zur Madame Septchaines und lassen mich noch mal drei Jahre lang dort erziehen . Sie haben es mir fest und heilig versprochen , daß sie noch viel gräßlichere Pläne mit mir im Sinne haben , wenn ich dich noch ein einziges Mal sehen würde . O Gott , o Gott , was soll ich tun ? Sage es mir doch nur , was ich tun und was ich lassen soll ! « In diesem Moment rief man vom Hause her : » Ernesta ! Ernesta , wo steckst du ? « Und auf der einen Seite fuhr die junge Dame , auf der anderen der junge Mann von dem Gitterwerk zurück . » Hier , Mama ! « flötete die Geliebte , echt weiblich merkwürdig geschickt gleich den unbefangensten Ton findend . » Ich erdrossele den Onkel Püterich ! « ächzte Hilarion , den leichten Strohhut vom Kopfe stoßend , als er sich verzweiflungsvoll und ratlos in den jugendlich lockigen Haarwuchs griff . Ganz mechanisch brannte er wohl eine Zigarre aus dem Besteck , auf dem vorhin die Hand der Geliebten ruhte , an , aber sie ging ihm wieder aus . Sie schien so wenig Luft zu haben wie er selber , und noch nie war ihm ein lauer Sommerabend so schwül vorgekommen , und ein Glück war ' s nur , daß ihm des alten Barons guter alter Freund Magerstedt nicht auf seinem Wege begegnete . Eine Szene auf öffentlicher Promenade hat ihre Unannehmlichkeiten für alle Beteiligten außer den Zuschauern , und auch die werden nicht selten nachher als Zeugen vom Gericht vorgeladen . \ \ Drittes Kapitel . Wo steckst du , Ernesta ? « Tief , tief im Jammer der Welt und zwar mit ihrem Verlobten , wie sie meinte ; und wir wenden uns jetzt zu dem Onkel Püterich und erfahren , worin er eigentlich steckte . Ohne Zweifel in seiner Haut ; aber wenn man die dreist eine alte nennen durfte , so war man leider nicht in demselbigen Maße berechtigt , sie als eine gute zu bezeichnen . Ihn eine alte gute Haut zu nennen , wäre das Non plus ultra phantastisch übertreibenden Wohlwollens gewesen . Es fiel dieses der Menschheit aber auch gar nicht ein ; ebensowenig , wie sie ihm aufs Wort glaubte , daß er nur deshalb so eilig seine Nichte mit seinem Freunde verheiraten wolle , weil er das brennendste Bedürfnis fühle , zwei Menschen so schnell als möglich so glücklich als möglich zu machen . Und doch war dem so ! Und der erste der beiden war er selber ( daß er dann noch einmal kam und also im Grunde auch der zweite war , rechnen wir nicht ) ; der andere war freilich sein Freund , der Herr von Magerstedt ! Den Letzteren hätte übrigens vielleicht auch die Welt , und wenn nur am Hochzeitstage , einen glücklichen alten Sünder genannt . – – Ziemlich in der Mitte der Stadt lag ein von den Zeiten angeschmauchtes und benagtes , ein in seiner Würde verwitterndes Patrizierhaus , in welchem Jahrhunderte durch die Püteriche als angesehene Besitzer geschaltet und gewaltet hatten , und in welchem der Onkel Püterich auch heute noch wohnte als der letzte Träger des Familiennamens , wenn auch nicht mehr als freier Eigentümer der anstaunenswerten Gebäudezusammenhäufung , genannt der Püterichshof . Der Onkel wohnte zur Miete drin und sein Freund , der Herr von Magerstedt , auch . Jetzige Besitzerin des » Komplexes « war die große , weit über die Meere berühmte Firma Aldenberger und Kompanie , die nur ein solches oder ähnliches Haus für ihr umfangreiches Speditionsgeschäft gebrauchen konnte , jedoch ihre überzähligen Räumlichkeiten gern an allerlei zahlungsfähiges Volk vermietete und den Onkel , den Freund und sonderbarerweise auch unseren Freund Hilarion dazu rechnete . Der letztere freilich wohnte im Hintergebäude – wie schon bemerkt , mit der Aussicht über den Hof auf die Hinterfenster des Barons , wobei aber als Glücksfall für ihn zu notieren ist , daß die große Firma Altenberger & Co. nichts von dem Genuß ahnte , den ihm diese Aussicht gewährte . Daß sie ihn andernfalls nicht gesteigert hätte , ist nicht anzunehmen . Das Haus oder die Villa der Eltern der jungen heimtückisch Verlobten lag im Grünen an der äußersten Grenze des elegantesten Teiles der Stadt . Das Gitter , das darum ging , kennen wir bereits ; aber auch die Nachtigallen sangen um die Villa her ; von fernen Wiesen kam sogar dann und wann ein Heugeruch : der junge nichtswürdige Verlobte nahm von dem Gartengitter stets einen Hauch der Idylle mit nach Hause , und das alles – tut selten viel zur Sache und in vorliegendem Falle gar nichts ; wir verfügen uns eben in die Wohnung des Onkels Püterich im weiland Püterichshofe . Heu wird da zwar auch gemacht , aber wahrlich nicht bloß , um es zu riechen ! Es war am Nachmittag , und die Sonne lag auf den Fenstern , doch der alte Baron hatte die Gardinen niedergelassen . Aus den Gassen tönte das mannigfaltige Geräusch des geschäftigen Menschengetriebes in das weite , bis zu halber Mannshöhe mit altersschwarzem Eichenholz getäfelte Zimmer , welchem dann eine alte schwarzblaue Ledertapete auch weiter keine Heiterkeit verlieh , was dagegen nach Kräften eine wunderliche Bildergalerie farbiger Kupferstiche des 18. Jahrhunderts ( gerade nicht von der dezentesten Art ) tat . Der sonstige Hausrat stammte wohl aus dem 19. Säkulo , jedoch sehr aus dem Anfang desselben . Er hatte etwas » Griechisches « an sich , so wie das französische Direktorium und noch mehr das französische Kaisertum sich eben dieses » Klassische « dachte . Etwas Griechisches hatten die beiden würdigen Herren , die da mit einem Schachbrett zwischen sich und ihre Schnupftabaksdosen neben sich an dem Tischchen mit den drei geschweiften Bocksbeinen und Löwentatzen saßen , nicht an sich ; aber Klassiker in ihrer Art waren sie . Sokrates , Plato , Aristoteles und Perikles hätten ihnen darin kaum einen Bauer , geschweige denn einen Turm vorgeben dürfen . Wenn der Onkel Püterich einen grünen Pappschirm über den Augen trug , so geschah das nur , weil er als antiker abgefeimtester Weltweiser zu scharf sah ; und wenn der Herr von Magerstedt , sein Freund , in einem trotz der Hundstage sehr dick gefütterten Schlafrock die Treppe zu seinem Freunde emporgestiegen war , so hatte das seinen Grund einfach darin , daß er so viel als möglich von den Trümmern einer alkibiadeischen Welt von liebenswürdigster Persönlichkeit für eine junge Frau zu konservieren wünschte . Zu präsumieren ist , daß Alkibiades in seinem – des Herrn von Magerstedts – Alter und mit den Rheumatismen desselben behaftet auch wohl einen flanellgefütterten Schlafrock getragen haben würde . » Schach ! « » Hm , die Geschichte sieht übel für mich , « sagte der Baron verdrießlich . » Aber ein kluger Mann findet immer noch Rat . Da ! – jetzt wahre dich , mon cher . « » Noch einmal Schach , mein Bester ! « » Hm , hm ! « » Ich glaube , mein Bester , ich darf matt hinzufügen ; aber ich lasse dir mit Vergnügen Zeit , auf einen Ausweg zu sinnen . « Er nahm eine Prise , kicherte stillvergnügt und fügte hinzu : » Ich meine , du kennst mich in der Beziehung . « Der Baron nahm ebenfalls eine Prise , immerfort die Elfenbeinfiguren im Auge behaltend . » Hm , hm , hm ; – ja , ich kenne dich , mon bon . Also keine Rettung ? Na , übrigens hast du den jetzigen Sieg nur meiner Zerstreutheit zu danken . Hättest du mich vorhin den fatalen Zug mit dem Läufer , wie ich dich bat , zurücknehmen lassen , so – « » So hätte ich eine größere Dummheit begangen als du . Alter Freund , ich glaube , wir sind beide in der Lebenskunst so weit fortgeschritten , daß wir niemanden eine Sottise revozieren oder redressieren lassen , wenn sie uns von Nutzen ist . Was ich nicht glaube , ist , daß du dich des Falles erinnerst , in welchem du deinerseits mich einen leichtsinnigen Zug zurücktun ließest . He , Püterich ? « Sie kicherten nun beide und wechselten die Dosen miteinander , das heißt sie boten den Inhalt derselben einander an . Obwohl sie Gastfreunde waren , wußte Glaukos in diesem Falle sich wohl davor zu hüten , – – – – – – – » daß er ohne Besinnung Gegen den Held Diomedes die Rüstungen , goldne mit ehrnen , Wechselte , hundert Farren sie wert , neun Farren die andren . « Der Freund Magerstedt führte nämlich eine goldene Dose , und der Freund Püterich eine silberne , und so dumm wie hundertundneun Ochsen ist doch nicht immer ein Freund . Wie zwischen Gastfreunden , so ist zwischen Schnupfern ein derartiger Tausch ungemein selten . In der Ilias kommt der Fall nur ein einziges Mal vor und in diesem vorliegenden Opus und Epos gar nicht . Mit voller Besinnung , die freilich von einem anderen Standpunkt aus genommen an das Gegenteil grenzte , fragte jetzt der Herr von Magerstedt : » Nun , wie ist es ? « » Du meinst eine neue Partie ? « » Nein ! « sagte der Freund , alle die das bunte diplomatische und kriegerische Spiel der Menschen bedeutenden Püppchen zusammenschiebend und sie , drei Hände voll , in ihrem Kästchen aufhäufend . » Nein und ja , mon vieux ! Eine – die neue Partie ; – aber nicht auf diesem Brett . Du versiehst mich ? « Der alte Baron verstand ihn auf der Stelle und erwiderte eifrig , hastig stotternd : » Ja so ! O , da sei nur ganz ruhig . Du kriegst sie , und sie nimmt dich . Ich habe dir mein Wort gegeben , und Kavalierparole ist mir immer noch heilig , der erbärmlichen Krämerwelt , in der wir zu leben haben , zum Trotz . Hast du nicht mein Wort , Magerstedt ? « » Jawohl , dein Wort besitze ich , Püterich , aber schon seit längerer Zelt ; und jetzt ist wiederum ein Jahr hin , gegangen , ohne daß du es eingelöst hast . Bedenke , Püterich , daß du auch von mir allerlei in Besitz hast – wir wollen mal sagen leihweise . Und bedenke , daß auch das liebe Mädchen , meine gute kleine Ernesta , immer älter wird . Man wird nicht jünger , Püterich ! – Püterich , man wird nicht jünger ! « Auf das Wort von dem Älterwerden des lieben Mädchens hatte der Baron den grünen Augenschirm mit einem Ruck in die Höhe geschoben , der alles sagte . Eine geraume Zeit starrte er wortlos den Freund im wattierten Schlafrock an , aber keine Miene , kein Zug in der dürren gelben Visage ihm gegenüber deutete darauf hin , daß der klassische Hüstler einen antiken Scherz mache . Und der Herr von Magerstedt machte auch durchaus keinen Scherz . Es war ihm bitterer Ernst , und dem Onkel Püterich blieb nichts übrig , als noch mehr zu erstaunen und dann zu stottern : » Das Kind – mei – ne Nichte ist – achtzehn – höchstens neunzehn Jahre ! « » Und wird zwanzig ! Bleibt keine achtzehn oder neunzehn ! « erwiderte mit wahrhaft ungeheuerlicher , dumpf-nachdrücklicher Überzeugtheit der andere der lichtscheuen Euleriche . » Püterich , man wird nicht jünger ! – Man wird nicht jünger , lieber Püterich ! « Noch nachdrücklich-dumpfer setzte er dann hinzu : » Auch verleiht man seine Kapitalien und seinen Kredit nicht bloß , um einem alten Freunde einen Gefallen zu tun . Seinen eigenen Kredit wünscht man wenigstens gleichfalls dadurch zu erhöhen , und wenn es auch nur vor dem eigenen guten Herzen wäre . « Was der Baron von dem Herzen seines Freundes hielt , wollen wir dahingestellt sein lassen . Seit der letztere mit seinen Anspielungen auf Kredit und Kapital herausgerückt war , hatte der Baron ein unruhig Hin- und Herrücken auf seinem Sitze begonnen ; jetzt setzte er sich wieder fester , klopfte mit der Dose auf den Tisch und rief : » Du hast sie innerhalb eines Vierteljahres – parole d ' honneur ! Vor acht Tagen schon habe ich meinen Trumpf ausgespielt und an der betreffenden Stelle die Nadel am kitzlichsten Punkt eingebohrt . Ich habe den guten Eltern unseres lieben Kindes ihren Standpunkt in bezug auf meine Erbschaft klar gemacht – « » He he , he , du Tausendsasa ! « » Lache nicht , Magerstedt . Du hast mir nicht umsonst deinen Kredit geliehen . Papa und Mama haben mit selbst mich überraschender Eile Vernunft angenommen ; unserem – unserem jungen Nachbar jenseits des Hofes ist das Haus verboten worden . Morgen ist Sonntag , das Wetterglas steigt immer noch ; ohne eine Erkältung fürchten zu dürfen , gehen wir im Frack hin und machen unsere Aufwartung . Du sollst dir das Jawort der Kleinen holen – das der beiden Alten hast du ; und meinetwegen – magst du – am Montag – Hochzeit – halten ! « » Montag wird nicht wochenalt , « kicherte der Herr von Magerstedt , sich die Hände reibend . » Wir werden sehen , wir werden sehen ! Aber ein Teufelskerlchen bist du und bleibst du , Püterich . Wir sind beide Teufelskerlchen . Aber siehst du , daß ich mit dem Kredit recht hatte ! Wenn ich als dein Freund , dein einziger , wirklicher , wahrer Freund nicht wüßte , was du wert bist , so möchte ich schon aus alter Anhänglichkeit die Gesichter nicht sehen , die dir die Stadt schneiden würde . Da hast du abermals meine Hand darauf , ich werde dich noch höher in der Achtung der Welt steigen lassen . Ich werde noch um ein Bedeutendes von dir besser reden . Dein Kredit – dein Kredit ! Deine Erbschaft – deine Erbschaft ! Es ist zu himmlisch , zu originell ! « Der Baron hatte wieder wie vorhin keine Ruhe auf seinem Sitze , aber nicht aus innerlichstem Behagen . Er versuchte es zwar , auch in das kreischende Lachen des Freundes einzustimmen , aber es kam blechern , merkwürdig blechern heraus , und er gab ' s auf und sagte : » Der größeren Sicherheit und Vorsicht halber werde ich jedoch , wenn du nichts dagegen hast , noch einen Besuch in der Villa machen . « » Dagegen hast ? Nicht das geringste habe ich einzuwenden . Ganz im Gegenteil werde ich dir mit Vergnügen in den Überrock helfen und dir eine Droschke besorgen . Eile , mein Söhnchen ! Ich habe ihr das Stübchen nach dem Hofe , wie du weißt , eingerichtet , daß eine Prinzessin drin sich behaglich fühlen müßte . Das Nestchen ist zwar ein wenig dunkel , und die Aussicht geht gerade nicht ins Grüne , allein was braucht sie auch ins Grüne zu gucken . Auf mich soll sie sehen , und sie wird es um so zärtlicher tun , je weniger die Außenwelt sie von ihrer Aufgabe , mich glücklich zu machen , abzieht . « » Aber die Fenster deines Hinterstübchens korrespondieren mit denen des Assessors ! « warf der Baron ein . » Auch der junge Mann gehört zur Außenwelt und in deiner Stelle – « » Da ich ihn leider nicht in die Unterwelt befördern kann , so habe ich längst mit Aldenberger und Kompanie gesprochen . Er zieht aus , ehe mein süßes junges Weibchen einzieht . Hieltest du mich wirklich für so dumm , Püterich ? « » Jetzt bleibt nichts weiter übrig : ich muß mich zeigen ! « sagte das Gespenst des Hauses . » Es ist zwar ganz gegen meine Natur , aber es geht nicht anders . Du ersparst mir auch das nicht , Philibert , und ich werde mich – andeuten ! « Ein Nagel löste sich plötzlich ohne alle äußere Einwirkung aus der Wand los , und ein Bild – das Brustbild einer vor fünfundzwanzig bis dreißig Jahren in mehr als einer Beziehung berühmten Künstlerin der königlichen Bühne fiel herab . Das Glas zersplitterte , der Rahmen zerbrach und verstreute Wurmmehl über den Boden . Die beiden trefflichen alten Knaben fuhren im jähesten Schrecken in die Höhe . » Zum Henker , wie kam denn das ? « fragte der Baron Philibert Püterich , unter seinem grünen Augenschirm hervor die Trümmer überblinzelnd . » Ganz natürlich ; in einem solchen alten Kasten von Gebäude hält zuletzt nichts mehr ! « meckerte der Freund , seinem Nervensystem durch die Nase , das heißt durch eine von uns nicht gezählte Reihenfolge von Prisen zu Hülfe kommend . Viertes Kapitel So , was man so nennt – so ganz natürlich war das Ding denn doch nicht zugegangen ; wir , der Autor , gehetzt mit allen Hunden der Kultur des neunzehnten Jahrhunderts , wissen das und geben den Nerven der beiden alten Herren recht und nicht dem Fassungsvermögen ihrer logischen Denkfähigkeit ; wobei wir uns die Anmerkung gestatten , daß die ersteren immer eine Realität sind , während das letztere dann und wann eine schöne Redensart ist und auch bleibt . Es war Rosa von Krippens Geist oder Schatten , der seit einem Menschenalter hinter der Tapete im Wohngemache des Barons Püterich im Püterichshofe klebte , und dem der Nagel , welcher das Bild der schönen Sünderin Innocentia an der Wand befestigte , gerade durch das Schattenherz ging . Wie ein aufgespießter Gespensterschmetterling haftete Rosa von Krippens Schemen zwischen der Mauer und dem aufgekleisterten Tapetenleder und hatte alles anzuhören und anzusehen , was in dem Gemache des Barons gesprochen und getan wurde . Und Rosa war um den Baron am gebrochenen Herzen gestorben und klebte zur Strafe und Sühne dafür hinter der Tapete ; und der Nagel , der sie anheftete und zugleich das Bild der schönen bösen Innocentia hielt , hatte auch seine mehr als symbolische Bedeutung . Noch nie , seit es Gespenstergeschichten gibt , war die geistige Quintessenz eines Menschenwesens auf gleiche wirkungsvoll begründete Weise zum Dableiben , Zuhören und Beobachten im Erdentreiben genötigt worden . Noch nie war ein jungfräulich-nervös-schüchtern Erdennärrchen in gleicher Art wie hier Fräulein Rosa in die Ecke gestellt worden mit dem uralten Erziehungswort : » Hier siehst du so lange , bis ich die Überzeugung gewonnen habe , daß du es nicht wieder tun wirst . « Und länger als dreißig lange Jahre hatte Rosa von Krippen , unbeschreiblich dünn ausgebreitet , hinter der Tapete gehaftet und den Geliebten dreißig Jahre älter werden sehen und Gelegenheit gehabt , während dieser Zeit Dinge von ihm und an ihm zu sehen , von denen sie vor dreißig Jahren – keine Ahnung gehabt hatte ! – Die naturhistorische Gesellschaft sehr platter Tierchen , die mit ihr ihren Aufenthaltsort hinter der Tapete teilte , konnte bei ihren sonstigen Gefühlen nicht im geringsten in Betracht kommen . Was dieser feinfühligen Mädchenseele auferlegt worden war , war etwas ; – und ein Jahrhunderte langes » Als-feuriger-Mann-Herumgehen « der Grenzverrücker , der Schätzeverscharrer , der unentdeckten Moritätler war nichts – dagegen ! gar nichts ! ! Daß ein Mann den Urteils- , oder Bannspruch gesprochen hatte , lag klar am Tage oder vielmehr hinter der Tapete , und daß ein weiblicher Gerichtsbeisitzer bei manchem mündlichen und schriftlichen , öffentlichen und geheimen Rechtsverfahren in weiblichen Angelegenheiten sehr am Platze wäre , liegt uns klar am Tage und der holden , aber , wie wir voraussetzen , augenblicklich höchst entrüsteten Leserin sicherlich auch . » Bah – am gebrochenen Herzen sterben ! Mir sollte einer noch mal damit kommen ! « ruft die letztere ; unbedingt jedoch das Verdienst eines Mannes – aber eines getreuen Eckarts in diesem Fall – nämlich das Verdienst des Autors ist ´ s , sie auf die möglichen , ja sogar wahrscheinlichen Folgen aufmerksam gemacht zu haben , was bei einer künftigen neuen Regelung der gesellschaftlichen und sittlichen Verhältnisse zwischen den zwei Geschlechtern auch in Berücksichtigung zu nehmen sein wird . » So ? « fragt die Leserin , und infolge dieses kleinen Fragewörtchens bleibt alles fürs erste ( wenigstens im alten Deutschland ) beim alten . – – » Das ist doch ganz kurios ! « meinte der Baron , mit dem Nagel und dem Bilde in der Hand . » Ein Erdbeben hat nicht stattgefunden , und wir beide , Magerstedt , haben uns auch nicht außergewöhnlich lebhaft bewegt . War es dir nicht auch , als ob das Porträt wie durch einen Stoß von der Wand geschleudert worden sei ? « » Ich habe nicht darauf acht gegeben , « brummte der andere . » Ich habe jüngere Dinge im Kopfe als die Bilder der Weiber unserer Vergangenheit . Und was diese da im besonderen betrifft , so – « » So standest du nie mit ihr auf einem besonders guten Fuße ! « kicherte der Onkel Püterich . » Gott , wie solch ein Zufall die verflossene Zeit in einem rege machen kann : Innocentia ! – ah ! « » Und Rosa – Rosa von Krippen , Püterich ? ! « schnurrte der Herr von Magerstedt boshaft grämlich . Ei ja , ei ja , es ist eine lang versunkene Welt ; aber – gottlob ! – wir sind noch vorhanden , und das ist doch die Hauptsache . « » Freilich – o gewiß ! « murmelte der Baron , in ein immer tieferes Nachdenken versinkend . Der liebenswürdige Freund hielt sich währenddem wieder an seine Dose , bis ihm die Geschichte zu langweilig wurde und er den Onkel dadurch aus seinen Träumen erweckte , daß er sich emporhob und ihm auf die Schulter klopfte : » Also du hältst dich an unsere Verabredungen . Ich verlasse mich ganz auf dich und dulde keine ferneren Ausflüchte und Verzögerungen mehr . « » Verlasse dich darauf . Morgen früh fahren wir zusammen vor , und heute abend mache ich noch dem Nichtchen und ihren braven Eltern eine Visite . « Er lehnte das Bild Innocentias gegen die Wand , von der es heruntergefallen war , und die beiden Euleriche nahmen für diesmal Abschied voneinander – zärtlich , gerührt , bewegt können wir denselben jedoch nicht nennen . Außerdem , daß sie wußten , was sie voneinander zu halten hatten , wußten sie ja auch , daß sie nahe beisammen – der eine unter dem andern – wohnten , und daß sie sich recht bald wiedersehen würden . In der angenehmen Abendkühle erschien der Onkel Püterich in der Villa der Eltern Ernestas , und um Mitternacht erschien der Geist Rosa von Krippens dem Assessor bei der Regierung Abwarter , dem Geliebten und verstohlen Verlobten Ernestas . Alte Gebäuderumpeleien zu schildern und unsere Stimmung daher zu nehmen , ist uns zwar sonst ein Vergnügen , aber dennoch lassen wir diesmal den Püterichshof ruhig bestehen , wie er sieht , und versetzen uns ganz und gar in die Gefühle der Seele Fräulein Rosa von Krippens , nachdem der Nagel heraus war , der sie dreißig Jahre lang hinter der Tapete ihres einsilbigen Geliebten und stadtkundig vor Eltern , sonstigen Verwandten , Freunden und Freundinnen Verlobten festgehalten hatte . Daraus saugen wir unsere Stimmung und bringen hoffentlich allen unseren Leserinnen einen Hauch der Befreiung mit . » Uh , « hauchte vor allen Dingen der Geist Rosas , sich zum ersten Male seit dreißig Jahren frei zusammenziehend und wieder ausbreitend . » Barmherziger Gott , bist du so gut ? Ist es denn möglich ? ! Ist es wahr ? ! ! ! ! « Es ist wahr ! Die naturhistorische Gesellschaft Acanthia im Kleister fing an unruhig zu werden , weil es möglich , weil es wahr war : der Geist Rosas durfte zum ersten Mal wieder die Stellung verändern , den Platz wechseln ! Was Rosa von Krippen im Leben nie zu tun gewagt hatte , das tat ihre Seele jetzt nach nahezu vollendeter Buße : sie reckte und dehnte sich natürlich – sie schüttelte sich sogar . Sie wendete sich schaudernd von der Aussicht in dem Zimmer des Onkels Püterich ab ; – mit dem Gesicht gegen die Wand , mit der Rückseite gegen die Hinterseite der Tapete gedreht , fuhr sie auf und ab an der Mauer ; Innocentia , die Tänzerin , hätte ihr ihre Schattensprünge nicht nachgemacht – – Meine Damen , man muß dreißig Jahre lang selber als prüde , prätentiöse deutsche Jungfrau hinter der Tapete geklebt haben , um ihr diese Gefühle nachempfinden zu können – – – – – ! Was uns , den Gewährsmann , angeht , so entnehmen wir , wie gesagt , nur unsere gegenwärtige Stimmung daraus . Unser Geschick bewahre uns gnädig davor , in ähnlicher Weise festgenagelt zu werden . Wenn uns der Nagel nicht durch das Herz geht , so wird er uns sicherlich durch die Stirn getrieben werden ; aber , bei den Unsterblichen , es gelüstet uns nichtsdestoweniger , zu wissen , für wessen Bild er durch die Tapete und unser Hirn in die Mauer geschlagen werden wird ! » Stecken Sie sich doch gefälligst hinter die Tapete , « wird die freundliche Leserin lächelnd raten ; und wir brechen ab , das heißt wir fahren anlautend fort , den Gefühlen Fräulein Rosas weiter Folge zu geben . » Es ist mir im Leben schwer geworden , mich zu äußern , wie ich empfand , « hauchte der gelöste Geist ; » jetzt möchte ich schreien können , um zu sagen , wie ich mich fühle ! Ich habe mich immer nur ahnen lassen wollen und habe in Verdrießlichkeit und trübseligem Schmollen meine Tage verbracht , wenn meine Umgebung nicht fähig war , mich zu fassen . O Gott , frei , frei , frei von der Wand ! Frei von diesem fürchterlichen Nagel ! Ah ! – ah ! – oh ! « Und Rosas Geist sah den Onkel Püterich Toilette machen , sah ihn seine bessere Perücke aufsetzen , sah ihn nach seinem Hut und Stock suchen und sah ihn abziehen . Er hörte ihn die Treppen hinunterhuschen ( ist es nicht seltsam , daß wir von Rosas innerstem Wesen als einem Er reden müssen ? ) , und er hörte die Droschke fortrollen , die den einstigen Geliebten zur Villa Piepenschnieder führte . Er zögerte noch ein Weilchen , dann wagte er ' s bangend und streckte die Zehenspitze durch die Tapete ( unsichtbar natürlich , da es noch Tag war ! ) , das Knie folgte , eine Hand folgte , es folgte die andere – der Nasenspitze folgte der Rest des Gesichtes und sonstigen Körpers : Rosa von Krippen stand mit einem Geistersprung inmitten des Gemaches Philibert Püterichs ! » Ah ! « – Wenn wir auch einmal die Wohligkeit einer solchen oder ähnlichen Erlösung gekostet haben werden , sind wir vielleicht imstande , den Zustand ganz genau zu schildern , und finden auch vielleicht jemand , dem wir ihn in die Feder diktieren können . Was wir heute angeben können , ist nur ein verhältnismäßig Äußerliches : Rosas Geist drehte sich drei Minuten mit der Geschwindigkeit eines Kreisels um die eigene Achse ; Rosas Geist hob die linke Fußspitze gegen die Decke und hob die rechte . Rosas Geist hüpfte auf und drehte sich von neuem ein halb Dutzend Mal in der Luft um sich selber . Rosas Geist war eben im Begriff , sich auf den Kopf zu stellen , was selbst Innocentia in ihrem Erdendasein nur in ihrer kindlichsten Jugend öffentlich getan hatte , als leider Gottes jemand – vielleicht der Briefträger – an die Tür pochte , und – er ( Rosas Geist ) in einem jähen Rückfall in die alte Erdenschüchternheit sich blitzschnell zurück hinter die Tapete rettete . Der Pochende marschierte , da niemand ihm öffnete , verdrießlich wieder ab ; aber Rosa von Krippen fühlte es durch ihren ganzen Schatten , daß sie sich von dem Schrecken zu erholen habe , blieb bis Mitternacht an der Stelle , wo sie dreißig Jahre lang gewesen war , und wagte sich dann erst zum zweiten Mal hervor , ihrerseits den Leuten zum ersten Mal im Verlaufe ihres Banns einen Schrecken einzujagen . An dem Herausfliegen des Nagels und dem Herunterfallen der Lithographie vorhin war sie ja nicht schuld , – durchaus nicht ! – aber die Sünderin Innocentia kann vielleicht Auskunft darüber geben ; – sie will aber vielleicht nicht . Es ist jetzt für uns Mitternacht . Am anderen Ende der Stadt schlummern in der Villa Piepenschnieder Papa und Mama sänftiglich . Die Dienerschaft schläft , leise rauschen die dunkeln Bäume und Büsche um das Haus . Die Rosen duften auch in der Nacht , und der Springbrunnen vor Ernestas Fenster treibt gleichfalls im Dunkeln sein munter Spiel weiter . In der Villa Piepenschnieder , in ihrem Kämmerlein sitzt nur das Fräulein des Hauses wach in ihrem Bette . Eine Viertelstunde nach Ankunft des guten Onkels hat man sie aus dem Garten in den Salon zitiert , und sie hat schöne Dinge zu hören bekommen . Um Mitternacht überlegt Ernesta immer noch diese Dinge und sucht vergeblich sich in sie zu finden . Um Mitternacht schläft im Püterichshofe der Onkel Püterich den Schlaf des Gerechten , der irgendeinen , ihm selbst recht löblich erscheinenden Vorsatz wieder einmal zur Ausführung gebracht hat . Er schnarcht , und Rosas Geist hört ihn durch drei Wände hindurch schnarchen . Die zwölf feierlichen Schläge sind eben verhallt , und – Rosas Geist wagt es zum zweiten Mal , aus der Tapeten hervorzutreten . Aber er muß durch des Onkels und einstigen Geliebten Schlafgemach , um in die Wohnung des Assessors bei der Regierung Hilarion zu gelangen , und er zittert auf der Wand , wie jeder andere Schatten hinter einem flackernden Lichte . Er muß ! er fühlt