des armen alten Weibes ein bezaubernder Anblick . » Mama ! « rief sie abermals . » Ja , ja , Kathi , die würde es tun ; und wenn ich sie noch so viel bäte , sie würde es dennoch tun . – Kathi , sie darf es nie erfahren ; versprich es mir , schwöre es mir , Kathi ! « Sie hatte die Arme um den Hals der alten Frau gelegt , die neben ihr niedergekniet war . » Ja , ja , Frölen , wenn Sie nur ruhig werden , ich will schweigen wie das Grab . « » Nein , Kathi , schwöre es mir ordentlich ! Sage : Bei Gott ! daß du schweigen willst ! « » Nun , Frölen : bei Gott ! – Es hätt ' s auch ohne dies getan . « » Ich danke dir , alte Kathi ! Aber es war noch einer da . – War es nicht – – ? « » Ja , Frölen , es war – – « » Nein , nein , nicht seinen Namen , Kathi ! « Und sie verschloß den Mund der Alten mit ihrer kleinen kalten Hand . » Sage nur , hat er mich erkannt , kann er mich erkannt haben ? « » Ich glaube nicht , Frölen . Als Sie auf den Deich gegangen kamen , war er mit dem andern drüben auf dem Floß . Nachher war er zu weit entfernt ; auch ist er gleich zur Stadt zurückgegangen . « Das Mädchen nickte und legte sich , wie um auszuruhen , auf das harte Kissen der Ruhebank zurück , die Hände hinten um den Kopf gefaltet . Die Alte war aufgestanden . » Ich komme gleich zurück « , sagte sie ; » ich geh nur , um dem anderen Herrn zu sagen , daß das Frölen munter ist und daß wir keinen Doktor brauchen . « » Aber vergiß nicht , Kathi ! « » Nicht doch , Frölen ; ich hab es ja geschworen . « – – Als die Alte nach einiger Zeit zurückkam , fand sie ihren jungen Gast schon völlig angekleidet , eben damit beschäftigt , ein weißes Schnupftuch sich um den Kopf zu knoten . Aber die gute Alte ließ sie so nicht fort ; der Kaffee war ja noch heiß , und das Kind , da es so fror , ließ sich eine Tasse schon gefallen . » Und nun « , sagte die Alte , » wenn Frölen warten wollen , können wir gleich zusammen gehen . « Aber das Frölen wollte nicht auf dem graden Wege nach der Stadt zurück ; das Frölen wollte den weiten Umweg durch den Koog machen . Die Alte meinte zwar : » Um Gottes willen , Kind , wenn Sie so bange sind , vor dem jungen Herrn – er wird gleich von dem Floß herauskommen ; wir warten nur ein Weilchen , dann ist er lange vor uns schon zur Stadt ! « Aber das Frölen wollte doch nicht . » Nun « , sagte die Alte , » so geh ich mit Ihnen ; bei mir zu Haus wartet keiner als mein Hinz , und der wartet auch nicht , der schläft unterm Kachelofen ; – Sie können da nicht allein gehen , über all die Stege und durch all das Viehzeug hindurch . « Aber das Frölen wollte auch das nicht ; sie wollte eben ganz allein gehen . » Kathi , alte Kathi ! « sagte sie und streichelte mit ihrer kleinen Hand die runzeligen Wangen der alten Frau ; » die Küh ' und Ochsen tun mir nichts . Siehst du , ich bin ja ganz in Weiß ; kein Läppchen Rot an mir ! « Und sie schlug mit beiden Händen das luftige Sommerkleid zurück . » Da ist ja festes Land ; ich laufe rasch hindurch ; dann schlüpf ich hinten in unseren Garten , und – siehst du , niemand hat mich gesehen , als du , alte Kathi ; und du – du hast geschworen ! « Die Alte schüttelte den Kopf . Aber schon war sie zur Tür hinaus , und wie ein scheuer Vogel flog sie die Grasdecke des Deiches hinan und ebenso an der Binnenseite wieder hinunter . Einen Augenblick stand sie still , als sei sie hier geborgen ; aber der alte Mutwille , der der Alten gegenüber noch eben auf ihrem Antlitz gespielt hatte , war ganz verschwunden . Als das sinnende Köpfchen sich von der Brust emporhob , blickten die großen Augen fast mehr als ernst über die grüne Marschniederung , die sich unabsehbar ihr zur Seite dehnte . Es war nicht viel zu sehen dort ; zwischen den blinkenden Wassergräben , die auf eine Strecke hinaus ihrem Auge sichtbar blieben , ragte nichts aus der ungeheuren Fläche , als die zerstreut auf ihr weidenden Rinder und die niedrigen Heckpforten , welche von einer Fenne zu der andern führten ; sie kannte das alles , sie hatte es oft gesehen . Und jetzt ging sie , die Stadt im Rücken lassend , auf dem schmalen Wege weiter , der zwischen den zu ihrer Rechten sich hinziehenden Gräben und dem hohen Deiche entlangführte . Da der Wind aus Nordwest kam , so war sie demselben hier noch mehr als an der Seeseite des Deiches ausgesetzt . Einmal wurde der Strohhut , den sie auch jetzt in der Hand trug , ihr entrissen und gegen den Deich geschleudert ; ein paarmal mußte sie stehenbleiben , um das flatternde Tuch sich fester unter das Kinn zu knüpfen . Dann blickte sie ängstlich hinter sich zurück , aber kein Mensch war zu sehen ; nur ihr zu Häupten schoß mitunter ein Strandvogel von draußen in das Land hinein , oder ein Kiebitz flog schreiend aus dem Kooge auf . Und jetzt legte sich ein dunkles Wasser vor ihren Weg ; vor Hunderten von Jahren hatte die Flut den Deich durchbrochen und hier sich eingewühlt . Aber der Deich , wie er gegenwärtig lag , war vor dem Rand der Wehle zurückgetreten ; das Wasser spritzte auf den Weg , als das Mädchen daran vorübereilte ; zwei graue Tauchenten , die inmitten der schwarzen Tiefe sich auf den Wellen schaukeln ließen , verschwanden lautlos unter der Oberfläche . Hinter der Wehle machte der Deich gegen Westen einen Bogen , und bald führte von hier aus ein schmaler grasbewachsener Weg zwischen Gräben in den Koog hinein . Als das Mädchen das Ende desselben erreicht hatte , von wo aus es nur noch von Heck zu Heck über die Fennen zur Stadt hinaufging , gewahrte sie unten am Ausgang des Deiches die Gestalt eines Mannes ; fern , fast nur wie einen Schatten . Wie von einem jähen Schreck fuhr sie zusammen ; ihr Fuß , der schon den Brettersteg am Heck betreten hatte , zuckte zurück , während ihre Arme wie zum Halt sich um den Heckpfahl schlangen . Gleich einem vom Sturm geworfenen Vogel hing sie an dem morschen Holze ; ihre Lippen waren regungslos geöffnet , nur ihre dunklen Augen waren lebendig , sie folgten wie gebannt dem fernen Schatten , wie er mehr und mehr auf dem Hintergrunde der Stadt verschwand . Einen Laut , so leise wie das Springen einer Knospe , verwehte der Wind von den jungen Lippen in die leere Luft ; dann schwang sie sich über den Steg und ging wie träumend weiter . Mitunter kamen die Rinder erhobenen Schweifes auf sie zugerannt ; aber sie sah es nicht , und die Tiere standen und glotzten sie mit ihren dummen Augen an , bis sie vorüber war . – Drüben auf dem Deiche stand , unbeachtet von den jungen Augen , noch eine andere Gestalt und hob sich wie eine riesige Silhouette von dem hellen Mittagshimmel ab ; es war eine weibliche , die nach oben zu in einem ungeheuren Hute abschloß , wie ihn die Damenwelt vor etwa dreißig Jahren trug . Dieser Hut stand so lange am Himmel , bis drunten aus dem Kooge das weiße Kleid verschwunden war . Es war inzwischen Winter geworden . – Der erste Streifen des Dezember-Morgenrotes stand am Himmel und warf seinen Schein in die Dämmerung einer Künstlerwerkstatt . Abgüsse antiker Bilderwerke und einzelne Modelle von des Künstlers eigener Hand standen überall umher ; an der einen Wand hingen Reliefstücke eines Bacchuszuges , an der anderen von den inneren Friesen des Parthenon ; aber alles warf noch tiefe Schatten , nur einem Flöte spielenden Faun waren von dem jungen Licht des Morgens die Wangen rosig angehaucht . In der Ecke rechts vom Eingange ragte , aus dunklem Ton geformt , die übermenschliche Gestalt einer nordischen Walküre aus der dort noch herrschenden Dämmerung hervor ; aber nur der obere Teil mit dem einen Arm , den sie dräuend in die Luft erhob , war vollendet ; nach unten zu war noch die ungestalte Masse des Tons , als wäre die Gestalt aus rauhem Fels emporgewachsen . Es mochte die furchtbare Brunhilde selber sein , die hier finsteren Auges auf die heiteren Griechenbilder herabsah . – – Von draußen drehte sich ein Schlüssel in der Eingangstür . Der Künstler selbst war es , der jetzt in seine Werkstatt trat , ein schlanker , jugendlicher Mann mit grauen , hell blickenden Augen und dunklem Lockenkopf . Doch weder fremde , noch eigene Gebilde schienen heute seinen Blick zu reizen ; achtlos ging er an ihnen vorüber und griff wie mit sehnsüchtiger Hast nach einem offenen Briefe , der auf der Scheibe eines Modellierblockes lag ; dann warf er sich in einen danebenstehenden Sessel und begann zu lesen . Aber nur an einer bestimmten Stelle des Briefes , die er gestern schon mehr als einmal gelesen hatte , hafteten seine Augen . » Du traust es mir wohl zu , Franz « – so las er heute wieder – , » daß ich unseren beschworenen Vertrag gehalten habe . Weder einem profanen , noch einem heiligen Ohre habe ich Deine Tat verraten ; gewissenhaft habe ich jede Begierde zur Nachforschung über Person und Namen Deiner Geretteten in mir ertötet ; ja selbst , als eines Tages das Geheimnis mir so nahe schien , daß ich nur einen Gartenzaun auseinander zu biegen brauchte , bin ich , wenn auch zögernd , mit katonischer Strenge vorübergegangen . – Auch auf der andern Seite ist alles stumm geblieben , und selbst unserer alten Badehexe muß durch irgendwelche Zauberkraft der Mund wie mit sieben Siegeln verschlossen sein . – Und dennoch , ohne mein Zutun beginnt der Schleier sich vor mir zu heben . Es gibt eine sehr junge Dame in unserer Stadt , kühn wie ein Knabe und zart wie ein Schmetterling . Obgleich sie erst mit den letzten Veilchen aus der Schulstube ans Tageslicht gekommen ist , so mag doch schon so mancher junge Gesell in schwüler Sommernacht davon geträumt haben , sie winters im geschlossenen Ballsaal an den Flügeln zu haschen ; und ich will ehrlich sein – und zürne mir nicht – , zu diesen kühnen Träumern habe auch ich gehört . Die alte Bürgermeisterin – mir ist das zufällig zu Ohren gekommen – , die eine Art von Götzendienst mit diesem Kinde treibt , hatte mit vorausberechnender Kunst eine weiße Kamelie für sie gezogen , und das Glück war diesmal günstig gewesen , eben am Tage vor dem Balle war sie aufgeblüht . – Aber weder die Kamelie , noch das blonde Götterkind selbst erschienen bei dem Feste ; keine silbernen Füßchen berührten den Boden , nur die Alltagsmenschenkinder mit erhitzten Gesichtern flogen , keines Künstlerauges würdig , durcheinander . Und so ist es fortgegangen . Auch auf dem gestrigen Balle blieb alles dunkel ; nichts als der gewöhnliche Erdenstaub . – Nur in den vertrautesten Kreisen , zu denen ich leider nicht gehöre , soll sie zu erblicken sein ; ja schon seit dem Nachsommer soll sie das Haus und den Garten ihrer Mutter fast nicht mehr verlassen haben ; auf dem Deiche und am Strande ist seit jenem Tage eine gewisse sehr jugendliche kühne Schwimmerin nicht wieder gesehen worden . Geredet wird viel darüber . Einige meinen , sie sei schon in der Wiege irgendeinem in unbekannter Abwesenheit lebenden Vetter verlobt worden , der weder das Tanzen noch das Schwimmen leiden könne , und der nun plötzlich seine Rechte geltend mache ; andere sagen einfach , sie sei – verliebt . Nur für mich liegt alles in deutlicher Folge wie unter einem durchsichtigen Schleier . Nein , nein ; fürchte nicht , daß ich den Namen nenne ! Ich kenne Dich ja . Der grelle Tag soll die Dämmerung Deiner Phantasie mit keinem Strahl durchbrechen ; Deine leiblichen Augen sollen sie nie gesehen haben ! So seid ihr beide sicher , Du in Deinem Künstlertum und sie in ihrer heiligen Jungfräulichkeit , die Du mir übrigens – o rätselhafter Widerspruch des Menschenherzens ! – mit fast eigennützigem Eifer zu behüten scheinst . « – – Er las nicht weiter ; er hatte den Brief aus der Hand fallen lassen und stand jetzt , die Hände auf dem Rücken , vor dem düsteren Bilde seiner nordischen Walküre . Aber sie war ihm in diesem Augenblicke nichts als nur der Hintergrund , auf dem vor seinem inneren Auge ein anderes , lichtes Bild sich abhob . Langsam wandte er sich ab und trat ans Fenster . Das Haus lag in einer der Vorstädte , welche die nordische Hauptstadt umgürten , und gewährte noch den freien Ausblick über Hecken und Felder , bis zum fernen Rand des Himmels , der jetzt ganz von leuchtendem Morgenrot überflutet war . Ein Schimmer des rosigen Lichtes lag auf dem Antlitze des jungen Künstlers selbst , der regungslos hinausschaute , als sähe er dort fern am Horizonte , was sich in seinem Inneren leis empordrängte und mehr und mehr Gestalt gewann . – – › Arme Psyche ! ‹ sprach er bei sich selber ; › armer gaukelnder Schmetterling ! Von der blumigen Wiese , die deine Heimat war , hattest du dich aufs fremde Meer hinausgewagt . – – – Nein Franz ! ‹ – und es war , als ob er tiefer ins Morgenrot hineinschaute – › betrüge dich nicht selbst ; du täuschest es doch nicht mehr hinweg ! – Psyche , die knospende Mädchenrose , das schlummernde Geheimnis aller Schönheit , sie war es selbst . – – Wie gierig die Wellen nach ihr leckten ! Wie sie mit den zarten Libellenflügeln spielten ! – – War ich ' s denn wirklich , der auf diesen Armen sie emportrug ? ‹ – Er war ins Zimmer zurückgetreten ; unwillkürlich hatten seine Hände einen auf der Modellierscheibe liegenden Klumpen weichen Tons ergriffen ; dann bald auch eins der Modellierhölzchen , die dicht daneben lagen . – › Wie erzählt nur Apulejus das anmutige Märchen ? – Psyche , das arme leichtgläubige Königskind , hatte den neidischen Schwestern ihr Ohr geliehen : ein Ungeheuer sei der Geliebte , der nur in purpurner Nacht bei ihr verweilen wolle . Nach dem Rate der Argen , mit brennender Lampe und mit scharfem Stahl bewehrt , war sie an das Lager des Schlafenden getreten und erkannte , bebend vor Entzücken , den schönsten aller Götter . Aber die Lampe schwankte in der kleinen Hand , ein Tropfen heißen Öls erweckte den Schlafenden , und zürnend entriß der Gott sich ihren schwachen Armen und hob sich in die Luft . Aus dem Wipfel einer Zypresse schalt er die törichte Geliebte ; dann breitete er aufs neue die Schwingen aus und flog zu unsichtbaren Höhen . – – – O süße Psyche ! Als im leeren Luftraum dein Auge ihn verlor , da hörtest du die Wellen des nahen Stromes rauschen ; da sprangst du auf und stürztest dich hinein ; dein zartes Leben sollte untergehen in den kalten Wassern ! Doch der Gott des Stromes , fürchtend den mächtigeren Gott , der selbst das Meer erglühen macht , trug dich auf seinen Armen sanft empor und legte dich auf die blühenden Kräuter seines Ufers . – – Nahmen nicht oft die Götter die Gestalt der Menschen an ? – Vielleicht nahm er die meine , und mir träumte nur , ich sei es selbst gewesen . O süße Psyche , ich hätte dich an keinen Gott zurückgegeben ! ‹ Nur in seinem Innern , unhörbar hatte er alle diese Worte gesprochen . – Draußen am Himmel war das Morgenrot verschwunden , und dem schönen Aufgang war ein grauer Tag gefolgt . Der Flöte spielende Faun , wie alles andere , stand jetzt im kalten Schein des Winterhimmels ; nur auf dem Antlitz des Künstlers selber schien noch ein Abglanz des jungen Lichts zurückgeblieben . Aber aus dem bunten Szenenwechsel , der vor seinem inneren Auge vorbeigezogen war , sah ihn stumm und rührend , wie um Gestaltung flehend , das eine Bild nur an . – Und seine Hände hatten nicht gerastet ; schon war aus dem ungestalten Tonklumpen ein zarter Mädchenkopf erkennbar , schon sah man die geschlossenen Augen und die Wölbung des kleinen , leicht geöffneten Mundes . Die Mittagshelle des Wintertages war heraufgezogen ; da klopfte es von draußen mit leisem Finger an die Tür . – Er merkte es nicht ; Ohr und Auge waren versunken in die eigene Schöpfung , die er aus dem Chaos an das Licht emportrug . – Da klopfte es noch einmal ; dann aber wurde die Tür geöffnet . Eine alte Frau war eingetreten . » Aber Franz , willst du denn gar kein Frühstück ? « » Mutter , du ! « – Er war aufgesprungen und hatte hastig ein neben ihm liegendes Tuch über das junge Werk geworfen . » Soll ich ' s nicht sehen , Franz ? Hast du ein neues Werk begonnen ? Du bist ja sonst nicht so geheimnisvoll . « » Ja , Mutter , und diesmal fühl ich ' s , ist ' s das rechte . – Aber deshalb – noch nicht sehen ! Auch du nicht , meine liebe alte Mutter ! « Der Sohn hatte den Arm um sie gelegt . So führte er sie aus seiner Werkstatt , während sie zärtlich nickend zu ihm aufblickte , und bald traten die beiden in das freundliche Wohnzimmer , wo seit lange der Frühstückstisch für ihn bereitstand . Es war Winter gewesen und Frühling geworden ; aber auch der und der halbe Sommer waren schon dahingegangen ; die Linden in der breiten Straße der Hauptstadt standen bestaubt , mit fast verdorrten Blättern . Statt der Natur , die hier so früh schon ihre Herrlichkeit zurücknahm , hatte die Kunst ihre Schätze ausgebreitet . Es war das Jahr der Kunstausstellung ; die Tore des Akademiegebäudes hatten schon seit einigen Wochen dem Publikum offengestanden . Unter den Werken der Bildhauerkunst war es besonders eine in halber Lebensgröße ausgeführte Marmorgruppe , welche die Teilnahme von alt und jung in Anspruch nahm . Ein junger , schilfbekränzter Stromgott , an abschüssigem Ufer emporsteigend , hielt eine entzückende Mädchengestalt auf seinen Armen . Trotz des zurückgesunkenen Hauptes und der geschlossenen Augenlider der letzteren sah man fast wie lauschend die Menschen an das Bild herantreten , als ob sie in jedem Augenblick den ersten neuerwachten Atemzug in der jungen Brust erwarten müßten . » Die Rettung der Psyche « war das Werk im Katalog bezeichnet . Der Name des noch jungen Künstlers ging von Mund zu Mund ; fortwährend war sein Werk von einer Menge von Bewunderern umdrängt ; die Neugierigen , wo sie ihn erwischen konnten , plagten ihn auch wohl mit Fragen . » Nicht wahr , Verehrtester « , meinte ein alter Kunstmäzen , der vor dem Ausstellungsgebäude seinen Arm erhascht hatte und ihn nun innig festhielt , » das ist noch ein Motiv aus Ihrem römischen Aufenthalt ? Wo haben Sie nur das allerliebste Köpfchen aufgefischt ? « Auf die erste Frage blieb der Künstler die Antwort schuldig ; auf die zweite gab er bereitwillig Auskunft . » Ich liebe es , im Winter über Land zu schweifen ; da sah ich eines Tages den Vorhang des Olympos wehen und war so glücklich , einen Blick hineinzutun . « Der Alte sah ihn schelmisch an . » Sie wollen mir ausweichen . Nun – es muß ein langer Blick gewesen sein ! « Der junge Künstler schüttelte den Kopf . » Aber , Verehrtester , Sie schauen ja plötzlich ganz melancholisch drein ! « » Ich ? Nun , vielleicht , – Sie wissen wohl , man schaut nicht ungestraft ein Götterantlitz . « » Ja , ja , Sie haben recht ! « Und der Alte ließ sein Opfer für dieses Mal entwischen . Wie es zu geschehen pflegt , nachdem die Bewunderung sich satt gesprochen , kam auch der Tadel dann zu Worte . Man fand das ganze zu wenig stilvoll , das Herabhängen des einen Armes der Psyche insbesondere zu naturalistisch . » Aber , ihr Männer , könnt ihr denn gar nicht sehen ? « rief eine muntere , hell blickende Dame , die im Angesichte des Kunstwerks eben mit solchen Bemerkungen unterhalten wurde ; » dieser schöne Arm ist eine Reminiszenz ! Glauben Sie mir , das da hat seine lebendige Geschichte , das Bildwerk ist ein Denkmal ; vielleicht – – « » Auf dem Grabe einer Liebe ? « » Vielleicht ! Wer weiß ! « » Oh , gnädige Frau , Sie wissen mehr ; verraten Sie es nur ! « » Ich weiß nichts , und wenn ich wüßte , so etwas wird von keiner Frau verraten . « » Aber da wären wir ja mit aller Kritik am Ende ! « » Ich dächte , ja ! « Noch andere Ohren hatten dies Gespräch gehört . Ein junger Maler , ein Freund des Künstlers , trat bald danach in dessen Werkstätte und erstattete getreulichen Bericht . Der Bildhauer hatte auffallend schweigsam zugehört . Er lehnte mit dem Rücken gegen das Fenster , die Arme ineinandergeschränkt , gleich einem Mann , der seine Arbeit für getan hält . In der Ecke am Eingange stand , noch immer unvollendet , die dräuende Walküre , neben dem Bacchuszuge blies der Faun noch seine Flöte ; die Morgensonne leuchtete hell herein , aber Spuren eines neuen Werkes waren nicht zu sehen . » Willst du noch weiter hören , Franz ? « fragte der Maler . » Es gibt des Unsinns noch einen ganzen Haufen mehr . « Der andere bewegte leicht den Kopf . » Nun also , zunächst ! – Warum ist dein bekränzter Stromgott , gleich der Psyche , so entzückend jung ? Die Wirkung durch den Gegensatz wäre ja doch unendlich packender und das Gefühl des dezenten lieben Publikums zugleich so schön gesichert gewesen , wenn du statt dieser gefährlichen Jugend einen alten Stromian genommen hättest , so einen mit ellenlangem Schilfbart , in dem ein Dutzend Krebse und Garnelen auf und ab geklettert wären ! – Du siehst nun , Franz , du bist ein höchst kurzsichtiger und einfältiger Patron gewesen ! « Der Bildhauer antwortete auch jetzt nicht ; aber er war leise in sich zusammengezuckt . An einen alten Stromgott hatte er weder bei der Entstehung noch bei der dann rasch erfolgten Ausführung seines Werkes gedacht ; die jugendliche Gestalt desselben war ihm der gegebene Stoff gewesen . » Und nun « , fuhr der Maler fort , » nun kommt der letzte Trumpf ; der junge Stromgott sollst du selber sein ! – – Nein , nicht du selber gerade ; aber die Ähnlichkeit will man unverkennbar finden ! « » Was sagst du ? Die Ähnlichkeit mit mir ? « Die stumme Gestalt am Fenster war plötzlich lebendig geworden . Unruhig begann er in seiner Werkstatt auf und ab zu gehen ; er bestritt es heftig , ja er suchte es Zug für Zug zu widerlegen . Der Maler sah ihn fragend an . » Du scheinst dir das sehr zu Herzen zu nehmen . « Der andere verstummte wieder . Als gleich darauf das Dienstmädchen mit einer Bestellung hereinkam , fragte er sie hastig : » Sind keine Briefe für mich da ? « Aber der Postbote war noch nicht vorbeigekommen . Der Maler , da nicht wie sonst ein Gespräch zwischen ihnen in Fluß kommen wollte , hatte sich bald entfernt . Der Zurückbleibende war ans Fenster getreten und blickte durch die Lücken der Bäume in das Feld hinaus . Es stand jetzt kein Wintermorgenrot am Horizont ; der Himmel war eintönig weiß von der Mittagssonne des Nachsommers . In seinen Gedanken wiederholte sich ein Gespräch , das er in den letzten Tagen mit seiner Mutter gehabt hatte . » Du solltest ein wenig reisen , Franz « , hatte sie gesagt ; » du bist ermüdet von der angestrengten Arbeit . « – – » Ja , ja , Mutter « , hatte er erwidert , » es mag sein . « – – » Und daß du nach deiner Art mir jetzt nicht gleich was Neues anfängst ! « – – » Meinst du ! Aber mir ist im Gegenteil , es wäre das vielleicht das beste . « – – Fast ein wenig unwillig war die Mutter geworden . » Was redst du denn , Franz ! Du widersprichst dir selbst . « – – » Sorge nicht , Mutter ! ich kann nichts Neues machen . « – Es war ein so seltsamer Ton gewesen , womit er das gesprochen ; die kleine Frau hatte sich an seinen Arm gehangen : » Aber , mein Sohn , du suchst mir etwas zu verbergen ! « – – Und liebevoll sich zu ihr niederbeugend , hatte er erwidert : » Für wen , als für dich , Mutter , habe ich zuerst das Tuch von meiner Psyche aufgehoben ? Laß es auch hier noch eine kurze Zeit bedeckt , so lang nur , bis ich weiß , ob es Gestalt gewinnen kann . Wenn nicht – – « Er hatte den Satz nicht ausgesprochen ; aber die beiden Arme der Mutter hatten den großen Mann umfangen . » Vergiß es nicht , daß du noch immer unter meinem Herzen liegst ! « – Ein paar Tränen hatte sie sich abgetrocknet ; dann aber hatten ihre Augen ganz mutig zu ihm aufgeblickt . » Aber du mußt dennoch reisen , Franz ! Dein Freund da unten an der Nordsee , der paßt für dich und hat ein heiteres Gemüt ; er hat dich ja schon wieder dringend eingeladen . « Unbewußt hatte die Mutter ein erschütterndes Wort gesprochen ; der Sohn hatte ihr nicht geantwortet , er hatte es vor plötzlichem gewaltigen Herzklopfen nicht gekonnt ; aber noch am selben Abend war ein Brief nach der Küstenstadt der Nordsee abgegangen . Die Antwort darauf konnte er heute schon erwarten . Und jetzt wurde wieder die Tür geöffnet . Da war der Brief . – » Von Ernst ! « Aus beklommener Brust hatte er es herausgestoßen ; die Hülle flog zu Boden , und seine Augen verschlangen die vertraute Schrift des Freundes . » Ich wußte wohl « – so schrieb der junge Aktenmann – » ich wußte wohl , daß Du mir kommen würdest . – Seitdem Dein Marmorbild die Stille Deiner Werkstatt verlassen hat und aller Welt zur Schau steht , ist es nicht mehr sie ; es ist , wie anderes , nur noch eine Schöpfung Deiner Kunst . Nun streckst Du nach der Lebendigen Deine Arme aus ; der Verlauf ist so natürlich , daß jeder Arzt ihn Dir vorausgesagt hätte . Ob Du unerkannt ihr würdest nahen können , ob die Gewalt der Wellen – oder welche andre ? – ihr damals tief genug die hellen Augen geschlossen hat – wer möchte das entscheiden ! Glaub es immerhin ! Ich rufe Dir Deinen eignen Wahlspruch zu : Sei nur fromm und ehre die Götter . Dein Zimmer und Freundeshände sind für Dich bereit . Aber , Franz – und jetzt höre mich ruhig an ! – , Du weißt es wohl noch , denn Du hast ja auch Deinen Ovid gelesen – irgendwo in der Welt , an der dreifachen Scheide von Erde , Luft und Wasser , steht auf einsamen Gipfel das eherne Haus der Fama ; unzählbare Eingänge hat es , die tags und nächtens offenstehen ; keine Ruh ist drinnen , in keinem Winkel ein Schweigen ; wie ein Schwarm unsichtbarer Schlänglein läuft an den Decken der Säle das Gemurmel ; ewig dröhnt es vom Geräusch aus- und einziehender Stimmen ; kein noch so leises Flüstern , kein Seufzer einer Menschenbrust , und wenn aus tausend Meilen weiter Ferne , dessen letzter Hall hier nicht aufgefangen würde , den hier die tönenden Wände nicht hin und wider werfen und verdoppelt und verzehnfacht an das gierige Ohr der Welt hinaussenden . Von dort muß es gekommen sein ; denn die alte Bade-Kathi sieht mir nicht aus wie eine Schwätzerin . Aber sie wissen es , wissen es wirklich ; sie reden davon , alle und überall ; nur Deinen Namen – vielleicht hat das Wellenrauschen ihn derzeit übertönt – scheint das eherne Haus nicht mit hinabgesandt zu haben . Ich habe meine gerechte Schadenfreude , wie sie mit den Nasen in der Luft forschen , wie vor Gier ihre Ohren in den Urzustand zurückkehren und wieder beweglich werden und dennoch nichts erhaschen . Aber hundert täppische und tückische Hände griffen nach Deinem schönen Schmetterling , um ihm den Schmelz von seinen Flügeln abzustreifen . Da hat er sich denn einfach aufgeschwungen und ist davongeflogen ; wohin , das hat auch mir die Fama bis jetzt noch nicht verraten wollen . « – – Schon längere Zeit hatte die Mutter vor dem