der Kommerzienrat Nürrenberg aber hatte unter dem Einblasen des bösen Genius der Stunde , und wahrscheinlich ohne es selber zu wissen , einen schlechten Witz über ihn gemacht , und die Hölle hatte gelacht über diesen Witz . So war es ! Das war es gewesen ; und wir sind fest überzeugt , daß dem gutmütigen verstorbenen Fürsten die Sache selber sehr leid getan haben würde , wenn er in der Gruft seiner Ahnen eine Ahnung davon gehabt hätte . Eine von Feldwachtdienstübung heimkehrende und durch die Hanauer Landstraße dem Allerheiligentor zu marschierende Abteilung preußischen Fußvolks hatte Anlaß gegeben , daß sich die Unterhaltung der beiden Nachbarn in rem militarem wendete . Die Querpfeifen und Trommeln der blauen Füsiliere hatten mit kriegerischem Schall den Beginn des Krakehls begleitet . Von den Pickelhauben war man auf die Soldateska der guten alten Zeit mit dem Zopf und den Klebelocken geraten ; vom Jahre 1858 und der Schlacht bei Bronzell auf das Jahr 1757 und die Schlacht bei Roßbach ; von der freien Stadt Frankfurt auf die olim freie Stadt Rottweil , und von dem Senat und Volk von Rottweil auf seine Hoheit den Fürsten Alex den Dreizehnten . Daß aber der Legationsrat Herr Alex von Nebelung es im Grunde gewesen war , der den abgeschiedenen Souverän heraufbeschwor , machte ihn nachher um so jähzorniger und grimmiger . Vom Abt zu Gengenbach , der den Leutnant zum zweiten schwäbischen Kreisregiment zu stellen hatte , und der Äbtissin von Rottmünster , die den Fähnrich lieferte , war es natürlich nur ein Schritt zur freien Stadt Rottweil , die den Oberleutnant anschaffte , gewesen . Der Legationsrat aber hatte einen guten Witz zu machen geglaubt , als er mit seinem diplomatisch feinsten Lächeln den Freund Kommerzienrat in der Person jenes Oberleutnants für alles verantwortlich machte , was dem niedergehenden heiligen römischen Reiche bis zum Jahre 1803 Komisches und Tragisches begegnet war . Himmlische Pfingsten ! Die augenblicklich Station Bonames passierende Tante Lina konnte keine Ahnung davon haben , was für ein Empfangsvergnügen ihr der Abt von Gengenbach , die Äbtissin von Rottmünster , die Stadt Rottweil und der Fürst Alexius der Dreizehnte in der Hanauer Landstraße zusammenquirlten ! Nach dem guten Witz des Legationsrates war der schlechte des Kommerzienrates wie der Schwefelgestank nach dem Verpuffen des Schwärmers gekommen , und Fräulein Käthchen Nebelung hatte auch , wie wir wissen , keine Ahnung von dem , was unter dem Jasmin vorging , obgleich sie eine Sammlung der schönsten deutschen Volkslieder auf ihrem Nähtischchen liegen hatte und vor ihrem Piano sang : » Was soll ich dir klagen , Herztausender Schatz ? Wir beide müssen scheiden und finden keinen Platz . Aber : » Alle Teufel , was haben denn die beiden Alten ? « fragte jetzt mit einem Male der Professor der Ästhetik , in seinem weiland Schülerstübchen über Alexis und Dora aufhorchend . » Geh , hol meinen Mantel , Geh , hol meinen Stock , Jetzt muß ich von dannen , Muß nehmen b ’ hüt Gott , « sang Käthchen ; doch wenn der Vers auch paßte , so war die süße Stimme doch zu fern , den ausgebrochenen Hader zu übertönen ; sie begleitete nur leise , leise die kurz und kreischend hervorgestoßenen Meinungsäußerungen ihres Papas , sowie das dumpfer gehaltene Dreinreden des Nachbars Nürrenberg . Näher rief es : Alexis ! Das heißt , der Professor Elard klappte sein Buch aufgeschlagen mit dem Druck auf den Tisch und rief aufspringend und zum Fenster eilend : » Bei der Erinnyen Fackel , dem Bellen der höllischen Hunde , – wahrhaftig , sie zanken sich im Ernst ! « Das Weinlaub vor seinem Fenster und das Gezweig der Laube verbarg ihm die beiden Streithähne ; aber er vernahm sie freilich deutlich genug , und – eine Zigarre anzündend , zitierte er : » Halte die Blitze zurück ! Sende die schwankenden Wolken mir nach ! Im nächtlichen Dunkel Treffe dein leuchtender Blitz diesen unglücklichen Mast ! « Dann stieg er die Treppe hinunter in den Garten , Drüben beendete Käthchen Nebelung ihr Volkslied : » Mein allerfeinst Liebchen , Nimm mich in deinen Schutz ! Jetzt woll ’ n wir erst lieben , Den Leuten zum Trutz ! Den Leuten zum Possen , Den Leuten zum Trutz : Ich will meinen Schatz lieben , Wenn mich ’ s gleich nichts nutzt . « Sie zankten sich wahrlich im vollen , im bittersten Ernste ! Der entsetzte Elard fand die beiden Freunde in heller Wut gegeneinander aufgerichtet wie Alt-Limburg und Haus Frauenstein im Kampfe um das Recht der Verwaltung und den Stadtsäckel von Frankfurt am Main . Mit den entbrannten oder erbleichten Nasenspitzen aufeinander einbohrend , standen sie sich gegenüber am grünen Tisch und funkelten sich an mit dem uralten Giftlächeln , für welches Haus Zollern und Haus Habsburg am grünen Tisch in der Eschenheimer Gasse damals noch ebenfalls ihre Leute hatten . » Aber lieber Vater – aber Herr Rat – bester Herr Nachbar ? ! « stammelte der junge Professor . » Um Gottes willen , was hat es denn gegeben ? Um was handelt es sich hier ? « » Er hat meinen hochseligen Herrn einen Hering genannt ! « keuchte der Legationsrat . » Er hat das kaiserliche Hofgericht und die Stadt deiner Väter , Elard , die freie Stadt Rottweil am Neckar einen Eselstall betituliert ! « rief der Kommerzienrat , um einen Grad ruhiger als sein Gegner . » All ihr unsterblichen Götter ! « ächzte Elard . » Ja , und ich verachte ihn mit seinen Insipiditäten , ich werfe ihn zu dem Abgetanen mit seinen abgestandenen bonmots ! « schrie der Legationsrat . » Ja und ich , « grollte der Kommerzienrat , » ich – da er es denn nicht anders haben will – ich finde ihn selber lächerlich , ich finde ihn lächerlich abgeschmackt ! Dummes Zeug : Ahnengruft – Orden Herings des Großen – Alexius ! Da kam schon , als ich ein Bub in meines Vaters Hause war , ein ruinierter Magister aus Tuttlingen häufig zu uns , und der schon wußte es , daß sich der Pastor Corydon einen schönen Hering briet . Ist es etwa nicht so , Elard ? « Der Heidelberger Professor der Philologie und Ästhetik hob die Hände über den Kopf , doch er schlug sie auch in heller Verzweiflung über den entsetzlichen , vorsintflutlichen , den jämmerlichsten aller gelehrten Kalauer zusammen , als sein Erzeuger fortfuhr : » Und das sind mir alles faule Heringe . Alexis , – heißt etwa nicht der Hering auf griechisch oder lateinisch Alexis ; ich bitte dich , du mußt es doch wissen , Elard ? « » Mein Name und der Name meines durchlauchtigsten Herrn ist Alexis und auf deutsch : der Heilbringer , der Helfer « , sprach der Legationsrat von Nebelung , sich plötzlich den Bundespräsidialgesandten in seinem größesten Momente zum Muster nehmend ; doch die erkünstelte Ruhe hielt nicht über das Wort hinaus . » Gut also ! « kreischte er , aufs neue explodierend , und stürzte aus der Laube und dem Garten , seiner eigenen Wohnung zu , und war verschwunden , ehe Elard sich fassen und ihn am Rockschoß begütigend zurückhalten konnte . Der Kommerzienrat Florens Nürrenberg setzte sich auf einen seiner Gartenstühle , legte die Hände auf die Knie und sagte gebrochen : » Ich will selber auf der Stelle zu einem sauern Hering werden , wenn ich sagen kann , was eben hier vorgegangen ist ! Elard , ich bitte dich – « » Jawohl , « rief der gute Sohn ärgerlich und angsthaft zu gleicher Zeit , » du hast jetzt gut bitten . O Papa , Papa , kann man euch denn keinen Augenblick allein lassen ? « Da schlug der biedere , ermattete Tabaksfabrikant und Patrizius von Rottweil mit der flachen Hand auf seinen Gartentisch und ächzte : » Mein Junge , mein brav ’ Büble , ich gebe mein Ehrenwort darauf : ich habe nicht angefangen . Zum Henker , es konnte eigentlich keiner was dafür . Da war der Abt von Gengenbach und die Äbtissin von Rottmünster – « » Der leidige Satan hole euch verruchte zwei alte Zinshähne , die Äbtissin , den Abt von Gengenbach , den Herzog Alexius und die Stadt Rottweil obendrein ! « schrie Elard wütend . » Das wird nun ein Pfingsten werden ! « schloß er hier schluchzend und führte sich damit alle Folgen der gegenwärtigen Vorgänge eindringlichst zu Gemüte . Drüben hatte Käthchen Nebelung das süße Lied : » Soviel Stern ’ am Himmel « begonnen , brach aber mitten im Satz ab ; der ins Zimmer hereinfallende Papa in seinem Wutsturm würde aber auch den taktfestesten Heldensänger aus dem musikalischen Sattel gehoben haben ; – sein melodisches Töchterlein saß sofort stumm und erbleichte . Viertes Kapitel Ja : Willkommen ! stand rosenumkränzt über der Vorsaaltür der Wohnung der Familie Nebelung , und unter dem freundlichen Begrüßungswort durch war der Rat in seinen kühlen Salon gehopst , sein Kind vom Flügel aufscheuchend . Wir wissen schon , was Fräulein Käthchen der Tante Lina auf der schönen Aussicht davon erzählte ; aber es macht uns Vergnügen , selber noch einmal den diplomatischen Biedermann außer sich im Kreise herum rennen zu sehen . Er lief im Kreise in dem Gemache umher , und zwar mit einem gewissen zirpenden Entrüstungsgekicher : » He , he , hi , – Alexis – ein Hering – mein Herr und sein hochseliger Herr Vater , mein durchlauchtigster Pate – Alexius der Zwölfte – ein Hering ! – Beide Heringe , und ich auch ein Hering – ein wahnsinniger Hering ! Der elende Spießbürger , der nichtswürdige , unverschämte Stinkkrautkrämer ! « usw. Nun war die Tochter auf den Abgrund in der Gasse aufmerksam gemacht worden , und alles übrige hatte sich in atemlosem Auskeuchen dran geschlossen . » Geh , hol meinen Mantel , Geh , hol mir meinen Stock , « hatte das liebe Mädchen kurz vorher in süßer Unbefangenheit gesungen , und nach seinem Hut und nach seinem Stock hatte der Papa jetzt wirklich geschrien ; Käthchen konnte es der Tante recht gut schildern . Luft ! Luft ! Luft ! Der Mann , dessen Gang und Wandel in den Gassen von Frankfurt sich der regierende Bürgermeister zum Muster genommen hatte , stürzte auf die Pfingstweide hinaus mit den Sprüngen wahrlich nicht eines wahnsinnigen Herings , sondern eines toll gewordenen Heuschrecks . Er lief auf der Pfingstweide im Kreise umher , doch besser wurde ihm nicht in der frischen Luft , die der Platz bietet . Die Aufregung trieb ihn weiter , trieb ihn zurück , trieb ihn in das Allerheiligentor , jagte ihn die Fahrgasse hinunter , jagte ihn über die Mainbrücke und durch Sachsenhausen – allen Sachsenhäusern zum Erstaunen – und durchs Affentor auf die Landstraße , auf den Weg nach Darmstadt . Die Tante und Käthchen sahen ihn auf der Brücke ; und wir – wir lassen ihn jetzt rennen in der fröhlichen Hoffnung , späterhin doch noch ein Stück Weges ruhiger mit ihm zu gehen . » Wo will er nun hin ? Was hat er vor ? Was hat er meinem Kinde – ich meine seinem , gesagt ? « fragte drüben hinterm Garten- und Laubengitter der Professor Nürrenberg , dem aus der Haustür springenden Nachbar nachstarrend . Der Kommerzienrat Nürrenberg saß noch immer auf seinem Stuhle ; aber er erschien schlaffer zusammengesunken und jetzt , auf das lebhafte Wort des Sohnes , stöhnte er : » Weißt du , was ich wollte , Elard ? « » Nun ? « » Ich wollte , ich hätte heute nachmittag Leibweh oder sonst dergleichen gehabt und wäre diesmal nicht in den Garten hinuntergegangen . Nachher wäre uns dieses nicht passiert . « » Und ich wollte , das ganze Weltall bekäme das Bauchgrimmen , da es für solch ein paar hirnwütige alte – na , einerlei – Platz in sich hat ! « rief der gute , aber augenblicklich etwas bewegte Sohn . Er sah dabei noch immer dem Legationsrat nach , obgleich dieser schon längst verschwunden war , im Staube der Hanauer Landstraße . Plötzlich überkam es ihn wie eine Eingebung von oben . Seinen Vater seinen Gewissensbissen überlassend , sprang er ins Haus , schon im Laufe die Joppe vom Leibe reißend . In sein Gemach fallend , fuhr er in einen anständigeren Rock und in die Stiefel . Er warf sich in beides sozusagen hinein , er hatte die volle Absicht , sich selber nicht die geringste Zeit zur Besinnung und Überlegung zu lassen . Blaue , gelbe und rote , doch zumeist lichtblaue Funken und Flammen tanzten vor seinen Augen . » Na , Junge , – aber wohin denn ? « rief der Alte aus der Laube ihm nach ; doch der Junge hörte nicht , er stürzte über die Gasse , er sprang in das Haus , er stürmte die Treppe empor , er – ging zum Nachbar , oder vielmehr zur schönen Nachbarin . » Nun sehe einer an , müßte ich ihn nun nicht auf der Stelle enterben ? « sprach der Kommerzienrat Florens Nürrenberg grinsend . » Mein Fräulein – Fräulein Käthchen ! – « » O Herr Doktor – Herr Professor – Sie ? Jetzt ? O , das ist gut – nein , das wollte ich nicht sagen – Herr Professor , ist das nicht entsetzlich ? « » Freilich , – gewiß , ganz gewiß ist es entsetzlich ! Ein Dämon , – der nichtswürdigste aller Dämonen hat uns dies heute , gerade in dieser Stunde eingerührt . Ich bitte Sie , Fräulein Käthchen , fest überzeugt zu sein – « » Daß Sie nichts dafür können . O , liebster Himmel , ich auch nicht – « Wir saßen mit in der Droschke , wissen , was Fräulein Katharina Nebelung der Tante Lina über diesen Besuch mitteilte und werden wieder einmal in unserer Überzeugung gestärkt , daß den Worten der jungen Damen nicht unter allen Umständen zu trauen sei . Unter gewissen Umständen lügen sie nur zu gern ; – ob sie etwas dafür können , wissen wir freilich nicht . » Käthchen , « rief der junge Ästhetiker ( er nannte das Fräulein in diesem Momente zum erstenmal auch im Wachen kurzweg beim Taufnamen ) , » Käthchen , wenn es ganz einfach nur zwei alte Narren wären , so könnte uns die Geschichte ganz gleichgültig sein ; es sind aber zwei wirklich gute Freunde , und da bin ich Psychologe genug , um unter diesen Umständen einen ewigen Haß vorauszusehen . Der eine Bösewicht bedeutet uns sicherlich einen wochenlangen – mondenlangen Jammer ; der ist imstande , uns von dieser Stunde an aus dem guten Frankfurt das richtige Verona zu machen und uns nichts übrig zu lassen , als – « Er brach ab ; aber Fräulein Käthchen Nebelung fragte kläglich : » O Gott , Sie meinen meinen Papa ? « setzte die Gedanken- und Bilderreihe des Professors der Ästhetik stumm fort , fand leider sehr viel logischen Zusammenhang darin , nahm sich jedoch fest vor , keinesfalls ihre Rettung bei dem Schlaftrunk des Paters Lorenzo zu suchen , sondern im Gegenteil so wach als möglich zu bleiben . » Und ich muß noch dazu in einer halben Stunde nach dem Main-Weser-Bahnhof , um die Tante abzuholen . Er ist nach der Pfingstweide , und mich schickt er allein hin – und ich habe die Tante in meinem Leben nicht gesehen – und sie kommt , und die Droschke hat er schon heute morgen bestellt , – alles ist bereit ; wir haben wochenlang darauf hin gearbeitet , und alles ist über den Haufen geworfen – da sollte man doch an Gott und der Welt verzweifeln ! « » Liebes Käthchen « , flüsterte der Sohn Montagues . » O Elard ! « hauchte die Tochter Capulets , und so – hatten sie es denn , wie sie es lange gern gewollt hatten , und – so ist das Schicksal ! Manchmal ist es recht nett und arrangiert dergleichen Angelegenheiten auf das zuvorkommendste , wenngleich immer auf seine Weise . Die beiden jungen Leute hätten noch gut ein Jährchen bis in einen neuen Frühling hinein schämig und verlegen , bis über die Ohren verliebt , sinnig und so dumm wie denkbar umeinander herumgehen können , wäre nicht der Witz und der Zorn der Erzeuger dazu getreten . Aber nicht nur der Witz und die Wut der Väter , sondern ganz speziell der deutsche Fürst und Held höchstseligen Angedenkens , Alexius der Dreizehnte , der Vater eines ganzen , mit seinem Absterben vom Erdboden verschwundenen Volkes . Dieser herrliche Selige trat herzu , legte segnend den beiden Kindern die Hände auf die Häupter , fügte ihre Hände ineinander , drückte ihre Lippen gegeneinander und machte sowohl den Legationsrat von Nebelung , sowie den Kommerzienrat Nürrenberg – zu Großvätern – , letzteres selbstverständlich nach der gehörigen Zeit und unter den althergebrachten und teilweise sogar noch aus dem blinden Heidentum überlieferten geistlichen und weltlichen Zeremonien und Formalitäten . » Sollte ich den Jungen nun nicht auf der Stelle enterben ? « hatte der fröhliche Rottweiler Expatrizier wahrlich nicht ohne seine Gründe gesagt , als er den Sohn über die Hanauer Landstraße schlüpfen sah . Glücklicherweise aber kicherte er dabei , und zwar auf eine viel gemütlichere Art , als der giftigere diplomatische Nachbar in seinem Salon . Während der brave Herr Florens seine Blumentöpfe zum zweitenmal die Revue passieren ließ , kicherte er , und zwar wie jemand , der sich zwar auch an einem anderen geärgert hat , aber doch die beste Hand in diesem Ärgernis behalten hat . Er zog dabei auch den Kopf zwischen die Schultern und ging bucknackig mit seiner Gießkanne und seiner Pfeife , als ob er sich als den schlauesten unter den augenblicklich den Erdball bewohnenden Menschen wohl zu taxieren verstehe . Nachher versank er in seiner Laube hinter der Oberpostamtszeitung und tat , als nähme er weiter keine Notiz von der Welt , – dem war jedoch nicht also . Drüben fiel noch ein Kuß , und dann sagte Käthchen schämig : » Das ist nun gut und wäre also in Ordnung ; aber die Knie zittern und das Herz bebt mir , daß ich fast umkomme . Was wird der Papa sagen , und was werde ich zu ihm sagen , wenn er nach Hause kommt ? « » Ha – ja – o ! « seufzte Elardus . » Und dann die Tante ! Ich habe eine entsetzliche Angst , wie diese unbekannte Tante ausfällt . Denke dich nur in unsere Lage , wenn sie alle Eigenschaften unserer Familie in sich vereinigt und bei uns wohnt ! « » Ich denke gar nichts , Kind « , rief der Professor der Ästhetik . » Wie könnte ich in diesem Moment denken ? Im Notfall ziehen wir beide aus und überlassen dieses alte Gesindel sich selber und seiner eigensten Liebenswürdigkeit . Du gehst mit mir nach Heidelberg , da mieten wir ein Häuschen mit einem Garten unter dem Heiligenberg und leben in den Blumen und im Grün – « » Bis es Winter wird ; o ja , das ist ganz reizend , ganz entzückend , « rief Käthchen , » aber jetzt kommt erst die Tante Lina , und ich muß nach dem Weser-Bahnhof , ehe wir mit der Neckar-Bahn abfahren können ! « » Ich werde dich jedenfalls begleiten . « » Nein , nein , unter keinen Umständen , um Gottes willen nicht ! Das wäre was Schönes ! Daß du dich nicht unterstehst , mir gar nachzulaufen . « » Aber Liebchen ? « stammelte der Ästhetiker ein wenig verblüfft . » Ich bitte dich , bester Elard , sei nicht böse , sei nicht gleich böse , – es geht ja nicht . Denke nur , was ich antworten sollte , wenn mich unter den jetzigen Umständen die Tante fragte , wer du eigentlich wärest ? Ach Himmel , und sag nur , hat dich denn dein Herr Vater gesehen , als du eben hierher kamest ? « Herr Elard Nürrenberg sah über die Schulter ; dann schlich er zu der Balkontür und blickte nach dem väterlichen Besitztum hin . Die Landstraße ist ziemlich breit , und der Professor führte kein Opernglas in seiner Tasche wie der Kommerzienrat . Dafür aber fühlte er den süßen Atem der Geliebten an seiner Wange , als sie , auf den Zehen stehend , ihm über die Schulter guckte , und er wendete sich , zog sie von neuem in seine Arme und rief : » Ei , laß ihn treiben , was er will ! Wahrscheinlich wird er ruhig seine Blatt- oder Kaffeeläuse von seinen Kakteen rauchen . « » Ach , lieber Elard , ich will ihm eine so gute Tochter sein ! « » O , und ich , mein Käthchen , will deinen Papa – « er brach ab und zog eine ziemliche Quantität Luft in sich , stieß sie wieder heraus und mit ihr unwillkürlich seine wirklichen augenblicklichen Gefühle für den Legationsrat : » Herrgott , es mag nun sein , wie es will , der Wüterich trägt doch die Schuld an aller Verwirrung . Ich will mich gern als Sühneopfer auf den Altar seines Ingrimms legen , Käthchen ; aber wenn du ihn vorhin drüben in der Laube gesehen und gehört hättest , so würdest du ihn sicherlich später unsern Buben und Mädeln nicht als Muster der Sanftmut aufstellen . « Der Geliebte wußte wahrscheinlich nicht , wie weit er sich vorwagte ; aber die Geliebte machte es ihm klarer , indem sie sich aus seinen Armen loswand und , an den Tisch tretend und in einem Bilderwerk die Blätter umschlagend , sagte : » Dein Papa muß doch wohl ebenso heftig gewesen sein , wie der meinige . « » Liebes Mädchen , ich versichere dich – « Doch das liebe Mädchen drückte plötzlich das Taschentuch auf die Augen , brach in das bitterlichste Schluchzen aus und stotterte und stammelte : » Ja , und es ist recht böse von dir , – und gerade in diesem Augenblick ! Du solltest doch mehr Mitleiden haben – mit mir und mit ihm . Er ist auf die Pfingstweide gelaufen ; – wenn ihn sein Asthma befällt , pflegt er immer auf die Pfingstweide zu laufen . O Gott , was soll ich tun . Mein armer Papa , was habe ich getan ? O Gott , Gott , Gott , und eben saß ich noch so ruhig am Klavier , und jetzt hat sich die ganze Welt verändert ; du bist gekommen , und ich bin wie im Traume , und jetzt hat sich die ganze Welt wieder verändert . Und ich muß nach dem Bahnhof , die Tante Lina kommt , und ich wollte , ich wäre gestorben und bei meiner Mutter ! « Der Heidelberger Professor faßte sich in die Haare und fing an , im Zimmer herumzurasen wie vorhin der Papa Legationsrat . Er versuchte vergeblich , das Tuch von den Augen der holden Weinenden wegzuziehen ; er küßte die Hände , die das Tuch hielten , aber es half alles nichts ; der Krampf mußte heraus . Elard beschwor den ganzen Olymp zum Zeugen , daß er nicht wisse , was er eigentlich verbrochen habe . Er rief alle Sonnen und Sterne her , um sich bestätigen zu lassen , daß ihm die Welt sich nur ins Himmlische in der letzten Viertelstunde verändert habe , und daß er gern und willig und herzlich die beiden alten Sünder zur Rechten und zur Linken der Hanauer Landstraße für alles , was sie gesagt und getan haben möchten , abküssen werde . Er erhob die Schwurfinger zur Decke und schwor , daß es nimmer einen Schwiegersohn besser als er gegeben habe und geben werde ; es half ihm alles nichts . Das einzige , wozu er seine in Tränen untergehende Verlobte brachte , war das Wort : » Vergib mir nur ; – vielleicht ist es nur körperlich . « Und jetzt gerade fuhr die bereits am Morgen von dem Legationsrat bestellte Droschke an der Haustür vor , und jetzt gerade fingen die Vigilienglocken des Pfingstfestes an zu läuten in Frankfurt am Maine . Das war eben Eulenpfingsten , und Käthchen Nebelung suchte , wie der Papa , ihren Hut und nahm ihr Sonnenschirmchen ; und als der Geliebte sie die Treppe hinunter führte , stützte sie sich mehr auf das Geländer als auf ihn . Er durfte sie zwar in den Wagen heben , aber statt alles Weitern bekam er nur eine matte , kalte Hand und das zitternde Wort : » Lebe wohl , lieber Elard . Ich will es versuchen , wieder ruhiger – wieder glücklich zu werden ! « Da stand er und sah dem Wagen nach . Er hätte nun wieder nach Hause gehen können ; der Papa würde ihm gern ein Blatt der Oberpostamtszeitung zur Abendlektüre überlassen haben . » Lache nicht diesmal , Zeus ! « ächzte der Unglückselige , ganz als Alexis ; und dann rannte er dem Allerheiligentor zu . Derweilen stiefelte der Legationsrat , Herr Alex von Nebelung , allgemach im immer ruhigeren Tempo der Isenburger Warte entgegen , und hinter ihm erklangen außergewöhnlich friedlich und melodisch die Glocken von Sachsenhausen . Fünftes Kapitel Wir haben es schon gesagt : wir lassen uns auf nichts ein , was die Ansprüche des Lesers an die Geschichte betrifft . Was wir zu tun haben , wissen wir , und was wir zu sagen haben , gleichfalls , und dies genügt uns vollkommen . Von dem Balkon in den Salon tretend , sprach die Tante : » Ihr wohnt recht angenehm , Kind , und wenn ihr nach Hanau wollt , so habt ihr den Bahnhof bequem genug zur Hand . Fürs erste aber wollen wir ruhig hier in der Hanauer Straße bleiben , und nun laß dich einmal genauer ansehen , Schätzchen . « Sie setzte sich nieder bei diesen Worten , und es war , als ob sämtliche Staaten der großen nordamerikanischen Republik ( Utah nicht ausgeschlossen ) sich mit ihr setzten . Sie nahm das Käthchen zwischen ihre Knie , ungefähr wie Uncle Sam die schöne Insel Kuba , wenn er es irgend möglich machen könnte , zwischen die seinigen nehmen würde . Wirklich , es war bei allem Tantlichen etwas ausgesprochen Onkelhaftes in der Art und Weise , wie sie das junge ängstliche Mädchen an den Handgelenken ergriff , die Willenlose daran festhielt und sie von der Rechten und von der Linken mit auf die Seite gelegtem Kopfe besah . Es fehlte nicht viel , so hätte sie das Nichtchen auch umgedreht , um es auch von der Rückseite zu betrachten , – wie sie selber vorhin von Nachbar Nürrenberg betrachtet worden war . Da aber doch die Unterhaltung dabei gelitten haben würde , so verzichtete sie auf diese Wendung und begnügte sich mit der reizenden Vorderansicht . » Hm , « sprach die Tante Lina Nebelung , » wenn man solch ein Geschöpfchen ansieht , dann merkt man , wie die Zeit hingeht . Es ist mir wie gestern , als ich so alt oder vielmehr so jung war wie du , und doch ist das nun schon eine schöne , lange Reihe von Jahren her . Ganz und gar eine Nebelung ! Hier dieses Fältchen von dem Nasenwinkel nach dem Lippenwinkel stammt fast komisch verdrießlich von uns her ; ich kenne es ganz genau , und ich kenne es an mehr als einem Familienporträt in Öl , Kreide und Bleistift . Aber hier um das Auge hat sich jedoch auch ein anderer Zug in unserem Familiengesicht eingefunden . Den wird deine selige Mutter hineingebracht haben ; er gefällt mir jedenfalls viel besser als dieses Fältchen , und es tut mir um so mehr leid , daß ich dein Mütterchen nicht persönlich kennen gelernt habe . « » Oh ! « seufzte Käthchen wehmütig . » Nein , nein , nicht weinen , Kind ! Das habe ich nicht gewollt . Wir alle müssen sterben – ‚ all must die – ’ t is an inevitable chance – the first statute in Magna Charta , ’ sagt Mr. Shandy ; doch was rede ich englisch zu dir , wir werden genug zu tun haben , um uns auf Deutsch ineinander zurecht zu finden , und den Tristram Shandy wirst du wohl hoffentlich auch nicht gelesen haben . « Nein , bis jetzt noch nicht ; das ist gewiß vor meiner Zeit geschrieben , und wir lesen nur die neuen Bücher aus der Leihbibliothek . Ist es noch älter als die ‚ Ritter vom Geist ’ , Auerbachs ‚ Dorfgeschichten ’ und Freitags ‚ Soll und Haben ’ ? « » Ein wenig « , sprach die amerikanische Tante , wendete aber kurz um auf dem Wege in die Weltliteratur und tat wohl daran , denn es lagen allerlei Abgründe an diesem Pfade . Sie begab sich wieder auf das Feld der Familiengeschichte und bemerkte : » Ich kann mir das Leben , welches dein guter Vater hier als Junggesell , verheirateter Mann und Witwer gelebt hat , recht wohl ausmalen . Er war und ist ganz ein Nebelung , ohne jeglichen fremdartigen Zug um das Auge . Er wurde als Nebelung geboren und hat sich mir gegenüber stets als solcher bewiesen , und wird – muß ein Nebelung geblieben sein . Für das letztere spricht unter anderem auch das , was ich jetzt an ihm erlebe , und ich – freue mich um so mehr , ihn nach mehr als zwanzigjähriger Trennung wiederzusehen . Ich weiß nicht , ob du mich verstehst ; aber das ist , wie wenn man in seine Geburtsstadt nach langer Abwesenheit zurückkehrt