gehört . “ Die Zurechtweisung wurde sehr ruhig , aber zugleich so bestimmt gegeben , daß Lucie gar nicht einmal Miene machte , die letzten , höchst beleidigenden Worte übel zu nehmen . Halb verwundert , halb eingeschüchtert sah sie den Bruder von der Seite an , ob es ihm wohl mit der Strenge Ernst sei , aber der Blick in sein Gesicht mochte ihr nicht viel Tröstliches zeigen . Die weitere Opposition unterblieb , wenn es auch in dem Antlitz der jungen Dame deutlich geschrieben stand , daß die aufgedrungene Erzieherin gerade kein beneidenswerthes Loos haben werde , und daß der Zögling sich bereits vornahm , ihr das Leben nach Kräften schwer zu machen . Bernhard zog die Zügel plötzlich an sich , in der Biegung der Straße ward jetzt ein zweiter Wagen sichtbar , und es schien bei dem schmalen , dicht am Abhang entlang führenden Wege allerdings nicht rathsam , in dem bisherigen Tempo daran vorüberzufahren . Es war eine herrschaftliche Equipage , wohl aus der Residenz mit hergebracht ; denn für eine Fahrt in den einsamen Bergen schienen diese prachtvollen Seidenpolster , dieser wappengeschmückte Schlag und die reiche grüne und goldene Livree der Dienerschaft kaum passend . Zwei schon ältere Damen in reichster und elegantester Stadttoilette saßen darin , aber obgleich die Wagen langsam und ganz nahe aneinander vorüberfuhren , wurde doch weder ein Gruß , noch ein Zeichen des Erkennens zwischen ihren Insassen gewechselt . Die Damen sahen vornehm zur Seite und Bernhard schien seine ganze Aufmerksamkeit den Pferden zuzuwenden ; in weniger denn einer Minute war man aneinander vorbeipassirt und setzte gleichzeitig wieder zu schneller Fahrt ein . „ Bernhard , wer waren die Damen ? “ Lucie legte mit kindlicher Neugierde beide Hände auf den Arm des Bruders . „ Gräfin Rhaneck und ihre Gesellschafterin ! “ antwortete er kurz . „ Du kennst sie also ? “ „ Es sind meine nächsten Gutsnachbarn . Ich sitze in Dobra gerade eingekeilt zwischen Aristokratie und Clerus , rechts liegt Schloß Rhaneck , links das Stift mit ihren beiderseitigen Ländereien . Kaum einen Schritt kann ich aus meinem Gebiete hinausthun , ohne mit den Insassen des einen oder des anderen in Berührung zu kommen – eine beneidenswerthe Nachbarschaft ! “ „ Aber wenn Dir die Lage der Güter nicht gefiel , weshalb kauftest Du sie denn eigentlich ? “ fragte Lucie naiv . „ Weil sie für einen Spottpreis zu haben waren , und weil ich bei den dortigen Verhältnissen Erfahrungen verwerthen und Erfolge erreichen kann , die in unserm Norden mit dem zehnfachen Kostenaufwande nicht durchzuführen wären . Doch davon verstehst Du nichts ! “ brach er plötzlich kurz ab und wies mit der Hand nach links . „ Sieh Dir lieber den Waldweg dort an , er führt gleichfalls nach Dobra . “ Die junge Dame fuhr wie elektrisirt in die Höhe . „ O , wie schattig und kühl ! Laß uns ein wenig aussteigen und zu Fuße gehen , wir haben lange genug im engen Wagen gesessen ! “ „ In der Mittagsgluth ? Was fällt Dir ein , Kind ! “ „ O , ich bin so lange nicht im Walde gewesen ! Jahrelang habe ich nichts zu sehen bekommen , als nur den Stadtpark und unseren ummauerten Pensionsgarten . Bitte , bitte , Bernhard , laß mich in den Wald , nur auf eine einzige Viertelstunde ! “ Es lag eine so unverkennbare Sehnsucht in der schmeichelnden Bitte , daß der Bruder unwillkürlich nachgiebiger gestimmt ward . „ Nun , meinetwegen ! Eine Viertelstunde lang will ich Dir den Willen thun , Joseph mag bis zur Waldecke vorausfahren und uns dort erwarten . “ Er gab die Zügel dem hinter ihnen sitzenden Kutscher , stieg ab und wandte sich dann um , ihr die Hand zum Aussteigen zu bieten , aber das junge Mädchen wartete gar nicht darauf ; ohne den Wagentritt auch nur zu berühren , sprang sie mit gleichen Füßen auf den Boden nieder und flog ihm voran , dem Walde zu . [ 21 ] Es war allerdings ein schattiger und lieblicher Fußweg , den Beide jetzt einschlugen , aber für Lucie schien er nur da zu sein , um ihn in allen möglichen und unmöglichen Windungen zu umkreisen . Wie ein junges Reh , das der Gefangenschaft entflohen und der Waldesfreiheit zurückgegeben ist , so sprang sie dahin , das ging immer mitten durch Gebüsch und Haidekraut , ohne nach Weg und Steg zu fragen . Jetzt lief sie einem Schmetterlinge nach , um in der nächsten Secunde drüben auf der entgegengesetzten Seite ein Eichhörnchen aufzujagen , oder eine Blume zu pflücken . Bald hier , bald dort sah Bernhard den blauen Schleier ihres Hutes zwischen den Bäumen aufflattern , und dann wehte er wieder dicht neben ihm , wenn sie athemlos an seiner Seite kam , beide Hände voll Blumen ; dabei plauderte der kleine Mund unaufhörlich und floß über von Fragen und Neckereien , sie war zu glückselig . „ Nun aber ist ’ s genug ! “ sagte Bernhard endlich und zog ihre Arme in den seinigen . „ Jetzt bleibst Du an meiner Seite , dort drüben ist bereits der Ausgang des Waldes , wo der Wagen uns erwartet . “ „ Schon ? O laß mich nur noch einen Blick in die Schlucht dort thun , nur einen einzigen ! Ich muß durchaus wissen , wo der kleine Bach herkommt , der dort drüben plätschert ; in zwei Minuten bin ich wieder zurück . “ Und fort war sie , Bernhard sah den blauen Schleier bereits wieder drüben an der Felswand flattern und in der nächsten Minute dahinter verschwinden . „ Nun Gott sei Dank , eine geschraubte Modedame wenigstens hat die Pension nicht aus ihr gemacht ! Das ist noch ganz das Kind , das ich vor vier Jahren dorthin brachte , “ sagte er , mit dem Ausdruck tiefster Befriedigung ihr nachblickend , und blieb geduldiger , als es wohl sonst seine Art war , stehen , um ihre Rückkehr zu erwarten . Lucie hatte inzwischen die Schlucht erreicht und blickte neugierig hinein ; es war ein reizendes Stück Waldeinsamkeit , das sich hier vor ihren Blicken aufthat . Rauschend und silberhell kam der Bach von der Höhe herab und stürzte , über glatte Kiesel und moosige Steine , an dunklen Felswänden vorüber , in den Wald hinein . Darüber wölbten sich hohe Buchen und dazwischen grünte weiches Moos und rankte sich blühendes Gesträuch – es war ein Ort , so recht zum Träumen und Sinnen geschaffen , aber gerade dies lag der jungen Dame himmelweit entfernt . Ihr erster Blick galt dem Orte selbst , ihr zweiter einem Himbeerstrauch , der , in der Felswand wurzelnd , mit einer Fülle dunkelrother Beeren über den Bach hinaushing . Das sehen und einen unbezwinglichen Appetit danach verspüren , war für Lucie Eins ; vergessen war das Versprechen , sogleich zurückzukommen , vergessen das drohende Stirnrunzeln des Bruders . Ohne sich einen Augenblick zu besinnen , trat sie sofort den Weg nach der Felswand an ; daß er mitten durch den Bach ging , kümmerte sie durchaus nicht . Ihr Kleid zusammennehmend , sprang sie leicht wie eine Elfe von Stein zu Stein . Das Wasser rieselte unter ihren Füßen und durchnäßte völlig die beiden Residenzstiefelchen , die für Spaziergänge im Gießbach wohl nicht berechnet waren , aber das erhöhte nur ihr Vergnügen ; sie lachte laut auf , wenn die hellen Wassertropfen emporspritzten oder das niederhängende Gezweige ihre Stirn streifte . Der kleine Strohhut hatte sich schon beim ersten Schritt als zu lästig erwiesen , er hing am Arme und mußte einstweilen die duftende Fülle der im Walde gepflückten Blumen bergen ; die Locken , von keinem Bande mehr gehalten , wehten lose um Hals und Schultern ; dabei ging es vorwärts , über Felsgeröll , Baumwurzeln und Wassersturz , immer aufwärts , den Bach hinauf . Je schwieriger der Weg , desto größer wurde der Eifer , das junge Mädchen war nur eine Jugendlust , ein jubelnder Uebermuth , und jetzt endlich stand sie oben , hell beschienen von dem Sonnenstrahl , der durch das Laubdach drang und gerade auf das rosige Kinderantlitz fiel , mit flatternden Locken , mit glühenden Wangen und strahlenden Augen , und streckte die Hand nach dem ersehnten Gesträuche aus . Aber plötzlich ließ sie dieselbe wieder sinken und stieß einen leisen Ausruf des Schreckens aus . Drüben vom Rande der Felswand blickten ein Paar große unheimlich tiefe und dunkle Augen starr zu ihr herüber , und als sie erschreckt noch weiter zurückwich , tauchte eine Gestalt in langem schwarzem Gewande aus dem Gebüsch hervor , und stand hochaufgerichtet ihr gegenüber . Die erste Regung Luciens war , trotz der so nachdrücklich betonten sechszehn Jahre , eine ganz gründliche Gespensterfurcht , und ihre erste Bewegung ein Versuch davon zu laufen , aber schon im nächsten Augenblick siegte die Vernunft . Gespenster am hellen Mittage ! Während die Sonne so goldig durch die Buchenzweige schien und der Bach zu ihren Füßen so lustig plätscherte , als wolle er sie auslachen über ihre kindische Angst – sie nahm allen Muth zusammen und wagte einen zweiten Blick hinüber . [ 22 ] Da sah sie nun allerdings , daß es ein Mensch war , der dort drüben stand , ein Mann in langem geistlichem Talar , der bisher im Moose gelegen und von dort aus vermuthlich den ganzen Spaziergang durch den Gießbach mit angesehen hatte . Das Buch , in dem er gelesen , lag noch am Boden , er selbst aber stand mit verschränkten Armen und blickte düster und unverwandt auf sie hin . Also ein Geistlicher , der wahrscheinlich seine Predigt einstudirte , und der hatte sie so erschreckt ! Luciens ganzer Uebermuth kam zurück ; ohne sich weiter um den fremden Zuschauer zu kümmern , der ihr jetzt ganz und gar kein Interesse mehr einflößte , begann sie eine gründliche Plünderung des Himbeergesträuches und schickte sich dann an , den Weg , den sie gekommen war , wieder hinabzusteigen . Jetzt aber mußte sie bei dem Fremden vorüber , er stand noch immer wie angewachsen , ohne sich zu regen , und dabei stand er gerade auf einem der großen Steine , die den Pfad durch den Bach bildeten . Der unhöfliche Mann dachte nicht daran , auch nur einen Schritt zur Seite zu treten , trotzdem er doch sah , daß sie hinab wollte . Lucie begann sich über diese Rücksichtslosigkeit zu ärgern , sie setzte nachdrücklich ihr Füßchen in ’ s Wasser , daß es hoch aufspritzte , um ihm begreiflich zu machen , wie sehr störend ihr sein Standpunkt sei , und warf ihm einen ihrer allerungnädigsten Blicke zu . Dabei begegnete sie aber zum zweiten Male seinen Augen , die noch immer unbeweglich auf ihrem Antlitz ruhten , gerade so starr und düster wie vorhin . Es mußte doch etwas Gespensterhaftes in dem Manne sein , denn dem jungen Mädchen ward auf einmal glühend heiß unter diesem seltsamen Blick , die ganze vorige Angst kam verdoppelt zurück , sie wünschte sich weit weg in die schützende Nähe des Bruders und doch stand sie wie gefesselt von einer fremden Macht und wagte keinen Schritt vor- oder rückwärts zu thun . So vergingen in paar beängstigende Secunden , da endlich wich der unheimliche Fremde langsam zur Seite , er gab den Weg frei und wie ein gescheuchtes Reh flog Lucie an ihm vorüber , den Bach hinab , und in den Wald hinein . Hier kam ihr Bernhard , durch ihr langes Außenbleiben beunruhigt , bereits entgegen . „ Sind das etwa die gewünschten zwei Minuten ? Du scheinst wirklich – aber was hast Du denn , Kind , Du siehst ja ganz verstört aus ! “ Lucie hing sich fest an seinen Arm , jetzt , wo sie sich geschützt wußte , brach der alte Uebermuth schon wieder durch , sie warf noch einen scheuen Blick zurück nach der Schlucht , aber es zuckte bereits schelmisch um ihre Lippen , als sie antwortete : „ Ich bin dem Währwolf begegnet , von dem es in den Märchen heißt , daß er in Menschengestalt umgehe ! Drüben stand ein Mann , so finster und unheimlich , er trug einen langen schwarzen Talar – “ „ Das wird einer von den Mönchen des Stiftes gewesen sein , “ meinte Bernhard gleichgültig . „ Die Herren Benedictiner pflegen zwar sonst nicht gerade die einsamen Waldgründe aufzusuchen , wenn sie sich außerhalb des Klosters amüsiren ! – Das Ordenskleid also hat Dich so erschreckt ? “ Lucie sah zu Boden und schüttelte den Kopf . „ Nicht das Kleid , “ sagte sie leise , „ der Blick war es . Er hatte so seltsame Augen , wahre Gespensteraugen ! “ Das Spottlächeln von vorhin erschien wieder auf dem Gesicht des Bruders . „ Dein Heroismus scheint nur den Gouvernanten gegenüber zu existiren ! Noch vor einer Viertelstunde prahlst Du damit , Dein ganzes Pensionat in Schach gehalten zu haben , und jetzt läufst Du vor einem Mönchsgewand und einem Paar Mönchsaugen davon . In der That , eine rechte Heldenseele , die ich da in meiner Schwester entdecke ! “ Lucie wollte auffahren und sich eifrig gegen den Vorwurf vertheidigen , aber das Wort erstarb ihr auf den Lippen ; denn in diesem Augenblick traten sie aus dem Walde auf die Höhen hinaus , und eine prachtvolle Gebirgslandschaft rollte sich vor ihren Blicken auf . Rauschend schoß der Bergstrom durch ein weites offenes Thal , im hellsten Sonnenstrahl schimmerten Flecken , Dörfer und einzelne Gehöfte , theils am Strome , theils am Bergeshang zerstreut liegend , von nah und fern herüber , dazwischen leuchtete das sonnige Grün der Matten , die ringsum all die tiefer gelegenen Höhen umkränzten , und darüber hinaus strebten dunkle Tannenwälder höher und höher an den Bergwänden empor , bis zum Gipfel hinauf . Im Vordergrunde lag ein Schloß , eine malerische alte Bergveste , die gerade hinab zum Strom blickte , aber so kühn es sich auch auf seinem Felsen hob , und so trotzig die grauen Erker und Söller aus dem Tannengrün hervorschauten , es trat doch zurück vor dem mächtigen , schloßartigen Gebäude , das sich ihm gegenüber auf einer Anhöhe ausdehnte , von weiten Gärten umgeben , mit Mauern und Pfeilern , die wie für die Ewigkeit gegründet schienen , mit langen Fensterreihen und zwei prachtvollen Thürmen über dem Hauptportal . Die Sonnenstrahlen fielen mit vollster Kraft auf die leuchtend weißen Mauern ; vom hellsten Mittagsglanz umflossen lag die Benedictinerabtei stolz und mächtig da , weithin das Thal beherrschend , die Krone und der Mittelpunkt des ganzen herrlichen Landschaftsgemäldes , und über das alles hinaus hoben sich die riesigen Häupter des Gebirges , von blauem Duft umwoben , und ragten ernst und gewaltig hinein in die sonnige Welt . Lucie war überrascht stehen geblieben , nur ein lautes Ah der Bewunderung entfuhr ihren Lippen , dann blieb sie regungslos im Anschauen versunken , Bernhard beugte sich zu ihr nieder . „ Nun , Lucie , wirst Du hier Deine engen Residenzstraßen , Deine hohen Häuser und den ummauerten Pensionsgarten vermissen ? Ich denke nicht . “ Das junge Mädchen fuhr aus dem athemlosen Schauen auf bei dieser Anrede , sie schlang plötzlich ihre beide Arme um den Hals des Bruders und rief mit der ganzen stürmischen Freude eines Kindes : „ O , ich habe nicht gewußt , daß die Welt so schön ist ! “ Bernhard lächelte . „ Du hast freilich noch nichts davon gesehen , als nur unsere märkischen Haiden . Sieh dort hinüber , dort liegt Deine künftige Heimath , und jetzt laß uns eilen , daß wir sie endlich erreichen , es ist hohe Zeit ! “ Er hob sie in den bereits wartenden Wagen und nahm an ihrer Seite Platz , ein Druck mit dem Zügel , und die ungeduldigen Thiere griffen aus ; dahin rollten sie , dem Thale zu , hinein in die Berge . „ Ist Pater Benedict schon zurückgekehrt ? “ „ Noch nicht , Euer Gnaden ! “ „ Er soll sofort nach seiner Ankunft benachrichtigt werden , daß ich ihn zu sehen wünsche , und daß der Herr Graf Rhaneck ihn hier erwartet . “ Der Kammerdiener schloß die Thüren und entfernte sich , den soeben erhaltenen Befehl auszuführen ; die beiden Herren , welche sich im Arbeitszimmer des Prälaten befanden , blieben mit einander allein . Es war ein großes , mit fürstlicher Pracht eingerichtetes Gemach . Die schweren purpurrothen Seidenvorhänge des hohen Bogenfensters wehrten , zur Hälfte herabgelassen , den glühenden Strahlen der Mittagssonne den Eingang . An einem Tisch , der mit kostbarem Schreibgeräth , mit Briefschaften und Papieren aller Art bedeckt war , saß der Prälat im reichvergoldeten , mit dunklem Sammet überzogenen Lehnstuhl , während Graf Rhaneck von seinem Sitze ihm gegenüber aufgestanden war , und mit raschen , etwas ungeduldigen Schritten das Zimmer durchmaß . Es war nicht schwer , in den Beiden gleich beim erstens Blick zwei Brüder zu erkennen , die Aehnlichkeit zwischen ihnen trat deutlich genug hervor : dieselbe hohe , imponirende Gestalt , dieselben großen blauen Augen , derselbe Schnitt des Gesichtes , mit dem gleichen Ausdruck eines unnahbaren Stolzes . Es waren offenbar Familienzüge , die Züge eines edlen , kräftigen Geschlechts , die sich in diesen regelmäßigen Linien wiederholten , und vielleicht war sie auch unter den Rhanecks erblich , jene eigenthümliche Linie auf der Stirn , gerade zwischen den Augen , die , in ruhigen Momenten kaum sichtbar , sich bei jeder Erregung zu einer drohenden Falte vertiefte , ein Zug von Härte , ja von Grausamkeit , der , wenn er erst einmal hervortrat , das Antlitz fast entstellte und ihm einen ganz anderen Charakter lieh . Aber trotz aller Aehnlichkeit waren die Brüder doch verschieden genug von einander . Auf dem Gesicht des Prälaten lag kalte leidenschaftslose Ruhe , die Augen blickten so scharf und durchdringend , als seien sie gewohnt , Alles und Jedes , was ihnen nahte , bis in die innersten Tiefen hinein zu durchschauen und zu ergründen ; die Haltung war ernst und gemessen und das bereits [ 23 ] ergraute Haar , im Verein mit dem schwarzen Ordensgewande , ließen ihn um ein ganzes Theil älter erscheinen als den Bruder , obgleich in Wirklichkeit nicht viel mehr als ein Jahr zwischen ihnen liegen mochte . Das volle dunkelblonde Haar des Grafen dagegen zeigte nur hin und wieder einige Silberfäden , das Auge war noch voll Feuer , die Bewegungen rasch und energisch , in Gang , Haltung und Ausdruck sprach sich eine Lebhaftigkeit aus , die in früheren Jahren wohl Leidenschaftlichkeit gewesen sein mochte , und die reiche Uniform , welche einen hohen militärischen Grad kennzeichnete , hob die Erscheinung des noch immer schönen Mannes noch um ein Bedeutendes . Er wartete , bis sich die Thür hinter dem Kammerdiener geschlossen hatte , und nahm dann das vorhin unterbrochene Gespräch wieder auf . „ Du scheinst so zurückhaltend über Bruno . Giebt er Dir irgendwelchen Anlaß zur Klage , oder was ist sonst mit ihm ? “ „ Nicht doch ! “ sagte der Prälat ruhig . „ Pater Benedict fährt nach wie vor fort , sich unter all seinen Mitbrüdern auszuzeichnen . Er ist streng gewissenhaft in der Erfüllung seiner Pflichten und sehr eifrig in seinen religiösen Uebungen , nur allzusehr . “ „ Zu eifrig ? “ „ Ja , ich liebe es nicht , wenn meine jungen Mönche in diesem letzten Puncte allzu weit gehen . Diese ewigen Bet- und Bußübungen , dies fortwährende Fasten und Kasteien ist auf die Dauer nicht durchzuführen ; es muß nothwendig einen Rückschlag erzeugen , der gefährlich werden kann . “ Der Graf lächelte . „ Das mußt Du ihm zu Gute halten . Er ist nun einmal ein Schwärmer , ist es von jeher gewesen . “ „ Es taugt aber hier nicht mehr ! “ Die Stimme des Prälaten nahm unwillkürlich einige Schärfe an . „ Ich habe schon öfter damit zu kämpfen gehabt . Das kommt aus den Seminarien mit seinen Idealen von begnadigter Priesterschaft , von ascetischer Weltentsagung und gottgeweihtem Leben und findet – ein Kloster , wie es eben in unserer Zeit besteht . Die Ernüchterung kann nicht ausbleiben , und was dann ? Es will mir nicht gefallen , dies finstere , scheue Absondern von den Brüdern , dies fortwährende einsame Umherschweifen in den Wäldern , dies nächtelange Studiren und Brüten über den Büchern – “ „ Und das machst Du ihm zum Vorwurf ? “ unterbrach ihn der Graf rasch und beinahe unmuthig . „ Du , der von jeher über die geistige Indifferenz und Trägheit Deiner Mönche klagtest ! Ich begreife Dich nicht ! Gerade dieser rastlose Wissensdrang im Verein mit seiner eminenten Begabung und seinem Feuereifer , das sind die Elemente , aus denen man die Stützen der Kirche heranzieht . “ „ Oder die Apostaten ! “ „ Um Gotteswillen , Du glaubst doch nicht , daß Bruno – “ „ Nein ! “ sagte der Prälat . „ Ich wiederhole es Dir , er hat mir noch keinen Grund zum Tadel gegeben ; ich mißtraue nur dieser Richtung im Allgemeinen , und das muß anders werden , wenn er die Hoffnungen verwirklichen soll , die Du auf ihn setzest . Du schmeichelst Dir damit , in ihm dereinst meinen Nachfolger , vielleicht noch etwas Höheres zu sehen ; Talent dazu hat er genug , aber ihm fehlt der freie Ueberblick , die Berechnung . Mit Beten und Kasteien , das einer untergeordneten Mönchskutte ziemen mag , erringt man keine hervorragende Stellung in der Kirche , noch füllt man sie damit aus . Er muß hinweg über das Schülerhafte des Neophyten , wenn er empor will , und daß er das noch immer nicht kann , flößt mir Besorgniß ein ! “ Der Graf antwortete nicht , mit einem unterdrückten Seufzer trat er zum Fenster und schaute , den Vorhang zurückschiebend , hinaus in das sonnenbeschienene Thal . Der Prälat folgte der Richtung seines Blickes . „ Was sagst Du zu der neuen Nachbarschaft in Dobra ? “ fragte er , plötzlich von dem soeben verhandelten Gegenstande abbrechend . Rhaneck zuckte die Achseln . „ Ich habe nicht geglaubt , daß die Seltenow ’ schen Besitzungen in solche Hände fallen würden ! “ sagte er wegwerfend . „ Es ist immerhin ein starkes Stück von diesem norddeutschen Bauer , sich so gerade in unsere Mitte hinzusetzen , als wäre er unseres Gleichen . Man ignorirt ihn einfach . “ Sehr ruhig stand der Prälat auf und trat gleichfalls zum Fenster . „ Es ist von jeher Dein Fehler gewesen , Ottfried , die Gegner zu unterschätzen , und nichts rächt sich so schlimm wie gerade dies . Dieser Günther ist Keiner von Denen , die sich mit einem Stirnrunzeln und einem vornehmen Achselzucken abthun lassen . Man hatte allerdings die Absicht , ihn zu ignoriren ; aber er kam uns zuvor und ignorirte einfach uns . Nebenbei ist er auf dem Wege , eine Macht in der Umgegend zu werden . “ „ Warum nicht gar ! “ fuhr der Graf auf . „ Die Güter sind in Grund und Boden gewirthschaftet – er wird darauf zu Grunde gehen ! “ „ Ich fürchte , er bringt sie zu einer nie geahnten Höhe . Wo Graf Seltenow seinen Ruin fand , da findet dieser ‚ norddeutsche Bauer ‘ überall neue Hülfsquellen und deckt wahre Schatzgruben auf . Was er in dem einen Jahre schon geleistet , übersteigt alle Begriffe ; seine Einrichtungen und Verbesserungen sind großartig , noch schlimmer , sie sind praktisch . Ich habe mir eingehenden Bericht darüber erstatten lassen . Geht das so fort , dann ist es allerdings keine Prahlerei mehr , wenn er behauptet , daß die Güter nach sechs Jahren das Sechsfache ihres bisherigen Werthes haben würden . “ „ Nun , und wenn ’ s wäre , was geht das uns an ? “ Der verächtliche Ausdruck lag noch immer um den Mund des Grafen . „ Man wird dafür sorgen , daß er auf seiner Scholle bleibt . Uebrigens soll er ja , wie ich höre , ganz in seine wirthschaftlichen Angelegenheiten vertieft sein und gar nicht beabsichtigen , auf einem andern Gebiete irgend eine Rolle zu spielen . “ „ Weil er noch fremd ist . Warten wir erst ab , wenn er festen Fuß gefaßt hat . Es ist immer gefährlich , wenn ein Fremder , ein Protestant , all die Arbeitskräfte der Umgegend an sich zieht und für sie eine Autorität wird . Es gährt ohnedies hier überall ; man wird ihm gegenüber Stellung nehmen müssen . “ Der Graf hörte die letzten Worte kaum , er wandte sich hastig um , denn in diesem Moment wurde die Flügelthür von Neuem geöffnet und ein junger Mönch in der schwarzen Tracht der Benedictiner erschien auf der Schwelle . Er konnte höchstens vier- oder fünfundzwanzig Jahre alt sein , aber es lag nichts von Jugendfrische und Jugendleben in diesen Zügen , die Beides vielleicht nie gekannt hatten . Ueppiges dunkles Lockenhaar kräuselte sich um die hohe Stirn und umgab ein Antlitz , das selbst in seiner ascetischen Blässe und seinem Ausdruck finsterer Verschlossenheit noch schön zu nennen waren . Die kalte , fast eisige Haltung contrastirte seltsam mit dem düstern Feuer der großen tiefliegenden Augen , während das lange dunkle Ordensgewand den hohen Wuchs noch mehr hervortreten ließ . Er blieb schweigend , mit einer tiefen ernsten Verneigung an der Thür stehen , trotzdem er sah , daß Graf Rhaneck im Begriff stand , ihm entgegen zu gehen , und trat erst auf einen Wink des Prälaten langsam näher . „ Graf Rhaneck wünscht Sie zu sehen , deshalb ließ ich Sie rufen , Pater Benedict ! “ erklärte dieser . „ Du ziehst doch wohl vor , Deinen Schützling allein zu sprechen , Ottfried ; ich will das erste Wiedersehen nicht stören . Im Cabinet findest Du mich . “ Er grüßte leicht mit der Hand und zog sich in das anstoßende Gemach zurück , Pater Benedict neigte sich , wie vorhin , tief und unterwürfig vor seinem geistlichen Oberherrn , der Graf aber trat jetzt auf ihn zu und bot ihm die Hand . „ Wir haben uns lange nicht gesehen , ein volles Jahr lang nicht ! Muß ich jetzt auch dem hochwürdigen Herrn Pater die Ehren seines neuen Standes geben , oder ist mir noch die frühere Vertraulichkeit und der weltliche Name erlaubt ? “ Die Worte klangen freundlich und herzlich , und es war ein eigenthümlicher , halb froher halb düsterer Blick , der dabei forschend über das Antlitz des jungen Mönches glitt , aber dieser erwiderte die Begrüßung kaum , seine Hand lag kalt und still in der des Grafen , ohne dessen Druck zu erwidern , und seine Züge blieben unbeweglich , als er ablehnend sagte : „ O , ich bitte , Herr Graf ! “ Rhaneck lächelte . „ Nun , der Vormund und ehemalige Beschützer kann auch wohl noch das alte Recht in Anspruch nehmen , nicht , Bruno ? Also jetzt endlich ist das Ziel erreicht , dem Du von frühester Jugend an bestimmt wurdest , nach dem Du selbst mit allen Kräften gerungen hast . Du gehörst nun dem alten berühmten Orden an , der jedem seiner Mitglieder die Priesterwürde verleiht , zu dem ein Jeder das Wissen und den Beruf des Priesters mitbringen muß . Nicht wahr , es ist ein anderes Gefühl , als Geweihter des Herrn vom Altare auf die Menge herabzu  blicken , [ 24 ] die sich um Deinen Segen drängt , als unter ihr verloren zu knieen und zu beten ? “ Es zuckte etwas auf in den Zügen des jungen Priesters bei den letzten Worten , vielleicht zustimmende Begeisterung , vielleicht auch etwas Anderes , deuten ließ es sich nicht , denn die langen Wimpern sanken sofort nieder und verschleierten den Blick , er sah zu Boden . „ Vor allen Dingen muß ich Ihnen , Herr Graf , meinen Dank aussprechen , daß Sie mir dies Ziel ermöglichten . Nur Ihrer Güte allein verdanke ich meine Erziehung und Ausbildung , verdanke ich die Aufnahme in das Stift , die dem armen elternlosen Knaben , von niedriger Herkunft , wohl nie zu Theil geworden wäre . Ich fühle tief die Schuld – “ Ueber die Stirn Rhaneck ’ s lief eine glühende , schnell verschwindende Röthe , und hastig , beinahe ungestüm fiel er dem Redenden in ’ s Wort . „ Nicht doch , nicht doch ! Nur nichts von Dank , von Schuld und dergleichen ! Es war mein Wunsch , Dich diesem Stande gewidmet zu sehen , und ich bin überzeugt , Du wirst ihm Ehre machen . Mein Bruder stellt Dir das ehrenvollste Zeugniß aus , aber auch ihm gehst Du zu weit in Deinem rastlosen Eifer . Ich hoffte , Du würdest nach dem angestrengten Studium des Noviziats hier im Kloster endlich die Ruhe finden , deren Du so sehr bedarfst , statt dessen überarbeitest Du Dich nach wie vor , wachst ganze Nächte hindurch , gönnst Dir selbst auf Deinen Spaziergängen keine Erholung . Der Pater Prior sagte mir , als ich bei der Ankunft nach Dir fragte , Du lägest sicher wieder im nahen Walde und brütetest über irgend einem canonischen Werke , das Du mit Dir genommen . Bruno , wo soll das denn endlich hinaus ? “ Der Vorwurf klang sehr milde , aber er mußte doch irgend eine wunde Stelle berühren , bei Erwähnung des Waldes schoß plötzlich eine dunkle Gluth in dem Antlitz des jungen Mönches auf und färbte brennend heiß Stirn und Schläfe