voller Begeisterung , und Signora Biancona war doch Künstlerin genug , um diesen Ton zu kennen , Weib genug , um zu ahnen , was sich dahinter barg ; sie lächelte mit bezaubernder Anmuth . „ Nun , ich habe es ja gesehen , wie sehr diese Sprache Ihnen zu Gebote steht . Werde ich sie nicht öfter von Ihnen hören ? “ „ Schwerlich ! “ sagte der junge Mann düster . „ Sie kehren , wie ich höre , in Kurzem nach Italien zurück , ich – bleibe hier im Norden . Wer weiß , ob wir je wieder einander begegnen . “ „ Unser Impressario beabsichtigt bis zum Mai hier zu bleiben , “ fiel die Sängerin rasch ein . „ Da wird unsere heutige Begegnung doch wohl nicht die letzte sein ? Gewiß nicht , ich rechne bestimmt darauf , Sie wiederzusehen . “ „ Signora ! “ Das leidenschaftliche Aufflammen Almbach ’ s dauerte nur eine Secunde . Es schien ihn plötzlich eine Erinnerung oder Warnung zu durchzucken ; er trat zurück und verneigte sich tief und fremd . „ Ich fürchte , es muß die letzte sein – leben Sie wohl , Signora ! “ Er war fort , noch ehe es der Sängerin möglich war , ein Wort der Befremdung über diesen seltsamen Abschied zu äußern , und es schien ihm Ernst damit zu sein , denn nicht ein einziges Mal während des ganzen Abends näherte er sich wieder dem verhängnißvollen „ Sonnenkreise “ . „ Das ist zu arg . Diese Manie fängt wirklich an , alle Grenzen zu übersteigen . Ich werde dem Reinhold das musikalische Handwerk noch ganz und gar legen müssen , wenn er fortfährt , es in so unsinniger Weise zu betreiben . “ Mit diesen Worten eröffnete der Kaufmann Almbach eine Familiendebatte , die im Wohnzimmer in Gegenwart seiner Frau und Tochter stattfand und der zum Glück der eigentliche Gegenstand derselben nicht beiwohnte . Herr Almbach , ein Mann von fünfzig Jahren etwa , dessen ruhiges , gemessenes und etwas pedantisches Wesen sonst dem ganzen Comptoirpersonale als Muster vorleuchtete , schien durch die oben erwähnte „ Manie “ völlig aus der Fassung gebracht zu sein , denn er fuhr in vollster Aufregung fort : „ Da kommt der Buchhalter heute Morgen gegen vier Uhr von dem Jubiläum zurück , das ich schon gleich nach Mitternacht verlassen hatte . Von der Brücke aus sieht er das Gartenhaus erleuchtet und hört den Reinhold über die Tasten hinrasen , daß ihm Hören und Sehen vergeht . Natürlich konnte er mich zum Feste nicht begleiten ; er behauptete krank zu sein , aber in dem eiskalten Gartenzimmer bis an den hellen lichten Morgen seinen Flügel zu maltraitiren , daran hinderte ihn der ‚ unerträgliche Kopfschmerz ‘ nicht . Ich werde es wohl nächstens wieder von meinen Collegen zu hören bekommen , daß mein Herr Schwiegersohn wie in der Unbrauchbarkeit , so auch in der Rücksichtslosigkeit das Möglichste leistet . Es ist kaum zu glauben . Der jüngste Commis weiß besser Bescheid in den Büchern und hat mehr Interesse für das Geschäft , als der Compagnon und dereinstige Chef des Hauses Almbach und Compagnie . Mein Leben lang habe ich geschafft und gearbeitet , um meine Firma zu einer festgegründeten , geachteten zu machen – und nun die Aussicht , sie einst in solchen Händen lassen zu müssen ! “ „ Ich habe es Dir stets gesagt , Du solltest ihm den Umgang mit dem Musikdirector Wilkens verbieten , “ fiel Frau Almbach ein . „ Der allein ist an Allem schuld . Mit diesem alten menschenfeindlichen Musiknarren konnte Niemand auskommen ; Jedermann floh und haßte ihn , aber für Reinhold war das nur ein Grund mehr , die intimste Freundschaft mit ihm zu schließen . Tag für Tag war er drüben , und dort allein ist der Grund zu all dem musikalischen Unsinn gelegt worden , den der Herr Lehrer bei seinem Tode auf ihn vererbt zu haben scheint . Es ist kaum mehr zu ertragen , seit wir das Vermächtniß des Alten , den Flügel , im Hause haben . Ella , was sagst Du denn eigentlich zu diesem Benehmen Deines Mannes ? “ Die junge Frau , an welche die letzten Worte gerichtet waren , hatte bisher noch nicht eine Silbe gesprochen . Sie saß am Fenster , den Kopf tief auf ihre Näherei herabgebeugt , und blickte erst bei dieser direct an sie gerichteten Frage empor . „ Ich , liebe Mutter ? “ „ Ja , Du mein Kind , denn Dich geht die Sache doch wohl zumeist an . Oder fühlst Du es wirklich gar nicht , in welcher unverantwortlichen Weise Reinhold Dich und das Kind vernachlässigt ? “ „ Er liebt die Musik so sehr , “ sagte Ella leise . „ Willst Du ihn etwa noch entschuldigen ? “ eiferte die Mutter . „ Das ist ja eben das Unglück , daß er sie mehr liebt als Frau und Kind , daß er nach Euch Beiden nichts fragt , wenn er nur an seinem Flügel sitzen und phantasiren kann . Hast Du denn gar keinen Begriff davon , was eine Frau von ihrem Manne fordern darf und fordern muß , und daß sie vor Allem die Pflicht hat , ihn zur Vernunft zu bringen ? Aber freilich , von Dir ist niemals auch nur das Geringste zu erwarten . “ Die junge Frau sah nun allerdings nicht aus , als ob von ihr viel zu erwarten wäre . Sie hatte überhaupt wenig Anziehendes in ihrer Erscheinung , und das Einzige , was an dieser vielleicht hübsch zu nennen war , die zarte , noch mädchenhaft schlanke Gestalt , verbarg sich völlig unter einem höchst unkleidsamen Hausanzuge , der in seiner grenzenlosen Einfachheit eher auf eine dienende Person , als auf die Tochter des Hauses schließen ließ und ganz dazu gemacht war , jeden etwaigen Vorzug möglichst zu verstecken . Von dem blonden Haare war nur ein einziger , schmaler Streifen sichtbar , der glatt gescheitelt über der Stirn lag ; das Uebrige verschwand gänzlich unter einer Haube , die wohl besser für die Jahre ihrer Mutter gepaßt hätte und einen eigenthümlichen Gegensatz zu dem Gesichte der kaum zwanzigjährigen Frau bildete . Dieses blasse Gesicht mit den niedergeschlagenen Augen war nicht geeignet , irgend ein Interesse zu erwecken ; es hatte gar keinen Ausdruck ; es lag etwas Starres , Leeres darin , etwas , das beinahe an Stumpfheit streifte , und in diesem Augenblicke , wo sie die Näherei sinken ließ und ihre Mutter anblickte , zeigte es eine so hülflose Aengstlichkeit und Rathlosigkeit , daß Almbach sich veranlaßt fand , seiner Tochter zu Hülfe zu kommen . „ Laß Ella in Ruhe ! “ sagte er mit jenem halb ärgerlichen , halb mitleidigen Tone , mit dem man die Einmischung eines Kindes zurückweist . „ Du weißt ja , daß mit ihr nichts anzufangen ist , und was sollte sie auch wohl hier ausrichten ! “ Er zuckte die Achseln und fuhr dann bitter fort : „ Das ist der Lohn für die Aufopferung , mit der ich mich der verwaisten Knaben meines Bruders angenommen habe ! Hugo schlägt aller Dankbarkeit , aller Vernunft und Erziehung in ’ s Gesicht und geht heimlich auf und davon , und Reinhold , der hier in meinem Hause unter meinen Augen aufgewachsen ist , macht mir die schwersten Sorgen mit seinem unseligen Hange zu allen möglichen Phantastereien . Aber bei ihm wenigstens habe ich den Zügel in Händen behalten und werde ihn jetzt so straff anziehen , daß ihm die Lust vergehen soll , sich noch ferner dagegen zu sträuben . “ „ Ja , Hugo ’ s Undankbarkeit war wirklich himmelschreiend , “ stimmte Frau Almbach ein . „ Bei Nacht und Nebel aus unserem Hause zu entfliehen , zur See zu gehen , um ‚ sein Glück allein in der Welt zu versuchen ‘ , wie es in dem kecken Abschiedsbriefe hieß , den er zurückließ ! Nun , er scheint es trotzalledem draußen gefunden zu haben . Schon vor zwei Jahren kam der erste Brief des ‚ Herrn Capitain ‘ an Reinhold an , und dieser deutete erst kürzlich ganz offen auf die bevorstehende Rückkehr hin . Ich fürchte , er weiß bereits ganz Bestimmtes darüber . “ „ Ueber meine Schwelle darf Hugo nicht kommen , “ erklärte der Kaufmann mit einer feierlichen Handbewegung . „ Ich weiß nichts von seinem Briefwechsel mit Reinhold , will nichts davon wissen . Mögen sie hinter meinem Rücken correspondiren ; aber wenn der Ungerathene die Frechheit haben sollte , mir vor Augen zu kommen , so wird er den Zorn eines beleidigten Oheims und Vormundes kennen lernen . “ Während die Eltern sich anschickten , dies augenscheinlich sehr oft behandelte Thema mit der gewohnten Ausführlichkeit und Empörung zu erörtern , hatte Ella unbemerkt das Zimmer verlassen und stieg jetzt die Treppe hinunter , die nach dem zu ebener Erde gelegenen Comptoir führte . Die junge Frau wußte , daß jetzt , zur Mittagszeit , das Personal abwesend war , und das gab ihr wohl den Muth , dort einzutreten . Es war ein großer düsterer Raum , dem die kahlen Wände und die vergitterten Fenster etwas Gefängnißartiges verliehen . Man hatte sich nicht die Mühe genommen , dem Geschäftszimmer irgend einen Comfort oder auch nur ein freundlicheres Ansehen zu geben . Wozu auch ! Was zur Arbeit gehörte , war vorhanden ; das Uebrige war Luxus , und einen Luxus pflegte sich das Haus Almbach und Compagnie trotz seines notorisch nicht unbedeutenden Vermögens nie zu gestatten . Es befand sich augenblicklich Niemand im Comptoir außer dem jungen Manne , der an einem der Pulte saß und das große Hauptbuch vor sich aufgeschlagen hatte . Er sah bleich und überwacht aus , und die Augen , die sich mit den Zahlen beschäftigen sollten , hafteten unverwandt auf dem schmalen Sonnenstreif , der schräg in das Zimmer fiel . Es lag in dem Blicke etwas von der Sehnsucht und Bitterkeit des Gefangenen , dem der Sonnenstrahl , der in seine Zelle dringt , Kunde giebt von dem Leben und der Freiheit draußen . Er wandte kaum den Kopf beim Oeffnen der Thür und fragte gleichgültig : „ Was giebt es ? Was willst Du , Ella ? “ Jede andere Frau wäre bei der nun folgenden Frage wohl zu ihrem Manne getreten und hätte den Arm um seine Schulter gelegt . Ella blieb dicht an der Schwelle stehen . Es klang doch gar zu eisig , dieses „ Was willst Du ? “ Sie kam ihm offenbar ungelegen . „ Ich wollte fragen , wie es mit Deinem Kopfschmerz steht , “ begann sie schüchtern . „ Mein Kopfschmerz ? “ Reinhold besann sich plötzlich . „ Ja so . Ich denke , er ist vorüber . “ Die junge Frau schloß die Thür und kam einige Schritte näher . „ Die Eltern sind wieder recht ungehalten , daß Du gestern nicht beim Feste warst und statt dessen die ganze Nacht hindurch gespielt hast , “ berichtete sie zögernd . Reinhold runzelte die Stirn . „ Wer hat ihnen denn das wieder einmal gesagt ? Du vielleicht ? “ „ Ich ? “ Es klang wie ein halber Vorwurf in der Stimme . „ Der Buchhalter hat heute Morgen bei der Rückkehr das Gartenhaus noch erleuchtet gesehen und Dein Spiel gehört . “ Ein Ausdruck verächtlichen Spottes zuckte um die Lippen des jungen Mannes . „ Ach so ; daran hatte ich allerdings nicht gedacht . Ich glaubte nicht , daß die Herren nach ihrem Jubiläum noch Zeit und Lust zu Beobachtungen übrig hätten . Freilich , zum Spioniren sind sie immer nüchtern genug . “ „ Der Vater meint – “ begann Ella wieder . „ Was meint er ? “ fuhr Reinhold gereizt auf . „ Ist es ihm vielleicht noch nicht genug , daß ich vom Morgen bis zum Abend hier an ’ s Comptoir gefesselt bin ? Mißgönnt er mir sogar die Erholung , die ich Nachts in der Musik suche ? Ich dächte , ich und mein Flügel wären weit genug verbannt worden ; das Gartenzimmer liegt ja so fern und einsam , daß ich nicht in Gefahr komme , den Schlaf eines der Gerechten hier im Hause zu stören . Man kann zum Glück keinen Laut vernehmen . “ „ Doch ! “ sagte die junge Frau leise . „ Ich höre jeden Ton , wenn es ringsum so still ist und ich ganz allein wach liege . “ Reinhold wandte sich um und sah seine Frau an . Sie stand mit niedergeschlagenen Augen und völlig ausdruckslosem Gesichte vor ihm . Sein Blick glitt langsam an ihrer Gestalt nieder , als stelle er unbewußt irgend eine Vergleichung an , und die Bitterkeit in seinen Zügen trat noch deutlicher hervor . „ Das thut mir leid , “ entgegnete er kalt ; „ aber ich kann es nicht ändern , daß Deine Fenster nach dem Garten hinausgehen . Schließe künftig die Läden ! Dann werden Dich meine musikalischen ‚ Extravaganzen ‘ hoffentlich nicht mehr im Schlafe stören . “ Er schlug die Seiten des Buches um und schien sich wieder in die Zahlen zu vertiefen . Ella wartete wohl noch eine Minute lang ; als sie aber sah , daß von ihrer Gegenwart nicht die geringste Notiz genommen wurde , ging sie so still und lautlos , wie sie gekommen war . Kaum war sie fort , so schleuderte Reinhold mit einer leidenschaftlichen Bewegung das Hauptbuch zur Seite . Der Blick , der auf den so verächtlich behandelten Gegenstand fiel und dann durch das ganze Comptoir schweifte , zeugte von bitterstem Hasse ; dann legte er schwer athmend den Kopf auf beide Arme und schloß die Augen , als wolle er nichts mehr von der ganzen Umgebung sehen und hören . „ Grüß Gott , Reinhold ! “ sagte auf einmal eine fremde Stimme dicht neben ihm . Der Gerufene fuhr empor und blickte verwirrt und fragend den Fremden in Seemannstracht an , der unbemerkt eingetreten war und jetzt vor ihm stand . Auf einmal aber schien ihn eine Erinnerung zu durchblitzen ; mit einem Aufschrei der Freude warf er sich an die Brust des Ankömmlings . „ Ist ’ s möglich , Hugo ! Du schon hier ? “ Zwei kräftige Arme umschlossen ihn fest und ein paar warme Lippen drückten sich wieder und immer wieder auf die seinigen . „ Kennst Du mich wirklich noch ? Ich hätte Dich unter Hunderten herausgefunden . Freilich etwas anders siehst Du aus , als der kleine Reinhold , den ich hier zurückließ . Nun , mit mir mag es wohl auch nicht viel besser sein . “ Die ersten Worte klangen noch in tiefer Bewegung , die letzten hatten schon wieder einen etwas übermüthigen Ton . Reinhold ’ s Arm lag noch zärtlich um den Hals des Bruders . „ Und Du kommst so plötzlich , so ganz unangemeldet ? Ich erwartete Dich erst in Wochen . “ „ Wir haben eine ungewöhnlich schnelle Fahrt gehabt , “ sagte der junge Capitain heiter . „ Und als ich erst einmal im Hafen war , litt es mich auch nicht eine Minute länger an Bord ; ich mußte zu Dir . Gott sei Dank , daß ich Dich allein fand ! Ich fürchtete schon , ich müsse das ganze Fegefeuer des heimathlichen Zornes passiren und mich mit der gesammten Verwandtschaft herumschlagen , um zu Dir zu gelangen . “ Reinhold ’ s Gesicht , das noch in der ganzen Freude des Wiedersehens strahlte , verdüsterte sich bei dieser Erinnerung und sein Arm sank langsam nieder . „ Es hat Dich doch noch Niemand gesehen ? “ fragte er . „ Du weißt , wie der Onkel gegen Dich gesinnt ist , seit – “ „ Seit ich mich seiner hochweisen Bestimmung entzog , die mich durchaus an den Comptoirtisch schrauben wollte , und auf und davon ging ? “ unterbrach ihn Hugo . „ Ja , das weiß ich , und ich hätte den Lärm mit ansehen mögen , der im Hause losbrach , als sie entdeckten , ich sei durchgegangen . Aber die Geschichte ist ja beinahe zehn Jahre her . Der Taugenichts ist nicht gestorben und verdorben , wie es die verwandtschaftliche Liebe ohne Zweifel hundertmal prophezeit und noch öfter gewünscht hat , er kehrt zurück als höchst respectabler Capitain eines höchst vortrefflichen Schiffes , mit allen nur möglichen Empfehlungen an Eure ersten Handelshäuser . Sollten die maritimen und mercantilischen Vorzüge nicht endlich das Herz des zürnenden Hauses Almbach und Compagnie erweichen ? “ Reinhold unterdrückte einen Seufzer . „ Spotte nicht , Hugo ! Du kennst den Onkel nicht , kennst nicht das Leben in seinem Hause . “ „ Nein , ich ging noch zu rechter Zeit durch , “ bekräftigte der Capitain . „ Und das ist überhaupt das Gescheidteste – so solltest Du es auch machen . “ „ Was fällt Dir ein ? Meine Frau , das Kind – “ „ Ja so ! “ sagte Hugo etwas verlegen . „ Ich vergesse immer , daß Du verheirathet bist . Armer Junge , Dich haben sie bei Zeiten festgekettet . Solch ein Traualtar ist der sicherste Riegel , den man allen etwaigen Freiheitsgelüsten vorschiebt . Nun , fahre nur nicht gleich auf ! Ich glaube ja gerne , daß man Dich zu dem Jawort nicht geradezu gezwungen hat . Wie Du aber dazu gekommen bist , das wird wohl der Onkel zu verantworten haben , und die melancholische Stellung , in der ich Dich traf , spricht auch nicht gerade sehr für die Glückseligkeit eines jungen Ehemannes . Laß Dir doch einmal in ’ s Auge blicken , damit ich sehe , wie es drinnen ausschaut ! “ Er ergriff ihn ohne Umstände beim Arme und zog ihn nach dem Fenster hin . Erst hier im hellen Tageslichte sah man , wie unendlich ungleich die beiden Brüder waren , trotz einer unleugbaren Aehnlichkeit in ihren Zügen . Der Capitain , der Aeltere von Beiden , war von kräftiger und doch eleganter Gestalt , das hübsche , offene Antlitz gebräunt von Luft und Sonne ; sein Haar kräuselte sich leicht , und die braunen Augen sprühten Lebenslust und Lebensmuth . Seine Haltung war leicht und sicher , wie die eines Mannes , der gewohnt ist , sich in den verschiedensten Umgebungen und Verhältnissen zu bewegen , und das ganze Wesen hatte einen Zug kecker , übermüthiger Laune , die bei jeder Gelegenheit hervorbrach , aber zugleich eine so frische , offene Liebenswürdigkeit , daß es schwer war , ihm zu widerstehen . Der um einige Jahre jüngere Reinhold machte einen durchaus verschiedenen Eindruck . Er war schlanker , bleicher als der Bruder ; Haar und Augen waren dunkler , und die letzteren blickten ernst , ja düster . Aber es lag etwas auf dieser Stirn und in diesen Augen , das um so mehr anzog , als sich nicht leicht enträthseln ließ , was sich eigentlich dahinter barg . Hugo war vielleicht der Hübschere von Beiden , und doch entschied eine Vergleichung unbedingt zu Gunsten des jüngeren Bruders , der im vollsten Maße jenen seltenen und gefährlichen Reiz des „ Interessantseins “ besaß , dem oft genug die vollendete Schönheit weichen muß . Der junge Mann machte einen hastigen Versuch , sich der angedrohten Beobachtung zu entziehen . „ Hier darfst Du nicht bleiben , “ sagte er bestimmt . „ Der Onkel kann jeden Moment eintreten , und dann giebt es eine furchtbare Scene . Ich bringe Dich vorläufig nach dem Gartenhause , das ich für mich allein habe einrichten lassen . Du wirst schwerlich der Familie vor die Augen kommen dürfen , aber Deine Ankunft muß sie doch – erfahren . Ich werde sie ihr mittheilen – “ „ Und den ganzen Sturm allein aushalten ? “ unterbrach ihn der Capitain . „ Bitte , das ist meine Sache ! Ich gehe jetzt stehenden Fußes hinauf zu dem Herrn Onkel und der Frau Tante und stelle mich ihnen als gehorsamer Neffe vor . “ „ Aber Hugo ! Bist Du denn ganz von Sinnen ? Sie ahnen ja noch gar nichts von Deinem Hiersein . “ „ Eben deshalb ! Mit Ueberrumpelung nimmt man die stärksten Festungen , und ich habe mich lange darauf gefreut , einmal wie eine Bombe mitten unter die grollende Verwandtschaft zu fahren und zu sehen , was für ein Gesicht sie macht . Aber noch eins , Reinhold , Du giebst mir das Versprechen , ruhig hier unten zu bleiben , bis ich zurückkomme . Du sonst nicht in die peinliche Lage gerathen , Zeuge davon zu sein , wie die ganze Schale des Familienzornes auf mein sündiges Haupt geleert wird . Du könntest in brüderlicher Aufopferung etwas davon auffangen wollen , und das stört mir den ganzen Feldzugsplan . – Jonas , komm einmal herein ! “ Er öffnete die Thür und ließ eine Mann ein , der bisher draußen im Hausflur geharrt hatte . „ Das ist mein Bruder . Sieh ihn Dir ordentlich an ! Du hast Dich bei ihm zu melden und Dein Compliment zu machen . Noch einmal , Reinhold , Du versprichst mir , während der nächsten halben Stunde das Familienzimmer nicht zu betreten . Ich werde schon allein da oben Ordnung schaffen , und müßte ich die ganze Baracke mit Sturm nehmen . “ Er war zur Thür hinaus , ehe der jüngere Bruder auch nur eine Einwendung machen konnte . Noch halb betäubt von dem schnellen Wechsel der letzten zehn Minuten , blickte er auf die breite vierschrötige Gestalt des neuen Ankömmlings , der jetzt einen eleganten Reisekoffer auf die Dielen niedersetzte und sich dicht daneben aufpflanzte . „ Matrose Wilhelm Jonas von der , Ellida ‘ , jetzt zur Dienstleistung bei dem Herrn Capitain Almbach ! “ rapportirte er vorschriftmäßig , und versuchte dabei eine Bewegung , die wahrscheinlich eine Verbeugung ausdrücken sollte , mit dem anbefohlenen Complimente aber nicht die geringste Aehnlichkeit hatte . „ Es ist gut , “ sagte Reinhold zerstreut . „ Lassen Sie das Gepäck einstweilen hier ! Ich muß erst hören , wie lange mein Bruder zu bleiben gedenkt . “ „ Wir bleiben einige Tage hier bei dem Herrn Onkel , “ versicherte Jonas in großer Gemüthsruhe . „ So ? Ist das schon fest bestimmt ? “ „ Ganz fest . “ „ Ich begreife Hugo nicht , “ murmelte Reinhold . „ Er scheint keine Ahnung von dem zu haben , was ihm hier bevorsteht , und doch müssen meine Briefe ihn darauf vorbereitet haben . Unmöglich kann ich ihn den ganzen Sturm allein aushalten lassen . “ Er machte eine Bewegung nach der Thür hin , aber diese war vollständig blockirt durch die breite Gestalt des Matrosen , die auch auf den unwillig fragenden Blick des jungen Mannes sich nicht vom Platze rührte . „ Der Herr Capitain hat gesagt , er würde schon allein da oben Ordnung schaffen , “ erklärte er lakonisch , „ also schafft er sie auch . Der setzt Alles durch . “ „ Wirklich ? “ fragte Reinhold , etwas betroffen von der unerschütterlichen Zuversicht dieser Worte . „ Sie scheinen meinen Bruder sehr genau zu kennen . “ „ Ganz genau . “ Unschlüssig , ob er dem Wunsche Hugo ’ s Folge leisten solle oder nicht , trat Reinhold an das nach dem Hofe hinausgehende Fenster und gewahrte dort drei oder vier Gesichter , dem Dienstpersonal angehörig , die mit dem Ausdruck grenzenloser Wißbegierde einen Einblick in das Comptoir zu gewinnen strebten . Der junge Mann ließ einen Ausruf unterdrückten Aergers hören und wandte sich wieder zu dem Matrosen . „ Die Ankunft meines Bruders scheint bereits im Hause bekannt zu sein , “ sagte er hastig . „ Fremde sind doch sonst nicht eine solche Seltenheit im Comptoir , und die Neugierde gilt offenbar Ihnen . “ „ Hat nichts zu sagen , “ brummte Jonas . „ Wenn auch das ganze Nest rebellisch wird und uns angafft . Dergleichen ist uns gar nichts Neues mehr . Die Wilden auf den Südseeinseln machen es gerade ebenso , wenn unsere , Ellida ‘ anlegt . “ Es mag dahingestellt bleiben , ob der eben gezogene Vergleich den Hausbewohnern gerade besonders schmeichelhaft erschienen wäre . Zum Glück vernahm ihn Niemand als Reinhold , der es jetzt doch für nothwendig hielt , den Gegenstand dieser Neugierde zu entfernen . Er hieß ihn in das Nebenzimmer treten und dort warten ; er selbst blieb zurück und horchte unruhig , ob sich nicht etwa streitende Stimmen vernehmen ließen , aber freilich , das Familienzimmer lag im oberen Stockwerk , und auf der anderen Seite des Hauses . Der junge Mann kämpfte mit sich selber , ob er dem halb und halb gegebenen Versprechen treu bleiben und Hugo gewähren lassen oder ob er nicht wenigstens versuchen solle , ihm den unvermeidlichen Rückzug zu decken , denn daß ein solcher bevorstand , glaubte er ganz genau zu wissen . Er war zu oft Zeuge des Verdammungsurtheils gewesen , das in der Familie über seinen Bruder gefällt wurde , um nicht eine Scene zu fürchten , der selbst dieser nicht Stand halten konnte , aber er kannte seine eigene Stellung dem Onkel gegenüber zu genau , um sich nicht zu sagen , daß sein Einschreiten die Sache nur verschlimmern würde . Mehr als eine halbe Stunde war in dieser peinigenden Besorgniß vergangen , da endlich ließen sich Schritte vernehmen und der Capitain trat ein . „ Da bin ich . Die Sache ist abgemacht . “ „ Was ist abgemacht ? “ fragte Reinhold hastig . „ Nun , die Begnadigung natürlich . Ich habe als vielgeliebter Neffe soeben abwechselnd in den Armen des Onkels und der Tante gelegen . Komm mit hinauf , Reinhold ! Du fehlst noch im Versöhnungstableau , aber auf eine unendliche Rührung mußt Du Dich gefaßt machen ; sie weinen allesammt . “ Der Bruder sah ihn ungewiß an . „ Ich weiß nicht , Hugo , soll das Scherz sein oder – “ Der junge Capitain lachte übermüthig , „ Du scheinst meinem diplomatischen Talente sehr wenig zu trauen . Glaube übrigens nicht , daß mir die Sache diesmal sehr leicht geworden ist ! Auf einen Sturm hatte ich mich allerdings gefaßt gemacht . Hier aber tobte entschieden ein Orcan – pah , wir Seeleute sind an Dergleichen gewöhnt – und als ich erst zu Worte kam , was freilich lange dauerte , da war der Sieg auch schon entschieden . Ich setzte die Rückkehr des verlorenen Sohnes meisterhaft in Scene ; ich rief Himmel und Erde zum Zeugen meiner Besserung an ; ich riskirte einen Fußfall – das schlug durch , bei der Tante wenigstens . Ich versicherte mich nun zuvörderst des wankenden weiblichen Flügels , um dann mit ihm vereint das Centrum zu stürmen , und der Sieg war glänzend . Begnadigung in aller Form – allgemeine Rührung und Umarmung – Versöhnungsgruppe – mein Himmel , so sieh doch nicht so ungläubig aus ! Ich versichere Dir , daß ich im vollen Ernste spreche . “ Reinhold schüttelte den Kopf , aber er athmete doch unwillkürlich auf . „ Das begreife , wer da kann ! Ich hätte es für unmöglich gehalten ! Hast Du “ – die Frage klang eigenthümlich unsicher – „ Hast Du meine Frau gesehen ? “ „ Ja wohl , “ sagte Hugo gedehnt . „ Das heißt , viel habe ich eigentlich nicht von ihr gesehen , und noch weniger gehört , denn sie verhielt sich ganz passiv bei der Scene und weinte nicht einmal wie die Uebrigen . Noch immer die kleine Cousine Eleonore , die stets so still und scheu in ihrem Winkelchen saß , aus dem sie selbst unsere wildesten Knabenneckereien nicht hervorscheuchten – und das ist Deine Frau geworden ! Aber jetzt muß ich vor allen Dingen den Stammhalter des Hauses Almbach bewundern . Wo habt Ihr ihn ? “ Reinhold sah auf und ein helles Aufleuchten verdrängte für einen Augenblick alle Düsterheit in seinem Antlitze . „ Meinen Knaben ? Ich will ihn Dir zeigen . Komm , wir wollen zu ihm . “ „ Gott sei Dank , doch endlich einmal ein Zug von Glück in Deinem Gesichte ! “ sagte der Capitain mit einem Ernste , den man seinem Uebermuthe kaum zugetraut hätte , und mit sinkender Stimme setzte er hinzu : „ Ich habe ihn bis jetzt vergebens darin gesucht . “ Das Haus Almbach und Compagnie gehörte zu denen , deren Name an der Börse wie in der Handelswelt überhaupt einen guten Klang hat , ohne gleichwohl irgendwie von hervorragender Bedeutung zu sein . Die Beziehungen seines Chefs zu dem Consul Erlau waren nicht blos geschäftlicher Natur ; sie datirten noch aus früheren Zeiten , wo Beide , gleich jung und mittellos , bei einem und demselben Handlungshause in die Lehre traten , der Eine , um sich zum reichen Kaufherrn aufzuschwingen , dessen Schiffe auf allen Meeren schwammen und dessen Verbindungen in alle Welttheile hinüberreichten , der Andere , um ein bescheidenes Geschäft zu gründen , dessen Umfang sich nie über gewisse Grenzen hinaus erstreckte . Almbach scheute jede gewagte Speculation , jede größere Unternehmung , und war auch keineswegs der Mann , dergleichen zu überblicken und zu leiten ; er zog einen mäßigen , aber sicheren Gewinn vor , der ihm auch im vollsten Maße zu Theil ward . Seine gesellschaftliche Stellung war von der Erlau ’ s freilich so verschieden wie das alterthümliche , düstere Haus in der Canalstraße mit seinem hohen Giebel und vergitterten Comptoirfenstern von dem fürstlich eingerichteten Palais am Hafenbassin . Die Freundschaft zwischen den ehemaligen Jugendgefährten hatte sich allmählich mehr und