an den Stamm des Baumes und zerpflückte spielend einige Grashalme . „ Ich frage gar nichts nach seiner Einwilligung , “ erklärte sie . „ Ich lasse mir von ihm nichts befehlen oder verbieten . Er soll es einmal versuchen , mich zu zwingen ! “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 10 , S. 159 – 162 Fortsetzungsroman – Teil 2 [ 159 ] „ Es wird Dich Niemand zwingen , “ fiel Georg ein , „ aber trennen wird man uns . In dem Augenblicke , wo unsere Liebe entdeckt wird , ist auch die Trennung ausgebrochen – das weiß ich , und das allein ist es , was mir Schweigen auferlegt . Du ahnst nicht , wie dieses Geheimniß , das Dir so reizend erscheint , dieses ängstliche Verbergen mich peinigt und demüthigt , wie sehr es meiner ganzen Natur zuwider ist . Jetzt zum ersten Male fühle ich , was es heißt , arm und unbekannt zu sein . “ „ Was thut es denn , daß Du arm bist ? “ fragte Gabriele sorglos . „ Ich werde einmal sehr reich sein . Mama sagt es mir täglich , daß ich die einzige Erbin meines Onkel Raven bin . “ Georg schwieg und preßte die Lippen fest zusammen , als wolle er eine bittere Empfindung unterdrücken . „ Ja wohl , Du wirst reich sein , “ sagte er endlich . „ Nur allzu reich . “ „ Ich glaube gar , Du willst mir einen Vorwurf daraus machen , “ schmollte die junge Dame mit sehr ungnädiger Miene . „ Nein , aber es öffnet eine Kluft mehr zwischen uns . Gehörtest Du meinem Lebenskreise an , dann dürfte ich offen hintreten und , wenn auch noch nicht Deine Hand , doch Dein Wort und Deine Treue fordern , bis ich Dir eine eigene Heimath zu bieten vermag . Jetzt dagegen – was würde der Freiherr von Raven mir wohl antworten , wenn ich es wagte , bei ihm um die Hand seiner Mündel , seiner muthmaßlichen Erbin zu werben ? Er vertritt die Stelle Deines Vaters ; Du stehst unter seiner Gewalt . “ „ Aber doch nur bis zu meiner Mündigkeit . In einigen Jahren hat die vormundschaftliche Gewalt des gestrengen Herrn ein Ende . Dann bin ich frei . “ „ In einigen Jahren ! “ wiederholte Georg . „ Und wie wirst Du dann denken ? “ Es lag eine so bange Frage in den Worten , daß Gabriele halb erschreckt und halb beleidigt aufblickte . „ Georg , Du zweifelst an meiner Liebe ? “ Er schloß ihre Hand fest in die seinige . „ Ich glaube an Dich , meine Gabriele ; vertraue auch Du mir ! Ich bin ja nicht der Erste , der sich emporarbeitet , und habe von jeher gelernt , der Zukunft und meiner eigenen Kraft zu vertrauen . Ich will Alles an diese Zukunft setzen , um Deinetwillen Du sollst Dich Deiner Wahl nicht zu schämen haben . “ „ Ja , zur Excellenz mindestens mußt Du mich machen , “ neckte Gabriele . „ Ich erwarte ganz bestimmt , daß Du auch einmal Gouverneur oder Minister wirst . Hörst Du , Georg ? Ich will keinen andern Titel . “ Georg ließ plötzlich die Hand fallen , die er noch in der seinigen hielt . Er mochte auf seine mit so tiefer Innigkeit ausgesprochene Betheuerung wohl eine andere Antwort erwartet haben . „ Du verstehst mich nicht . Freilich wie solltest Du auch den Ernst des Lebens kennen , ist er Dir doch noch niemals genaht . “ „ O , ich kann auch ernst sein , “ versicherte Gabriele . „ Ganz außerordentlich ernst . Du kennst meine eigentliche Natur noch gar nicht . “ „ Möglich ! “ sagte der junge Mann mit aufquellender Bitterkeit . „ Jedenfalls habe ich es nicht verstanden , sie zu wecken . “ Gabriele sah recht gut , daß er verletzt war , aber es beliebte ihr durchaus nicht , Notiz davon zu nehmen . Sie fuhr fort zu necken und zu scherzen und erschöpfte ihren ganzen Uebermuth . Sie pochte auf eine Macht , die sich oft genug bewährt hatte und auch heute ihre Wirkung nicht verfehlte . Georg ’ s Stirn begann sich zu entwölken ; Verstimmung und Vorwurf wollten nicht Stand halten vor dem Geplauder jener rosigen Lippen , und als das geliebte Antlitz lächelnd und schelmisch zu ihm aufblickte , da war es vorbei mit dem Widerstande – er lächelte gleichfalls . Drüben in der Stadt setzten die Glocken zum Mittagsgeläut ein . Die Klänge zogen hell über den See und mahnten das junge Paar zum Aufbruch . Georg zog die Hand der Geliebten leidenschaftlich an seine Lippen ; die unmittelbare Nähe der Landhäuser und der Fahrstraße verbot jede weitere Zärtlichkeit . Gabriele schien die Trennnug in der That sehr leicht zu nehmen . Einen Augenblick freilich wurde sie ernster , und es schimmerte sogar eine Thräne in ihren braunen Augen , aber in der nächsten Minute war Alles schon wieder sonnige Heiterkeit . Sie warf einen letzten Gruß zurück und eilte dann fort . Georg ’ s Augen folgten ihr unverwandt . „ Max hat Recht , “ sagte er träumerisch . „ Ich und dieses verwöhnte übermüthige Kind des Glückes ! Warum muß ich gerade sie lieben , die mir fern steht in so Vielem , wo wir uns nahe sein müßten ? Ja , warum – ich liebe sie eben . “ Die Warnung des Freundes schien trotz aller Zurückweisung doch ein Echo in der Brust des jungen Mannes gefunden zu haben , aber was vermochte Vernunft und Ueberlegung gegen die Leidenschaft , die sein ganzes Wesen erfüllte ? Er wußte längst , daß sich gegen den Zauber nicht ankämpfen ließ , der ihn schon bei der ersten Begegnung umsponnen hatte . Er unterlag ihm immer wieder von Neuem . [ 160 ] „ Ich bitte noch einmal , Excellenz : nehmen Sie diese harten Maßregeln zurück ! Sie können unmöglich die ganze Stadt für die Ausschreitungen Einzelner verantwortlich machen . “ „ Auch ich bin der Meinung , daß man nicht mit solcher Schärfe vorzugehen braucht . Es wird nicht schwer sein , die Schuldigen herauszufinden und sich ihrer zu versichern . “ „ Sie sollten der Sache nicht solche Wichtigkeit beilegen Excellenz . Sie verdient es in der That nicht . “ Der Gouverneur von Raven , an den all diese Mahnungen und Vorstellungen gerichtet waren , schien sehr wenig davon berührt zu werden , denn er erwiderte mit kalter Höflichkeit : „ Ich bedauere aufrichtig , meine Herren , mich in so vollständigem Widerspruch mit Ihren Ansichten zu befinden , aber ich habe den Entschluß nach reiflicher Ueberlegung gefaßt , und überdies wissen Sie , daß ich niemals eine bereits angeordnete Maßregel zurücknehme . Es bleibt dabei . “ Die Herren , welche sich im Regierungsgebäude von R. in dem Empfangszimmer des Gouverneurs befanden , schienen eine längere und lebhafte Conferenz gehabt zu haben ; sie waren sämmtlich etwas erregt , bis auf den Freiherrn selbst , der mit unerschütterlicher Ruhe in seinem Sessel lehnte . „ Ich sollte meinen , “ sagte Derjenige , welcher zuerst gesprochen , „ daß meine Stimme als die des Vertreters der Stadt doch von einigem Gewicht wäre . Um so mehr , als diesmal auch der Polizeidirector auf meiner Seite steht . “ „ Allerdings , “ bestätigte der Genannte mit vorsichtiger Zurückhaltung . „ Indeß bin ich erst zu kurze Zeit in meinem Amte , um die hiesigen Verhältnisse schon eingehend zu kennen . Excellenz werden das jedenfalls besser beurtheilen . “ „ Ich fürchte nur , “ wandte sich der Dritte der Herren , der die Uniform eines Obersten trug , an den Gouverneur , „ ich fürchte , man wird Ihre Strenge mißdeuten und sie als persönliche Besorgniß auffassen . “ Um die Lippen des Freiherrn spielte ein verächtliches Lächeln . „ Seien Sie unbesorgt ! “ entgegnete er . „ Man kennt mich in R. zu gut , um mir Furcht zuzutrauen . Der Vorwurf bleibt mir unter allen Umständen erspart . “ Er erhob sich und gab damit das Zeichen zur Beendigung der Conferenz . Freiherr Arno von Raven stand im vollsten , reifsten Mannesalter und war trotz seiner sechs- oder siebenundvierzig Jahre noch eine imponirende Erscheinung . Die hohe , mächtige Gestalt hatte schon in ihrem bloßen Auftreten etwas Gebietendes . Die stolzen energischen Züge waren nicht schön und konnten es auch wohl nie gewesen sein , aber sie waren bedeutend und charakteristisch in jeder Linie . In das volle dunkle Haupthaar mischte sich noch kein Grau , nur an den Schläfen verrieth ein leichter Silberglanz , daß die Mitte des Lebens bereits überschritten war . Dagegen sprach aus den dunklen blitzenden Augen noch die ganze Vollkraft dieses Lebens , aber der Blick hatte etwas Strenges , Finsteres und gewann , sobald er sich fest auf einen Gegenstand richtete , eine durchbohrende Schärfe . Die Haltung war ein Gemisch von ruhiger Vornehmheit und unnahbarem Stolze . Auch nicht der leiseste Zug verrieth den Emporkömmling . Der Mann sah aus , als habe er von jeher nichts Anderes gekonnt , als befehlen und herrschen . „ Es handelt sich hier nicht um mich , “ fuhr er fort . „ So lange die Schmähungen und Drohbriefe mir anonym zugingen , habe ich sie dem Papierkorb überantwortet , ohne weiteres Gewicht darauf zu legen . Wenn dergleichen sich aber offen und aller Welt sichtbar an den Mauern des Regierungsgebäudes findet , wenn man Miene macht , mich bei meinen Ausfahrten zu insultiren , und die Herren von der Bürgerschaft sich demonstrativ jedes Einschreitens enthalten , so ist es meine Pflicht , ernstlich vorzugehen . Ich bin die oberste Behörde der Provinz ; dulde ich den Unfug , der sich gegen meine Person richtet , so gefährde ich damit die Autorität der Regierung , die zu vertreten ich berufen bin und die ich unter allen Umständen aufrecht erhalten muß . Ich wiederhole Ihnen , Herr Bürgermeister , daß ich es bedaure , Polizeimaßregeln verhängen zu müssen , die vielleicht schwer empfunden werden , aber die Stadt hat sich das selbst zuzuschreiben . “ „ Wir sind es gewohnt , daß Excellenz sich in solchen Fällen nie von Rücksichten bestimmen lassen , “ sagte der Bürgermeister mit Schärfe . „ Es bleibt mir also nur übrig , Ihnen , die volle Verantwortlichkeit zu lassen – und damit wäre unser Gespräch ja wohl zu Ende . “ Der Freiherr verneigte sich kühl . „ Ich wüßte nicht , daß ich mich jemals der Verantwortung für meine Maßnahmen entzogen hätte ; es wird auch diesmal nicht geschehen . Leben Sie wohl , meine Herren ! “ Der Bürgermeister und der Polizeidirector verließen das Gemach und schritten durch die weiten Gänge des Regierungsgebäudes dem Ausgange zu . Auf dem Wege konnte der Erstere , ein etwas cholerischer alter Herr mit grauen Haaren , nicht umhin , seinem lang zurückgehaltenen Aerger Luft zu machen . „ Also haben wir mit all unsern Bitten , Mahnungen und Vorstellungen wieder einmal nichts erreicht , als ein souveränes : ‚ Es bleibt dabei ! ‘ “ sagte er zu seinem Begleiter . „ Auch Sie scheinen sich diesem berühmten Lieblingswort Seiner Excellenz zu beugen . Ihre Opposition verstummte davor sofort . “ Der Polizeidirector , ein noch jüngerer Mann mit scharfen klugen Zügen und sehr höflichen Manieren , zuckte die Achseln . „ Der Freiherr ist oberster Chef der Verwaltung , und da er erklärt hat , mich auf alle Fälle mit seiner Verantwortlichkeit zu decken , so – “ „ Fügen Sie sich seinem Willen , “ ergänzte der Andere . „ Im Grunde ist das nur natürlich . Sie haben schwerlich Lust , das Schicksal Ihres Amtsvorgängers zu theilen . “ „ Jedenfalls hoffe ich meiner Stellung besser gewachsen zu sein als er , “ war die artige , aber bestimmte Antwort . „ So viel ich weiß , wurde mein Vorgänger wegen Unfähigkeit auf einen anderen Posten versetzt . “ „ Da irren Sie sehr . Er fiel , weil er dem Freiherrn von Raven nicht genehm war , und sich bisweilen herausnahm , eine andere Meinung als Dieser zu haben . Er mußte dem allmächtigen Willen weichen , der uns nun so lange schon unumschränkt regiert . Das heutige Auftreten unseres Gouverneurs wird Ihnen besser als eine monatelange Amtsdauer gezeigt haben , wie die ‚ hiesigen Verhältnisse ‘ eigentlich liegen , und Sie haben bereits Ihre Partei gewählt , wie mir scheint . “ Die letzten Worte klangen sehr anzüglich , aber der Polizeidirector schien das nicht zu bemerken ; er lächelte nur verbindlich , ohne etwas zu erwidern , und da sie den Ausgang jetzt erreicht hatten , trennten sich die beiden Herren . Im Zimmer des Freiherrn war Dieser mit dem Oberst zurückgeblieben . Letzterer , der Commandant des Regimentes , das die Garnison von R. bildete , war eine echt militärische Erscheinung , aber trotzdem und trotz seiner Uniform und Orden vermochte er doch nicht den Vergleich mit der gebietenden Gestalt des Gouverneurs auszuhalten , der den einfachen Civilanzug trug . „ Sie sollten nicht allzu schroff vorgehen , Excellenz , “ nahm der Oberst das Gespräch wieder auf . „ Man sieht höheren Ortes diese fortwährenden Conflicte mit der Bürgerschaft sehr ungern . “ „ Glauben Sie , daß ich diese Conflicte liebe ? “ fragte der Freiherr . „ Aber Nachgiebigkeit wäre hier Schwäche , und die wird man mir hoffentlich nicht zumuthen . “ Der Andere schüttelte mit dem Ausdruck der Besorgniß den Kopf . „ Sie wissen , daß ich einige Wochen lang in der Residenz war , “ begann er von Neuem . „ Ich habe viel im Ministerium verkehrt . Im Vertrauen gesagt , die Stimmung ist dort keine für Sie günstige . Man liebt Sie durchaus nicht . “ „ Das weiß ich , “ sagte Raven kalt . „ Ich bin den Herren von jeher unbequem gewesen . Ich war ihnen nie fügsam , nie devot genug , und überdies können sie mir meine bürgerliche Herkunft nicht verzeihen . Meine Carriere war nun einmal nicht zu hindern , aber Sympathie habe ich in jenen Kreisen nie besessen . “ „ Eben deshalb sollten Sie vorsichtig sein . Es werden Versuche gemacht , Ihre Stellung zu erschüttern . Man spricht von Willkür , von Uebergriffen , und all Ihre Maßregeln werden in schärfster , oft in gehässigster Weise besprochen und kritisirt . Fürchten Sie nicht die gegen Sie gesponnenen Intriguen ? “ „ Nein , denn ich bin den maßgebenden Persönlichkeiten allzu nothwendig und werde dafür sorgen , daß diese Nothwendigkeit bestehen bleibt , trotz meiner ‚ Willkür ‘ und meiner ‚ Uebergriffe ‘ . Ich kenne am besten die Schwierigkeiten meiner hiesigen Stellung ; [ 161 ] sie finden so leicht keinen Zweiten , der dem ersten Posten in dieser Provinz und in diesem widerspenstigen , ewig oppositionslustigen R. gewachsen ist . Aber ich danke Ihnen trotzdem für die Warnung , die vollständig mit meinen eigenen Nachrichten übereinstimmt . “ „ Ich wollte Ihnen wenigstens einen Wink geben , “ sagte der Oberst abbrechend . „ Aber jetzt muß ich fort . Sie erwarten heute noch Besuch , wie ich höre . “ „ Meine Schwägerin , die Baronin Harder , und ihre Tochter , “ erklärte der Freiherr , seinen Gast bis zur Thür begleitend . „ Sie haben einen Theil des Sommers in der Schweiz zugebracht und wollen heute eintreffen . Ich erwarte sie jede Minute . “ „ Ich habe die Frau Baronin vor einigen Jahren in der Residenz kennen gelernt , “ warf der Officier flüchtig hin , „ und ich hoffe die Bekanntschaft bald zu erneuern . Darf ich bitten , der Dame vorläufig meine Empfehlung zu überbringen ? Auf Wiedersehen , Excellenz ! “ – Eine halbe Stunde später rollte ein Wagen in das Portal des Regierungsgebäudes , und Freiherr von Raven kam die große Haupttreppe herunter , um die erwarteten Gäste zu begrüßen . „ Mein lieber Schwager , wie glücklich bin ich , Sie endlich wieder zu sehen ! “ rief die im Wagen sitzende Dame , indem sie mit großer Lebhaftigkeit und Zärtlichkeit dem Herantretenden die Hand entgegenstreckte . „ Seien Sie mir willkommen , Mathilde ! “ sagte Raven mit seiner gewohnten kühlen Artigkeit , die auch nicht um einen Grad wärmer wurde , als er den Schlag öffnete und seiner Schwägerin beim Aussteigen behülflich war . „ Haben Sie eine gute Fahrt gehabt ? Es war heute etwas zu heiß für die Reise . “ „ O entsetzlich ! Die lange Fahrt hat mich völlig nervös gemacht . Wir beabsichtigten anfangs , einen Tag in E. auszuruhen , aber uns trieb die Sehnsucht , unsere theuren Verwandten so bald wie möglich zu begrüßen . “ Der „ theuere Verwandte “ nahm das Compliment sehr gleichgültig hin . „ Sie hätten immerhin in E. bleiben sollen , “ meinte er . „ Aber wo ist das Kind – Gabriele ? “ Die junge Dame , die soeben den Wagen verließ und , ohne eine Hülfe abzuwarten , leichtfüßig auf den Boden sprang , wurde bei dieser höchst beleidigenden Frage von einer hellen Zornröthe übergossen . Aber auch der Freiherr stutzte und heftete einen langen erstaunten Blick auf das „ Kind “ , das er drei volle Jahre nicht gesehen hatte , und dessen Anblick ihn jetzt sehr zu überraschen schien . Doch sein Erstaunen und Gabrielens Triumph darüber dauerte nicht lange . „ Ich freue mich , Dich zu sehen , Gabriele , “ sagte er ruhig , und sich niederbeugend , berührte er mit den Lippen leicht ihre Stirn . Es war dieselbe flüchtige , gleichgültige Liebkosung , die er einst dem vierzehnjährigen Mädchen hatte zu Theil werden lassen , und dabei streiften seine dunklen , strengen Augen ihr Antlitz mit einem einzigen , aber so scharfen und prüfenden Blicke , als wolle er damit zugleich ihr ganzes Innere ergründen . Dann aber reichte er seiner Schwägerin den Arm , um sie in das obere Stockwerk hinauf zu führen , und überließ es der jungen Dame , ihnen zu folgen . Die Baronin ergoß sich in einen Strom von Redensarten und Liebenswürdigkeiten , die nur einsilbig beantwortet wurden , aber das hemmte nicht ihren Redefluß , der erst stockte , als sie den Flügel erreicht hatten , in welchem die für die Damen bestimmten Zimmer lagen . „ Das ist Ihre Wohnung , Mathilde , “ sagte der Freiherr , auf die geöffneten Räume deutend . „ Ich hoffe , daß sie nach Ihrem Geschmack ist . Diese Klingel ruft die Dienerschaft herbei . Sollten Sie irgend etwas vermissen , so bitte ich , es mir mitzutheilen . Jetzt aber möchte ich Sie allein lassen . Sie und Gabriele sind jedenfalls müde von der Reise und bedürfen der Ruhe . Bei Tische sehen wir uns wieder . “ Er ging , offenbar froh , sich der lästigen und unbequemen Pflicht des Empfanges entledigt zu haben . Kaum hatte sich die Thür hinter ihm geschlossen , als die Baronin , nachdem sie die Reiseumhüllung abgelegt , sofort begann , die Umgebung zu mustern . Die vier Zimmer waren mit großer Eleganz , sogar mit Pracht eingerichtet , das Meublement sehr reich , die Vorhänge und Teppiche von den schwersten Stoffen . Ueberall war auf die Ansprüche und Bedürfnisse vornehmen Besuchs Rücksicht genommen ; kurz , es blieb auch nicht das Geringste zu wünschen übrig , und sehr befriedigt kehrte Frau von Harder von ihrem Rundgange zurück , als sie gewahrte , daß ihre Tochter noch in Hut und Reisemantel inmitten des ersten Zimmers stand . „ Willst Du denn nicht ablegen , Gabriele ? “ fragte sie . „ Wie findest Du die Wohnung ? Gott sei Dank , endlich einmal wieder gewohnte Umgebungen , nachdem wir so lange in der Dürftigkeit unseres schweizer Exils geseufzt haben ! “ Gabriele achtete nicht auf die Worte . „ Mama , ich mag den Onkel Raven nicht . “ sagte sie plötzlich mit vollster Entschiedenheit . Der Ton war so ungewöhnlich , so ganz abweichend von der sonstigen Art der jungen Dame , daß die Mutter sie erstaunt anblickte . „ Aber Kind , Du hast ihn ja kaum gesehen . “ „ Gleichviel , ich mag ihn nicht . Er behandelt uns mit einer Gleichgültigkeit , einer Herablassung , die geradezu beleidigend ist . Ich begreife nicht , wie Du einen solchen Empfang hinnehmen konntest . “ „ Nicht doch , “ beruhigte die Baronin , „ diese Kürze und Abgemessenheit liegt nun einmal in der Art meines Schwagers . Du wirst Dich daran gewöhnen , wenn Du ihn erst näher kennen und lieben lernst . “ „ Niemals ! “ rief Gabriele heftig . „ Wie kannst Du verlangen , Mama , daß ich den Onkel Arno lieben soll ; ich habe ja immer nur Schlimmes von ihm gehört . Du sagtest , er sei ein Tyrann ohne Gleichen , Papa nannte ihn nie anders als den Emporkömmling , den Glücksritter , und doch wagtet Ihr beide niemals , ihm ein unfreundliches Wort zu sagen – “ „ Kind , um Gotteswillen schweig ’ ! “ unterbrach sie die Mutter , sich erschrocken umblickend , ob auch Niemand die verfänglichen Worte gehört habe . „ Vergißt Du denn ganz , daß wir vollständig von der Güte Deines Onkels abhängen ? Er ist unversöhnlich , wo er sich beleidigt glaubt . Du darfst ihm niemals mit einem Widerspruch entgegentreten . “ „ Weshalb hattet Ihr denn Alle so großen Respect vor ihm , wenn er nichts weiter als ein Glücksritter war ? “ fuhr Gabriele beharrlich fort . „ Warum gab ihm der Großpapa seine Tochter zur Frau ? Warum war er immer die Hauptperson in der Familie ? – ich begreife das nicht . “ „ Weiß ich es ? “ fragte die Baronin mit einem Seufzer . „ Die Macht , die diese Mann ausübt , ist mir von jeher ebenso unerklärlich gewesen , wie die Vorliebe Deines Großvaters für ihn . Er , mit seinem bürgerlichen Namen und seiner damals noch so untergeordneten Stellung , hätte den Eintritt in unsere Familie als eine hohe Gunst , als ein unverdientes Glück ansehen müssen , und er nahm es hin , als ob ihm damit nur sein Recht geschähe . Kaum hatte er in unserem Hause festen Fuß gefaßt , als er auch schon Alles beherrschte , von meiner Schwester an bis zur Dienerschaft herab , die größere Furcht vor ihm hegte , als vor ihrem Herr selber . Meinen Vater hatte er so vollständig in der Gewalt , daß nichts ohne seinen Rath und Beistand geschah , und alle Uebrigen unterdrückte er einfach . Wie es eigentlich geschah , das weiß ich nicht – genug es geschah , und wie in unserem Familienkreise , so riß er auch in der Gesellschaft und in seiner Carriere die Herrschaft an sich – es wagte Niemand ihm entgegenzutreten . “ „ Nun , mich soll er nicht unterdrücken , “ rief das junge Mädchen , das Köpfchen trotzig zurückwerfend . „ O , er dachte auch mich zu schrecken mit seinen finstern Augen , die sich so tief einbohren , als wollten sie einem die geheimsten Gedanken aus der Seele lesen , aber ich fürchte mich ganz und gar nicht davor . Wir wollen doch sehen , ob er auch mich zwingt , wie all die Anderen . “ Die Baronin erschrak ; sie fürchtete nicht mit Unrecht , ihre sehr verzogene Tochter , die der Mutter gegenüber eine unbedingte Herrschaft behauptete und überhaupt nicht gewohnt war , sich Zwang aufzuerlegen , werde auch dem Freiherrn gegenüber ihrem Eigensinne die Zügel schießen lassen . Sie erschöpfte sich daher in Bitten und Vorstellungen , aber vergebens – Fräulein Gabriele schien ein eigenes Vergnügen in dem angesprochenen Trotze gegen ihren Vormund zu finden und war durchaus nicht geneigt , die bereits eingenommene kriegerische Stellung ihm gegenüber [ 162 ] aufzugeben . Ueberdies war sie schon ungewöhnlich lange ernst gewesen und kehrte nun schleunigst zu dem alten Uebermuthe zurück . „ Mama , ich glaube , Du fürchtest Dich im vollen Ernste vor diesem Währwolf von Onkel , “ rief sie fröhlich auflachend . „ Da bin ich tapferer . Ich trete ihm gerade unter die Augen , und – verlaß Dich darauf ! – mich verschlingt er nicht . “ Das Regierungsgebäude von R. war ein ehemaliges Schloß und lange Jahre hindurch der Wohnsitz einer fürstlichen Familie gewesen . Später war es an den Staat gefallen und diente jetzt zum Sitz der Provinzialregierung und zum Aufenthalte des jeweiligen Gouverneurs . Das große , weitläuftige Gebäude lag auf einer Anhöhe , oberhalb der Stadt , und hatte sich trotz seiner jetzigen Bestimmung noch einen Theil seines mittelalterlichen Ansehens bewahrt . Die vorspringenden Thürme und Erker und die hohe , die ganze Umgebung beherrschende Lage gaben ihm etwas Malerisches . Die alten Mauern und Befestigungen waren freilich schon längst der Neuzeit gewichen , aber dafür umrauschte jetzt ein ganzer Wald prächtiger Bäume den Schloßberg , an dessen Vorderseite ein breiter , bequemer Weg in die Stadt hinunterführte . Von den Fenstern des Schlosses , das sich stolz und mächtig über die Baumwipfel emporhob , genoß man den vollen Blick über die Stadt und das ganze weite Thal , das die Berge wie mit einem Kranze umgaben . Das Hauptgebäude war ausschließlich zur Verfügung des Gouverneurs gestellt , der das obere Stockwerk bewohnte , während sich in dem unteren seine Kanzlei befand ; die beiden Seitenflügel enthielten die übrigen Bureaus und die Dienstwohnungen einzelner Beamten . Trotz dieser Einrichtung war auch dem Inneren sein alterthümlicher Charakter geblieben , der sich nicht verwischen ließ , weil er in der Bauart lag . Die gewölbten Zimmer mit ihren tiefen Thür- und Fensternischen gehörten noch dem vorigen Jahrhunderte an ; lange , düstere Bogengänge und Galerien kreuzten sich in den verschiedensten Richtungen ; hallende Steintreppen führten von einem Stockwerke in das andere , und der alte Schloßhof wie der ehemalige Schloßgarten waren noch ganz in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten . Jedenfalls war und blieb das „ Schloß “ , wie es kurzweg in der ganzen Umgegend genannt wurde , eine Zierde der Stadt . Der jetzige Gouverneur bekleidete schon seit einer ganzen Reihe von Jahren seinen Posten . Hätte man nicht gewußt , daß er der Sohn eines mittellosen , früh verstorbenen Subalternbeamten war , man würde an seiner bürgerlichen Herkunft gezweifelt haben , denn sein Auftreten und seine Art zu leben waren so durch und durch aristokratisch , wie der Eindruck seiner Persönlichkeit . Wie Raven eigentlich der Günstling des damals allmächtigen Ministers geworden war , dem er seine spätere Laufbahn verdankte , das wußte Niemand . Vermuthlich hatte der Scharfblick des Ministers in dem jungen Manne eine ungewöhnliche Begabung entdeckt . Einige wollten auch wissen , daß noch andere geheime Beweggründe dabei mitgewirkt hätten ; genug , er wurde urplötzlich zum Secretär Seiner Excellenz ernannt und hatte in dieser Eigenschaft nun freilich mehr Gelegenheit , seine Fähigkeiten zu entwickeln , als in der bisherigen untergeordneten Stellung . Der Secretär avancirte bald genug zum Vertrauten seines Chefs , der ihn bei jeder Gelegenheit bevorzugte und beförderte und ihm sogar seinen Familienkreis öffnete . Die unteren Stufen des Beamtenthums wurden rasch überwunden , und eines Tages wurden die vornehmen Kreise der Residenz mit der anfangs kaum geglaubten Nachricht überrascht , daß die älteste Tochter des Ministers sich dem jungen Ministerialrath verlobt habe . Allerdings erfolgte bald darauf dessen Erhebung in den Freiherrnstand , und damit war ihm die große Carriere geöffnet . Der Schwiegersohn des einflußreichen Mannes fand überall die Bahn frei , aber es war nicht dies allein , was ihn so schwindelnd schnell emportrug . Seine in der That glänzende Begabung schien jetzt erst ihr eigentliches Feld gefunden zu haben und zeigte sich bald in einer Weise , die jede Begünstigung von anderer Seite überflüssig machte . Schon nach wenigen Jahren fand man die „ Unbegreiflichkeit “ des Ministers , der , statt sich dieser Heirath zu widersetzen , sie begünstigt hatte , vollkommen begreiflich ; er kannte seinen Schwiegersohn ; er wußte , was von dessen Zukunft zu erwarten war , und seine Tochter spielte als Frau von Raven jedenfalls eine glänzendere Rolle , als ihre Schwester , die einen Baron von altem Adel , aber sehr unbedeutender Persönlichkeit geheirathet hatte . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 11 , S. 175 – 178 Fortsetzungsroman – Teil 3 [ 175 ] Als der Freiherr auf den wichtigen und verantwortungsreichen Posten in R. berufen wurde , fand er dort sehr schwierige Verhältnisse vor . Der Sturm , der vor einigen Jahren das ganze Land erschütterte , hatte zwar ausgetobt , aber verschiedene Anzeichen verriethen , daß er nur zurückgedrängt , nicht bewältigt worden war . In der -schen Provinz besonders gährte es noch überall , und die Provinzialhauptstadt , das große und volkreiche R. , stand an der Spitze der Opposition , die sich gegen die Regierung richtete . Verschiedene hohe Beamte , die rasch auf einander gefolgt waren , hatten es vergebens versucht , diesen Zuständen ein Ende zu machen ; es fehlte ihnen entweder die nöthige Entschiedenheit oder die nöthige Vollmacht , und sie beschränkten sich auf Vermittelungen , welche die augenblicklichen Differenzen zwar beilegten , den Zwiespalt selbst aber in seiner vollen