erwiderte Lorenz , › ich dachte nur , wer sich den einen Daumen holte , der kann sich auch den andern holen ; und von gar so weit mag er auch wohl nicht gekommen sein ! Denn – so klug bin ich doch – es ist diesmal kein Zauberwerk , sondern ein Schabernack gegen uns gewesen ; aber die da ‹ – und er erhob die Faust und zeigte drohend nach der Gegend , wo die neue Brauerei gelegen war – › sie sollen keinen Segen davon haben ! ‹ › Lorenz , Lorenz ! ‹ rief mein Vater , › sprich nicht so in deinem blinden Hasse , den du nicht einmal für dich , sondern nur um unseretwillen hegest ! Wir sorgen jeder für unser Brot ; und am Ende ist gar alles nur ein leer Gerede ! ‹ Aber Lorenz schüttelte den Kopf . › Sie wissen , Herr , ich geh nicht gern hinten aus unserer Brauhaustür , seit einem da das rote Dach so in die Augen scheint ; aber gestern hatte unser Pikas sich von der Kette losgerissen . Als ich eben auf den Weg hinaustrete , seh ich Marx Sievers seinen Ältesten mit zwei Tonnen auf dem Wagen von dort oben herunterkommen . » Na , Hans « , sag ich , als er näher kommt , » du holst dir auch wohl dein Bier jetzt von dem neuen Brauer ? « – » Ja « , sagt er , » Lorenz , das tu ich . « – » Und warum « , frag ich , » tust du das ? Seit deines Großvaters Zeiten habt ihr euer Bier doch immer nur bei uns geholt . « – » Ja « , antwortet er und schlägt schon wieder auf seine Pferde ; » dazumal lebte auch Peter Liekdoorn noch , und wir hatten noch keinen Finger in unserm Bier gefunden ! « Und damit war er schon in vollem Trab davongefahren . ‹ Unser Vater sah voll Bekümmernis auf seinen alten Knecht . Als dieser schwieg , sagte er leise : › Dann stehe Gott uns bei ; denn Marx Sievers und seine Söhne sind wahrhaftige Leute ! ‹ Meine Mutter hatte seine Hand ergriffen ; aber er entzog sie ihr und ging unruhig in der Stube auf und ab . Als jedoch Lorenz Miene machte , sacht hinauszugehen , zog er seine Uhr und sagte : › Das hat uns auch um Gottes Wort gebracht ; es ist zu spät , um nun noch in die Kirche zu gehen . Spann den Braunen vor die Karriole , Lorenz ! Ich will gleich selber mit Marx Sievers sprechen . ‹ – – So fuhren sie denn hinaus ; und mein Vater hat es uns damals und auch später oft genug erzählt ! › Unterweges ‹ , sagte er , › nahm ich Lorenz Zügel und Peitsche aus der Hand , weil er mir immer noch zu langsam fuhr ; aber mit unserer Ungeduld ist nichts getan ! ‹ Als sie endlich vor Marx Sievers ' großem Haustor hielten und dann mein Vater in die weite Loodiele trat , war dort alles tot und still und keine Menschenseele sichtbar . Nach einer Weile kam eine Magd . › Sie sind noch alle in der Kirche ‹ , sagte sie , › des Pastors Sohn , der Student , predigt ; aber es muß bald aus sein . ‹ – › So will ich warten ‹ , sagte mein Vater und ließ sich die Tür zur Wohnstube öffnen . Aber der junge Gottesmann mußte einen weiten Weg genommen haben bis zum heiligen Vaterunser . Draußen saß Lorenz auf der Karriole und klatschte dann und wann mit seiner Peitsche ; drinnen stand mein Vater und studierte die Glasmalerei auf den alten Fensterscheiben , welche die Belagerung Tönnings durch den General Steenbock darstellte . › Wohl hundertmal ‹ , sagte er , › hatte ich schon die schwedischen Soldaten gezählt , ohne was dabei zu denken , oder doch nur , um wieviel leichter es sein müßte , in diesem gelben Kriegshaufen mitzufechten , als eine Reise zu tun , wie ich sie heute tun mußte . ‹ Endlich aber war es draußen auf der Loodiele lebendig geworden ; nach ein paar mit der Magd gewechselten Worten trat der Bauer mit seinem ältesten Sohn ins Zimmer . Den Gruß meines Vaters erwiderte er kurz und trocken und ging erst an den Türhaken , um seinen Hut daran zu hängen ; dann stemmte er beide Fäuste mit den Knöcheln auf den Tisch und sagte : › Ihr Fuhrwerk , Herr Ohrtmann , wär ich am mindesten vor meiner Tür vermuten gewesen ; aber Sie kommen wohl , um sich das Geld für Ihre letzte Tonne Bier zu holen ? ‹ Und bevor mein Vater ihm darauf antworten konnte , fuhr er fort : › Bin ich Ihnen auch nur einmal einen Sechsling in der Schuld geblieben ? Ich denk doch nicht ! Aber diese letzte Tonne ‹ – und dabei schlug er heftig auf den Tisch – , › die bleib ich schuldig bis in alle Ewigkeit ! Und wollen Sie mir was , so zitieren Sie mich vor meinen Landvogt ; hier bin ich nicht für Sie zu sprechen ! ‹ › So hört doch ‹ , rief mein Vater ; › ich will kein Geld von Euch ; um dessen willen bin ich nicht gekommen ! ‹ › So ‹ , sagte der Bauer ; › was wollen Sie denn ? ‹ – › Ihr hättet ' s Euch wohl denken können , Sievers ; die Leute reden ja , Ihr hättet was in meinem Bier gefunden , was nicht in der Ordnung ist ! ‹ Der Bauer lachte . › Nicht in der Ordnung ? Nein , bei dem Teufel ! So was ist nicht in der Ordnung ! ‹ › Es soll der Daumen von dem Hingerichteten gewesen sein ‹ , fuhr mein Vater fort ; › und ich wollte Euch nur bitten , mich das sehen zu lassen , was Ihr gefunden habt . ‹ › Die Leute reden nicht umsonst ‹ , sagte der Bauer ; › das Ding ist drin im Hahn gesessen ; meine Nachbarn haben beide das gesehen . ‹ › Nun , so zeigt es jetzt auch mir ! ‹ › Da hätten Sie früher kommen sollen ; ich weiß nicht , wo das Ding geblieben ist ! ‹ › Sievers ! ‹ rief mein Vater , › so sucht oder lasset suchen ; das ist Eure Schuldigkeit ! Denn dieser Finger steht als ein Kläger wider mich auf und drohet , mich zum armen Mann zu machen ; er muß mir Rede stehen , wie er in mein Gebräu gekommen ist ! ‹ Aber der Bauer sagte : › Das ist Ihre Sache , Herr Ohrtmann ; ich laß mein Bier bei einem anderen holen , und damit hopp und holla ! ‹ Mein Vater besann sich ein paar Augenblicke , während Marx Sievers seine Pfeife vom Haken nahm und aus dem zinnernen Tabakskasten stopfte . Als er schon angezündet hatte und die Rauchwolken trotzig vor sich hin blies , begann mein Vater wieder : › Ich hab doch recht vernommen , Sievers ? Ihr wollt mir diese letzte Tonne nicht bezahlen ? ‹ – › Ganz recht , Herr Ohrtmann ; ich denk , ich hab das deutlich genug gesagt ! ‹ › Nun , ich verlange das auch nicht ; aber wenn Ihr mein Bier nicht bezahlt , so gehört mir auch der Finger , der darin gewesen ist ! ‹ Der Bauer stutzte ; aber nicht lange , so zog er seinen vollen Lederbeutel aus der Tasche und zählte das Geld für die Tonne Bier in blanken Banktalern vor meinem Vater auf den Tisch . › Nun ist der Finger mein ‹ , sagte er , › und ich tu damit nach meinem Dünken . ‹ Es wäre wohl umsonst gewesen , daß mein Vater das Geld zurückschob , wenn nicht der Sohn sich jetzt hineingemischt hätte . › Vater ‹ , sagte er , › soll ich den Finger holen ? Ich mein , er liegt in unserm Nagelkasten . ‹ Der Alte brummte etwas in den Bart ; aber der Sohn ging hinaus und kam bald darauf mit einem Kasten voll alten Eisenzeuges wieder in die Stube . Als er darin umherkramte , gewahrte mein Vater ein gelblichgraues Ding , das er nicht anders als für den Daumen eines Menschen anerkennen konnte ; zwar schien er dick mit Gest oder , wie es auf hochdeutsch heißt , mit Hefe überzogen ; aber auch die Form des Nagels war noch deutlich sichtbar . › Und das hier ‹ , frug er den Bauern , › habt Ihr in meinem Bier gefunden ? ‹ › Ich sagt es schon ‹ , versetzte dieser ; › als wir das Letzte aus der Tonne zapfen wollten , da hat ' s den Hahn verstopft . ‹ › Nun , Marx Sievers , Ihr könnt wohl denken , daß ich mir dies Unheil nicht selber angerichtet habe ! Ihr seid sonst als ein gerechter Mann bekannt , so bitt ich Euch , fahrt jetzt gleich mit mir zum Bürgermeister und gebt da Zeugnis , wo und wann Ihr dieses Ding gefunden habt ; denn jeder neue Tag ist mir zu Spott und Schaden ! ‹ Der Bauer hatte sich breit in seinen Lehnstuhl niedergelassen . › Ins Gericht , Herr Ohrtmann ? Zum Bürgermeister ? – Ja , wenn meine eigene Obrigkeit mir das befiehlt ; sonst nicht . Ich habe Spott und Schaden auch in meinem Haus ; meine Frau ist heut noch krank vor lauter Abscheu ! ‹ Mein Vater mußte sich das alles bieten lassen ; denn der Finger lag leibhaftig vor ihm , und die Sievers waren als wahrhaftige Leute überall bekannt ; er stand , wie er selber sagte , da als ein geschlagener Mann . Endlich wurde dennoch ein Abkommen getroffen ; der Sohn durfte das unheimliche Ding in eine Schachtel packen und damit und mit meinem Vater in die Stadt zum Bürgermeister fahren . – – Daß dies geschehen war , aber von Weiterem auch nichts , erfuhren wir zu Hause schon durch Lorenz , der zu Fuße wieder ankam , während wir noch immer mit dem Mittag warteten und vor Angst und Spannung nicht wußten , wie wir unsere Zeit verbringen sollten . Endlich kam unser Vater , und ich sah , wie seine Hand zitterte , als er die unserer Mutter drückte und lange in der seinen hielt . › Übermorgen ‹ , sagte er , › soll ich wieder zum Bürgermeister kommen . Wenn es doch erst übermorgen wäre ! ‹ Als er sich dann nicht an den gedeckten Tisch , sondern an dem kalten Ofen in den Lehnstuhl gesetzt hatte , standen wir alle um ihn her , bis er endlich zu erzählen anhub . – In dem Studierzimmer des Bürgermeisters , als er mit dem jungen Sievers dorthin kam , war eben der alte lustige Apotheker Hennings zugegen gewesen . Der hatte geraten , den Finger erst ein paar Tage in Spiritus zu setzen , damit sich der Überzug von Hefe löse , und dann gründlich untersucht werden könne , ob er zu der Hand des Hingerichteten gehöre oder nicht . Nach der Zustimmung des Bürgermeisters war er selbst nebenan in seine Apotheke gelaufen und bald mit einem vollen Glashafen zurückgekommen . Sehr genau hatte er hierauf den Finger besehen , dann gerieben und geschabt und ihn um und um gewandt . › Aber ein wunderlicher Kauz ‹ , sagte mein Vater , › ist der alte Hennings doch ; denn er schmunzelte dabei , als ob er einen Allerweltsspaß in den Händen drehe ! ‹ – › Man sollte kaum meinen ‹ , hatte er zuletzt gesagt und dabei meinen Vater ganz listig durch seine runden Brillengläser angesehen , › daß Peter Liekdoorn bei seinen Lebzeiten mit diesem Daumen allzuviele Hühneraugen hätte operieren können ! ‹ Weiteres war aus ihm nicht herauszubringen gewesen ; aber übermorgen sollte mein Vater wieder zum Bürgermeister kommen . Der Finger war in den mit Spiritus gefüllten Glashafen getan und dieser , nachdem man ihn mit dem Gerichtspetschaft versiegelt hatte , in dem großen Aktenschrank verschlossen worden . – – Nun , es wurde denn auch übermorgen ; – langsam genug . – Um elf Uhr vormittags ging mein Vater aus dem Hause . Während meine Mutter und ich uns durch Putzen und Scheuern die Angst von der Seele wegzuarbeiten suchten , kam unsere alte Krautfrau zu uns in die Küche und erzählte , Peter Liekdoorn habe heute nacht in der Bürgermeisterei ans Fenster geklopft ; denn er habe seinen Daumen wiederhaben wollen , der jetzt dort in dem großen Schrank verschlossen liege . › Letzten Sonntag ‹ , sagte sie , › haben die Diebe ihn über die Türschwelle dem Bürgermeister in das Haus geschoben , weil sie vor dem Gespenste keine Nacht mehr Ruhe hatten ; aber heut vormittag ist groß Verhör , und dann kommt alles an den Tag ; und hernach mögen alle Reu und Leid geben , die so ihre bösen Mäuler über unsern Herrn Ohrtmann haben laufen lassen ! Gott soll mich bewahren , daß ich an so was nur gedacht hätte ! ‹ Ich seh das alte dumme Weib noch vor mir « , sagte unsere treffliche Wirtin , » wie sie das alles wie Kraut und Rüben durcheinanderwelschte ; Gott weiß , wo sie es sich aufgesammelt hatte ! Wir freuten uns nur , da sie endlich fort war und wir wieder , wie am Sonntag , hangend und bangend allein beieinander in der Stube saßen . Da endlich hörten wir die Haustür gewaltsam aufreißen . › Das ist Christian ! ‹ sagte meine Mutter . › Was wird der wieder zu erzählen haben ! ‹ Aber es war unser Vater , dem freilich Christian mit seiner Rechentafel auf dem Fuße folgte . › Nun ‹ , rief meine Mutter , › haben sie gestanden ? Sind die Diebe festgenommen ? ‹ Aber er schüttelte den Kopf und schwenkte , ganz außer Atem , ein beschriebenes Papier in seiner Hand . › Mutter ! Kinder ! ‹ rief er endlich , › es ist lauter Dunst gewesen ; nun wird alles wieder gut ! Aber dem alten Hennings , dem Mann hätt ich die Füße küssen mögen ! Und das , das hier – das kommt ins Wochenblatt ! ‹ Seine Augen glänzten , seine Stimme bebte ; uns war , als ob er alles durcheinanderspräche . Aber dann gab er mir das Blatt und sagte : › Lies , Nane ; aber laut und deutlich ! Siehst du , des Bürgermeisters Name steht darunter , und das Siegel ist auch dabeigedrückt ! ‹ Und dann las ich , und noch heute weiß ich jedes Wort ; denn uns allen war , als ob eine Himmelsbotschaft in unser dunkles Haus gekommen wäre . › Wenn ‹ – so stand da – › einer unserer geachtetsten Mitbürger , der Brauer Josias Christian Ohrtmann , durch unbedachte Zungen in Verdacht geraten , als ob der von dem Körper des hieselbst hingerichteten armen Sünders abhanden gekommene Finger sich in seinem Biere vorgefunden , so wird zur Steuer der Wahrheit , und um unverdienten Schaden von einem ehrenwerten Manne abzuwenden , hiedurch bekanntgegeben , daß nach sorgsamer , durch den hiesigen Herrn Apotheker Hennings unter Zuziehung der Behörde vorgenommener Untersuchung der Verdacht erregende Gegenstand sich lediglich als eine verhärtete Gest-oder Hefemasse herausgestellet , welche durch besondere Zufälligkeiten die Form eines menschlichen Daumens angenommen hatte . ‹ So lautete der Inhalt Wort für Wort « , sagte die Erzählerin ; » wer sollte so was auch vergessen können ! Mein Vater aber hatte plötzlich seine Hände vor der Brust gefaltet . › Mutter ! Kinder ! ‹ sagte er ruhig , › Gott ist barmherzig und ein Gott der Liebe ! Er prüfet wohl ; doch er verlasset keinen , der in seiner Schwachheit gerecht vor ihm zu wandeln trachtet ! ‹ Und dann betete er laut ; ich habe niemals ein so heißes Dankgebet aus eines Menschen Munde gehört . Meine vierzehnjährige Schwester war auf die Knie gesunken und sprach ebenso laut die Worte nach , die über seine Lippen strömten . Auf unsern Christian aber hatte die Freudenbotschaft auch noch eine andere Wirkung . Als wir noch alle schweigend um unseren Vater standen , bemerkte ich auf einmal , daß er wiederholt mit der doppelten Faust als wie zur Übung in die leere Luft hineinschlug . › Christian ! Christian ! ‹ rief unsere Mutter , › was treibst du da für Faxen ? ‹ Christian tat erst noch einen Lufthieb und schaute dabei sehr fröhlich aus seinem heut ganz braun und blauen Angesicht . › Verdamm mich , Mutter ! ‹ sagte er , denn er fluchte wirklich mitunter ganz gotteslästerlich ; › verdamm mich , Mutter ! Nun sollen die Jungens aber Prügel haben ! ‹ › Pfui , schäm dich ! ‹ rief sie . › In solchem Augenblick an so was nur zu denken ! ‹ Er ließ zwar etwas beschämt den Kopf hängen , dann aber murmelte er : › Ja , Mutter , verdamm mich ! Sie sollen es aber doch ! ‹ Und geschwind tat er noch einmal einen Fausthieb durch die Luft . Mein Vater , der dergleichen sonst nicht leiden konnte , strich heute seinem hitzköpfigen Knaben nur lächelnd übers Gesicht ; er war zu glücklich , um jetzt ein tadelndes Wort zu sprechen . › Hole mir lieber unsern Lorenz , Christian ‹ , sagte er , › damit wir auch ihm den Stein von seinem Herzen nehmen ! ‹ Und dann wurde Lorenz geholt ; und ich las noch einmal . Als ich fertig war , standen dem alten Menschen die Augen dick voll Tränen . › Sehen Sie wohl , Herr ! ‹ sagte er und schlug sich leise mit der Hand gegen seine Brust , Lorenz Hansen is mein Nam ; Gott hilf , daß ich in ' n Himmel kam ! › Amen ‹ , sagte mein Vater . Dann wurde Christian mit dem Schriftstück in die Druckerei geschickt . – Als wir später bei unserem Nachmittagskaffee saßen , bemerkte ich , daß unser Vater einige Male ganz schelmisch nach seinem Pfeifenbrett hinüberblinzelte . › Was meinst du , Nane ‹ , sagte er heiter , › wenn du mir heut einmal den großen Meerschaum stopftest ? ‹ – Ich war fast verwundert ; denn da er das Rauchen eigentlich nur für reiche Leute schicklich hielt , so erlaubte er sich sonst nie vor Feierabend seine Pfeife Portoriko ; die silberbeschlagenen Meerschaumköpfe aber , die beide sorgsam mit einem Seidentuch umwunden waren , die kamen stets nur sonntags von der Wand . Als ich dessenungeachtet jetzt die schöne Pfeife stopfte , nickte er mir freundlich zu : › Und nun geh auch in die Küche ‹ , fuhr er fort , › und brenne sie mir selber an ; und wenn du das getan hast , dann hole den Kalender und ziehe unter diesen Tag mit deinem Rotstift einen breiten Strich ! Unser Wandsbecker Bote hat so viele Haus- und Jahresfeste ; nun haben auch wir eines ! Und wenn der Tag sich jährt , dann vergiß niemals , mir schon beim Kaffee meinen großen Meerschaumkopf zu stopfen ! ‹ – Unser Vater war wohl kein schöner Mann , er hatte nur seine treuen blauen Augen ; aber an diesem Tage , und wie er so seelenfroh aus seinem Meerschaum rauchte , fanden meine Schwester und ich ihn beide so hübsch , daß wir gegenseitig ihn uns immer wieder zeigen mußten . « Die alte Dame schwieg , als ob ihre Erzählung hier zu Ende sei ; mir aber war , als sei das eigentliche Ziel derselben noch von ihr zurückgehalten . » Und weiter ? « frug ich nach einer Weile , da auch niemand anders sprach . » Weiter ? « rief eine muntere Frau an meiner Seite . » Was wollen Sie noch weiter ? Ende gut , alles gut ! Es war ja alles nur um nichts gewesen ! « Ich sah auf unsere Wirtin , deren sonst so heitere Augen jetzt mit einem durchdringenden Blicke auf die Sprecherin gerichtet waren . » Da haben Sie recht « , sagte sie ; » es war alles nur um nichts . « » Aber die Kundschaft « , frug ich , » sie kam jetzt doch wieder ? Und in der nächsten Erntezeit mußte die flinke Nane vor all den durstigen Krügen und Gemäßen doch wieder auf den Tritt und von dem Tritt aufs Fenster flüchten ? « Die alte Dame tat einen tiefen Atemzug . » Nein « , sagte sie , » so etwas ist niemals wieder vorgekommen ; in der Erntezeit des folgenden Jahres passierte etwas anderes , das ich gleichfalls nie vergessen werde . Nein , die Kundschaft , wie wir sie früher hatten , kam nicht wieder , obgleich es an redlichem Willen im Hause und an Bemühungen gutherziger Freunde nicht gefehlt hat . Der alte Hennings , wenn die Bauern in seine Apotheke kamen , ließ nicht ab , ihnen die Geschichte von dem Gestfinger und die Güte des Ohrtmannschen Bieres zu verdeutschen ; und zuweilen kam er selber mit einer so eroberten Bestellung angelaufen ; aber Marx Sievers nebst seinem ganzen Dorfe hat niemals wieder unseren Hof betreten ; vielleicht – ich hab das später mehr erfahren – weil er dem sich zu begegnen scheute , gegen den er sich im Unrecht wußte . – Die Geschichte wurde weit und breit bekannt ; aber nur der arge Teil davon fand Glauben ! Wenn auswärts Freunde unser Bier empfahlen , so hieß es jetzt wohl : › Ohrtmann , Ohrtmann ? Ist das nicht der Mann , der den Finger in seinem Biere hatte ? ‹ Und wurde dann auch der ganze Dunst ersichtlich aufgeklärt , es hieß am Ende doch : › Man braucht ja eben nicht vor diese Tür zu gehen ; es gibt ja andere noch , bei denen gutes Bier zu haben ist ! ‹ Dergleichen kam uns oft genug zu Ohren . Ja , ein verkommener Winkelschreiber , ein Altersgenosse meines Vaters , wagte es sogar , ihm seine Hülfe anzubieten und zutraulich dabei zu äußern , die zwölf Wochenblattszeilchen hätten ihm wohl einen schönen Haufen Geld gekostet ; aber das brauche man ja keinem auf die Nas ' zu binden . Es mochte nicht viel helfen , daß mein Vater den miserablen Kerl zur Tür hinauswarf ; es wurde vielleicht nur um desto mehr geglaubt . › Der sprach für viele ! ‹ sagte mein Vater , als er uns voll Entrüstung das erzählte . Sonst habe ich ihn niemals klagen hören ; er war nur stiller , als er sonst gewesen , und es kam mir oft , als ob sein heißes Dankgebet ihm auf die Seele drücke . Dagegen bemerkte ich , daß er , zumal an Markttagen , jetzt öfterer aus dem Brauhaus auf den Weg hinaustrat ; nicht als ob dort die Wagen nach dem roten Dach jetzt weniger als sonst vorbeigefahren wären ; aber es war , als triebe ihn etwas hinaus , daß er sie alle zählen müsse . Meine Mutter vermochte das Unglück und die Entbehrungen , die es mit sich brachte , nicht immer so geduldig zu ertragen ; das fühlten nicht bloß wir Kinder ; sie konnte mitunter sogar dahin geraten , ihrem guten Manne die Schuld des ganzen Unheils beizumessen ; und immer kam sie dann auf die schon früher getadelte Nachsicht , womit er das abergläubische Getue seines Knechts geduldet habe . › Ich laß es mir nicht nehmen ‹ , sagte sie eines Abends , › hättest du ihm nur das Salzen und Bekreuzen ausgetrieben , die Leute wären nimmer auf das Stück gekommen , den dummen Finger in unserm Bier zu suchen ! Aber konnte er den einen Hokuspokus machen , warum denn nicht den anderen ? Und warum nicht heute oder morgen wieder einen andern ? ‹ Für gewöhnlich ging Derartiges , da mein Vater seine kleine heftige Frau immer bald wieder ins gleiche brachte , ohne weitere Spur vorüber . Das aber sollte diesmal nicht so sein . Es war eben vor dem Abendessen , und beide standen schon an ihren Stühlen , wobei sie die Stubentür im Rücken hatten ; nur ich hatte gesehen , wie diese sich auftat und Lorenz , im Begriff hereinzutreten , plötzlich stehenblieb , eben als meine Mutter jenen wohl nicht ganz unbegründeten Vorwurf aussprach . Bevor ich mich in meinem Schrecken noch besann , hatte schon die Tür sich wieder leis geschlossen ; dann kamen die Kinder und die Magd herein ; aber Lorenz mußte erst durch Christian gerufen werden . Noch heute danke ich meinem Schöpfer , daß ich damals meinen Eltern nichts verraten habe ; denn von nun an war Lorenz wie verwandelt : vor den Gebinden , die im Hausflur lagen , oder hinten vor seiner Braupfanne , oder auch nur vor einem Tisch oder Stuhl im Hause konnte er lange mit starren Augen stehenbleiben ; ging er aber fort , so sah ich mehrmals , wie er mit der Faust sich über beide Augen fuhr . › Was mag denn Lorenz fehlen ? ‹ hörte ich eines Abends meine Mutter fragen , die sonst dem alten Manne herzlich gut war . › Er geht ja umher , als ob er über schwere Dinge brüte . ‹ Mein Vater schüttelte den Kopf . › Ich denke , nichts weiter als uns andern auch ; du weißt , er trägt an unseren Sorgen allzeit schwerer als an seinen eigenen . ‹ Aber am anderen Morgen trat Lorenz vor ihn hin und bat um seinen Abschied ; er wisse einen jungen Menschen , der sogleich an seine Stelle treten könne . Mein Vater äußerte nachher , ihm sei gewesen , als ob sein altes Erbhaus über ihm zusammenbräche . Doch Lorenz wollte sich nicht halten lassen . › Ich habe mich mit meinem Gott beraten . ‹ Auf alle Fragen hatte er nur diese eine Antwort ; er mochte fürchten , sonst nicht stark genug zu sein . Und so ging er denn , nachdem er über ein Menschenalter dagewesen war ; wie er sagte , um einer verwitweten Schwester , die in einem entfernten Dorfe wohnte , in ihrer kleinen Bauernwirtschaft beizustehen . – Aber er hatte die Trennung doch nicht überwinden können ; durch Aufkäufer , die im Lande herumreisten , kamen bald wunderliche Nachrichten von dorther ; und kurz vor Weihnachten mußten wir erfahren , daß unser alter Lorenz als Geisteskranker in die Landesanstalt aufgenommen sei . Das waren trübe Festtage ; einen Weihnachtsbaum ohne Lorenz hatten wir Kinder uns ohnehin nicht denken können . Ich allein wußte , weshalb er das Haus verlassen hatte , in dem allein noch seine Heimat war , und ich trug schwer daran ; denn sein Opfer war umsonst gewesen . Mein Vater plagte sich mit dem jungen Knecht , aber die Kundschaft besserte sich nicht ; es hatte nicht mehr geholfen als die tapferen Kämpfe , die unser Christian unermüdlich für die gute Sache ausfocht . So ging der Winter zu Ende , und so kam der neue Sommer und endlich auch die Erntezeit . Nur für uns war sie es nicht . Wir hatten schon die letzten Tage im August . Unsere zwei Stock hohe Außendiele kam mir so groß und einsam vor , seitdem nicht jeden Augenblick die Haustürglocke läutete ; dennoch konnte ich es nicht lassen , wenn die altgewohnte Verkaufszeit heranrückte , mich dort aufzuhalten , um meistens müßig durchs Fenster auf die Straße hinauszustarren . – So stand ich auch eines Vormittags ; es waren kalte trübe Tage eingefallen , und von dem Lindenbaum , der hier vor dem Fenster stand , wehten schon einzelne gelbe Blätter . Ich merkte wohl , daß mein Vater neben mich getreten war ; aber ich rührte mich nicht ; wir sahen beide , wie die Blätter niederwehten , und mochten beide wohl dieselben Gedanken haben . Da ging draußen ein halb bäuerlich gekleideter Mann mit einem sogenannten Quäkerhut vorüber ; er schien ein Fremder , aber dennoch war mir , als müßte ich ihn schon gesehen haben . Bevor ich mich jedoch darüber noch besinnen konnte , bemerkte ich eine hastige Bewegung an meinem Vater , und als ich aufblickte , sah ich , daß er den Mund fest geschlossen hatte ; aber ich sah auch , wie . seine Lippen zitterten . › Vater ‹ , sagte ich , › fehlt dir etwas ? Wer war doch der Mann ? ‹ Aber er drückte nur heftig meine Hand und ging dann , ohne ein Wort zu sagen , nach dem Hof hinaus . Es war , als wenn uns alles jetzt zum Schrecken wer den sollte . Endlich schlug es wieder einmal elf auf unserer Dielenuhr , und ich ging in die Stube und setzte mich an meine Näharbeit . Eben , als meine Mutter aus der Küche hereintrat , läutete es von der Haustür , und als ich durchs Guckfenster auf den Flur hinaussah , da war es der Fremde von vorhin . Ich erkannte ihn jetzt wohl ; es war ein Hopfenhändler aus Franken , der um diese Zeit zu kommen pflegte , um neue Bestellungen entgegenzunehmen und sein Geld für die alte Ware einzukassieren ; er hatte vor zwei Jahren sogar einen Abend bei uns zugebracht . › Geh ‹ , sagte meine Mutter , › hole deinen Vater und sag ihm , daß Herr