vornehmen Tante . Auch jetzt blickte sie ihr nach und fragte in einem äußerst respektvollen Tone : » Mama – Tante Edith ist wohl sehr klug ? « Wilma lachte laut auf bei der naiven Frage , es war ein frisches , beinahe kindliches Lachen , dann aber nahm sie das blonde Köpfchen zwischen ihre Hände und küßte es . » Ja , Lisbeth , sehr klug ! « bestätigte sie . » Viel klüger als ich und du , aber es wird einem so kalt dabei . Du brauchst nicht so eisig klug zu werden – deine Mama ist es auch nicht ! « + + + Die Umgebung von Heilsberg bot keine malerischen Reize , nur Wälder und Wiesen und fern am Horizont einen duftig blauen Höhenzug , aber der Wald war hier von einer seltenen Schönheit . Die prächtigen alten Forste , die als Staatseigentum sorgfältig geschont und geschützt wurden , dehnten sich stundenweit aus , man konnte sich verlieren in diesen tiefen , stillen Waldgründen . Draußen flutete der helle Sonnenschein des Maitages , aber hier im Tannendunkel war es schattig kühl , und auf dem moosbedeckten Boden lag noch der Morgentau , als Edith Marlow den schmalen , halb verwachsenen Fußweg dahinschritt . Sie hatte den Spaziergang gar nicht so weit ausdehnen wollen , aber es war ihr so neu , ganz allein durch den einsamen Forst zu streifen . Sie kannte als Sommeraufenthalt ja nur die großen Seebäder und Kurorte , wo man immer von einem Schwarm von Menschen umgeben war , wo man auf Schritt und Tritt Bekannten begegnete und der Begriff Einsamkeit überhaupt nicht vorhanden war . Diese Waldesstille umfing sie mit dem ganzen Reiz des Fremden , Ungewohnten und lockte sie immer weiter und weiter . Da plötzlich endete der Weg an einer niedrigen , halb zerbröckelten Mauer , hinter der sich so etwas wie eine grüne Wildnis auszudehnen schien . Die junge Dame blieb befremdet stehen , sie sah weder ein Haus noch sonst eine Wohnstätte , und doch war der Platz umfriedet und sogar durch ein Gitterthor abgeschlossen . Der Zugang war freilich leicht genug , das verrostete Gitter hing nur lose in den Angeln und gab einem leisen Drucke nach . Edith that noch einige Schritte vorwärts und stand nun inmitten eines kleinen Friedhofes , der einsam und ganz verwildert und verwachsen tief im Herzen des Waldes lag . Er mochte wohl aus der alten Zeit stammen , wo es hier noch Waldbauern gab , die in ihren abgelegenen , weit zerstreuten Gehöften wohnten und dort gemeinsam ihre Kirche und ihre Grabstätten hatten . Die Lebenden waren längst schon hinausgezogen aus dem düstern Forst in die Dörfer , das Kirchlein war zerfallen , aber man schonte pietätvoll die Ruhestätte der Toten , die hier vergessen schlummerten . Mächtige dunkle Tannen erhoben sich darüber , und dazwischen war ein ganzer Wald von Flieder- und Holundergebüschen emporgewachsen . Dichtes Riedgras wucherte auf dem Boden und auf den eingesunkenen Hügeln . Die schlichten Holzkreuze waren längst zerfallen und vermodert , die eisernen Gedenktafeln vom Roste zerfressen , nur die Grabsteine trotzten der Zeit und der Vergänglichkeit . Sie hoben sich grau und verwittert aus dem Moos und dem wilden , üppigen Rankenwerk , das sich darüber hinspann , und hie und da waren noch einzelne Worte der Inschriften erkennbar . Drüben unter den Tannen war ein uraltes Gemäuer sichtbar , die Ueberreste der einstigen Waldkirche , dorthin lenkte Edith ihre Schritte , als sie zu ihrer Ueberraschung gewahrte , daß sie nicht allein hier sei . Vor der Mauer stand die hochgewachsene Gestalt eines Mannes , der ein altes Denkmal sehr angelegentlich zu betrachten schien , sich aber beim Nahen der Schritte umwandte . Auch er schien überrascht , zog aber , als er eine Dame erblickte , leicht grüßend den Hut und trat seitwärts , um sie vorbeizulassen . Edith dankte flüchtig und wollte vorübergehen , geriet aber dabei in ein Brombeergesträuch , dessen wuchernde Ranken ihr den Weg verlegten , und ein ungeduldiger Versuch , sich zu befreien , verstrickte sie noch tiefer darin . Der Fremde kam ihr artig zu Hilfe , aber die eigensinnigen Ranken , die sich an ihr Kleid festgeklammert hatten , wollten nicht loslassen . Es dauerte einige Minuten , bis es ihm gelang , sie zu entfernen . » Ich danke , « sagte die junge Dame in ihrer kühlen , herablassenden Weise , sie hielt es aber jetzt doch für nötig , noch einige Worte zu sprechen , und so warf sie die Bemerkung hin : » Ein seltsamer Ort , dieser einsame Friedhof , mitten im tiefen Walde ! « » Und ein schöner Ort ! Hier dringt kein Laut des Lebens herüber , hier stört nichts den ernsten , heiligen Todesfrieden . « Edith blickte überrascht auf , sie hatte auf ihre gleichgültige Bemerkung eine ähnliche erwartet . Die Worte berührten sie ebenso eigentümlich wie der halb verschleierte Klang der Stimme . Sie ließ sich jetzt erst herab , den Fremden näher anzusehen . Es war ein Mann in mittleren Jahren , eine schlanke , durchaus vornehme Erscheinung mit dunklen Augen , in denen ein ernster , ja düsterer Ausdruck lag . Die Art , wie er sprach , wie er sich verneigte und ihr jenen kleinen Dienst leistete , verriet , daß er mit den Formen der höheren Gesellschaft vollkommen vertraut war . Das konnte doch kein Heilsberger Bürger sein ! In der jungen Dame begann sich eine flüchtige Neugier zu regen . » Ich bin ganz zufällig auf einem Spaziergange hierher geraten , Sie sind vermutlich in dem gleichen Falle , « sagte sie , wie mit einer halben Frage . » Nein , ich bin auf dem Wege nach Steinfeld , aber ich wollte die Fahrt auf der sonnigen , staubigen Landstraße abkürzen und habe meinen Wagen vorausgesandt . Der Waldweg ist so schön , und da lockte es mich hier zum Eintritt , « war die einfache Antwort . Die Nahe Steinfelds erklärte allerdings den Besuch eines Fremden in dieser Gegend . Die dortigen Werke hatten ja Beziehungen in aller Welt , sie standen in regelmäßiger Verbindung mit Berlin , und die großartigen Anlagen galten überhaupt für eine Sehenswürdigkeit , sie wurden oft genug besichtigt , vielleicht war das auch hier die Veranlassung . Wenn Edith sich noch im Zweifel über die Persönlichkeit ihres Gefährten befand , so war ihm die ihrige kein Geheimnis mehr . Ernst Raimar hatte längst erraten , mit wem ihn der Zufall hier zusammenführte . Die junge Dame trug zwar auf diesem Waldspaziergange nur ein einfaches Lodenkleid und einen ebenso einfachen Strohhut , aber ihr ganzes Aeußere verriet , welchen Lebenskreisen sie angehörte . Solche Erscheinungen gab es nicht in der Umgebung von Heilsberg , das konnte nur der Gast der Frau von Maiendorf sein . Der schweigsame , zurückhaltende Mann würde unter anderen Umständen wohl die Unterhaltung abgebrochen und sich mit einem Gruße entfernt haben , jetzt blieb er . Er wollte doch Näheres über die Frau erfahren , an die sich die etwas verwegenen Hoffnungen seines Bruders knüpften . Schön war sie , gewiß ! Ob aber dies schöne Mädchen mit den stolzen , kalten Zügen und der sehr selbstbewußten Haltung wirklich den jungen Maler liebte , der ihr noch nicht einmal einen Künstlernamen bieten konnte ? Ob er in der That hoffen durfte ? Es galt , darüber ins klare zu kommen . » Der Friedhof ist sehr alt , « sagte Raimar , an seine letzte Bemerkung anknüpfend , » Man kann noch hie und da die Jahreszahl auf den Grabsteinen entziffern . Es ist auch ein Stück der historischen Vergangenheit , auf die Heilsberg so stolz ist . « » Heilsberg ? Sie stammen doch nicht aus dem kleinen Landstädtchen ? « Die Frage klang erstaunt und ungläubig , Ernst zögerte einen Augenblick , dann erwiderte er ruhig : » Nein , mein gnädiges Fräulein , meine Heimat ist Berlin . « » Ah so ! « Die Auskunft schien die junge Dame zu befriedigen , sie fuhr mit leichtem Spotte fort : » Jedenfalls ist dies Heilsberg eine längst verschollene Merkwürdigkeit , aber man weiß in Berlin wenigstens , daß es auf der Welt ist . Vor einigen Monaten waren im Kunstverein ein paar sehr hübsche Aquarelle ausgestellt , Heilsberger Studien , das Rathaus , ein altes Stadtthor und ähnliches . « » Vielleicht von Max Raimar ? « » Ja – Sie kennen ihn ? « » Er ist augenblicklich in Heilsberg , und ich komme eben von dort . Man scheint Hoffnungen auf die Zukunft des jungen Mannes zu setzen , es wird ihm allseitig Talent zugesprochen . « » Gewiß hat er Talent , « sagte Edith mit einiger Lebhaftigkeit , » und hoffentlich erobert er sich damit eine Zukunft . Freilich , wenn ein junger Künstler jahrelang ringen und arbeiten muß , um sich nur das Studium zu ermöglichen , wenn er fortwährend mit Verkennung , Unterdrückung , mit feindseligen Einflüssen in der eigenen Familie zu kämpfen hat , das muß ja seinen Flug hemmen . « » Unterdrückung ? Feindselige Einflüsse ? « wiederholte Raimar , der mit steigender Verwunderung , aber für den Augenblick noch ganz verständnislos zuhörte . » Das Talent des jungen Mannes ist doch nur gestützt und gefördert worden , es standen ihm hinreichende Mittel zu Gebote – so hörte ich wenigstens . « » Da sind Sie falsch berichtet , « erklärte Edith mit voller Bestimmtheit . » Ich weiß von Raimar selbst , wie schwer er sich hat losringen müssen von einer Umgebung , die nicht das mindeste Verständnis für Kunst und Künstlerberuf hatte und ihn in ihrem spießbürgerlichen Kreis festhalten wollte . Es zeugt immerhin von Charakter , daß er den Mut hatte , diese Fesseln zu zerreißen , und den Kampf mit dem Leben aufnahm , um , ganz auf die eigene Kraft gestellt , seinem inneren Drange zu folgen . « Ein unendlich bitteres Lächeln zuckte um Ernsts Lippen , er begriff jetzt , auf welche Art sich sein Bruder » interessant « gemacht hatte in den Berliner Kreisen . Ein junger Maler , der stets als ein Wunderkind von den Seinen verwöhnt und verhätschelt worden war , der in aller Behaglichkeit , mit reichlichen Mitteln versehen , seine Studien vollendete , war eben nichts Besonderes . Aber das ringende , kämpfende Genie , das die unwürdigen Fesseln zerbrach und in die Welt hinausging , um sich mit eigener Hand Leben und Zukunft zu erobern , das erweckte Interesse und Bewunderung . Max mußte die Dame seines Herzens wohl ziemlich genau kennen , bei ihr war das Manöver entschieden geglückt , das zeigte ihre lebhafte Parteinahme . » Das wußte ich in der That nicht , « sagte Raimar langsam . » Ich hörte nur , daß der junge Maler einen älteren Bruder besitzt , der ihn teilweise erzogen hat . Vermutlich ist dieser Bruder das › Hemmnis ‹ in seinem Leben gewesen . « Edith zuckte mit sehr verächtlicher Miene die Achseln . » Vermutlich ! Ein alter , verknöcherter Hagestolz , der von der Welt nichts weiß und in seinem Heilsberg lebt und stirbt , wo er , glaube ich , Notar ist . Von dem ist allerdings nicht zu erwarten , daß er Höheres auch nur begreift . Ich habe dies kleine weltverlorene Städtchen kürzlich bei der Durchfahrt kennen gelernt , Raimar hatte es mir auch bereits geschildert – man ist ja wie lebendig begraben an einem solchen Orte ! « » Lebendig begraben – jawohl ! Dort ist man tot für die Welt und das Leben . « Die junge Dame richtete den Blick groß und fragend auf den Sprechenden . Die Worte waren ja zustimmend , aber es klang darin wie ein dumpfer , mühsam niedergehaltener Groll , und in den dunklen Augen blitzte es auf , fast wie eine Drohung . Eine andere hätte das vielleicht befremdend und unheimlich gefunden , Edith Marlow wurde gefesselt dadurch . Der Mann fing an , sie zu interessieren , er war offenbar nicht wie » all die anderen « , über die sie heut morgen so verächtlich den Stab gebrochen hatte . In seiner Haltung , seinem ganzen Wesen lag etwas , das dem an sich so gleichgültigen Gespräch den Charakter des Ungewöhnlichen gab , oder war es nur dieser Ort und diese Stunde , die so ganz der Alltäglichkeit entrückt schienen ? Draußen lag der Wald in schweigender Mittagsruhe , die hohen , düsteren Tannen standen so dicht ringsum , als wollten sie die kleine vergessene Ruhestätte schützen und verbergen vor der Welt da draußen , aber auf dem grasbewachsenen Boden und den eingesunkenen Hügeln lag goldenes Sonnenlicht . Bunte Falter gaukelten darüber hin , wilde Bienen summten und hingen sich an Blumen und Gesträuche , der ganze Friedhof war ein blühender Garten . Von der einstigen Waldkapelle standen nur noch die äußeren Mauern , und innen war ein ganzer kleiner Frühlingswald lustig emporgewachsen . Aus dem Maiengrün schimmerten überall die weißen Blüten des Holunders , und hundertjähriger Epheu umspann die Trümmer mit seinen dichten Netzen . Er umrankte auch das uralte Grabdenkmal , das , in die Mauer eingefügt , den Verfall überdauert hatte . Es war bemoost und verwittert , man unterschied nur noch ein Kreuz und darunter eine Inschrift , die sich nicht mehr entziffern ließ , aber es schien ein frommer Spruch zu sein , von dem noch hie und da ein Buchstabe zu erkennen war . Nur ein einziges Wort stand noch deutlich lesbar in dem schwarzgrauen Gestein : Erwachen ! Tiefe Stille ringsum , nur das leise Wehen und Flüstern der Gesträuche , das Summen der Insekten , das wie ferne Musik klang , und jetzt der helle Ruf einer Amsel . Er kam aus jener grünen Wildnis , inmitten der zerfallenen Mauern , erst in einzelnen Locktönen , dann ward er zum Gesange . Ein Lied , so einfach süß und doch so voll jubelnder Maienlust , als gäbe es an dieser Stätte des Todes nur Licht und Leben . Edith stand regungslos und lauschte den Tönen , die sie noch nie gehört . Der Amselschlag erklang ja nur in der Stille , der Einsamkeit , und das gab es nicht in ihrem glänzenden , bewegten Leben . Da gab es auch nicht so seltsame Stunden , wie diese hier , so ernst , zwischen den halbversunkenen Gräbern , und so traumhaft schön mit ihrem leisen Frühlingsweben , eine Stunde , wie aus einem Märchen emporgestiegen . Es war ein minutenlanges Schweigen eingetreten . Edith fühlte , daß die Augen ihres Gefährten unverwandt auf ihr ruhten , es war kein neugieriges Anstarren , das sie verletzte , aber es wachte eine rätselhafte , halb beklemmende Empfindung auf unter diesem Blicke , als übe er irgend einen Zwang aus . Sie empfand das , ohne sich Rechenschaft davon zu geben , und in diesem langen Schweigen lag auch etwas Lastendes , Bedrückendes . Sie brach es deshalb mit der in gleichgültigem Gesprächston hingeworfenen Frage : » Sie kannten den kleinen Waldfriedhof bereits ? « » Jawohl ! « lautete die ruhige Antwort . » Ich versuchte vorhin , die alte Inschrift dort zu entziffern , es ist aber nicht mehr möglich , nur ein einziges Wort ist noch erkennbar . « Er wies auf das verwitterte , moosbedeckte Denkmal an der Kirchenmauer , Edith folgte der Richtung seiner Hand . » Erwachen ! « las sie halblaut . » Ein verheißungsvolles Wort ! « » Für die Toten , gewiß ! « ergänzte Raimar mit schwerer Betonung .