nicht abweisen , bis er mir das Märchen von der Frau Holle oder die Sage vom Freischützen erzählte , an der ich mich nie ersättigen konnte . Einmal freilich , als die Geschichte eben im besten Zuge war , stand er plötzlich auf und sagte : » Aber , Anna , glaubst du denn all das dumme Zeug ? – Wart nur ein wenig « , fuhr er fort , indem er seine Schiebelampe anzündete ; » du sollst etwas hören , was noch viel wunderbarer ist . « Dann haschte er eine Fliege , und nachdem er sie getötet , legte er sie vor uns auf den Tisch . » Betrachte sie einmal genau ! « sagte er . » Siehst du an ihrem Körperchen die silbernen Pünktchen auf dem schwarzen Sammetgrunde ; die zwei schönen Federchen an ihrem Kopf ? « Und während ich seiner Anweisung folgte , begann er mir den kunstreichen Bau dieses verachteten Tierchens zu erklären . Aber ich langweilte mich ; die Wunder der Natur hatten keinen Reiz für mich nach den phantastischen Wundern der Märchenwelt . – – – – Indessen war ich unmerklich herangewachsen ; und wenn ich , was selten genug geschah , einmal vor meinem Spiegel stand , so schaute mir eine schmächtige Gestalt mit einem gelben scharfgeschnittenen Gesicht entgegen . Zwar bemerkte ich die auffallende Bläue meiner Augen ; im übrigen aber hatte dies zigeunerhafte Wesen mit dem schwarzen Haar keineswegs meinen Beifall . Mein Aussehen kümmerte mich indessen wenig . Ich war über die Bibliothek meines Vaters geraten , in der sich eine Anzahl schönwissenschaftlicher Bücher aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts befand . Ich begann zu lesen , und bald befiel mich eine wahre Lesewut ; ich kauerte mit meinen Büchern in den heimlichsten Winkeln des Hauses oder des Gartens und hatte manche Rüge meines Vaters zu erdulden , wenn ich den Ruf zum Mittagessen überhörte . Eines Nachmittags war ich draußen , mein Lesefutter in der Tasche , in eine der oberen Fensterhöhlen des Laubschlosses hineingeklettert und hatte es mir auf dem flachgeschorenen Gezweig bequem zu machen gewußt . Ich saß im Schatten , die grüne Blätterwölbung über mir , und hatte mich bald in ein Bändchen von Musäus ' Volksmärchen vertieft , während unten in der Mitte des Rondells die heiße Junisonne kochte . Plötzlich kam die Stimme des Oheims in meine Märchenwelt hinein . Als ich hinabblickte , sah ich ihn zwischen den Zwergbäumchen stehen und , die Augen mit der Hand beschattend , zu mir hinaufreden . » So « , rief er , » es wird sich wohl niemand darum kümmern , wenn du hier das Genick brichst ? « » Ich breche ja nicht das Genick , Onkel « , rief ich hinunter ; » es sind lauter alte , vernünftige Bäume ! « Aber er ließ sich nicht beruhigen ; er holte eine Gartenleiter , stieg zu mir hinauf und überzeugte sich selbst von der Sicherheit meines luftigen Sitzes . » Nun « , sagte er , nachdem er noch einen kurzen Blick in mein Buch geworfen hatte , » du bist ja doch nicht zu hüten ; spinne nur weiter , du wilde Katz ! « – – Um dieselbe Zeit war es , daß eine seltsame Schwärmerei von mir Besitz nahm . Im Rittersaal auf dem Bilde oberhalb der Tür befand sich seitab von den reichgekleideten Kindern noch die Gestalt eines etwa zwölfjährigen Knaben in einem schmucklosen braunen Wams . Es mochte der Sohn eines Gutsangehörigen sein , der mit den Kindern der Schloßherrschaft zu spielen pflegte ; auf der Hand trug er , vielleicht zum Zeichen seiner geringen Herkunft , einen Sperling . Die blauen Augen blickten trotzig genug unter dem schlicht gescheitelten Haar heraus ; aber um den fest geschlossenen Mund lag ein Zug des Leidens . Früher hatte ich diese unscheinbare Gestalt kaum bemerkt ; jetzt wurde es plötzlich anders . Ich begann der möglichen Geschichte dieses Knaben nachzusinnen ; ich studierte in bezug auf ihn die Gesichter seiner vornehmen Spielgenossen . Was war aus ihm geworden , war er zum Manne erwachsen , und hatte er später die Kränkungen gerächt , die vielleicht jenen Schmerz um seine Lippen und jenen Trotz auf seine Stirn gelegt hatten ? – Die Augen sahen mich an , als ob sie reden wollten ; aber der Mund blieb stumm . Ein schwermütiges , mir selber holdes Mitgefühl bewegte mein Herz ; ich vergaß es , daß diese jugendliche Gestalt nichts sei als die wesenlose Spur eines vor Jahrhunderten vorübergegangenen Menschenlebens . Sooft ich in den Saal trat , war mir , als fühle ich die Augen des Bildes auf meinen Lidern , bis ich emporsah und den Blick erwiderte ; und abends vor dem Einschlafen war es nun nicht sowohl das Antlitz des lieben Gottes als viel öfter noch das blasse Knabenantlitz , das sich über das meine neigte . Einmal , da der Oheim über Feld war , trat ich aus seinem Zimmer , wo ich die Fütterung des Käuzchens besorgt hatte . Während ich durch den Saal ging , wandte ich den Kopf zurück und sah das Bild oberhalb der Tür von der Nachmittagssonne beleuchtet , die durch die nahe liegenden hohen Fenster schien . Das Gesicht des Knaben trat dadurch in einer Lebendigkeit hervor , wie ich es bisher noch nicht gesehen , und mich erfaßte plötzlich eine unwiderstehliche Sehnsucht , es in nächster Nähe zu betrachten . Ich horchte , ob alles still sei . Dann schleppte ich mit Mühe einige an den Wänden stehende Tische vor des Oheims Tür und türmte sie aufeinander , bis ich die Höhe des Bildes erreicht hatte . Während ich mitunter einen scheuen Blick über die schweigende Gesellschaft an den Wänden gleiten ließ , mit der ich mich in dem großen Raume eingeschlossen hatte , kletterte ich mit Lebensgefahr hinauf . Als ich oben stand , wallte mein Blut so heftig , daß ich das laute Klopfen meines Herzens hörte . Das Angesicht des Knaben war grade vor dem meinen ; aber die Augen lagen schon wieder im Schatten , nur die roten , fest geschlossenen Lippen waren noch von der Sonne beleuchtet . Ich zögerte einen Augenblick , ich fühlte , wie mir der Atem schwer wurde , wie mir das Blut mit Heftigkeit ins Gesicht schoß ; aber ich wagte es und drückte leise meinen Mund darauf . – Zitternd , als hätte ich einen Raub begangen , kletterte ich wieder hinab und brachte die Tische an ihre Stelle . Dies alles hatte ein plötzliches Ende . An meinem vierzehnten Geburtstag kündigte mein Vater mir an , daß ich die nächsten drei Jahre bis nach meiner Einsegnung , die dort erfolgen solle , bei der Tante in einer großen Stadt sein würde . – Und so geschah es . Ich war wieder , wie in den ersten Jahren meiner Kindheit , auf den Raum einiger Zimmer beschränkt , ohne Wald , ohne Garten , ohne ein Plätzchen , wo ich meine Träume spinnen konnte . Ich sollte alles lernen , was ich bisher nicht gelernt hatte , ich wurde dressiert von innen und außen , und die Tante , unter deren Augen ich jetzt mein ganzes Leben führte , war eine strenge Frau , die von den hergebrachten Formen kein Tüttelchen herunterließ . Der einzige , der etwas über sie vermochte , war vielleicht der kleine Rudolf , dessen allzu leidenschaftliche Anhänglichkeit mich gegenwärtig zu beunruhigen beginnt . Mit ihm vereint gelang es mitunter , uns zu einer gemeinschaftlichen Wanderung in die Anlagen vor der Stadt loszubitten . – Der Aufenthalt wurde erst erträglich , als der Musikunterricht mir größere Teilnahme abgewann und als ich durch Vermittlung meines Lehrers die Erlaubnis erhielt , einem Gesangvereine beizutreten . Freilich wurde sie nur widerwillig gegeben ; denn die Gesellschaft war eine aus allen Ständen gemischte – mauvais genre , wie die Tante mit einer ablehnenden Handbewegung zu sagen pflegte . Mich kümmerte das nicht . In den Pausen hielt ich mich zu der Schwester einer Hofdame und einer schon ältlichen Baronesse , die beide leidenschaftliche Sängerinnen waren ; ein paar Leutnants von der Linie traten zu uns , und wir plauderten , bis der Taktstock wieder das Zeichen gab . Ich hätte von den übrigen kaum einen Namen anzugeben vermocht . Später waren dann die Bedienten zeitig da , um uns nach Hause zu geleiten . Dann und wann kam ein kurzer förmlicher Brief meines Vaters , der mich ermahnte , in allem der Tante Folge zu leisten , oder ein längerer des Oheims , der kaum etwas anderes enthielt als das Gegenteil davon , bisweilen freilich auch einen Bericht über Schloß und Garten , der mich mit Heimweh nach diesen einsamen Orten erfüllte . Endlich war der dreijährige Zeitraum verflossen ; Tante Ursula und mein Vater kamen , um mich nach Hause zu holen und Rudolfs Mutter übergab mich ihnen als ein nicht ganz mißlungenes Werk ihrer Erziehung . Auch mein Bruder Kuno hatte die Reise mitgemacht ; er war gewachsen , aber er sah blaß und leidend aus , und es schnitt mir ins Herz , als bei der Ankunft eine kleine Krücke mit ihm vom Wagen gehoben wurde . Wir waren bald vertraute Freunde ; auf dem Heimwege saß er zwischen mir und der Tante und ließ meine Hand nicht aus der seinen . An einem klaren Aprilnachmittage langten wir zu Hause an . Schon als wir über die Brücke in den Hof einfuhren , sah ich den Oheim neben dem Turme in der Tür stehen . Er war barhäuptig wie gewöhnlich ; sein volles graues Haar schien in der Zwischenzeit nicht bleicher geworden . » Nun , da bist du ja ! « sagte er trocken und reichte mir die Hand . Als wir im Wohnzimmer waren und ich mich aus meinen Umhüllungen herausgeschält hatte , ließ er einen mißtrauischen Blick über meine modische Kleidung gleiten . » Wie willst du denn mit den Fahnen in die Beletage deines Gartenschlosses hinaufkommen ? « sagte er , indem er den Saum meiner weiten Ärmel mit den Fingerspitzen faßte . » Und ich hab es eben expreß für dich putzen lassen . « Aber seine Besorgnis war überflüssig ; das Wesen , das in den Kleidern mit Volants und Spitzen steckte , war dem Kerne nach kein anderes als das in den knappen Kinderkleidern . Es ließ mir keine Ruhe ; mit Entzücken lief ich in den Garten , wo eben das junge Grün an den Buchenhecken hervorsprang , durch das Hinterpförtchen in den Tannenwald und von dort wie der zurück ins Haus . Ich flog die breite Treppe hinauf ; es kam mir alles so groß und luftig vor . Dann begrüßte ich die altfränkischen Herren und Damen im Rittersaal ; aber ich trat unwillkürlich leiser auf , es war mir doch fast unheimlich , daß sie nach so langer Zeit noch ebenso wie sonst mit ihren grellen Augen in den Saal hineinschauten . Droben über der Tür neben den kleinen Grafenkindern stand noch immer der Knabe mit dem Sperling ; aber mein Herz blieb ruhig . Ich ging achtlos , und ohne seinen trotzigen Blick zu erwidern , unter dem Bilde weg in das Zimmer des Oheims . Da saß er schon wieder wie sonst in seinem alten Lehnstuhl , unter seinen Büchern und seinem lebenden und toten Getier ; Don Pedro , der lahme Starmatz , krächzte noch ganz in alter Weise , als ich den Finger durch die Stangen seines Käfigs steckte ; und auch draußen vor dem Fenster saß wieder ein Käuzchen in einem großen hölzernen Bauer und schaute träumend in den Tag . Der Oheim hatte seine Bücher fortgelegt ; und während ich die bekannten Dinge eines nach dem andern wieder begrüßte , fühlte ich bald , wie seine grauen Augen mit der alten Innigkeit auf mich gerichtet waren . Als ich nach einer Weile in die Wohnstube hinabkam , saß auch Tante Ursula schon strickend in ihrer Fensternische , und nebenan in seinem Zimmer sah ich durch die offene Tür meinen Vater über seine Korrespondenzen und Zeitungen gebückt . So war denn alles noch beim alten ; nur eine Vermehrung unserer Hausgenossenschaft stand bevor , da noch am selbigen Abend ein junger Mann erwartet wurde , der von meinem Vater auf die Empfehlung eines Gymnasialdirektors als Lehrer für den kleinen Kuno engagiert war . Er hatte Philologie und Geschichte studiert und sich nach einem längern Aufenthalt in Italien dem akademischen Lehrfach widmen wollen , war aber durch äußere Umstände zu einer vorläufigen Annahme dieser Privatstellung genötigt worden . Außer seinen sonstigen Kenntnissen sollte er , was besonders mich interessieren mußte , ein durchgebildeter Klavierspieler sein . Ich sah ihn zuerst am folgenden Tage , da er unten an der Mittagstafel neben seinem Zögling saß . Das blasse Gesicht mit den raschblickenden Augen kam mir bekannt vor ; aber ich sann umsonst über eine Ähnlichkeit nach . Während er die Fragen meines Vaters über seinen Aufenthalt in der Fremde beantwortete , strich er mitunter mit einer leichten Kopfbewegung das schlichte braune Haar an der Schläfe zurück , als wolle er dadurch ein tiefes inneres Sinnen mit Gewalt zurückdrängen . Nach Beendigung des Mittagessens brachte mein Vater das Gespräch auf Musik und bat ihn , bisweilen meinem Gesange mit seinem Akkompagnement zu Hülfe zu kommen . Obgleich aber dies mit Bereitwilligkeit zugesagt wurde , so verflossen doch einige Wochen , ohne daß ich mich dieser Abrede erinnert hatte ; überhaupt bekümmerte ich mich um den neuen Hausgenossen nicht weiter , als daß ich ihn zu Mittag und bei dem gemeinschaftlichen Abendtee in der herkömmlichen Weise begrüßte . Eines Nachmittags aber war mit einer jungen Dame aus der Stadt , mit der ich zuweilen zu singen pflegte , eine Sendung neuer Musikalien angelangt . Wir hatten ein Duett von Schumann hervorgesucht ; aber die eigensinnige Begleitung ging über unsere Kräfte . » Wir wollen den Lehrer bitten « , sagte ich und schickte den Diener nach dessen Zimmer . Er kam nach einer Weile zurück » Herr Arnold könne augenblicklich nicht , werde aber so bald wie möglich die Ehre haben . « So mußten wir denn warten ; ich sah nach der Uhr , eine Minute nach der andern verging , es war schon über eine Viertelstunde . Wir hatten uns eben wieder selbst darangemacht , da ging die Tür , und Arnold trat herein . » Ich bedauere , meine Damen ; die Stunde des Kleinen war noch nicht zu Ende . « Ich erwiderte hierauf nichts . – » Wollen Sie die Güte haben ! « sagte ich und zeigte auf das aufgeschlagene Notenblatt . Er trat einen Schritt zurück . » Darf ich bitten , mich der Dame vorzustellen ? « » Herr Arnold ! « sagte ich leichthin und ohne aufzublicken ; ich nannte den Namen des jungen Mädchens nicht , ich wollte es nicht . Er sah mich an . Ein überlegenes Lächeln glitt über sein Gesicht , und die leicht aufgeworfenen Lippen zuckten unmerklich . » Fangen wir an ! « sagte er dann , indem er sich auf das Taburett setzte und mit Sicherheit die einleitenden Takte anschlug . Dann setzten wir ein ; nicht eben geschickt , ich vielleicht am wenigsten ; nur die Sicherheit des Klavierspielers hielt uns . Als wir aber bis auf die Mitte des Stückes gekommen waren , hielt er inne . » Ancora ! « rief er , indem er mit der flachen Hand die Noten bedeckte ; » aber jede Stimme einzeln ! – Sie , mein Fräulein – ich darf mir vielleicht Ihren Namen erbitten ! « Die junge Dame nannte ihn . » Wollen Sie den Anfang machen ! « – Und nun begann , bald auch mit mir , eine strenge Übung ; unerbittlich wurde jeder Einsatz und jede Figur wiederholt , wir sangen mit heißen Gesichtern ; es war , als seien wir plötzlich in der Gewalt unseres jungen Meisters . Mitunter fiel er selbst mit seiner milden Baritonstimme ein ; und allmählich trat das Musikstück in seinen einzelnen Teilen immer klarer hervor , bis wir es endlich unaufgehalten bis zu Ende sangen . Als er sich lächelnd zu uns wandte , stand mein Vater hinter ihm , der unvermerkt herangetreten war . Das etwas abgespannte Gesicht des alten Herrn , der für Musik kein besonderes Interesse hatte , nahm sich zu der herkömmlichen Freundlichkeit zusammen . » Bravo , mein lieber Herr Arnold « , sagte er , indem er den jungen Mann auf die Schulter klopfte , » Sie haben den Damen heiß gemacht ; aber Sie sollten uns auch nun selbst noch etwas singen ! « Arnold , der noch die eine Hand auf den Tasten hatte , setzte sich wieder und begann eines jener italienischen Volkslieder , in denen die Klage um den Glanz der alten Zeit wie ein ruheloser Geist umgeht . Mein Vater blieb noch einige Augenblicke stehen ; dann wandte er sich ab und ging , die Hände auf dem Rücken , im Zimmer auf und ab . Seine Gedanken waren längst bei andern Dingen , vielleicht bei dem Bildnis des Königs , das er durch Vermittlung eines einflußreichen Freundes als Geschenk der Majestät zu empfangen Hoffnung hatte . Statt seiner war der kleine Kuno mit seiner Krücke ans Klavier geschlichen und lehnte sich schweigend an seinen Lehrer . Dieser legte unter dem Spielen den Arm um ihn und sang so das Lied zu Ende . – » Hörst du das gern , mein Junge ? « fragte er , und als der Knabe nickte und mit zärtlichen Augen zu ihm aufsah , nahm er ihn auf den Schoß und sang halblaut , als solle es dem Kleinen ganz allein gehören , das liebe deutsche Lied : » So viel Stern ' am Himmel stehen ! « Aber , ob mit oder ohne Willen , auch für mich war es gesungen . Er sang es später noch oft für mich ; denn unmerklich bildete sich seit diesem Tage ein freundlicher Verkehr zwischen uns . Es war aber nicht nur die Musik , die uns zusammenführte ; der kleine Kuno hatte bald seine Liebe zwischen mir und seinem Lehrer geteilt und veranlaßte uns dadurch zu mannigfachem Beisammensein in und außer dem Hause . Eines Tages im Juli waren der Oheim , Arnold und ich mit dem Knaben in der Stadt , um uns nach einem Rollstühlchen für ihn umzutun ; denn schon damals begann das Gehen ihm mitunter schwer zu werden . Da unser Geschäft bald besorgt war , so nahmen wir auf Arnolds Vorschlag einen etwas weiteren Rückweg , der am Saume eines schönen Buchenwaldes entlangführte . Hinter demselben in einem Dorfe ließen wir den Wagen halten und wandelten miteinander die Straße hinab , zwischen den meist großen strohbedeckten Bauerhäusern . Nach einer Weile bog Arnold wie zufällig in einen Fußweg ein , welcher zwischen zwei mit Nußgebüsch und Brombeerranken bewachsenen Wällen entlangführte . Wir andern folgten ihm ; Kuno , der sich heute kräftiger als sonst zu fühlen schien , hatte seine Augen auf den Hummeln und Schmetterlingen , welche im Sonnenschein um die Disteln schwärmten . Es dauerte indes nicht lange , so hörten zu beiden Seiten die Wälle auf , und vor uns in einer weiten Busch- und Wieseneinsamkeit lag ein stattlicher Bauernhof . Unter einer Gruppe dunkelgrüner Eichen erhob sich das Gebäude mit dem mächtigen , fast bis zur Erde reichenden Strohdache , die braungetünchte Giebelseite uns entgegen , aus der die weißgestrichenen Fenster freundlich hervorleuchteten . » In jenem Hause « , sagte Arnold , » bin ich als Knabe oft gewesen , und weil es mir hier wie fast nirgends in der Welt gefallen hat , so wünschte ich , daß auch Sie es einmal sähen . « Der Oheim nickte . » Wer ist denn der Besitzer jenes schönen Gutes ? « » Es ist der Schulze Hinrich Arnold . « » Hinrich Arnold ? « » Ja , der Bauer auf diesem Gute heißt allzeit Hinrich Arnold . « » Aber « , fragte ich jetzt , » heißen denn Sie nicht auch so ? « » Die ältesten Söhne aus der Familie tragen alle diesen Namen « , erwiderte er ; » auch bei dem Zweige derselben , der in die Stadt übergesiedelt ist . Der Vater des gegenwärtigen Besitzers war der Bruder des meinigen . « Mittlerweile waren wir bei dem Hause angelangt . Durch das offenstehende Eingangstor am andern Ende des Gebäudes führte uns Arnold auf die große , die ganze Höhe desselben einnehmende Diele , an deren beiden Seiten sich die jetzt leerstehenden Stallungen für das Vieh befanden . Ein leichter Rauchgeruch empfing uns in dem dämmerigen Raume . Im Hintergrunde , wo vor den Türen der Wohnzimmer sich die Diele erweiterte und durch niedrige Seitenfenster erhellt war , saß neben einem am Boden spielenden kleinen Knaben eine alte Frau in der gewöhnlichen Bauerntracht von dunkelm eigengemachtem Zeuge , das graue Haar unter die schwarzseidene Kappe zurückgestrichen . Als wir näher getreten waren , stand sie langsam auf und musterte uns gelassen mit ein Paar grauen Augen , die unter noch schwarzen Brauen kräftig aus dem gebräunten Gesicht hervorsahen . » Sieh , sieh ; Hinrich ! « sagte sie nach einer Weile , indem sie unserm jungen Freunde die Hand schüttelte , scheinbar ohne uns andern weiter zu beachten . » Das ist meine Großmutter « , sagte dieser ; » da meine Eltern nicht mehr leben , meine nächste Blutsfreundin . « Dann bedeutete er ihr , wer wir seien ; und sie reichte nun auch uns , der Reihe nach , die Hand . Während sie halb mitleidig , halb musternd auf die Krücke des kleinen Kuno blickte , fragte Arnold : » Ist denn der Schulze zu Haus , Großmutter ? « » Sie heuen unten auf den Wiesen « , erwiderte sie . » Und Ihr « , sagte mein Onkel , » wartet indessen vermutlich den jüngsten Hinrich Arnold ? « » Das mag wohl sein ! « erwiderte sie , indem sie die Tür des einen Zimmers öffnete ; » so ein abgenutzter alter Mensch muß sehen , wie er sein bißchen Leben noch verdient . « » Die Großmutter « , sagte Arnold , als wir hineingetreten waren , » kann es nicht lasen , den Jüngeren behülflich zu sein . – Aber « , fuhr er zu dieser fort , » Ihr wißt es wohl , dem Schulzen ist es schon eine Freude , daß Ihr noch da seid und daß er und die Kinder Euch noch sehen , wenn sie von der Arbeit heimkommen . « » Freilich , Hinrich , freilich « , erwiderte die Alte ; » aber es erträgt einer doch nicht allzeit , wenn der andere so überzählig nebenher geht . « – Sie hatte währenddes zu dem Antlitz ihres Enkels emporgeblickt . » Du siehst nur schwach aus , Hinrich « , sagte sie , » das kommt von all dem Bücherlesen . – Er hätte es besser haben können « , fuhr sie dann zu uns gewendet fort ; » denn sein Vater war doch der Älteste zum Hof , und er war wieder der Älteste . Aber der Vater wurde studiert ; da muß nun auch der Sohn bei fremden Leuten herum sein Brot verdienen . « Arnold lächelte ; der Oheim sandte ihr einen beobachtenden Blick nach , als sie bei diesen Worten aus der Tür ging . Bald aber kam sie mit einigen Gläsern Buttermilch zurück , die Arnold für uns erbeten hatte . In der Stube , die nicht zum täglichen Gebrauch be stimmt schien , standen mehrere sehr große Tragkisten an den Wänden , grün oder rot gestrichen , mit blankem Messingbeschlag , die eine auch mit leidlicher Blumenmalerei versehen ; so daß fast nur auf der unter dem Fenster hinlaufenden Bank sich Platz zum Sitzen fand . Ich wollte der Alten eine Güte tun . » Ihr seid hier schön eingerichtet ; mit all den saubern Kisten ! « sagte ich . Sie sah mich forschend an . » Meinen Sie das ? « erwiderte sie , » ich dächte , ein paar eichene Schränke , daneben noch ein Stuhl oder ein Kanapee Platz hätte , wären doch wohl besser ; aber es ist einmal die Mode so . « Der Oheim nahm schweigend eine Prise , indem er mit seinen verschmitztesten Augen zu mir hinüberblickte . Die Alte war nach der Tür gegangen , um von einem über derselben befindlichen Brettchen einen Apfel für meinen Bruder herabzuholen . Da sie nicht hinauflangen konnte , trug ich rasch einen Stuhl herbei , stieg hinauf und reichte ihr den Apfel ; zugleich erfreut , dadurch eine Verlogenheit zu verbergen , die ich nicht zu unterdrücken vermochte . Sie ließ mich ruhig gewähren . » Ja « , sagte sie , während sie dem kleinen Kuno den Apfel in die Hand drückte , » das hat jüngere Beine , da kann man nicht mehr mit . « Als ich aber bald darauf die strengen Augen der alten Bäuerin mit dem Ausdruck einer milden Freundlichkeit auf mich gerichtet sah , war mir unwillkürlich , als habe ich etwas gewonnen , das ebenso wertvoll als schwer erreichbar sei . Bald darauf verließen wir die Stube und besahen die Einrichtung des Gebäudes , vorab den großen , Sauberkeit und Frische atmenden Milchkeller , wie Arnold bemerkte , das eigentliche Staatszimmer unserer Bauern . Dann , während die Alte bei dem künftigen Hoferben zurückblieb , traten wir aus dem Eingangstor ins Freie , unter den Schatten der alten vollbelaubten Eichen . » Ihre Großmutter ist eine Frau von wenig Komplimenten « , sagte der Oheim im Gehen ; » aber man weiß nun doch , wo Sie zu Hause sind . « Arnold ergriff für einen Augenblick die Hand des alten Herrn , die dieser , ohne aufzublicken , ihm gereicht hatte . Vor uns , seitwärts von dem Hauptgebäude , lag das jetzt leerstehende Abnahmehäuschen . Auf einer Wiese dahinter befanden sich die Reste eines im Viereck gezogenen lebendigen Zaunes , welche die Neugierde meines Bruders erregten . Auch ein Paar Pfähle standen noch in den Büschen , zwischen denen einst ein Pförtchen den Eingang in den kleinen Raum verschlossen haben mochte . » Es ist ein Bienenhof « , sagte Arnold , » den mein Vater als Knabe vor vielen Jahren angelegt hat . Als sein Bruder später das Gut erhielt , hatte er zwar weder Zeit noch Lust , den Betrieb des jungen Bienenvaters fortzusetzen ; aber er ließ den Zaun zu seinem Angedenken stehen , und mir zuliebe hat es auch der Schulze so gelassen . « Vor uns lag , so weit das Auge reichte , eine ausgedehnte Wiesenfläche , hie und da durch lebendige Hecken oder einzelne Baumgruppen unterbrochen . Arnold wies mit der Hand hinaus und sagte : » Hier ist es mir seltsam ergangen . Als zwölfjähriger Knabe , da ich in den Sommerferien bei dem Oheim auf Besuch war , wanderte ich eines Morgens mit meinem einige Jahre älteren Vetter , dem jetzigen Schulzen , da hinab in die Wiesen . Wir gingen immer gradeaus , mitunter durch ein Gebüsch brechend , das unsern Weg durchschnitt . Ich blies dabei auf einer Pfeife , die mir mein Vetter aus Kälberrohr geschnitten hatte ; auch ist mir noch wohl erinnerlich , wie an einigen Stellen das Auftreten auf dem sumpfigen , mit weißen Blumen überwachsenen Boden mir ein heimliches Grauen erregte . Nach einer Viertelstunde etwa kamen wir in einen dichten Laubwald , und nach der Sommerhitze draußen empfing uns eine plötzliche Schattenkühle ; denn der Sonnenschein spielte nur sparsam durch die Blätter . Mein Vetter war bald weit voran ; ich vermochte nicht so schnell fortzukommen , wegen des Unterholzes , das überall umherstand . Mitunter hörte ich ihn meinen Namen rufen , und ich antwortete ihm dann auf meiner Pfeife . Endlich trat ich aus dem Gebüsch in eine kleine sonnige Lichtung . Ich blieb unwillkürlich stehen ; mich überkam ein Gefühl unendlicher Einsamkeit . Es war so seltsam still hier ; ein paar Schmetterlinge gaukelten lautlos über einer Blume , der Sonnenschein lag schimmernd auf den Blättern , und ein schwerer , würziger Duft schien wie eingefangen in dem abgeschiedenen Raume . In der Mitte desselben auf einem bemoosten Baumstumpf lag eine glänzend grüne Eidechse und sah mich wie verzaubert mit ihren goldenen Augen an . – – Ich weiß dies alles genau ; ich weiß bestimmt , daß wir vom Bienenhof hier in grader Richtung über die Wiesen fortgegangen sind . Und doch lacht der Schulze mich aus , wenn ich ihn jetzt daran erinnere ; denn dort hinunter liegt kein Wald und hat auch seit Menschengedenken keiner mehr gelegen . – Wo aber bin ich damals denn gewesen ? « » Vielleicht dort nach der andern Seite hin « , sagte mein Oheim . » Dann hätte der Weg nicht über die Wiesen führen können . « » Hm ; eine grüne Eidechse ? Ich habe hier herum so eine noch nicht gefunden . – Wissen Sie , Herr Arnold , es ist doch gut , daß Sie nicht der Schulze hier geworden sind . Sie sind ja ein Phantast , trotz der Anna da mit ihren alten Bildern . « Ich weiß nicht , weshalb wir beide rot wurden , als der Oheim uns bei diesen Worten eines nach dem an dern ansah ; aber ich bemerkte noch , wie Arnold mit jener leichten Bewegung den Kopf schüttelte und wie zur Abwehr das Haar mit der Hand zurückstrich . Auf dem Heimwege , den wir bald darauf antraten , wurde wenig zwischen uns gesprochen . Der kleine Kuno saß bald schlafend in meinem Arm