« » Vor dem Kastell und zu den Füßen seines Weibes Stemma , die ihm den Willkomm kredenzt hatte « , erinnerte Gnadenreich . Karl verfiel in ein Nachdenken . » Eben habe ich für die Seele meines Vaters gebetet « , sagte er . » Kindliche Bande reichen in das Grab . Mich dünkt , Wulfrin , du darfst bei der Richterin nicht ausbleiben . Du bist es deinem Vater schuldig « Wulfrin schwieg trotzig . Jetzt griff der Kaiser rechts nach dem Hifthorn , um die ganze Schule zusammenzurufen und ihr seine Befehle zu geben . Es mangelte . Er hatte es im Palaste vergessen oder absichtlich zurückgelassen , um der Messe als ein Friedfertiger beizuwohnen . » Deines , Trotzkopf ! « gebot er und Wulfrin hob sich sein Hifthorn über das Haupt . Karl betrachtete es eine Weile . » Es ist von einem Elk « , sagte er , hob es an den Mund und stieß darein . Da gab das Horn einen so gewaltigen und grauenhaften Ton , daß nicht nur die Höflinge aus allen Ecken und Enden des Kapitols hervorstürzten , sondern auch , was sich ringsum von römischem Volke gehäuft hatte , erstaunt und erschreckt die Köpfe reckte , als nahe ein plötzliches Gericht . Karl aber stand wie ein Cherub . Im Gedränge des Aufbruchs machte sich der Bischofsneffe noch einmal an den Höfling . » Auf Wiedersehen in Malmort : du gehorchst ? « » Nein « , antwortete Wulfrin . Zweites Kapitel Zweites Kapitel Innerhalb der dicken Mauern eines wie aus dem Felsen gewachsenen rätischen Kastells sprudelte ein Quell in klösterlicher Stille . Durch die Zacken bemooster Ahorne rauschte der Abendwind mächtig über den Hof weg und schon rückte das Spätrot hinauf an dem klotzigen Gemäuer . Am Brunnen aber stand ein junges Mädchen und ließ den heftigen Strahl in einen Becher springen , aus dessen von Alter geschwärztem Silber er schäumend empor und ihr über die bloßen Arme spritzte . » Berg und Wetter sind gut « , murmelte sie . » Mir brannten die Sohlen von früh an ihm entgegenzurennen . Kommt er heute noch ? oder erst morgen ? oder übermorgen zum allerspätesten ! Graciosus verschwor sich , der Bruder ziehe mit dem Kaiser – nein , er reite ihm weit voraus ! Und der Kaiser ist nahe , was flüchteten sonst die Lombarden Hals über Kopf ? Bum ! « machte sie und ahmte den dumpfen Schlag einer Laue nach , dem bald ein zweiter und noch der dritte folgte , denn im Gebirge , das in Gestalt einer breiten blanken Firn über die Firste blickte , hatte es heute in einem fort gerieselt und geschmolzen . » Die ihr auf weißen Stürzen in den Abgrund schlittet , seid ihm hold , bärtige Zwerge ! Verberget ihm nicht den Pfad , verschüttet ihm nicht die Hufen des Rosses ! Sprudle , Flut ! Spül aus den Hauch des Todes ! Lust und Leben trinke der Bruder ! « und sie streckte den schlanken Arm . Dann hob sie den gebadeten Becher in die Höhe der Augen und buchstabierte den Elbenspruch , welchen sie sich deutlicher in das Herz schrieb , als er mit erblindeten Lettern in das Silber gegraben stand . Der Spruch aber lautete folgendermaßen : » Gesegnet seiest du ! Leg ab das Schwert und ruh ! Genieße Heim und Rast Als Herr und nicht als Gast ! Den Wulfenbecher hier Dreimal kredenz ich dir ! Erfreue dich am Wein ! Willkomm ... « Hier schloß entweder der zaubertüchtige Spruch oder dann kam noch etwas gänzlich Unleserliches , wenn es nicht zufällige Male der Verwitterung waren . Eigentlich wußte sie ihn schon lange auswendig . Sie sagte ihn vorwärts , das ging , rückwärts , das ging auch . Dann sah darauf an – zum wievielten Male ! – ob er ihr mundgerecht sei und von der Schwester dem Bruder sich sagen lasse , denn Graciosus hatte es erraten : sie liebkoste den Wunsch , mit dem Wulfenbecher dazustehen und ihn Wulfrin zu kredenzen . Ob es die Mutter erlaube ? Diese machte sich mit dem Becher nichts zu schaffen , sie ließ ihn wo er langeher seinen Platz hatte . Der Spruch gefiel dem Mädchen und es malte sich die Ankunft . » Das Horn klingt ! Oder wäre es möglich , daß er mich still beschliche ? mit heimlichen Schritten ? Aber nein , er will ja nichts von mir wissen – wenn Graciosus nicht seinen Scherz mit mir getrieben hat . Das Horn dröhnt ! Ich ergreife den Becher , fliege der Mutter voran – oder noch lieber , sie ist verritten und ich bin Herrin im Hause – jetzt naht er ! jetzt kommt er ! « Ihr Herz pochte . Sie begann zu zittern und zu zagen . » Er ist da ! er ist hinter mir ! « Sie wendete sich zögernd erst , dann plötzlich gegen das Burgtor . In der niedern Wölbung desselben stand kein Junger Held , aber lauernd drückte sich dort ein armseliger Pickelhering . Das Mädchen brach in ein enttäuschtes Gelächter aus und trat beherzt der Fratze entgegen . Es war ein Lombarde , das erriet sie aus den ziegelroten Nesteln seiner schmutzig-gelben Strümpfe . In die schreiendsten Farben gekleidet , wie sie Armut und Zufall zusammenwürfeln , trug der Kleine einen langausgedrehten pechschwarzen Spitzbart , der mit den gezackten Brauen und dem verzerrten Gesichte eine possierliche Maske schuf . » Wer bist du und was willst du ? « fragte das Mädchen . » Nur nicht gerufen , kleine Herrin oder vielmehr große Herrin , denn , bei meiner katholischen Seele ! du hast die Mutter dreimal handbreit überwachsen . Wo ist sie ? « Er schaute sich ängstlich um . Sein Blick fiel auf etwas Graues . In der Mitte des Hofes und im Schatten der Ahorne stand ein breiter Steinsarg , auf dessen Platte ein gewappneter Mann neben einem Weibe lag , das die Hände über der Brust faltete . » Ei , da hält ja unsere liebe Frau neben ihrem Alten stille Andacht « , spaßte der Lombarde , » und trübt kein Wässerchen , während sie zugleich in ihrer grünen Kraft bergauf bergab reitet und hängen und köpfen läßt . « Er blickte bedenklich zu dem prächtig gebildeten leuchterförmigen Ast eines Ahorns empor . » Hier würde ich ungerne prangen « , sagte er . » In Kürze : ich bin Rachis der Goldschmied und habe ein Geschäftchen mit dir . Liebst du deinen Bruder , junge Herrin ? « Diese plötzliche Frage setzte das Mädchen kaum in Erstaunen , das sich heute und gestern mit nichts anderem als nur mit diesem selben Gegenstande beschäftigt hatte . » Wie mein Leben « , sagte sie . » Das ist schön von dir , aber wenig fehlt , so liebst du einen Toten . Wulfrin der Höfling ist in unsere Gewalt geraten . « » Er lebt ? « schrie das Mädchen angstvoll . » Zur Not . Herzog Witigis zielt auf sein Herz – aber wird uns die Richterin nicht überraschen ? « » Nein , nein , sie ist nach Chur verritten . Rede ! schnell ! « » Nun , ich habe ein feines Ohr und weiß auch ein Loch in der Mauer , denn ich bin hier nicht unbekannter als der Marder im Hühnerhof . Also : dein Bruder ist in einen Hinterhalt gefallen . Er schlug um sich wie ein Rasender und unser sechse wichen vor ihm , die einen verwundet , die andern um es nicht zu werden . Doch sein Pferd rollte in den Abgrund und er selbst verirrte sich auf eine leere Felsplatte , wo wir ein Treiben auf ihn anstellten und ihm hinterrücks ein langes Jagdnetz über den Kopf warfen . Denn der Herzog wollte ihn lebendig fangen , um ihn über die Wege des Franken unsers Verderbers auszufragen . Der Trotzkopf aber verschwieg alles , auch den eigenen Namen . Da legte der Herzog den Pfeil auf den Bogen und – « Rachis tat einen grausamen Pfiff . » Du lügst ! er lebt ! « rief das Mädchen mutig . » Vorläufig . Der Herzog drückte nicht ab , denn – jetzt wird die Geschichte lustig – das junge Weib eines der Unsrigen , eine freigegebene Eigene der Richterin , wenig älter als du – « » Mein Gespiel Brunetta , das Kind Faustinens – « » Gerade diese sprang dazwischen . › Bei der durchlöcherten Seite Gottes ‹ , heulte sie , › der arme Herr trägt das Wulfenhorn und ist kein anderer als der Sohn des Comes , der im Steinbild auf Malmort liegt . Seine leibliche Schwester , Herrin Palma , hat mir von ihm erzählt , von klein an und in einem fort ohne Aufhören . Du darfst nicht sterben ‹ , wendete sie sich an den Gebundenen , › das wäre ihr ein großes Leid und tötete ihr das Herzchen . Denn wisse , du bist ihr Herzkäfer , wenngleich sie dich noch nie mit Augen gesehen hat . Sende hin und sie löst dich mit ihrem ganzen Geschmeide . Es sind köstliche Sachen . All ihr Kleinod hat die Richterin dem Kinde , sobald es seinen Wuchs hatte , gespendet und dahingegeben . ‹ So erfuhr Herzog Witigis den Namen seines Gefangenen und die blonde Rosmunde , die er um sich hat , das Dasein eines herrlichen Schatzes . Sie umhalste den Herzog und erflehte sich das Geschmeide von Malmort . Ihr Stirnband habe seine Perlen und ihr elfenbeinerner Kamm die Hälfte seiner Zähne verloren . Kurz , Goldschmied Rachis wurde an dich geschickt und bietet dir den Tausch . Wähle : Schmuck oder Bruder ! « Ehe noch der Lombarde geendigt hatte , stürzte das Mädchen gegen die Burg , die steile Treppe hinauf , verschwand in der Pforte und kam atemlos wieder , Schimmerndes und Klingendes in dem zur Schürze gefaßten hellen Oberkleide tragend . Dieses hielt sie mit der Linken , während die Rechte Stück um Stück wie aus einem Horte emporhob und den gekrümmten Fingern des Goldschmieds überantwortete . Spangen , Stirnbänder , Gürtel , Perlschnüre verschwanden in dem Sacke , welchen Rachis geöffnet hatte , auch für die blonden Flechten Rosmundens ein kunstvoller Kamm von Elfenbein mit dem Heiland und den Aposteln in erhabener Arbeit . Jedes durch seine Hände wandernde Stück begleitete der Goldschmied mit dem Lobe des Kenners , nicht ohne ein bißchen Bosheit , die dem begeisterten Mädchen seine Verluste fühlbar machen wollte . Sie zuckte nicht einmal mit dem Mund , sie leuchtete vor Freude bei der Hingabe alles ihres Besitzes . Da kam ihr denn doch ein Zweifel . » Du bist redlich ? « sagte sie . » Du schickst mir den Bruder ? Es ist besser , ich begleite dich ! « und sie machte sich wegfertig . » Unmöglich , Herrin « , widersprach der Lombarde , » das geht nicht ! Du entdecktest unsere Schlupfwinkel und gefährdetest mit dem Leben des Bruders auch das deinige . Die Richterin aber würde dich von uns geraubt glauben . Sei nicht unklug und gib dich nicht in fremde Gewalt ! « Er belud sich mit dem Sacke . » Ein Schlummerchen , Fräulein ! und wenn du die Augen wieder öffnest , hast du den Bruder , der dich Gold und Gut kostet . Das schwöre ich dir ! « Er senkte die drei Finger mit einem grimmigen Blicke gegen den Erdboden . » Bei dem da unten ! « gelobte er . » Ein glaubhafter Schwur ! « sprach eine weibliche Stimme . Rachis wendete sich erschrocken und bog das Knie vor einer behelmten Frau mit strengen Zügen , die den Speer , den sie in der Hand getragen , einem bewaffneten Knechte reichte . Die Richterin mochte aus Schonung für ihr ermüdetes Tier den steilen Burgweg zu Fuß erklommen haben . Sie faßte Palma schützend am Arm und blickte geringschätzig auf den Lombarden . » Schwürest du bei Gott und seinen Heiligen « , sagte sie , » so schwürest du falsch ; eher schwörst du die Wahrheit bei dem Vater der Lügen . Habet ihr euch nicht bei allem Göttlichen verpflichtet , ihr Lombarden , nie mehr in Rätien zu rauben und zu brennen ? Und jetzt da ihr , wie alles Böse , vor den Augen des Kaisers flüchtet , schleudert ihr rechts und links verheerende Flammen ! Ich komme von Chur und weiß um eure Taten , Eidbrüchige ! Sage du deinem Witigis , die Richterin würde ihm nachjagen und ihn züchtigen , wenn nicht ein Höherer käme und er ist schon da , dessen Hand ihn erreicht , flöhe er an die Enden der Erde ! « Jetzt fielen ihre Augen auf den Sack des Goldschmieds . » Was trägst du da weg , Dieb ? « fragte sie verächtlich . » Ein ehrlicher Handel « , beteuerte dieser und öffnete den Sack , während das Mädchen die Mutter stürmisch umarmte . » Ich kaufe den Bruder ! « rief sie . » Er ist in die Gewalt des Witigis geraten , der auf ihn zielt , bis ich der Frau Herzogin « – das unschuldige Kind erhob die blonde Rosmunde in den Ehestand – » meinen Schmuck gegeben habe , und wie gerne gebe ich ihn ! « Die Richterin machte sich von ihr los und fragte Rachis : » Ist das wahr ? « » Bei meinem Halse , Herrin ! « » Ich würde dir nicht glauben , wüßte ich nicht , daß der Höfling Wulfrin dem Kaiser voranreitet , und hätte ich nicht selbst eben jetzt in Chur gehört , daß die Lombarden einen Höfling gefangen haben . Dennoch kann es eine Lüge sein , denn es ist kaum glaublich , daß ein Tischgenosse Karls dem Feinde seinen Namen nennt und zu einem Mädchen um Lösung sendet . « » Nein , nein , Mutter , so war es nicht ! « rief Palma und erzählte den Vorgang . » Ein eitles Weib , dem ein Leben feil ist für einen Schmuck , das hat mehr Sinn « , meinte die Richterin . Sie schien zu überlegen . Dann warf sie einen Blick auf das Geschmeide . » Ich will den Höfling mit Byzantinern lösen « , sagte sie . » Das steht nicht in meinem Auftrag und würde der Rosmunde schlecht gefallen . « » Dann tue ich es nicht . « » Auch gut « , grinste Rachis . » So lässest du eben den Wulfrin umkommen . Du magst deine Gründe haben . Ganz wie du willst . « » Das willst du nicht , Mutter ! « jammerte Palma und stürzte auf die Kniee . » Nein , das will ich nicht « , sprach die Richterin mit nachdenklichen Brauen . » Warum auch ? Nimm das Zeug ! « und Rachis war weg . Das jubelnde Mädchen fiel der Mutter um den Hals und bedeckte den strengen Mund mit dankbaren Küssen . Dann raubte sie ihr den kriegerischen Helm so ungestüm , daß die Flechten des schwarzen Haares sich lösten und niederrollend dem entschlossenen Haupte der Richterin einen jugendlichen und leidenden Ausdruck gaben . Die nicht enden wollende Freude Palmas ermüdete endlich die Richterin . » Geh schlafen , Kind « , sagte sie , » es dunkelt . « » Schlafen ? Wer könnte das , bis Wulfrin ruft ? « » So wirf dich wie du bist auf das Polster . Was gilt ' s , ich finde dich schlummern ? Zu Bette , Hühnchen ! husch ! husch ! « und sie klatschte in die Hände . Palma flog die Stiege hinauf und die Richterin wendete sich zu Rudio ihrem Kastellan , der schon eine Weile ruhig harrend vor ihr stand . » Was meldest du ? « fragte sie . » Eine Albernheit , Herrin . Ich sah die Tür zu unserm Kerker sperrangelweit offen . Freilich hatte ich sie nicht verriegelt , da gerade niemand sitzt . Ich steige hinab und auf dem Stroh liegt ein Geschöpf , das ich in der letzten Helle mir nur mühsam enträtsle . Es war die Faustine , welche , wie du dich erinnerst , mit deiner Erlaubnis ihr Kind die Brunetta einem Lombarden , einem leidlichen Manne , den du auf mein Fürwort unter deinem Gesinde duldetest , zum Weibe gegeben hat . Jetzt da das fremde Volk wandert , hat auch ihr Kind sein Bündel geschnürt und das muß sie irre gemacht haben . Sie hat sich eine Hand in den Kettenring gezwängt und ist übrigens guten Mutes . › Meister Rudio ‹ , redete sie zu mir , › wetze dein Beil am Schleifstein und tue mir morgen nicht weher als recht ist . ‹ Ich schelte sie und will ihr den Arm aus der Fessel ziehen . › Welche Posse ! ‹ sage ich , › du bist ja die ehrliche Armut am Rocken und im Rübenfeld , die ihr Kind rechtschaffen großgezogen hat . Hier ist nicht dein Ort . Mit deinesgleichen habe ich nichts zu tun . ‹ Sie sperrte sich und sagte : › Das weißt du nicht , Rudio . Geh und rufe die Richterin . Die wird das Garn schon abwickeln und mir armem Weibe geben , was mir gehört . ‹ Sollte ich die Törin zerren ? Du steigst wohl hinab und bringst sie zurecht . « Die Richterin hieß Rudio eine Fackel anbrennen und ihr vorschreiten . In dem tiefen Gelasse saß ein gefesseltes Weib , das der Kastellan beleuchtete . Auf einen Wink der Herrin steckte er den brennenden Span in den Eisenring und ließ die Frauen allein . Stemma beugte sich über die freiwillig Eingekerkerte und befühlte ihr als geschickte Ärztin den Puls der freien Hand , welchen aber kein Fieber beschleunigte . » Faustine « , sagte sie , » was ficht dich an ? was ist über dich gekommen ? Dich verwirrt der Schmerz , daß du dich von deinem Kinde trennen mußtest Willst du ihr folgen ? Noch ist es Zeit . Ich gebe dich frei . Du bist nicht länger meine Eigene . Der Kaiser wird den Lombarden feste Sitze weisen und du behältst deine Brunetta . « Faustine schüttelte das Haupt . » Das fehlte noch « , sagte sie , » daß ich mich an die Sohlen der Brunetta heftete und auch ihr zum Fluche würde ! Richterin Stemma , nimm mir das ab ! « Sie wies auf ihren Kopf . » Du weißt ja wohl und langeher , daß ich meinen Mann ermordete . « Mit ruhigem Blicke prüfte Stemma das grellbeleuchtete knochige Gesicht der gleichaltrigen Räterin . Dann ließ sie sich auf eine Treppenstufe nieder und Faustine kroch zu ihren Knieen , ohne diese zu berühren . Ihre Augen waren gesund . » Herrin « , sagte sie , » du weißt alles , und wenn du mich ein Jahrzehnt und länger gnädig verschont und meine Missetat bedeckt hast , so war es , weil du nicht wolltest , daß die Brunetta , der unschuldige Wurm , zu Schanden komme . Ich durfte sie aufziehen und diese Gunst hast du mir erwiesen , weil ich dein Gespiel gewesen bin . Jetzt aber , da die Brunetta einem Manne folgt , ist kein Grund länger zu trödeln und zu tändeln . Laß uns die Sache ins reine bringen . Gib mir mein Urteil ! « Die Richterin erkannte aus der ganzen Gebärde Faustinens , daß diese bei Sinnen sei , und sosehr sie das schlimme Geständnis überraschte , sowenig gab sie den furchtbaren Ruf ihrer Allwissenheit preis . » Lege Bekenntnis ab « , sagte sie streng . » Das ist der Anfang der Reue . « Und Faustine begann : » Kurz ist die Geschichte . Der Schütze Stenio umwarb mich – « » Den der Eber , welchen er gefehlt hatte , schleifte und zerriß – « » Jener . Hernach gab mich der Judex seinem Reisigen Lupulus zur Ehe . Ich bequemte mich und doch – « sie hielt inne , um das reine Ohr Stemmas nicht zu beleidigen . Die Richterin half ihr und sagte ernst und traurig : » Und doch warest du das Weib des Toten . « Faustine nickte . » Dann , vor dem Altar , plötzlich , zu meinem Entsetzen – « » Fühltest du , daß du dem Toten gehörtest , du und ein Ungebornes « , half ihr die Richterin . Wieder nickte Faustine . » Das ist alles , Herrin « , sagte sie . » Lupulus , jähzornig wie er war , hätte mich umgebracht . Das Ungeborne aber verhielt mir den Mund und flüsterte mir Feindseliges gegen den Mann zu . « » Genug « , schloß Stemma . » Nur eines noch : woher hattest du das Gift ? « » Siehst du , Herrin « , rief das Weib , » daß du weißt , wie ich ihn tötete ! Das Gift hat mir Peregrin gezeigt . « » Peregrin ? « fragte die Richterin mit verhüllter Stimme . » Das ist nicht möglich « , sagte sie . » Er zeigte es mir und warnte mich davor . Ich irrte verzweifelnd unter den Kiefern von Silvretta . Da sehe ich ihn in seinem langen dunkeln Gewande , der sich bückt und Wurzeln gräbt . Blumen nickten mit braunen Glocken . Er ruft mich herbei , und eine dieser Blumen in der Hand , sagt er zu mir : › Frau , hüte dich und die Kinder vor diesem Gewächs ! Sein Saft tötet außer in den Händen des Arztes . ‹ Er meinte es gut mit seinem warnenden Blick unter dem braunen Gelocke hervor und hauchte mir doch einen grimmig bösen Gedanken an . Keine Schuld komme auf seine Seele ! Doch ich rede töricht . Er ist ja längst ein Engel Gottes , seit er nach der großen Ebene wandernd im Gebirge unterging , wie sie sagen , und das war nicht lange nach jener Stunde . Du erinnerst dich noch , der Judex dein Vater , dem er die Wunde heilte , hatte ihn abgelohnt , was dir unlieb war , da er dich als ein weiser Kleriker noch vieles hätte lehren können . « » Schwatze nicht « , gebot die Richterin , » und endige dein Bekenntnis Am folgenden Tage bist du aus deiner Hütte nach Silvretta gegangen und hast die Wurzeln gegraben ? « » Ja . Du rittest vorüber und ich duckte mich , damit du mich nicht erkennen möchtest , aber du wendetest dich zweimal im Sattel . Und nun sei barmherzig , Herrin , und gib mir mein Teil . « Sie ließ den Kopf auf die Brust fallen , so daß ihr der üppige schwarze Haarwuchs über das Gesicht sank . Stemma sann , auf Faustinen niederblickend , und zog ihr mit zerstreuten Fingern einen langen Strohhalm aus dem Haar . » Faustine mein Gespiel « , sagte sie endlich , » ich kann dich nicht richten . « Die ganze Faustine geriet in Aufruhr . » Warum nicht ? « schrie sie empört , » du mußt es , oder ich schreie , daß alle Mauern tönen : Sie hat ihren Mann umgebracht ! « Stemma verhielt ihr den Mund . » Laß das Totengebein ! « schalt sie , als drohe sie einem den verscharrten Knochen hervorkratzenden Hunde . » Sei barmherzig ! « flehte Faustine , » laß mir das Haupt abschlagen , nachdem es Gott gekostet und sein Kreuz geküßt hat . Dann wächst es mir im Himmel wieder an und , Stenio rechts , Lupulus links , sitzen wir auf einer Bank und geben uns die Hände . Danach verlangt mich « , und sie streckte den Hals . » Ich kann dich nicht richten , Törin « , sagte Stemma sanfter . » Aus drei Gründen nicht . Merk auf ! Als du deine Tat begingest , lebte und regierte noch der Judex mein Vater . Nach seinem Ende und dem des Comes , da ich das Richtschwert erbte , habe ich laut verkündigt : › Ab ist alles Geschehene ! Von nun an sündige keiner mehr ! ‹ Aber auch wenn ich dieses nicht hätte ausrufen lassen , könnte ich dennoch dich nicht richten und du gingest frei aus , denn seit deiner Tat sind fünfzehn völlige Jahre in das Land gegangen und hier ist uralter Brauch , daß Schuld verjährt in fünfzehn Jahren . « » Verjährt ? was ist das ? « fragte Faustine verblüfft . » Durch die Wirkung der Zeit ihre Kraft verliert . « Ein höhnisches Lachen lief blitzend über die weißen Zähne der Räterin . » Also zum Beispiel « , sagte sie , » wenn ich gestern noch meinen Mann vergiftet hatte und über Nacht wird die Zeit völlig , so bin ich heute keine Mörderin mehr . Diese Dummheit ! « » Doch , du bleibst eine Mörderin « , belehrte sie Stemma langmütig , » aber du hast mit dem irdischen Richter nichts mehr zu schaffen , sondern nur noch mit dem himmlischen . Sühne durch gute Werke ! Du hast den Anfang gemacht : fünfzehn mühselige und rechtschaffene Jahre wiegen . « » Nichts wiegen sie ! « zürnte Faustine . » Ich sehe schon , du willst meiner schonen ! Du heißest die Richterin , aber du bist die Ungerechte , du machst Ausnahmen , du siehst die Person an ! « » Schweige ! « befahl die Richterin . » Ich bin denn doch klüger als du und ich sage dir : deine Sache ist nicht mehr richtbar . Noch aus einem letzten Grunde . Ich kann dich nicht verdammen , auch wenn ich dir den Gefallen tun wollte , denn es steht kein Zeuge gegen dich als deine törichte Zunge . Aber weißt du was : gehe nach Chur und beichte dem Bischof . Er ist der Hirte und du bist das Schäflein . Er mag dir die härteste Buße auflegen : Fasten , schwere Dienste , härenes Hemde , blutige Geißelungen . Fordere sie , ist er dir zu milde ! Dann aber gib dich zufrieden ! Unterwirf dich ganz der Kirche : sie vertritt dich und du hast eine sichere Sache ! « Sie sagte das mit einem überzeugenden Lächeln . » Ich weiß nicht « , schluchzte Faustine , » Gott sei davor , daß eine Missetäterin wie ich seinere heiligen Kirche nicht gehorche . Aber anders wäre es einfacher gewesen . Geplagt habe ich mich schon und im Schweiße meines Angesichtes zerarbeitet fünfzehn Jahre lang mit dem Trost und Vorsatz , sobald mein Kind in sein Alter und an den Mann gekommen , stracks in den Himmel zu fahren . Jetzt verrückst du mir die kurze Leiter und vertrittst mir den Weg . « » Der nach Chur ist kurz und der an unser Erde ist nicht lang Gehorche , Faustine ! « Sie ergriff die Fackel und schritt die Stufen vorauf . Faustine folgte wie eine Seele in Pein . Unter dem Burgtor , das sich wie von selbst öffnete , denn der Wärtel hatte die wandernde Helle wahrgenommen , blickte die Richterin in die Nacht hinaus und sagte zu Faustinen : » Lege die Schuhe ab und laß die scharfen Kiesel deine Sohlen zerreißen , denn du bist eine große Sünderin ! « Weinend trat Faustine ihren dunkeln Weg an . Frau Stemma hatte recht gesagt . Da sie die hochgelegene Burgkammer betrat , schlief Palma . Neben ihren tiefen Atemzügen glomm auf einem Dreifuß eine hütende Flamme . Das Mädchen lag in ihrem ganzen Gewande auf dem Polster , die Hand über das Herz gelegt . Sie hatte das freudig pochende beruhigen wollen und war daran entschlummert . Die Mutter betrachtete die Gebärde und konnte sich der Erinnerung nicht erwehren . Nach dem Tode des Vaters und des Gatten und nach der Geburt Palmas hatte die noch nicht zwanzigjährige Richterin die Regierung ihres Erbes mit entschlossener Hand ergriffen . Die dem jungen und schönen Weibe unter einem verwilderten , begehrlichen Adel von selbst entstehenden Freier und Feinde hatte sie mit einer über ihre Jahre scharfsinnigen Politik veruneint und der Reihe nach mit den Waffen ihrer Lehensleute gebändigt . Helm und Schwert und die gerechte Sache der mutigen Richterin wurden von dem friedseligen Bischof Felix in seinem festen Hofe Chur mit weit ausgestreckten Händen gesegnet . Nach einigen stürmischen Jahren war Stemmas Herrschaft befestigt und es trat eine große Stille ein . Jetzt rächte sich die überhetzte Natur und Stemma verlor den Schlummer . Wenn sie nicht selbst ihn verscheuchte mit brennenden Leuchtern und endlosen Schritten . Nicht weit von dem Lager ihres Kindes , auf einer schmalen Bank in der tiefen Fensterwölbung saß sie damals oft mit verschlungenen Armen oder dann konnte sie lange , lange mit zwei Fläschchen spielen , welche sie in der Mauer verwahrte , und die der arzneikundige junge Kleriker Peregrin auf Malmort zurückgelassen hatte , da er von dannen zog , um spurlos im Gebirge zu verschwinden . Beide waren von starkem Kristall und hatten über den gläsernen Zapfen goldene Deckel , auf deren einem das Wort » Antidoton « mit griechischen Lettern eingekritzt war , während auf dem andern ein winziges Schlänglein sich krümmte . Mit diesen Fläschchen zu spielen bis der Tag anbrach wurde Stemma zu einem Bedürfnis . Da geschah es einmal , daß sie darüber einnickte und , als das Frühlicht sie weckte , das eine Fläschchen , das unbeschriebene , aus ihrer halbgeöffneten Hand verschwunden war . Sie geriet in entsetzliche Angst und suchte und suchte . Endlich fand sie es in dem Händchen ihres Kindes . Die kleine Palma