einer halben Stunde hier vorbeigegangen und werde bald zurückkommen . » Wenn ' s gefällig « , setzte er hinzu , » könnten Sie ja mit dem jungen Herrn hinausgehen . « Ich machte große Augen . » Pflegesohn , Herr Wirt ? – Ich spreche von dem Maler Brunken . « » Ohne Zweifel , mein Herr « , erwiderte dieser , » der Herr Professor sind mir wohl bekannt ; sie haben zu Anfang ihres hiesigen Aufenthalts ein Vierteljahr in meinem Hotel zu Mittag gespeist . « Ich gab mich zufrieden und ging auf mein Zimmer , um mich umzukleiden . Es dauerte auch nicht lange , so wurde angeklopft , und auf mein » Herein « trat ein kräftiger , fast untersetzter junger Mann von etwa neunzehn Jahren in das Zimmer . » Herr Doktor Arnold ? « sagte er , indem er mich begrüßte . Ich betrachtete ihn näher . Auf seinen breiten Schultern erhob sich ein kleiner blasser Kopf , in dessen tiefliegenden Augen ein eigener , fast melancholischer Reiz lag . » Sie wollen die Güte haben « , entgegnete ich , » mich zu meinem Freunde zu führen ? « » Es wird meinem Lehrer eine große Freude sein « , erwiderte er , » er hat mir oft von Ihnen gesprochen . « » Sie sind auch Maler ? « fragte ich . » Ich suche es zu werden « , versetzte er . Wir gingen nun zusammen fort . Unterwegs erzählte mir mein junger Begleiter , der auf meine Fragen bescheiden , aber ohne Gesprächigkeit antwortete , daß er seinen ersten Unterricht von Brunken erhalten , mit dem er sogleich das derzeit von diesem erkaufte Haus bezogen habe . Aus seinen Äußerungen mußte ich entnehmen , daß er dort seine eigentliche Heimat finde ; denn er war auch jetzt nach einem dreijährigen Besuch der Akademie dahin zurückgekehrt . Unter solchen Gesprächen hatten wir bald die Stadt im Rücken und gingen nun im Schatten einer langen Lindenallee , an deren beiden Seiten sich eine Reihe von zum Teil prächtigen Landhäusern entlangzog . Nach kurzer Zeit bogen wir in eine Seitenstraße , wo die Architektur bescheidenere Formen anzunehmen begann ; und hier , auf der Terrasse eines einstöckigen Hauses , erblickte ich die groteske Gestalt meines trefflichen Freundes . Er stand in der vollen Mittagssonne und beschattete die Augen mit der Hand ; das mächtige Haupt war noch wie einst mit dem braunen struppigen Vollbart geziert ; aber als wir die Tür des Gartengitters öffneten , sah ich , daß er frisch und kräftig ausschaute , wie ich ihn nie gekannt . » Wen bringst du mir da , mein Sohn Paul ? « rief er uns entgegen , während wir um einen kleinen Rasen herum dem Hause zugingen . Paul lächelte . » Keinen Fremden , denke ich ! « Und schon war Brunken die Stufen in den Garten hinabgekommen und hatte meine beiden Hände ergriffen . » Nein , keinen Fremden ! « rief er . » Bei allen Göttern , die den Wanderer beschützen ! Sei mir tausendmal gesegnet , Arnold , daß du endlich bei mir einkehrst ! « Ich konnte nicht zu Worte kommen ; denn schon war er wieder die Stufen hinauf und rief durch die offene Flügeltür ins Haus : » Martha , Marie , wo steckt ihr denn ? « Und dabei schlug ihm die Stimme in seine höchste Fistel über ; aber dennoch klang es schön und herzerquickend ; und herzerquickend war auch das , was auf seinen Ruf erschien ; zuerst , wie ein Vogel herangeflogen , ein schlankes , etwa vierzehnjähriges Mädchen ; und dann , ihr ruhig folgend , eine ältere Frau mit den schönen Augen meines Freundes , aber ohne die Gebrechen seines Körpers . » Dies « , sagte Brunken , indem er ihre Hand ergriff , » ist meine liebe Schwester Martha ; wir hausen hier zusammen ; den Paul hast du dir schon selber aufgefischt ; aber diese meine Nichte muß ich dir noch vorstellen ; es ist ein junges , törichtes Geschöpf , das den hehren Namen Maria noch keineswegs verdient hat . « Und dabei zupfte er die kleine Schöne ein paarmal derb an ihren braunen Flechten . » Nicht wahr « , fuhr er zu mir gewendet fort , » du trittst hier in ein kinderreiches Haus ! Und sind sie auch nicht so ganz mein eigen , so hab ich doch ein gutes Teil an ihnen . « Er mußte innehalten , der Atem fing ihm endlich an zu fehlen . Und es brauchte auch keiner weitern Auseinandersetzung ; das Mädchen hatte die Arme auf dem Rücken zusammengeschränkt und sah mit den glücklichsten Augen in das gerötete Antlitz des kleinen aufgeregten Oheims . » Aber Edde ? « bemerkte jetzt die Schwester , indem sie fragend von ihm zu mir herüberblickte . Er hatte sie sogleich verstanden . » Ja so , wer das ist ? « rief er . » Den kennt ihr alle ; das ist der Arnold , der Doktor ; er kommt grade , da die Rosen blühen ; und nun soll es auf der Villa Brunken ein paar seelenfrohe Tage geben ! « Und in der Tat , heiter war es auf der Villa Brunken . Nach dem herzlichsten Willkommen saß ich bald unter diesen lieben Menschen an einer wohlgedeckten Mittagstafel in dem freundlichen Gartensaal , dessen Flügeltüren auf die Terrasse hinaus geöffnet blieben ; und während wir plauderten und genossen , wehten von Zeit zu Zeit die vorbeiziehenden Sommerlüfte eine ganze Wolke von Rosenduft zu uns herein . – Nachher verstand es sich von selbst , daß ich zur Mittagsruhe in ein kühles Gastzimmerchen verwiesen wurde , das man bei Kündigung der Freundschaft mir auferlegte , mindestens für drei Tage als meine Wohnung anzusehen . Ich mußte schon nachgeben ; und während ich nach der auf der Eisenbahn verwachten Nacht einen erquicklichen Schlaf tat , war Paul zur Stadt gewesen und hatte mein Gepäck aus dem Gasthof herüberschaffen lassen . Als ich mit Brunken wieder in den Gartensaal trat , wo uns Frau Martha am Kaffeetisch erwartete , klopfte er mich leise auf den Arm und zeigte nach der Terrasse hinaus , zu der auch jetzt die Türen offenstanden . Dort , wo jetzt schon der Schatten des Nachmittags vorgerückt war , wurde augenscheinlich eine Zeichenstunde gegeben . Das hübsche schlanke Mädchen saß eifrig mit dem Bleistift arbeitend an einem Tischchen , während Paul , an ihren Stuhl gelehnt , der kleinen regsamen Hand aufmerksam mit den Augen folgte . » Nun sieh mir einer diese Hexe ! « rief Brunken , » mir läuft sie immer aus der Schule ; und seit der Paul da ist , wird Tag für Tag gezeichnet . Versteht er ' s denn wirklich schon besser als ich ? « Der junge Mann errötete ; Marie aber sagte , ohne aufzublicken : » Paul ist so hübsch geduldig , Onkel ! « Brunken drohte mit dem Finger . » Ich muß wohl eifersüchtig werden ! « sagte er , und dabei warf er einen Blick des innigsten Behagens auf das junge Menschenpaar . Nach dem Kaffee lustwandelte ich mit Brunken in seinem Garten , der sich in beträchtliche Tiefe hinter dem Wohnhause erstreckte . Nachdem wir den Duft der Rebenblüte in einem Glashause eingesogen , auch eine Weile von einem Anberge aus nach der Stadt hinübergesehen hatten , von wo das Glockenläuten des morgenden Sonntags zu uns herüberwehte , ließen wir uns schließlich in einer kühlen Laube nieder . Ich bot meinem Freunde eine Zigarre , die er wie immer verschmähte , und zündete mir dann selbst einen Stengel dieses edlen Krautes an . So begannen wir von der vergangenen gemeinsam verlebten Zeit zu plaudern und kamen endlich auch an jenen Abend , wo er uns auf Nimmerwiederkehr entflohen war . Ich sprach darüber mein Bedauern aus ; aber Brunken schüttelte , wie er zum Zeichen der Verneinung zu tun pflegte , seinen langen Finger vor der Nase . » Halt , Doktor « , sagte er , » das war eine heilbringende Nacht ! « » So erzähle ! « versetzte ich . » Was hast du damals denn getrieben ? « » Kennst du die Fabel aus Campes Kinderbibliothek : Es war einmal ein dicker , fetter Mops ? « » Freilich , der Mops bellte den Mond an . « » Ich habe auch den Mond angebellt , oder , unbildlich gesprochen , ich habe mit dem Herrgott gescholten , daß er mich so ungeschickt nach seinem Ebenbild erschaffen . – Es war damals ein toller Lebensdrang in mir , und dazu dies Gemengsel von Gliedmaßen , vor dem die Mädel sich graueln wie vor einer Kreuzspinne ; Verehrtester , das ist keine Bagatelle ! « » Aber « , unterbrach ich ihn , » wo war denn der Schauplatz dieses Dramas ? « Mein kleiner Freund legte beide Hände in die Seite und sah mich mit dem Ausdruck einer tragikomischen Verzweiflung an . » Ich war über Feld gerannt « , sagte er , » immer grad zu , durch Korn und Dorn , über Wälle und Gräben ; endlich saß ich am Rande einer Trinkgrube . Wie ich später erfuhr , war einige Stunden vorher ein junger Bursche daraus aufgefischt , der in dem schwarzen Wässerchen dort unten die Not des Lebens und nebenbei sich selber zu ertränken versucht hatte . Der Mond schien hell ; ich konnte alles um mich her betrachten . Das Gras an meiner Seite war noch mit schwarzem Schlamm überzogen ; mitten darin stand ein grober Lederschuh , naß und besudelt . Ich glaube noch jetzt , daß dieser Schuh mich damals über Wasser gehalten hat ; denn auch ich war schon dem bösen Zauber verfallen , der in solch einsamen Gewässern spuken geht . Es war nicht düster dort ; ein Stern nach dem andern drang aus der Tiefe , und immer mehr , je länger ich hinstarrte . Mich überfiel jenes nichtswürdige Mitleid mit dem lieben Ich ; und schon dachte ich : › Versuch es einmal mit der Welt dort unten ; Verlust ist keinesfalls dabei ‹ – ; da traf mein Blick auf jenen groben Schuh , und , gesegnet sei er , er fing an , mir Rätsel aufzugeben . Erstens , es gehörte doch ein zweiter noch dazu ; wo mochte sein Kamerade sein ? Und dann , er konnte doch nicht allein hieher gegangen sein ; wo wanderte sein Herr jetzt mit dem zweiten Schuh ? – Unter mir in den Binsen saß freilich ein großer Frosch mit seiner ganzen Gesellschaft und suchte mir die Geschichte vorzusingen . Ich merkte wohl , daß sie von allem Bescheid wußten . Aber du weißt , ich bin immer ein schlechter Linguiste gewesen ; ich verstand die Kerle nicht . Doch wie nun alles in der Welt zu Ende geht , so ging auch diese Nacht dahin ; der Morgenwind fuhr über die Felder und weckte alle Kreaturen ; und als die ersten Lerchen aufstiegen , erschien auch die Sonne am Horizont und beleuchtete mich in all meiner Unsauberkeit ; ich konnte es nun deutlich an meinen Kleidern nachbuchstabieren , daß ich nicht bloß durch Hecken und Dornen , sondern auch durch Sümpfe und Gräben hieher gelangt sein mußte . Es schauderte mich ein wenig , ich weiß nicht mehr , ob vor Kälte oder Scham , und ich machte mich daran , die Spuren meiner Torheit nach Möglichkeit zu vertilgen . Dann stieg ich auf den Wall des Grundstücks , um eine vernünftige Landstraße zu erspähen ; und nachdem ich nicht nur diese , sondern zu Ende derselben auch ein Dorf unter grünen Bäumen entdeckt hatte , marschierte ich bald zwischen wohlnumerierten Chausseesteinen , wie ein verständiger Mann , der die Kühle der ersten Frühe zu seiner Wanderung benutzt . In dem Dorfe , das ich dann erreichte , war eben das Tagesleben angebrochen ; ich hörte in den Gehöften die Leute zu ihren Pferden reden , die zur Heufuhr an die Wagen gespannt wurden . Mitten in der Dorfstraße , in dem Gärtchen vor seinem Hause , stand ein ältlicher Mann und rauchte behaglich seine Morgenpfeife , in dem ich sogleich den Schulmeister des Dorfes erkannte . Auf meinen › Guten Morgen ‹ erhielt ich freundliche Erwiderung und auf meine Frage , wo ich hier ein Frühstück bekommen könne , die Einladung , ins Haus zu treten und mit ihm und seiner Frau den Morgenkaffee einzunehmen . Das tat ich denn , und da die Frau nicht weniger zutraulich war , so saßen wir drei bald im schönsten Plaudern nebeneinander . Das erste , was ich erfuhr , war die Geschichte jenes Schuhes , bei der mein gütiger Wirt selbst in gewisser Weise beteiligt war . – Als eines Stubenmalers Sohn hielt er die väterliche Kunst noch so weit in Ehren , daß er seinen Schülern wöchentlich eine Stunde Zeichenunterricht erteilte . Er verdiente damit , wie er meinte , freilich weder bei Eltern noch Kindern besonderen Dank ; nur der Sohn eines wohlhabenden Bauern , welcher dem Schulhause gegenüber wohnte , hatte so viel Geschick und Eifer gezeigt , daß er bald nicht nur allerlei Dinge , die der Lehrer ihm vorgelegt , nach der Natur gezeichnet , sondern auch zu Hause und auf eigene Hand alles abkonterfeit hatte , was ihm grade in den Weg gekommen . – Soweit war alles leidlich gut gegangen , wenn auch der alte Bauer bisweilen über die › dumme Kritzelei ‹ gescholten hatte . › Da mußte das Unglück ‹ , erzählte der Lehrer weiter , › meinen jüngsten Bruder , welcher bei dem Berufe unseres Vaters geblieben ist , auf ein paar Wochen zum Besuch hieher führen . Er versteht ein wenig mehr , als was zum bloßen Handwerk gehört , und pflegt auch in seinen Mußestunden allerlei Blättchen mit Wasserfarben anzufertigen . Ein paar Zeichnungen des Knaben , die ich ihm zeigte , erregten seine Teilnahme , und so dauerte es nicht bis in den dritten Tag , daß die beiden die dicksten Freunde waren . Jeden Abend haben sie hier am Tisch gesessen zu zeichnen und zu pinseln , und da mein Bruder dem Jungen einen Teil seiner Farben zum Geschenk machte , so setzte dieser das Geschäft nach dessen Abreise fort . Seitdem war nichts mit ihm anzufangen , und endlich erklärte er rundheraus , er wolle Maler werden . Sie können sich den Lärm den ken ; der Vater , der außer ihm nur eine verheiratete Tochter hat , hatte sich immer der starken Gliedmaßen seines Sohnes gerühmt . Nun wurde er konfirmiert und sollte mit an die Feldarbeit ; aber er wollte nicht . Manches Mal hat der Alte ihn mit der Peitsche drüben aus dem Walde geholt , wo er irgendeinen schönen Baum zu Papier brachte , und ihm seinen Zeichenkram vor der Nase entzweigerissen . Aber es half alles nichts ; ich redete vergebens zum Frieden ; der Junge mit seinen Knochen sollte Bauer werden , der Alte wollte nicht für Fremde so viele Acker Heide urbar gemacht haben . Endlich , vorgestern nachmittag beim Heufahren , wurde dem Faß der Boden ausgestoßen . Der arme Bursche vergaß unseres Herrgotts Gebote und sprang in die Trinkgrube ; zum Glück waren seines Vaters Leute in der Nähe , die ihn noch eben zu rechter Zeit herausholten . Mich selbst und meine Zeichenstunden ‹ , so schloß der Schullehrer seinen Bericht , › wird diese Geschichte auf lange um allen Kredit gebracht haben . ‹ Er stand auf und holte sich eine neue Pfeife aus der Ecke ; ich blieb nachdenklich sitzen . – Was hatte denn mich an jenes Wässerchen hinausgelockt ? Die solide Desperation des armen Jungen versetzte mich in die tiefste Beschämung . Soviel stand fest , ich mußte ihn kennenlernen ; vielleicht daß ich ihm helfen konnte . › Schulmeister ‹ , sagte ich endlich , › ich bin krank gewesen , es würde mir gut tun , ein paar Wochen auf dem Lande zu leben . Könntet Ihr mir wohl Quartier geben ? ‹ Daß ich ein Maler sei und allerlei für meine Mappen einzusammeln gedachte , verschwieg ich wohlweislich noch ; und so war denn auch bald , › wenn ich nur fürlieb nehmen wollte ‹ , ein Kämmerchen bei den kinderlosen Leuten für mich bereit . Freilich ließ ich mit einigen Kleidungsstücken auch mein Aquarellkästchen aus der Stadt kommen ; aber das blieb vorläufig in dem Reisesack verborgen ; auf meinen ersten Streifereien behalf ich mich mit dem Bleistift , womit ich denn noch am selben Nachmittage die Trinkgrube mit dem rettenden Lederschuh zum dankbaren Gedächtnis in mein Taschenbuch eintrug . Am Abend wagte ich mich unter die Dorfleute und endlich auch zu dem alten Kunstfeinde gegenüber , der rauchend in der großen Torfahrt seines Hauses stand . Ich begann ein Gespräch über den Stand der Ernte , ging dann auf die neue Steuer über , schimpfte etwas weniges auf die Regierung , und so wurden wir bald bekannt . Es ist ein alter knorriger Kerl ; du sollst ihn nachher in meiner Mappe sehen , worin er ohne Wissen und Willen hat Platz nehmen müssen . Von dem Sohne sah ich nichts und hütete mich auch wohl , seiner zu erwähnen . – Am Abend darauf , nachdem ich den Tag im nahen Walde in Gesellschaft gehöriger Butterschnitte der Frau Schulmeisterin verbracht hatte , war ich wieder zur Stelle , und ebenso am dritten und am vierten Abend ; der Alte schien diesmal in einer nachdenklichen Stimmung ; er saß ohne seine Pfeife auf dem Stein vor seinem Hause und antwortete kaum auf meine noch so wohlüberlegten Gesprächseinleitungen . › Wer weiß ‹ , dachte ich endlich ; › vielleicht ist ' s just der rechte Augenblick . ‹ So fragte ich ihn denn gradezu nach seinem Sohn . › Ist er nicht zu Hause ? ‹ fügte ich hinzu . › Ich habe ja noch nichts von ihm gesehen . ‹ Da brach ' s hervor ; mit der geballten Faust drohte er nach dem Schulhause hinüber : › Der Haselant mit seinen hergelaufenen Faxen ! ‹ rief er . Und nun klagte er mir seine Not , während zwischendurch immer Flüche auf den armen Schulmeister fielen . › Der hätte die Prügel haben sollen , die der Junge gekriegt hat ; denn bei dem hat ' s nichts geholfen . ‹ › Was macht Euer Sohn denn jetzt ? ‹ fragte ich . Der Alte schob die Pudelmütze übers Ohr . › Das ist ein wunderlich Spiel ‹ , versetzte er , › seit er die Dummheit da begangen , ist er mir wie ausgewechselt . Als ich ihn gefragt habe : » Was willst du denn nun eigentlich , Paul ? « hat er geantwortet : » Was Ihr wollt , Vater , mir gilt ' s gleich ! « Aber gesprochen hat er kein Wort , und nach dem Abendbrote geht er auf seine Kammer ; ob er dort schläft oder wacht , ich weiß es nicht . Seht – dies Wesen will mir ebensowenig gefallen . Was meint Ihr , wenn Ihr einmal ein vernünftig Wort mit ihm zu reden suchtet ? Ihr könntet mir einen rechten Dienst erweisen ; ich selbst verstehe die Worte nicht so zu setzen . ‹ Der Mann sah erwartungsvoll zu mir auf ; die Sorge um sein Kind stand leserlich in seinen harten Zügen . › Aber ‹ , erwiderte ich , › wenn er nun wieder von seiner Malerei beginnt ? ‹ › Solch dummes Zeug müßt Ihr ihm eben auszureden suchen ! ‹ › Aber weshalb denn sollte er nicht Maler werden ? ‹ › Weshalb ? – Er hat eine volle Hufe ; er braucht brotlose Künste nicht zu treiben . ‹ Ich wagte einen kühnen Schritt . Als ich meine Wohnung verließ , hatte ich in dem Gedanken , sofort in die weite Welt zu laufen , meine paar Kassenscheine in mein Taschenbuch gesteckt . Jetzt zog ich es hervor und schlug es vor dem Alten auf . › Was soll ' s ? ‹ sagte er , › das ist ein Päckchen Funfzigtalerscheine . ‹ › Das ‹ , erwiderte ich , › ist mit der brotlosen Kunst verdient . ‹ › Wie meint Ihr das ? ‹ › Ich meine , daß diese dreihundert Taler der halbe Preis meines letzten Bildes sind ; denn ich bin eben auch nur ein Maler . ‹ Der Alte sah mich fast erschrocken an . › Ihr ? ‹ sagte er ; › da wäre ich ja an den Rechten gekommen ! Im übrigen ‹ , setzte er hinzu indem er mich mitleidig von oben bis unten musterte , › ist das ein ander Ding ; mein Junge hat gesunde Gliedmaßen . ‹ › Nun , gute Nacht , Nachbar ! ‹ sagte ich und machte Miene fortzugehen . Aber er rief mich zurück . › Auf ein Wort noch , Herr Brunken ‹ , begann er wieder , › dreihundert Taler , sagtet Ihr ? Und nur die Hälfte ? Wie lange macht Ihr denn an solch einem Bild ? – Wird wohl langsame Arbeit sein ? ‹ Als ich ihn über dieses Bedenken beruhigt hatte , stützte er erst den Kopf in die Hand ; dann zog er seine Pfeife aus der Tasche , schlug Feuer und rauchte eine ganze Weile eifrig , aber schweigsam fort . Hierauf folgte eine lange Auseinandersetzung zwischen uns ; der Alte meinte , der Junge sei für den Acker da , und ich meinte , der Acker sei für den Jungen da ; endlich , als ich ihm auch noch die pausbackige Nachkommenschaft seiner im Dorf verheirateten Tochter zu Gutserben designiert hatte , erhielt ich die Erlaubnis , nach meinem Guthalten mit seinem Sohne zu sprechen . › Nun macht ' s , wie Ihr könnt ‹ , schloß der Alte diese Verhandlung ; › und damit hopp und holla ! Ich führ ' selbst in die Grube , wenn ich dem Jungen sein tot Gesicht noch länger ansehen sollte . ‹ Eine Stunde später , während welcher die Arbeiter vom Felde zurückgekehrt waren , stand ich vor dem Schulhause und blickte nach des Nachbars Garten hinüber , wo trotz des Johannisabends noch eine Nachtigall in den Holunderbüschen schlug . Da verstummte mit einemmal der Vogelgesang ; statt dessen hörte ich Kinderstimmen , und bald sah ich auch ein paar Knaben und ein kleines Mädchen durch die Gartenpforte auf den Weg hinausrennen . Draußen blieben sie stehen und wiesen mit den Fingern auf kleine Papierblättchen , von denen jedes mehrere in Händen hatte ; dann gingen sie wieder eine Strecke fort und setzten sich unweit unter einen Zaun am Wege , wo es an ein neues Zeigen und Beschauen ging . Ich konnte den Zusammenhang dieses Vorganges leicht erraten ; und richtig , als ich zu ihnen gegangen , sah ich , daß es lauter bunte Bilderchen waren . › Wer hat euch die geschenkt ? ‹ fragte ich . Sie glotzten mich scheu von der Seite an ; nur das kleine Mädchen antwortete endlich auf meine wiederholte Frage : › Paul Werner ! ‹ Ich sah mir die Sachen an . Es war ungeschicktes Zeug aus allen vier Naturreichen ; eine Kuh , die mit dem Schwanze sich die Bremsen wegpeitscht ; ein alter Felsblock ; ein Bienenstand mit einem Hund davor und dergleichen mehr ; aber aus allem blickte in kleinen Zügen , was ich selber nie so ganz besessen , jenes instinktive Verständnis der Natur ; es war alles , so unbehülflich es auch war , dennoch , ich möchte sagen , über das Zufällige hinausgehoben . Du weißt , der Mensch ist nun einmal eine Kanaille ; – und so begann sich denn auch in mir ein ganz lebenskräftiger Neid gegen diesen Bauerburschen zu regen . Da ich mich aber mit Naturdämonen schon hinlänglich behaftet fühlte , so entschloß ich mich kurz , diesen neuen Kameraden sofort in der Geburt zu ersticken . Zum Glück hatte ich einige blanke Münzen bei mir , mit denen es mir bei den Knaben sofort gelang , ihnen einige der Blätter abzuhandeln . Nachdem mir beim Nachhausekommen auch der Schulmeister bestätigt hatte , daß die Bilder von der Hand seines jungen Schülers seien , verbarg ich für diesen Abend die eroberten Schätze in meinem Skizzenbuch . Am andern Morgen trat ich früh mit der Sonne meine gewöhnliche Wanderung an . Als ich an der Kirchhofsmauer entlangging , sah ich jenseit derselben einen jungen Mann auf einem Grabe sitzen . Während ich durch das Kreuz der Kirchhofspforte trat , wandte er den Kopf zu mir , und ich sah nun zum ersten Mal in jenes blasse Antlitz mit den tiefliegenden Augen , welche das Wesen der Dinge einzusaugen scheinen ; mit einem Wort , ich sah den Jungen , in dessen aufstrebender Kunst ich jetzt fast mehr lebe als in meiner eigenen . Aber während ich auf ihn zuging , stand er auf und entfernte sich nach der andern Seite des Kirchhofs ; er überschritt den Fahrweg jenseit desselben und entschwand meinen Augen zwischen den Bäumen eines anliegenden Gehölzes . Ich ging zu dem Rasenhügel , den er soeben verlassen , und da ich hier auf dem Grabsteine den Familiennamen unseres Nachbars las , so wußte ich auch , daß ich Paul Werner auf dem Grabe seiner Mutter gesehen hatte . Jetzt machte ich lange Beine ; du weißt , daß ich diese Fähigkeit besaß , die mir auch bis jetzt noch nicht abhanden gekommen ist . Als ich meinen Flüchtling drüben auf dem Fußsteige des Wäldchens wieder zu Gesicht bekommen hatte , rief ich ihm schon von weitem meinen › Guten Morgen ‹ nach . Er blickte um , erwiderte meinen Gruß und ging dann nur um so schneller vorwärts . Ich strengte also noch einmal meine Lungen an . › Paul Werner ! ‹ rief ich . › Warte , ich habe mit dir zu reden ! ‹ Jetzt blieb er stehen . › Ich kenne Sie nicht , Herr ‹ , sagte er ; – übrigens , dank seinem alten Schulmeister , in reinem Hochdeutsch . › Aber ich möchte dich kennenlernen ‹ , erwiderte ich . › Mich ? ‹ fragte er befremdet . › Dich , Paul ! ‹ versetzte ich , › denn ich höre , du willst Maler werden . ‹ › Ich will kein Maler werden , Herr . ‹ › Aber der Schulmeister sagt es doch . ‹ Er schüttelte den Kopf . › Das ist vorbei ‹ , sagte er . Ich nahm nun die erhandelten Bilderchen aus meinem Skizzenbuch . › Sind das deine Malereien ? ‹ fragte ich . Er nickte . › Wie hast du denn das zustande gebracht ? ‹ › Ich habe es so gesehen ‹ , erwiderte er . › Recht so ! ‹ rief ich . › Und es ist auch so ; es ist nur seltsam , daß nicht auch die andern ‹ – fast hätte ich gesagt : wir andern – › es so sehen . ‹ Er blickte mich fragend an , er verstand das nicht . Aber ich schrie ihm zu : › Und du willst kein Maler werden , Junge ? Was in aller Welt denn sonst ? ‹ Eine Weile zupfte er schweigend an seinen Fingern ; dann sagte er : › Ich werde ein Bauer , wie mein Vater . ‹ › Und doch , Paul ‹ , begann ich noch einmal , › hast du nicht leben wollen , weil du nicht malen durftest . ‹ Eine jähe Röte schoß über das blasse Antlitz . › Weshalb sagen Sie mir das ? ‹ sagte er zitternd . › Weil ich dir helfen möchte , Paul ‹ , erwiderte ich ; › denn bei den Toten ist nun einmal keine Hülfe . ‹ Er schlug langsam die Augen zu mir auf und blickte mich fast angstvoll an . › Ich suche einen tüchtigen Schüler ‹ , fuhr ich fort . › Was meinst du , willst du es mit mir versuchen ? ‹ Dabei gab ich ihm das Skizzenbüchlein aufgeschlagen in die Hand . Es war doch , als wenn es plötzlich in den dunkeln Augen blitzte ; wie auf eine Offenbarung schaute er auf die kleine Aquarellskizze . – Und doch , sage ich dir , ist die Zeit nicht fern , daß meine Augen ebenso an seinen Blättern haften werden ; denn er ist einer von jenen , nach deren Tode man noch die Papierschnitzel aus dem Kehricht sammelt , auf welchen ihre Hand einmal gekritzelt hat . « Mein Freund war aufgestanden und stützte sich mit beiden Händen auf den vor uns stehenden Gartentisch ; auch in seinen Augen blitzte es jetzt von Liebe und Begeisterung . » Doch « , fuhr er fort , » damals war er noch ein Bauerbursche und konnte sich nicht satt staunen an meinem Machwerk . – Was soll ich dir das lange noch erzählen ! Als ich ihm alles , was ich beabsichtigte und was ich tags zuvor mit seinem Vater verhandelt , mitgeteilt hatte , da habe ich ihn wie einen Trunkenen heimgeführt ; denn wir gingen gradeswegs zum alten Werner . Und nachdem ich diesem noch einmal eine Stunde lang tüchtig standgehalten , war endlich alles , so wie ich es wünschte , abgemacht . Mein alter Schulmeister staunte nicht schlecht , als ich nach dem Frühstück Farben und Palette auspackte und nun mit beiden Beinen als ein fix und fertiger Maler vor ihn hinsprang , und gar , als er von der Bekehrung seines Widersachers hörte . › Da käme ich ja auch wohl wieder zu