, daß ihr Vater ein Mann gewesen sei , der nach den Sonderkriegen auf eidgenössischer Seite sich hervorgetan habe ; auch wo sie selber mit unseren Wirten sich kennen- und liebhaben gelernt hatte . Ich hörte das alles , aber es ging an mir vorüber ; ich sah an diesem Abend das Mädchen doch nur im Scheine des Wunders – mir war , als habe ein Dämon , der meinige , sie , wer weiß woher , hier in das Haus meiner Freunde gebracht . « » Ich habe dir « , unterbrach sich Franz , » von meinem jugendlichen Traumgesicht , das sich vielleicht nur aus dem Eindruck des damaligen großen Sterbens und einer kaum geahnten Sehnsucht nach dem Weibe erzeugt hatte , nur gesprochen , um dich es mitfühlen zu lassen , wie tief der Anblick der Fremden mich erregen , wie eigen und innig eine Ehe mit ihr sich gestalten mußte ; denn wenn es für unser Leben etwas Ewiges geben soll , so sind es die Erschütterungen , die wir in der Jugend empfangen haben . Sonst freilich war es eben nichts Außerordentliches , daß ich einmal einem Weibe begegnete , welches mich so lebhaft an meine Traumgestalt erinnerte , daß ich im ersten Augenblick und noch in manchen späteren beide nicht voneinander zu trennen vermochte . Jedenfalls , auf mich hatte dieses erste Sehen einem elektrischen Schlage gleich gewirkt ; und « , fügte er leiser hinzu , » was wissen wir denn auch von diesen Dingen ! Ich will dich mit unserer Liebesgeschichte nicht aufhalten , Hans ; du wirst es auch schon empfunden haben , es kam so und mußte so kommen , daß Else oder Elsi , wie sie genannt wurde , und ich uns nach wenigen Monaten verlobten und etwas später zur Freude unserer trefflichen Freunde unsere stille Hochzeit in ihrem Hause feierten . « Der Erzähler schwieg eine Weile ; auf seinem Antlitz war ein Lächeln , als blicke er in eine selige Vergangenheit . » Ich hatte nun mein Nachtgespenst geheiratet « , begann er wieder , fast wie traumredend ; » es war ein Glück ! – oh , ein Glück ! – Ich hatte einst den Fouquéschen Ritter Huldbrand beneidet , wie er mit einer Undine seine Brautnacht feiert ; ich hatte nicht gedacht , daß dergleichen unter Menschen möglich sei . Lache mich nur aus , Hans ! Was soll ich dir sagen ? Mein Glück ging über jeden Traum hinaus . – Es war so manches Eigene , Fremdartige an ihr , das mich im ersten Augenblick verwirrte und mich zugleich entzückte ; ich hatte ja auch nichts anderes erwartet . « » In unserem Garten – ich hatte längst mein eigenes Haus – waren weite Gänge zwischen schon hochgewachsenen Tannen und anderem Gesträuch ; dazwischen Rasenplätze mit Einschnitten , in denen , je zu ihrer Zeit , die Frühlingsblumen und im Hochsommer Rosen und Levkojen blühten und den Garten mit Duft erfüllten . Hier pflegte ich nach Rückkehr von meinen Berufsgängen sie oftmals aufzusuchen , und so geschah es auch an einem schönen Vormittage gegen Ende des April , des ersten Frühlingsmonats , den wir miteinander lebten . Ich fand sie , da sie eben , langsam schreitend , einen der längsten Tannengänge hinaufkam ; aber da wir uns Aug in Auge trafen , sah ich , daß sie mir entgegenfliegen wolle . » Halt , Elsi ! « rief ich und erhob abwehrend meine Hand ; » geh langsam , ein Schmetterling , ein Pfauenauge , sitzt in deinem Haar ; du trägst den ersten Frühlingsboten ! « » Ja « , sagte sie , » die kommen gern ; aber sie sind so furchtsam nicht . « Sie mäßigte gleichwohl ihren Schritt und kam mir langsam entgegen , indes der Papillon auf ihrem blonden Scheitel behaglich seine schönen Flügel hob und senkte . Und jetzt erst sah ich : auch unsere junge schneeweiße Katze , die sie eines Abends im Schnupftuch von Frau Käthe heimgebracht hatte , war in ihrem Gefolge ; zierlich , eins ums andere , die Pfötchen hebend , ging sie dicht hinter ihrer Herrin , das Köpfchen aufreckend und bei jedem Schritte ihr auf die kurze Schleppe ihres Kleides tretend . Ein Märchenbild ; das Seltsame war nur , daß es in einer Reihe von Tagen sich ganz in derselben Weise wiederholte . » Was machst du für Faxen , Elsi ! « rief ich endlich lachend ; » bist du eine Undine , eine Elbe , eine Fee ? Was bist du eigentlich ? « » Und das weißt du noch nicht ? « frug sie , und der Strahl der grauen Augen zitterte in den meinen . Ich schüttelte den Kopf : » Du bist so unergründlich ! « Da flog sie in meine Arme : » Dein bin ich ; nichts als dein ! Weißt du es nun ? « Ich hielt sie fest . » Ich weiß es « , sagte ich . Aber der Schmetterling aus ihren Haaren war davongegaukelt ; nur die Katze , das Tier der Freia , der Göttin des häuslichen Glückes , blieb in unserer Nähe . – – Es war nicht lange nachher , als wir beide eines Abends im Gartensaal unserer Freunde am Teetische saßen . Frau Käthe hatte gleich bei unserem Eintritt einen mütterlichen Blick auf mich geworfen und mir einen besonders bequemen Lehnstuhl angewiesen , was ich dankend annahm , da ich mich heute mehr als sonst ermüdet fühlte . Wir plauderten , aber meine Worte fielen etwas sparsamer als gewöhnlich . » Du hast wohl einen strammen Tag gehabt ? « sagte Freund Lenthe ; aber bevor ich antworten konnte , war meine Frau bei mir und legte beide Arme um meinen Nacken . » Franz , dir fehlt etwas ! « rief sie , und ihre Stimme klang , als ob sie zürne , daß mir , der nur ihr gehörte , von andern ein Leides angetan sein könne . Ich strich sanft über ihren Scheitel : » Geh an deinen Platz , Elsi ! Mir fehlt nichts ; niemand hat mich gekränkt ! « Ich drückte ihr heimlich die Hand ; da ging sie schweigend wieder zu ihrem Stuhl , aber mit rückgewandtem Haupte , und ihre erschreckten Augen hingen an den meinen . » Sieh mich nicht so sorgenvoll an ! « sagte ich ; » was mich heute mehr als billig erregt hat , ist nur ein Fall aus meiner Praxis : unsere alte Grünzeughökerin , Mutter Hinze , die ihr alle kennt , ich möchte sagen , sie leidet mehr , als ein Mensch ertragen kann ; ich war zuletzt noch eine volle Stunde bei ihr , und – ein Arzt ist am Ende doch auch nur ein Mensch ! « » Oh « , rief Elsi und hielt sich , wie zum Schutze , ihre beiden kleinen Hände vor den Mund , » ich könnte nicht , ich würd vor Mitleid sterben ! « » Sie sollen auch nicht , liebe Frau ! « sagte Lenthe lächelnd . » Sie sind kein Arzt ; bei denen und den Advokaten pflegt die uns gleich überfallende Denkarbeit das Mitleid zu verzehren . « » Ja , Lenthe « , entgegnete ich , » aber auch das hat seine Grenzen ; und übrigens ist es bei uns Ärzten auch noch ein anderes als nur das Mitleid ; wie oft flog es mir beim Anblick solcher Leiden durch den Kopf : Das ist menschlich , binnen heut und kurzem kannst auch du so daliegen ; es ist nur ein Spiegel , in dem du dich selber siehst ! Aber das war es diesmal nicht ! « Lenthe sah mich fragend an . » Glaub mir « , sagte ich , » ich sah nichts als die vergebens mit ihren Schmerzen ringende Alte , die mit ausgespreizten Händen in die Luft stieß und , als wolle sie sich Hülfe rufen , die Kiefern aufeinanderschlug , aber nichts hervorbrachte als so grauenhafte Laute , daß ich bis jetzt sie im Umkreis des Lebendigen nicht für möglich gehalten hätte . « Als Lenthe mich um Näheres befragte , hatte ich mich ganz ihm zugewandt und teilte ihm noch mehreres über diesen mich wissenschaftlich und menschlich beschäftigenden Fall mit . Da kam Frau Käthes Stimme wie vorsichtig zu mir herüber . » Doktor « , sprach sie , » Ihre Frau ! « Als ich aufblickte , sah ich Elsi bleich und mit geschlossenen Augen in den Armen ihrer Freundin . Ich ging zu ihnen , und da es nur eine leichte Ohnmacht war , so wurde sie bald beseitigt . Da sie sich wiedergefunden hatte , brachte sie hastig ihre Lippen an mein Ohr . » Verzeih mir , Franz ! « flüsterte sie , » ich kämpfte , ich konnte nicht dagegen ! « Ihre Augen begleiteten mich schmerzlich , als ich nach einer beschwichtigenden Liebkosung auf meinen Platz ging . Aber die Behaglichkeit des Abends war gestört und wollte sich nicht wiederherstellen . Als wir früh nach Hause gingen , klammerte sich Elsi an meinen Arm und atmete stark , als ob sie in dem Halbdunkel der Gassen mir etwas bekennen oder anvertrauen wolle und doch nicht dazu kommen könne . Ich wollte ihr zu Hülfe kommen , ich sagte : » Was fiel dir ein , Elsi , daß du nach deiner Ohnmacht mich um Verzeihung batest ? Das hätte meine Bitte an dich sein sollen , da ich diese Schrecknisse in Frauengegenwart vorbrachte . « Aber sie schüttelte den Kopf und lehnte sich nur fester an mich : » Nein , Franz , sprich nicht so ; ich fühle eine Schuld ; nicht weil es so ist , denn dafür kann ich nicht ; nein , weil ich dir ' s nicht sagte , bevor ich des berühmten Arztes Frau wurde . Ich habe manchmal heimlich gezittert , daß es sich dir verraten möchte , und du mußt es ja doch wissen . O Franz , ich bin ein feiges Geschöpf , aber mein Leib hat nie von Schmerz gelitten , so daß ich , wenn andere klagten , mir oft als eine fast Begnadete erschienen bin ; dafür aber bin ich mit einer Todesangst vor aller Körperqual behaftet . Als eine jüngere Schwester von mir geimpft werden sollte und ich den Arzt die Lanzette hervorholen sah , bin ich fortgelaufen und habe mich in einem Hinterhöfchen so tief zwischen alte Fässer versteckt , daß man erst spät am Abend mich dort auffand und halbtot vor Angst hervorzog . Als du von unserer unglücklichen Alten sprachst , da war es plötzlich nicht mehr sie , ich war es selbst , in der die schaudervollen Schmerzen wühlten ; oh ! « , und sie stand still und stöhnte , als ob das Gefühl ihr wiederkomme ; » sollte in Wirklichkeit mir das bevorstehen « , rief sie , mich zum Fortgehen treibend , » ich weiß , ich glaube es bestimmt zu wissen , die Angst würde mich töten , bevor die Qualen ihre Klammern in meinen armen Körper setzten ! « » Möge das nie geschehen ! « sagte ich und schlug den Arm um ihre Hüfte . » Aber was schiltst du deine Feigheit ! Die übermäßige Tapferkeit der Frauen war niemals meine Leidenschaft . « Sie antwortete nicht darauf , als hätt ich nur um ihretwillen so gesprochen ; sie sagte nur : » Nun weißt du es , Franz ; liebst du mich noch ? « » Nur um so mehr , Elsi , da ich dich auch hier zu schützen habe . « Dann hatten wir unser Haus erreicht . – – Als ich am andern Mittag in die Eßstube trat , kam mir Elsi ein wenig erregt , aber mit auffallend heiterem Angesicht entgegen . » Nun « , rief ich , » was hast du ? Ist ein Glück in unser Haus gefallen ? « » Ich habe nichts « , sagte sie , » oder – ich will nicht lügen du darfst es noch nicht wissen ! « Ich hob drohend den Finger : » Weißt du schon nicht mehr , wie dich Geheimnisse drücken ? « » Nein , Franz , so ist es nicht ; um ein paar Tage sollst du alles wissen ! Vielleicht auch bin ich nur so froh , weil du gestern meine Schuld so liebreich von mir nahmst . « » Und statt des großen hast du nun glücklich ein kleines Geheimnis dir gewonnen ; oh , ihr Weiber ! « Sie faßte mich um den Hals : » Laß mich ' s behalten ; nur die paar Tage noch ! « » Nun « , sagte ich lachend , » du wirst schon wissen , wie weit meine Langmut reicht ! « Da nickte sie mir zu : » Gewiß , ich will auch gnädig sein ! « – – Ein paar Tage waren hingegangen , und diese erregte Heiterkeit hatte mich jedesmal empfangen ; ich glaubte nun bald dort zu sein , wo das Siegel mir gebrochen werden sollte . Da ich aber eines Mittags ins Haus trat , fand ich Elsi weder im Wohn- noch im Eßzimmer , auch draußen nicht . Auf meine Frage an die Hausmagd wurde mir berichtet : » Frau Doktor sind unwohl und haben sich ins Bett gelegt ; Frau Rechtsanwalt leisten ihr Gesellschaft . « Ich lief schnell die Treppen hinauf nach unserem Schlafzimmer und sah beim Eintritt schon Frau Käthe an Elses Bette sitzen . » Ja , Doktor « , rief sie mir entgegen , » da liegt unser junger Übermut ! Ich denk , Ihr Anblick wird sie wohl am schnellsten heilen . « » Den Übermut « , sagte ich , » müssen Sie zuerst an meinem zaghaften Weibe entdeckt haben ! « » Das wäre möglich , Doktor ; aber haben Sie Lateiner nicht ein Sprichwort , daß die Natur selbst mit der Furke nicht herauszutreiben sei ? « » Nun , und ? « » Und ? – Ja , wart nur , Elsi « , unterbrach sie sich und ergriff deren beide Hände , die sie vom Bett aus mir entgegenstrecken wollte , » ich will es schon erzählen : Sie müssen nämlich wissen , Doktor , dies junge zarte Geschöpf ist seit jenem Ohnmachtsabend in unserem Hause an jedem Vormittage und – nicht wahr , Elsi ? – hinter dem Rücken ihres ärztlichen Ehemannes bei jener schrecklichen Patientin , der alten Hinz , gewesen , um sie zu trösten , zu erquicken – vor allem aber , um diesem Ehemann zuliebe eine Radikalkur gegen die Weichheit ihrer eigenen Seele zu vollbringen ; da hat nun aber die arme Alte heute ihren Anfall bekommen und diese Kur damit ihr vorschnelles Ende gefunden . Sehen Sie nun selber , wie Sie mit ein wenig Kunst und Liebe den Schaden heilen , den die Rache der Natur unserem Kinde zugefügt hat . « Ich hatte mich indessen auf den Rand des Bettes gesetzt ; ich sah , daß Else stark geweint hatte , und ihr Puls schlug wie im Fieber . Sie legte ihre heiße Stirn auf meine Hände : » Es ist so , Franz , wie Käthe es dir gesagt hat , und das ist die traurige Lösung meines Geheimnisses ; ich wollt dir eine Freud machen , und es ist nun Trübsal . « Ich suchte sie zu beruhigen , da sie wieder in Tränen ausbrechen wollte . » Du bist in die Gefahr hineingegangen « , sagte ich , » und das war Tapferkeit genug ; was du mehr wolltest , lag außer den Grenzen deiner Kraft . Daß du es mir zuliebe gewollt hast , dafür lieb ich dich um so mehr , aber versuchen wollen wir es nicht wieder . Bleib nur heute ruhig , so kannst du morgen schon das lateinische Sprichwort von der Furke lernen ! « Und Elsi lächelte mich dankbar an . – – Den lateinischen Vers , ich meine : des Horaz , lernte sie wirklich am andern Tage schon , während wir beide miteinander im Garten auf und ab wandelten ; sie lernte ihn sogar auswendig . » Naturam expellas furca , tamen usque recurret . Siehst du « , sagte sie , » nun kann ich ' s auch ! « Nach diesem Scherze gab ich ihr Ersatz für die verlorene Liebesmühe ; statt der endlich verstorbenen Mutter Hinze wies ich ihr eine Anzahl ungefährlicher und doch gleich hülfsbedürftiger Kranken zu , an denen sie nun ihr Erbarmen übte . Und es ward ihr bald zu Stolz und Freude . » Aber Elsi « , rief ich eines Tages , da die Suppe eher auf den Tisch als sie ins Haus kam , » du läßt ja heut lange warten ! « » Ja , Franz « , und es klang wie eine amtliche Wich tigkeit aus ihren Worten ; » ich habe auch drei kranken Kindern vorgelesen : Fanferlieschen Schönefüßchen , von den Bremer Stadtmusikanten und dann das wirklich wahre Märchen von Jorinde und Joringel ! « » Das ist ein anderes « , sagte ich ; » dann laß uns zu Tische gehen ! « , und ich nahm den lieben Arm in den meinen . Nicht verschweigen will ich , daß Elsis neue Liebesmühen meinem Heilverfahren oft nicht unwesentlich zu Hülfe kamen . So waren drei Jahre etwa uns vergangen ; schnell , wie das Glück es an sich hat . Immer wieder tauchte von Zeit zu Zeit von dem nur ihr so Eigenen auf , aber es war stets anmutig , und wenn ich eben aus der nüchternen Welt zurückkam , so war mir oft , als stamme es aus andern Existenzen . So , als ich sie an einem sonnigen Oktobermorgen zwischen unseren Tannen wandeln fand , wo sie , wie in ihr Werk versunken , die Fäden der über den Weg hängenden Herbstgespinste auf ein zusammengelegtes rosa Kärtchen wickelte und mir dabei , nicht einmal ihre Augen hebend , entgegenrief : » O bitte , Franz , geh doch den andern Weg ! « , oder wenn sie mich bat , einer ungeheuren Kröte , die in unserem Garten ihre Höhle hatte , doch kein Leids geschehen zu lassen , denn wer wisse , was hinter jenen goldenen Augen stecke ! Und einmal ich hatte noch nie mit meiner Frau getanzt ; ein Arzt wird manchem abgewandt , auch wenn er es früher leidenschaftlich betrieben hat ; einmal aber kam ein großer öffentlicher Ball , bei dem , wie ich meinte , auch wir beide nicht fehlen durften . Die Damen der ganzen Stadt waren in Aufregung ; in welche Tür mein ärztlicher Schritt mich führen mochte , überall sah ich Wolken weißer oder lichtfarbiger Stoffe auf den Tischen , und oftmals störte ich die heiligsten Toilettengespräche . Nur in meinem Hause war nichts dergleichen ; nicht einmal ein Wort darüber hörte ich . » Nun , Elsi « , frug ich endlich , » willst du nicht auch beginnen ? « » Ich ? Oh , ich werde leicht fertig ! « – » Und brauchst du kein Geld dazu ? Ich hab gesehen , daß unsere andern Damen es nicht sparen ! « » Wenn du mir geben willst : ich brauch nicht viel ! « Ich hatte vier doppelte Friedrichsdors vor ihr auf den Tisch gelegt , aber sie strich lächelnd drei davon in ihre Hand und gab sie mir zurück ; dann nahm sie den letzten . » Der reicht « , sagte sie , » laß mich nur machen ! « Am Ballabend bat sie mich : » Franzele , du kleidest dich unten in deinem Zimmer an ? « » Willst du uns scheiden , Elsi ? « » Nur für ein Stündchen ! « – – Und es war noch nicht verflossen , da pochte ihr Finger schon an meine Tür . » Herein , holde Elfe ! « rief ich , und da stand sie vor mir mit all ihren Toilettenkünsten ; ich hatte nicht gedacht , daß sie so einfach waren . Ein möglichst schlichtes Kleid , lichtgrau , von einem weichen durchsichtigen Stoffe , ging bis zum Hals hinauf ; als einziger Schmuck umgab ihn eine Schnur von echten Perlen , das einzige Angedenken von ihrer längst verstorbenen Mutter ; über den Hüften umschloß ein silbernbrokatener Gürtel die schlanke Gestalt . Das war alles – wenn du den blonden Knoten ihres seidenen Haares nicht rechnen willst , der das schöngeformte Haupt fast in den Nacken zog . Ich betrachtete sie lange , während ihre Augen zärtlich fragend nach den meinen suchten . » Ja , Elsi « , rief ich , und ich konnte es nicht lassen , sie stürmisch in meine Arme zu schließen , » du bist schön , zu schön fast für ein Menschenkind ! Aber – ist das ein Ballanzug ? « » Ich weiß nicht « , sagte sie lächelnd ; » ich hab mich nun so angezogen , und da du sagst , daß es schön ist ... « » Laß doch « , rief ich , » mir ist es recht ; aber was werden die Damen sagen ? « In diesem Augenblick hörte ich den Wagen vorfahren , und wir rollten nach dem Saal der Harmonie . – – Es war eine der dem Arzte gewöhnlichen Mißschickungen , daß , noch bevor wir eingetreten waren , ein Bote mich im Vorsaal ereilte , welcher mich dringend zu einem meiner alten Patienten berief , der von einem Schlaganfall betroffen sei . Ich führte meine Frau sogleich in den Tanzsaal , zu unserer Frau Käthe , die ihr schon bei unserem Eintritt zugewinkt hatte ; sie ließ einen hellen Blick über Elsis Gestalt schweifen . » Du bist apart « , flüsterte sie , » aber entzückend ! « Dann gab sie ihr Raum neben sich und machte sie mit ihrer einen Nachbarin bekannt , die meine Frau noch nicht gesehen hatte . Aber ich mußte fort ; noch sah ich , wie die Weiber ihre Augen auf sie wandten , wie aus einem Haufen der Tänzer mit einer Kopfwendung oder leisem Fingerzeig auf sie gedeutet wurde und , da plötzlich die Tanzmusik einsetzte , mehrere derselben auf meine schöne Elbin zusteuerten ; dann , nach einem hastigen Händedruck von ihr , ging ich in die kalte Nacht hinaus . – Als ich spät , ich hörte hinter den Gassen schon die Hähne krähen , in den Tanzsaal zurückkehrte , flog Elsi mir entgegen . » Wo stand der Tod ? « frug sie ernst , » zu Häupten oder am Fußende ? « » Nach dem Märchen « , erwiderte ich , » stand er zu Häupten ; der alte Herr ist diesmal noch vor ihm bewahrt . Aber du hast ja gar keine heißen Wangen , Elsi ; hast du nicht viel getanzt ? « » Gar nicht ! « sagte sie . » Was sagst du ? – Und weshalb denn nicht ? « » Ich mochte doch nicht tanzen , indes du mit dem Tod verkehrtest ! Auch « , und sie hob sich zu meinem Ohr , während wir in der Tanzpause im Saale auf und ab gingen , und flüsterte , » weißt du , Franz , ich tanz nicht gern ; wohl einmal so mit einer jungen Sechzehnjährigen , nicht mit Männern ; sie tanzen so schwer , das macht mich krank ! « Da fiel die Musik ein , und der Saal ward plötzlich wieder lebendig . » Komm , Franz ! « rief sie ; » nun laß uns tanzen ; es ist der letzte auf der Karte , da können die andern mich nicht mehr plagen ! « » Aber du magst ja nicht mit Männern tanzen ! « – » Oh , wie du reden kannst ! Ich bin ja dein ! « » Und was sollen deine Abgewiesenen sagen ? « » Ich weiß nicht . Wir wollen tanzen ! « Und wir tanzten miteinander ; nur dies eine Mal in unserem Leben . Du weißt , Hans , ich war einst ein leidenschaftlicher Tänzer , und ich meine , auch kein ungeschickter ; aber jetzt war mir , als würden meine Füße beflügelt , als ströme eine Kraft , die Kunst des Tanzes , von meinem Weibe auf mich über , und dennoch – mitunter befiel mich Furcht , als könne ich sie nicht halten , als müsse sie mir in Luft zergehen . » Oh , das war schön ! « hauchte Elsi ; » wie liebe ich dich , Franz ! « Ich ließ das alles wie einen stillen Zauber über mich ergehen , denn – und das gehört wohl noch zu dem Bilde dieser Frau – der Haushalt ging desungeachtet unter ihren Händen wie von selber ; ja , ich habe nie gemerkt , daß überhaupt gehaushaltet wurde ; es war , als ob die toten Dinge ihr gegenüber Sprache erhielten , als ob sie ihr zuriefen : » Hier in der Ecke steckt noch ein Häufchen Staub , hier ist ein Fleck , stell hier die Köchin , hier die Stubenmagd ! « Es war wie im Märchen , wo es dem Kinde beim Gange durch den Zaubergarten aus den Apfelbäumen zuruft : » Pflück mich , ich bin reif ! « » Nein , ich noch reifer ! « – Von der Wirtschaftsunruhe , an der so viele Ehen kranken , habe ich niemals was erfahren . Doch ich habe weiter zu berichten , denn die Zeit des Glückes war nur kurz . – – Es war an einem Maiabend unseres vierten Ehejahres , als ich von einer ermüdenden Praxis nach Haus zurückkehrte . Da es still und mild war , ging ich zunächst in den Garten , wo ich bei solchem Wetter und um diese Zeit meine Frau zu finden pflegte ; ich ging die Steige durch die Tannen , zuletzt noch unten nach dem Rasen , der , wie wir schon im Herbst bemerkt hatten , ganz mit Veilchen durchsetzt war ; aber die bescheidenen Blumen , die um Mittag den Platz mit Duft erfüllt hatten , waren in der herabsinkenden Abenddämmerung kaum noch sichtbar . Es war hier alles leer ; auch Else war nirgend zu sehen , und so wandte ich mich und ging wieder dem Hause zu . Als ich nach den beiden Fenstern unseres Wohnzimmers hinaufblickte , die hier hinaus im oberen Stocke lagen , sah ich , daß sie ganz von dunklem Abendrot wie überströmt waren ; aber auch dort schien es einsam . Niemand schaute hinter ihnen zu mir hinab . Unwillkürlich nahm ich meinen Weg dahin , nicht ahnend , welch ein befremdender Anblick mich erwartete . Als ich eintrat , sah ich Else mitten im Zimmer stehen , aber sie schien mich nicht bemerkt zu haben ; und jetzt gewahrte ich es , sie stand ohne Regung , wie ein Bild , die linke Hand herabhängend , die rechte , wie beklommen , gegen die Brust gedrückt . Gleich einer Verklärung lag der rote Abendschein , der durch die Scheiben brach , auf den herabfließenden Falten ihres lichtgrauen Gewandes , auf dem feinen Profil ihres Angesichts , das sich klar von dem dunklen Hintergrund des Zimmers abhob . Eine Weile konnte ich sie so betrachten , ohne daß mir die leiseste Bewegung ihres Körpers kundgeworden wäre . » Elsi ! « rief ich leise . » Ja ? « erwiderte sie wie traumredend ; » ich komme ! « Wie ein Erwachen schien es plötzlich ihre schlanken Glieder zu durchrinnen ; sie rieb mit ihren weißen Händen bedächtig sich die Augen . » Ach du , Franz ! « rief sie und lag im Augenblick in meinen Armen . » Was war das , Elsi ? « frug ich . – » Ich weiß nicht . Was war es doch ? – Ich meinte , ich sei bei dir , und ich war es nicht ; und da riefst du mich . Aber du kommst aus deiner Praxis , du mußt jetzt ruhen ! « Sie hatte mich zu einem Lehnsessel gezogen , und als ich mich hineingesetzt hatte , kniete sie vor mir nieder und streckte die Arme mir entgegen . Ich war ermüdet , aber nicht so sehr , um nicht noch mit Entzücken auf den schöngeformten Kopf meines Weibes zu blicken ; ich hatte ihre Hände in die meinen genommen , und so saßen wir , ohne zu sprechen ; nur ihre lichtgrauen Augen sahen unablässig und immer forschender in die meinen . Es war seltsam , daß es mir – ich kann ' s nicht anders ausdrücken – unheimlich unter diesem Blicke wurde ; zugleich aber kam jener süße Schauder über mich , der mir damals von meinem Nachtgesicht geblieben war . » Elsi « , sagte ich endlich , » was siehst du so mich an ? « Ich sah , wie sie zusammenzuckte . » Soll ich das nicht ? « frug sie dann leise . » Deine Augen sind so gespenstisch , Elsi ! « Sie sah mich dringender an . » Du ! « sagte sie heimlich und verstummte . – » Was denn , geliebte Frau ? « » Du , Franz , wir müssen uns früher schon gesehen haben ! « Der Atem stand mir still , aber ich sagte nur : » Wir sehen uns jetzt schon in das vierte Jahr ; von früher weiß ich nichts . « Sie schüttelte ihren blonden Kopf : » Ich mein es ernsthaft ; du sollst keinen Scherz daraus machen ! Nein , weit , viel weiter zurück – aber ich kann mich