plagten , konnte es geschehen , daß er plötzlich zu Pferde stieg und nach dem alten Haus hinüberjagte . » Heilwig ! Heilwig ! « rief er schon von weitem , wenn er die Kleine am Ringgraben oder auf der Schwelle des Tores spielen sah . Sie erschrak dann wohl und lief ins Haus ; aber es half ihr nicht ; mit dem Kinde vor sich auf dem Sattel kam er nach Frau Benediktes Hof zurück und hieß demselben für die Nacht die Kammer an der seinen rüsten . Freilich die kleine Heilwig selber hatte keine Lust davon ; Frau Benedikte gab ihr weder Blick noch Wort , und bei den Mahlzeiten , bei denen sie auf ihres Paten Geheiß an dessen Seite sitzen mußte , wurde ihr der Teller wie einem Hunde oder einer Katze zugeschoben . War Herr Hennicke kurz zuvor in der Stadt gewesen , so hatte er wohl einen Chinaapfel oder eine andere Leckerei auf ihren Platz gelegt ; aber sie rührte sie nicht an , denn die beiden Füchse sahen mit so gierigen Augen darauf hin , daß sie den Bissen nicht einmal zu teilen wagte . Am meisten vielleicht fürchtete sie die ihr unverständliche , gewaltsame Zärtlichkeit des finsteren Mannes selber . Nicht selten , wenn morgens sie in ihrem Bett erwachte , sah sie die schwarzen Augen ihres Paten über sich ; er sagte nichts , er strich ihr stumm die Löckchen von der Stirn oder drückte ihr verschlafenes Köpfchen zwischen seine beiden rauhen Hände ; mitunter riß er sie vom Kissen auf an seine Brust , daß sie mit ihren nackten Ärmchen gleich einem Opfer in des Mannes Armen hing . Wenn er dann wieder plötzlich von ihr abließ und schweigend , wie er gekommen , zur Kammertür hinausgeschritten war , so lag sie auf ihr Kissen hingesunken und wagte sich nicht zu rühren , bis unten auf dem steinernen Hausgang sein harter Tritt verschollen war . War sie dann aufgestanden und hatte unter Frau Benediktes Augen ihr Frühstücksbrot verzehrt , dann lief sie gern ins Freie , um der Liebe des einen und dem Haß der anderen zu entkommen ; sei es in den Garten hinterm Hause , wo freilich außer den Bohnen-und den Wurzelbeeten nicht viel Liebliches zu sehen war , oder über den weiten Hof auf die Heerstraße , um dort von einem Walle oder einem großen Steine aus sehnsüchtig nach der Richtung des hinter dem Walde belegenen Eekenhofes hinzuschauen . Aber die untersetzten Buben rannten ihr , wo sie nur konnten , nach und plagten sie auf alle Weise ; sie hießen sie den » Kuckuck « , weil sie ihnen das beste Futter nehme , und brachten sie , trotz tapferer Gegenwehr , oftmals in bittere Tränen . » Ich will zu meiner Großmutter ! « rief sie dann wohl in ihrer Not ; sie hätte das auch sonst wohl gerufen ; aber wenn ihres Paten Augen auf ihr lagen , dann waren ihr die Lippen wie verschlossen . Eines Nachmittages , da ein fremder Pferdezieher auf den Hof gekommen war , hatte Herr Hennicke ein kleines Nordlandspferdchen eingehandelt ; als aber die beiden Füchse , welche ihn schon lange um ein solches Tier geplagt hatten , in lauten Jubel ausbrachen , erklärte er ihnen , daß sie dessen keine Ursach hätten : » den Pony habe er für Heilwig eingekauft ; für solche Buben , wie sie beide , seien die Milchesel annoch die besten Rosse « . Bei diesen Worten hob er das zitternde Mädchen , das dabeigestanden , gleich einem Vogel auf den Rücken der kleinen Stute und führte diese behutsam auf dem Hof umher ; die beiden Füchse aber rannten heulend in das Haus , um ihrer Mutter diese neue Unbill zu berichten . Frau Benedikte schwieg ; sie wagte , wo es das Mädchen galt , nicht gern gegen ihren Eheherrn zu reden ; nur ihre Wangen wurden etwas bleicher und ihre bläulichen Lippen etwas blasser , als sie ohnedies schon waren . Die kleine Heilwig aber , als Herr Hennicke zu den Arbeitern auf das Feld gegangen war , fürchtete sich , ins Haus zu gehen , obgleich die Dämmerung stieg und kalte Herbstluft wehte . Sie schlich sich frierend auf den Weg hinaus ; bald schritt sie mutig fürbaß und wollte drüben durch den dunkeln Wald zur Großmutter nach dem Eekenhof zurück , bald stand sie ratlos still und wickelte sich ihr Schürzchen um die kalten Arme , bis sie am Ende , da eben überm Herrenhaus der Mond heraufstieg , von kindischer Furcht ergriffen , nach dem Hof zurücklief . Kaum aber war sie durch das Torhaus auf den hellen Platz getreten , so sah sie plötzlich aus dem Schatten einer Scheune die beiden Buben auf sich zustürzen . » Was wollt ihr ! « rief sie erschreckt . » Was hab ich euch getan ? « Aber die Füchse packten sie bei den Armen und zerrten sie gegen den steilen Rand einer Wassergrube , aus welcher bei kalten Nächten das heimkehrende Vieh getränkt zu werden pflegte . » Laßt mich ! « schrie das Kind . » Ich will das dumme Pferd nicht haben ; ich will nichts , gar nichts von euch und eurem Vater haben ! « Doch die beiden Füchse fuhren nur stumm und emsig in ihrer gemeinschaftlichen Arbeit fort , und schon blinkte von unten das Wasser in die entsetzten Kinderaugen , da plötzlich ließen sie mit jammerndem Geschrei von ihrer Beute ab . Herr Hennicke , vom Felde heimkehrend , einen derben Stock in seiner Faust , stand über ihnen . Aber auch Frau Benedikte war alsbald zur Stelle und frug , was denn die Kinder abermals verbrochen hätten . Da schrie der Älteste , durch der Mutter Gegenwart ermutigt : » Der Kuckuck ! Wir wollten nur den Kuckuck aus dem Neste schmeißen ! « Frau Benedikte stieß ein Lachen aus . » Die da ? « rief sie . » Nicht wahr , Herr Hennicke , das ist kein Kuckuck ? Ihr kraus Gefieder stammt von einem anderen Vogel ; auch gäbest du gar gern wohl Weib und Kind , wenn du der Dirne Augen noch in einem andern Kopf erschauen könntest ! « Sie streckte ihre hageren Finger nach dem Kinde , daß dieses sich erschrocken an ihres finsteren Paten Seite drängte . Dieser aber hob die Kleine auf seinen Arm und wischte mit ihrem Schürzchen ihr die Tränen aus den Augen . » Wenn du das alles weißt , Frau Benedikte « , sprach er , » dann weißt du auch , weshalb der Vogel hier ins Nest gehört . « Die Frau wollte ein hastig Wort erwidern ; aber sie biß sich nur auf ihre bleichen Lippen , denn die Zornader lag dick auf ihres Mannes Stirn . So gingen die beiden schweigend mit einem Blick des Hasses aus einander : er mit dem schwarzen heimatlosen Vogel , sie mit den beiden roten Buben , die sich an ihre Röcke hingen . Nach diesem , als die untersetzten Junker in die Länge schossen , ist ein armer candidatus reverendi ministerii als Informator in das Haus gekommen ; denn da Herr Hennicke ihm die Nachfolge in den Dienst des greisen Pastors zu Eekenhof in Aussicht stellte , so ist er um ein billiges zu haben gewesen . Aber noch in späten Jahren , da er selber als emeritus in der müßigen Geschwätzigkeit des Alters hier umherwanderte , hat er des kein Ende finden können , was diese Schüler ihm für Not geschaffen haben . Hatte er sie eben zur Arbeit an ihre Lektionen fortgeschickt , so fand er sie statt dessen draußen auf dem Hofe oder in der nahen Sandgrube heftig an einem unnützen Werke arbeitend ; kam er dann auch noch so hurtig mit der Haselgerte , so saßen sie zu seinem unaussprechlichen Erstaunen rittlings auf dem Scheunendach und machten , gleich Eulenspiegel , unehrerbietige Gebärden . In einem jetzt noch in dem Kirchenarchiv des Eekenhofer Pastorats vorhandenen Exemplare von Henrici Müllers » Liebeskuß « sieht man auf dem Titelbilde neben den pausbackigen Engeln eine Anzahl kleiner ungefüger Säue mit Rötel hingezeichnet und dazu in kleinen steilen Zügen die vergilbte Randschrift : » Von den Herrn Junkern Henno und Benno more solito hinzugefüget . « Aber auch seine Freuden hat der Kandidat gehabt ; denn wöchentlich an zweien Nachmittagen ist er auf Herrn Hennickes Anordnung nach dem Eekenhof hinübergewandert , um auch an Heilwig Lektionen zu erteilen . Wenn er hier in seinem abgeschabten Mäntelchen aus dem Eichenschatten dem Hause zugeschritten ist , dann hat er , vergnüglich seine Hände reibend , vor sich hin gerufen : » O arboretum recreationis ! Lustwäldlein , drin Erquickung weht ! « Von der Treppe des Hauses ist ihm dann wohl ein Mädchen mit einem Büchlein in der Hand entgegengelaufen ; sie hat sich rasch die schwarzen Löckchen fortgestrichen , die ihr beim Lesen in die Stirn gefallen waren , dann aber , bevor der Unterricht begann , dem guten Informator die Klettenbüschel und etwa auch den Fuchsschwanz von wildem Sauerampfer abgenommen , was alles seine männlichen Scholaren ihm zum Abschied auf den Weg gegeben hatten . Der Kandidat sollte noch einen vierten Schüler erhalten . Von dem Junker Detlev , seit ihn als Kind die Base in die Stadt genommen hatte , war in seiner Heimat weder etwas gesehen noch gehört worden ; ja , in Frau Benediktes Hause wußten die beiden Füchse kaum , daß noch ein älterer Bruder da sei . Jetzt aber wurde ihnen solches , und dazu noch , daß dieser nächstens auf dem Hofe eintreffen werde , mit einem Mal verkündet . Denn die freigebige Base in der Stadt war trotz ihrer Munterkeit von einem jähen Tode angesprochen worden , und da sich keine zweite fand , so war es , nach einem diesmal von Frau Benedikte und Herrn Hennicke gleichmäßig gelösten Rechenexempel , das geratenste , den Buben heimzurufen und gleichfalls in des doch einmal vorhandenen Kandidaten Information zu geben . – – Und eines Nachmittages im September , da auf Eekenhof die hohen Bäume im warmen Sonnengolde standen , ist von der Heerstraße ein blonder Knabe darauf zugewandert . Man hat ihn auf zwölf Jahre schätzen können ; einen Schulranzen hat er auf dem Rücken und einen dicken Stab in seiner Hand gehabt . Als er auf die jetzt immer herabgelassene Zugbrücke getreten ist , hat er fester seinen Stab gefaßt , wie um den großen Hunden zu begegnen , welche derzeit aus den Herrensitzen mit Gebell den Ankommenden entgegenzustürzen pflegten . Aber es ist dergleichen nichts geschehen ; nur ein schwarzhaariges Dirnlein hat mit den Armen über das Brückengeländer gehangen und von einem Stücklein Brotes für die Fische drunten abgebröckelt . » Wer bist du ? « frug der Knabe , als sie jetzt den Kopf zu ihm herumwandte . » Wohnst du hier ? « » Das Haus steht leer « , sagte das Mädchen ; » ich und meine Großmutter wohnen allein darin ; wir halten auch die Uhr in Ordnung . Hörst du ? Da schlägt es eben vier . « Als die Uhr vom Hause ausgeschlagen hatte , frug der Knabe wieder : » Wer ist denn deine Großmutter ? « – » Mein Großvater war der Förster hier im Walde . « » So ? « sagte der Knabe . » Ich kenne euch nicht ; aber ihr dürft hier schon noch wohnen bleiben , denn ich brauche das Haus noch lange nicht ! « Die Kleine hatte sich gerade vor ihm hingestellt . » Du ! « rief sie . » Da werden wir dich wenig fragen ; das Haus gehört Herrn Hennicke , der drüben hinter dem Walde wohnt . « Aber der Bube ließ sich das nicht anfechten . » Herr Hennicke ist mein Vater « , sagte er ; » aber das Haus ist mein , denn es ist meiner Mutter Haus gewesen . « Als er so redete , ist von dem Hause her eine ältliche Frau zu ihnen getreten , deren Antlitz von verwundenem Leide zeugte und auch davon , daß sie fremdem Willen sich zu beugen hatte lernen müssen . Eine Weile ließ sie ihre Augen auf dem Knaben ruhen ; dann sprach sie » Siehst du es denn nicht , Heilwig ? Das ist der Junker Detlev ! Ich kenne ihn nach seiner Mutter Angesicht ; und alle Armen und Bedrückten werden ihn auch daran erkennen . « Sie hatte dem Knaben ihre Hand gereicht , Heilwig aber sah ihn groß aus ihren blauen Augen an . » O Junker Detlev « , rief sie , » du siehst ganz anders aus als deine Brüder ! « » Ich kenne meine Brüder nicht « , sagte der Junker ; » ich kenne euch hier alle nicht ! Wenn meine gute Base nur noch lebte , so wäre ich erst gekommen , wenn ich mündig war ; der Herzog hat mir auch versprochen , daß ich auf seiner neuen Universität studieren soll ! « » Aber « , sagte die Förstersfrau , » hat denn Herr Hennicke Euch kein Roß zum Reiten in die Stadt geschickt ? « » Ich gehe lieber « , entgegnete er kurz , » als daß ich auf Frau Benediktes Pferden reite ! « – » Und wißt Ihr denn auch , daß Ihr an der jetzigen Wohnung Eures Vaters vorbeigewandert seid ? « Der Knabe nickte . » Das weiß ich wohl ; ich will erst meiner Mutter Bildnis sehen , bevor ich nach dem fremden Hause komme ! « » Mit Gott , Junker Detlev ! « sprach die Alte , indem sie einen Schlüssel von ihrem Gürtel löste ; » Heilwig mag Euch die Sommerstube aufschließen , indessen ich Euch einen Imbiß unter Eurer Mutter Dach besorge ! « Das war der Junker wohl zufrieden ; und während dann die Alte in der düsteren Küche zu hantieren anfing , stiegen die Kinder miteinander in das Oberhaus hinauf . – – Als spät mit Dunkelwerden der Junker Detlev auf Frau Benediktes Hof kam , haben die beiden Füchse schon am Tor auf ihn gelauert und ihn mit Lärmen in das Haus gezogen ; er sollte ihnen gegen den dummen Informator beistehen und ihnen den Kuckuck aus dem Neste schmeißen helfen ! Frau Benedikte , da er bei seiner Abendschüssel gesessen , hat das feine Tuch seines Wamses mit ihren mageren Fingern ausgeprüft und ihm gesagt , das passe hier nicht auf dem Lande ; auch werde sie schon morgen ihm die blonden Locken stutzen . Herr Hennicke aber ist auswärts bei einem Nachbar zum Gelag gewesen . Gleichwie indes der Junker Detlev sich Frau Benediktes Schere zu erwehren verstand , so wurden auch die Hoffnungen der beiden Füchse nicht erfüllt . Sie wußten freilich nicht , daß Detlev mit dem » Kuckuck « vor seiner Mutter Bild gestanden hatte , und konnten deshalb nicht begreifen , warum er nicht ihre Kameradschaft der des dummen Mädchens vorzog , ja gleich dieser und zu des verhaßten Informators Freude emsig bei den Büchern saß . Herr Hennicke selber ist seinem ältesten Sohne meistens aus dem Weg gegangen und hat weder in Schimpf noch Ernst zu ihm geredet . Nur wenn der Junker sich bisweilen seines mütterlichen Erbes annahm , sei es , daß er für einen armen Hörigen Fürspruch tat oder daß er den sichtlichen Verfall des alten Hauses aufzuhalten wünschte , dann hat Herr Hennicke ihn drohend angeschaut und ihn mit hartem Wort zurückgewiesen ; doch noch niemals , was die beiden Füchse sich mit Neid erzählten , hatte er eine Hand zum Schlage gegen ihn erhoben . Auf dem Eekenhofe ist der Junker oft gesehen worden . An Winterabenden saßen er und Heilwig vor dem Ofenfeuer , und die spinnende Förstersfrau erzählte ihnen die Geschichten von den Bildern droben , soweit sie selber davon wußte . Im Sommer , zumal wenn draußen gar zu dumpfe Schwüle lagerte , gingen sie auch wohl nach dem kühlen Saal hinauf . Als einst die Schritte des Knaben gar zu hallend in dem stillen Raume tönten , legte Heilwig die Hand auf seinen Arm : » Du ! du mußt leise gehen ! « – » Leise ? Warum denn leise ? « » Ja , deine Mutter ist doch tot ; und auch die andern , die hier abgebildet sind ! « Da tat er , wie sie sagte ; und flüsternd gingen sie von einem Bild zum andern , bis vor dem Bilde von Detlevs Mutter ihr Gespräch verstummte . An andern Tagen strichen sie miteinander durch den nahen Wald , und wenn der Durst sie überfiel , liefen sie zu einem Kätner , dessen kleines Heimwesen dicht am Waldesrand gelegen war . » Forthmann « , sagte dann wohl der Knabe , wenn er das Krüglein Milch aus dessen Hand an Heilwig reichte , » warte nur , du sollst zu deiner einen Kuh noch einmal zwei dazubekommen ! « Und der arme Hörige antwortete : » Ja , ja , Herr Junker , Euer Großvater ist auch ein guter Mann gewesen . « Mitunter redeten die Kinder gar ernsthaft miteinander ; und einmal , da sie in einsamer Waldlichtung im Grase beisammensaßen , sagte Detlev : » Erzähl mir doch einmal von deinem Vater , Heilwig ! Ist er denn niemals hier gewesen ? « Heilwig schüttelte den Kopf . » Ich weiß nicht « , sagte sie , » Großmutter spricht nicht gern von ihm ; ich glaube , Detlev , er ist kein guter Mann gewesen ; denn er hat meine Mutter verlassen , bevor ich noch geboren wurde , und sie ist dann darum gestorben . « Der Knabe wurde nachdenklich ; dann aber ergriff er die kleine Hand des Mädchens und flüsterte ihr zu : » Sag es zu keinem Menschen , Heilwig , auch nicht zum Informator ; aber ich glaube , mein Vater ist auch kein guter Mann ! « Heilwig rührte sich nicht ; und so saßen die Kinder in ihrer Einsamkeit noch lange schweigend Hand in Hand . Ein paar Jahre waren dahingegangen ; aber je höher die gegenseitige Anhänglichkeit der Kinder gestiegen war , desto tiefer hatte sich in Herrn Hennickes Brust der Groll gegen den Junker Detlev eingegraben , bei welchem jetzt allein sein Liebling vor der anderen Unbill Hülfe suchte . Und wenn er grübelnd den beiden Kindern nachschaute , so vermochte , trotz der Furcht vor dem Jähzorn ihres Eheherrn , Frau Benedikte sich kleiner Stachelreden nicht mehr völlig zu enthalten . » Was läufst du allzeit hinter dem flüggen Vogel ! « sprach sie dann wohl , und es blitzte vergnüglich in ihren kleinen Augen ; » sie hat doch den blonden Jungen lieber , so schwarz sie selber ist ! « Oder ein andermal : » Es wird nicht anders , Hennicke ; noch ein paar Jahre , so mußt du dir den Pastor suchen gehen , der das süße Pärchen trauen darf ! « Und eines Nachmittags nach solcher Aufreizung ist Herr Hennicke nach Eekenhof gekommen , wo in einer Waldkoppel die Leute im Heuen arbeiteten . Er ging aber nicht dahin , sondern trat in die Kammer der Förstersfrau , die hinter ihrem Rade saß . » Wo ist Heilwig ? « frug er . » Sie ist um Erdbeeren mit dem Junker Detlev in den Wald gegangen . « » Ihr solltet sie besser an Euch halten ! « sprach er barsch . Die Frau seufzte , und Herr Hennicke ging hinaus . Als er danach grollend und unschlüssig draußen über dem Hecktor des Waldes lehnte , vernahm er vor sich aus der Ferne das Lachen zweier junger Stimmen . Da rief er : » Heilwig ! Detlev ! « Aber es antwortete niemand ; es wurde völlig still nach seinem Rufen . Dann , da er mit allen Sinnen horchte , kam auf seinen wiederholten Ruf noch einmal ein Geräusch ; aber es war nur , wie wenn von Forteilenden die Büsche knickten . Zornig ging er auf dem Waldwege fort , bis die Holzkoppel ihm zur Seite lag , wo unter dem Vogte die Leute in der Arbeit waren . Da hielt er an . » Vogt ! « rief er , » hast du den Junker Detlev und die Heilwig hier gesehen ? « » Wohl , Herr ! « Und er wies mit seinem Knüttel ein Stückchen aufwärts an den Waldesrand . » Sie sind dort nach des Forthmann Hause zu gelaufen . Soll ich sie holen , Herr ? « Herr Hennicke warf einen raschen Blick über die Schar der Arbeiter . » Wo ist der Forthmann ? « frug er . » Der ist erst morgen an der Reihe . « Herr Hennicke hieß den Vogt zur Stelle bleiben ; er selber aber schritt hastig über die Felder , bis er des Kätners Haus erreicht hatte . » Wo sind der Junker Detlev und die Heilwig ? « frug er diesen , der eben einen Eimer Wasser aus seinem Brunnen aufgezogen hatte . Der aber , als er das zornrote Antlitz seines Herrn erblickte , fürchtete , daß den Kindern ein Leids geschehen werde , und antwortete stockend : » Ich weiß nicht , Herr ; sie sind nicht hier gewesen . « » Du lügst , Forthmann ! « rief Herr Hennicke . » Nein , nein , Herr ; ich weiß nichts von dem Junker ! « Herr Hennicke hieß den Mann ins Haus gehen und dort auf ihn warten . Er selber suchte draußen nach den Kindern ; er stieß einen Haufen Reisig auseinander ; er riß die Pforte des kleinen Immenhofes auf ; aber er fand sie nicht . Endlich an einem Dornbusch sah er Heilwigs rotes Tüchlein flattern . Als er damit in die Tür des Hauses trat , stand der Kätner an einem hellen Feuer , das im Hintergrund der Lehmdiele unter dem Kesselhaken lohte . Er rief ihn zu sich und zeigte ihm das Tüchlein . » Weißt du , Forthmann « , frug er , » wie mein Großvater seine freveligen Bauern strafte ? « Der Mann starrte ihn nur angstvoll an . » Geh « , rief er , » und hol den Eimer Wasser , den du vorhin aus dem Brunnen zogst ! « Und als der Bauer mit dem vollen Eimer wieder in die Hütte trat , nahm Herr Hennicke ihm denselben aus der Hand und goß das Wasser in die Herdflamme , daß sie prasselnd in weißem Dampf erlosch . Eine Weile blieb er stehen , bis die stäubende Asche sich verflogen hatte ; dann sprach er : » Dein Feuer ist tot ; und wehe denen , die vor Wochenschluß es wieder anzuzünden wagen ; sie sollte schwere Buße dafür treffen ! « Er wandte sich zum Gehen . Da bekam der Hörige die Sprache wieder . » Herr , mein Weib ist krank ; die Woche hat ja erst begonnen ! « Aber Herr Hennicke ging , während der Kätner wie in Betäubung beide Arme nach dem Fortschreitenden ausstreckte . – – Am andern Morgen in der Frühe ritt Herr Hennicke wieder nach dem Eekenhof ; er ritt durch das Hecktor in das Holz hinein . Als er an die Koppel kam , stand am Rande derselben der Vogt mit einer Peitsche in der Hand ; denn er paßte auf einen Säumigen , dem er den Willkomm geben wollte . » Gib ' s ihm doppelt auf den Mittag ! « rief Herr Hennicke . » Jetzt komm mit mir ; wir wollen nach dem kalten Herde sehen ! « Und er erzählte , was gestern in des Kätners Forthmann Haus geschehen war . » Herr « , sagte der Vogt , » es wird sich niemand dort die Faust verbrennen wollen ! « Herr Hennicke nickte . » Sie sollen aber wissen , daß sie nimmer sicher sind . « Er gab seinem schwarzen Gaul die Sporen , und der Vogt trabte nebenher . Weiter oben am Rande des Gehölzes lag die Kate in der Morgensonne ; nichts Lebendes war zu sehen als eine Katze , welche auf der Schwelle schlief . » Ist Forthmann in der Arbeit ? « frug Herr Hennicke seinen Vogt . » Ja , Herr . « » Und das Weib ? « » Sie kann nicht ; sie liegt schon wieder mal an ihrem schweren Schaden . « Plötzlich riß Herr Hennicke sein Roß zurück . » Was ist das , Vogt ? « rief er und wies nach dem zerfallenen Strohdach , aus dessen First es bläulich in die Luft stieg . » Das , Herr « , erwiderte der Mann und deckte sich die Augen vor den schrägen Sonnenstrahlen , » das ist Rauch ; und wenn ' s nicht auf dem Boden brennt , so ist auch Feuer auf dem Herd . « Herr Hennicke war rasch vom Gaul herunter . Als er die Lehmdiele der Hütte betrat , sah er wie gestern ein helles Feuer unter einem Topfe lodern . Auf der einen Seite des Herdes stand die kleine Tochter des Kätners in ihrem Lumpenkleidchen , auf der andern stand der Junker Detlev , der leuchtenden Auges in die Flammen blickte und dem Feuer eben eine frische Hand voll Reisig zuschob . Erst als die Dirne einen Schrei ausstieß , sah er seinen Vater vor sich stehen . Er erschrak heftig ; als aber dieser mit bebender Stimme frug : » Hast du dich unterstanden , dieses Feuer anzuzünden ? « , sprach er : » Ja , Herr Vater ; aber das Weib des Kätners liegt in schwerem Siechtum und kann der warmen Speise nicht entraten . « Herr Hennicke wies auf einen Eimer mit Wasser , der neben dem Herde stand . » Nimm ! « sagte er , » und gieß das Feuer aus ! « Aber der Junker rührte sich nicht . » Nimm ! « schrie Herr Hennicke . » Oder glaubst du , daß du schon Herr auf diesem Boden bist ? « Da sprach der Junker : » Nein , Herr Vater ; wohl bin ich hier der Herr , aber ich weiß auch , daß die Gewalt annoch in Eueren Händen liegt . Wenn sie einmal in meinen ist , so sollen ' s meiner Mutter Leute besser haben ! « Bei diesen Worten ist der Grimm des Mannes losgebrochen . » Gib ihm die Peitsche ! « schrie er dem Vogte zu , der eben eingetreten war . » Gib ihm die Peitsche ! « Als aber der Vogt vor solcher Anmutung zurückgewichen ist , hat er den Stock aus dessen Hand gerissen und den Junker in das Angesicht geschlagen , daß das Blut hervorgeschossen ist . Keinen Laut hat dieser ausgestoßen ; er ist ruhig stehengeblieben , bis sein Vater fortgeritten war . Aber nach Hause ist er nicht gekommen und auch später in dieser Gegend nicht mehr gesehen worden ; nur auf dem Eekenhofe soll er desselbigen Abends noch gewesen sein . Der Sommer ist dahingegangen , ohne daß Heilwig nach Frau Benediktes Hof gekommen wäre ; als aber Herr Hennicke eines Morgens nach Eekenhof geritten kam , ist sie schreiend vor ihm davongelaufen . Danach hätten die beiden Füchse am liebsten selbst den Kuckuck in ihr Nest geholt , denn es ist böse Zeit für sie gekommen . Und immer seltsamer ist Herr Hennicke in seinem Zorn geworden , daß seine Nachbarn sprachen , der schwarze Henne gehe nun die Straße nach dem Narrenhaus ; aber es ist nur seine eigenwillige und trotzige Seele gewesen , die den Geboten Gottes sich nicht hat fügen wollen . Im Herbst desselben Jahres ist es gewesen , daß der Stier eines Bauern stößig wurde und Herrn Hennickes Lieblingshunde die Därme aus dem Leib gerissen hat , so daß das Tier daran verrecken mußte . Als ihm solches kundgeworden , hat er zuerst dem Bauern an Leib und Leben wollen ; dann aber ist er anderen Sinnes geworden ; er hat den Bullen greifen lassen und ihn zum Hungertod verurteilt . Vom Hofe aus führte eine Tür zu einem Gefängnis , für welches man in dem Unterbaue eines Treppentürmchens Platz gefunden hatte ; statt der Strolche und Vaganten , denen sonst darin Quartier gegeben wurde , war jetzt der Stier dort in der leeren Zelle angekettet , zu der Herr Hennicke den Schlüssel in seiner eignen Tasche trug . Als es aber in die zweite Nacht gekommen war , ist ein solches Toben von der hungernden Kreatur gewesen , daß im Hause niemand den Schlaf hat finden können als etwa die beiden Junker Henno und Benno , die sich nur schnarchend umgeworfen , wenn das Stampfen und Gebrüll zu dröhnend durch die Mauern fuhr . Frau Benedikte selbst in all ihrer Hagerkeit hat aufrecht in den Kissen wach gesessen ; mit jedem Notruf des gefangenen Tieres hat sie mehr Grimm und Ungeduld hinabgeschluckt ; dann aber ist sie jählings nach ihres Eheherrn Bette zugesprungen , und da sie in der mondhellen Kammer sah , daß auch Herr Hennicke mit aufgestütztem Arm und offenen Augen dalag , so hat sie alles nun mit einem Male wider ihn gespien und verlangt , daß er den Bullen von der Kette löse . Er aber hat sich nicht gerührt und nur gesagt , sie solle ihre Kehle sparen , so werde sie es leichtlich noch dem Bullen abgewinnen . Frau Benedikte hat nun nichts weiter richten können ; als aber am Morgen der Bauer , dem der Stier zu eigen war , sie gar um Fürwort bei dem Herrn angegangen , da hat sie ihn voll Zornes angeschrien , er möge damit nach dem Eekenhof zur Bastarddirne laufen . – – Am selben Nachmittage , als Herr Hennicke in der Gewehrkammer verdrossen