Mal vor dem Aeußersten bewahrt – jetzt war ich vogelfrei ! Aber ich wollte nicht wieder , und diesmal vielleicht für immer , dem Kerker verfallen , ich wollte die Meinen nicht rettungslos dem Untergange preisgeben , deshalb beschlossen wir die Flucht nach Amerika . Mein Schwager streckte mir die dazu nöthige Summe vor , vielleicht aus gutem Herzen , vielleicht auch , um den berüchtigten Demagogen , die Schande der Familie , endlich los zu werden . Es galt Vorsicht , denn schon ward eine Hetzjagd auf uns veranstaltet , durch ganz Deutschland . Verkleidet , unter fremdem Namen gelangte ich nach Hamburg , wo meine Frau mit den Kindern mich erwartete . Du warst mir während der letzten Monate geboren worden . Armes Kind , es war eine böse Stunde , in der ich Dich zum ersten Male an ’ s Herz drückte ! Mit dem ersten Kuß des Vaters fiel auch die Thräne glühenden Hasses , bitterer Verzweiflung auf Dein kleines Gesicht – ich fürchte , sie hat einen Schatten auf Dein ganzes Leben geworfen , ich habe Dich nie unbefangen froh wie andere Kinder gesehen . Wir gingen erst kurz vor der Abfahrt an Bord , getrennt , um kein Aufsehen zu erregen . Deine Mutter , Dich auf dem Arme tragend , schritt voran , ich folgte in einiger Entfernung , meinen Knaben an der Hand . Da erblickte ich unmittelbar an der Schiffstreppe ein unheilvolles Gesicht ; der Späher kannte mich , wie ich ihn ; wenn er mich erblickte , war ich verrathen . Rasch entschlossen befahl ich dem Knaben , der Mutter zu folgen , er war alt genug , und er sah sie noch vor sich – ich selbst warf mich in das dichteste Gewühl des Hafens . Eine Stunde später war der Spion verschwunden und es glückte mir , unbemerkt an Bord zu gelangen . Meine Frau , auf eine mögliche Verspätung meinerseits vorbereitet , eilt mir entgegen , ihre erste Frage ist nach dem Kinde , in wenigen schreckensvollen Worten verständigen wir uns , es ist ihr nicht gefolgt , es muß noch am Lande sein . In Todesangst eile ich zurück , ohne die drohende Gefahr zu achten , ich frage und suche den ganzen Hafen auf und nieder , Niemand hat den Knaben gesehen , Niemand vermag mir Auskunft zu geben . Daß ich damals , trotz meiner Aufregung , der Entdeckung entging , daß der Späher gerade in jener Stunde fern war , habe ich später als ein halbes Wunder ansehen lernen , in jenem Augenblick dachte ich kaum daran . Das Signal zur Abfahrt ertönte ; wenn ich blieb , war ich verloren , und Weib und Kind schwammen verlassen und hülflos auf dem weiten Ocean einem fremden Welttheil entgegen . Die Wahl war schrecklich , aber kurz ! Wie ich das Schiff betrat ohne mein Kind , wie ich die Küste schwinden sah , an der es allein zurückblieb , Allem preisgegeben – nun , die Heimath ließ mich in dem Moment , wo ich mich auf ewig von ihr losriß , noch einmal die Bitterkeit eines ganzen Lebens auskosten , er drückte das Siegel auf unser Scheiden und auf die Erinnerung . Noch am Tage der Landung in New-York schrieb ich an den Bruder meiner Frau , aber es waren bereits Wochen vergangen , ehe der Brief abging , es vergingen noch Wochen , ehe er anlangte . Mein Schwager nahm sich der Nachforschungen mit warmem Eifer und redlicher Theilnahme an , er reiste selbst nach Hamburg , er that alle möglichen Schritte – umsonst , auch nicht die kleinste Spur wurde aufgefunden , unser Kind war und blieb verschwunden . “ Forest schwieg , er athmete schwer und tief , aber Jane , in leidenschaftlicher Spannung vorgebeugt , dachte nicht daran , eine Aufregung zu hindern , die ihm gefährlich , vielleicht tödtlich werden konnte , dergleichen rücksichtsvolle Zärtlichkeiten lagen nicht in dem Verhältniß zwischen Vater und Tochter . Sie hatte ein Geheimniß zu hören , ein Vermächtniß zu empfangen , und wenn er darüber zu Grunde ging , das hielt ihn so wenig ab , das Nothwendige auszusprechen , als sie , es zu hören , es mußte nun einmal geschehen . Nach einer kurzen Pause der Erholung fuhr er wieder fort . ( Fortsetzung folgt . ) Heft 15 „ Mit diesem letzten Opfer schien das Unglück endlich erschöpft , “ fuhr Forest in seiner Erzählung fort , „ von dem ersten Schritt an , den ich auf amerikanischen Boden that , folgte mir das Gelingen . In New-York traf ich mit Atkins zusammen , den dort ein Schreiberposten nur nothdürftig nährte , er rettet mich und meine kleine Habe vor einer Bande von Schwindlern , die den Unerfahrenen schon halb in ihren Netzen hatten . Dankbar bot ich ihm an , mit mir nach dem Westen zu ziehen , er hatte nichts zu verlieren und folgte mir hierher , damals noch in die Wildniß . Wir haben die erste Axt an den Urwald gelegt , das erste Blockhaus gezimmert ; vielleicht erinnerst Du Dich noch aus Deiner frühesten Kinderzeit , daß Dein Vater selbst mit Axt und Hacke auf ’ s Feld hinausging , und die Mutter im Hause die Arbeit der Mägde that , aber es dauerte nicht lange . Unsere Colonie wuchs mächtig und schnell , der Boden , die Lage waren unendlich günstig , die Stadt entstand , der Hafen ward gebaut , die Ländereien , die ich zu einem Spottpreise gekauft , stiegen bald auf das Zwanzig- und Dreißigfache ihres früheren Wertes , Unternehmungen , zu denen ich mich mit Anderen verband , hatten einen ungeahnten Erfolg . Auch die einst so heiß ersehnte Teilnahme am öffentlichen Leben und Wirken , die Bedeutung darin , die Anerkennung dafür ward mir im reichsten Maße zu Theil , und jetzt , Jane , lasse ich Dich in einer Stellung und in Verhältnissen zurück , die es selbst einem Mr. Alison als eine Ehre erscheinen lassen , wenn er Deine Hand erringt . “ „ Ich weiß es , mein Vater ! “ Das Selbstbewußtsein in Jane ’ s Haltung trat in diesem Moment schärfer als je hervor , aber es lag kein gewöhnlicher Hochmuth darin , ihr Stolz wurzelte augenscheinlich in dem Bewußtsein , die Tochter ihres Vaters zu sein . Mit einer Anstrengung , die deutlich bewies , daß seine Kräfte im Sinken waren , eilte Forest zum Schlusse . „ Daß ich die Nachforschungen nach Deinem Bruder nicht aufgab , daß ich sie immer und immer wieder erneuerte , und später , als mir die Mittel zu Gebote standen , mit allem Aufwande von Geld und Verbindungen fortsetzte , noch jahrelang , brauche ich Dir nicht erst zu sagen . Das Resultat blieb das gleiche , ich fand schließlich Ersatz in Dir , Deine Mutter konnte den Verlust ihres Sohnes nie verschmerzen . Sie klammerte sich bis zu ihrem Ende an die Hoffnung seines Lebens , seines Wiederauftauchens , die mir längst geschwunden war , und noch auf dem Sterbebette nahm sie mir das Versprechen ab , nach ihrem Tode selbst nach Europa zu gehen , um persönlich noch einen letzten Versuch zu machen . Ich habe es ihr zugesagt , da die jüngste Amnestie den Bann gelöst hatte , der mir bis vor Kurzem noch verbot , die Heimath wieder zu betreten , und ich war eben im Begriff , die Vorbereitungen zu einer längeren Abwesenheit zu treffen , als die Krankheit mich niederwarf . Aber der letzte heiße Wunsch Deiner Mutter soll nicht unerfüllt bleiben ! Nicht , als ob ich auch nur die leiseste Hoffnung hätte , eine Spur , die sich zwanzig Jahre lang den angestrengtesten Nachforschungen entzog , könne jetzt wiedergefunden werden – Du sollst einfach eine Pflicht der Pietät erfüllen , indem Du das Versprechen einlösest , das ich nicht mehr zu halten vermochte , Du sollst einer Form genügen , indem Du Dich , ehe mein gesammtes Vermögen Dir zufällt , versicherst , daß Du in der That die einzige Erbin bist , und einzig und allein deshalb sende ich Dich nach dem Rhein . In Bezug auf die geschäftlichen Schritte , auf die zu erlassenden Aufrufe und dergleichen wird Dein Oheim Dir gern zur Seite stehen , Du sollst nur die Leitung , die Energie dazu hergeben , deren er nicht fähig ist . Unsere hiesigen Kreise wird es nicht befremden , wenn Du das Trauerjahr um Deinen Vater bei seinen Verwandten , in seiner Heimath zubringst . Wenn Alison es wünscht , so kann er am Schluß seiner europäischen Reise Deine Hand dort empfangen und mit Dir zurückkehren , indessen das überlasse ich Euch allein . Ich lege nur einzig jene Pflicht in Deine Hände , Jane , Du wirst sie erfüllen . “ Jane erhob sich und stand dem Vater aufgerichtet , mit der vollen Energie ihrer ganzen Erscheinung gegenüber . „ Wenn eine Spur meines Bruders zu finden ist , so werde ich sie finden , Vater ! Ich weiche nur der Unmöglichkeit , nimm meine Hand darauf ! “ Forest schloß ihre Hand in die seinige , auch jetzt trat das eigenthümlich Ernste in dem Verhältniß zwischen Vater und Tochter hervor , kein Kuß , keine Zärtlichkeit – ein Händedruck wie unter Männern besiegelte das gegebene und genommene Versprechen . Einige Secunden lang herrschte tiefes Schweigen , dann sagte der Kranke plötzlich mit gepreßter Stimme . „ Und jetzt ziehe die Vorhänge auf , ich kann die Dämmerung nicht mehr ertragen ! Laß das Licht herein ! “ Jane gehorchte , sie schlug die schweren grünen Damastvorhänge zurück , und durch das breite Erkerfenster strömte der volle , blendende Glanz der Mittagssonne in ’ s Zimmer . Der Kranke hatte sich aufgerichtet und blickte unverwandt hinaus in die weite Aussicht , die sich seinen Blicken darbot . Da lag die Stadt mit ihren Straßen und Plätzen , ihrem ganzen Häusermeer , der Hafen mit seinen Schiffen , da wallte der Riesenstrom hin mit seinem glänzenden Wasserspiegel und den darüber hingleitenden Booten und Dampfern , da lagen die einzelnen Landhäuser und Ortschaften nah und fern zerstreut , und weit am Horizont dehnte sich eine dichte , dunkle Masse , dehnte sich der Urwald aus , dem all dies abgerungen war von Menschenhänden . Forest blickte unbeweglich darauf hin ; ob er an die Zeit dachte , wo er hier in der Wildniß den ersten Axthieb gethan , ob er mit Stolz auf die Stadt niedersah , die hauptsächlich ihm ihr Gedeihen verdankte , oder ob es ihm wehe ward bei dem Gedanken , dies Alles verlassen zu müssen – er sank plötzlich mit einer fast convulsivischen Bewegung , in die Kissen zurück . Besorgt beugte sich Jane zu ihm nieder , aber es war kein Anfall der Krankheit , der ihn so plötzlich erfaßte . „ Wenn Du nach Deutschland kommst , so grüße mir die Heimath , den Rhein ! Hörst Du , Jane ? Grüße mir meinen Rhein ! Grüße mir Deutschland ! “ Die Worte kamen schmerzvoll gepreßt , fast unhörbar von seinen Lippen , betroffen sah Jane auf ihn nieder . „ Liebtest Du denn das einst , mein Vater ? Mich hast Du es beinahe hassen gelehrt ! “ Forest schwieg einen Moment lang , seine Lippen zuckten , und wie einem furchtbaren inneren Kampfe abgerungen , rollten zwei schwere Thränen über seine Wangen . „ Die Heimath hatte für mich nur das Elend übrig ! “ sagte er tief bewegt . „ Sie hat mich verfolgt , geknechtet , ausgestoßen , sie versagte mir selbst das Brod für mich und die Meinen . Amerika gab mir Freiheit , gab mir Reichthum und Ehre , und jetzt , Jane , gäbe ich das Alles , Alles hin – könnte ich nur am Rheine sterben ! “ Es lag ein so schneidendes Weh in diesem gewaltsamen Ausbruch eines langverhaltenen Schmerzes , daß Jane erschreckt davor zurückwich . Dies unselige Heimweh ! Die Mutter war daran gestorben , die schwache zarte Frau hatte jahrelang gekrankt und gelitten , aber der Vater , dieser stolze energische Mann , der mit der Heimath und ihren Erinnerungen so völlig gebrochen , der sich seinem Adoptivvaterland mit so voller Seele angeschlossen , und im Haß gegen die Vergangenheit versteint schien , er hatte tief im Innersten verborgen dieselbe qualvolle Sehnsucht mit sich herumgetragen , erst die Todesstunde entriß ihm das Geständniß . Jane stand stumm und völlig verständnißlos vor dieser Entdeckung , aber sie fühlte , daß hier , gerade hier dies seltsame Etwas lag , in dem Vater und Mutter , trotz alles Mißverstehens , doch stets einig gewesen waren , und daß sie gerade hierin Beiden ewig fern gestanden . Sie blickte auf den Kranken , er lag jetzt still , mit geschlossenen Augen und fest zusammengepreßten Lippen , sie wußte , daß in solchen Momenten selbst sie ihn nicht stören durfte . Leise zum Fenster gleitend ließ sie die Vorhänge wieder herab , und bald herrschte die vorige matte Dämmerung wieder im Krankenzimmer . „ Nun , das ist ja eine vielversprechende Introduction , mit der dieser hochgepriesene Rhein uns empfängt ! Ich habe dies ganze Land in den sechsunddreißig Stunden bereits gründlich satt bekommen ! Beim Landen ein Nebel , daß man die Küste nicht eher sieht , bis der Fuß darauf tritt , den Tag in Hamburg ein Regen , als wollte die Sündfluth von Neuem losbrechen , und hier am Rhein nun vollends diese Situation . Ich begreife nicht , Miß Jane , wie Sie dabei so ruhig bleiben können ! “ Die Situation , welche Mr. Atkins so in Aufregung brachte , war in der That keine beneidenswerthe . Im dichtesten Nebel und leise , aber unaufhörlich herniederrieselnden Regen lag die Extrapostchaise zur Hälfte umgestürzt mitten auf der Landstraße , die Pferde , deren Stränge bereits gelöst waren , standen mit gesenkten Häuptern davor , und im Chausseegraben , neben dem zerbrochenen Hinterrade , saß der Postillon , den Kopf mit einem Taschentuche verbunden , und stöhnend den gleichfalls verletzten Fuß mit beiden Händen haltend . Jane , die mit resignirter Miene neben ihm stand , zuckte statt aller Antwort die Achseln . „ Wir können unmöglich hier länger im Regen bleiben ! “ fuhr Atkins im vollsten Aerger fort , „ zumal Sie nicht ! So viel ich beurtheilen kann , sind die Verletzungen unseres Kutschers nicht gefährlich , und er behauptet , daß B. höchstens noch eine Stunde entfernt ist . Das Beste wäre , wir machten uns auf den Weg dorthin und schickten ihm dann die nöthige Hülfe – “ „ Nein , “ unterbrach ihn Jane ruhig , aber mit vollster Bestimmtheit . „ Er blutet noch immer und droht jeden Augenblick ohnmächtig zu werden . Wir können ihn unmöglich allein und hülflos zurücklassen , zum Mindesten müssen Sie bei ihm bleiben , während ich versuche , die nächste Ortschaft zu erreichen . “ „ Allein ? Im fremden Lande ? Bei diesem Nebel , der Sie vielleicht geradewegs in den verhexten Fluß hineinführt , den man da unten nur hört , ohne eine Spur von ihm zu sehen ? Nein , das gebe ich denn doch unter keiner Bedingung zu . “ „ Ich fürchte mich durchaus nicht ! “ erklärte Jane mit einer Entschiedenheit , welche bewies , daß sie nicht gewohnt war , sich selbst von Atkins irgendwelche Vorschriften machen zu lassen , „ und wenn ich der Landstraße folge , so ist ein Verirren unmöglich . Jedenfalls ist es das Einzige , was uns zu thun übrig bleibt . “ „ Aber , Miß Jane , so bedenken Sie doch – Wenn sich nur irgend ein menschliches Wesen zeigen wollte ! Halt , da kommt Jemand ! Auf ein Wort , Sir , wenn es Ihnen beliebt ! “ Die letzten Worte , obwohl deutsch gesprochen , mußten dem Kommenden wohl durch ihren stark englischen Accent den Ausländer verrathen haben , denn eine leise , aber wohllautende Stimme fragte im reinsten Englisch zurück : „ Was giebt es , Sir ? “ „ Gott sei gelobt , es ist ein Gentleman , er spricht englisch ! “ sagte Mr. Atkins aufathmend , und sich rasch dem Fremden nähernd , der bisher im Nebel nur halb sichtbar gewesen war , fuhr er eiligst fort : „ Wir haben einen Unfall mit dem Wagen gehabt , er ist zerbrochen , der Postillon verwundet und wir völlig fremd hier . Darf ich fragen , ob Ihr Weg Sie vielleicht nach B. führt ? “ „ Allerdings . “ „ Nun , dann bitte ich Sie , uns den ersten besten Wagen , den Sie auffinden können , herauszuschicken . Und noch Eins ! Sie haben wohl die Güte , eine junge Lady bis B. unter Ihren Schutz zu nehmen . “ Der Fremde , der bei dem ersten Verlangen sich höflich zustimmend verneigt hatte , trat bei dem letzten einen Schritt zurück , und es klang fast wie Entsetzen aus seiner Stimme , als er wiederholte : „ Eine junge Lady – soll ich – “ „ Nach der Stadt begleiten , ja , und bis zu dem Hause führen , das sie Ihnen bezeichnen wird . Miß Jane , darf ich Sie bitten , sich diesem Gentleman anzuvertrauen ? Sie können unmöglich länger hier im Regen stehen . “ Jane , die bisher ziemlich theilnahmlos der Unterredung zugehört , wandte sich jetzt zu dem Fremden , den Atkins ihr als Begleiter vorstellte . Sie blickte in ein feines , bleiches Gesicht , in ein Paar blaue , träumerische Augen , die jedoch in diesem Augenblick nur halbes Entsetzen und grenzenlose Verlegenheit verriethen ; es ward ihm auch durchaus keine Zeit gelassen , der letzteren Herr zu werden . „ Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden , “ sagte Mr. Atkins , ohne im Geringsten eine Einwilligung abzuwarten . „ Und nun würde ich Sie noch bitten , Ihren Weg möglichst zu beschleunigen , sowohl der jungen Lady wegen , als um meiner Erlösung von der Landstraße willen . Leben Sie wohl , Miß Jane , und seien Sie außer Sorge wegen des Verwundeten , er bleibt in meiner Obhut . Auf baldiges , hoffentlich trocknes Wiedersehen ! “ All diese Anordnungen wurden so schnell und geläufig , mit solcher dictatorischen Höflichkeit und solchem unwiderleglichen Commandotone gegeben , daß in der That ein Einspruch gar nicht möglich schien . Der Fremde machte auch gar keinen Versuch dazu , er ließ das Alles in vollster Bestürzung über sich ergehen und folgte mechanisch der ihm gewordenen Weisung , indem er mit einer stummen Verbeugung die junge Dame aufforderte , sich ihm anzuschließen ; in der nächsten Minute befanden sich Beide bereits auf dem Wege und waren durch eine Biegung desselben den Augen der Zurückbleibenden entzogen . Ob der Fremde mehr überrascht war von der echt amerikanischen Manier , die Dame dem ersten Besten anzuvertrauen , dem man auf der Landstraße begegnete , oder mehr erschreckt von dem ihm aufgedrungenen Ritterdienst , ließ sich schwer entscheiden ; sichtbar war nur Eins , die unendliche Verlegenheit , in die jene Zumuthung ihn versetzte und die ihn sogar von jedem Unterhaltungs- und Annäherungsversuche abzuhalten schien . Miß Forest aber faßte sein Benehmen anders auf ; sie war gewöhnt , überall , wo sie nur erschien , Gegenstand der größten Aufmerksamkeit zu sein , war überhaupt an die oft übertriebenen Rücksichten gewöhnt , welche in Amerika jede Dame selbst von dem Fremdesten beanspruchen darf , und nun zeigte sich dieser Mensch , dem Aussehen und der Sprache nach doch ein Gentleman , so wenig empfänglich für die Ehre , eine Lady begleiten zu dürfen , daß er es nicht einmal der Mühe werth hielt , ein Wort an sie zu richten . Jane streifte mit einem vollen Zornesblick den Unverschämten und preßte dann die Lippen fest aufeinander , entschlossen , nun auch ihrerseits während des ganzen Weges kein Wort zu reden . Ungefähr zehn Minuten waren sie so schweigend nebeneinander hingeschritten , als ihr Begleiter plötzlich stehen blieb und mit derselben leisen wohllautenden Stimme wie vorhin sagte : „ Die Landstraße macht einen weiten Bogen . Darf ich Sie den näheren Weg führen , den ich zu gehen pflege ? “ „ Ich habe mich Ihrer Führung anvertraut , “ gab Jane kurz und kalt zur Antwort , und mit einer zweiten stummen Verneigung lenkte er von der Chaussee ab und schlug die Richtung nach links ein . Der bezeichnete Weg mochte nun allerdings näher und für einen Mann auch zur Noth passirbar sein , für eine Dame war er aber jedenfalls nicht geeignet . Es ging über sumpfigen Boden , durch nasse Wiesen , durch tropfende Hecken , immer mitten durch die Felder und Gebüsche , nicht allein zum Nachtheil , sondern zum völligen Ruin von Jane ’ s eleganter Trauerkleidung , die allerdings für die Reise , aber jedenfalls nur für eine Reise in der Extrapostchaise berechnet war . Das leichte Mäntelchen vermochte sie so wenig zu schützen wie die feinen Stiefelchen , ihr Anzug war völlig durchnäßt , während ihr Begleiter , ganz in einen dichten wollenen Plaid gehüllt , die Witterung kaum zu empfinden schien und natürlich nicht daran dachte , ihr diesen Schutz dagegen anzubieten . Dabei schien er die Weisung Mr. Atkins ’ , den Gang möglichst zu beschleunigen , buchstäblich zu nehmen , denn er eilte in einem Schritte vorwärts , daß Jane die größte Anstrengung nöthig hatte , um an seiner Seite zu bleiben . Jede Andere hätte wahrscheinlich erklärt , daß dieser Weg und dieser Lauf über ihre Kräfte gingen . Miß Forest hatte sich nun aber einmal vorgenommen , die Stadt möglichst schnell zu erreichen , um den Zurückgebliebenen Hülfe senden zu können , und Klagen und Zögern war dabei ihre Sache nicht . Sie zog daher ihre Schuhe tapfer immer auf ’ s Neue aus dem Sumpf und Moor , der große Neigung zeigte , sie festzuhalten , setzte den Fuß energisch in das hohe feuchte Gras und riß ihren Schleier immer wieder von den Hecken los , an denen er hängen blieb ; dabei ward ihre Miene aber immer finsterer , und als es eine Viertelstunde in dieser Weise fortgegangen war , blieb sie plötzlich stehen . „ Ich muß Sie bitten , zu warten . Ich bedarf einen Augenblick der Erholung . “ Diese im schärfsten Tone gesprochenen Worte schienen ihrem Begleiter denn doch das Bewußtsein seiner Rücksichtslosigkeit wachzurufen . Er blieb stehen und blickte erschreckt auf seine Schutzbefohlene , die erschöpft und völlig athemlos am Saume einer großen Fliederhecke stand . „ Verzeihung , Miß ! Ich hatte ganz vergessen , ich – “ er stockte und fuhr dann entschuldigend fort : „ ich bin wirklich nicht gewohnt , mit Damen zu verkehren . “ Jane machte eine Bewegung , als wollte sie sagen : „ Das habe ich erfahren ! “ Ihr Begleiter schien jetzt erst den Zustand ihrer Toilette zu gewahren . „ Mein Gott , Sie sind ja ganz durchnäßt ! “ rief er besorgt , blickte dann nach oben und setzte in sichtlicher Verwirrung hinzu : „ Ich glaube , es regnet ! “ „ Ich glaube auch ! “ sagte Jane mit einer Ironie , die zum Glück dem Fremden entging , denn er blickte sich suchend um . Sie standen jetzt Beide an der Fliederhecke , die sich auf einem Erdwall erhob , welcher allerdings nach einem mehrstündigen Regen keinen besonders einladenden Ruheplatz bot , dennoch schien ihr Führer ihn dafür zu halten . Er riß mit einer hastigen Bewegung seinen Plaid von den Schultern , legte ihn sorgfältig ausgebreitet auf die feuchte Erde und lud seine Schutzbefohlene mit einer Handbewegung ein , darauf Platz zu nehmen . Jane blieb stehen und sah ihn an . Das überstieg denn doch wirklich alle Begriffe : dieser Mann hatte eine halbe Stunde lang mit der gleichgültigsten Miene von der Welt zugesehen , wie sie völlig durchnäßt ward , und jetzt warf er das Tuch , das sie während der ganzen Zeit hätte schützen können , ohne weiteres in den Schlamm , um ihr auf zwei Minuten einen Ruhesitz zu ermöglichen . Etwas Lächerlicheres und Unpraktischeres war ihr noch niemals vorgekommen , und trotzdem lag in der Bemühung eine so ängstliche Sorgfalt , eine so schüchterne Abbitte der vorherigen Rücksichtslosigkeit , daß Jane fast unwillkürlich der Einladung folgte und sich zögernd niederließ . Zum ersten Male blickte sie jetzt mit voller Aufmerksamkeit auf ihren Begleiter , der dicht neben ihr stand . Er hatte , gleichfalls erhitzt vom raschen Gange , den Hut abgenommen und strich sich das blonde regenfeuchte Haar von der hohen Stirn . Es waren edle , feine , im höchsten Grade durchgeistigte Züge , auf denen jedoch eine durchsichtige , krankhafte Blässe lag , und dazu diese großen blauen Augen mit dem seltsam träumenden Ausdruck , die da aussahen , als hätten sie so gar nichts mit der Welt und der Gegenwart zu thun , als blickten sie weit darüber hinaus in unendliche Fernen – die junge Dame mit dem kalten schönen Antlitz und dem energisch stolzen Blick beobachtete mit einem eigenthümlichen , ihr selbst unerklärlichen Interesse dies von dem ihrigen so unendlich verschiedene Gesicht . Ringsum braute der Nebel und wob seine grauen Schleier um Bäume und Gebüsche , die undeutlich , schattenhaft daraus hervorblickten , leise rieselte der Regen nieder , der erste warme Frühlingsregen , dem die ganze Erde entgegenzuathmen schien , mit einem feuchten würzigen Hauch , leise zogen durch die Luft jene seltsamen Stimmen , jenes Flüstern und Hallen , das nur der Regenlandschaft eigen ist , und durch das Nebelgeriesel tönte fern und geheimnißvoll das Wallen und Rauschen des noch immer unsichtbaren Stromes – die ganze Situation hatte etwas Fremdartiges , etwas Beklemmendes , und Jane , der diese Empfindung völlig neu war , riß sich rasch davon los . „ Ist das der Fluß dort unten ? “ fragte sie in den Nebel zeigend . „ Der Rhein ! Wir sind am Ufer desselben . “ Wieder eine Pause , Miß Forest brach ungeduldig einen Zweig von der Fliederhecke , betrachtete einen Moment lang zerstreut die aufspringenden Knospen , aus denen soeben das erste Grün hervorbrach , und warf ihn dann achtlos zu Boden . Ihr Begleiter bückte sich danach und hob ihn auf ; sie blickte ihn befremdet an . „ Es sind die ersten Frühlingsknospen , “ sagte er leise , „ ich möchte sie doch nicht im Schlamm umkommen sehen . “ Jane ’ s Lippen zuckten spöttisch . Wie sentimental ! Aber freilich , sie befand sich ja in Deutschland ! Verstimmt und fast gereizt durch den indirecten Vorwurf erhob sich die junge Dame plötzlich und erklärte völlig ausgeruht zu sein . Ihr Begleiter war sofort zum Gehen bereit , Jane warf einen halben Blick auf den noch immer am Boden liegenden Plaid , da er ihn aber gänzlich vergessen zu haben schien , so hielt sie es nicht der Mühe werth , ihn mit einem Worte daran zu erinnern . Sie schritten also vorwärts , ebenso wortlos wie vorhin , nur daß der Führer jetzt seinen Schritt mäßigte , und sich oft besorgt umsah , ob sie auch zu folgen vermöge . Wieder eine Viertelstunde war vergangen , da tauchten die Umrisse von Häusern und Thürmen aus dem Nebel auf , und der Fremde wandte sich zu seiner Schutzbefohlenen . „ Wir sind in B. Darf ich fragen , Miß , wohin ich Sie führen soll ? “ „ Nach dem Hause des Doctor Stephan . “ Er blieb überrascht stehen . „ Doctor Stephan ? “ „ Ja ! Sie kennen ihn ? “ „ Allerdings . Ich wohne in seinem Hause , und in der That , “ er fuhr nachdenkend mit der Hand über die Stirn , „ ich erinnere mich dunkel , gehört zu haben , daß man Jemand dort erwartet , eine junge Anverwandte , glaube ich . “ „ Ich werde allerdings erwartet , “ sagte Jane ungeduldig , „ und Sie würden mich verbinden , wenn Sie dies Warten meiner Verwandten möglichst abkürzen wollten . “ „ Wie Sie befehlen , Miß ! Darf ich bitten , sich rechts zu wenden , ich führe Sie den nächsten Weg durch den Garten . “ Jane folgte , aber sie fand bald genug Gelegenheit , diese „ nächsten Wege “ ihres Begleiters zu verwünschen , denn der Heckengang zwischen Gärten hindurch , den er sie jetzt führte , übertraf an Bodenlosigkeit und Beschwerlichkeit noch den vorhergehenden . Er schien das selbst zu fühlen , denn er hielt nach einer Weile plötzlich inne und sagte in sichtbarer Verlegenheit : „ Ich vergaß , daß der Weg sich nicht für eine Dame eignet . Wollen wir umkehren ? “ „ Ich meine , daß wir bereits die Hälfte zurückgelegt haben , “ gab Jane in etwas gereiztem Tone zur Antwort . „ Das Ziel kann nicht mehr weit entfernt sein . “ „ Dort hinten , das Gittertor ! “ „ Nun , dann lassen Sie uns vorwärts gehen . “ Es ging in der That noch etwa hundert Schritt vorwärts , dann aber tauchte ein völliges Hinderniß auf . Die ganze tiefer gelegene Stelle des Weges war vom Regen überschwemmt , der hier einen förmlichen See bildete und , die ganze Breite des Ganges einnehmend , nicht zu umgehen war . Der unglückliche Führer stand ratlos davor . „ Sie können unmöglich hier hindurch ! “ sagte er ängstlich . „ Ich will es versuchen ! “ antwortete Jane resignirt und setzte die Spitze ihres Fußes in das Wasser , aber er hielt sie eifrig zurück . „ Unmöglich ! Das Wasser ist fußtief ! Wenn nur – wenn Sie mir gestatten wollten