mit bunter Seide und Metall gefiederten Vogel mit nach Hause , und der Kater mauzte wie gewöhnlich , als er ihn kommen sah . Aber Hauke wollte seine Beute – es mag ein Eisvogel gewesen sein – diesmal nicht hergeben und kehrte sich nicht an die Gier des Tieres . » Umschicht ! « rief er ihm zu , » heute mir , morgen dir ; das hier ist kein Katerfressen ! « Aber der Kater kam vorsichtigen Schrittes herangeschlichen ; Hauke stand und sah ihn an , der Vogel hing an seiner Hand , und der Kater blieb mit erhobener Tatze stehen . Doch der Bursche schien seinen Katzenfreund noch nicht so ganz zu kennen ; denn während er ihm seinen Rücken zugewandt hatte und eben fürbaß wollte , fühlte er mit einem Ruck die Jagdbeute sich entrissen , und zugleich schlug eine scharfe Kralle ihm ins Fleisch . Ein Grimm , wie gleichfalls eines Raubtiers , flog dem jungen Menschen ins Blut ; er griff wie rasend um sich und hatte den Räuber schon am Genicke gepackt . Mit der Faust hielt er das mächtige Tier empor und würgte es , daß die Augen ihm aus den rauhen Haaren vorquollen , nicht achtend , daß die starken Hintertatzen ihm den Arm zerfleischten . » Hoiho ! « schrie er und packte ihn noch fester ; » wollen sehen , wer ' s von uns beiden am längsten aushält ! « Plötzlich fielen die Hinterbeine der großen Katze schlaff herunter , und Hauke ging ein paar Schritte zurück und warf sie gegen die Kate der Alten . Da sie sich nicht rührte , wandte er sich und setzte seinen Weg nach Hause fort . Aber der Angorakater war das Kleinod seiner Herrin ; er war ihr Geselle und das einzige , was ihr Sohn , der Matrose , ihr nachgelassen hatte , nachdem er hier an der Küste seinen jähen Tod gefunden hatte , da er im Sturm seiner Mutter beim Porrenfangen hatte helfen wollen . Hauke mochte kaum hundert Schritte weiter getan haben , während er mit einem Tuch das Blut aus seinen Wunden auffing , als schon von der Kate her ihm ein Geheul und Zetern in die Ohren gellte . Da wandte er sich und sah davor das alte Weib am Boden liegen das greise Haar flog ihr im Winde um das rote Kopftuch . » Tot ! « rief sie , » tot ! « und erhob dräuend ihren mageren Arm gegen ihn : » Du sollst verflucht sein ! Du hast ihn totgeschlagen , du nichtsnutziger Strandläufer ; du warst nicht wert , ihm seinen Schwanz zu bürsten ! « Sie warf sich über das Tier und wischte zärtlich mit ihrer Schürze ihm das Blut fort , das noch aus Nas ' und Schnauze rann ; dann hob sie aufs neue an zu zetern . » Bist du bald fertig ? « rief Hauke ihr zu , » dann laß dir sagen : ich will dir einen Kater schaffen , der mit Maus- und Rattenblut zufrieden ist ! « Darauf ging er , scheinbar auf nichts mehr achtend , fürbaß . Aber die tote Katze mußte ihm doch im Kopfe Wirrsal machen , denn er ging , als er zu den Häusern gekommen war dem seines Vaters und auch den übrigen vorbei und eine weite Strecke noch nach Süden auf dem Deich der Stadt zu . Inmittelst wanderte auch Trin ' Jans auf demselben in der gleichen Richtung ; sie trug in einem alten blaukarierten Kissenüberzug eine Last in ihren Armen , die sie sorgsam , als wär ' s ein Kind , umklammerte ; ihr greises Haar flatterte in dem leichten Frühlingswind . » Was schleppt Sie da , Trina ? « frug ein Bauer , der ihr entgegenkam . » Mehr als dein Haus und Hof « , erwiderte die Alte ; dann ging sie eifrig weiter . Als sie dem unten liegenden Hause des alten Haien nahe kam , ging sie den Akt , wie man bei uns die Trift- und Fußwege nennt , die schräg an der Seite des Deiches hinab- oder hinaufführen , zu den Häusern hinunter . Der alte Tede Haien stand eben vor der Tür und sah ins Wetter . » Na , Trin ' ! « sagte er , als sie pustend vor ihm stand und ihren Krückstock in die Erde bohrte , » was bringt Sie Neues in Ihrem Sack ? « » Erst laß mich in die Stube , Tede Haien ! dann soll Er ' s sehen ! « Und ihre Augen sahen ihn mit seltsamem Funkeln an . » So komm Sie ! « sagte der Alte . Was gingen ihn die Augen des dummen Weibes an . Und als beide eingetreten waren , fuhr sie fort : » Bring Er den alten Tabakskasten und das Schreibzeug von dem Tisch was hat Er denn immer zu schreiben ? – – So ; und nun wisch Er ihn sauber ab ! « Und der Alte , der fast neugierig wurde , tat alles , was sie sagte ; dann nahm sie den blauen Überzug bei beiden Zipfeln und schüttete daraus den großen Katerleichnam auf den Tisch . » Da hat Er ihn ! « rief sie ; » Sein Hauke hat ihn totgeschlagen . « Hierauf aber begann sie ein bitterliches Weinen ; sie streichelte das dicke Fell des toten Tieres , legte ihm die Tatzen zusammen , neigte ihre lange Nase über dessen Kopf und raunte ihm unverständliche Zärtlichkeiten in die Ohren . Tede Haien sah dem zu . » So « , sagte er ; » Hauke hat ihn totgeschlagen ? « Er wußte nicht , was er mit dem heulenden Weibe machen sollte . Die Alte nickte ihn grimmig an : » Ja , ja ; so Gott , das hat er getan ! « Und sie wischte sich mit ihrer von Gicht verkrümmten Hand das Wasser aus den Augen . » Kein Kind , kein Lebigs mehr ! « klagte sie . » Und Er weiß es ja wohl auch , uns Alten , wenn ' s nach Allerheiligen kommt , frieren abends im Bett die Beine , und statt zu schlafen , hören wir den Nordwest an unseren Fensterläden rappeln . Ich hör ' s nicht gern , Tede Haien , er kommt daher , wo mein Junge mir im Schlick versank . « Tede Haien nickte , und die Alte streichelte das Fell ihres toten Katers . » Der aber « , begann sie wieder , » wenn ich winters am Spinnrad saß , dann saß er bei mir und spann auch und sah mich an mit seinen grünen Augen ! Und kroch ich , wenn ' s mir kalt wurde , in mein Bett – es dauerte nicht lang , so sprang er zu mir und legte sich auf meine frierenden Beine , und wir schliefen so warm mitsammen , als hätte ich noch meinen jungen Schatz im Bett ! « Die Alte , als suche sie bei dieser Erinnerung nach Zustimmung , sah den neben ihr am Tische stehenden Alten mit ihren funkelnden Augen an . Tede Haien aber sagte bedächtig : » Ich weiß Ihr einen Rat , Trin ' Jans « , und er ging nach seiner Schatulle und nahm eine Silbermünze aus der Schublade – » Sie sagt , daß Hauke Ihr das Tier vom Leben gebracht hat , und ich weiß , Sie lügt nicht ; aber hier ist ein Krontaler von Christian dem Vierten ; damit kauf Sie sich ein gegerbtes Lammfell für Ihre kalten Beine ! Und wenn unsere Katze nächstens Junge wirft , so mag Sie sich das größte davon aussuchen , das zusammen tut wohl einen altersschwachen Angorakater ! Und nun nehm Sie das Vieh und bring Sie es meinethalb an den Racker in der Stadt , und halt Sie das Maul , daß es hier auf meinem ehrlichen Tisch gelegen hat ! « Während dieser Rede hatte das Weib schon nach dem Taler gegriffen und ihn in einer kleinen Tasche geborgen , die sie unter ihren Röcken trug ; dann stopfte sie den Kater wieder in das Bettbühr , wischte mit ihrer Schürze die Blutflecken von dem Tisch und stakte zur Tür hinaus . » Vergiß Er mir nur den jungen Kater nicht ! « rief sie noch zurück . – – Eine Weile später , als der alte Haien in dem engen Stüblein auf und ab schritt , trat Hauke herein und warf seinen bunten Vogel auf den Tisch ; als er aber auf der weißgescheuerten Platte den noch kennbaren Blutfleck sah , frug er , wie beiläufig : » Was ist denn das ? « Der Vater blieb stehen : » Das ist Blut , was du hast fließen machen ! « Dem Jungen schoß es doch heiß ins Gesicht : » Ist denn Trin ' Jans mit ihrem Kater hier gewesen ? « Der Alte nickte : » Weshalb hast du ihr den totgeschlagen ? « Hauke entblößte seinen blutigen Arm . » Deshalb « , sagte er ; » er hatte mir den Vogel fortgerissen ! « Der Alte sagte nichts hierauf ; er begann eine Zeitlang wieder auf und ab zu gehen ; dann blieb er vor dem Jungen stehn und sah eine Weile wie abwesend auf ihn hin . » Das mit dem Kater hab ich rein gemacht « , sagte er dann ; » aber , siehst du , Hauke , die Kate ist hier zu klein ; zwei Herren können darauf nicht sitzen – es ist nun Zeit , du mußt dir einen Dienst besorgen ! « » Ja , Vater « , entgegnete Hauke ; » hab dergleichen auch gedacht . « » Warum ? « frug der Alte . – » Ja , man wird grimmig in sich , wenn man ' s nicht an einem ordentlichen Stück Arbeit auslassen kann . « » So ? « sagte der Alte , » und darum hast du den Angorer totgeschlagen ? Das könnte leicht noch schlimmer werden ! « – » Er mag wohl recht haben , Vater ; aber der Deichgraf hat seinen Kleinknecht fortgejagt ; das könnt ich schon verrichten ! « Der Alte begann wieder auf und ab zu gehen und spritzte dabei die schwarze Tabaksjauche von sich . » Der Deichgraf ist ein Dummkopf , dumm wie ' ne Saatgans ! Er ist nur Deichgraf , weil sein Vater und Großvater es gewesen sind , und wegen seiner neunundzwanzig Fennen . Wenn Martini herankommt und hernach die Deich- und Sielrechnungen abgetan werden müssen , dann füttert er den Schulmeister mit Gansbraten und Met und Weizenkringeln und sitzt dabei und nickt , wenn der mit seiner Feder die Zahlenreihen hinunterläuft , und sagt : › Ja , ja , Schulmeister , Gott vergönn ' s Ihm ! Was kann Er rechnen ? ‹ Wenn aber einmal der Schulmeister nicht kann oder auch nicht will , dann muß er selber dran und sitzt und schreibt und streicht wieder aus , und der große dumme Kopf wird ihm rot und heiß , und die Augen quellen wie Glaskugeln , als wollte das bißchen Verstand da hinaus . « Der Junge stand gerade auf vor dem Vater und wunderte sich , was der reden könne ; so hatte er ' s noch nicht von ihm gehört . » Ja , Gott tröst ! « sagte er , » dumm ist er wohl ; aber seine Tochter Elke , die kann rechnen ! « Der Alte sah ihn scharf an . » Ahoi , Hauke « , rief er ; » was weißt du von Elke Volkerts ? « – » Nichts , Vater ; der Schulmeister hat ' s mir nur erzählt . « Der Alte antwortete nicht darauf ; er schob nur bedächtig seinen Tabaksknoten aus einer Backe hinter die andere . » Und du denkst « , sagte er dann , » du wirst dort auch mitrechnen können . « » O ja , Vater , das möcht schon gehen « , erwiderte der Sohn , und ein ernstes Zucken lief um seinen Mund . Der Alte schüttelte den Kopf : » Nun , aber meinethalb ; versuch einmal dein Glück ! « » Dank auch , Vater ! « sagte Hauke und stieg zu seiner Schlafstatt auf dem Boden ; hier setzte er sich auf die Bettkante und sann , weshalb ihn denn sein Vater um Elke Volkerts angerufen habe . Er kannte sie freilich , das ranke achtzehnjährige Mädchen mit dem bräunlichen schmalen Antlitz und den dunklen Brauen , die über den trotzigen Augen und der schmalen Nase ineinanderliefen ; doch hatte er noch kaum ein Wort mit ihr gesprochen ; nun , wenn er zu dem alten Tede Volkerts ging , wollte er sie doch besser darauf ansehen , was es mit dem Mädchen auf sich habe . Und gleich jetzt wollte er gehen , damit kein anderer ihm die Stelle abjage ; es war ja kaum noch Abend . Und so zog er seine Sonntagsjacke und seine besten Stiefel an und machte sich guten Mutes auf den Weg . – Das langgestreckte Haus des Deichgrafen war durch seine hohe Werfte , besonders durch den höchsten Baum des Dorfes , eine gewaltige Esche , schon von weitem sichtbar ; der Großvater des jetzigen , der erste Deichgraf des Geschlechtes , hatte in seiner Jugend eine solche osten der Haustür hier gesetzt ; aber die beiden ersten Anpflanzungen waren vergangen , und so hatte er an seinem Hochzeitsmorgen diesen dritten Baum gepflanzt , der noch jetzt mit seiner immer mächtiger werdenden Blätterkrone in dem hier unablässigen Winde wie von alten Zeiten rauschte . Als nach einer Weile der lang aufgeschossene Hauke die hohe Werfte hinaufstieg , welche an den Seiten mit Rüben und Kohl bepflanzt war , sah er droben die Tochter des Hauswirts neben der niedrigen Haustür stehen . Ihr einer etwas hagerer Arm hing schlaff herab , die andere Hand schien im Rücken nach dem Eisenring zu greifen , von denen je einer zu beiden Seiten der Tür in der Mauer war , damit , wer vor das Haus ritt , sein Pferd daran befestigen könne . Die Dirne schien von dort ihre Augen über den Deich hin aus nach dem Meer zu haben , wo an dem stillen Abend die Sonne eben in das Wasser hinabsank und zugleich das bräunliche Mädchen mit ihrem letzten Schein vergoldete . Hauke stieg etwas langsamer an der Werfte hinan und dachte bei sich : › So ist sie nicht so dösig ! ‹ Dann war er oben . » Guten Abend auch ! « sagte er , zu ihr tretend ; » wonach guckst du denn mit deinen großen Augen , Jungfer Elke ? « » Nach dem « , erwiderte sie , » was hier alle Abend vor sich geht , aber hier nicht alle Abend just zu sehen ist . « Sie ließ den Ring aus der Hand fallen , daß er klingend gegen die Mauer schlug . » Was willst du , Hauke Haien ? « frug sie . » Was dir hoffentlich nicht zuwider ist « , sagte er . » Dein Vater hat seinen Kleinknecht fortgejagt , da dachte ich bei euch in Dienst . « Sie ließ ihre Blicke an ihm herunterlaufen . » Du bist noch so was schlanterig , Hauke ! « sagte sie ; » aber uns dienen zwei feste Augen besser als zwei feste Arme ! « Sie sah ihn dabei fast düster an , aber Hauke hielt ihr tapfer stand . » So komm « , fuhr sie fort ; » der Wirt ist in der Stube , laß uns hineingehen ! « Am andern Tage trat Tede Haien mit seinem Sohne in das geräumige Zimmer des Deichgrafen ; die Wände waren mit glasurten Kacheln bekleidet , auf denen hier ein Schiff mit vollen Segeln oder ein Angler an einem Uferplatz , dort ein Rind , das kauend vor einem Bauernhause lag , den Beschauer vergnügen konnte ; unterbrochen war diese dauerhafte Tapete durch ein mächtiges Wandbett mit jetzt zugeschobenen Türen und einen Wandschrank , der durch seine beiden Glastüren allerlei Porzellan- und Silbergeschirr erblicken ließ ; neben der Tür zum anstoßenden Pesel war hinter einer Glasscheibe eine holländische Schlaguhr in die Wand gelassen . Der starke , etwas schlagflüssige Hauswirt saß am Ende des blankgescheuerten Tisches im Lehnstuhl auf seinem bunten Wollenpolster . Er hatte seine Hände über dem Bauch gefaltet und starrte aus seinen runden Augen befriedigt auf das Gerippe einer fetten Ente ; Gabel und Messer ruhten vor ihm auf dem Teller . » Guten Tag , Deichgraf ! « sagte Haien , und der Angeredete drehte langsam Kopf und Augen zu ihm hin . » Ihr seid es , Tede ? « entgegnete er , und der Stimme war die verzehrte fette Ente anzuhören , » setzt Euch ; es ist ein gut Stück von Euch zu mir herüber ! « » Ich komme , Deichgraf « , sagte Tede Haien , indem er sich auf die an der Wand entlanglaufende Bank dem andern im Winkel gegenübersetzte . » Ihr habt Verdruß mit Euerem Kleinknecht gehabt und seid mit meinem Jungen einig geworden , ihn an dessen Stelle zu setzen ! « Der Deichgraf nickte : » Ja , ja , Tede ; aber – was meint Ihr mit Verdruß ? Wir Marschleute haben , Gott tröst uns , was dagegen einzunehmen ! « Und er nahm das vor ihm liegende Messer und klopfte wie liebkosend auf das Gerippe der armen Ente . » Das war mein Leibvogel « , setzte er behaglich lachend hinzu ; » sie fraß mir aus der Hand ! « » Ich dachte « , sagte der alte Haien , das letzte überhörend , » der Bengel hätte Euch Unheil im Stall gemacht . « » Unheil ? Ja , Tede ; freilich Unheil genug ! Der dicke Mopsbraten hatte die Kälber nicht gebörmt ; aber er lag vollgetrunken auf dem Heuboden , und das Viehzeug schrie die ganze Nacht vor Durst , daß ich bis Mittag nachschlafen mußte ; dabei kann die Wirtschaft nicht bestehen ! « » Nein , Deichgraf ; aber dafür ist keine Gefahr bei meinem Jungen . « Hauke stand , die Hände in den Seitentaschen , am Türpfosten , hatte den Kopf im Nacken und studierte an den Fensterrähmen ihm gegenüber . Der Deichgraf hatte die Augen zu ihm gehoben und nickte hinüber : » Nein , nein , Tede « ; und er nickte nun auch dem Alten zu ; » Euer Hauke wird mir die Nachtruh nicht verstören ; der Schulmeister hat ' s mir schon vordem gesagt , der sitzt lieber vor der Rechentafel als vor einem Glas mit Branntwein . « Hauke hörte nicht auf diesen Zuspruch , denn Elke war in die Stube getreten und nahm mit ihrer leichten Hand die Reste der Speisen von dem Tisch , ihn mit ihren dunkeln Augen flüchtig streifend . Da fielen seine Blicke auch auf sie . › Bei Gott und Jesus ‹ , sprach er bei sich selber , › sie sieht auch so nicht dösig aus ! ‹ Das Mädchen war hinausgegangen . » Ihr wisset , Tede « , begann der Deichgraf wieder , » unser Herrgott hat mir einen Sohn versagt ! « » Ja , Deichgraf ; aber laßt Euch das nicht kränken « , entgegnete der andere , » denn im dritten Gliede soll der Familienverstand ja verschleißen ; Euer Großvater , das wissen wir noch alle , war einer , der das Land geschützt hat ! « Der Deichgraf , nach einigem Besinnen , sah schier verdutzt aus . » Wie meint Ihr das , Tede Haien ? « sagte er und setzte sich in seinem Lehnstuhl auf , » ich bin ja doch im dritten Gliede ! « » Ja so ! Nicht für ungut , Deichgraf ; es geht nur so die Rede ! « Und der hagere Tede Haien sah den alten Würdenträger mit etwas boshaften Augen an . Der aber sprach unbekümmert : » Ihr müßt Euch von alten Weibern dergleichen Torheit nicht aufschwatzen lassen , Tede Haien ; Ihr kennt nur meine Tochter nicht , die rechnet mich selber dreimal um und um ! Ich wollt nur sagen , Euer Hauke wird außer im Felde auch hier in meiner Stube mit Feder oder Rechenstift so manches profitieren können , was ihm nicht schaden wird ! « » Ja , ja , Deichgraf , das wird er ; da habt Ihr völlig recht ! « sagte der alte Haien und begann dann noch einige Vergünstigungen bei dem Mietkontrakt sich auszubedingen , die abends vorher von seinem Sohne nicht bedacht waren . So sollte dieser außer seinen leinenen Hemden im Herbst auch noch acht Paar wollene Strümpfe als Zugabe seines Lohnes genießen ; so wollte er selbst ihn im Frühling acht Tage bei der eigenen Arbeit haben , und was dergleichen mehr war . Aber der Deichgraf war zu allem willig ; Hauke Haien schien ihm eben der rechte Kleinknecht . – – » Nun , Gott tröst dich , Junge « , sagte der Alte , da sie eben das Haus verlassen hatten , » wenn der dir die Welt klarmachen soll ! « Aber Hauke erwiderte ruhig : » Laß Er nur , Vater ; es wird schon alles werden . « Und Hauke hatte so unrecht nicht gehabt ; die Welt , oder was ihm die Welt bedeutete , wurde ihm klarer , je länger sein Aufenthalt in diesem Hause dauerte ; vielleicht um so mehr , je weniger ihm eine überlegene Einsicht zu Hülfe kam und je mehr er auf seine eigene Kraft angewiesen war , mit der er sich von jeher beholfen hatte . Einer freilich war im Hause , für den er nicht der Rechte zu sein schien ; das war der Großknecht Ole Peters , ein tüchtiger Arbeiter und ein maulfertiger Geselle . Ihm war der träge , aber dumme und stämmige Kleinknecht von vorhin besser nach seinem Sinn gewesen , dem er ruhig die Tonne Hafer auf den Rücken hatte laden und den er nach Herzenslust hatte herumstoßen können . Dem noch stilleren , aber ihn geistig überragenden Hauke vermochte er in solcher Weise nicht beizukommen ; er hatte eine gar zu eigene Art , ihn anzublicken . Trotzdem verstand er es , Arbeiten für ihn auszusuchen , die seinem noch nicht gefesteten Körper hätten gefährlich werden können , und Hauke , wenn der Großknecht sagte : » Da hättest du den dicken Niß nur sehen sollen , dem ging es von der Hand ! « , faßte nach Kräften an und brachte es , wenn auch mit Mühsal , doch zu Ende . Ein Glück war es für ihn , daß Elke selbst oder durch ihren Vater das meistens abzustellen wußte . Man mag wohl fragen , was mitunter ganz fremde Menschen aneinander bindet ; vielleicht – sie waren beide geborene Rechner , und das Mädchen konnte ihren Kameraden in der groben Arbeit nicht verderben sehen . Der Zwiespalt zwischen Groß- und Kleinknecht wurde auch im Winter nicht besser , als nach Martini die verschiedenen Deichrechnungen zur Revision eingelaufen waren . Es war an einem Maiabend , aber es war Novemberwetter ; von drinnen im Hause hörte man draußen hinterm Deich die Brandung donnern . » He , Hauke « , sagte der Hausherr , » komm herein ; nun magst du weisen , ob du rechnen kannst ! « » Uns ' Weert « , entgegnete dieser – denn so nennen hier die Leute ihre Herrschaft – , » ich soll aber erst das Jungvieh füttern ! « » Elke ! « rief der Deichgraf ; » wo bist du , Elke ! – Geh zu Ole und sag ihm , er sollte das Jungvieh füttern ; Hauke soll rechnen ! « Und Elke eilte in den Stall und machte dem Großknecht die Bestellung , der eben damit beschäftigt war , das über Tag gebrauchte Pferdegeschirr wieder an seinen Platz zu hängen . Ole Peters schlug mit einer Trense gegen den Ständer , neben dem er sich beschäftigte , als wolle er sie kurz und klein haben : » Hol der Teufel den verfluchten Schreiberknecht ! « Sie hörte die Worte noch , bevor sie die Stalltür wieder geschlossen hatte . » Nun ? « frug der Alte , als sie in die Stube trat . » Ole wollte es schon besorgen « , sagte die Tochter , ein wenig sich die Lippen beißend , und setzte sich Hauke gegenüber auf einen grobgeschnitzten Holzstuhl , wie sie noch derzeit hier an Winterabenden im Hause selbst gemacht wurden . Sie hatte aus einem Schubkasten einen weißen Strumpf mit rotem Vogelmuster genommen , an dem sie nun weiterstrickte ; die langbeinigen Kreaturen darauf mochten Reiher oder Störche bedeuten sollen . Hauke saß ihr gegenüber , in seine Rechnerei vertieft , der Deichgraf selbst ruhte in seinem Lehnstuhl und blinzelte schläfrig nach Haukes Feder ; auf dem Tisch brannten , wie immer im Deichgrafenhause , zwei Unschlittkerzen , und vor den beiden in Blei gefaßten Fenstern waren von außen die Läden vorgeschlagen und von innen zugeschroben ; mochte der Wind nun poltern , wie er wollte . Mitunter hob Hauke seinen Kopf von der Arbeit und blickte einen Augenblick nach den Vogelstrümpfen oder nach dem schmalen ruhigen Gesicht des Mädchens . Da tat es aus dem Lehnstuhl plötzlich einen lauten Schnarcher , und ein Blick und ein Lächeln flog zwischen den beiden jungen Menschen hin und wider ; dann folgte allmählich ein ruhigeres Atmen ; man konnte wohl ein wenig plaudern ; Hauke wußte nur nicht , was . Als sie aber das Strickzeug in die Höhe zog und die Vögel sich nun in ihrer ganzen Länge zeigten , flüsterte er über den Tisch herüber : » Wo hast du das gelernt , Elke ? « » Was gelernt ? « frug das Mädchen zurück . – » Das Vogelstricken « , sagte Hauke . » Das ? Von Trin ' Jans draußen am Deich ; sie kann allerlei ; sie war vorzeiten einmal bei meinem Großvater hier im Dienst . « » Da warst du aber wohl noch nicht geboren ? « fragte Hauke . » Ich denk wohl nicht ; aber sie ist noch oft ins Haus gekommen . « » Hat denn die die Vögel gern ? « frug Hauke ; » ich meint , sie hielt es nur mit Katzen ! « Elke schüttelte den Kopf : » Sie zieht ja Enten und verkauft sie ; aber im vorigen Frühjahr , als du den Angorer totgeschlagen hattest , sind ihr hinten im Stall die Ratten dazwischengekommen ; nun will sie sich vorn am Hause einen andern bauen . « » So « , sagte Hauke und zog einen leisen Pfiff durch die Zähne , » dazu hat sie von der Geest sich Lehm und Steine hergeschleppt ! Aber dann kommt sie in den Binnenweg ! Hat sie denn Konzession ? « » Weiß ich nicht « , meinte Elke . Aber er hatte das letzte Wort so laut gesprochen , daß der Deichgraf aus seinem Schlummer auffuhr . » Was Konzession ? « frug er und sah fast wild von einem zu der andern . » Was soll die Konzession ? « Als aber Hauke ihm dann die Sache vorgetragen hatte , klopfte er ihm lachend auf die Schulter : » Ei was , der Binnenweg ist breit genug ; Gott tröst den Deichgrafen , sollt er sich auch noch um die Entenställe kümmern ! « Hauke fiel es aufs Herz , daß er die Alte mit ihren jungen Enten den Ratten sollte preisgegeben haben , und er ließ sich mit dem Einwand abfinden . » Aber , uns ' Weert « , begann er wieder , » es tät wohl dem und jenem ein kleiner Zwicker gut , und wollet Ihr ihn nicht selber greifen , so zwicket den Gevollmächtigten , der auf die Deichordnung passen soll ! « » Wie , was sagt der Junge ? « Und der Deichgraf setzte sich vollends auf , und Elke ließ ihren künstlichen Strumpf sinken und wandte das Ohr hinüber . » Ja , uns ' Weert « , fuhr Hauke fort , » Ihr habt doch schon die Frühlingsschau gehalten ; aber trotzdem hat Peter Jansen auf seinem Stück das Unkraut auch noch heute nicht gebuscht ; im Sommer werden die Stieglitzer da wieder lustig um die roten Distelblumen spielen ! Und dicht daneben , ich weiß nicht , wem ' s gehört , ist an der Außenseite eine ganze Wiege in dem Deich ; bei schön Wetter liegt es immer voll von kleinen Kindern , die sich darin wälzen ; aber – Gott bewahr uns vor Hochwasser ! « Die Augen des alten Deichgrafen waren immer größer geworden . » Und dann – « , sagte Hauke wieder . » Was dann noch , Junge ? « frug der Deichgraf ; » bist du noch nicht fertig ? « Und es klang , als sei der Rede seines Kleinknechts ihm schon zuviel geworden . » Ja , dann , uns ' Weert « , sprach Hauke weiter ; » Ihr kennt die dicke Vollina , die Tochter vom Gevollmächtigten Harders , die immer ihres Vaters Pferde aus der Fenne holt wenn sie nur eben mit ihren runden Waden auf der alten gelben Stute sitzt , hü hopp ! so geht ' s allemal schräg an der Dossierung den Deich hinan ! « Hauke bemerkte erst jetzt , daß Elke ihre klugen Augen auf ihn gerichtet hatte und leise ihren Kopf schüttelte . Er schwieg , aber ein Faustschlag , den der Alte auf den