Stall . Er war leer , da das Vieh draußen auf der Hallig weidete ; nur die weiße Katze saß jetzt hier auf der Krippe , und einige Hühner liefen gackelnd durch das Mauerloch aus und ein ; an den Wänden sah ich hie und da ein Seehundsfell zum Trocknen angenagelt . Zu Ende des Stalles , im rechten Winkel daran stoßend , noch stiller und noch mehr in Dämmerung , lag die Scheune ; und dort in ihrer Mitte stand das neue Boot , noch duftend von dem Harz des Waldes , von keiner Welle noch berührt . Wie selbstverständlich , stieg ich ein ; ich setzte mich auf die Ruderbank und dachte an den Vetter , weshalb er denn vorhin sein Geigenspiel vor uns verleugnet habe . Es war völlig einsam hier . Die kleinen , überdies mit Spinngewebe überzogenen Fenster lagen so hoch , daß sie keinen Ausblick zuließen . Vom Hause her vernahm ich keinen Laut ; aber draußen um die Mauern , obgleich gegen Mittag der Wind sich fast gänzlich gelegt hatte , ertönte eine Art von Luftmusik , die mich die großen Register ahnen ließ , mit denen hier um Allerheiligen der Sturm sein Weltmeerkonzert in Szene zu setzen pflegt . Nach einer Weile mischten sich leichte Schritte , die durch den Stall daherkamen , in dieses Tönen der Luft , und als ich aufblickte , stand Susanne in der Tür , ihr Hütchen am Bande hin und her schwenkend . » Weshalb sind Sie denn fortgelaufen ? « rief sie , indem sie trotzig den Kopf zurückwarf . » Mama sitzt drinnen vor einer Seekarte , und Onkel hat ein großes Teleskop am offenen Fenster aufgestellt . Ich mag aber nicht durch Teleskope sehen . « » So gehen Sie bei mir an Bord ! « erwiderte ich , auf meiner Ruderbank zur Seite rückend , » es ist ein neues sicheres Fahrzeug . « » In dieses Boot soll ich steigen ? Weshalb ? Es ist so düster hier . « » Hören Sie nur , wie die zarten Geister musizieren ! « Sie horchte einen Augenblick , dann kam sie näher und hatte schon ihr Füßchen auf den Rand des Bootes gesetzt . » Nun , was zögern Sie , Susanne ? Haben Sie kein Vertrauen zu meiner Steuerkunst ? « Sie sah mich an ; es war etwas von dem blauen Strahl eines Edelsteins in diesem Blicke , und es überfiel mich , ob mir nicht doch von diesen Augen Leids geschehen könne . Ich mag sie dabei wohl seltsam angestarrt haben ; denn , als wandle eine Furcht sie an , zog sie langsam ihren Fuß zurück . » Wir wollen lieber an den Strand hinab ! « sagte sie leise . » Ich möchte noch die Nester der Silbermöwen sehen ! « So verließ ich denn mein gutes Fahrzeug , und wir traten aus dem Hause , wo die Tageshelle fast blendend in unsere Augen strömte . – Ohne von den alten Herrschaften etwas wahrzunehmen , gingen wir die Werfte hinab und über die Hallig nach dem Strande zu . Ein Stengel duftenden Seewermuts , eine violette Strandnelke wurde im Vorbeigehen mitgenommen , sonst war hier nichts , das unsere Aufmerksamkeit hätte erregen können . An manchem der oft tiefen Gerinne , womit , wie mit einem Gewebe , die ganze Hallig überzogen war , mußten wir auf und ab wandern , bevor wir eine Stelle zum Hinüberspringen fanden . Aber Susanne hatte die Mädchenturnschule durchgemacht , und an ihren Schultern waren die unsichtbaren Flügel der Jugend ; ich hörte deutlich ihr melodisches Rauschen , wenn der kleine Fuß zum Sprunge ansetzte und wenn sie dann so rasch hinüberflog . Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht , als wir den Strand erreichten . Das Meer , das bei der eingetretenen Flut nur etwa einen Büchsenschuß von dem grünen Lande entfernt war , lag jetzt wie fließendes Silber vor den schräg fallenden Strahlen der Nachmittagssonne ; bis weit hinaus um den Strand der Insel hörte man das Getöse der Brandung . In der Luft war noch immer , wie am Vormittage , das Steigen und Sinken der großen Silbermöwen , nur daß jetzt , da kein Licht von oben durchschien , das schneeige Weiß ihrer Flügel sich noch mehr gegen den blauen Himmel abhob . Auch kleinere schwarze Vögel mit storchartigem Schnabel sahen wir , die wie mit hellem Kriegsschrei durch das Gewimmel der großen Möwen hin-und herschossen . Und jetzt ließ Susanne einen Ruf des Entzückens hören ; in einem Tangbüschel , umgeben von einem rötlichen Kranze zermalmter Schaltiere , lagen zwei der großen graugrünen Eier ; sechs Schritte weiter wieder zwei ; und dort , etwas seitwärts , schimmerten gar drei von den kleineren Eiern des schwarzen Austerfischers . Die meisten lagen auf dem bloßen Sande ; denn , wie der Vetter sagte , » diese Kreaturen machen wenig Umstände mit ihrer Häuslichkeit « . Die Vögel gackerten und schrien ; Susanne aber , unbekümmert und mit vor Neugier leuchtenden Augen , schritt immer weiter hinaus , von Nest zu Nest . Ich hatte mich gegen das Meer hin auf den Rand des Ufers gesetzt . Eine Weile blickte ich Susannen nach ; wohin dann meine Gedanken gingen , hätte ich wohl selber kaum zu sagen gewußt , meine Augen aber buchstabierten immer wieder an dem Spiegel unseres unweit auf dem Wasser schaukelnden Schiffes den mir längst bekannten Namen » Die Wohlfahrt « , dessen goldene Buchstaben in der Sonne zu mir herüberglänzten . Das Anrauschen des Meeres , das sanfte Wehen des Windes – es ist seltsam , wie das uns träumen macht . Als ich aufstand , war von Susanne nichts zu sehen . Ich ging eine Strecke an dem Ufer hin , während über mir die Möwen gleich ungeheueren Schneeflocken in der Luft tanzten . Ich rief , ich sang – keine Antwort . Endlich dort , weitab in einer Bodensenkung sah ich sie im Sande knien . In der scharfen Beleuchtung der schon abendlichen Sonne gewahrte ich eines der großen Eier in ihrer Hand ; sie hielt regungslos das Ohr darauf geneigt , als wolle sie das keimende Leben belauschen , das darin verschlossen war . Ihr zu Häupten aber schwebten zwei der mächtigen Vögel , die sich aus der langen Kette losgelöst hatten ; sie stießen ihre heiseren Töne aus und schlugen wie zornig mit den weißen Flügeln . Unwillkürlich blieb ich stehen ; so wild und doch so anmutvoll war dieses Bild . Die kniende Gestalt des Mädchens regte sich noch immer nicht . Da schoß eines der erzürnten Tiere so jäh auf sie herab , als hätte es mit seinem Schnabel ihre Locken packen müssen . Susanne stieß einen lauten Schrei aus , daß selbst die Vögel erschreckt zur Seite stoben ; dann schleuderte sie das Ei weit von sich , und wie vorhin über die kleinen Abgründe , flog sie auf mich zu und schlang beide Arme um meinen Hals . – – » Nur ein Hauch darf beben , Blitzen nur ein Blick ; Und die Engel weben Fertig ein Geschick . « So sagt ein Dichterwort . – Aber dieser Hauch bebt oft auch nicht . – Ich war ein junger Advokat , und längst von wohlmeinender Seite mir bedeutet worden , wenn ich in meinem Berufe » prosperieren « wolle , so müsse ich nicht nur meinen grauen Heckerhut beiseite legen , sondern mir auch den Schnurrbart abrasieren . Beides hatte ich unterlassen , bisher leichtsinnig und wohlgemut ; jetzt aber fiel es mir zentnerschwer aufs Herz , und , seltsam , während die Brandung eintönig vor meinen Ohren rauschte und der blonde Mädchenkopf noch immer an meiner Schulter ruhte , konnte ich meine Gedanken zu nichts Besserem bewegen , als sich gegen diese Tyrannei der öffentlichen Meinung immer von neuem in Schlachtordnung aufzustellen ; ja der Heckerhut und der Schnurrbart selbst begannen zuletzt wie zwei feindliche Gespenster gegen mich aufzustehen . » Susanne « , sagte ich endlich resigniert , » wir werden heimgehen müssen , es wird schon spät . « Es ist dies jedenfalls recht ungeschickt gewesen ; denn ich weiß noch gar wohl , wie Susanne mich erschrocken von sich stieß und dann , bis unter ihr lockicht Stirnhaar errötend , wie hülflos vor mir stehenblieb . Und ohne Zweifel war es nicht eben viel geschickter , als ich , um das wieder gut zu machen , ihre beiden Hände ergriff und tröstend zu ihr sagte : » Ich weiß wohl , daß es nur die wilden Vögel waren . « Aber wie auch immer – da wir nun zurückgingen , es war doch anders als vorhin ; sie hatte sich nun einmal doch in meinen Schutz begeben . Noch oft , wenn über uns ein Vogelschrei ertönte , warf sie hastig das Köpfchen herum , ob auch die geflügelten Feinde hinterdreinkämen , um ihre zerstörte Brut zu rächen ; und wenn wir dann an ein Gerinne kamen , so reichte sie wie selbstverständlich mir die Hand , und es war unverkennbar , daß wir nun zusammen flogen . Als wir auf der Werfte anlangten , stand der Vetter in der Tür . » Susanne , mein liebes Kind « , sagte er mit einem seltsam geheimnisvollen Wesen , » deine Mutter ist drinnen im Zimmer ; ich möchte ein Wort mit unserem jungen Freunde reden . « Somit faßte er mich unter den Arm und führte mich um das Haus bis an die hintere Seite desselben . Hier machte er Halt und sah mir lange und zärtlich in die Augen . » Mein Herzensjunge ! « sagte er dann , » jetzt weiß ich ' s ja , weshalb du vorhin das alte Liebeslied von mir verlangtest , denn ich will ' s dir nur gestehen , daß es ein solches war , und zwar ein echtes . Da es dich die langen Jahre und bis zu diesem Ziele begleitet hat « – der Vetter hielt einen Augenblick inne – , » wenn du mich demnächst selbander besuchen wirst , ich glaube wohl , daß ich die Melodie noch wiederfinde . « Was sollte ich auf so verfängliche Reden antworten ! » Ich verstehe Sie nicht , lieber Vetter ! « sagte ich . » Du verstehst mich nicht ? « Ich mußte wiederholt diese Versicherung geben ; dann aber kam es heraus . Vom Zimmer aus hatte der Vetter sein Teleskop auf immer neue Inseln und Halligen gerichtet , und die Geheimrätin hatte immer treu hindurchgesehen , » bis wir « , fuhr er fort , » zuletzt auch unseren eigenen Strand und als Staffage dich und Susanne vor unser Glas bekamen . Die Frau Cousine blickte mit ganz mütterlichem Stolze auf euch beide hin , auf einmal aber springt sie mit einem › O mein Himmel ! ‹ in die Stube zurück . › Vetter ! ‹ ruft sie , › ich verstehe die Situation nicht ! ‹ und schiebt dann mit großer Hast mich selber vor das Teleskop . Und wie nun ich hindurchsehe – › Erstaunlich ! ‹ rufe auch ich , › aber doch nicht völlig unverständlich ! ‹ und › Meinen herzlichen Glückwunsch , Frau Cousine ! ‹ Denn , leugne es nur nicht , Vetter ! du hieltest sie richtig in deinen Armen , und ich sage nur : Halte fest , mein Junge , halte fest ! Denn dieses Kind ist Gott und den Menschen ein Wohlgefallen ! « Das Gesicht des alten Herrn strahlte vor Freude , und mir selbst begann das Herz sehr laut zu klopfen . Aber was half das alles ! » Es tut mir leid « , sagte ich , » aber bestellen Sie den Glückwunsch nur wieder ab ; denn es ist nichts , Vetter ! « » Nichts ? « » Nein , nichts ! « Und ich erzählte ihm nun , daß es nur die großen Vögel gewesen seien . » Erstaunlich ! « Er sah mich eine Weile zweifelnd an ; dann , wie plötzlich entschlossen , drückte er mir kräftig die Hand und sagte : » Mein Herzensjunge , ich glaube , nun verstehst du die Situation nicht . « Ob inzwischen auch Susanne ihre Mutter in dieser Weise aufgeklärt hatte , weiß ich nicht ; ich bemerkte , da wir ins Zimmer traten , nur ein noch etwas feierlicheres Wesen an der alten Dame , als ihr sonst zu eigen war . Nicht lange nachher kam die Zeit des Abschiedes . Die Damen fuhren ; ich , in Begleitung des Vetters , ging zu Fuß an den Strand hinab . Als der Wagen uns schon fast erreicht hatte , ergriff der Alte noch einmal meinen Arm und führte mich ein Stückchen an dem Wasser hin . » Also es ist wirklich nichts , mein Junge ? « » Wirklich nichts , Vetter ! « Er sah mich traurig an . » Nun , so komm zu mir auf meine Hallig ; wir lassen zu Ostern drei Fach für dich anbauen ; überleg dir ' s wohl ! « Und er drückte kräftig meine beiden Hände . Dann gingen wir zu Schiffe . Als wir schon weit vom Lande auf dem tiefen Wasser schwammen , sahen wir noch lange den Vetter , wie er grüßend seine Mütze schwenkte und wie die Abendsonne auf seine weißen Haare schien . Nach Sonnenuntergang drehte sich der Wind ; eine sanfte Brise wehte aus Südwest ; vor uns aus dem dunklen Wasser stieg der Mond und erhellte mit seinem sanften Licht das Meer . Die Geheimrätin hatte ihren Atlasmantel mit Silberfuchs umgetan und der Kühle wegen sich unten in dem offenen Schiffsraume eingerichtet . Susanne , in weiche Tücher eingehüllt , lehnte neben mir an der Schanzkleidung ; ihr Antlitz erschien fast blaß in der nächtlichen Beleuchtung . Einmal aus der Ferne drang das Winseln eines Tieres über das Wasser zu uns her , und die Schiffer sagten , daß es ein junger Seehund sei , der seine Mutter suche . Dann war es wieder still , und nur die Wellen an unserem Schiffe rauschten . Wir aber standen noch immer und blickten über das Meer hinaus . Wohin in dieser leeren Weltenferne unsere Blicke gingen , wer vermöchte das zu sagen ! Ob etwa auch Susanne noch an die wilden Vögel dachte ? Sie verriet mir nichts davon , und ich habe es auch später nicht erfahren . Ebenso unsicher bin ich , ob der Klabautermann an Bord gewesen ist . Einmal , da ich den Kopf wandte , war mir zwar , als ob dort am Bugspriet unter dem Klüversegel sich etwas wie Nebel zusammenkauere , allein ich achtete nicht darauf . Zwei junge Augen , die sich , still wie diese Nacht , mitunter zu mir wandten , waren ein holderes Geheimnis . Wohl aber fühlte ich , daß Geister mit uns fuhren , denen selbst die Nähe der Geheimrätin kein Gegengewicht zu leisten vermochte . Als wir dann endlich wieder auf unserem Deiche nach der Stadt zurückkehrten , sang über dem dämmernden Kog unsichtbar noch eine Lerche . Zur anderen Seite stand der Mond und warf gelblich blinkende Lichter auf den von der eintretenden Ebbe bloßgelegten Schlamm . Es gibt Tage , die den Rosen gleichen ; sie duften und leuchten , und alles ist vorüber ; es folgt ihnen keine Frucht , aber auch keine Enttäuschung , keine von Tag zu Tag mitschreitende Sorge . – Ich habe meinen Hut und meinen Schnurrbart beibehalten , bis endlich beide zur allgemeinen Mode wurden und darin verschwanden . Es ist mir andererseits verhüllt geblieben , ob etwa im Verlaufe des Lebens der Blick jener blauen Augen neben dem Strahl des Edelsteins nicht auch die Härte desselben angenommen hat . Der Tag auf des Vetters Hallig , und mitten darin Susannens süße jugendliche Gestalt steht mir , wie Rungholt , wohlverwahrt in dem sicheren Lande der Vergangenheit . Noch einmal , einige Jahre später , habe ich den Vetter auf seiner Hallig besucht ; freilich nicht selbander , wie er derzeit es so herzlich mit mir im Sinne hatte . Sein Geist schien noch rüstig , aber mit seinem Körper ruhte er doch am liebsten am Fenster in dem weichen Lehnstuhle und ließ statt seiner Füße nur die Augen über die Hallig nach dem Strande wandern . Als ich hier ihm gegenübersaß , sah ich draußen aus dem blauen Himmel zwei jener weißen Möwen gegen das Haus fliegen . Auf halber Höhe der Werfte ließen sie sich nieder , und der Vetter öffnete das Fenster und warf ihnen Brot- und Fleischschnitte zu , die er neben sich auf der Fensterbank für sie in Bereitschaft hatte . » Früher kam ich zu ihnen « , sagte er , » nun müssen sie schon zu mir kommen . « – – Jetzt suchen sie vergebens ihren Freund . Zwar ist er auf seiner Hallig geblieben , aber aus dem Hause hat man ihn hinausgetragen ; die grüne Rasendecke liegt schützend über ihm . Er hat es gewagt , sich hier zur Ruhe zu begeben ; wohl wissend , daß der Sturm die Flut zu seinem Grabe treiben , daß die Flut es aufwühlen und ihn in seinem schmalen Ruhebette auf das weite Meer hinaustragen könne . Aber wie hätte er jene großen Mächte fürchten sollen , in deren Schutz er sich so gern gesichert glaubte ! Mir hatte der treffliche Mann außer seiner Bibliothek und seinem handschriftlichen Nachlasse auch seine Cremoneser Geige vermacht , welche ich zufolge testamentarischer Anordnung , obgleich des Geigenspiels ganz unkundig , weder verschenken noch verkaufen , sondern nur vererben darf . So liegt sie denn jetzt unberührt bei anderen Gedächtnisstücken . Unter den Papieren aber finden sich einige kurze Aufzeichnungen von der Hand des Verstorbenen , welche vermuten lassen , daß derzeit bei seiner Flucht aus der Welt noch ein besonderer Hebel mitgewirkt habe . Auch die Zeit stimmt hiermit über ein , denn nach dem beigefügten Datum stammen sie sämtlich aus den letzten Jahren vor seinem Halligleben . Er wohnte damals noch in seinem eigenen Hause , das dicht neben der Stadt in einem baumreichen Garten gelegen war . Aus seinem Wohnzimmer , welches sich im oberen Stocke befand , sah man durch einige davorstehende Lindenbäume über ein paar grüne Felder auf die Heide , die sich damals noch weit nach Westen hinauszog . Ich weiß noch wohl – denn ich habe dort oft bei ihm gesessen – , wie sehr er diesen Ausblick liebte . Die Heide war ihm ein vertrauter Ort ; nicht nur daß er sie unablässig für seine entomologischen und botanischen Studien durchforschte , sondern er fand dort auch , wie er sich ausdrückte , » die nötige Erholung von dem Menschenleben « . An diesem Fenster sitzend muß ich mir ihn denken , als er jene Zeilen niederschrieb , die jetzt in seiner kleinen , aber deutlichen Handschrift vor mir liegen . Sie lauten also : Wie gut es sich hier in den Oktobernachmittag hinausschaut ! So golden scheint noch die Sonne ; doch lösen sich unter ihrem Strahle schon die Blätter und sinken lautlos auf den feuchten Rasen ; immer sichtbarer werden die nackten Äste . Von drunten aus den Holunderbüschen klang ein Drosselschlag ; nach einer Weile rief es noch einmal aus der Ferne – es nimmt alles Abschied . Die lichtgraue Dämmerung des Herbstabends hat sich verbreitet , Haus und Garten liegen schon im Schatten , hinter der Heide ist die Sonne hinabgegangen . Nur ganz fern am Himmel , dort , wohin wie Schatten jetzt die Vögel fliegen , ist noch eine leuchtende Wolkenschicht gebreitet . Sie steht über einem Lande jenseits des Horizonts , den meine Augen noch erreichen können . Aber auch dort wird bald der goldene Tag erlöschen . – – Als ich in das Zimmer zurückblickte , lag noch ein Schimmer jenes Abendscheins auf meinem schwarzen Geigenkasten , der nun schon seit Jahren uneröffnet dort unter dem Bücherschranke steht . Die Geige , die er verbirgt , erstand ich einst aus dem Nachlasse eines früh verstorbenen Florentinischen Musikers , und erst seitdem wußte auch ich , daß ich spielen könne . Auf dem innern Rande des Kastens fand ich damals eine italienische Strophe eingeschrieben , und seltsam , da ich sie in unsere Sprache übertrug , war mir ' s , als hätte ich diese nun deutschen Verse einst selbst gemacht , und suchte lange , wiewohl vergebens , danach unter meinen alten Papieren . Aber sowie ich die Geige mit meinem Bogen anstrich , da sang es und schwoll es an zu einer Gewalt , die mich selbst erbeben machte . Das war nicht ich allein , der diese Töne schuf ; ein geistig Erbteil war in dieser Geige , und ich war der rechte Erbe , der es mit eigener Kraft vermehrte . Nun ruht sie seit lange klanglos in ihrer schwarzen Truhe ; denn schon vor Jahren hatte ich es erkannt : nur bis zu einer gewissen Grenze des Lebens fließt um unsere Nerven jener elektrische Strom , der uns über uns selbst hinausträgt und auch andere unwiderstehlich mit sich reißt . Und nun ? Und heute abend ? Ich muß vor den Spiegel treten , damit ich meine grauen Haare nicht vergesse . Nein , nein ! Ich will die Geige , meine klingende Seele , aus ihrem Sarge nehmen , und meine Hände sollen nicht zittern . Eveline führte mich in den Saal . Er war noch leer , aber die Kerzen brannten schon ; unter der Kristallkrone stand der geöffnete Flügel . » Hier sollen Sie spielen ! « sagte sie . » Dort auf dem Tischchen steht Ihr Geigenkasten . « » Soll ich wirklich , Eveline ? « Sie legte , wie sie das zuweilen tat , ihre Wange in die Hand und sah mich ernsthaft an . » Sie haben es mir doch versprochen ! « – » Und vor so hoher Gesellschaft ? « Denn in großen , ziemlich mäßigen Steindrucken , aber aus desto dickeren Goldrahmen schaute fast die ganze erste Rangklasse unseres Staatskalenders von den Wänden herab . Sie lachte . » Pst ! Nicht spotten ! Das sind Papas Penaten . Weshalb sehen Sie nicht auf meine Bilder , die bescheiden , aber tröstlich unter ihnen hängen ? « Und freilich , auch Goethe und Mozart waren , wenn auch in kleinerem Format , vertreten . Die Gesellschaft drängte aus den anderen Zimmern in den Saal . » Adieu ! « sagte Eveline . Sie reichte mir flüchtig die Hand , ihr dunkles Auge streifte mich ; dann ging sie den Eintretenden entgegen . Ich suchte mir in der fernsten Ecke einen Platz . Der weiche , etwas müde Klang ihrer Stimme lag noch in meinem Ohr ; aus ihren einfachsten Worten spricht es oft , ich weiß nicht , wie die schmerzliche Erwartung oder wie die heimliche Zusage eines Glückes . Bald aber gesellte sich mein werter Vetter , der Geheimrat , zu mir und sprach irgend etwas über Kunst ; und ich besah mir indes die noch immer unter Geplauder und Komplimenten Platz nehmende Gesellschaft und verglich sie mit der , die an den Wänden hing . Und jetzt wurde ein Akkord angeschlagen . Unser Adolf , der Musikdirektor , begann das Largo aus Beethovens D-Dur-Sonate . Und es wurde völlig still und blieb es auch ; denn er versteht es , wenn die Stunde günstig ist , seinen Beethoven so eindringlich zu Gehör zu bringen , daß es schon sehr große Geister oder aber sehr große Flegel sein müssen , die dabei sich noch selber sollten hören mögen . Mit dem Einsatze der Menuett war mir sogar , als gehe ein Aufatmen des Entzückens durch den ganzen Saal . Ist doch Musik die Kunst , in der sich alle Menschen als Kinder eines Sterns erkennen sollen ! Dann führte der Musikdirektor seine jungen Scharen vor . Es waren frische , anmutige Stimmen darunter , und sie sangen ihre Tee- und Kaffeeliedchen , in denen sie sich so wohl fühlen , die wie die Sommervögel kommen und verschwinden . Sie sangen aber auch von den Liedern des neuen großen Komponisten , durch welchen Eichendorffs wunderbare Lyrik zuerst in der Musik ihren Ausdruck erhalten hat . Ahnungslos schwebten die jungen Stimmen über dem Abgrund dieser Lieder . – Ich weiß nicht , ob der Kapellmeister Johannes Kreisler davongelaufen wäre ; ich saß ganz still und horchte auf den süßen , taufrischen Lerchenschlag der Jugend . Dazwischen immer behagliches Klatschen und liebkosende Worte der älteren Herren und Damen und laute Komplimente der jungen Kavaliere . Weshalb denn auch nicht ? Und nun – ich glaube fast , daß mir die Brust beklommen war – stand ich selbst am Flügel . Eveline hatte die Geige schweigend vor mich hingelegt und war dann ebenso zurückgetreten . Spohrs neuntes Konzert lag aufgeschlagen . Adolf sah mich an : » Nun , wollen wir ? « Wir kannten uns . Vor Jahren hatte mancher Abend , manche Nacht uns so vereint gesehen . Schon lag mein Bogen an den Saiten ; ein paar Akkorde noch des Flügels , und sicher und kristallhell flog der erste Ton durch den Saal . Und meine Geige sang , oder eigentlich war es meine Seele . Sie sang wie einst der Neck am Wasserfall , von dem die Kinder sagten , daß er keine Seele habe . – Du weißt es , meine Muse , denn du standest mir gegenüber neben dem Bilde deines Lieblings , des Jünglings Goethe , die schönen Hände in deinem Schoß gefaltet . Deine Augen waren hingegeben offen , und ich trank aus ihnen die entzückende Götterkraft der Jugend . Und die Wände des Gemaches schwanden und der rauschende Wasserfall stand , und alle die jungen Vögel , die eben noch so laut geschlagen hatten , verstummten lauschend . Ich war eins mit dir , schöne jugendliche Göttin , hoch oben stand ich herrschend ; ich fühlte , wie die Funken unter meinem Bogen sprühten ; und lange , lange hielt ich sie alle in atemlosem Bann . Wir waren zu Ende . Adolf nahm die Hände vom Klavier , sah zu mir auf und nickte leise . Und da ich den Bogen fortgelegt hatte , blickten die Jungen auf mich , halb scheu , mit erstaunten großen Augen , als hätten sie plötzlich entdeckt , ich sei noch einer von den Ihren , den sie nicht erkannt , der nun plötzlich die Maske des Alters fortgeworfen habe . Erst als Adolf seinen Stuhl rückte und aufstand , wurde die Stille unterbrochen und die Gesellschaft drängte sich zu uns . Nur ich wußte , daß plötzlich Evelinens Hand in meiner lag . Oder war es die Hand meiner Muse , die noch einmal flüchtig mich berührte ? Sie haben dich gescholten , Eveline . Und wenn ihr wahr gesprochen hättet – laßt sie mir ! Auch die Natur , von welcher , gleich der Rose , sie nur ein Teil ist vermag uns nichts zu geben , als was wir selber ihr entgegenbringen . Vielleicht gelangt der Mensch überall nicht weiter und wir sterben einsam , wie wir einsam geboren wurden . Und dennoch , was wäre das Leben , wenn es keine Rosen gäbe ? Weißt du , daß es Vorgesichte gibt ? – Mitunter , als könne sie nicht warten , bis auch ihre Zeit gekommen ist , wirft die Zukunft ihr Scheinbild in die Gegenwart . – Du ahntest nichts davon , aber ich habe es gesehen ; es war mitten im kerzenhellen Saale . Du hattest getanzt und lehntest atmend in der Sofaecke ; da sah ich dein Antlitz sich verwandeln , deine Züge wurden scharf , deine Wangen schlaff und fahl . Schon streckte meine Hand sich aus , um leis die Rose aus deinem Haar zu nehmen ; denn sie saß dort wie ein Hohn für dein armes Angesicht . Aber es verschwand , da ich fest dich anblickte ; du lächeltest , du warst wieder nicht älter als deine achtzehn Jahre . Unmächtig wich das Gespenst zurück ; nur ich sah es noch immer wie eine verhüllte Drohung in der Ferne stehen . O Eveline ! Der Strom der Schönheit ergießt sich ewig durch die Welt , aber auch du bist nur ein Wellenblinken , das aufleuchtet und erlischt ; und alle Zukunft wird einst Gegenwart . Im eigenen Herzen geboren , Nie besessen , Dennoch verloren . Wie seltsam , diese Worte auf meinem Geigenkasten ! Auch das ist nun vorüber . – Hier scheinen in den Aufzeichnungen des Vetters ein oder mehrere Blätter zu fehlen ; denn das Folgende , womit dort ein neues Blatt beginnt , ist augenscheinlich nur der Schluß eines längeren Aufsatzes . – – » Aber ein Hauch der ewigen Jugend , die in mir ist , hat doch dein Herz berührt ; mögen noch so übermütig deine jungen Lippen zucken . Einst , wenn auch du zu den Schatten gehörst , deren Mund vergebens nach dem Kelche dürstet , aus dem vor ihren Augen die Jugend in vollen Zügen trinkt , wird die Erinnerung an mich dich jäh überfallen ; vielleicht am stillen Abend , wenn du hinter abgeheimsten Stoppeln die Sonne sinken siehst , vielleicht – auch das ist möglich – erst in den Schauern des Todes , in jenem letzten Augenblicke , wo alle Erdengeister dich verlassen . – Und nun geh , Eveline ; denn jetzt sind sie alle noch in deinem Dienst ! « Ihre Hand zitterte , die , wie ich jetzt erst fühlte , in der meinen lag . Aber sie zog sie schweigend zurück , und ging . » Gute Nacht , Eveline ! « Du aber , o Muse des Gesanges , verlasse du mich noch