Selbst die Bergleute verriethen einiges Interesse , die , wie es hieß , junge und schöne Frau ihres künftigen Herrn kennen zu lernen . Mehr als einer zog den Ledergurt fester und drückte den Hut tiefer in die Stirn . Ulrich allein stand völlig unberührt da , ebenso starr , ebenso verächtlich wie vorhin , und warf auch nicht einmal einen Blick nach jener Seite . Aber der mit so vieler Mühe und Sorgfalt vorbereitete Empfang sollte ganz anders ausfallen , als man erwartet und gehofft hatte . Ein Schreckensruf des Schichtmeisters , der jetzt außerhalb der Ehrenpforte stand , lenkte Aller Blicke dorthin , und was sie jetzt sahen , war allerdings entsetzlich genug . [ 21 ] Die Höhe herab , über die der Weg vom Dorfe hierher führte , kam oder flog vielmehr ein Wagen , dessen Pferde augenscheinlich im Durchgehen begriffen waren . Vermuthlich durch die Böllerschüsse scheu gemacht , stürmten sie in rasendem Laufe dahin , so daß der Wagen , auf dem unebenen Wege hin- und hergeschleudert , in größter Gefahr schwebte , entweder den jähen Abhang rechts hinabzustürzen , oder an den mächtigen Bäumen links zu zerschellen . Der Kutscher schien alle Geistesgegenwart verloren zu haben , er hatte die Zügel fahren lassen , und klammerte sich in Todesangst an seinen Sitz an , und vom Hügel drüben , wo man der Bäume wegen das Unglück , das man angerichtet , nicht wahrnehmen konnte , krachte noch immer Schuß auf Schuß , und spornte die entsetzten Thiere zu immer wilderem Jagen an . Das schreckliche Ende dieser rasenden Fahrt lag nur zu deutlich vor Augen ; bei der Brücke unten kam unausbleiblich die Katastrophe . Die am Hause Versammelten thaten , was eine größere Versammlung bei solcher Gelegenheit meist zu thun pflegt . Man schrie laut auf vor Schrecken , man lief rathlos und hülflos durcheinander , die so nothwendige Hülfe wirklich zu bringen , fiel Niemandem ein . Selbst von den Grubenarbeitern hatte im Moment , auf den doch hier Alles ankam , keiner den Muth oder die Geistesgegenwart , rasch einzuschreiten . Keiner außer Einem , der allein seine Besonnenheit nicht verlor . Die Gefahr in ihrer ganzen Größe mit einem Blicke überschauen , den Vater und die Cameraden zur Seite schleudern und hinausstürzen , war für Ulrich das Werk einer Minute . In drei Sprüngen hatte er die Brücke erreicht , ein Angstschrei Martha ’ s hallte ihm nach – zu spät , er hatte sich den Pferden bereits entgegen geworfen und fiel ihnen in die Zügel . Hochauf bäumten sich die erschreckten Thiere , aber anstatt inne zu halten , setzten sie zu neuem Laufe an und wollten ihn mit sich fortreißen . Jeder Andere wäre von ihnen geschleift und zertreten worden , aber Ulrich ’ s Riesenkraft gelang es , sie zu bändigen . Ein furchtbarer Ruck am Zügel , den er nicht losgelassen , zwang das eine der Rosse zum Sturze , es fiel und riß im Fallen auch das andere mit sich nieder – der Wagen stand . Der junge Bergmann war an den Schlag getreten , in der sicheren Voraussetzung , die Insassen , zum Mindesten die Dame , in Ohnmacht zu finden . Seiner Auffassung nach war dies der gewöhnliche Zustand der Vornehmen , wenn ihnen irgend eine Gefahr nahe trat , aber nichts von alledem hier , wo , wenn irgendwo im Leben , doch wirklich einmal die Berechtigung zur Ohnmacht vorhanden war . Die junge Frau stand aufrecht im Wagen , sich mit beiden Händen krampfhaft an der Rücklehne festhaltend , ihre starren , weit geöffneten Augen waren noch auf den Abhang gerichtet , in dessen Tiefe die Fahrt wahrscheinlich in der nächsten Minute ein schreckliches Ende gefunden hätte , aber kein Laut , kein Angstschrei war über ihre festgeschlossenen Lippen gekommen . Bereit , wenn es zum Aeußersten kam , einen Sprung zu wagen , der ihr hier freilich unausbleiblichen Tod gebracht hätte , hatte sie dem Tode stumm und fest in ’ s Antlitz gesehen , und ihr Gesicht zeigte , daß sie es mit vollem Bewußtsein gethan . Ulrich hatte sie rasch umfaßt und herausgehoben , denn die am Boden sich wild aufbäumenden und schlagenden Thiere brachten den Wagen immer noch in einige Gefahr . Es waren nur wenige Secunden , während er sie über die Brücke trug , aber während dieser Secunden hefteten sich die dunkeln Augen fest auf den Mann , der sich mit solcher Todesverachtung fast unter die Hufe ihrer Pferde geworfen , und sein Blick streifte das schöne blasse Antlitz , das der Gefahr so muthig Stand gehalten – vielleicht war es dem jungen Bergmann gar zu ungewohnt , auf einmal ein weiches schillerndes Seidengewand im Arme , und sich von dem weißen luftigen Schleier umweht zu fühlen , der über seiner Schulter flatterte , ein Ausdruck der Verwirrung glitt über seine Züge , und hastig , beinahe ungestüm , setzte er die Dame drüben nieder . Eugenie zitterte noch leise , als ihre Lippen sich zu einem tiefen freien Athemzuge öffneten , das war aber auch das einzige Zeichen der überstandenen Angst . „ Ich – ich danke Ihnen ! Sehen Sie nach Herrn Berkow ! “ Ulrich , der bereits im Begriff stand , dies zu thun , hielt befremdet inne . „ Sehen Sie nach Herrn Berkow “ , sagte die junge Frau , in einem Momente , wo jede angstvoll den Namen ihres Mannes gerufen hätte , und sie sagte es sehr kühl , sehr ruhig ; eine Ahnung von dem , was die Herren an der Terrasse vorhin so ausführlich besprochen , dämmerte in dem jungen Bergmanne auf , er wandte sich um und ging nach „ Herrn Berkow “ zu sehen . Dieser bedurfte indessen seines Beistandes nicht mehr ; er war bereits allein ausgestiegen und herübergekommen . Arthur Berkow hatte auch bei dieser Katastrophe seine passiv gleichgültige Natur nicht verleugnet . Als die Gefahr so unvermuthet hereinbrach und seine junge Gattin Miene machte , aus dem Wagen zu springen , hatte er nur die Hand auf ihren Arm gelegt und leise gesagt : „ Bleib ’ sitzen , Eugenie ! Du bist verloren , wenn Du den [ 22 ] Sprung wagst ! “ Dann war kein Wort , keine Sylbe weiter zwischen ihnen gewechselt worden , aber während Eugenie aufrecht im Wagen stand , nach Hülfe ausblickend und entschlossen , im letzten Moment dennoch das Aeußerste zu wagen , verharrte Arthur unbeweglich auf seinem Platze ; nur als man sich der Brücke näherte , hatte er einen Augenblick lang die Hand über die Augen gelegt , und hätte sich wahrscheinlich mit dem Gefährt zerschellen lassen , wäre nicht gerade im entscheidenden Moment die Hülfe gekommen . Gegenwärtig stand er am Geländer der Brücke , vielleicht um einen Schein bleicher als gewöhnlich , aber ohne Zittern , ohne jede äußere Spur der Erregung ; ob er sie überhaupt nicht empfunden hatte , ob er sie bereits beherrschte – Ulrich mußte sich gestehen , daß in dieser Apathie zum Mindesten etwas Ungewöhnliches liege . Der junge Erbe hatte eben noch dem Tode in ’ s Auge gesehen und jetzt sah er ihn an , als sei ihm dieser energische Retter aus der Todesgefahr eine unfaßbare Merkwürdigkeit . Die jetzt ziemlich überflüssige Hülfe kam nun von allen Seiten herbei . Zwanzig Hände regten sich auf einmal , die gestürzten Pferde wieder aufzurichten und dem vor Schreck noch immer halb besinnungslosen Kutscher herabzuhelfen . Der ganze Schwall der Beamten drängte sich herbei und umgab das junge Ehepaar mit Bedauern , Theilnahme und Beileidsbezeigungen aller Art. Man erschöpfte sich in Fragen und Hülfsleistungen , man konnte gar nicht begreifen , wie das Unglück hatte geschehen können , und maß den Schüssen , dem Kutscher und den Pferden abwechselnd die Schuld bei . Arthur ließ das einige Minuten lang völlig passiv über sich ergehen , dann machte er eine abwehrende Bewegung . „ Nicht doch , meine Herren , ich bitte Sie ! Sie sehen ja , daß wir Beide unverletzt sind . Lassen Sie uns nur vor allen Dingen nach dem Hause gelangen . “ Er wollte seiner Gattin den Arm reichen , um sie dorthin zu führen , Eugenie aber blieb stehen und blickte umher . „ Und unser Retter ? Hoffentlich ist auch ihm nichts geschehen ? “ „ Ja so , das hätten wir beinahe vergessen ! “ sagte der Director etwas beschämt . „ Es war ja Hartmann , der die Pferde aufhielt ! Hartmann , wo sind Sie ? “ Der Gerufene antwortete nicht , aber Wilberg , der in seiner Bewunderung für die romantische That ganz seinen vorherigen Groll gegen den Thäter vergaß , rief eifrig : „ Dort drüben steht er ! “ und eilte hinüber zu dem jungen Bergmanne , der sofort zurückgetreten war , als die Herren sich herbeidrängten , und jetzt an einem der Bäume seitwärts lehnte . „ Hartmann , Sie sollen – mein Himmel , was ist Ihnen denn ? Sie sind ja todtenblaß , und wo kommt denn das Blut her ? “ Ulrich kämpfte augenscheinlich mit einem Anfalle von Bewußtlosigkeit , aber dennoch flog ein zorniges Aufleuchten über seine Züge , als der junge Beamte eine Bewegung machte , ihn zu stützen . Empört , daß man ihm so etwas wie eine Ohnmacht zutrauen könne , richtete er sich hastig auf und preßte die geballte Hand fester auf die blutende Stirn . „ Es ist gar nichts ! Eine bloße Schramme ! Wenn ich nur ein Tuch hätte . “ Wilberg war im Begriff das seinige hervorzuziehen , als plötzlich ein seidenes Gewand dicht neben ihm rauschte . Die junge Frau Berkow stand an seiner Seite und reichte , ohne ein Wort zu sprechen , ihr eigenes , mit kostbaren Spitzen besetztes Taschentuch hin . Baroneß Windeg mochte wohl noch niemals in die Lage gekommen sein , bei Verwundungen praktische Hülfe zu leisten , sonst hätte sie sich sagen müssen , daß dies winzige , reich gestickte Battisttuch wenig geeignet war , das Blut zu stillen , das , bisher noch durch das dichte blonde Haar etwas zurückgehalten , jetzt mit voller Macht hervorbrach , und Ulrich mußte das besser als sie wissen , dennoch griff er wie unwillkürlich nach dem Dargebotenen . „ Danke , gnädige Frau , aber das nützt uns nicht viel , “ sagte der Schichtmeister , der bereits neben seinem Sohne stand und den Arm um dessen Schulter legte . „ Halt ’ still , Ulrich ! “ damit zog er sein eigenes Taschentuch von derbem Leinen hervor und drückte es auf die dem Anscheine nach ziemlich tiefe Kopfwunde . „ Ist es denn gefährlich ? “ fragte Arthur Berkow , der in Begleitung der übrigen Herren jetzt auch herbeikam , in schleppendem Tone . Mit einem Rucke hatte sich Ulrich von seinem Vater losgemacht und in die Hohe gerichtet , die blauen Augen blickten finsterer als je , als er herb entgegnete : „ Ganz und gar nicht ! Es braucht sich Niemand darum zu kümmern , ich helfen mir schon allein . “ Die Worte klangen ziemlich unehrerbietig ; indessen der eben geleistete Dienst war doch zu groß , als daß man sie hätte rügen können . Uebrigens schien Herr Berkow froh zu sein , daß die Antwort ihn der Mühe überhob , sich noch weiter um die ganze Angelegenheit zu kümmern . „ Ich werde Ihnen den Arzt senden , “ sagte er in seiner matten gleichgültigen Weise , „ und den Dank behalten wir uns noch vor . Für den Augenblick ist ja Hülfe genug da – darf ich bitten , Eugenie ? “ Die junge Frau nahm den dargebotenen Arm , aber sie wandte den Kopf noch einmal zurück , wie um sich zu überzeugen , ob die nöthige Hülfe auch wirklich da sei . Es schien fast , als ob die Art , wie ihr Gemahl die Sache behandelte , nicht ihren Beifall habe . „ Unser ganzer Empfang ist verunglückt ! “ sagte Wilberg , als er sich einige Minuten später den Herren anschloß , die den Sohn ihres Chefs und dessen Gattin nach dem Hause begleiteten , ganz niedergeschlagen zu dem Ober-Ingenieur . „ Und Ihr Gedicht dazu ! “ spöttelte dieser . „ Wer denkt jetzt noch an Verse und Blumen ? Uebrigens für Jemand , der an Vorbedeutungen glaubt , war dieser erste Empfang in der neuen Heimath gerade nicht glückverheißend . Todesgefahr , Verwundung , Blut – aber das ist ja gerade eine Romantik in Ihrem Style , Wilberg . Sie können eine Ballade darüber dichten , nur müssen Sie diesmal nothgedrungen den Hartmann zum Helden nehmen . “ „ Und er ist und bleibt dennoch ein Bär ! “ rief Wilberg etwas gereizt . „ Konnte er der gnädigen Frau nicht ein Wort des Dankes sagen , als sie ihm ihr eigenes Taschentuch anbot ? und wie ungezogen war seine Antwort Herrn Berkow gegenüber ! Aber eine Riesennatur hat dieser Mensch ! Als ich ihn frage , weshalb um Gotteswillen er sich denn nicht eher verbunden hat , giebt er mir lakonisch zur Antwort , er hätte die Wunde anfangs gar nicht bemerkt . Ich bitte Sie ! Empfängt da einen Schlag am Kopfe , der Jeden von uns ohnmächtig hingestreckt hätte , und der bändigt erst noch die Pferde , trägt die gnädige Frau aus dem Wagen und merkt es nicht eher , daß er verwundet ist , als bis ihm das Blut stromweis herabstürzt ; das sollte ein Anderer aushalten ! “ Die sämmtlichen Grubenarbeiter waren inzwischen bei ihrem Cameraden zurückgeblieben ; die Art , wie der künftige Chef sich mit diesem und seinem Danke an ihn abgefunden , für den Augenblick wenigstens , schien sie arg verletzt zu haben . Man sah viel finstere Blicke , hörte manche bittere , schneidende Bemerkung , selbst der Schichtmeister zog die Stirne kraus und hatte heute ausnahmsweise kein Wort der Vertheidigung für den jungen Herrn . Er war noch immer bemüht , das Blut zu stillen , wobei ihm Martha thätige Hülfe leistete . Die Züge des Mädchens trugen einen Ausdruck so unverkennbarer Angst , daß er selbst Ulrich hätte auffallen müssen , wären seine Augen nicht nach einer ganz anderen Richtung hingewendet gewesen . Es war ein seltsam langer und finsterer Blick , mit dem er den Davonschreitenden nachschaute ; er dachte augenscheinlich an etwas ganz Anderes , als an den Schmerz seiner Wunde . Im Begriffe , einen vorläufigen Verband um die noch immer blutende Stirn zu legen , bemerkte der Schichtmeister , daß sein Sohn das Spitzentaschentuch noch in der Hand hielt . „ Das Spinngewebe , “ die Stimme des Alten klang ungewöhnlich bitter , „ das gestickte Spinngewebe hätten uns auch was Rechtes genützt ! Gieb es der Martha , Ulrich , sie kann es der gnädigen Frau wieder zurückbringen . “ Ulrich blickte auf das Tuch nieder , das weich und duftig wie ein Hauch zwischen seinen Fingern lag ; als aber Martha die Hand danach ausstreckte , hob er es rasch empor und preßte es auf die Wunde , die zarten Spitzen färbten sich blutroth . „ Aber was machst Du denn ! “ rief der Vater halb erstaunt , halb ärgerlich . „ Willst Du etwa mit dem Dinge da das zolltiefe Loch im Kopfe verbinden ? Ich dächte , wir hätten Tücher genug ! “ „ Ja so , ich dachte nicht daran ! “ entgegnete Ulrich kurz . [ 23 ] „ Laß nur , Martha , es ist ja nun doch einmal verdorben , “ damit schob er es ohne Weiteres in seine Blouse . Die Hände des Mädchens , die sich eben noch so flink gerührt , sanken auf einmal nieder und unthätig sah sie zu , wie der Schichtmeister einen nothdürftigen Verband anlegte und das Tuch festband . Dabei hefteten sich ihre Augen fest auf Ulrich ’ s Gesicht . Weshalb beeilte er sich so das kostbare Tuch unbrauchbar zu machen , wollte er es vielleicht nicht zurückgeben ? Der junge Bergmann schien übrigens wenig Talent für die Krankenrolle zu haben . Er hatte sich schon sehr ungeduldig gezeigt bei all den reichlich angebotenen Hülfsleistungen , und es bedurfte der ganzen Autorität des Vaters , um ihn zu vermögen , daß er sie sich überhaupt gefallen ließ ; jetzt aber stand er auf und erklärte entschieden , nun sei es genug , man möge ihn endlich einmal in Ruhe lassen . „ Laßt ihn , den Starrkopf ! “ sagte der Schichtmeister . „ Ihr wißt ja , es ist nichts mit ihm anzufangen ; wir wollen hören , was der Doctor sagt . – Du bist mir der rechte Held , Ulrich ! Bei der Ehrenpforte helfen , die für die neue Herrschaft gebaut wird , das geht beileibe nicht , das ist ‚ entwürdigend ‘ , aber sich vor die Pferde werfen , die mit derselben Herrschaft durchgehen , und sich gar nicht darum kümmern , daß noch ein alter Vater da ist , der nur den einen Jungen hat auf der ganzen Welt , das kannst Du . Consequenz nennt man ja das wohl in Eurer neumodischen Sprache . Nun , Ihr Anderen , da Ihr doch einmal Euerm Herrn und Meister in allen Stücken folgt – es kann wirklich nicht schaden , wenn Ihr Euch auch diesmal ein Beispiel an ihm nehmt . “ Und mit diesen Worten , denen man trotz ihres erkünstelten Grolles nur zu deutlich den Stolz auf den Sohn und die Zärtlichkeit für ihn anhörte , ergriff er Ulrich ’ s Arm und zog ihn mit sich fort . Es war gegen Abend . Die Festlichkeiten auf den Berkow ’ schen Gütern hatten , wenigstens soweit es die Theilnahme der Herrschaft daran betraf , ihr Ende erreicht . Man hatte , nachdem die gefährliche Katastrophe , welche beinahe das ganze Fest in Frage stellte , glücklich überwunden war , das ursprüngliche Programm gewissenhaft innegehalten . Jetzt endlich befand sich das junge Ehepaar , das den ganzen Nachmittag über von allen Seiten in Anspruch genommen worden war , allein in seiner Wohnung . Soeben hatte sich Herr Schäffer verabschiedet , der morgen nach der Residenz zu dem ältern Herrn Berkow zurückkehrte , und jetzt verließ auch der Diener , nachdem er den Theetisch in Ordnung gebracht , das Gemach . Die auf dem Tische brennende Lampe warf ihr klares , mildes Licht auf die hellblauen Damasttapeten und die kostbar gearbeiteten Möbel des kleinen Salons , der , wie überhaupt sämmtliche Räume des Hauses , zum Empfange der jungen Frau ganz neu und höchst prachtvoll eingerichtet , zu den Zimmern der letztern gehörte . Die seidenen Vorhänge , dicht zugezogen , schienen das Gemach von der Außenwelt völlig abzuschließen ; in den Vasen und Marmorschalen dufteten die Blumen , und auf dem Tische vor dem kleinen Ecksopha stand das silberne Theeservice bereit , es war mitten in all der Pracht doch ein Bild traulicher harmonischer Häuslichkeit . Soweit es eben den Salon betraf – die Neuvermählten schienen vorläufig den Zauber dieser Häuslichkeit noch nicht zu empfinden . Die junge Frau stand , noch im vollen Gesellschaftsanzuge , auf dem Teppich inmitten des Zimmers und hielt das Bouquet in der Hand , das Wilberg an Stelle Martha ’ s nun selbst zu überreichen das Glück gehabt hatte . Der Duft der Orangenblüthen fesselte sie sehr , so sehr , daß sie nicht die mindeste Aufmerksamkeit für ihren Gatten übrig behielt , der eine solche Aufmerksamkeit auch in der That nicht beanspruchte , denn kaum hatte sich die Thür hinter dem Diener geschlossen , so sank er mit dem Ausdrucke der Erschöpfung in einen Fauteuil . „ Dieses ewige Repräsentirenmüssen ist wirklich tödtend ! Findest Du nicht , Eugenie ? Seit gestern Mittag hat man uns kaum eine Minute Erholung gegönnt ! Erst die Trauung , dann das Diner , dann die höchst anstrengende Eisenbahn- und Extrapostfahrt , die ganze Nacht und den ganzen Vormittag hindurch , dann noch den tragischen Zwischenfall , hier wieder Empfang , Beamtenvorstellung , Diner – mein Papa scheint , als er das Programm dieser Festlichkeiten entwarf , gar nicht daran gedacht zu haben , daß wir so etwas wie Nerven besitzen . Die meinigen sind , ich gestehe es , völlig hin . “ Die junge Frau wendete den Kopf und ein sehr geringschätzender Blick glitt über den Mann hin , der bei diesem ersten traulichen Beisammensein ihr von seinen „ Nerven “ sprach . Eugenie schien nun allerdings diesen Uebelstand nicht zu kennen ; ihr schönes Gesicht verrieth auch nicht die leiseste Spur von Ermüdung . „ Hast Du Nachricht erhalten , ob die Wunde des jungen Hartmann gefährlich ist ? “ fragte sie statt aller Antwort . Arthur schien etwas befremdet , daß man von der ungewöhnlich langen Rede , zu der er sich ausnahmsweise einmal hatte fortreißen lassen , so gar keine Notiz nahm . „ Schäffer sagt , es sei nicht von Bedeutung , “ entgegnete er gleichgültig . „ Er hat , glaube ich , den Arzt gesprochen . Dabei fällt mir ein , man wird doch auf irgend eine Anerkennung für den jungen Menschen denken müssen . Ich werde den Director damit beauftragen . “ „ Solltest Du die Sache nicht lieber persönlich in die Hand nehmen ? “ „ Ich ? Nein , damit verschone mich ! Wie ich nachträglich höre , ist es nicht einmal ein gewöhnlicher Arbeiter , der Sohn , des Schichtmeisters , selbst Steiger oder so etwas ; wie kann ich da wissen , ob hier Geld oder ein Geschenk oder sonst etwas am Platze ist ! Der Director wird das ganz ausgezeichnet arrangiren . “ Er ließ den Kopf noch tiefer in die Polster zurücksinken . Eugenie erwiderte nichts ; sie ließ sich auf das Sopha nieder und stützte das Haupt in die Hand . Nach einer Pause von etwa einer Minute schien es Herrn Arthur denn doch einzufallen , daß er seiner jungen Frau einige Aufmerksamkeit schuldig sei , und daß er füglich nicht während der ganzen Theestunde so stumm in seinem Fauteuil vergraben bleiben könne ; es kostete ihn allerdings einige Anstrengung , aber er brachte das Opfer und erhob sich wirklich . An der Seite seiner Gattin Platz nehmend , erlaubte er sich , ihre Hand zu ergreifen , und ging sogar soweit , daß er versuchte , den Arm um ihre Schulter zu legen ; aber es blieb bei dem Versuche . Mit einer raschen Bewegung zog Eugenie ihre Hand aus der seinigen und rückte seitwärts . Dabei traf auch ihn wieder jener Blick , der seinem Vater gestern in der Kirche die erste Umarmung der Schwiegertochter so gründlich verleidet hatte . Es war derselbe Ausdruck eisig stolzer Abwehr , der besser als Worte sagte : „ Ich bin unnahbar für Dich und Deinesgleichen ! “ Es schien nun freilich leichter , dem Vater mit dieser vornehmen Art zu imponiren als dem Sohne , vielleicht weil dieser sich überhaupt durch nichts mehr imponiren ließ . Er sah denn auch weder bestürzt noch eingeschüchtert aus bei dieser Bewegung eines nur zu deutlich kundgegebenen Widerwillens ; nur etwas erstaunt schaute er auf . „ Ist Dir das unangenehm , Eugenie ? “ „ Ungewohnt zum Mindesten ! Du pflegtest mich bisher damit zu verschonen . “ Der junge Mann war viel zu apathisch , um die tiefe Herbheit dieser Worte zu verstehen ; er schien sie als eine Art von Vorwurf zu nehmen . „ Bisher ? Ja , die Etiquette in Deinem Vaterhause wurde etwas streng gehandhabt . Während unseres zweimonatlichen Brautstandes hatte ich nicht ein einziges Mal das Glück , Dich allein zu sehen , und die stete Gegenwart Deines Vaters oder Deiner Brüder legte uns doch einen Zwang auf , der bei diesem ersten ungestörten Alleinsein ja wohl fallen darf . “ Eugenie wich noch weiter zurück . „ Nun denn , so erkläre ich Dir bei diesem ersten Alleinsein , daß ich Zärtlichkeiten , mit denen man der Convenienz genügt , ohne daß das Herz Antheil daran hat , durchaus nicht liebe . Ich entbinde Dich ein für alle Male von der Verpflichtung dazu . “ Das Erstaunen von vorhin prägte sich diesmal etwas lebhafter in Arthur ’ s Zügen aus ; bis zu einer wirklichen Erregung kam er immer noch nicht . „ Du scheinst heute in einer eigenthümlichen Laune zu sein ! Convenienz ! Herz ! Wirklich , Eugenie , ich glaubte bei Dir gerade am wenigsten romantische Illusionen befürchten zu müssen . “ Ein Ausdruck tiefer Bitterkeit überflog die Züge der jungen Frau . „ Ich habe mit meinen Illusionen vom Leben in dem Momente abgeschlossen , wo ich Dir meine Hand zusagte . Du [ 24 ] und Dein Vater , Ihr wolltet ja nun einmal um jeden Preis Euren Namen mit dem alten edlen der Windegs verbinden , wolltet Euch damit den Eingang zu Kreisen und Ehren erzwingen , die man Euch bisher immer noch verschlossen hielt . Nun wohl , Ihr habt Euren Zweck erreicht – ich heiße Eugenie Berkow ! “ Sie legte einen unendlich verächtlichen Nachdruck auf das letzte Wort . Arthur war aufgestanden ; er schien jetzt endlich zu begreifen , daß es sich hier um mehr handelte als um eine bloße Laune seiner jungen Frau , vielleicht durch seine Vernachlässigung während der Reise hervorgerufen . „ Du scheinst diesen Namen allerdings nicht sehr zu lieben ! Ich glaubte bisher nicht , daß bei seiner Annahme ein Zwang von Seiten Deiner Familie vorgewaltet hätte ; jetzt aber scheint es mir doch – “ „ Mich hat Niemand gezwungen ! “ unterbrach ihn Eugenie fest . „ Niemand auch nur überredet . Was ich that , geschah freiwillig , mit dem vollen Bewußtsein Dessen , was ich auf mich nahm . Die Meinigen tragen es schwer genug , daß ich das Opfer für sie wurde ! “ Arthur zuckte die Achseln ; man sah es seinem Gesichte an , daß das Gespräch bereits anfing , ihn zu langweilen . „ Ich begreife nicht , wie Du eine einfache Familienübereinkunft so tragisch nehmen kannst . Wenn mein Vater dabei anderweitige Pläne verfolgte , so waren die Beweggründe des Barons wohl auch nicht romantischer Natur , nur daß die seinigen vermuthlich noch dringender zum Abschluß einer Verbindung mahnten , bei der er jedenfalls nicht der verlierende Theil war . “ Eugenie fuhr auf , ihre Augen flammten und eine heftige Bewegung ihres Armes warf das duftende Bouquet vom Tische auf den Fußboden nieder . „ Und das wagst Du mir zu sagen ? Nach dem , was Deiner Bewerbung vorherging ? Ich glaubte doch wenigstens , daß Du darüber erröthen müßtest , wenn Du dessen überhaupt noch fähig bist ! “ Die müden , halb verschleierten Augen des jungen Mannes öffneten sich plötzlich groß und weit ; es glimmte darin etwas wie ein Funken unter der Asche , aber seine Stimme behielt ihren matten gleichgültigen Ton . „ Ich muß Dich vor allen Dingen bitten , deutlicher zu sein , ich fühle mich außer Stande , diese völlig räthselhaften Worte zu verstehen . “ Eugenie kreuzte mit einer energischen Bewegung die Arme ; ihre Brust hob und senkte sich stürmisch . „ Du weißt es so gut wie ich , daß wir am Ruin standen ! Wer ihn verschuldet , darüber kann und mag ich nicht rechten . Es ist leicht , den Stein auf Den zu werfen , der mit dem Untergange ringt . Wenn man die Familiengüter verschuldet und überlastet ererbt , wenn man den Glanz eines alten Namens , eine Stellung in der Welt zu wahren , die Zukunft seiner Kinder zu sichern hat , da kann man nicht Geld auf Geld häufen , wie Ihr in Eurem bürgerlichen Erwerbe . Du hast das Gold von jeher mit vollen Händen weggeworfen , hast jeden Wunsch Dir erfüllt , jede Laune Dir gestattet ; ich habe das ganze Elend eines Lebens durchgekostet , das der Welt gegenüber Glanz heuchelt , heucheln muß , während jeder Tag , jede Stunde es dem unabwendbaren Ruin näher bringt . Vielleicht wären wir ihm dennoch entronnen , wären wir nicht gerade in die Netze Berkow ’ s gefallen , der uns anfangs seine Hülfe förmlich aufdrang , so lange aufdrang , bis er Alles in Händen hatte , bis wir , gehetzt , umgarnt , verzweifelt , keinen Ausweg mehr wußten . Da kam er und forderte meine Hand für seinen Sohn , als einzigen Preis der Rettung . Mein Vater hätte eher das Aeußerste ertragen , als mich geopfert , aber ich wollte ihn nicht geopfert , seiner Laufbahn entrissen sehen , ich wollte die Zukunft meiner Brüder nicht vernichtet , unsern Namen nicht entehrt wissen ; so gab ich denn mein Jawort . Was es mich kostete , hat keiner von den Meinen je erfahren , aber wenn ich mich verkaufte , so kann ich es verantworten vor Gott und vor mir selber ; Du , der sich zum Werkzeuge der niedrigen Pläne seines Vaters hergab , Du hast kein Recht , es mir vorzuwerfen ; meine Beweggründe waren zum Mindesten edler als die Deinigen ! “ Sie schwieg , überwältigt von der Erregung . Ihr Gatte stand noch immer unbeweglich vor ihr , sein Antlitz zeigte wieder jene leichte Blässe , die es heute Mittag gehabt , als er soeben der Gefahr entgangen war , aber die Augen waren bereits wieder verschleiert . „ Ich bedaure , daß Du mir diese Eröffnungen nicht vor unserer Trauung gemacht hast , “ sagte er langsam . „ Weshalb ? “ „ Weil Du dann nicht der Erniedrigung theilhaftig geworden wärest , Eugenie Berkow zu heißen . “ Die junge Frau schwieg . „ Ich hatte in der That keine Ahnung von diesen – Manipulationen meines