aber ging stumm und zornig neben uns . » Ein andermal , wenn ich bitten darf , gehen wir nicht durch die Menagerie hier ! « sagte er , als wir hindurch waren . Und so dauerte es denn nicht lange , und er war Kapitän , als ich noch das Rad am Steuer drehen mußte . Aber Freunde blieben wir auf Not und Tod , und der Wind wechselte nicht allzuoft , da hatte ich auch mein Schiff ; aber trafen wir uns am Wall , so waren wir gleich beisammen . Nun fand sich derzeit in Hamburg bei einer vornehmen alten Senatorstochter eine Art Mamsell , so gegen die Dreißig schon : Riekchen hieß sie und war ehrlich und zuverlässig , allzeit wie mit eben geplätteten Kleidern angezogen und , ganz egal , mit einer gelbblonden langen Locke hinter jedem Ohr . Sie konnte kochen und braten , sagte nie ein Wort entgegen und hatte niemals eine Meinung ; die alte Dame behauptete , es gäbe auf der Welt keinen Mann für diese Perle , und wirklich , es begehrte sie auch keiner . Und das war das Schicksal , für Rick Geyers , mein ich ; denn in dieses Unmuster von Tugend mußte der unselige Junge sich vergaffen , und noch mehr , er wollte sie heiraten und kaufte sich sogleich zum Schauplatz seines Eheglückes die Baracke , wo wir beide , Herr Nachbar , später einst gewohnt haben . Nun , Sie haben ja das Riekchen selbst noch gekannt . Ich packte den Rick eines Tages unter den Arm , ging mit ihm durch die Stadt und dann nach dem Stintfang hinauf , wo unten im Hafen seine stolze Brigg lag und die rot und weißen Wimpel im leichten Morgenwinde wehten . » Rick ! Rick ! « sagte ich , » besinne dich doch ! Du bist verblendet , bete vierundzwanzig Vaterunser , und es wird vorübergehn ! Was willst du das einfältige Tugendmensch heiraten ? Du hast ja selbst die volle Ladung davon ; unter soviel Tugend geht dein Schiff zugrunde ! Kann ' s nicht anders sein , so nimm dir eine schmucke wilde Katz , an der du deine Plage und doch auch dein Vergnügen hast ! Was meinst du , Rick ? « Aber er lüpfte nur den Hut , daß die Luft durch seine braunen Locken ging , und sah mich lachend aus seinen hellen Augen an . » Dank für deine Weisheit , John « , sagte er ; » aber was einer muß , das kann nur einer wissen . « Da sah ich wohl , daß er weitab von aller Vernunft sei , und so hat er die Perle Riekchen zu seinem Unheil dann geheiratet . Aber ich sage Ihnen , Nachbar , auch derzeit , da sie jünger war – zehn Jahre auf einer Robinson-Insel ! « Und der Kapitän spreizte abwehrend seine Hände vor sich . » Doch « , rief er dann wieder , » das Getränk nicht zu vergessen ; God bless you , Sir ! « – – Schon einigemal hatte ich ein Rühren an der Türklinke vernommen ; jetzt , während wir mit den Gläsern anklirrten und tranken , sah ich , daß die Tür , der ich zugewandt saß , um einen schmalen Spalt geöffnet wurde . » Kapitän ! « sagte ich , » es ist jemand vor der Stube . « Er wandte sich . » Das ist Rick ! « sagte er . » Junge , warum schläfst du nicht ? « Aber die Tür öffnete sich weiter . » So komm her ein « , rief er , » wenn du was auf dem Herzen hast ! « » Ich kann nicht « , kam es von der Tür ; und ich gewahrte jetzt freilich , daß der arme Schelm barfuß und im blanken Hemde draußen stand . Da stieß der Alte einen Seufzer aus , erhob sich und schritt nach der Tür : » Nun , Rick , was willst du denn ? « » Ohm « , sagte der Knabe leise und vor Kälte zitternd , doch so , daß ich ' s verstehen konnte , » ich hab dir ja noch gar nicht gute Nacht gesagt ! « » Und deshalb konntest du nicht schlafen ? « Ich glaubte nur zu sehen , wie Rick stillschweigend mit dem Kopfe schüttelte . Und der Alte gab ihm einen herzhaften Schmatz : » Gute Nacht , mein Kind ! Aber nun schlaf und bitt vorher unsern Herrgott , daß er dein weiches Herz allzeit bei deinem harten Kopfe lasse ! « Da hörte ich , wie der Knabe behend die Treppen hinauflief ; der Alte aber setzte sich langsam wieder an seinen Platz . Wir saßen eine Weile schweigend . » So ist er immer « , sagte er dann ; » der Grund ist gut ; ich dacht schon , daß er kommen würde . « » Und doch « , erwiderte ich – ich konnte es nicht zurückhalten – » haben Sie ihn neulich recht hart behandelt , Kapitän ! « Er blickte mich an : » Sie meinen das mit dem Armenhause ! Ja , ja , es mag auch so aussehen ; aber er mußt einmal erfahren , wohin er ohne mich geraten würde . « Er trank einen Schluck und starrte vor sich hin . » Doch « , hub er wieder an , » ich wollte Ihnen von meinem alten Rick erzählen ; der Junge ist ja noch gar nicht auf der Welt . « Da fiel ' s mir bei , ich frug : » Ist er der Sohn von Ihrem Freunde ? Ich mein , es war doch nur das Mädchen da ? « » Geduld , Nachbar « , sagte der Kapitän und legte seine Hand auf meinen Arm ; » der Junge wird , leider , auch geboren werden ; Ihr sollt alles noch erfahren ! Also – wie in den ersten Ehejahren von Rick Geyers der Seegang gewesen ist , das weiß ich nicht , denn ich war überall , nur nicht in Hamburg . Dann aber , in einem Junimonat , kam ich wieder heim und hörte , auch Rick sei dort , er habe Havarie gehabt ; sein Schiff liege auf der Werfte , er selber warte in seinem Hause die Zeit ab . Wer war fröhlicher als ich ! Ich konnt es nicht erwarten , bis ich bei ihm war . Als ich die Tür seiner Baracke aufstieß , by Jove , da standen die beiden Tugendmenschen schon auf dem Flur ; aber freilich , allzu lustig sahen sie nicht aus . Einen Augenblick noch , dann fiel Rick mir um den Hals : » Hurra for John ! « rief er ; » gib ihm die Hand , Riekchen ! « und mit einem wunderlichen Blick auf seine Frau : » Aber , nicht wahr , verteufelt elend sieht der Kapitän doch aus ? « Ich glaubte , er sei toll geworden , denn ich platzte derzeit vor Gesundheit . » Meinst du , Rick ? « sagte die Frau und nickte mir halb traurig zu ; » ja , so rote Backen sind oft nicht von den besten . « » So ? - meinst du ? « rief Rick ingrimmig . » Ich meine das nicht . Sieht er nicht aus wie ein Berserker ? « Die Frau gab mir die Hand . » Freuen wir uns « , sagte sie , » daß Sie so gesund wieder ans Land gekommen sind ! « Ich dankte ihr ; Rick aber warf seine kurze Pfeife , die er in der Hand hielt , gegen die Wand , daß der Porzellankopf in hundert Stücken über die Fliesen flog , und ich hörte , wie er mit den Zähnen knirschte . » O Rick ! « rief die Frau ; » der schöne Pfeifenkopf , das hättest du nicht tun sollen ! « » Endlich ! Danke , Riekchen ! « sagte er , und ich sah , wie er ihr voll Hohn die Hand preßte ; » aber freilich , Scherben müssen erst gemacht werden ! « Dann gingen wir in die Wohnstube , während das Weib , als wäre nichts geschehen , die Porzellanbrocken auf dem Flur zusammensuchte . » Nimm dich in acht , Rick « , sagte ich , » daß dein Teufel nicht die Hörner hoch kriegt ! « Aber er stieß ein Lachen aus , so fröhlich , als hätt ich ihn nur mit dem Kinder-Bußemann erschrecken wollen . » Komm « , sagte er und zog mich in die Schlafstube nebenan , » du weißt noch nicht , daß ich einen Engel in der Wirtschaft habe ! « Wir waren an sein Ehebett getreten , von dem er jetzt das schwere Deckbett zurückschlug . » Nun , John Riewe ? « rief er triumphierend . Und freilich , da lag- ich dacht im selben Augenblick : ein Engel , aber es war doch nur ein schönes Kind , im tiefen Schlaf ; ein Mädchen von kaum zwei Jahren wohl . Die eine Wange hatte es gegen sein Fäustlein gedrückt , über das die braunen Haare fielen ; es war fast nackt , denn das Hemdlein hatte sich über die Brust hinaufgeschoben , und es glühte gleich einem Christkind wie von innerem Rosenlichte . » Nun , John ? « sagte Rick wieder , » du schweigst ? Ja , Alter , dem müssen alle Teufel weichen ! « Und mit demselben schlug das Kind seine dunkeln Augen auf , und die Ärmchen nach dem Vater streckend , rief es : » Papa , mein Papa ! « Da riß Rick es ungestüm aus den Kissen und preßte das schöne Ding an sein Herz und küßte es vielmal und flüsterte ihm heimliche Worte in sein Ohr , so leise , daß ich nichts davon verstand . Ich sah es wohl , sein Herz war voll , und was er seinem Weib nicht geben konnte , das verschwendete er an das unvernünftige kleine Wesen . Und doch , Nachbar , in späteren Jahren , und auch jetzt noch kommt es mir oftmals , es habe derzeit das Kind ihn dennoch wohl verstanden und sei nichts davon verlorengegangen . – – Am andern Tage kam ich nach dem Abendbrote zu ihm . Er saß am Stubenfenster mit untergeschlagenen Armen und schaute auf die enge stille Gasse ; das Riekchen hatte ich bei meinem Eintritt in der Küche rumoren hören . » Nun , Rick « , rief ich , » was fängst du für Mäuse ? « » Ich fange gar nichts , John « , sagte er . » Warum hast du denn deinen Engel nicht bei dir ? « » Das ist ' s , John ; der schläft allezeit von jetzt bis übers Morgenrot ; aber für mich ist ' s noch nicht Schlafenszeit . « » So gehen wir ein Stück am Hafen ! « sagte ich . » Du bist noch nicht auf meinem Schiff gewesen . « Er schien eine solche Aufforderung nur erwartet zu haben , denn er sprang sogleich auf und riß seinen Hut vom Türhaken . » Gehst du aus , Rick ? « frug die Stimme seiner Frau , als wir durch den Flur gingen , und ihr geduldiges Haupt erschien aus der Küchentür . » Ja , Riekchen ; ich nehme den Schlüssel mit ; wirst du müde , so schließe mit dem andern zu ! « Sie nickte : » Gute Nacht , Rick ! Gute Nacht , Kapitän Riewe ! « Wir gingen noch auf mein Schiff ; aber es fing bald an zu dämmern , und so wanderten wir nach St. Pauli und gingen nach dem » Trichter « , wo wir bald zwei steife Gläser vor uns dampfen ließen . Wir sprachen erst von alten Zeiten ; dann aber erzählte Rick von seinem Kinde , nur von seinem Kinde : er lachte selber wie ein Kind , es war wie eine lachende Freude , wenn er nur ihren Namen nannte ; ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen , daß sie Anna hieß . Als die Gläser leer waren , wollte ich aufstehen aber er hielt mich zurück und zog seine Uhr . » Noch nicht , John ! « sagte er ; » es ist erst zehn : sie schläft noch nicht . « Ich verstand ihn wohl ; und so tranken wir noch weiter , und es war nach elf , als wir davongingen . Noch an ein paar anderen Abenden saßen wir dort , aber jedesmal ein Viertelstündchen länger ; und auf meine zwei Gläser trank Rick allemal drei ; ich sah soviel , er war schon satt von seinem Tugendmuster und schätzte sie am höchsten wenn sie schlief . » Rick « , sagte ich , » nimm dich in acht , das dritte Glas , das ist des Teufels ! « Aber er lachte : » Es ist nur ein Zeitvertreib , John ; um ein paar Wochen ist mein Schiff wieder flott , und dann gibt ' s wieder Arbeit und guten Schlaf ! « Am Tage darauf war meine Zeit in Hamburg abgelaufen ; wir schüttelten uns die Hände , das Riekchen nickte sanft , und auch die kleine Anna gab mir ihr Patschchen und sagte kläglich : » De , Ohm Jiew ! « Dann begleitete Rick mich auf mein Schiff . Noch einmal nach ein paar Jahren – es war in der Kapstadt – habe ich Rick Geyers wiedergesehen ; aber er war es nicht mehr selber , es war nur noch ein Trunkenbold , der unter seinem Namen umging . Ich dachte damals , das sei mein größtes Leid , das ich erlitten , und vielleicht auch ist es jetzt noch so ; nur daß über einen Mann uns das Erbarmen nicht so bitter faßt ... Aber ich will der Reihe nach erzählen . Als ich an der Bai nach meinem Schiff hinuntertrabte , denn in der Nacht noch sollte ich die Anker lichten , sah ich einen Mann vor mir am Wasser stehen , der mich trübselig aus seinem gedunsenen Gesichte zu betrachten schien . Ich stutzte . » Rick « , rief ich , » du bist es , Rick ! Was fehlt dir ? Bist du krank ? Du siehst sehr übel aus ! « Doch er schüttelte den Kopf und sagte schwerfällig : » Mir fehlt nichts , John . Bleibst du noch lange hier ? « » Nein , Rick : nur bis heut nacht , und ich muß noch wieder nach dem Gouvernementshaus . Aber sag mir schnell : wie geht es bei dir zu Hause , deiner Frau , deinem kleinen Engel ? Kommst du bald wieder zu ihnen ? « » Ganz wohl , alles wohl ! « Weiter antwortete er nicht ; aber er seufzte tief , als ob er sie verloren hätte . » Du fährst noch immer die › Fortuna ‹ ? « frug ich wieder . » Ja , John , ich fahre sie noch ; wir sind erst gestern angekommen . « » So lebe wohl , Rick ! Ich habe leider keine Stunde mehr für dich ; leb wohl ! « Ich ging , ganz vernichtet durch dies Wiedersehen . › Er schämte sich ‹ , sprach ich zu mir selber ; › Rick Geyers , der beste aller Jungen , ist verloren . ‹ Da fühlte ich mich plötzlich zurückgehalten : er war mir nachgelaufen ; er lag in meinen Armen : » John , John , mein Freund ! Noch einen Augenblick , wir sehen uns zum letzten Mal ! « Und als er mich in seiner alten Liebe ansah , da waren seine Augen wieder jung und schön . » Das nicht , das wolle Gott nicht , Rick ! « rief ich ; » aber auf ein baldig Wiedersehen in der Heimat , in deinem Hause und bei deiner kleinen Anna ! « Er wiegte langsam seinen Kopf . » Leb wohl , John Riew ' « , sagte er , und leise , als ob auch hier es niemand hören dürfte , setzte er hinzu : » Und wenn du einmal heimkommst , dann frage nicht mehr nach Rick Geyers ! « Er riß sich los und war mir bald in einer Menschenmenge , die von der Stadt herkam , verschwunden . Das weiß ich noch , die heitere Sonne , die vom Himmel strahlte , hat mir damals wehgetan . – – Nach ein paar Jahren – es war in Rio , und ich fuhr derzeit für eine Lübecker Firma das Schiff » Die alte Hanse « nahm ich einen deutschen Matrosen in Heuer , der krankheitshalber dort zurückgeblieben war . » Wo stammst du her ? « frug ich . » Mein Vater « , erwiderte er , » wohnt am Johannisbollwerk ! « » In Hamburg ? « » Ja , Kapitän . « » So kennst du auch wohl Kapitän Rick Geyers ? « » Ja , Herr ; ich bin ein Jahr als Leichtmatrose mit ihm gefahren ; aber – – « » Was aber ! « » Er ist kein Kapitän mehr ! « » Hat er sich zur Ruh gesetzt ? Er ist noch jung ! « Der Bursche schüttelte den Kopf : » Es ging nicht mehr ! « Und er warf den Kopf zurück und machte mit der Hand die Bewegung , als ob er ein Glas an den Mund setze . » Er fährt jetzt mit dem Blankeneser Postewer . « Ich nahm den jungen Menschen auf mein Schiff , aber ich hatte genug vom Fragen . – – Ein paar Jahre später kam ich denn doch wieder nach Hamburg ; ich hatte Überdruß am Seefahren , und mein Kopf war leidlich grau geworden . Ich ging nach Ricks Hause ; aber Rick lag draußen auf dem Petrikirchhof : er war eines Nachts über eine in Reparatur begriffene Fletbrücke gegangen und durch eine Öffnung in das Wasser und in den Tod gestürzt . Ich denke wohl , er war mit einem schweren Kopf gegangen , der ihn hinabgerissen hatte ; aber – allen Gerechtigkeit ! - seine Frau hat nie davon geredet ; nur die Nachbaren und der alte Doktor Snittger haben es später mir bestätigt . Ich war inzwischen Makler geworden und mietete , nachdem ich mit meinem alten Herrn zu Lübeck ins reine gekommen war , die kleine Oberetage ; schön war sie nicht , aber sie genügte , und Rick Geyers ' Weib und Kind kam es zugute . Ein halb Jahr darauf fand sich auch noch ein Schüler des Johanneums für die untere Stube rechts , und das waren Sie , Herr Nachbar ; ich denke , wir haben uns , bis Sie zur Universität gingen , leidlich genug in dem engen Haus vertragen ! Sie wissen , die Anna war damals schon ein gestrecktes Mädchen , nach dem wohl ein so junger Gesell , wie Sie es damals waren , sich einmal umschauen mochte ! « Der Kapitän sah mich schelmisch an , und es mag wohl nicht gefehlt haben , daß ich rot geworden bin . » Du lieber Gott ! « fuhr er dann fort , » wir wollen nicht darüber scherzen ; aber ich darf wohl sagen , daß das Kind die Liebe zu seinem Vater auf dessen alten Freund übertragen hatte , und mir war oft , als sähe sie mich mit seinen jungen Augen an , wenn er wie oftmals ! – mich herzhaft auf die Schulter schlug und dann rief : › Ja , John , du bist ' s , auf den man sich verlassen kann ! ‹ « Der Kapitän seufzte und schlug sich gegen die Stirn : » Das aber war zuviel gesprochen « , sagte er , » denn Dummheit ist auch eine arge Sünde ! Ich plagte mich viel mit dem lustigen Mädchen ; Sie haben es ja selbst gesehen , der Unband war mir lieb als wie mein eigen Blut , und wenn nach etwas ihr Gelüsten stand , Ohm Riew ' mußte allzeit Rat wissen . Das alte Riekchen hatte seine unschuldige Freude daran , und das Kind übernahm bald fast meine ganze Bedienung ; Ihnen , Nachbar , blieb nur das alte Weib : ich habe manches Mal darüber lachen müssen ; aber der Kaffee von der Anna hätte Ihnen doch noch besser geschmeckt ! « Der Alte schwieg plötzlich und horchte nach oben hinauf . » Ja , der Junge schläft « , sagte er ; dann trank er den kleinen Rest aus seinem Glase und machte sich daran , ein neues für sich zu mischen , denn der kleine Kessel sauste immerfort . Mir war , als ob ihm das Erzählen plötzlich widerstehe oder als ob er sich besinnen müsse , wie er fortzufahren habe . Aber er saß schon wieder auf seinem Platz , und ohne das dampfende Glas zu berühren , hub er aufs neue an : » Es sieht manches aus wie ein Kinderspaß ; aber auch der Strauß hat erst in einem Ei gelegen ! Sie wissen , Nachbar , es war meine alte Seemannsart , zwischen Nachmittag und Abend ein gutes Glas zu trinken , und was den Rum anlangt , so hatte ich allzeit was Echtes in meinem Schränkchen . Ich hatte die Anna gelehrt , nach meinem Maße mir das Glas zu mischen ; aber wenn sie den Rum in das heiße Glas goß und nun der Dampf ihr in das feine Näschen stieg , dann begann sie ein Gehüstel , bog den Kopf zurück und machte allerlei Gesichter des Abscheues gegen mich . Ich lachte darüber und sagte : » Probier es nur ! « oder : » Es wird dir doch noch schmecken ! « Aber eines wie das andere Mal erwiderte sie : » Ich habe es schon geschmeckt , Ohm ; es ist abscheulich ! « und schob mit ausgestrecktem Arm das Glas mir zu . Es wurde allmählich eine stehende Neckerei zwischen der Jungen und dem Alten . » Du sollst doch noch probieren ! « rief ich endlich ; » ist das ein Koch , der nicht probieren kann ? « » Ich bin kein Koch ! « sagte sie schnippisch . » So bist du doch mein Mundschenk ! « » Ich tu ' s aber doch nicht ! « rief sie und flog mir aus der Stube und die Treppe hinab . Ich alter Tor , ich muß jetzt denken , daß ihre Natur uns habe warnen wollen ; aber ich ging wie mit verbundenen Augen . Nun war ' s an meinem Geburtstage , und ich hatte , mir selber zur Festfreude , dem Kinde ein Dutzend Schnupftücher von einer Extra-Qualität geschenkt , da ich ihre Lust an feinem Linnenzeuge kannte . Und wirklich , sie leuchtete vor Freude , als sie zur Mutter lief und ihr die schöne Ware zeigte ; und über ein kleines saß sie auch schon am Fenster , um ihr kunstvolles Monogramm hineinzusticken . » Mein Ohm ! « rief sie mir zu ; » ich tu dir alles zu Gefallen ! « » Das ist schon mein Gefallen « , sagte ich , » daß du dich freust . « » Nein , noch was anderes , Ohm ! « Sie sah mich geheimnisvoll mit ihren dunkeln Augen an und stickte weiter an ihren Monogrammen . Abends brachte sie mir , wie gewöhnlich , das Kesselchen mit heißem Wasser auf mein Zimmer ; sie nickte mir zu , und als es kochte , begann sie mir mein Glas zu mischen . Sie tat das wie in Freude zitternd und doch so feierlich , als solle sie ein Opfer bringen . Dann hielt sie das dampfende Glas hoch vor ihrem Angesicht . » Ohm « , sagte sie , indem sie auf mich zutrat , » mein Ohm , mögst du noch vielmal diesen Tag erleben ! « Der herzlichste Strahl , den meine arme Seele je getrunken , flog aus ihren Kinderaugen in die meinen . Dann setzte sie das Glas an ihren Mund und tat einen starken Zug daraus . Aber es war zuviel gewesen , was sie sich zugemutet hatte : wie im Krampf spien die jungen Lippen den scharfen Trank hinaus , und das Glas fiel aus ihrer Hand zu Boden , daß der Inhalt und die Scherben umherflogen ; dann stürzte sie in den Alkoven , an meinen Waschtisch ; ich hörte , wie sie Wasser in ein Glas goß , ein- und zweimal , und wie sie gurgelte und sprudelte , als gelte es , einen Gifttrank wegzuspülen . Ich ging ihr nach ; da fiel sie mir um den Hals : » Ohm , mein süßer Ohm ... ich konnte nicht dafür ... verzeih mir , sei nicht bös ! « Das Kind war außer sich ; dennoch wollte sie mir ein neues Glas bereiten , aber ich litt es nicht , ich nahm sie auf meinen Schoß : » Sei ruhig , Anna , du weißt es ja ; wir beide können einander gar nicht böse sein ! « Da preßte sie meinen Hals mit ihren Armen , als ob sie mich ersticken wollte : » Du bist gut , mein Ohm ; ich weiß es , du bist gut ! « Und dann weinte sie sich noch ein braves Stückchen . Aber auch das , Nachbar , öffnete mir nicht meinen vernagelten Verstandeskasten . Am andern Abend kam sie wieder mit ihrem Kesselchen . » Zünd nur die Lampe an « , sagte ich ; » hernach mach ich mir ' s schon selber . « Ich wollt , Sie hätten ihr bittend Angesicht gesehen . » Laß mich , Ohm ! « sagte sie . » Ich weiß , ich kann es heute . « Ich wollte es dennoch wehren , aber jetzt stampfte sie mit ihrem Füßchen : » Ich muß aber , Ohm ; das ärgert mich , das von gestern ! « So litt ich ' s denn , und als sie ihr : » Zur Gesundheit ! « sprach und dann ein Schlückchen aus dem Glase trank , hielt sie den Atem an und Mund und Augen gewaltsam offen ; aber , ich sah es wohl , ein paar Tränen sprangen doch heraus . Bald danach sind Sie ins Haus gezogen , und – Sie haben es ja selbst gesehen , wie zierlich sie uns zu kredenzen wußte . Gott verzeihe mir ! Das Kind steuerte backbord , aber ich hätte steuerbord halten sollen . – – Im Winter , nachdem Sie fort waren , suchte mein Lübecker Reeder mich wiederum zu ködern ; der schlaue Alte hatte es heraus , daß ich zu früh mich landfest gemacht hatte ; er meinte , ich könnte wohl noch ein paar Jahre wieder laden und löschen . Von dem Dazwischen sprach er nicht ; aber er bot mir ein neugebautes Vollschiff und einen Part darin . Mir gefiel das schon ; aber was sollte dann aus Riekchen Geyers und meiner Anna werden ? Denn auch Ihr Quartier im Unterhause stand unvermietet . Da , als ich eines Tages in der Januarsonne mit Anna über den Gänsemarkt promenierte , blieb sie vor einem Weißwarengeschäft stehen und betrachtete begierig die Sauberkeiten , die hier alle in dem Ladenfenster ausgelegt waren . Ich wollte ungeduldig werden ; aber sie hatte trotzdem immer ihren Finger noch nach etwas Neuem . Auf einmal kam mir die Erleuchtung . » Komm « , sagte ich , » was meinst du , wenn ihr selber solchen Laden hättet ? « Sie wurde schier dunkelrot vor Freude ; aber gleich darauf sagte sie traurig , ihr dunkles Köpfchen schüttelnd : » Das ist ja nicht möglich , Ohm ! « » Nicht möglich , Anna ? Aber was meinst du , wenn dein Ohm es dennoch möglich macht ! Komm nur , wir wollen gleich zu Hause , und Mutter soll ihren Segen geben ! « By Jove , ich hatte Not , daß sie mir nicht vor allen Leuten um den Hals fiel . Und so kam es denn in Ordnung . Freilich , mein Maklerverdienst ging so zirka wohl darauf ; aber wen hatte ich denn sonst , für den ich sorgen konnte ! Die Stube rechts , wo Sie Ihre Lateiner studiert hatten , wurde zum Laden umgewandelt ; die Einkäufe waren schon gemacht , Näherinnen außer dem Hause wurden in Arbeit genommen und eine Glocke über der Haustür angebracht ; Anna selbst war das behendeste Ladenjüngferchen und saß fleißig mit der Nadel in der Hand . Wie ich nach ein paar Jahren aus einem Briefe der Mutter sah , gewann sie später noch besseren Verdienst , indem sie in fremde Häuser schneidern ging ; damals aber warteten wir noch auf Käufer , und sie kamen auch : erst die Nachbarn und die Apothekertöchter , mit denen Anna damals wohl zusammen lief , dann auch von den Gästen aus dem Kaiserhofe . Ich hörte mit Behagen unsere Glocke läuten , wenn ich oben auf meinem Zimmer saß . Und endlich eines Abends nahm ich mutig einen großen Briefbogen und schrieb darauf an meinen alten Herrn Richardi in Lübeck , daß ich sein neues Schiff » Die alte Liebe « führen würde . » Die alte Liebe « war so gut wie ihr Name ; und wir hatten Glück , mein alter Herr und ich ! Fünf Jahre lang bin ich gefahren wie noch nie zuvor – aber wir haben noch andere Abende , davon zu reden – , nur bei der letzten Fahrt ,