Hände ihrerseits auf den Tisch stemmte , sich weit über ihn hinbog und ihrem Gatten ins Gesicht fauchte : » Hast du ' s nun mal wieder , wie du ' s willst ? Ist es nun so recht ? Du Grobsack , du Schnarcher , du Leuteanbeller ; hast du dir nun bald genug Hypotheken aufs Haus gebellt ? O du – du ! – Prügel genug hast du in deiner eigenen Gaststube gekriegt – aber immer noch nicht genug ! Jetzt weißt du meine Meinung ! « Damit fuhr sie hinaus in die Küche ; aber leider nicht durch den Schornstein ab . » Sapperlot ! « stöhnte der Wirt noch einmal , und dann murmelte er : » Wer mir vor fünfzehn Jahren als zivilem jungem Zimmergarçon im Hotel Royal in Hannover gesagt hätte , was hier in der Wildnis aus mir werden würde , der – hätte sicher den Zug verschlafen und sein Haar im Kaffee und seine Portion Mäusedreck im Milchtopf gefunden . So verwildert man , ohne was dazu zu können ! O verflucht ! Aber – am meisten ärgert einen doch der verfluchte alte Besenbinder , der da eben ging , nachdem er seine Sottisen bestellt hatte , ohne daß man ihm dafür an die Gurgel konnte . Und das Verdammteste ist , daß man ihn eben kennt und weiß , daß ihm nicht beizukommen ist . An dem ist Höflichkeit und alles , was das Gegenteil davon ist , verloren . Im Dunkeln möchte man den Hund auf ihn hetzen ; aber ich glaube , selbst die Hunde wagen sich nicht an ihn ! « Drittes Kapitel [ 304 ] Von den zutunlich wedelnden Hunden des Berghauses umgeben , stand der alte Herr noch einen Augenblick auf dem Steintritte vor der Haustür und atmete in vollen Zügen die frische Gebirgsluft . Dazu lachte er vergnügt in sich hinein , und da jetzt zu Esel , Maulesel und zu Fuße ein nicht kleiner Schwarm von Touristen sich der Wirtschaft näherte , so entfernte er sich seinerseits , das heißt er suchte seinen eigenen Weg über die Landstraße [ 304 ] weg auf einem kaum sichtbaren Fußpfade , der sich durch ein Gewirr von abgewaschenen Granitblöcken schräg bergan zog . Dieser Pfad erreichte die große Straße nach einer kleinen Stunde , kreuzte sie abermals und stieg in die Täler hinab , Jemand , der ihn nicht ganz genau kannte , der hätte ihn bald verloren , und wenn er ihn noch so fest und sicher unter den Füßen zu haben glaubte . Dem Justizrat Scholten kam er nicht abhanden ; doch wurde er auf ihm aufgehalten , und zwar durch ein schönes Weib und Bild , auf welches beides er stieß , als er wiederum aus dem Tannendickicht auf die Chaussee trat . Eine Dame hielt allein in der Einsamkeit , auch auf einem Maulesel , seitab des Weges auf einem Felsenvorsprung , den Blick über das zu ihren und ihres Tieres Füßen schroff sich senkende Waldtal in die Weite gegen Nordosten gerichtet ; – regungslos , die Zugel über den Bug des ruhigen Tieres gelegt , das Kinn mit der Hand stützend – eine stattliche Figur – Kraft und Schönheit – schwarze Haare und schwarze Augen und in den Augen jenes seltsame Suchen der im Gewühl Einsamen – » Ichor ! « murmelte der alte Jurist . » Das freut mich ! « Ichor aber ist ein griechisches Wort , von den griechischen Menschen erfunden als Bezeichnung für das Blut , welches durch die Adern ihrer Götter rann als ein klarer Saft – » denn nicht kosten sie Brot , noch trinken sie funkelnden Weines « . Der Rufer im Streite Diomedes entlockte es durch einen Lanzenwurf der Hand Aphrodites , und die Göttin schrie laut auf und flüchtete weinend ; aber Dione sänftigte ihr die Schmerzen , und es lächelte sanft ..... der Menschen und Ewigen Vater , Rief und redete so zu der goldenen Aphrodite : Nicht dir wurden verliehen , mein Töchterchen , Werke des Krieges . Ordne du lieber hinfort anmutige Werke der Hochzeit . Diese besorgt schon Ares , der Stürmende , und Athenäa . Ichor entquoll auch dem schrecklichen Ares , und er schrie wie zehntausend der sterblichen Menschen ; weshalb jedoch der Justizrat Scholten das Wort jetzt zu einem Ausruf verwendete , [ 305 ] bleibt uns fürs erste dunkel , wir werden es aber erfahren , und zwar nach und nach . Der letzte , nach der Straße hin vom Walde ausgestreckte Tannenzweig hob dem Alten die Mütze vom Kopfe . » Gehorsamer Diener ! « sagte er , nämlich der Justizrat ; und auf dieses Wort wendete die schöne Dame das Gesicht von der schönen Aussicht ab und blickte auf die Störung , doch sie lächelte ebenfalls erfreut , als sie den Störenfried erkannte . Scholten grüßte , während sie ihr Reittier wendete , trat rasch auf den Grashang zwischen den Felsen und reichte ihr die Hand : » Auf dem Kreuzwege am Blocksberge ! Natürlich ! Guten Tag , liebe Baronin ! Guten Tag , Frau Salome ! « » Guten Tag , lieber Scholten « , sagte die Dame . » Im Grunde weiß ich freilich nicht , ob ich Sie so anreden darf – so mit einem ganz gewöhnlichen Familiennamen , dem Titel Justizrat und einem : Karl – Heinrich , August , Friedrich oder dergleichen dazu . Sie stehen mir da viel zu eng in Verbindung mit den Herrschaften hier unter Ihren Füßen , hundert Klafter tief in der Erde – « » Und so glauben Sie freundlichst , man habe mich meiner Frau Mutter vor sechzig Jahren als Wechselbalg in die Wiege gelegt , und der richtige , ehelich erzeugte junge Scholten – anderthalb Fuß hoch – trete im Mondschein Hexenringe in das grüne Gras und vermelke den Bauern mit einem so gesegneten Durst die Kühe , daß die Butter da unten in den Städten der Ebene um fünf Groschen aufschlägt . Danke gehorsamst . « Die schöne Dame lachte ; aber da in diesem Augenblick ein Häher sich über ihr in einem Baumwipfel niederließ und hell herniederkreischte , so benutzte der Justizrat auch das und diesen Vogel noch zu seiner Gegenrede . » Darf ich die Herrschaften miteinander bekannt machen « , sagte er mit einer Verbeugung und einem Blick nach dem Buchenzweig in der Höhe : » Mein Gevatter , Herr Markwart , aus dem Geschlecht Corax , Glandarius in der Familie genannt – Frau Baronin Salome von Veitor , Bankierswitwe aus Berlin , Millionärin und unzufriedene Weltbürgerin in den Kauf – reitet [ 306 ] vortrefflich , nimmt sich ausgezeichnet aus zu Maultier auf einem Felsvorsprung unter den germanischen Buchen und Tannen , würde jedoch unter den Palmen des Orients , auf einem Dromedar , sich – « » Noch viel besser ausnehmen . Ei , lieber Justizrat , Sie waren ja nie in Palästina und können also durchaus nichts davon wissen , wenn Ihnen nicht irgendeine Erinnerung an einen Holzschnitt nach irgendeinem Bilde von Horace Vernet im Gedächtnis hängen blieb . Aber Sir Moses Montefiore sah mich auf dem Berge Karmel und war in der Tat entzückt . Ich kann Ihnen nur raten – « » Sich in Ihrem deutschen Philisterbewußtsein zurechtzufinden und gemütlich einzurichten . Liebe Freundin , ich freue mich unendlich , Ihnen begegnet zu sein oder haben wenn ich jedoch durch den fortwährenden Umgang mit mir selber grenzenlos langweilig geworden sein sollte , so lassen Sie ' s nur nicht mich entgelten ; – sonst aber , wie befinden sich Euer Gnaden ? « » Durch den fortwährenden Verkehr mit der Welt durchaus nicht verwöhnt , momentan sehr wohl . Bester Scholten , ich habe Sie bereits gesucht , das heißt ich habe die letzten Wochen durch fort und fort gehofft , Euch Sonderlichsten der Sterblichen an einer Wendung des Weges zu treffen . Nun haben wir hier freilich die rechte Stelle getroffen , um uns in der gewohnten Weise zu grüßen und die Wahrheit zu sagen oder allerlei Wahrheiten , wie man da unten im flachen Lande sich ausdrückt . « Der Justizrat war so nahe als möglich getreten und hatte dem Maulesel der schönen Jüdin die Hand auf die Kruppe gelegt : » Wird das auch heut abend zu einer Ofengabel oder einem Besenstiel ? « Die Baronin lachte : » Ei , Herr , Sie haben es ja selber bemerkt , daß wir uns unter den germanischen Buchen- und Tannenbäumen befinden . Was habe ich mit euren Mysterien und Mythologien zu schaffen ? Da wir zu Hause keine Ofen hatten , so kannten wir wahrscheinlich auch keine Ofengabeln , und über die Art der Zimmer- und Gassenreinigung zu Jerusalem sind eure Gelehrten auch noch nicht ganz einig . Auf dem Toten Meere tanzten wir leichtfüßig [ 307 ] über dem Salz- , Schwefel- und Asphaltschaum ; bleibt mir gefälligst mit eurer Bratäpfel- und Singende-Teekessel-Dämonologie vom Leibe . Wie wäre es aber , wenn Sie trotz alledem endlich einmal wieder eine Tasse Tee bei mir trinken würden ? « Der Justizrat schien die letzte Frage gänzlich zu überhören . » Götterblut ! « murmelte er . » Beim Atemholen des Archipelagos , ich brauche ihr den Puls nicht zu fühlen ! Ichor ! « » Was soll das bedeuten ? « rief die Frau Salome . » Sie reden mit sich selber ! Weshalb reden Sie nicht mit mir ? Ihr Umgang scheint Sie freilich arg verzogen zu haben . « » Hm , Sie haben recht , Gnädige . Was beliebten Sie zu sagen ? « » Ich lud Sie zu einer Tasse Tee ein , mein braver germanischer Waldspuk . « » Und ich würde die Einladung selbstverständlich mit Vergnügen annehmen , wenn nicht heut abend vielleicht bei mir jemand zu Gaste wäre , den ich nicht gern allein am Tische sitzen lassen möchte . Wenn Sie aber eine neue Probe deutschen Spuks haben wollen , schöne semitische Zauberin , so rate ich Ihnen väterlich , mit mir zu reiten und meine Bewirtung anzunehmen . Über die letztere sollen Sie sich verwundern , und gewissen Leuten kann man keine angenehmere Gabe bieten als einen echten und gerechten Grund zur Verwunderung . « Die Baronin Salome lachte erst , seufzte aber gleich darauf und sagte : » So ist es . « » Nun ? « » Ist vielleicht Freund Schwanewede aus Pilsum unterwegs ? « » Dem bin ich einen Besuch schuldig und Sie desgleichen , liebe Frau , Ich habe Sie auf einen neuen Spuk eingeladen , Baronin , und wiederhole meine Einladung . « » Und ich nehme sie an , mein väterlicher Wundermann ; die Sonne steht noch ziemlich hoch , und ich finde nachher auch wohl in einer Sternennacht den Weg durch den Wald nach Hause . Levate la tenda ! Ich bin wirklich neugierig auf das , was Sie mir zeigen wollen . « » Sie und Ihr Tier werden dann und wann vor einer Schneise [ 308 ] oder einem sonstigen Holzwege nicht zurückschrecken , und so reicht die Zeit für alles . « » So denn hinein in das Geheimnis ! « rief die Dame und ließ ihren Maulesel auf die Straße zurücktreten . Es war ein hübsches Bild , wie die drei jetzt zusammen fürbaß zogen , der Esel , die schöne Jüdin und der Justizrat Scholten . Viertes Kapitel [ 309 ] Daß der Justizrat die Gegend genau kannte , wurde bald recht deutlich . Er führte , und der Esel folgte . Ihr Weg ging nun eine kurze Strecke auf der Landstraße hin ; dann schlug der Alte einen Nebenpfad über die baumlose , mit Felsentrümmern übersäte Lehne ein und benutzte einen Waldarbeitersteig , der sie in den dunkeln Tannenwald niederführte . Nun benutzten sie einen durch den Sommer ausgetrockneten Bergbach als Weg und gelangten erst nach längeren Mühseligkeiten und Beschwerden in eine Schneise , die es dem Justizrat erlaubte , neben dem Maultier und dem Knie der Frau Salome einherzugehen . Sobald ihm das möglich geworden war , geriet er mit der Dame in ein Gespräch , das selbstverständlich seinen Anfang aus der landschaftlichen Umgebung entnahm . » Jetzt treibe ich mich nun schon wieder an die sechs Wochen in diesen Bergen umher « , sagte die Baronin . » Und zwar mit dem Gefühl , durchaus nicht dahinein zu gehören « , meinte Scholten . » Da das über unsere Willkür hinausliegt , halte ich mich nicht für verpflichtet , Ihnen eine Antwort zu suchen . Sonst aber stehe ich mich durchschnittlich recht gut mit den Höhen und Tiefen , den Bäumen und Wassern und allen lebendigen Geschöpfen , Sie eingeschlossen , Scholten . « » Das soll nun keine Antwort sein ? « brummte Scholten und fügte erst nach einer geraumen Pause hinzu : » Also Euer Gnaden [ 309 ] haben sich den Stimmungen Ihrer Umgebung wieder nach Möglichkeit angepaßt ? « » Das ist der rechte Ausdruck ! Wir passen uns den Stimmungen dessen , was uns umgibt , an , und ein Geschäft ist es – ein Tun , eine Arbeit , während welcher wir uns mehr Melancholie als Behagen aus Sturmwind und Stille , aus Regen und Himmelblau , aus Sonne und Schatten spinnen . Wenn einmal das Zünglein der Waage einsteht , dann – « » Nun , dann ? « » Sehen Sie doch die Nase , die uns der alte Steinklotz dort aus dem Gebüsch dreht ! Scholten , der Kerl hat eine fast ärgerliche Ähnlichkeit mit Ihnen . Nehmen Sie es nicht übel , aber Sie müssen mich unbedingt noch einmal hierherführen . Ich muß diesen Burschen zeichnen ! « » Das ist nicht der erste Esel , den ich Ihnen gehalten habe , während Sie sich derartigen artistischen Versuchen hingaben « , sagte Scholten ; doch die Frau Salome neigte sich aus ihrem Reitsattel und rief : » Glück auf , Großpapa Granit ! Nicht wahr , es ist zu lächerlich , zu dumm , daß das närrische Menschenvolk hierherkommt und meint , du solltest dich seinen Grillen bequemen und deine Stimmung der seinigen anpassen ? Hat er genickt , lieber Freund ? « Der Alte lächelte : » Wohl möglich . Sie haben wohl schon ehedem die Steine zum Nicken gebracht . « Nun lachte die schöne Frau : » Wahrlich ! In den Tagen , da uns das noch Spaß machte ! « Doch da der Hochwald um sie her augenblicklich sehr dicht und dunkel wurde , so schien sie sich ebenso augenblicklich der Stimmung , die er verlangte , zu fügen , und zu ihrem Begleiter sich niederbeugend und die Hand auf seine Schulter legend , sagte sie : » Mein Freund , nickendes Gestein droht mit Einsturz . Unsere eigenen Wälle brechen über uns zusammen . Und manchmal wird man lebendig von ihnen begraben . Führt Ihr Weg nicht bald wieder in die Sonne ? « » Nun so nach und nach « , sagte der Justizrat verdrießlich . [ 310 ] » Übrigens reicht die Beleuchtung wohl noch hin , daß Sie sich meine Physiognomie dabei betrachten können . Sagen Sie , Sie närrische Judenmadam , sehe ich so aus , als ob ich mir durch sentimental-klägliche Redensarten die Laune verderben ließe ? Da müssen Sie doch sich einen anderen Jeremias suchen und sich mit ihm auf die Trümmer von Jeruscholajim setzen . Ich habe beide Rechte studiert und dies und das noch dazu , bin dreimal meiner exakten Lebensphilosophie halber relegiert worden und nachher nur aus Gnaden zum Examen zugelassen . So ziemlich ist mir alles durch die Tatzen gegangen , vom Brotdieb aus Hunger , Elend und zu starker Familie bis zum Brandstifter und Mörder aus purem Vergnügen . Vom eintägigen Gefängnis wegen Feldarbeit am heiligen Sonntage bis zum Tod durchs Schwert oder Beil wegen sechsfachen Familienmordes weiß ich Bescheid in den Zuständen der Menschenwelt . Eine hebräische Millionärin und dazu hübsche und gesunde junge Witwe , und zwar aus Berlin , die ihre Villeggiatur hier in der Gegend in einer eigenen Villa hält , muß sich mir auf eine andere Weise zu den Akten geben , ehe ich ihr und ihrem sonor-melancholisch verschleierten Stimmorgan glaube , daß sie sich über ihr Dasein zu beklagen hat . Daß sie sich dann und wann über die krummnasige Verwandtschaft und über die liebe Bekanntschaft unter den christlich-germanisch aufgestülpten Arier-Riechern zu ärgern hat , will ich ihr wohl glauben . Zu weiteren Konzessionen lasse ich mich aber nicht herbei . « » Sie sind doch ein furchtbarer Grobian , Scholten ! « rief die schöne Frau . » Unter Umständen – ja ! « brummte der Alte und fügte unverständlich zwischen den Zähnen hinzu : » Immer aber da , wo ich nicht nur Menschenfleisch rieche , sondern auch Ichor wittere und man mir dann mit Flausen kommt . « » Da ist die Sonne wieder « , rief die Frau Salome , » und jetzt , Scholten , bitte ich Sie freundlich , ein ander Gesicht zu ziehen . Im Grunde ist es doch nur eine komische Nachahmung und erreicht das Urbild lange nicht . Ich mache Sie da eben harmlos auf eine Felsenfratze zwischen den Tannen aufmerksam , und sofort fallen Sie ins Genre untergeordneter Talente und ziehen sie nach . [ 311 ] Was sehe ich an Ihrem Gesicht , was mir – unter Umständen – mein Spiegel nicht grimmiger zeigt ? Was murmelten Sie da von : Ichor ? ! Da kommt ein lustiger Strahl zwischen den alten Stämmen durch , und wenn Sie höflich Abbitte leisten wollen , ziehe ich den Handschuh ab und halte meine Hand in das Licht . Über die Hand hat man mir dann und wann Komplimente gesagt , aber noch nie über das Blut , das in ihr fließt . Sehen Sie das Götterfeuer ? Da flammt es zwischen Aufgang und Niedergang und wird zwischen Okzident und Orient fluten , ob ich mich dann und wann langweile oder nicht . Was haben Sie noch zu sagen , bester Justizrat ? « » Daß Euer Gnaden eine Hand zum Küssen haben ! « » Flausen ! « sagte die schöne Jüdin boshaft lächelnd , das Wort von vorhin wieder anwendend , und der Alte lachte und stieß mit seinem Stock auf den Boden und rief : » Was für ein Ohr Eure Leute haben ! Nun denn , bei den Göttern des Aufgangs und des Niedergangs , bei dem hohen Liede von der Attraktion im Weltall , bei den roten Kügelchen in den Adern von Mensch und Tier : wenn du vor mir stirbst , Menschenkind , will ich mich über deinem Hügel auf den Schild lehnen und sprechen : Das war mal ein braves , ordentliches Weib ! Mit dem Worte › außerordentlich ‹ wird ein zu großer Mißbrauch getrieben , als daß ein Freund dem andern es in die Grube mitgeben könnte . « » Da ist meine Hand , mein Freund ; wenngleich nicht zum Küssen . Wie weit haben wir noch bis zu Ihrer Höhle ? « » Eine Pfeife Tabak , eine gute Harzstunde , zwei und einen halben Hundeblaff weit . › Gehen Sie nur immer meinen Eierschalen nach , in einer Stunde sind Sie am Ort ‹ , sagte mir einmal ein kauender landeseingeborener geistlicher Herr , den ich nach dem Wege fragte , und seine Eierschalen brachten mich richtig nach einem Gewaltmarsch von ein und einer halben Stunde an Ort und Stelle . « » Ein recht ordentlicher Appetit ! « » Nun , den können Sie dreist außerordentlich nennen , Baronin . Mir aber ist die gute Verdauung eines andern nie von solchem Nutzen gewesen als in jenem Falle . Aber beiläufig , zum Henker , [ 312 ] was ist denn überhaupt unser Sein , Wesen und Treiben anders als ein Den-Eierschalen-anderer-Nachgehen ? « » Sagte das Merlin aus der Tiefe von Brozeliand oder Justizrat Scholten von der Höhe seines Bürostuhls aus ? « » Ichor ! « murmelte Justizrat Scholten , und so zogen sie weiter , wirklich wohl noch eine gute Stunde , durch Licht und Schatten , auf gebahnten Wegen und auf ungebahnten , bis ein mit gelben Tannennadeln bedeckter Pfad , den nur hier und da die Wildschweine zerwühlt hatten , sie aus dem Hochwalde heraus und zu ihrem Ziel brachte . Vor ihnen , über eine Gebirgsebene weit ausgestreut , lag ein graues Dorf in der Spätnachmittagssonne , und trotz der Sonne traf die Wanderer ein kühler , ja kalter Luftstrom , vor welchem wie vor dem plötzlichen Blick in den gegen die westlichen Berge sinkenden Feuerball die Reiterin unwillkürlich die Zügel ihres Tieres anzog . » Welch ein merkwürdiger Wechsel der Temperatur ! « rief sie , und sie fand zu der meteorologischen Bemerkung ein Dichterzitat Ein Windstoß fuhr aus dem betränten Grunde , Und es erblitzte purpurrotes Licht , murmelte sie , und der Justizrat , auf die schindelgedeckten Häuser und Hütten deutend , brachte die Terzine und den dritten Gesang der » Hölle « mit einem gewissen mürrischen Nachdruck zu Ende . Hinsank ich ohne meines Daseins Kunde , Wie unter eines schweren Schlafs Gewicht , zitierte er und fügte seinerseits hinzu : » Es haben schon mehr Leute ausfindig gemacht , daß es hier gewöhnlich ziemlich kühl weht . Das ist nervenstärkend , Baronin ; und was den Schlaf anbetrifft , so habe ich seinetwegen hier Quartier genommen . Er hat sich niemals im Leben zu schwer auf mich gelegt ; – auf meines Daseins Kunde aber verzichte ich dann und wann mit dem größten Vergnügen . « » Um so weniger finde ich es passend und berechtigt , daß Sie mich vorhin so grimmig anfuhren und von Ihrer Amtserfahrung und Kriminalgesetzbuchweisheit aus lächerlich machten . « [ 313 ] » Wenn wir demnächst einmal wieder eine Partie Billard zusammen spielen , wollen wir die Kontroverse fortsetzen , Frau Salome . Wenn wir uns jetzt nicht beeilen , wird wahrscheinlicherweise mein Besuch des Wartens überdrüssig werden und heimgehen , ohne eine Visitenkarte zurückzulassen . « Er ergriff von neuem den Zügel des Maultiers und führte es von dem Waldpfade auf den steinigen Dorfweg und dem Dorfe zu . Die schöne Frau lachte und sagte : » So seid ihr ! « » Ja , so sind wir ! « brummte Scholten . » Als ob noch jemand nötig hätte , mir das zu sagen ? ! « Fünftes Kapitel [ 314 ] Wie unter eines schweren Schlafes Macht lag trotz der Tageshelle das Dorf da . Was die drei anging , so war der Esel der gleichmütigste unter ihnen ; aber auch er hatte sich mit seinem Verdruß abzufinden . Es wuchsen ausgezeichnete Disteln farbenprächtig zwischen dem Gestein bis in den Weg ; man wußte ihren Zuckergehalt wohl zu taxieren , aber der zweibeinige Narr mit dem dicken Prügel und dem ewigen widerlichen , unverständlichen Menschengeschnatter zog nicht am Zügel , sondern er riß an ihm , und die dumm-unverschämte Kreatur , die man den lieben langen Tag auf dem Rücken gehabt hatte , hätte einem freilich durch ihren Anblick den Genuß an der vollsten Krippe verleiden können . » Was ist Talent für Lebensbehagen ? « murmelte in dem Augenblick der Justizrat Scholten . » Nichts als die Gabe , aus dem Qualm etwas zu machen , der von dem Feuer der Leidenschaften in der Luft wirbelt ! « Die Frau Salome aber sah mit ihren orientalischen Augen auf das stumme Dorf . Kein Kindergeschrei – kein Gänsegeschnatter – kein fröhliches [ 314 ] Singen der Feldarbeiter ! Viel Gebüsch doch wenige Obstbäume um die Schindelhäuser . Eine graue Steinkirche abseits auf einem Hügel zwischen den Gräbern des Dorfes ; das hohe Gebirge seitwärts über den Wäldern , und nach der andern Richtung hin , über die Dächer , das Gebüsch und die mageren Felder hinaus , die ferne blaue Ebene ! » Es ist ein einsilbiges Volk , das hier haust « , sagte Scholten . » Zum größten Teil befindet es sich gegenwärtig sogar unter der Erde ; drei Viertel der männlichen Bevölkerung treiben Bergbau , und das letzte Viertel mit den Weibern befindet sich im Walde oder auf den Äckern . Sie haben kurz anzubeißen , das sehen Sie schon den Kindergesichtern an . Manchmal passieren da Geschichten , die das Gepräge eines ganz andern Säkulums tragen . Sie stoßen auf Worte , Ausdrücke , Ansichten , die ganz sonderbar nach der Wüstenei des siebzehnten Jahrhunderts riechen , kurz , einen idyllischern Sommeraufenthalt für einen Juristen werden Sie sich schwerlich vorstellen können , liebe Baronin . Außerdem habe ich aber natürlich auch das Vergnügen , der einzige Gast der guten Leute zu sein – ein nicht zu unterschätzender Vorzug Sagten Sie etwas ? « » Nein . Aber es wäre mir lieb , wenn wir nun bald Palämons Hüttchen und Strohdach zu Gesicht bekämen . Sie schildern so verlockend , daß man fast Lust hat , jetzt – zwanzig Schritte vor dem riegellosen Pförtchen – umzudrehen und im Galopp seinen Hals in Sicherheit zu bringen . « » Nun , nun , das Nest liegt trotz allem mit allem übrigen rundum im neunzehnten Jahrhundert . Vorwärts , Signor Mulo ! « Sie kreuzten einen hastigen Bach und gelangten nun zwischen die Zäune und Häuser . Da fuhren wohl einige ob der Reiterin verwunderte Gesichter an die Fenster , drei oder vier eilige Frauen liefen gaffend in die Haustüren , und die Kinder rannten in den Weg und scheu zurück ; aber das Dorf behielt dessenungeachtet den Ausdruck des Abgestorbenseins . Nur ein Mann begegnete dem Justizrat und der Frau Salome und grüßte den Alten ziemlich höflich . Hügelauf und hügelab zogen sich die Dorfgassen , wenn man [ 315 ] die Wege zwischen den regellos verstreuten Wohnungen so nennen wollte ; und der Kirche zu , gegen die Berge hin , zwischen Gebüsch versteckt lag die Behausung Scholtens , so nahe der Kirche , daß der kuriose Rechtsgelehrte in windstillen Nächten wahrscheinlich das Geräusch der Unruhe im Turm vernehmen konnte . Vor einer Lücke in der lebendigen Hecke , die eine Tür vorstellen konnte , ließ der Justizrat den Zügel des Esels frei und zog die Mütze ab , indem er sich verneigte wie ein Seneschall oder Kastellan auf dem Theater oder aus einer zierlich-höflicheren Zeit . » Euer Gnaden sind angelangt « , sprach er und war seiner Begleiterin beim Absteigen in einer Weise behülflich , die klar darlegte , daß er nicht zum erstenmal einer Dame vom Roß oder Esel half . » Unsere Gnaden danken Euch freundlichst « , sagte die Baronin lächelnd . » Die knienden Pagen , den Salut vom Donjon , den üblichen Bewillkommnungsscherz des buckligen Burgzwergs erlassen wir unserm edlen Gastfreund . Sie hausen in der Tat recht heimlich , lieber Scholten . « » Und Sie haben wie gewöhnlich das richtige Wort für die Sache gefunden , liebe Frau Salome . Nie oder selten hat ein alter , abgefeimter juristischer Fuchs sich so heimlich ins Grüne verzogen wie ich hier . Sehen Sie da , zur Linken und Rechten die Küsterei und Pfarrei . Da habe ich meine zwei lieben Dorffreunde dicht zur Hand . Und der Schatten des Kirchendachs fällt auf mein Dach , wenn die Sonne danach steht ; aber das Gemütlichste ist doch der stille Dorffriedhof , auf welchem ich stets , der geschützten Lage wegen , meine Morgenpfeife rauche . Wenn die Witterung es irgend erlaubt , wandle ich in Schlafrock und Pantoffeln unter den Gräbern , Blumen , Kränzen und Kreuzen als ein Poet und Philosoph und notiere nichts – als eben die Witterung in meinem Terminkalender – « » Und bringe es doch nicht dahin , von der närrischen Judenmadam Salome Veitor für den Verzwicktesten der Sterblichen gehalten zu werden . Wir haben unter uns Charaktere , denen Sie [ 316 ] längst nicht das Wasser reichen , bester Justizrat . Geben Sie sich also weiter keine Mühe . « » Wo lassen wir nun den Asinus ? « fragte Scholten , mit dem Zügel des Tieres in der Hand sich umschauend , und die Baronin lachte darauf so herzlich , daß der Alte beinahe nunmehr zum erstenmal an diesem Tage die Fassung und Haltung verloren hätte . » Zum Kuckuck ! « brummte er und fand zu seinem Glück einen Ast , um welchen er den Riemen schlang . » Tretet ein . Gnädige « , sagte er , » und nehmt die Gewißheit mit über die Schwelle , daß Ihr willkommen seid . Hätte ich viele Euresgleichen unter euch und uns gefunden , so – würde ich mich wahrscheinlich nicht mit meinen Besuchen bei Ihnen begnügt haben , liebe Freundin . « Die schöne Frau verneigte sich , den Saum ihrer Kleider zusammenfassend , und trat über den Steintritt . In demselben Moment erschien ein altes , verwittertes Harzweib auf der Schwelle des Hauses , und der Justizrat stellte vor : » Meine Hauswirtin , Witwe Bebenroth , vor fünfzig Jahren ein recht niedliches Kind , um das mehr denn ein Jüngling mit blutigem Kopf nach Hause kam ; jetzt eine ganz brave Frau , die nur dann und wann ihr Mundwerk ein wenig im Zaum zu halten hat . « » O Herr Justizrat ! « rief die Alte . » Nun , nun , Frau Baronin ; wir wollen mit niemand zu strenge ins Gericht gehen . Sie hatte es für ihren Charakter vielleicht zu bequem mit dem Friedhof da vor ihrer Tür . Zwei Männer hat sie zu Tode geärgert , und zwar nur , weil sie sie nur über den Zaun zu schieben brauchte , um das Haus rein und ruhig zu machen . « » O du gütiger Himmel , nun höre ihn wieder einer ! « kreischte die