Du wolltest nicht ? « wiederholte der Pflegevater . » Freilich , wann hättest du denn jemals etwas Vernünftiges gewollt ! Da führt uns die Reise mit diesem Freiherrn von Landes zusammen , eine höchst distinguierte Bekanntschaft ! Er ist Oberpräsident , Geheimrat , Exzellenz , und da die Tochter Künstlerin ist , so ist dir eine direkte Veranlassung zur Annäherung gegeben . Statt dessen hältst du dich in der absichtlichsten Weise fern und störst uns den ganzen freundschaftlichen Umgang . « » Verzeih , Papa « , sagte Siegbert bitter . » Es ist wohl vielmehr der Präsident , der sich fernhält . Er läßt uns den Freiherrn und die Exzellenz öfter fühlen als nötig ist , und was nun vollends diesen Conway betrifft , so streift seine Nichtachtung beinahe an Beleidigung . « Die letzten Worte wurden von den Pflegeeltern als eine Beleidigung ihrer selbst aufgefaßt . Es brach wieder ein Doppelstrom von Vorwürfen auf den jungen Mann ein , dem seine » lächerliche Empfindlichkeit « ebenso nachdrücklich vorgehalten wurde , wie seine Taktlosigkeit und sein Trotz . Siegbert hatte den letzteren längst aufgegeben und war wieder in sein müdes , mutloses Schweigen zurückgefallen . Endlich machte Fränzchen der Szene ein Ende . » Wir wollen gehen , Papa « , sagte sie übellaunig . » Ich dächte , wir wären nun lange genug Siegberts wegen in dem nassen Walde umhergelaufen . Man verdirbt sich die ganze Toilette dabei , und es ist tödlich langweilig hier in dieser Einsamkeit , wo man keinen Menschen steht . « Die Eltern fanden , daß Fränzchen wieder einmal recht habe , und die ganze Familie trat den Rückweg an . Siegbert folgte langsam den Voranschreitenden , am Rande des Waldes blieb er noch einmal stehen und blickte hinauf zu der Egidienwand . Der Adler kreiste jetzt wieder über den Felsen , frei und mächtig regte er seine Schwingen da oben im goldenen Sonnenlicht – in den Augen des jungen Mannes aber , die mit so qualvoll verzehrender Sehnsucht an jenem Fluge hingen , stand es deutlich geschrieben , was seine Lippen leise wiederholten : » Es ist etwas Hartes um die Gefangenschaft ! « Drittes Kapitel . Auf der Terrasse des großen Hotels , das den ganzen Luxus und die ganze Unruhe des Fremdenverkehrs in die stille Bergeseinsamkeit verpflanzt hatte , saßen Präsident von Landes und seine Tochter mit ihrem Gast , der verabredetermaßen gestern eingetroffen war . Es war ein alter Herr , der bereits in den Sechzigern stehen mochte , dessen ganze Erscheinung aber eine beinahe noch jugendliche Frische und Lebhaftigkeit zeigte . Das weiße Haar umgab eine hohe , schöne Stirn , ein scharf ausgeprägtes , charakteristisches Gesicht , und die großen , blauen Augen blickten noch klar und feurig , wie die eines Jünglings . Er war im lebhaften Gespräch mit den beiden andern begriffen , augenblicklich jedoch lag eine Wolke auf seiner Stirn , als er rasch und unmutig sagte : » Ich habe die Sache von Anfang an vorausgesehen . Er hat nicht hören wollen – nun mag er sein Schicksal tragen . Wir beide sind fertig miteinander ! « » Aber was hat Ihnen der junge Holm denn getan , Herr Professor , daß Sie so erbittert auf ihn sind ? « fragte Alexandrine von Landes . » Getan – nichts ! Das ist es ja eben , daß er gar nichts getan hat , wo es darauf ankam , etwas zu tun . Zwei Jahre lang habe ich ihn unter Händen gehabt und dachte , etwas aus ihm zu machen , aber gerade da , als er gelernt hatte , was in unserer Kunst überhaupt zu lernen ist , als es darauf ankam , in die Welt hinauszugehen , um mit eignen Augen zu sehen , mit eigner Kraft zu schaffen , fällt es diesem verwünschten Pflegevater ein , ihn nach Wiesenheim zurückzurufen , damit er dort sein Talent ausübe , zu Nutz und Frommen des Herrn Bürgermeisters und seiner werten Familie . Nach Wiesenheim ! diesem elenden Neste , das in irgendeinem gottverlassenen Winkel der Erde liegt , und auf keiner Landkarte zu finden ist , wohin nie ein vernünftiger Mensch gerät ! Da soll ein junger Künstler existieren , der mehr als jeder andere auf das Leben und seine Erscheinungen angewiesen ist , da soll er etwas zustande bringen ! Die Sache wäre einfach lächerlich , wenn sie nicht himmelschreiend wäre . Aber der gehorsame Sohn folgte natürlich dem Rufe . « » Dem jungen Manne blieb vermutlich keine Wahl « , meinte der Präsident . » Er ist doch wohl gänzlich von seinem Pflegevater abhängig , und wenn dieser seine Hand zurückzog – « » So war ich da ! « fiel der Professor ein . » Ich habe noch keinen meiner Schüler im Stich gelassen , und bei dem hätte ich es nun vollends gar nicht getan . Ich habe mir den Jungen damals vorgenommen und ihm Himmel und Hölle vorgestellt . Ich setzte ihm auseinander , daß er einen künstlerischen Selbstmord beginge , wenn er sich gerade jetzt , am Wendepunkt seines Lebens , den Wiesenheimern auslieferte , daß er überhaupt mit dem ganzen Philistertum brechen müsse , das ihn von frühester Jugend an am Gängelbande geführt . Ich stellte ihm die Mittel zur Verfügung zu einer Studienreise nach Italien , drang sie ihm förmlich auf , aber es war alles vergebens . Er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt , weil man ihn als armen Knaben aufgenommen und erzogen , hätte er die Verpflichtung , sich und seine ganze Zukunft ruinieren zu lassen . Ich verlor schließlich die Geduld und stellte ihm ein Entweder – Oder ! Ich sagte ihm rund heraus , daß es zwischen uns beiden aus wäre , wenn er keine Vernunft annähme . Er ging dennoch – und ist denn auch richtig mit seinem ganzen Talent zugrunde gegangen ! « » Hatte er denn wirklich Talent ? « fragte Herr von Landes zweifelnd . » Was ich bisher von seinen Arbeiten gesehen habe , schien mir nicht die Mittelmäßigkeit zu überschreiten . « » Was ich von ihm auf der letzten Ausstellung sah , war noch unter der Mittelmäßigkeit « , grollte der Professor . » Trotzdem kann ich es noch heute nicht verschmerzen , daß mir dieser Schüler verloren ging . « » Und Sie sind doch ein gestrenger Lehrer ! « sagte Alexandrine mit einem halben Seufzer . » Das habe ich erfahren , trotz der langjährigen Freundschaft , die Sie mit meinem Vater verbindet . Sie verschlossen mir erbarmungslos das Allerheiligste des Kunsttempels und verwiesen mich in den Vorhof desselben . « Der Künstler blickte auf seine schöne Schülerin , und seine Stimme gewann einen tieferen Ernst , als er entgegnete : » Danken Sie es mir , Alexandrine , daß ich Ihnen das nutzlose Ringen um einen Preis ersparte , der Ihnen nun einmal nicht beschieden ist . Sie hätten sich nie mit eitler Selbsttäuschung betrogen , wie so viele andere . Sie hätten früher oder später selbst entdeckt , daß Ihr Talent Sie nur auf den Dilettantismus verweist . Aber mit Siegbert war es etwas anderes , der trug den Funken in sich , der die Flamme im Allerheiligsten entzündet , der konnte empor , und daß trotzdem nichts aus ihm geworden ist – dafür möchte ich diesem Potentaten von Wiesenheim und seiner gesamten Bürgerschaft noch nachträglich den Hals umdrehen ! « Die beiden Zuhörer lachten laut auf bei diesem so nachdrücklich kundgegebenen Wunsche , und der Präsident fragte : » Kennen Sie den Bürgermeister Eggert persönlich ? « » Nein , und ich habe auch nicht die mindeste Lust , seine Bekanntschaft zu machen . « » Sie wird Ihnen aber schwerlich erspart bleiben . Er hat sicher Ihren Namen erfahren , und eine Berühmtheit wie Sie läßt er sich in keinem Falle entgehen . Der Herr ist etwas zudringlicher Natur ; wir haben oft Mühe , uns seiner Gesellschaft und Unterhaltung zu erwehren . « » Sein Pflegesohn ist um so zurückhaltender « , warf Alexandrine ein . » Wir sehen uns seit drei Wochen täglich , da wir in dem gleichen Hotel wohnen , aber er weicht uns bei jeder Gelegenheit aus , und ich habe kaum die allergewöhnlichsten Höflichkeitsphrasen aus seinem Munde gehört . « Die Worte klangen unmutig , fast gereizt , und eine leichte Falte , die zwischen den seinen Brauen der jungen Dame lag , ließ auf eine ziemlich ungnädige Stimmung gegen den Betreffenden schließen . Der Professor nickte bestätigend . » Ja , er war immer ein scheuer , blöder Junge , und in Wiesenheim wird er wohl auch nicht viel Lebensart gelernt haben . Aber lassen wir die Geschichte ruhen , sie hat mir damals , vor vier Jahren , Ärger genug gemacht . – Ich werde den Waldweg aufsuchen , den Sie mir so gerühmt haben , Alexandrine ; es ist gerade noch Zeit , vor Tische einen Spaziergang zu machen . « Dabei stand er auf , verabschiedete sich von den beiden und grüßte im Vorbeigehen Sir Conway , der soeben erschien und sich beeilte , den leer gewordenen Platz neben Fräulein von Landeck einzunehmen , während der Professor seine Schritte nach dem nahen Walde lenkte . Viertes Kapitel . Professor Bertold war es für diesmal nicht beschieden , die Waldeinsamkeit zu genießen , denn kaum hatte er den bezeichneten Weg aufgefunden , als ihm ein kleiner , wohlbeleibter Herr entgegenkam , der bei seinem Anblick stehen blieb und eiligst den Hut zog . » Ich habe wohl die Ehre , den berühmten Professor Bertold zu sehen , « begann er sehr geläufig , » den ersten Künstler Deutschlands , dessen Meisterwerke die ganze gebildete Welt entzücken , dessen Ruhm – « » Ich bin Professor Bertold « , unterbrach dieser kurz und trocken den Sprechenden . » Was steht zu Diensten ? « » Ich erfuhr schon gestern abend , welche Berühmtheit unser Hotel birgt , « erklärte der Bewunderer mit einer Zweiten Verbeugung , » und ich hätte mich Ihnen jedenfalls im Laufe des Tages vorgestellt . Mein Name ist Eggert , Bürgermeister von Wiesenheim . « Der Professor richtete sich mit einem plötzlichen Ruck in die Höhe und maß mit unheilverkündenden Blicken den Herrn Bürgermeister , der ganz harmlos vor ihm stand , ohne Ahnung , daß der gepriesene Künstler eben noch den dringenden Wunsch geäußert hatte , ihm den Hals umzudrehen . Er fuhr in vertraulicher Weise fort : » Mein Sohn hatte zwei Jahre lang das Glück , seine Studien unter Ihrer ausschließlichen Leitung machen zu dürfen , und ich freue mich unendlich , daß es mir nun auch vergönnt ist , den großen Meister persönlich kennen zu lernen – « » Dem Sie seinen Schüler fortgenommen haben ! « fiel ihm der große Meister ohne alle und jede Höflichkeit ins Wort . » Oh , nicht doch , verehrter Herr Professor « , protestierte Eggert . » Ich weiß , es gab damals einige Differenzen zwischen unseren Ansichten . Sie wollten , daß Siegbert seine Studien in Italien fortsetze ; Sie stimmten für Rom . « » Und Sie für Wiesenheim ! « rief Bertolt in einem Tone , der das schon in der Ferne grollende Gewitter verkündete . » Und Sie haben es auch richtig durchgesetzt , den armen Jungen in Ihrem Krähwinkel festzuhalten . « Der Bürgermeister der so schwer beleidigten Stadt nahm die Miene verletzter Würde an . » Bitte , Herr Professor , da tun Sie unserer guten Stadt unrecht . Wiesenheim bietet allerdings nicht so viel wie Rom , das gebe ich zu , aber es ist viel bedeutender , als Sie glauben . Es hat achttausendvierhundertundfünfunddreißig Einwohner , ein Kreisgericht , eine altertümliche Kirche , ein ganz neues Stadtgefängnis , das sehr stark benutzt wird – « » Und einen Bürgermeister ! « ergänzte Bertold die Aufzählung aller dieser Vortrefflichkeiten . Der genannte Herr schien das für ein Kompliment zu nehmen , denn er lächelte versöhnt . » Ich widme allerdings seit zwanzig Jahren meine besten Kräfte dem Wohle unserer Stadt , und ich kann wohl sagen , daß sie unter meiner Leitung einen ganz bedeutenden Aufschwung genommen hat . Ich versichere Ihnen , daß sich Siegbert sehr wohl dort befindet , und es fehlt ihm auch keineswegs an der nötigen Anerkennung . In unserem » Tagesboten « wird jedes seiner Bilder mit Bewunderung , ja mit Begeisterung besprochen . « » Das ist allerdings eine schwerwiegende Anerkennung . Der » Tagesbote « ist vermutlich das Hauptorgan von Wiesenheim ? « » Unser einziges Organ , aber ein ganz vorzügliches Blatt , besonders seit den letzten Monaten , wo es unter der Leitung eines neuen Redakteurs steht , eines jungen Dichters , der ein Genie ersten Ranges ist und dereinst den Heroen unserer Dichtkunst beigezählt werden wird . Das hat er uns nämlich gleich in dem ersten Artikel , den er schrieb , in überzeugender Weise auseinandergesetzt , und wir glauben es auch alle . Er zählt zu den Freunden meines Hauses und ißt alle Sonntage bei mir zu Mittag . « » Sie sind ja ein wahrer Kunstmäzen ! « spottete Bertold . » Den Maler erziehen Sie zu einer Stadtberühmtheit und dem Dichter geben Sie jeden Sonntag ein Mittagessen – eine Art Medizäer von Wiesenheim ! « Der Bürgermeister schien diesen Vergleich nur ganz in der Ordnung zu finden , denn er nickte beifällig . » Ich halte es für die Pflicht eines jeden , der mit Glücksgütern gesegnet ist , die Kunst und die Künstler zu unterstützen . Ich habe das von jeher getan , und was Siegbert betrifft , so dankt er gerade der Ruhe und Sammlung seines jetzigen Lebens die ideale Richtung , die ihm draußen im Treiben der großen Welt verloren gegangen wäre . Ja , Herr Professor , die Gemütlichkeit , der häusliche Herd , das Familienleben , das sind die wahren Musen des deutschen Künstlers ! « Er war augenscheinlich im Begriff , sich noch des weiteren und ausführlicheren über Ideale und Musen zu verbreiten , aber die Geduld des Professors war jetzt zu Ende , das lang verhaltene Gewitter kam endlich zum Ausbruch . » Sagen Sie es doch lieber gerade heraus , daß Sie dem armen Jungen die Freiheit nicht gönnten ! « fuhr er auf , » daß Sie ihn nicht aus den Händen lassen wollten , weil Sie Furcht hatten , Ihr Genie , das Sie eigens aufgezogen haben , um Staat damit zu machen , könne Ihnen verloren gehen , sobald es Leben und Freiheit gekostet . Sie wußten so gut wie ich , daß , wenn Siegbert erst einmal Ihren Wiesenheimer Musen mit der idealen Richtung den Rücken kehrte , er auch nicht wieder kam . Darum widersetzten Sie sich der Reise nach Italien , darum riefen Sie ihn aus der Residenz zurück . Sie wollten ihn zeitlebens am Gängelbande haben , zeitlebens hinter dem Ofen festhalten ; was dabei aus ihm und seiner Kunst wurde , das kümmerte Sie nicht . « Der Bürgermeister wurde dunkelrot vor Ärger und vielleicht auch vor Verlegenheit , als man ihm die Wahrheit so rücksichtslos in das Gesicht sagte . Er protestierte in sittlicher Entrüstung und erhob seine Stimme zu den höchsten Fisteltönen : » Herr Professor , Sie verkennen mich in der schmählichsten Weise . Ich habe meinen Pflegesohn aus Armut und Niedrigkeit emporgezogen , ich habe ihm die Mittel zum Studium gegeben . Ohne mich wäre er mit seinem Talente untergegangen – « » Durch Sie ist er untergegangen ! « schrie der Professor in seinem kräftigen Baß . » Freilich , es ist die Schuld des Jungen , er hat sich geduldig die Flügel binden lassen , bis er das Fliegen überhaupt verlernte . Die Energie , das Durchgreifen hat ihm von jeher gefehlt . Wäre ich an seiner Stelle gewesen , ich hätte die sogenannte Dankbarkeit zum Kuckuk gejagt , ich hätte Ihre ganze Wiesenheimer Gemütlichkeit mit oder ohne Musen über den Haufen geworfen und wäre nach Rom gegangen ! « Er warf dem armen Bürgermeister , der wie erstarrt vor dieser Grobheit stand , noch einen wütenden Blick zu , kehrte ihm dann den Rücken und stürmte davon . Eggert sah ihm aufs höchste betroffen nach , es dauerte einige Minuten , ehe er die Sprache zurückgewann , dann schüttelte er den Kopf und sagte halblaut : » Ein sehr exzentrischer Mensch , dieser Professor Bertold ! Freilich , er gilt überall für ein Original , und bei seiner großen Berühmtheit muß man ihm die Originalität hingehen lassen , aber sie kann doch bisweilen recht unangenehm werden . « Fünftes Kapitel . Der Professor ging indessen im Sturmschritt vorwärts , ohne im mindesten auf die gerühmten Schönheiten des Weges zu achten . Er sah weder rechts noch links , und so bemerkte er denn auch seinen ehemaligen Schüler nicht , der nur wenige Schritte seitwärts vom Wege im Moose lag . Siegbert hatte auch heute die unvermeidliche Begleitung und Kontrolle des Pflegevaters erdulden müssen , aber wenigstens die Erlaubnis erhalten , noch eine Stunde im Walde bleiben zu dürfen , um eine Baumgruppe zu zeichnen . Er zeichnete indessen nicht , sondern blickte träumend zu den Baumwipfeln empor , als der wuchtige Tritt Bertolds die Stille unterbrach . Der junge Mann sah auf und sprang dann jäh in die Höhe ; er schien im ersten Augenblick ganz verwirrt und fassungslos , und es vergingen einige Sekunden , ehe er sich zu einem scheuen , verlegenen Gruße aufraffte . Auch der Professor stutzte bei diesem unerwarteten Zusammentreffen , aber sein Gesicht wurde nur noch ingrimmiger . Er neigte kaum merklich den Kopf und wollte ohne ein Wort vorübergehen . Doch der kurze , scharfe Blick , mit dem er das Antlitz Siegberts streifte , mochte ihm wohl dessen tiefe , krankhafte Blässe gezeigt haben . Er blieb wie unwillkürlich stehen und sagte , allerdings in sehr kaltem Tone : » Sieh da , Herr Holm ! treffen wir wieder einmal zusammen ! « » Ich hatte Ihre Ankunft bereits erfahren « , entgegnete Siegbert leise . » Aber ich wagte nicht – ich fürchtete – « . Er brach ab , und der Professor ermutigte ihn auch nicht fortzufahren , erst nach einer sekundenlangen Pause fragte er in demselben eisigen Tone : » Wie geht es Ihnen , Herr Holm ? « Jetzt schlug Siegbert langsam die Augen auf . » Herr Professor , ich weiß , daß Sie mir noch immer zürnen . Aber , was habe ich denn so Schweres verbrochen , daß Sie mir sogar den Namen verweigern , den Sie mir doch stets gegeben haben ? « War es das Beben in dieser halbunterdrückten Stimme oder der flehende Blick der dunklen Augen , genug , der Professor empfand ein menschliches Rühren , und seine Stimme klang um einige Grade wärmer , als er sagte : » Nun , so tragisch brauchst du die Sache nicht zu nehmen . Wenn der » Herr Holm « dich gar zu sehr kränkt , so können wir ihn meinetwegen beiseite lassen . Also , wie geht es dir ? « » Mir geht es gut « , entgegnete der junge Mann matt und mit einem Ausdruck , der die Worte geradezu Lügen strafte . » Natürlich ! « höhnte Bertold . » Wie sollte es dir denn auch anders gehen in einer so bedeutenden Stadt mit achttausendvierhundertundfünfunddreißig Einwohnern , einer alten Kirche und einem neuen Stadtgefängnis , das sehr stark benutzt wird . Schade nur , daß der Herr Bürgermeister sich nicht dazu herabläßt , es einmal sechs Wochen lang persönlich zu benutzen ! « » Sie haben meinen Pflegevater gesprochen ? « fragte Siegbert . » Soeben wurde mir das Glück seiner Bekanntschaft zuteil . Wir haben übrigens nicht bloß über das Stadtgefängnis gesprochen , sondern auch über das Ideal , die Musen und die sonstigen Gemütlichkeiten deines jetzigen Lebens . Der Herr Bürgermeister behauptet , daß du dich ganz wohl darin befindest . Willst vielleicht auch du mir das ins Gesicht hinein behaupten ? « Siegbert gab keine Antwort ; der Professor schien sie auch kaum zu erwarten , denn er fuhr mit herbem Spotte fort : » Und du malst ja auch dabei . Ich habe deine Bilder auf der letzten Ausstellung gesehen – sie waren miserabel . « » Ja , Herr Professor « , sagte der junge Mann tonlos . » So , also siehst du das wenigstens ein ? Miserabel waren deine Genrebilder ! Wiesenheimer Idyllen , mit bürgermeisterlichen und stadträtlichen Physiognomien , und dabei so trocken und nüchtern gemalt , als hättest du nie einen Funken von Talent besessen ! Glaubst du denn wirklich , mit solchem Zeug irgend etwas zu erreichen ? « » Nein ! « sagte Siegbert ebenso klanglos wie vorhin , aber diese eigentümliche Zustimmung zu seinem Verdammungsurteil schien den Professor nur noch mehr zu erbittern : er ließ die angenommene Kälte gänzlich fahren . » Laß dein eintöniges Ja und Nein und gib mir Rede und Antwort ! Warum hast du denn überhaupt gemalt ? Warum hast du den Pinsel in die Hand genommen , wenn du nichts Besseres zu machen wußtest ? « » Weil ich doch irgend etwas tun mußte dafür , daß man mir Unterhalt und Erziehung gab . Das wurde gefordert , und ich hatte nicht das Recht , es zu weigern . Ich sollte und mußte malen , sollte und mußte die Ausstellung beschicken , so habe ich es denn getan , aber ich tat jeden Pinselstrich mit Widerwillen . « » Es ist auch danach geworden ! « rief der Professor und machte Anstalt , seinen ganzen Künstlerzorn über den mißratenen Schüler auszugießen ; da fiel sein Blick wieder auf das Antlitz desselben , das in seiner bleichen , starren Regungslosigkeit etwas Unheimliches hatte ; er stockte mitten in der Rede , trat dicht an den jungen Mann heran und faßte ihn bei den Schultern . » Junge , was ist aus dir geworden ! Wie siehst du aus ? Du hast ja keinen Blutstropfen mehr im Gesicht ! Habe ich es dir nicht vorher gesagt , daß sie dich zu Tode malträtieren würden ? Warum bist du nicht durchgegangen damals , als es noch Zeit war ? « » Ich konnte nicht ! Es wäre mehr als undankbar , es wäre infam gewesen , hätte ich dem Manne , dem ich alles verdanke , den Rücken gekehrt , sobald ich seiner nicht mehr bedurfte . Ich habe es ja versucht , die Trennung auf gütlichem Wege zu erreichen , es war aber unmöglich . Mir blieb nur die Wahl , jede Dankbarkeit , jede Rücksicht mit Füßen zu treten oder mich zu fügen . « » Und da hast du dich natürlich gefügt . Wie dir die Dankbarkeit und Rücksicht bekommen ist , das zeigt dein Gesicht . Du siehst mir gerade aus , als wärst du eben dabei , in aller Gemütlichkeit zugrunde zu gehen . « » Vielleicht ! « sagte Siegbert dumpf . » Wenigstens habe ich mehr als einmal überlegt , ob es nicht am besten wäre , diesem ziel- und zwecklosen Leben da unten in der Ache ein Ende zu machen . « » Dergleichen Dummheiten verbitte ich mir ! « brauste der Professor auf . » Untersteh ' dich nicht , mir nun auch noch gar mit Selbstmordgedanken zu kommen ! Du solltest dich schämen ! Ein Mensch von siebenundzwanzig Jahren , ein Künstler , der sich einst zum Höchsten berufen glaubte , und hast nicht einmal den Mut , die selbstgeschaffenen Fesseln zu zerreißen und deinem Talente freie Bahn zu schaffen ! « » Ich habe aber kein Talent ! « brach Siegbert in tiefster Bitterkeit aus , » das habe ich in diesen vier Jahren einsehen gelernt . Was gibt mir denn das Recht , die Schranken der Alltäglichkeit zu durchbrechen , wenn ich nichts leiste , was über die Alltäglichkeit hinausgeht ? Ich habe es ja oft genug versucht , aber es lag wie ein eisiger Druck auf mir , der allen Mut , allen Schaffensdrang lähmte . Sie haben mich gelehrt , von jeher den Blick auf das Höchste zu richten ; jetzt kann ich das Sehnen und Ringen danach nicht wieder los werden , und ich weiß doch , daß mir die Kraft versagt , daß ich nichts bin , und nichts sein werde . Geben Sie mich auf , Herr Professor – ich habe mich ja längst schon aufgegeben ! « » Das fällt mir gar nicht ein ! « schrie der Professor im hellen Zorn . » Denkst du , ich werde dich so ohne weiteres ins Wasser springen lassen ? Junge , ich wollte , dich packte irgendein Schicksal , eine Leidenschaft , ein Unglück meinetwegen , sei es was es wolle , damit du herausgerissen würdest aus dieser verwünschten Resignation und Selbstquälerei ! Du hattest Talent , das sage ich dir , und darauf verstehe ich mich besser als du ; aber was dir von jeher gefehlt hat , das ist das Selbstvertrauen , die Energie , die Leidenschaft , die alles an ihr Ziel setzt . Ohne diese drei ist nun einmal nichts Hohes und Großes im Leben zu erreichen . Wärst du mir damals gefolgt , hättest du dich von dem Philistertum losgerissen und dich mitten in das Leben geworfen , es wäre alles anders geworden . Übrigens sehe ich nicht ein , warum es jetzt dazu zu spät sein soll . « Siegbert schüttelte leise , aber entschieden den Kopf . » Damals glaubte ich noch an mein Talent , wie Sie daran glaubten , jetzt weiß ich , daß wir uns beide getäuscht haben . Ich habe keine von Ihren Erwartungen erfüllt , kann keine erfüllen , dazu gehört vor allem der Glaube an sich selbst – und den habe ich verloren ! « Er legte die Hand über die Augen und lehnte sich an den Stamm des Baumes . Aus dem Gesichte des Professors war aller Ingrimm verschwunden , es sprach im Gegenteil eine tiefe Angst daraus , als er die Hand auf den Arm des jungen Mannes legte und bittend , beinahe weichmütig sagte : » Siegbert , springe mir nicht in die Ache ! Siehst du – das hat wirklich noch Zeit , das kannst du ja immer noch tun , wenn es durchaus nicht anders geht , probiere es erst einmal mit dem Leben ! Du hast allerdings ein paar miserable Bilder gemalt , aber deshalb brauchst du doch nicht so ganz und gar zu verzweifeln . « Siegbert richtete sich wieder empor und versuchte , sich zu fassen . » Es ist nicht das allein , « sagte er ruhiger , » ich habe es ja so lange ertragen müssen . Aber gerade hier wurde es mir in so überwältigender Weise klar , was ich hätte erringen können , wenn ich ein Künstler geworden wäre wie Sie , und was mir nun auf ewig unerreichbar ist . « » Hier ist dir das klar geworden ? « fragte Bertold . » Also steckt dir noch irgend etwas anderes im Kopfe ? Heraus damit ! Du wirst doch vor deinem alten Lehrer keine Geheimnisse haben ? « Der junge Mann schrak zusammen , als sei er auf einem Verrat ertappt worden . » Sie sind im Irrtum « , entgegnete er mit einer fliegenden Röte . » Ich wollte nur sagen – ich meinte nur die Schönheit und Erhabenheit der Bergnatur nach unserm so eng begrenzten Leben daheim – gewiß , ich meinte nichts anderes . « Er nahm rasch , als wolle er jede weitere Erörterung abschneiden , seine Skizzenmappe vom Boden auf , und streckte noch etwas scheu und zögernd die Hand hin , die der Professor mit kräftigem Drucke ergriff . » Ich nehme das als dein Versprechen , daß du vernünftig sein und keine Dummheiten machen wirst « , sagte er ernst . » Ich bleibe noch einige Tage hier , wir haben also Zeit , die Sache zu überlegen . Und nun geh ' , mein Junge . « Siegbert ging und war bald aus dem Gesichtskreise seines alten Meisters verschwunden , der allein im Walde zurückblieb . Noch vor einer Stunde hatte Professor Bertold mit der größten Entschiedenheit erklärt , daß er mit seinem ehemaligen Schüler ein für allemal fertig sei und sich nicht mehr um ihn kümmere , und doch hatte es nur dieser Begegnung bedurft , um ihm zu zeigen , wie sehr ihm Siegbert trotz alledem an das Herz gewachsen war . Er hatte damals schwer genug den Verlust seines Lieblingsschülers ertragen , des einzigen , auf den er wirklich große und bedeutende Hoffnungen setzte , den er fast wie einen eignen Sohn liebte . Sein hitziges Temperament hatte ihn beim Abschiede fortgerissen , sich ein für allemal von dem Ungehorsamen loszusagen , aber der Zorn verrauchte bald genug , und wenn Siegbert eine erneute Annäherung versucht hätte , so wäre er schwerlich zurückgewiesen worden . Aber der junge Mann , verschüchtert und zu Boden gedrückt durch die Vorwürfe seines Lehrers , an dem er mit ganzer Seele hing , von allen Seiten gefesselt und eingeengt durch die Verhältnisse , in die er zurückkehrte , wagte diese Annäherung nicht . Er wußte ja , daß er dem diktatorischen Befehl , sich von den Pflegeeltern loszureißen , nicht nachkommen konnte und durfte . So blieb er denn in scheuer Entfernung , und er und Bertold waren sich beinahe fremd geworden , als der Zufall sie hier zusammenführte . Der Professor hatte sich auf einen Stein niedergesetzt , um sich die Sache noch einmal gründlich zu überlegen . Dabei fiel sein Blick auf ein Buch von mäßigem Umfange , das halb versteckt im Moose lag , gerade da