dem Volk , das sich sonst noch an der Fährstelle angesammelt hatte , zu einem Geflüster beiseite . Der Student Meister Lambert Tewes hatte nach der kurzen und derben Abweisung seines ehrwürdigen Verwandten den Hut wieder aufgesetzt ; aber als ein braver Bursch , der mit den Philistern umzugehen weiß , ließ er so leicht nicht locker . Wenn er vorhin vom Etruskermeer gesungen hatte , so begab er sich jetzt auf ein ander Gewässer , griff rückwärts nach dem Horaz in seiner Tasche , um sich zu vergewissern , daß dieser Trostbringer noch vorhanden sei , und summte , was voreinst dem Aelius Lamia vorgepfiffen worden war , dem unwirschen Onkel Helmrich von Sankt Kilian hin : Musis amicus , tristitiam et metus Tradam protervis in mare Creticum Portare ventis – er sang es aber deutsch in absonderlicher Umschreibung : » Der Wind pfeift hin zur Kreterflut , Verdruß und Wut Und Grämlichkeit Fährt mit ihm weit ! Dem Musensohn kommt ' s töricht vor , Kratzt sich der Philosoph am Ohr ; es würde mir das Herz abdrücken , Ehrwürden Herr Oheim , wann ich als Euerer Frauen Schwestersohn Euch so leichthin , ohne nochmals Eure Kniee umfaßt zu haben , Eures Weges in Übelgewogenheit gehen ließe . Es ist wohl wahr , sie haben mir Consilium abeundi gegeben , also – « » Und ich und meine Hausfrau haben desgleichen getan ! « rief der Pastor zornig . » Herr , haltet mich nicht länger auf ; ich und mein Haus haben nichts mehr mit Euch zu schaffen . « Der Prediger ging schneller zu ; aber der Neffe hielt sich hartnäckig an seiner Seite . » Bei den Penaten Eueres Herdes , Herr Oheim – « Er kam mit seiner Rede wiederum nicht zu Ende . Plötzlich stand der alte , strenge Herr still und rief : » Was wollt Ihr eigentlich noch , Monsieur , nachdem ich Euch meine Meinung so deutlich gesagt habe ? Ist das eine Zeit für Narrenteiding ? Sehet Euch um ; ist das ein Schauspiel dem Auge , um dabei den Horatius abzuleiern ? Sehet mir in das Herz – in dem Hause Gottes haben die Fremden ihre Rosse gestallt ; in meiner Kirchen haben sie ihre Bacchanalia gehalten ! O rufet nur Evoë , Evoë und lobet den Bacchus und die Venus , die – ; greifet Euch doch in das eigene Herz : ist denn das Volk der Teutschen , das arme elende Volk – hauslos und dachlos hier und an so mancher andern Statt – in der Lust und Begierde , des römischen Poeten geile Reime an sein schmerzend Ohr klingen zu hören ? ! Sehet um Euch , Mensch , und gehet und lasset mich meines Weges gehen ; was hülfe es Euch , daß Ihr mit mir kämet ? Auch bei mir würdet Ihr eine verwüstete Heimstätte und einen kalten Herd finden . – « Der geistliche Herr hatte eine Handbewegung um sich her gemacht , und was diese harte , magere , knochige Hand andeutete , das sah freilich trostlos genug aus . Sturm auf Sturm war seit dem Jahre 1618 über das Höxter ' sche Weichbild hingefahren . Kein Chronist hat noch gezählt , wie oft dieser Ort , die Fährstelle und Brücke am großen Völkerübergang zwischen Ost und Westen , dem Schwert und der Brandfackel anheimgefallen war . Aber die Ruinen , die wüsten Stellen , die Ärmlichkeit der wenigen wiederaufgerichteten Menschenwohnungen , und diese in ihrer allerneuesten Verwüstung , zeugten davon . Gleich einem verwesenden Körper lag die Stadt Huxar in dem grauen Abendlicht des Dezembers da , und die alten schwarzen Kirchen ragten wie das Knochengerüst aus dem zerfallenden Fleische der Stadt . Und die Gasse war voll des zerstampften Strohs , des Schutts , der Asche und Trümmer und stank auch sonst dem Heer des Allerchristlichsten Königs übel nach : der Student hielt sich die Nase zu , schob den Hut vom einen Ohr zum andern und nickte : » Bei den Göttern , es ist ein Elend ! « Das war es ; aber das Laster saß eben doch zu tief im Blut . Herr Lambert zitierte wieder ; wenngleich mit kläglichster Miene : » Wem klagt das Volk des Reiches Fall , Wen ruft es an mit Seufzerschwall ? Wen schickt uns Zeus als Rächer her , Wem legt er in die Hand die Wehr ? Dein Licht verhüllt , schwing nieder dich , Augur Apoll ' , errette mich ; – › ad Augustum Caesarem ‹ ist die Ode überschrieben , Herr Oheim . « » Den Herrn sollt Ihr anrufen ; sein Name ist Zebaoth ! Emanuel ist sein heiliger Name ! « sprach der Pfarrherr , die drohende Hand erhebend und weiterschreitend . Jetzt ließ der Student und Neffe ihn ziehen und stand still und sah ihm nach und dann noch einmal sich um in Höxter . IV » Die Vetternschaft und zärtliche Verwandtschaft hätten wir demnach also vergeblich begrüßet ! « sagte der in die Wildnis ausgetriebene Bürger und ungeratene Sohn der erlauchten und erleuchteten Mutter Julia Carolina . » Sie haben mir immer meinen Weichmut vorgeworfen ; aber hier habe ich es doch wahrlich nicht an Hartnäckigkeit fehlen lassen . Da hab ' ich doch getan und versucht , was meine seligen Eltern nur verlangen konnten . Ein anderer wär ' längst grob geworden und hätte der lieben Frau Tante und dem Herrn Onkel den Stuhl vor die Tür geschoben ; nur solch ein gutherziger Gesell wie ich läßt sich dreimal aus ihr herauswerfen , ohne auf die ihm von früher Jugend her eingebläuelte Pietas den Teufel herabzubeschwören . Alle Höllengeister , erlöset mich von dem weichen Gemüte ! « Er kratzte sich bedenklich am Krauskopf , obgleich er vor zehn Minuten noch jeden Weltweisen , der dergleichen tun würde , arg in gebundener Rede gelästert hatte . Dann griff er von neuem hinterwärts in den Sack , traf aber auch diesmal auf wenig mehr drin als auf den Günstling des Maecenas , den Liebhaber Glycerens , den Freund des Quincilius Varus – auf den alten sonnigen Schäker , den Flaccus . So stand er in der beginnenden deutschen Winternacht , als plötzlich der weiße Benediktinermönch , der Bruder Henricus , abermals an ihm vorbeiging . Der Frater hatte noch einen Besuch bei dem Minoritenprediger , den der Fürstbischof Bernhard von Galen der katholischen Kirche in Höxter als Hirten vorgesetzt , abgestattet , hatte ihn jedoch nicht zu Hause angetroffen und war , vom Küster zu Sankt Peter beschieden , ihm nach dem Hause des Bürgermeisters Thönis Merz nachgegangen . Er hatte seinen Minoriten richtig gefunden und sein Wort mit ihm ausgetauscht , und nun war er auf dem Wege zum Corveytor . » Salve Domine ! « sagte der Student recht freundlich ; und der Mönch schreckte auf , wie es schien , aus recht unbehaglichem Gedankenspiel . Er grüßte aber auch freundlich mit einer Verneigung und wollte damit ruhig an dem jungen Gelehrten vorüber ; aber so glatt ging dieses doch nicht . Herr Lambert Tewes ging sofort mit ihm und führte die Unterhaltung weiter . » Sie gehen nach Hause , ehrwürdiger Herr Pater ? « » Ich gehe nach einer langen , mühsamen Wanderung durch die arge Welt heim in meine Zelle . « » Und Sie wissen also wohl gar nicht , wie gut Sie es haben , mein Pater ? « Trotz seiner Verstimmung mußte der Alte doch lächeln , und , seinen Schritt mäßigend , fragte er : » Sie gehen bei diesem übeln Wetter noch nicht heim , gelahrter Herr Studiosus ? « » Wie gerne ! « seufzte der Student ; » aber haben Sie auch einmal , Herr Pater , einen Onkel und eine Tante gehabt ? O heiliger Kilianus , in welche Hände ist dein Haus übergegangen ! Ich hatte so sicher da auf eine Abendmahlzeit und einen Strohsack unter dem Schutze deines Marterzeugs gezählt ! Ehrwürdiger Herr , sehet hier : als sie mich von Helmstedt wegtrieben , ließ ich ihnen meine Schulden und nahm ihnen diesen Göttersohn in Schweinsleder aus ihrer Bibliotheca mit . Den werde ich nun bei dieser lieblichen Witterung die Nacht über in einer dieser Höxterischen Ruinen an einem eingefallenen Herde als Kopfkissen nehmen müssen . Was meinen Sie aber , mein Pater , wenn Sie ihn mir abhandelten um ein billiges ? Wenn Phöbus nicht längst diesem niederträchtigen Erdenwinkel den Rücken gewendet hätte , würde ich ihn Ihnen gern zur genauen Besichtigung ad oculos rücken . Es ist eine treffliche Edition – Amstelodami , ex officina Henrici et Theodori Boom – mit einem Frontispicium vom berühmten Maler und Kupferstecher Romeyn de Hooghe ; – he ? ! « » Ich war ein Reitersmann in meiner Jungheit und habe schon und leider als Junker Heinrich von Herstelle meines Informators Latein an den Büschen hängen lassen « , erwiderte der Mönch . » Ich danke Euch herzlich , mein lieber junger Freund , und befehle Euch dem Schutze des Allerhöchsten . Sonsten haben wir auch zu Corvey eine mächtige , fürtreffliche Bücherei , und sie würden mich weidlich auslachen , wenn ich von der Reise dergleichen ihnen mitbrächte und zutrüge . « » Eulen nach Athen « , murmelte der Student . » Ich will ' s aus Höflichkeit glauben ; also – vergnügliche gute Nacht , mein Pater . « Der Mönch verneigte sich abermals und ging ; der Helmstädtische Studiosus blieb und rief , als der Bruder Henricus ihm aus Gehörweite entfernt zu sein schien . » Also wiederum abgeblitzt ! Da lohnt es sich in Wahrheit , seinen Muskedonner oder seine Schnapphahnflinte zu laden ! Pulver und Blei ! Palsambleu ! mille millions tonnerres ! Kein Fluch in teutscher Zunge kann da ausreichen , um einem Menschenkind Luft zu machen . Da nimmt der Pfaff meinen warmen Sitz am Corvey ' schen Stiftsküchenfeuer in seiner Kutte mit hin ; aber das ist die Zeit , so ist die Zeit ! So sind sie alle – gleichviel ob katholisch oder luth ' risch aufgewichst ! o du heiliger Simson von der Kollegienkirche ! o ihr Fleischtöpfe der alma mater Julia ! o du lange Burschenbank im Ducksteinkeller ! ... Und solch einem Böotier hab ' ich meinen Lauriger für ein Nachtessen angeboten ? ! Schäme dich , Lambertus , und geh in dich . Bei den Unsterblichen , es bleibt also bei einem Nachtquartier in den Ruderibus des Herrn Feldzeugmeisters von Wrangel . Gesegnet sei sein Angedenken ! gesegnet sei sein Durchmarsch nach dem Allgäu zum Bregenzer Sturm ! Gesegnet seien seine Kartaunen und Bombarden von Anno Sechsundvierzig ! Da kriegte man doch wahrlich Lust , selbst den Tilly und den Generalfeldmarschall von Gleen und das Jahr Vierunddreißig mit seinem › Salzkotter Quartier ! ‹ hochleben zu lassen . Was finge nun heute unsereiner an ohne die Ruinen vom Höxter ' schen Blutbad ? ! « – Ei ja , aber wer hatte sonst in dieser Nacht ein ruhig , warm Quartier , ein sicheres und behagliches Kopfkissen und Deckbett in Huxar an der Weser ? Eigentlich niemand . Es kam keiner zu einem gesunden Schlaf außer den gesunden Kindern . Es war eben in der Woche nach der Sündflut , und wie die übriggebliebene Familie Noäh sehr bald in Gezänk und Hohn gegeneinander ihrem Unbehagen in der verwüsteten Welt Raum gab , so lag die Höxter ' sche Bürgerschaft jetzt schon im Hader untereinander und sich im Haar . Sie hatten sich – beide , Katholiken wie Lutheraner , – manches von der fremdländischen Besatzung gefallen lassen müssen , von dem Herrn von Turenne und dem Herrn von Fougerais . Nun waren die Franzosen abgezogen , aber das Gift in den Herzen und Köpfen war geblieben . Ein jeglicher suchte nach jemand , an dem er seine Galle , gestraft oder ungestraft – freilich am liebsten in letzterer Weise – loswerden konnte , und beim rechten Lichte besehen , war niemand vorhanden , der sich hätte anmaßen dürfen , den Wächter über die kochenden Leidenschaften zu spielen und den Deckel überzustülpen . Sie waren alle Partei ! Und der , welcher die stärkste Hand hätte haben können , nämlich Herr Christoph Bernhard , der Bischof zu Münster , führte Krieg mit den Herren Generalstaaten , pfiff auf das Deutsche Reich , versah sich nichts Gutes von dem Herzog Rudolfus Augustus auf dem Amthause Wickensen und wußte zu allem übrigen , daß seine » gute Munizipalstadt « ; – nämlich die Stadt Höxter , der Mehrzahl ihrer Eingesessenen nach , gleichfalls nach Wickensen ausschaute , jedoch aus einem ganz andern Grunde als er , der Bischof . » Laufe schnell mal einer nach dem Bürgermeister ! « heißt es sonst wohl in einem gutgeordneten Gemeinwesen ; aber auch das war leidergottes hier und diesmal von wenig Nutzen . Auch der Bürgermeister von Höxter , Herr Thönis Merz , war Partei . Man hatte von katholischer Seite , um ihn und seine » arme gute Stadt « unter die Botmäßigkeit des Stiftes und des Herrn Fürstbischofs zu bringen , ihm und ihr mit Schikanen und sogar auch Handgreiflichkeiten arg zugesetzt . Seine Berichte und Klageschriften an den Schutzherrn zu Wickensen schrieen laut genug darob . Wie lange war es her zum Exempel , daß man ihn , den hochedlen Bürgermeister , samt seinem ehrbaren Rat auf die Sperlingsjagd geschickt hatte ? War das keine Schikane , daß man von Corvey aus der guten und glorreichen Stadt Huxar wie der geringsten Bauernschaft der Umgegend auferlegte , ihr Quantum Sperlingsköpfe im Stiftshofe abzuliefern , vorzuzählen und aufzuschütten ? ! Per vulnera Christi hatte die Stadt zum Herzog Rudolfus Augustus um Hülfe geheult , und der Bruder Henricus konnte darüber aussagen , wie die Herzoglichen Gnaden über den Fall dachten . Ja , ja , wie sich der Bischof und der Herzog über die Weser mit Briefen und von Braunschweigischer Seite vor kurzem auch mit einigen Kompanien Fußvolks und stattlichen Reiterzügen unter die Nase rückten und jahrelang hin und her zogen , das steht auf manchem Blatte zu lesen , das gelb und muffig aus jener Zeit zu uns herabgekommen ist . » Die gute , uralte Stadt Höxar , welche umb ihrer Gerechtsamen und ihrer heiligen Religion halber Leib , Gut und Blut verloren , wird nunmehro als das geringste Dorf gehalten . Ihre Schlüssel sind ihr benommen , in ihrem guten Rechte , sich selber einen Scharfrichter zu halten , ist sie turbiret . Selbst das Judengeleit , so die Stadt doch vor und nach Anno 1624 gehabt , ist ihr auch wieder weggenommen , daß anitzo ein Hauffen Juden alle in bürgerlichen Häusern allda wohnen , ihren Wucher treiben und dennoch der Stadt nichts geben ! « So schrie die lutherische Bürgerschaft . – » Wir werden Euch lehren , so anzäpfliche Worte ohngescheut auszusprengen ! « grollte der katholische Teil der Bevölkerung ; und von Corvey aus ließen sich die Bischöflichen Gnaden vernehmen : » Mit sonderbarer Milde und Clementz haben wir bis dato Euch ungerathene , widerspenstige Leute zu Huxar tractiret . Unser landesfürstliches Recht haben wir gewahret : wie reimet sich dann , was Ihr zur Bemantelung des Braunschweigischen feindlichen Einfalls hervorbringet ? « » Sind nicht schon Bürgermeistern Johann Wildenhorern deswegen , daß er vor 16 Jahren bey weyland Herrn Abts Arnolden Zeiten in damaligen seinem Bürgermeister-Ampte für der Stadt Jura gestrebet , allererst vor drei Jahren , wie itztermeldeten Herrn Abts Fürstliche Gnaden schon todt gewesen , Früchte weggenommen ? « klang ' s vom Rathause . » Und wer war Schuld daran « , klang ' s zurück , » daß unserm Fürstlich Münsterischen Hauptmann Meyer , welcher mit zwanzig Mann bei Euch lag , das Trommelspiel , womit derselbe durch seinen Tambour die gewöhnliche Reveli , Scharwacht und Zapfenstreich schlagen lassen , gewaltthätig weggenommen und zu der Braunschweigischen Munition unterm Rathaus hingebracht wurde ? « » Seid Ihr nicht in dieser anhängigen Sache gleichsam Judex , pars et Advocatus ! « schrie die Stadt . » Mit nichten ! Von Gottes Gnaden sind Wir , Christoph Bernhard , Bischof zu Münster , Administrator zu Corvey , Eures heillosen , rebellischen Municipii eingesetzeter und gesalbter Landesherr ! « schallte es zurück . » Hm , Euer Liebden « , kam ' s vom jenseitigen Ufer der Weser schriftlich herüber , » ohne Euer Liebden in Ihrer unstreitigen Gerechtsame und Landes-Fürstlicher Hoheit zu nahe zu treten , so haben wir doch als Erb-Schutz-Herr wegen unseres Fürstlichen Hauses Interesse dahin zu sehen , daß die arme Stadt in solchem desperaten Zustande nicht gleichsam vor unsern Augen zu Grunde gehen muge . « Signatum : » Rudolff Augustus . « » An den Herrn Bischoffen von Münster . « In der gehörigen Zeit nach diesem freundnachbarlichen Schreiben war – eben der Herr von Turenne in Höxter eingerückt . Eine verständlichere Antwort auf den herzoglichen Brief hatte Herr Christoph Bernhard von Galen nicht zu geben gewußt , daß aber der gute Nachbar auf dem Amtshause Wickensen sie sofort verstanden hatte , wird uns deutlich werden , wenn der alte Reiter Heinrich von Herstelle zu Corvey Kunde davon gibt , was er im Solling sah . Was die Judenschaft anbetraf , über deren in Wegfall gekommenes » Geleitsrecht « die Bürgerschaft von Höxter gleichfalls so sehr erbost war , so hielt sie sich verständigerweise so still als möglich , ohne daß es ihr , wie wir zu allem übrigen sogleich sehen werden , viel half . – – Und nun hatte der Herr von Fougerais am Tage vor der Heimkehr des Bruders Henricus , nach Wesel abmarschierend , die gute Stadt des Fürstbischofs von Münster verlassen und – nicht ohne seine Gründe , vorher die Brücke , die auf das rechte Weserufer überführte , abgebrochen . Christoph Bernhard mit seiner Macht stand weit in der Ferne gegen Holland : für eine Zeit waren Höxter und Corvey sich selber anheimgegeben , und wild und wüst wie in den Häusern und Gassen sah es in den Gemütern aus . Der Helmstedter konsiliierte Studente , der , seinem Worte wenigstens nach , eben im Begriff war , ein Nachtquartier in irgendeiner Ruine frühern Wohlstandes zu suchen , konnte da vielleicht unter Umständen den ruhigsten und behaglichsten Platz in ganz Huxar finden . Es war jetzt ganz Nacht , und viel zu dunkel , um den Horatius hervorzuholen , und , mit dem Zeigefinger zwischen die Blätter greifend , sich ein Vaticinium aus ihm herauszulangen , wie man früher desgleichen sich aus dem Virgilius holte . Herr Lambert ging deshalb einfach , wie jedes andere Menschenkind , wie das Schicksal ihn führte , und bis jetzt hatte dasselbe ihn , wo nicht immer behaglich , so doch stets recht vergnüglich durch die arge Welt geleitet . V Wir sind allesamt in dieser argen Welt gleich Kindern , denen das Schreiben gelehrt und vom Meister die Hand geführt wird . Nun gingen wir nur allzugern sofort dem Bruder Henricus nach ; allein schon hat man uns auf die Schulter geklopft und nach einer andern Richtung hingedeutet . Wie die beiden andern , die mit ihr den wilden Strom überschifft hatten , war die Kröppel-Leah nach Hause gegangen . Und wenn der Pfarrherr von Sankt Kilian hinter der vor dem Neffen verriegelten Tür sein Weib am warmen Ofen , wenn der Mönch von Corvey seine Zelle fand , so fand die Greisin ihr Heim in Ordnung , – wie die Zeitläufte es erlaubten . Fünfzig Mann von einem pikardischen Musketierregiment hatten in ihrem Hause gelegen und es sich darin während ihrer Abwesenheit behaglich gemacht ! Die Haustür war halb aus den Angeln gerissen , der größte Teil der Fensterscheiben auch hier zertrümmert . Sämtliches Gerät war in Stücke zerschlagen worden . Die Wände waren vom Rauch geschwärzt und sonst besudelt und mit Namen und wüsten Zeichnungen versaut : die fremden Gäste hatten nicht alle schreiben können , aber sie hatten sämtlich zu zeichnen verstanden ; – und wie ! ... Die fünfzig französischen Kriegsmänner hatten das Judenhaus für sich allein gehabt ; aber noch am Tage ihres Abzugs mit dem Herrn von Fougerais oder vielmehr am Abend dieses Tages hatte sich jemand eingefunden , der eine Weile starr , mit gefalteten Händen und unterdrücktem Schluchzen ob der Wüstenei dastand , bis er in ein lautes Weinen ausbrach ; und dieser jemand war ein kleines Mädchen von vierzehn Jahren , der Greisin letzte Enklin , gewesen . Wo das Kind sich während der letzten wilden Wochen verborgen gehalten hatte , war dem Stift und der Stadt gleichgültig ; wenn auch uns nicht . Jetzt war es wieder da und weinte auf den Trümmern des Hauses seiner Großmutter grade so laut und bitterlich wie weiland der Prophet Jeremias auf den Trümmern der großen Stadt Jerusalem . Doch das Kind hatte sich gefaßt . Es war eben auch ein Sprößling jenes tapfersten aller Völker , das sich auf jedem Brandschutt seines Glückes schier noch hartnäckiger als das deutsche Volk mit seinen Wurzelfasern wieder anzuheften wußte . Vor allen Dingen hatte das Kind aus dem Hause der Glaubensgenossen , in welchem es von der Barmherzigkeit aufgenommen worden war , ein Lämpchen geholt und mit diesem in der Hand seine schwere Arbeit angefangen . Das kleine Judenmädchen hatte das Haus gereinigt ! Mit seinem Lämpchen in der armen , winzigen , zitternden Hand suchte es das verwüstete Haus ab , vom Keller bis zum Boden , und häufig stöhnte es und rief den Gott seines Volkes an , wenn es wieder ein schlau und sicher angelegtes Versteck von der in diesen Angelegenheiten noch schlauern , auch auf dergleichen ausstudierten Soldateska des Herrn Marschalls von Turenne aufgefunden und ausgestöbert fand . Und das Kind war ganz allein in seiner Not gewesen . Niemand hatte sich darum gekümmert in Höxter , wenn der Schimmer der kleinen Lampe bald hier , bald dort an einer der leeren , schwarzen Fensteröffnungen vorüberflimmerte . Der Volks- und Glaubensgenosse Meister Samuel hatte die Lampe hergeliehen ; sein Weib Siphra hatte einen Handkorb mit einem schwarzen Brot , einem schlechten Messer ohne Griff , einen irdenen Krug und einen mit Draht umflochtenen Kochtopf dazugetan : » Wir würden dir die Taschen mit Gold und Silber füllen und dir eine Herde von Zicklein und Böcklein voraufgehen und dir einen Wagen voll Mehl und Honig und Öl und Gewürz nachfahren lassen , wenn wir ' s könnten ; aber wir können ' s nicht , Simeath ! « hatte man in Meister Samuels Hause gesagt . » Da hast du noch einen Besen ; es ist wohl der schlechteste , aber wir brauchen alle übrigen selber « , hatte die Frau Siphra hinzugefügt , und so war das Kind mit herzlichem Dank und überströmenden Dankestränen gegangen und hatte es dem König Louis , dem Bischof von Münster , dem Herrn von Turenne , dem Herrn von Fougerais , dem Stift und der Stadt zum Trotz möglich gemacht , sich einzurichten , bis die Großmutter heimkehrte . Nach dem Hofe zu gelegen befand sich im obern Stockwerk des Hauses ein enges , dunkles Gemach , in welchem Monsieur le Sergeant mit seiner Zuhälterin , einer dicken Champenoise aus Troyes , sein Quartier aufgeschlagen gehabt hatte und das demnach nicht ganz so ruiniert worden war als die übrigen Räume . In dieser Kammer stand noch das Bett aufrecht , sowie auch ein Tisch , dem nicht mehr als ein Bein abgeschlagen worden war . Zwei oder drei noch sitzgerechte Schemel waren auch dem scherzhaften Mutwillen des abziehenden Heeres entgangen . Schlimm genug sah es freilich auch hier auf dem Estrich , in den Winkeln und an den Wänden aus , und das Bettzeug warf Simeath sofort mit Schaudern in den Hof hinunter . Jedoch da war der Besen und die fleißige , harte kleine Hand ! Um Mitternacht war das Stübchen gekehrt , der Tisch festgestellt und vom nächsten verlassenen Kavallerieposten in der Gasse ein zurückgelassenes Bund Stroh in die Bettstelle der Mamsell Génévion heraufgeschleppt : eine Viertelstunde nach Mitternacht lag Simeath in diesem Stroh und schlief der Heimkunft der Großmutter entgegen Wie das Kind erwachte – vielleicht aus einem glücklichen Traum ! – wie es aufrecht saß und sich , verstört zum Bewußtsein kommend , in der Scheußlichkeit ringsumher umsah ; – wie es den Tag bis zur abermaligen Dämmerung des Abends hinbrachte , wollen wir auch nicht beschreiben . Wir sahen die Großmutter mit ihrem Bündel , von dem Spotte und den bösen Blicken der Wachtmannschaft an der Weserfähre verfolgt , humpelnd ihren Weg nach ihrer Behausung zu nehmen . Wir malen uns in der Phantasie aus , wie sie vor dem Hause stand , und nach den zerbrochenen Scheiben hinaufstarrte , wie sie dann über die zertrümmerte Schwelle durch die türlose Pforte trat , und wie ihre Enkelin aufschreiend und mit ausgebreiteten Armen ihr entgegenlief und umherdeutete : » Sieh ! sieh ! ... Alles hin ! nichts heil , – alles voll Ekel und Graus ; – alles wüste , alles von den schlechten , wilden Menschen zugrunde gerichtet ! « Nachher hat die Greisin das Haupt gesenkt und einen Spruch in der Sprache Ihrer Väter gesagt . Nachher hat das kleine Mädchen die alte Mutter die Treppe hinaufgeleitet und sie in das gereinigte Stübchen geführt . Nachher ist es wieder ganz Nacht geworden ; die kleine Lampe aus dem Hause des Meisters Samuel und der guten Frau Siphra brennt auf dem Tische , der von Simeath so künstlich zum Stehen gebracht wurde : Großmutter und Enkelin sitzen an diesem Tische einander gegenüber . Das Bündel mit der Erbschaft aus Gronau im Fürstentum Hildesheim liegt unter dem Tische . » Mein gut Kind , wie oft hat der Feind oder das böse Volk in der Stadt dieses Haus umgestürzt , seit ich Atem ziehe ? Wer so weit herkommt aus der Zeit wie ich ; wer den tollen Christian und den Tilly , den Herrn von Gleen , die Herzogin von Hessen , den Feldmarschall Holzappel , den Wrangel und so viele kleinere wilde Heeresführer vorüberreiten oder über sich wegtreten ließ , der macht sich wenig mehr aus dem Herrn von Turenne und dem Herrn von Fougerais ! Ich sehe nur wieder , was ich schon ein Dutzend Male sah . Es ist eine Zeit , in welcher der Mensch das Schlimmste als das Gewöhnlichste hinnimmt . Weine nicht , mein liebes Herzchen , du bist jung und magst noch in eine reinlichere , bessere Zeit hineinleben ! « So hatte die Kröppel-Leah getröstet , und währenddem hatte der Pastor zu Sankt Kilian in der bekannten Weise seinem Neffen eine recht gute Nacht gewünscht ; währenddem hatte der Student seinen Tröster im Jammer , den Horatius , dem Bruder Henricus zum Kauf oder für ein Abendessen und Nachtquartier hingehalten ; währenddem – war von der Erbschaft der alten Jüdin an einem Orte , den wir jetzt erst betreten , die Rede . Am Corveytor in einer Schenke , die im Schilde als Zeichen einen Mann führte , der den Kopf unterm Arm trug , in der Kneipe zum heiligen Vitus wurde von dem Bündel der Kröppel-Leah gesprochen . – Der Student , Herr Lambert Tewes , war dreimal in das gebrochene Mauerwerk früheren städtischen Wohlbehagens hineingetappt und hatte sich nach den Ruderibus der Herdstellen hingetastet : » Brr ! « hatte er jedesmal geächzt , und zum vierten Mal wiederholte er den Versuch , sich ein Nachtlager unter den Ruinen des Dreißigjährigen Krieges in Höxter zu suchen , nicht . » Basolamano , Messieurs , meine hochgünstigen Herren ! « sagte er höflich beim Eintritt in die Kneipe zu Sankt Veit am Corveytor ; ein heller Jubel und lautstimmiges Hallo begrüßten ihn dagegen . Bis auf den Stadtkorporal Polhenne waren sie allesamt wieder vorhanden und noch einige ihres Gelichters dazu . Eine saubere Gesellschaft , meistenteils auch bereits halb angetrunken und zu jeglichem Schabernack und Unfug bereit ! Da war auch der Schulkamerad Wigand Säuberlich , mit dem die Höxteranischen Scholarchen ihren gelehrten Kohl nicht hatten schmelzen können ; und dieser , nämlich der Säuberlich , war ' s auch hier , der den Studenten zuerst wieder am Knopf faßte , ihm mit einem schäumenden Bierkrug unter den Bart trat und schrie : » Da haben wir ihn ! Kerl , wo hast du gesteckt ? Seit einer Stunde sehnen wir uns nach dir wie eine alte Jungfer nach dem Hochzeiter . Juchhe , jetzt ist der Ofen geheizt und der Braten fertig ! Tragt auf , gute Gesellen ; Messer und Gabel heraus ! Du gehst doch mit uns , Lambert ? « » Wohin , Signor Strillone ? « » Keine fremden Zungen jetzo , Alter ! Wir verbitten uns das . Du gehst mit uns , wohin wir dich führen werden . « » Schlecht Wetter draußen « – » Aber gut genug , um eine lustige Nacht daraus zu machen in Höxar ! Sämtliche gegenwärtige , ehrbare und fröhliche Kumpanei , Mann für Mann , geht mit . « » Aber zuerst will ich doch wissen , was es gibt , Gevattern ! « » Hunger und Wut , Herr Doktor ! « schrie ' s aus dem Haufen . » Alles , was die Franzosen uns gelassen haben . « » Und einen elenden Durst dazu ! « » Ja , trinken könnt Ihr , aber es ist das letzte vom Faß , und kein allerletztes gibt es offenkundig in Höxter ! Grade deshalb wollen wir die Kellerschlüssel holen . Die Luth ' rischen fallen auf die Katholiken und umgekehrt . Daß wir deinem Onkel auch in der Vergadderung einen Besuch machen , wirst du sicherlich nicht übelnehmen , Lambert . « » Scabies capiat – der Teufel hole meinen Herrn Onkel ! « rief der Student ; doch jetzt nahm ihn Hans Vogedes am Arm und flüsterte