mein lieber Sohn ? « Leubelfing antwortete erst schüchtern und befangen , dann aber mit jeder Silbe freudiger und entschlossener : » Solchergestalt , mein gnädiger Herr : Ich wünsche mir alle Strahlen meines Lebens in ein Flammenbündel und in den Raum einer Stunde vereinigt , daß statt einer blöden Dämmerung ein kurzes , aber blendend helles Licht von Glück entstünde , um dann zu löschen wie ein zuckender Blitz . « Sie hielt inne . Dem Könige schien dieser Stil und dieser » zuckende Blitz « nicht zu gefallen , obgleich es die Lieblingsmetapher des Jahrhunderts war . Er kräuselte spottend die feinen Lippen . Aber das noch ungesprochene rügende Wort unterbrechend , leidenschaftlich hingerissen , rief der Page aus : » Ja , so möcht ich ! Courte et bonne ! « Dann besann er sich plötzlich und fügte demütig bei : » Lieber Herr ! Möglicherweise mißversteh ich den Spruch . Er ist vieldeutig , wie die meisten hier im Buche . Eines aber weiß ich und das ist die lautere Wahrheit : wenn dich , mein liebster Herr , die Kugel , welche dich heute streifte « – er verschluckte das Wort – » Courte et bonne ! hätte es geheißen , denn du bist ein Jüngling zugleich und ein Mann – und dein Leben ist ein gutes ! « Der König schloß die Augen und verfiel dann , tagesmüde wie er war , in den Schlummer , den er erst heuchelte , um die Schmeichelei des Pagen nicht gehört zu haben oder wenigstens nicht zu beantworten . So spielte der Löwe mit dem Hündchen und auch das Hündchen mit dem Löwen . Und als ob ein neckisches oder verderbliches Schicksal es darauf absehe , dem verliebten Kinde seinen vergötterten Helden aufs innigste zu verbinden , ihm denselben in immer neuer Gestalt und in seinen tiefsten Empfindungen zeigend , ließ es den Pagen mit seinem Herrn auch den herbsten Schmerz teilen , welchen es gibt , den väterlichen . Der König bediente sich Leubelfings , dem er das unbedingteste Vertrauen bewies , um die regelmäßig aus Stockholm anlangenden Briefe der Hofmeisterin seines Prinzeßchens sich vorlesen und dann auch beantworten zu lassen . Diese Dame schrieb einen kritzlichen , schmalen Buchstaben und einen breiten gründlichen Stil , so daß Gustav ihre umständlichen Schreiben meist gleich dem Pagen zuschob , dessen rasche Augen und bewegliche Lippen die Zeilen einer Briefseite nicht weniger behende hinuntersprangen als seine jungen Füße die ungezählten Stufen einer Wendeltreppe . Eines Tages bemerkte Leubelfing in der Ecke des Briefumschlages das große S , womit man damals wichtige oder sekrete Schreiben zu bezeichnen pflegte , damit sie der Empfänger persönlich öffne und lese . Die Pageneigenschaften : Neugierde und Keckheit überwogen . Leubelfing brach das Siegel und eine wunderliche Geschichte kam zum Vorschein . Die Hofmeisterin des Prinzeßchens hatte – gemäß dem vom Könige selbst verfaßten und frühe Erlernung der Sprachen vorschreibenden Studienplane – an der Zeit gefunden , der Christel einen Lehrer des Italienischen zu bestellen . Die mit Umsicht vorgenommene Wahl schien geglückt . Der noch junge Mann , ein Schwede von guter Abkunft , welcher sich auf langen Reisen weit in der Welt umgesehen hatte , vereinigte alle Vorzüge der Erscheinung und des Geistes , einen edelschlanken Körperbau , einnehmende Gesichtszüge , eine feingewölbte Stirn , ein gefälliges Betragen , eine befestigte Sittlichkeit , gleich weit entfernt von finsterer Strenge und lächerlicher Pedanterie , adeliges Ehrgefühl , christliche Demut . Und die Hauptsache : ein echtes Luthertum , welches , wie er selbst bekannte , erst in der modernen Babylon angesichts der römischen Greuel aus einer erlernten Sache ihm zu einer selbständigen und unerschütterlichen Überzeugung geworden sei . Die kühle und verständige Hofmeisterin wiederholte in jedem ihrer Briefe , dieser Jüngling habe es ihr angetan . Auch die junge Prinzeß lernte frisch drauflos mit ihrem aufgeweckten Kopf und unter einem solchen Lehrer . Da ertappte die Hofmeisterin eines Tages die gelehrige und phantasiereiche Christel , wie sie , in einem Winkel geduckt , sich im stillen damit vergnügte , die Kugeln eines Rosenkranzes von wohlduftendem Zedernholz herunterzubeten , an denen sie von Zeit zu Zeit mit schnupperndem Näschen roch . » Ein reißender Wolf im Schafskleide ! « schrieb die brave Hofmeisterin mit fünf Ausrufungszeichen . » Ich schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und wurde zur weißen Bildsäule . « Auch Gustav Adolf erbleichte , im Tiefsten erschüttert , und seine großen blauen Augen starrten in die Zukunft . Er kannte die Gesellschaft Jesu . Der Jesuit war ins Gefängnis gewandert , und ihm stand , nach dem drakonischen schwedischen Gesetze , eine Halsstrafe bevor , wenn der König nicht Gnade vor Recht ergehen ließ . Dieser aber befahl dem Pagen umgehend an die Hofmeisterin zu schreiben : Mit dem Mädchen seien nicht viel Worte zu machen , die Sache als eine Kinderei zu behandeln ; den Jesuiten schaffe man ohne Geschrei und Aufsehen über die Grenze , » denn « – so diktierte er Leubelfing – » ich will keinen Märtyrer machen . Der verblendete Jüngling mit seinem gefälschten Gewissen ließe sich schlankweg köpfen , um in die Purpurwolke der Blutzeugen aufgenommen zu werden und gen Himmel zu fahren mitsamt seiner geheimen bösen Lust , das bildsame Gehirn meines Kindes mißhandelt zu haben . « Aber mehrere Tage lang ließ ihn » das Unglück und das Verbrechen « – so nannte er das Attentat auf die Seele seines Kindes – nicht mehr los und er erging sich in Gegenwart seines Lieblings , weit über Mitternacht , bis zum Erlöschen seiner Ampel , rastlos auf und nieder schreitend , freilich eher im Selbst- als im Zwiegespräche , über die Lüge , die Sophistik und die Verlarvungen der frommen Väter , während sich der im Halbdunkel sitzende Page entsetzt und zerknirscht an die klopfende junge Brust schlug und die leisen beschämenden Worte sich zurief : » Auch du bist eine Lügnerin , eine Sophistin , eine Verlarvte ! « Seit jenen nächtigen Stunden ängstigte sich der Page furchtbar , bis zur Zerrüttung , über seine Larve und sein Geschlecht . Der richtigste Umstand konnte die Entdeckung herbeiführen . Dieser Schande zu entgehen , beschloß der Ärmste zehnmal im Abenddunkel oder in der Morgenfrühe , sein Roß zu satteln , bis an das Ende der Welt zu reiten , und zehnmal wurde er zurückgehalten durch eine unschuldige Liebkosung des Königs , der keine Ahnung hatte , daß ein Weib um ihn war . Leicht zumute wurde ihm nur im Pulverdampfe . Da blitzten seine Augen und fröhlich ritt er der tödlichen Kugel entgegen , welche er herausforderte , seinen bangen Traum zu endigen . Und wann der König hernach in seiner Abendstunde beim trauten Lichtschein seinen Pagen über einer Dummheit oder Unwissenheit ertappte , beim Kopfe kriegte und ihm mit einem ehrlichen Gelächter durch das krause Haar fuhr , sagte sich dieser in herzlicher Lust und Angst er bebend : » Es ist das letztemal ! « So fristete er sich und genoß das höchste Leben mit der Hülfe des Todes . Es war seltsam . Leubelfing fühlte es : auch der König lebte mit dem Tode auf einem vertrauten Fuße . Der Friedländer hatte den Angriff an sich gerissen und den Eroberer in die unerträgliche Lage eines Weichenden , beinahe Flüchtigen gebracht . So legte der christliche Held sein Schicksal täglich , ja stündlich und fast herausfordernd in die Hände seines Gottes . Den Brustharnisch , welchen ihm der Page zu bieten pflegte , wies er beharrlich zurück unter dem Vorwand einer Schulterwunde , welche der anliegende Stahl drücke . Ein schmiegsames feines Panzerhemde , wie die Klugen und Vorsichtigen es auf bloßem Leibe trugen , ein Meisterstück niederländischer Schmiedekunst , langte an und die Königin schrieb dazu , sie hätte erfahren , der Friedländer trage ein solches , ihr Herr und Gemahl dürfe nicht schlechter beschirmt in den Kampf gehen . Dies feine Geschmiede warf Gustav als eine Feigheit verächtlich in einen Winkel . Einmal in der Stille der Nacht hörte Leubelfing , dessen Haupt von demjenigen des Königs nur durch die Wand getrennt war , sich dicht an dieselbe drückend , wie Gustav inbrünstig betete und seinen Gott bestürmte , ihn im Vollwerte hinwegzunehmen , wenn seine Stunde da sei , bevor er ein Unnötiger oder Unmöglicher werde . Zuerst quollen der Lauscherin die Tränen , dann erfüllte sie vom Wirbel zur Zehe eine selbstsüchtige Freude , ein verstohlener Jubel , ein Sieg , ein Triumph über die Ähnlichkeit ihres kleinen mit diesem großen Lose , der dann mit dem albernen Kindergedanken , eine gemeinsame Silbe beendigte ihren Namen und beginne den des Königs , sich in Schlummer verlor . Aber der Page träumte schlecht , denn er träumte mit seinem Gewissen . In den richtenden Bildern , welche vor seinen Traumaugen aufstiegen , geschah es bald , daß der König den Entdeckten mit flammendem Blick und verurteilender Gebärde von sich wies , bald verjagte ihn die Königin mit einem Besenstiel und den derbsten Scheltworten , wie die gebildete Frau solche am Tage nie über die Lippen ließ , ja welche sie wohl gar nicht kannte . Einmal träumte dem Pagen , seine Fuchsstute gehe mit ihm durch und rase durch eine nackte von einer zornigen Spätglut gerötete Gegend einer Schlucht zu , der König setze ihm nach , er aber stürze vor den Augen seines Retters oder Verfolgers in die zerschmetternde Tiefe , von einem höllischen Gelächter umklungen . III III Leubelfing erwachte mit einem jähen Schrei . Der Morgen dämmerte und der Page fand seinen König , der sich in einem Zuge kühl und hell geschlafen hatte , in der gelassensten und leutseligsten Laune von der Welt . Ein Brief der Königin langte an , der eben nichts Dringliches enthielt , wenn nicht die Nachschrift , worin sie ihren Gemahl bat , zum Rechten zu sehen in einem Fall und in einer Nöte , welche der hilfreichen Frau naheging . Der Herzog von Lauenburg , ein unsittlicher Mensch , der vor kaum ein – paar Monaten eine der vielen Basen der Königin aus politischen Gründen geheiratet hatte , gab öffentliches Ärgernis , indem er , von den blonden Flechten und wasserblauen Augen seines Weibes gelangweilt , seine Flitterwochen abgekürzt , hatte und , in das schwedische Lager zurückgeeilt , eine blutjunge Slavonierin neben sich hielt . Diese hatte er , als ein Wegelagerer der er war , aus der Mitte einer niedergerittenen friedländischen Eskorte weggefangen . Nun ersuchte die Königin ihren Gemahl , diesem prahlerischen Ehebruch ein rasches Ende zu machen ; denn der Lauenburger , die Blicke nur des Königs ausweichend , prunkte vor seinen Standesgenossen mit der hübschen Beute und gönnte sich , als einem Reichsfürsten , die Sünde und den Skandal dazu . Gustav Adolf faßte die Sache als eine einfache Pflichterfüllung auf und gab kurzweg den Befehl , die Slavonierin – man nannte sie die Corinna – zu ergreifen und ihm vorzuführen in der achten Stunde , wo er von einem kurzen Rekognoszierungsritte zurück zu sein glaubte . Streng und menschlich zugleich , dachte er das Mädchen , dem er , den Lauenburger kennend , den kleinern Teil der Schuld beimaß , zu ermahnen und dann ihrem Vater in das wallensteinische Lager zuzusenden . Er verritt , den Pagen Leubelfing zurücklassend mit der Weisung , die Königin brieflich zu beruhigen ; er werde eine eigenhändige Zeile beifügen . Acht Uhr verstrich und der König war noch nicht wieder angelangt , wohl aber die Corinna , von ein paar grimmigen schwedischen Pikenieren begleitet , welche sie dem Pagen , der im Vorzimmer über seinem Briefe saß , Degen und Pistolen neben sich auf den Tisch gelegt , überlieferten . Vor dem Tore des Schlößchens stand ja eine Wache . Neugierig schickte der Page einen Blick über seine Buchstaben hinweg nach der Gefangenen , die er sich setzen hieß , und erstaunte über ihre Schönheit . Nur von mittlerer Größe , trug sie über vollen Schultern auf einem feinen Halse ein wohlgebildetes kleines Haupt . Wenig fehlte , stillere Augen , freiere Stirn , ruhigere Naslöcher und Mundwinkel , so war es das süße Haupt einer Muse , wie unmusenhaft die Corinna sein mochte . Pechschwarze Flechten und dunkeldrohende Augen bleichten das fesselnde Gesicht . Die in Unordnung geratene buntfarbige Kleidung , von keinem südlich leuchtenden Himmel gedämpft , erschien unter einem nordischen grell und aufdringlich . Der Busen klopfte sichtbar . Das Schweigen wurde dem Mädchen unerträglich . » Wo ist der König , Junker ? « fragte sie mit einer hohen , vor Erregung schreienden Stimme . » Ist verritten . Wird gleich zurück sein ! « antwortete Leubelfing in seiner tiefsten Note . » Der König bilde sich nur nicht ein , daß ich von dem Herzoge lasse « , fuhr das leidenschaftliche Mädchen mit unbändiger Heftigkeit fort . » Ich liebe ihn zum Sterben . Und wo sollte ich hin ? Zu meinem Vater ? Der würde mich grausam mißhandeln . Ich bleibe . Der König hat dem Herzog nichts zu befehlen . Mein Herzog ist ein Reichsfürst . « Offenbar plapperte die Angstvolle dem Lauenburger nach , welcher , ob auch an und für sich ein frevelhafter Mensch , seinen Fürstenmantel , halb im Hohn , halb im Ernst , allen seinen Missetaten umhing . » Nutzt ihm nichts , Jungfer « , versetzte der Page Gustav Adolfs . » Reichsfürst hin , Reichsfürst her , der König ist sein Kriegsherr , und der Lauenburger hat zu parieren . « » Der Herzog « , zankte die Slavonierin , » ist vom alleredelsten Blut , der König aber stammt von einem gemeinen schwedischen Bauer . « Ihr Freund , der Lauenburger , mochte ihr das aus dem Bauerkleide Gustav Wasas entstandene Märchen vorgestellt haben . Leubelfing erhob sich beleidigt und schritt bolzgerade auf die Corinna zu , machte dicht vor ihr halt und fragte gestreng : » Was sagst ? « Auch das Mädchen hatte sich ängstlich erhoben und fiel jetzt mit plötzlich verändertem Ausdruck dem Pagen um den Hals : » Teurer Herr ! Schöner Herr ! Helft mir ! Ihr müßt mir helfen ! Ich liebe den Lauenburger und lasse nicht von ihm ! Niemals ! « So rief und flehte sie und küßte und herzte und drückte den Pagen , dann aber wich sie in unsäglicher Verblüffung einen Schritt zurück und das seltsamste Lächeln der Welt irrte um ihren spöttisch verzogenen Mund . Der Page wurde bleich und fahl . » Schwesterchen « , lispelte die Corinna mit einem schlauen Blick , » wenn du deinen Einfluß « – in demselben Moment hatte Leubelfing sie mit kräftiger Linken am Arme gepackt , auf die Kniee niedergedrückt und den Lauf seines rasch ergriffenen Pistols der Schläfe des kleinen Kopfes genähert . » Drück los « , rief die Corinna halb wahnsinnig , » und der Lust und des Elends sei ein Ende ! « wich aber doch dem Lauf mit den behendesten und gelenkigsten Drehungen und Wendungen ihres Hälschens aus . Jetzt setzte ihr Leubelfing den kalten Ring des Eisens mitten auf die Stirn und sprach totenbleich , aber ruhig : » Der König weiß nichts davon , bei meiner Seligkeit . « Ein ungläubiges Lächeln war die Antwort . » Der König weiß nichts davon « , wiederholte der Page , » und du schwörst mir bei diesem Kreuz « – er hatte es ihr an einem goldenen Kettchen aus dem Busen gezerrt – » von wem hast du das ? von deiner Mutter , sagst du ? – Du schwörst mir bei diesem Kreuz , daß auch du nichts davon weißt ! Mach schnell , oder ich schieße ! « Aber der Page senkte seine Waffe , denn er vernahm Roßgestampf , das Gerassel des militärischen Saluts und die treppansteigenden schweren Tritte des Königs . Er warf noch einen Blick auf die sich von den Knieen erhebende Corinna , einen flehenden Blick , in welchem zu lesen war , was er nie ausgesprochen hätte : » Sei barmherzig ! Ich bin in deiner Gewalt ! Verrate mich nicht ! Ich liebe den König ! « Dieser trat ein , ein anderer Mann , als er vor zwei Stunden verritten war , streng wie ein Richter in Israel , in heiliger Entrüstung , in loderndem Zorn , wie ein biblischer Held , der ein himmelschreiendes Unrecht aus dem Mittel heben mußte damit nicht das ganze Volk verderbe . Er hatte einem empörenden Auftritt , einer ekelerregenden Szene beigewohnt : der Beraubung eines vor dem Friedländer in das schwedische Lager flüchtenden Haufens deutscher Bauern durch deutschen Adel unter Führung eines deutschen Fürsten . Die Herren hatten im Gezelt eines der Ihrigen bis zur Morgendämmerung gezecht , gewürfelt , gekartet . Ein Abenteurer zweifelhaftester Art , der Bank hielt , hatte sie alle ausgebeutelt . Den mutmaßlich falschen Spieler ließen sie nach einem kurzen Wortwechsel – er war von Adel – als einen Mann ihrer Gattung unangefochten ziehen , brachen dagegen , gereizt und übernächtig zu ihren Zelten kehrend , in ein Gewirr schwer beladener Wagen ein , das sich in einer Lagergasse staute . Der Lauenburger , der im Vorbeireiten sein Zelt öffnend das Nest leer gefunden und seinen Verdacht ohne weiteres auf den König geworfen hatte , kam ihnen nachgesprengt und feuerte ihre Raubgier zu einer Tat an , von welcher er wußte , daß sie , von dem Könige vernommen , Gustav Adolf in das Herz schneiden würde . Aber dieser sollte den Frevel mit Augen sehen . Mitten in den Tumult – Kisten und Kasten wurden erbrochen , Rosse niedergestochen oder geraubt , Wehrlose mißhandelt , sich zur Wehre Setzende verwundet – ritt der König hinein , zu welchem sich flehende Arme , Gebete , Flüche , Verwünschungen erhoben nicht anders als zum Throne Gottes . Der König beherrschte und verschob seinen Zorn . Zuerst gab er Befehl , für die mißhandelten Flüchtlinge zu sorgen , dann befahl er die ganze adelige Sippe zu sich auf die neunte Stunde . Heimreitend , hielt er vor dem Zelt des Generalgewaltigen , hieß ihn seinen roten Mantel umwerfen und – in einiger Entfernung – folgen . In dieser Stimmung befand sich König Gustav , als er die Beihälterin des Lauenburgers erblickte . Er maß das Mädchen , deren wilde Schönheit ihm mißfiel und deren grelle Tracht seine klaren Augen beleidigte . » Wer sind deine Eltern ? « begann er , es verschmähend , sich nach ihrem eigenen Namen oder Schicksal zu erkundigen . » Ein Hauptmann von den Kroaten ; die Mutter starb früh weg « , erwiderte das Mädchen , mit ihren dunkeln seinen hellen Augen ausweichend . » Ich werde dich deinem Vater zurücksenden « , sagte er . » Nein « , antwortete sie , » er würde mich erstechen . « Eine mitleidige Regung milderte die Strenge des Königs . Er suchte für das Mädchen einen geringen Straffall . » Du hast dich im Lager in Männerkleidern umgetrieben , dieses ist verboten « , beschuldigte er sie . » Niemals « , widersprach die Corinna aufrichtig entrüstet , » nie beging ich diese Zuchtlosigkeit . « » Aber « , fuhr der König fort , » du brichst die Ehe und machst eine edle junge Fürstin unglücklich . « Eine rasende Eifersucht loderte in den Augen der Slavonierin . » Wenn er nun mich mehr , mich allein liebt , was kann ich dafür ? Was kümmert mich die andere ? « trotzte sie wegwerfend . Der König betrachtete sie mit einem erstaunten Blicke , als frage er sich , ob sie je in eine christliche Kinderlehre gegangen sei . » Ich werde für dich sorgen « , sagte er dann . » Jetzt befehle ich dir : Du lässest von dem Lauenburger auf immer und ewig . Deine Liebe ist eine Todsünde . Wirst du gehorchen ? « Sie hielt erst mit zwei lodernden Fackeln , dann mit einem festen starren Blick den des Königs aus und schüttelte das Haupt . Dieser wendete sich gegen den Generalgewaltigen , der unter der Türe stand . » Was soll der mit mir ? « frug das Mädchen schaudernd . » Ist ' s der Henker ? Wird er mich richten ? « » Er wird dir die Haare scheren , dann bringt dich der nächste Transport nach Schweden , wo du in einem Besserungshause bleibst , bis du ein evangelisches Weib geworden bist . « Ein heftiger Stoß von wunderlichen Befürchtungen und unbekannten Schrecken warf das kleine Gehirn über den Haufen . Ein geschorenes Schädelchen , welche entehrendere , beschämendere Entblößung konnte es geben ! Schweden , das eisige Land mit seiner Winternacht , von welchem sie hatte fabeln hören , dort sei der Eingang zum Reiche der Larven und Gespenster ! Besserung ? Welche ausgesuchte , grausame Folter bedeutete dieses ihr unbekannte Wort ? Ein evangelisches Weib ? Was war das , wenn nicht eine Ketzerin ? Und so sollte sie zu alledem noch ihres bescheidenen himmlischen Teiles verlustig gehen ? Sie , die keine Fasten brach und keine fromme Übung versäumte ! Sie ergriff das Kreuz , das an dem zerrissenen Kettchen niederhing , und küßte es inbrünstig . Dann ließ sie die irren Augen im Kreise laufen . Diese blieben auf dem Pagen haften und Rachelust flammte darin auf . Sie öffnete den Mund , um den König , welcher sie des Ehebruchs geziehen , gleicherweise einen Ehebrecher zu schelten . Dieser stand ruhig beiseite . Er hatte den Brief des Pagen in die Hand genommen und durchflog denselben mit nahen Blicken . Seine aufmerksamen Züge , deren aus Gerechtigkeit und Milde gemischter Ausdruck etwas Majestätisches und Göttliches hatte , erschreckten die Corinna ; sie fürchtete sich davor als vor etwas Fremdem und Unheimlichem . Das wildwüchsige Mädchen , welches jedes von einer faßlichen Leidenschaft verzogene Männerantlitz richtig beurteilte , ohne davor zu erschrecken , wurde aus dieser veredelten menschlichen Miene nicht klug . Sie mochte den König nicht länger ansehen . Am Ende , dachte sie , ist der , Schneekönig ein gefrorener Mensch , der die Nähe des Weibes und die ihn heimlich umschleichende Liebe nicht spürt . Ich könnte das junge Blut verderben ! Wozu aber auch ? Und dann – sie liebt ihn . Jetzt trat der Profos einen Schritt vorwärts und streckte die Hand nach der Slavonierin aus . Diese gab sich verloren . Blitzschnell richtete sie sich an dem Pagen auf und wisperte ihm ins Ohr : » Laß mir zehn Messen lesen , Schwesterchen ! von den teuren ! Du bist mir eine dicke Kerze schuldig ! Nun , eine hat das Glück , die andere « – sie fuhr in die Tasche , zog einen Dolch heraus , schleuderte die Scheide ab und zerschnitt sich in einem kunstfertigen Zug die Halsader wie einem Täubchen . So mochte sie es in einer Feldküche gelernt und geübt haben . Der Generalgewaltige spreitete seinen roten Mantel , legte sie der Länge nach darauf , hüllte sie ein und trug sie wie ein schlafendes Kind auf beiden Armen durch eine Seitentüre hinweg . Jetzt wurde es im Nebenzimmer lebendig von allerhand ungebührlich laut geführten Unterhaltungen und mit dem Schlage neun trat der König , welchem Leubelfing die Flügeltür öffnete , unter die versammelten deutschen Fürsten und Herren . Sie bildeten in dem engen Raume einen dichtgedrängten Kreis und mochten ihrer fünfzig oder sechzig sein . Die Herrschaften hielten sich nicht allzu ehrerbietig , manche sogar nachlässig , als ob sie ebensowenig die Farbe der Scham als die Farbe der Furcht kennten : schlaue neben verwegenen , ehrgeizige neben beschränkten , fromme neben frechen Köpfen ; die Mehrzahl Leute , die ihren Mann stellten und mit denen gerechnet werden mußte . Links vom Könige hielt sich in bescheidener Haltung der Hauptmann Erlach , der eigentlich hier nichts zu suchen hatte . Dieser Kriegsmann war unter die Fahnen Gustav Adolfs getreten , als des gottesfürchtigsten Helden seiner Zeit , und hatte dem Könige oft bekannt , ihn jammere der Sünden , die er hier außen im Reiche sehen müsse : Undank , Maske , Fallstrick , Intrige , Kabale , verdecktes Spiel , verteilte Rollen , verwischte Spuren , Bestechung , Länderverkauf , Verrat , lauter in seinen helvetischen Bergen vollständig unbekannte und unmögliche Dinge . Er hatte sich hier eingefunden , vielleicht um seinem intimen Freunde , dem französischen Gesandten , welcher sich von seiner Sitteneinfalt angezogen fühlte , etwas Neues erzählen zu können , worauf die Franzosen brennen ! wie sie einmal sind ; vielleicht auch nur , um zur Erbauung seiner Seele einem Sieg der Tugend über das Laster beizuwohnen . Er kniff seelenruhig die Augen und wirbelte die Daumen der gefalteten Hände . Diesem Tugendbilde gegenüber , rechts vom Könige , stand die freche Sünde : der Lauenburger , mit unruhigen Füßen in seiner reichsten Tracht und seinem kostbarsten Spitzenkragen , dämonisch lächelnd und die Augen rollend . Er war einem Knecht des Gewaltigen begegnet , welchem dieser seinen Mantel übergeben . Unter dessen Falten hatte er eine Menschengestalt erkannt , war hinzugetreten und hatte das Tuch aufgeschlagen . Gustav maß die Versammlung mit einem verdammenden Blick . Dann brauste der Sturm . Seltsam – der König , gereizt durch den Widerspruch dieser stolzen Gesichter , dieser übermütigen Haltungen , dieser prunkenden Rüstungen mit dem Unadel der darunter schlagenden Herzen , bediente sich , um den Hochmut zu erniedrigen und das Verbrechen zu brandmarken , absichtlich einer groben , ja bäurischen Rede , wie sie ihm sonst nicht eigen war . » Räuber und Diebe seid ihr vom ersten zum letzten ! Schande über euch ! Ihr bestehlet eure Landsleute und Glaubensgenossen ! Pfui ! Mir ekelt vor euch ! Das Herz gällt mir im Leibe ! Für eure Freiheit habe ich meinen Schatz erschöpft – vierzig Tonnen Goldes – und nicht so viel von euch genommen um mir eine Reithose machen zu lassen ! Ja , eher bar wär ich geritten , als mich aus deutschem Gute zu bekleiden ! Euch schenkte ich , was mir in die Hände fiel , nicht einen Schweinestall hab ich für mich behalten ! « Mit so derben und harten Worten beschimpfte der König diesen Adel . Dann einlenkend , lobte er die Bravour der Herren , ihre untadelige Haltung auf dem Schlachtfelde und wiederholte mehrmals : » Tapfer seid ihr , ja , das seid ihr ! Über euer Reiten und Fechten ist nicht zu klagen ! « ließ dann aber einen zweiten noch heftigeren Zorn aufflammen : » Rebelliert ihr gegen mich « , forderte er sie heraus , » so will ich mich an der Spitze meiner Finnen und Schweden mit euch herumhauen , daß die Fetzen fliegen ! « Er schloß dann mit einer christlichen Vermahnung und der Bitte , die empfangene Lehre zu beherzigen . Herr Erlach trocknete sich mit der Hand eine Träne . Die Herren gaben sich die Miene , es fechte sie nicht sonderlich an , aber ihre Haltung war sichtlich eine bescheidenere geworden . Einige schienen ergriffen , ja gerührt . Das deutsche Gemüt erträgt eine grobe , redliche Schelte besser , als eine lahme Predigt oder einen feinen schneidenden Hohn . Insoweit wäre es nun gut und in der Ordnung gewesen . Da ließ der Lauenburger , halb gegen den König , halb gegen seine Standesgenossen gewendet , in nackter Frechheit ein ruchloses Wort fallen : » Wie mag Majestät über einen Dreck zürnen ? Was haben wir Herren verbrochen ? Unsere Untertanen erleichtert ! « Gustav erbleichte . Er winkte dem Generalgewaltigen , der hinter der Türe lehnte . » Lege diesem Herrn deine Hand auf die Schulter ! « befahl er ihm . Der Profos trat heran , wagte aber nicht zu gehorchen ; denn der Fürst hatte den Degen aus der Scheide gerissen und ein gefährliches Gemurmel lief durch den Kreis . Gustav entwaffnete den Lauenburger , stemmte die Klinge gegen den Fuß und ließ sie in Stücke springen . Dann ergriff er die breite behaarte Hand des Gewaltigen , legte und drückte selbst sie auf die Schulter des Lauenburgers , der wie gelähmt war , und hielt sie dort eine gute Weile fest , sprechend : » Du bist ein Reichsfürst , Bube , dir darf ich nicht an den Kragen , aber die Hand des Henkers bleibe über dir ! « Dann wandte er sich und ging . Der Profos folgte ihm mit gemessenen Schritten . Den Pagen Leubelfing , welchen die enge stehenden Herrschaften in eine Fensternische gedrängt hatten , vor der eine schwere Damastdecke mit riesigen Quasten niederhing , hatte der Vorgang bis zu einem krampfhaften Lachen ergötzt . Nach dem blutigen Untergange der Corinna , der ihn zugleich erschüttert und erleichtert hatte , waren ihm die von seinem Helden heruntergemachten Fürsten wie die Personen einer Komödie erschienen , ungefähr wie ein Knabe mit Vergnügen und unterdrücktem Gelächter seinen Vater , in dessen Hut er sich weiß und dessen Ansehn und Macht er bewundert , einen pflichtvergessenen Knecht schelten hört . Bei der ersten Silbe aber , welche der Lauenburger aussprach , war er zusammengeschrocken über die unheimliche Ähnlichkeit , welche die Stimme dieses Menschen mit der seinigen hatte . Derselbe Klang , dasselbe Mark und Metall . Und dieser Schreck wurde zum Grauen , als jetzt , nachdem König Gustav sich entfernt hatte , der Lauenburger eine erkünstelte Lache aufschlug und in die gellenden Worte ausbrach : » Er hat wie ein Stallknecht geschimpft , der schwedische Bauer ! Donnerwetter , haben wir den heute geärgert ! Pereat Gustavus ! Es lebe die deutsche Libertät ! Machen wir ein Spielchen , Herr Bruder , in meinem Zelt ? Ich lasse ein Fäßchen Würzburger anzapfen ! « und er legte seinen rechten Arm in den linken der Fürstlichkeit , die ihm zunächst stand . Dieser Herr aber zog seinen linken