den Kopf warf . Langsam erstieg ich die Stufen des Chores und wandte mich aus demselben rechts in die ebenfalls hoch und kühn gewölbte Sakristei , in welcher ich die mit prahlerischen Inschriften bezeichnete leere Stelle fand , wo das schwere Kreuz gewöhnlich an der hohen Mauer lehnte und wohin es bald wieder von der Klosterwiese zurückkehren sollte . Zwei Pförtchen führten in zwei Seitengelasse . Das eine zeigte sich verschlossen . Das andere öffnend , stand ich in einer durch ein von Spinneweb getrübtes Rundfenster dürftig erhellten Kammer . Siehe , es enthielt die auf ein paar wurmstichige Bretter zusammengedrängte Bibliothek des Klosters . Mein ganzes Wesen geriet in Aufregung , nicht anders als wäre ich ein verliebter Jüngling und beträte die Kammer Lydias oder Glyceres . Mit zitternden Händen und bebenden Knien nahte ich mich den Pergamenten , und hätte ich darunter die Komödien des Umbriers gefunden , ich bedeckte sie mit unersättlichen Küssen . Aber , ach , ich durchblätterte nur Rituale und Liturgien , deren heiliger Inhalt mich Getäuschten kaltließ . Kein Kodex des Plautus ! Man hatte wahr berichtet . Ein plumper Sammler hatte durch ein täppisches Zu greifen den Hort , statt ihn zu heben , in unzugängliche Tiefen versinken lassen . Ich fand – als einzige Beute – unter dem Staube die › Bekenntnisse St. Augustins ‹ , und da ich das spitzfindige Büchlein stets geliebt habe , steckte ich es mechanisch in die Tasche , mir , nach meiner Gewohnheit , eine Abendlektüre vorbereitend . Siehe – da fuhr , wie der Blitz , meine kleine Äbtissin , welche das Kreuz wieder in die Sakristei hatte schleppen lassen und mir , ohne daß ich es , in der Betäubung des Verlangens und der Enttäuschung , vernommen hätte , durch die offengebliebene Tür in die Bücherkammer nachgeschlichen kam – wie der Blitz fuhr das Weibchen , sage ich , auf mich los , schimpfend und scheltend , ja sie betastete meine Toga mit unziemlichen Handgriffen und brachte den an meinem Busen liegenden Kirchenvater wieder ans Tageslicht . › Männchen , Männchen ‹ , kreischte sie , › ich habe es gleich Eurer langen Nase angesehen , daß Ihr einer der welschen Büchermarder seid , welche zeither unsere Klöster beschleichen . Aber , lernet , es ist ein Unterschied zwischen einem weinschweren Mönch des heiligen Gallus und einer hurtigen Appenzellerin . Ich weiß ‹ , fuhr sie schmunzelnd fort , › um welchen Speck die Katzen streichen . Sie belauern das Buch des Pickelherings , welches wir hier aufbewahren . Keine von uns wußte , was drinnen stand , bis neulich ein welscher Spitzbube unsere hochheiligen Reliquien verehrte und dann unter seinem langen geistlichen Gewande ‹ – sie wies auf das meinige – › den Possenreißer ausführen wollte . Da sagte ich zu mir : Brigittchen von Trogen , laß dich nicht prellen ! Die Schweinshaut muß Goldes wert sein , da der Welsche den Strick dafür wagt . Denn bei uns , Mann , heißt es : » Wer eines Strickes Wert stiehlt , der hangt am Strick ! « Das Brigittchen , nicht dumm , zieht einen gelehrten Freund ins Vertrauen , einen Mann ohne Falsch , den Pfaffen von Dießenhofen , der unser Weinchen lobt und zuweilen mit den Schwestern einen schnurrigen Spaß treibt . Wie der die närrischen , vergilbten Schnörkel untersucht , » Potz Hasen , Frau Mutter « , sagt ' er , » das gilt im Handel ! Daraus baut Ihr Euerm Klösterlein eine Scheuer und eine Kelter ! Nehmt mir das Buch , liebe Frau , flüchtet es unter Euern Pfühl , legt Euch auf den Podex – so hat es den Namen – und bleibt – bei der Krone der Mutter Gottes – darauf liegen , bis sich ein redlicher Käufer meldet ! « Und so tat das Brigittchen , wenn es auch zeither etwas hart liegt . ‹ Ich verwand ein Lächeln über das Nachtlager des Umbriers , welches ihm die drei Richter der Unterwelt für seine Sünden mochten zugesprochen haben , und zeigte , mir die Würde gebend , die mir unter Umständen eignet , ein ernstes und strafendes Gesicht . › Äbtissin ‹ , sprach ich in feierlichem Tone , › du verkennest mich . Vor dir steht ein Gesandter des Konzils , einer der in Konstanz versammelten Väter , einer der heiligen Männer , welche geordnet sind zur Reform der Nonnenklöster . ‹ Und ich entfaltete eine stattlich geschriebene Wirtshausrechnung ; denn mich begeisterte die Nähe des versteckten komischen Dichters . › Im Namen ‹ , las ich , › und mit der Vollmacht des siebzehnten und ökumenischen Konzils ! Die Hände keiner christlichen Vestale verunreinige eine jener sittengefährlichen , sei es lateinisch , sei es in einer der Vulgärsprachen verfaßten Schriften , mit deren Erfindung ihre Seele beschädigt haben ... Fromme Mutter , ich darf Eure keuschen Ohren nicht mit den Namen dieser Verworfenen beleidigen ... Gaukelwunder , herkömmliche oder einmalige , verfolgen wir mit unerbittlicher Strenge . Wo sich ein wissentlicher Betrug feststellen läßt , büßt die Schuldige – und wäre es die Äbtissin – das Sakrilegium unnachsichtlich mit dem Feuertode . ‹ Diese wurde bleich wie eine Larve . Aber gleich wieder faßte sich das verlogene Weibchen mit einer bewunderungswürdigen Geistesgegenwart . › Gott sei gepriesen und gelobt ‹ , rief es aus , › daß er endlich in seiner heiligen Kirche Ordnung schafft ! ‹ und holte zutunlich grinsend aus einem Winkel des Schreines ein zierlich gebundenes Büchlein hervor . › Dieses ‹ , sagte es , › hinterließ uns ein welscher Kardinal , unser Gastfreund , welcher sich damit in sein Mittagsschläfchen las . Der Pfaff von Dießenhofen , welcher es musterte , tat dann den Ausspruch , es sei das Wüsteste und Gottverbotenste , was seit Erfindung der Buchstaben und noch dazu von einem Kleriker ersonnen wurde . Frommer Vater , ich lege Euch den Unrat vertrauensvoll in die Hände . Befreit mich von dieser Pest ! ‹ Und sie übergab mir – meine Fazetien ! Obwohl diese Überraschung eine Bosheit eher des Zufalls als des geistlichen Weibchens war , fühlte ich mich doch gekränkt und verstimmt . Ich begann die kleine Äbtissin zu hassen . Denn unsere Schriften sind unser Fleisch und Blut und ich schmeichle mir , in den meinigen mit leichten Sohlen zu schreiten , weder die züchtigen Musen noch die unfehlbare Kirche beleidigend . › Gut ‹ , sagte ich . › Möchtest du , Äbtissin , auch in dem zweiten und wesentlicheren Punkt unsträflich erfunden werden ! Dem versammelten Volke hast du in der Nähe und unter den Augen des Konzils ‹ , sprach ich vorwurfsvoll , › ein Wunder versprochen , so marktschreierisch , daß du es jetzt nicht mehr rückgängig machen kannst . Ich weiß nicht ob das klug war . Erstaune nicht , Äbtissin , daß dein Wunder geprüft wird ! Du hast dein Urteil gefordert ! ‹ Die Knie des Weibchens schlotterten , und seine Augen gingen irre . › Folge mir ‹ , sagte ich streng , › und besichtigen wir die Organe des Wunders ! ‹ Sie folgte niedergeschlagen , und wir betraten die Sakristei , wohin das echte Kreuz zurückgekehrt war und in dem weiten Halbdunkel des edlen Raumes mit seinen Rissen und Sprüngen und mit seinem gigantischen Schlagschatten so gewaltig an der Mauer lehnte , als hätte heute erst eine verzweifelnde große Sünderin es ergriffen und wäre darunter ins Knie gesunken , die Steinplatte schon mit der Stirne berührend in dem Augenblicke da die Himmelskönigin erschien und ihr beistand . Ich wog es , konnte es aber nicht einen Augenblick heben . Um so lächerlicher schien mir der Frevel , diese erdrückende Bürde mit einem Spielzeuge zu vertauschen . Ich wendete mich entschlossen gegen das hohe , schmale Pförtchen , dahinter ich dieses vermutete . › Den Schlüssel , Äbtissin ! ‹ befahl ich . Das Weibchen starrte mich mit entsetzten Augen an , aber antwortete frech : › Verlorengegangen , Herr Bischof ! Seit mehr als einem Jahrzehnt ! ‹ › Frau ‹ , sprach ich mit furchtbarem Ernste , › dein Leben steht auf dem Spiel ! Dort gegenüber haust ein Dienstmann des mir befreundeten Grafen von Doccaburgo . Dorthin schicke oder gehe ich nach Hilfe . Findet sich hier ein dem echten nachgebildetes Scheinkreuz von leichterem Gewichte , so flammst und loderst du , Sünderin , wie der Ketzer Huß , und nicht minder schuldig als er ! ‹ Nun trat eine Stille ein . Dann zog das Weibchen – ich weiß nicht ob zähneklappernd oder zähneknirschend – einen altertümlichen Schlüssel mit krausem Barte hervor und öffnete . Schmeichelhaft – mein Verstand hatte mich nicht betrogen . Da lehnte an der Mauer des hohen kaminähnlichen Kämmerchens ein schwarzes Kreuz mit Rissen und Sprüngen , welches ich gleich ergriff und mit meinen schwächlichen Armen ohne Schwierigkeit in die Lüfte hob . In jeder seiner Erhöhungen und Vertiefungen , in allen Einzelheiten war das falsche nach dem Vorbilde des echten Kreuzes geformt , diesem auch für ein scharfes Auge zum Verwechseln ähnlich , nur das es zehnmal leichter wog . Ob es gehöhlt , ob es aus Kork oder einem anderen leichtesten Stoffe verfertigt sein mochte , habe ich , bei dem raschen Gang und der Überstürzung der Ereignisse , niemals in Erfahrung gebracht . Ich bewunderte die Vollkommenheit der Nachahmung , und der Gedanke stieg in mir auf : Nur ein großer Künstler , nur ein Welscher kann dieses zustande gebracht haben : und da ich für den Ruhm meines Vaterlandes begeistert bin , brach ich in die Worte aus : › Vollendet ! Meisterhaft ! ‹ – wahrlich nicht den Betrug , sondern die darauf verwendete Kunst lobend . › Schäker , Schäker ‹ , grinste mit gehobenem Finger das schamlose Weibchen , welches mich aufmerksam beobachtet hatte : › Ihr habet mich überlistet , und ich weiß , was es mich kostet ! Nehmet Euern Possenreißer , den ich Euch stracks holen werde , unter den Arm , haltet reinen Mund und ziehet mit Gott ! ‹ Wann auf den sieben Hügeln zwei Auguren sich begegneten und , nach einem antiken geflügelten Worte , sich zulächelten , wird es ein feineres Spiel gewesen sein , als das unreinliche Gelächter , welches die Züge meiner Äbtissin verzerrte und sich in die zynischen Worte übersetzen ließ : › Wir alle wissen , wo Bartolo den Most holt , wir sind Schelme allesamt und keiner braucht sich zu zieren . ‹ Ich aber sann inzwischen auf die Bestrafung des nichtsnutzigen Weibchens . Da vernahmen wir bei der plötzlich eingetretenen Stille ein Trippeln , ein Wispern , ein Kichern aus dem nahen Chore und errieten , daß wir von den müßigen und neugierigen Nonnen belauscht wurden . › Bei meinem teuern Magdtum ‹ , beschwor mich das Weibchen , › verlassen wir uns , Herr Bischof ! Um keine Güter der Erde möchte ich mit Euch von meinen Nonnen betroffen werden ; denn Ihr seid ein wohlgebildeter Mann , und die Zungen meiner Schwestern schneiden wie Scheren und Messer ! ‹ Dieses Bedenken fand ich begründet . Ich hieß sie sich entfernen und ihre Nonnen mit sich nehmen . Nach einer Weile dann räumte auch ich die Sakristei . Die Tür zu der Kammer des Gaukelkreuzes aber legte ich nur behutsam ins Schloß , ohne den Schlüssel darin umzudrehen . Diesen zog ich , steckte ihn unter mein Gewand und ließ ihn im Chore in eine Spalte zwischen zwei Stühlen gleiten , wo er heute noch stecken mag . So aber tat ich ohne bestimmten Plan auf die Einflüsterung irgendeines Gottes oder einer Göttin . Wie ich in der niederen äbtlichen Stube mit meiner Äbtissin und einem Klostergerüchlein zusammensaß , empfand ich eine solche Sehnsucht nach dem unschuldigen Spiele der Muse und einen solchen Widerwillen gegen die Drehungen und Windungen der ertappten Lüge , daß ich beschloß , es kurz zu machen . Das geistliche Weibchen mußte mir bekennen , wie es in das hundertjährige Schelmstück eingeweiht wurde , und ich machte ein Ende mit ein paar prätorischen Edikten . Sie gestand : ihre Vorgängerin im Amte habe sich sterbend mit ihr und dem Beichtiger eingeschlossen und beide hätten ihr das von Äbtissin auf Äbtissin vererbte Scheinwunder als das wirtschaftliche Heil des Klosters an das Herz gelegt . Der Beichtiger – so erzählte sie geschwätzig – habe des Ruhmes kein Ende gefunden über das ehrwürdige Alter des Betrugs , seinen tiefen Sinn und seine belehrende Kraft . Besser und überzeugender als jede Predigt versinnliche dem Volke das Trugwunder die anfängliche Schwere und spätere Leichtigkeit eines gottseligen Wandels . Diese Symbolik hatte den Kopf des armen Weibchens dergestalt verdreht , daß es in einem Atemzuge behauptete , etwas Unrechtes hätte es nicht begangen , als Kind aber sei es auch einmal ehrlich gewesen . › Ich schone dich um der Mutter Kirche willen , auf welche die Flamme deines Scheiterhaufens ein falsches Licht würfe ‹ , schnitt ich diese bäuerliche Logik ab und befahl ihr kurz , das Gaukelkreuz zu verbrennen , nachdem das schon ausposaunte Wunder noch einmal gespielt habe – dieses wagte ich aus Klugheitsgründen nicht zu verhindern – den Plautus aber ohne Frist auszuliefern . Die Äbtissin gehorchte schimpfend und schmälend . Sie unterzog sich den Verordnungen des Konzils von Konstanz , wie dieselben mein Mund formulierte , ob auch ohne das Vorwissen der versammelten Väter , sicherlich in ihrem Sinne und Geiste . Wie das Brigittchen mir knurrend den Codex brachte – ich hatte mich in ein bequemes Gemach des an der Ringmauer gelegenen klösterlichen Gasthauses geflüchtet – drängte ich die Ungezogene aus der Tür und schloß mich mit den komischen Larven des Umbriers ein . Kein Laut störte mich dort , wenn nicht der Kehrreim eines Kinderliedes , welches Bauernmädchen auf der Wiese vor meinem Fenster sangen , das mir aber nur meine Einsamkeit noch ergötzlicher machte . Nach einer Weile freilich polterte draußen das geistliche Weibchen in großer Aufregung und schlug mit verzweifelten Fäusten gegen die verriegelte schwere Eichentür , den Schlüssel der offenstehenden Kammer des Gaukelkreuzes fordernd . Ich gab ihr bedauernd den kurzen und wahrhaften Bescheid , derselbe sei nicht in meinen Händen , achtete ihrer weiter nicht und ließ , im Himmel des höchsten Genusses , die Unselige jammern und stöhnen wie eine Seele im Fegefeuer . Ich aber schwelgte in hochzeitlichen Wonnen . Ein an das Licht tretender Klassiker und nicht ein dunkler Denker , ein erhabener Dichter , nein , das Nächstliegende und ewig Fesselnde , die Weltbreite , der Puls des Lebens , das Marktgelächter von Rom und Athen , Witz und Wortwechsel und Wortspiel , die Leidenschaften , die Frechheit der Menschennatur in der mildernden Übertreibung des komischen Zerrspiegels – während ich ein Stück verschlang , hütete ich schon mit heißhungrigen Blicken das folgende . Ich hatte den witzigen Amphitryo beendigt , schon lag die Aulularia mit der unvergleichlichen Maske des Geizhalses vor mir aufgeschlagen – da hielt ich inne und lehnte mich in den Stuhl zurück ; denn die Augen schmerzten mich . Es dämmerte und dunkelte . Die Mädchen auf der Wiese draußen hatten wohl eine Viertelstunde lang unermüdlich den albernen Reigen wiederholt : › Adam hatte sieben Söhn ... ‹ Jetzt begannen sie neckisch einen neuen Kehrreim und sangen mit drolliger Entschlossenheit : › In das Kloster geh ich nicht , Nein ! ein Nönnchen werd ' ich nicht ... ‹ Ich lehnte mich hinaus , um dieser kleinen Feindinnen des Zölibates ansichtig zu werden und mich an ihrer Unschuld zu ergötzen . Aber ihr Spiel war keineswegs ein unschuldiges . Sie sangen , sich mit dem Ellbogen stoßend und sich Blicke zuwerfend , nicht ohne Bosheit und Schadenfreude , an ein vergittertes Fenster hinauf , hinter welchem sie wohl Gertruden vermuteten . Oder kniete diese schon in der Sakristei , dort unter dem bleichen Schimmer des Ewigen Lichtes , nach der Sitte der Einzukleidenden , welche die Nacht vor der himmlischen Hochzeit im Gebete verbringen . Doch was kümmerte mich das ? Ich entzündete die Ampel und begann die Topfkomödie zu lesen . Erst da meiner Leuchte das Öl gebrach und mir die Lettern vor den müden Augen schwammen , warf ich mich auf das Lager und verfiel in einen unruhigen Schlummer . Bald umkreisten mich wieder die komischen Larven . Hier prahlte ein Soldat mit großen Worten , dort küßte der trunkene Jüngling ein Liebchen , das sich mit einer schlanken Wendung des Halses seinen Küssen entgegenbog . Da – unversehens – mitten unter dem lustigen , antiken Gesindel stand eine barfüßige , breitschultrige Barbarin , mit einem Stricke gegürtet , als Sklavin zu Markte gebracht , wie es schien , unter finsteren Brauen hervor mich anstarrend mit vorwurfsvollen und drohenden Augen . Ich erschrak und fuhr aus dem Schlummer empor . Der Morgen graute . Eine Hälfte des kleinen Fensters stand offen bei der Sommerschwüle und ich vernahm aus dem nahen Chore der Klosterkirche eine eintönige Anrufung , unheimlich übergehend in ein ersticktes Stöhnen und dann in ein gewaltsames Schreien . Mein gelehrter und ruhmbedeckter Freund « , unterbrach sich der Erzähler selbst , gegen einen gravitätischen Mann gewendet , welcher ihm gegenübersaß und sich trotz der Sommerwärme mit dem Faltenwurf seines Mantels nach Art der Alten drapierte , » mein großer Philosoph , sage mir , ich beschwöre dich , was ist das Gewissen ? Ist es ein allgemeines ? Keineswegs . Wir alle haben Gewissenlose gekannt und , daß ich nur einen nenne , unser Heiliger Vater Johannes XXIII . , den wir in Konstanz entthronten , hatte kein Gewissen , aber dafür ein so glückliches Blut und eine so heitere , ich hätte fast gesagt kindliche Gemütsart , daß er , mitten in seinen Untaten , deren Gespenster seinen Schlummer nicht beunruhigten , jeden Morgen aufgeräumter erwachte als er sich gestern niedergelegt hatte . Als ich auf Schloß Gottlieben , wo er gefangen saß , die ihn anklagende Rolle entfaltete und ihm die Summe seiner Sünden – zehnmal größer als seine Papstnummer scelera horrenda , abominanda – mit zager Stimme und fliegenden Schamröten vorlas , ergriff er gelangweilt die Feder und malte einer heiligen Barbara in seinem Breviarium einen Schnurrbart ... Nein , das Gewissen ist kein allgemeines und auch unter uns , die wir ein solches besitzen , tritt es , ein Proteus , in wechselnden Formen auf . In meiner Wenigkeit z.B. wird es wach jedesmal , wo es sich in ein Bild oder in einen Ton verkörpern kann . Als ich neulich bei einem jener kleinen Tyrannen , von welchen unser glückliches Italien wimmelt , zu Besuche war und in dieser angenehmen Abendstunde mit schönen Weibern bei Chier und Lautenklang zusammensaß auf einer luftigen Zinne , welche , aus dem Schloßturm vorspringend , über dem Abgrund eines kühlen Gewässers schwebte , vernahm ich unter mir einen Seufzer . Es war ein Eingekerkerter . Weg war die Lust und meines Bleibens dort nicht länger . Mein Gewissen war beschwert , das Leben zu genießen , küssend , trinkend , lachend neben dem Elende . Gleicherweise konnte ich jetzt das nahe Geschrei einer Verzweifelnden nicht ertragen . Ich warf mein Gewand um und schlich durch den dämmernden Kreuzgang nach dem Chore , mir sagend , es müsse sich , während ich den Plautus las , mit Gertruden geändert haben : an der Schwelle des Entscheides sei ihr die unumstößliche Überzeugung geworden , sie werde zugrunde gehen in dieser Gesellschaft , in dem Nichts oder – schlimmer – in der Fäulnis des Klosters , mit der Gemeinheit zusammengesperrt , sie verachtend und von ihr gehaßt . In der Türe der Sakristei blieb ich lauschend stehen und sah Gertruden vor dem wahren , schweren Kreuze die Hände ringen . Wahrhaftig , sie bluteten und auch ihre Knie mochten bluten , denn sie hatte die ganze Nacht im Gebete gelegen , ihre Stimme war heiser und ihre Rede mit Gott , nachdem sie ihr Herz und ihre Worte erschöpft hatte , gewaltsam und brutal , wie eine letzte Anstrengung . › Maria Muttergottes , erbarm dich mein ! Laß mich stürzen unter deinem Kreuz , es ist mir zu schwer ! Mir schaudert vor der Zelle ! ‹ und sie machte eine Gebärde , als risse oder wickelte sie sich eine Schlange vom Leibe los , und dann , in höchster Seelenqual selbst die Scham niedertretend : › Was mir taugt ‹ , schrie sie , › ist Sonne und Wolke , Sichel und Sense , Mann und Kind ... ‹ Mitten im Elende mußte ich lächeln über dieses der Intemerata gemachte menschliche Geständnis ; aber mein Lächeln erstarb mir auf den Lippen ... Gertrude war jählings aufgesprungen und richtete die unheimlich großen Augen aus dem bleichen Angesichte starr gegen die Mauer auf eine Stelle , die ich weiß nicht welcher rote Fleck verunzierte . › Maria , Muttergottes , erbarm dich mein ! ‹ schrie sie wieder . › Meine Gliedmaßen haben keinen Raum in der Zelle und ich stoße mit dem Kopf gegen die Diele . Laß mich unter deinem Kreuze sinken , es ist mir zu schwer ! Erleichterst du mir ' s aber auf der Schulter , ohne mir das Herz erleichtern zu können , da siehe zu ‹ – und sie starrte auf den bösen Fleck – › daß sie mich eines Morgens nicht mit zerschmettertem Schädel auflesen ! ‹ Ein unendliches Mitleid ergriff mich , aber nicht Mitleid allein , sondern auch eine beklemmende Angst . Gertrude hatte sich ermüdet auf eine Truhe gesetzt , die irgendein Heiligtum verwahrte , und flocht ihre blonden Haare , welche im Ringkampfe mit der Gottheit sich aus den Flechten gelöst hatten . Dazu sang sie vor sich hin , halb traurig , halb neckisch , nicht mit ihrem kräftigen Alte , sondern mit einer fremden , hohen Kinderstimme : › In das Kloster geh ich ein , Muß ein armes Nönnchen sein ... ‹ jenen Kehrreim parodierend , mit welchem die Bauernkinder ihrer gespottet hatten . Das war der Wahnsinn , der sie belauerte , um mit ihr in die Zelle zu schlüpfen . Der Optimus Maximus aber bediente sich meiner als seines Werkzeuges und hieß mich , Gertruden retten , koste es , was es wolle . Auch ich wandte mich in freier Frömmigkeit an jene jungfräuliche Göttin , welche die Alten als Pallas Athene anriefen und wir Maria nennen . › Wer du seist ‹ , betete ich mit gehobenen Händen , › die Weisheit , wie die einen sagen , die Barmherzigkeit , wie die andern behaupten – gleichviel , die Weisheit überhört das Gelöbnis eines weltunerfahrenen Kindes und die Barmherzigkeit fesselt keine Erwachsene an das törichte Versprechen einer Unmündigen . Lächelnd lösest du das nichtige Gelübde . Deine Sache führe ich , Göttin . Sei mir gnädig ! ‹ Da ich der Äbtissin , welche Verrat befürchtete , mein Wort gegeben , mit Gertruden nicht weiter zu verkehren , beschloß ich , in antiker Art mit drei symbolischen Handlungen der Novize die Wahrheit nahezulegen , so nahe , daß dieselbe auch der harte Kopf einer Bäuerin begreifen mußte . Ich trat hin vor das Kreuz , Gertruden übersehend . › Will ich einen Gegenstand wiedererkennen , so markiere ich ihn ‹ , sagte ich pedantisch , zog meinen scharfen Reisedolch , welchen mir unser berühmter Mitbürger , der Messerschmied Pantaleone Ubbriaco geschmiedet hatte , und schnitt zwischen Haupt- und Querbalken einen nicht kleinen Span gleichsam aus der Achselhöhle des Kreuzes . Zum zweiten tat ich fünf gemessene Schritte . Dann lachte ich aus vollem Hals und begann mit ausdruckvollem Gebärdenspiele . › Komisches Gesicht , das des Lastträgers in der Halle zu Konstanz , da mein Gepäck anlangte ! Er faßte das gewaltigste Stück darunter , eine ungeheure Truhe , ins Auge , schürzte die Ärmel bis über den Ellbogen , spie sich – der Rohe – in die Hände und hob , jede Muskel zu der größten Kraftanstrengung gespannt , die nichtige Bürde einer – leeren Kiste spielend auf die getäuschte Schulter . Hahaha ! ‹ Zum dritten und letzten stellte ich mich närrisch feierlich zwischen das wahre Kreuz und das Gaukelkreuz in seiner schlecht verschlossenen Kammer , und rätselte mit wiederholten Fingerzeigen nach beiden Seiten : › Die Wahrheit im Frein , die Lüge im Schrein ! ‹ – husch und ich klatschte in die Hände : › Die Lüge im Frein , die Wahrheit im Schrein ! ‹ Ich schickte einen schrägen Blick auf die im Halbdunkel sitzende Novize , die Wirkung der drei Orakelsprüche aus den Mienen der Barbarin zu lesen . In diesen gewahrte ich die Spannung eines unruhigen Nachdenkens und das erste Wetterleuchten eines flammenden Zorns . Dann suchte ich meine Stube wieder , behutsam schleichend , wie ich sie verlassen hatte , warf mich angezogen auf das Lager und genoß den süßen Schlummer eines guten Gewissens , bis mich das Getöse der dem Kloster zuziehenden Menge und die mir zu Häupten dröhnenden Festglocken aufweckten . Als ich die Sakristei wieder betrat , kehrte eben Gertrude , zum Sterben blaß , als würde sie auf das Schafott geführt , von einem wohl zum Behufe der unredlichen Kreuzesverwechselung von alters her eingerichteten Bittgange nach einer benachbarten Kapelle zurück . Der Putz der Gottesbraut begann . Im Kreise der psalmodierenden Nonnen umgürtete sich die Novize mit dem groben , dreifach geknoteten Stricke und entschuhte dann langsam ihre kräftig , aber edel gebildeten Füße . Jetzt bot man ihr die Dornenkrone . Diese war , anders als das symbolische Gaukelkreuz , aus harten , wirklichen Dornen geflochten und starrte von scharfen Spitzen . Gertrude ergriff sie begierig und drückte sie sich mit grausamer Lust so derb auf das Haupt , daß daraus der warme Regen ihres jungen Blutes hervorspritzte und dann in schweren Tropfen an der einfältigen Stirne niederrann . Ein erhabener Zorn , ein göttliches Gericht flammte vernichtend aus den blauen Augen der Bäuerin , so daß die Nonnen sich vor ihr zu fürchten begannen . Sechse derselben , welche die Äbtissin in das fromme Schelmstück mochte eingeweiht haben , legten ihr jetzt das Gaukelkreuz auf die ehrliche Schulter mit so plumpen Grimassen , als vermochten sie das Spielzeug kaum zu tragen , und mit so dumm heuchelnden Gesichtern , daß ich in der Tat die göttliche Wahrheit im Dornenkranze zu sehen glaubte , öffentlich geehrt und gefeiert von der menschlichen Unwahrheit , aber hinterrücks von ihr verspottet . Jetzt entwickelte sich alles rasch wie ein Gewitter . Gertrude warf einen schnellen Blick nach der Stelle , wo mein Dolch an dem echten Kreuz eine tiefe Marke geschnitten , und fand sie an dem falschen unversehrt . Verächtlich ließ sie das leichte Kreuz , ohne es mit den Armen zu umfangen , von der Schulter gleiten . Dann ergriff sie es wieder mit einem gellenden Hohngelächter und zerschlug es frohlockend an dem Steinboden in schwächliche Trümmer . Und schon stand sie mit einem Sprunge vor der Tür der Kammer , wo jetzt das wahre , das schwere Kreuz versteckt war , öffnete , fand und wog es , brach in wilden Jubel aus , als hätte sie einen Schatz gefunden , hob es sich ohne Hilfe auf die rechte Schulter , umschlang es triumphierend mit ihren tapferen Armen und wendete sich langsam schreitend mit ihrer Bürde dem Chore zu , auf dessen offener Bühne sie der Menge sichtbar werden sollte , die atemlos lauschend , Kopf an Kopf , Adel , Pfaffheit , Bauersame , ein ganzes Volk , das geräumige Schiff der Kirche füllte . Wehklagend , scheltend , drohend , beschwörend warf sich ihr die Äbtissin mit ihren Nonnen in den Weg . Sie aber , die leuchtenden Augen nach oben gerichtet : › Jetzt , Muttergottes , schlichte du den Handel ehrlich ! ‹ rief sie aus und dann mit kräftiger Stimme : › Platz da ! ‹ wie ein Handwerker , der einen Balken durch eine Volksmenge trägt . Alles wich und sie betrat den Chor , wo , ein Vikar des Bischofs an der Spitze , die ländliche Geistlichkeit sie erwartete . Aller Blicke trafen zusammen auf der belasteten Schulter und dem blutgeträufelten Antlitz . Aber das wahre Kreuz wurde Gertruden zu schwer und keine Göttin erleichterte es ihr . Sie schritt mit keuchendem Busen , immer niedriger und langsamer , als hafteten und wurzelten ihre nackten Füße im Erdboden . Sie strauchelte ein wenig , raffte sich zusammen , strauchelte wieder , sank ins linke , dann auf das rechte Knie und wollte sich mit äußerster Anstrengung wieder erheben . Umsonst . Jetzt löste sich die linke Hand vom Kreuze und trug , vorgestreckt , auf den Boden gestemmt , einen Augenblick die ganze Körperlast . Dann knickte der Arm im Gelenk und brach zusammen . Das dorngekrönte Haupt neigte sich schwer vornüber und schlug schallend auf die Steinplatte . Über die Sinkende rollte mit Gepolter das Kreuz , welches ihre Rechte erst im betäubenden Sturze freigab . Das war die blutige Wahrheit , nicht der gaukelnde Trug . Ein Seufzer stieg aus der Brust von Tausenden . Von den entsetzten Nonnen wurde Gertrude unter dem Kreuze hervorgezogen und aufgerichtet . Sie hatte im Falle das Bewußtsein verloren , aber bald kehrte dem kräftigen Mädchen die Besinnung wieder . Sie strich sich mit der Hand über die Stirn . Ihr Blick fiel auf das Kreuz , welches sie erdrückt hatte . Über ihr Antlitz verbreitete sich ein Lächeln des Dankes für die ausgebliebene Hilfe der Göttin . Dann sprach sie mit einer himmlischen Heiterkeit die schalkhaften Worte : › Du willst mich nicht , reine Magd : so will mich ein anderer ! ‹ Noch die Dornenkrone tragend , deren blutige Spitzen sie nicht zu fühlen schien , setzte sie jetzt den Fuß auf die erste der aus dem Chor in das Schiff niederführenden Stufen .