Euch dieses trefflichen Argumentes zu erinnern . « – Der Fryburger schenkte sich den Becher voll , leerte ihn langsam und schloß die Augen . Nach einigem Besinnen sagte er heiter : » Wenn die Herrschaften geruhn , mir nichts einzuwerfen und mich meine Gedanken ungestört entwickeln zu lassen , so hoff ich nicht übel zu bestehn . Angenommen also , Herr Schadau , Ihr wäret von Eurer calvinistischen Vorsehung seit der Wiege zur Hölle verdammt – doch bewahre mich Gott vor solcher Unhöflichkeit – gesetzt denn , ich wäre im voraus verdammt ; aber ich bin ja , Gott sei Dank , kein Calvinist ... « Hierauf nahm er einige Krumen des vortrefflichen Weizenbrotes , formte sie mit den Fingern zu einem Männchen , das er auf seinen Teller setzte mit den Worten : » Hier steht ein von Geburt an zur Hölle verdammter Calvinist . Nun gebt acht , Schadau ! – Glaubt Ihr an die zehn Gebote ? « » Wie , Herr ? « fuhr ich auf . » Nun , nun , man darf doch fragen . Ihr Protestanten habt so manches Alte abgeschafft ! Also Gott befiehlt diesem Calvinisten : Tue das ! Unterlasse jenes ! Ist solches Gebot nun nicht eitel böses Blendwerk , wenn der Mann zum voraus bestimmt ist , das Gute nicht tun zu können und das Böse tun zu müssen ? Und einen solchen Unsinn mutet Ihr der höchsten Weisheit zu ? Nichtig ist das , wie dies Gebilde meiner Finger ! « und er schnellte das Brotmännchen in die Höhe . » Nicht übel ! « meinte der Rat . Während Boccard seine innere Genugtuung zu verbergen suchte , musterte ich eilig meine Gegengründe ; aber ich wußte in diesem Augenblicke nichts Triftiges zu antworten und sagte mit einem Anfluge unmutiger Beschämung : » Das ist ein dunkler , schwerer Satz , der sich nicht leichthin erörtern läßt . Übrigens ist seine Behauptung nicht unentbehrlich , um den Papismus zu verwerfen , dessen augenfällige Mißbräuche Ihr selbst , Boccard , nicht leugnen könnt . Denkt an die Unsitten der Pfaffen ! « » Es gibt schlimme Vögel unter ihnen « , nickte Boccard . » Der blinde Autoritätsglaube ... « » Ist eine Wohltat für menschliche Schwachheit « , unterbrach er mich , » muß es doch in Staat und Kirche wie in dem kleinsten Rechtshandel eine letzte Instanz geben , bei der man sich beruhigen kann ! « » Die wundertätigen Reliquien ! « » Heilten der Schatten St. Petri und die Schweißtüchlein St. Pauli Kranke « , versetzte Boccard mit großer Gelassenheit , » warum sollten nicht auch die Gebeine der Heiligen Wunder wirken ? « » Dieser alberne Mariendienst ... « Kaum war das Wort ausgesprochen , so veränderte sich das helle Angesicht des Fryburgers , das Blut stieg ihm mit Gewalt zu Haupte , zornrot sprang er vom Sessel auf , legte die Hand an den Degen und rief mir zu : » Wollt Ihr mich persönlich beleidigen ? Ist das Eure Absicht , so zieht ! « Auch das Fräulein hatte sich bestürzt von seinem Sitze erhoben und der Rat streckte beschwichtigend beide Hände nach dem Fryburger aus . Ich erstaunte , ohne die Fassung zu verlieren über die ganz unerwartete Wirkung meiner Worte . » Von einer persönlichen Beleidigung kann nicht die Rede sein « , sagte ich ruhig . » Wie konnte ich ahnen , daß Ihr , Boccard , der in jeder Äußerung den Mann von Welt und Bildung bekundet und der , wie Ihr selbst sagt , gelassen über religiöse Dinge denkt , in diesem einzigen Punkte eine solche Leidenschaft an den Tag legen würdet . « » So wisset Ihr denn nicht , Schadau , was im ganzen Gebiete von Fryburg und weit darüber hinaus bekannt ist , daß Unsere liebe Frau von Einsiedeln ein Wunder an mir Unwürdigem getan hat ? « » Nein , wahrlich nicht « , erwiderte ich . » Setzt Euch , lieber Boccard , und erzählt uns das . « » Nun , die Sache ist weltkundig und abgemalt auf einer Votivtafel im Kloster selbst . In meinem dritten Jahre befiel mich eine schwere Krankheit und ich blieb infolge derselben an allen Gliedern gelähmt . Alle erdenklichen Mittel wurden vergeblich angewendet , aber kein Arzt wußte Rat . Endlich tat meine liebe gute Mutter barfuß für mich eine Wallfahrt nach Einsiedeln . Und , siehe da , es geschah ein Gnadenwunder ! Von Stund an ging es besser mit mir , ich erstarkte und gedieh und bin heute , wie Ihr seht , ein Mann von gesunden und geraden Gliedern ! Nur der guten Dame von Einsiedeln danke ich es , wenn ich heute meiner Jugend froh bin und nicht als ein unnützer , freudeloser Krüppel mein Herz in Gram verzehre . So werdet ihr es begreifen , liebe Herrn , und natürlich finden , daß ich meiner Helferin zeitlebens zu Dank verbunden und herzlich zugetan bleibe . « Mit diesen Worten zog er eine seidene Schnur , die er um den Hals trug und an der ein Medaillon hing , aus dem Wams hervor und küßte es mit Inbrunst . Herr Chatillon , der ihn mit einem seltsamen Gemisch von Spott und Rührung betrachtete , begann nun in seiner verbindlichen Weise : » Aber glaubt Ihr wohl , Herr Boccard , daß jede Madonna diese glückliche Kur an Euch hätte verrichten können ? « » Nicht doch ! « versetzte Boccard lebhaft , » die Meinigen versuchten es an manchem Gnadenorte , bis sie an die rechte Pforte klopften . Die liebe Frau von Einsiedeln ist eben einzig in ihrer Art. « » Nun « , fuhr der alte Franzose lächelnd fort , » so wird es leicht sein , Euch mit Euerm Landsmanne zu versöhnen , wenn dies bei Euerm wohlwollenden Gemüt und heitern Naturell , wovon Ihr uns allen schon Proben gegeben habt , noch notwendig sein sollte . Herr Schadau wird seinem harten Urteile über den Mariendienst in Zukunft nicht vergessen die Klausel anzuhängen : mit ehrenvoller Ausnahme der lieben Frau von Einsiedeln . « » Dazu bin ich gerne bereit « , sagte ich auf den Ton des alten Herrn eingehend , freilich nicht ohne eine innere Wallung gegen seinen Leichtsinn . Da ergriff der gutmütige Boccard meine Hand und schüttelte sie treuherzig . Das Gespräch nahm eine andere Wendung und bald erhob sich der junge Fryburger gute Nacht wünschend und sich beurlaubend , da er morgen in der ersten Frühe aufzubrechen gedenke . Nun erst , da das erregte Hin- und Herreden ein Ende genommen hatte , richtete ich meine Blicke aufmerksamer auf das junge Mädchen , das unserm Gespräch stillschweigend mit großer Spannung gefolgt war , und erstaunte über ihre Unähnlichkeit mit ihrem Vater oder Oheim . Der alte Rat hatte ein feingeschnittenes , fast furchtsames Gesicht , welches kluge , dunkle Augen bald wehmütig , bald spöttisch , immer geistvoll beleuchteten ; die junge Dame dagegen war blond und ihr unschuldiges , aber entschlossenes Antlitz beseelten wunderbar strahlende blaue Augen . » Darf ich Euch fragen , junger Mann « , begann der Parlamentrat , » was Euch nach Paris führt ? Wir sind Glaubensgenossen und wenn ich Euch einen Dienst leisten kann , so verfügt über mich . « » Herr « , erwiderte ich , » als Ihr den Namen Chatillon ausspracht , geriet mein Herz in Bewegung . Ich bin ein Soldatenkind und will den Krieg , mein väterliches Handwerk , erlernen . Ich bin ein eifriger Protestant und möchte für die gute Sache so viel tun , als in meinen Kräften steht . Diese beiden Ziele habe ich erreicht , wenn mir vergönnt ist unter den Augen des Admirals zu dienen und zu fechten . Könnt Ihr mir dazu verhelfen , so erweist Ihr mir den größten Dienst . « – Jetzt öffnete das Mädchen den Mund und fragte : » Habt Ihr denn eine so große Verehrung für den Herrn Admiral ? « » Er ist der erste Mann der Welt ! « antwortete ich feurig . – » Nun , Gasparde « , fiel der Alte ein , » bei so vortrefflichen Gesinnungen dürfest du für den jungen Herrn ein Fürwort bei deinem Paten einlegen . « » Warum nicht ? « sagte Gasparde ruhig , » wenn er so brav ist , wie er das Aussehen hat . Ob aber mein Fürwort fruchten wird , das ist die Frage . Der Herr Admiral ist jetzt , am Vorabend des flandrischen Krieges , vom Morgen bis in die Nacht in Anspruch genommen , belagert , ruhelos , und ich weiß nicht , ob nicht schon alle Stellen vergeben sind , über die er zu verfügen hat . Bringt Ihr nicht eine Empfehlung mit , die besser wäre als die meinige ? « » Der Name meines Vaters « , versetzte ich etwas eingeschüchtert , » ist vielleicht dem Admiral nicht unbekannt . « – Jetzt fiel mir aufs Herz , wie schwer es dem unempfohlenen Fremdling werden könnte , bei dem großen Feldherrn Zutritt zu erlangen , und ich fuhr niedergeschlagen fort : » Ihr habt recht , Fräulein , ich fühle , daß ich ihm wenig bringe : ein Herz und einen Degen , wie er über deren tausende gebietet . Lebte nur sein Bruder Dandelot noch ! Der stünde mir näher , an den würde ich mich wagen ! War er doch von Jugend auf in allen Dingen mein Vorbild : Kein Feldherr , aber ein tapferer Krieger ; kein Staatsmann , aber ein standhafter Parteigenosse ; kein Heiliger , aber ein warmes treues Herz ! « – Während ich diese Worte sprach , begann Fräulein Gasparde zu meinem Erstaunen erst leise zu erröten und ihre mir rätselhafte Verlegenheit steigerte sich , bis sie mit Rot wie übergossen war . Auch der alte Herr wurde sonderbarerweise verstimmt und sagte spitz : » Was werdet Ihr wissen , ob Herr Dandelot ein Heiliger war oder nicht ! Doch ich bin schläfrig , heben wir die Sitzung auf . Kommt Ihr nach Paris , Herr Schadau , so beehrt mich mit Euerm Besuche . Ich wohne auf der Insel St. Louis . Morgen werden wir uns wohl nicht mehr sehen . Wir halten Rasttag und bleiben in Melun . Jetzt aber schreibt mir noch Euern Namen in diese Brieftasche . So ! Gehabt Euch wohl , gute Nacht . « – Viertes Kapitel Viertes Kapitel Am zweiten Abende nach diesem Zusammentreffen ritt ich durch das Tor St. Honoré in Paris ein und klopfte müde , wie ich war , an die Pforte der nächsten , kaum hundert Schritte vom Tor entfernten Herberge . Die erste Woche verging mir in der Betrachtung der mächtigen Stadt und im vergeblichen Aufsuchen eines Waffengenossen meines Vaters , dessen Tod ich erst nach mancher Anfrage in Erfahrung brachte . Am achten Tage machte ich mich mit pochendem Herzen auf den Weg nach der Wohnung des Admirals , die mir unfern vom Louvre in einer engen Straße gewiesen wurde . Es war ein finsteres , altertümliches Gebäude und der Pförtner empfing mich unfreundlich , ja mißtrauisch . Ich mußte meinen Namen auf ein Stück Papier schreiben , das er zu seinem Herrn trug , dann wurde ich eingelassen und trat durch ein großes Vorgemach , das mit vielen Menschen gefüllt war , Kriegern und Hofleuten , die den durch ihre Reihen Gehenden mit scharfen Blicken musterten , in das kleine Arbeitszimmer des Admirals . Er war mit Schreiben beschäftigt und winkte mir zu warten , während er einen Brief beendigte . Ich hatte Muße , sein Antlitz , welches sich mir durch einen gelungenen , ausdrucksvollen Holzschnitt , der bis in die Schweiz gelangt war , unauslöschlich eingeprägt , mit Rührung zu betrachten . Der Admiral mochte damals fünfzig Jahre zählen , aber seine Haare waren schneeweiß und eine fieberische Röte durchglühte die abgezehrten Wangen . Auf seiner mächtigen Stirn , auf den magern Händen traten die blauen Adern hervor und ein furchtbarer Ernst sprach aus seiner Miene . Er schaute wie ein Richter in Israel . Nachdem er sein Geschäft beendigt hatte , trat er zu mir in die Fensternische und heftete seine großen blauen Augen durchdringend auf die meinigen . » Ich weiß was Euch herführt « , sagte er , » Ihr wollt der guten Sache dienen . Bricht der Krieg aus , so gebe ich Euch eine Stelle in meiner deutschen Reiterei . Inzwischen – seid Ihr der Feder mächtig ? Ihr versteht Deutsch und Französisch ? « – Ich verneigte mich bejahend . » Inzwischen will ich Euch in meinem Kabinett beschäftigen . Ihr könnt mir nützlich sein ! So seid mir denn willkommen . Ich erwarte Euch morgen um die achte Stunde . Seid pünktlich . « – Nun entließ er mich mit einer Handbewegung , und wie ich mich vor ihm verbeugte , fügte er mit großer Freundlichkeit bei : » Vergeßt nicht den Rat Chatillon zu besuchen , mit dem Ihr unterwegs bekannt geworden seid . « Als ich wieder auf der Straße war und dem Erlebten nachsinnend den Weg nach meiner Herberge einschlug , wurde mir klar , daß ich für den Admiral kein Unbekannter mehr war , und ich konnte nicht im Zweifel sein , wem ich es zu verdanken hatte . Die Freude , an ein ersehntes Ziel , das mir schwer zu reichen schien , so leicht gelangt zu sein , war mir von guter Vorbedeutung für meine beginnende Laufbahn , und die Aussicht unter den Augen des Admirals zu arbeiten gab mir ein Gefühl von eigenem Wert , das ich bisher noch nicht gekannt hatte . Alle diese glücklichen Gedanken traten aber fast gänzlich zurück vor etwas , das mich zugleich anmutete und quälte , lockte und beunruhigte , etwas unendlich Fragwürdigem , von dem ich mir durchaus keine Rechenschaft zu geben wußte . Jetzt nach langem vergeblichen Suchen wurde es mir plötzlich klar . Es waren die Augen des Admirals , die mir nachgingen . Und warum verfolgten sie mich ? Weil es ihre Augen waren . Kein Vater , keine Mutter konnten ihrem Kinde getreuer diesen Spiegel der Seele vererben ! Ich geriet in eine unsagbare Verwirrung . Sollten , konnten ihre Augen von den seinigen abstammen ? War das möglich ? Nein , ich hatte mich getäuscht . Meine Einbildungskraft hatte mir eine Tücke gespielt und um diese Gauklerin durch die Wirklichkeit zu widerlegen , beschloß ich eilig in meine Herberge zurückzukehren und dann auf der Insel St. Louis meine Bekannten von den drei Lilien aufzusuchen . Als ich eine Stunde später das hohe schmale Haus des Parlamentrats betrat , das , dicht an der Brücke St. Michel gelegen , auf der einen Seite in die Wellen der Seine , auf der andern über eine Seitengasse hinweg in die gotischen Fenster einer kleinen Kirche blickte , fand ich die Türen des untern Stockwerks verschlossen , und als ich das zweite betrat , stand ich unversehens vor Gasparde , die an einer offenen Truhe beschäftigt schien . » Wir haben Euch erwartet « , begrüßte sie mich , » und ich will Euch zu meinem Ohm führen , der sich freuen wird , Euch zu sehn . « Der Alte saß behaglich im Lehnstulle , einen großen Folianten durchblätternd , den er auf die dazu eingerichtete Seitenlehne stützte . Das weite Gemach war mit Büchern gefüllt , die in schön geschnitzten Eichenschränken standen . Statuetten , Münzen Kupferstiche bevölkerten , jedes an der geeigneten Stelle , diese friedliche Gedankenstätte . Der gelehrte Herr hieß mich , ohne sich zu erheben , einen Sitz an seine Seite rücken , grüßte mich als alten Bekannten und vernahm mit sichtlicher Freude den Bericht über meinen Eintritt in die Bedienung des Admirals . » Gebe Gott , daß es ihm diesmal gelinge ! « sagte er . » Uns Evangelischen , die wir leider am Ende doch nur eine Minderheit unter der Bevölkerung unserer Heimat sind , ohne verruchten Bürgerkrieg Luft zu schaden , gab es zwei Wege , nur zwei Wege : entweder auswandern über den Ozean in das von Kolumbus entdeckte Land – diesen Gedanken hat der Admiral lange Jahre in seinem Gemüte bewegt und , hätten sich nicht unerwartete Hindernisse dagegen erhoben , wer weiß ! – oder das Nationalgefühl entflammen und einen großen , der Menschheit heilbringenden auswärtigen Krieg führen , wo Katholik und Hugenott Seite an Seite fechtend in der Vaterlandsliebe zu Brüdern werden und ihren Religionshaß verlernen könnten . Das will der Admiral jetzt , und mir , dem Manne des Friedens , brennt der Boden unter den Füßen , bis der Krieg erklärt ist ! Die Niederlande vom spanischen Joche befreiend werden unsre Katholiken widerwillig in die Strömung der Freiheit gerissen werden . Aber es eilt ! Glaubt mir , Schadau , über Paris brütet eine dumpfe Luft . Die Guisen suchen einen Krieg zu vereiteln , der den jungen König selbständig und sie entbehrlich machen würde . Die Königin Mutter ist zweideutig – durchaus keine Teufelin , wie die Heißsporne unsrer Partei sie schildern , aber sie windet sich durch von heute auf morgen , selbstsüchtig nur auf das Interesse ihres Hauses bedacht . Gleichgültig gegen den Ruhm Frankreichs , ohne Sinn für Gutes und Böses , hält sie das Entgegengesetzte in ihren Händen und der Zufall kann die Wahl entscheiden . Feig und unberechenbar wie sie ist , wäre sie freilich des Schlimmsten fähig ! – Der Schwerpunkt liegt in dem Wohlwollen des jungen Königs für Coligny , und dieser König ... « hier seufzte Chatillon , » nun , ich will Euerm Urteil nicht vorgreifen ! Da er den Admiral nicht selten besucht , so werdet Ihr mit eignen Augen sehen . « Der Greis schaute vor sich hin , dann plötzlich den Gegenstand des Gesprächs wechselnd und den Titel des Folianten aufblätternd frug er mich : » Wißt Ihr , was ich da lese ? Seht einmal ! « Ich las in lateinischer Sprache : Die Geographie des Ptolemäus , herausgegeben von Michael Servetus . » Doch nicht der in Genf verbrannte Ketzer ? « frug ich bestürzt . » Kein anderer . Er war ein vorzüglicher Gelehrter , ja , soweit ich es beurteilen kann , ein genialer Kopf , dessen Ideen in der Naturwissenschaft vielleicht später mehr Glück machen werden , als seine theologischen Grübeleien . – Hättet Ihr ihn auch verbrannt , wenn Ihr im Genfer Rat gesessen hättet ? « » Gewiß , Herr ! « antwortete ich mit Überzeugung . » Bedenkt nur das eine : was war die gefährlichste Waffe , mit welcher die Papisten unsern Calvin bekämpften ? Sie warfen ihm vor , seine Lehre sei Gottesleugnung . Nun kommt ein Spanier nach Genf , nennt sich Calvins Freund , veröffentlicht Bücher , in welchen er die Dreieinigkeit leugnet , wie wenn das nichts auf sich hätte , und mißbraucht die evangelische Freiheit . War es nun Calvin nicht den Tausenden und Tausenden schuldig , die für das reine Wort litten und bluteten , diesen falschen Bruder vor den Augen der Welt aus der evangelischen Kirche zu stoßen und dem weltlichen Richter zu überliefern , damit keine Verwechslung zwischen uns und ihm möglich sei und wir nicht unschuldigerweise fremder Gottlosigkeit geziehen werden ? « Chatillon lächelte wehmütig und sagte : » Da Ihr Euer Urteil über Servedo so trefflich begründet habt , müßt Ihr mir schon den Gefallen tun , diesen Abend bei mir zu bleiben . Ich führe Euch an ein Fenster , das auf die Laurentiuskapelle hinüberschaut , deren Nachbarschaft wir uns hier erfreuen und wo der berühmte Franziskaner Panigarola heute abend predigen wird . Da werdet Ihr vernehmen , wie man Euch das Urteil spricht . Der Pater ist ein gewandter Logiker und ein feuriger Redner . Ihr werdet keines seiner Worte verlieren und – Eure Freude dran haben . – Ihr wohnt noch im Wirtshause ? Ich muß Euch doch für ein dauerndes Obdach sorgen – was rätst du , Gasparde ? « wandte er sich an diese , die eben eingetreten war . Gasparde antwortete heiter : » Der Schneider Gilbert , unser Glaubensgenosse , der eine zahlreiche Familie zu ernähren hat , wäre wohl froh und hochgeehrt , wenn er dem Herrn Schadau sein bestes Zimmer abtreten dürfte . Und das hätte noch das Gute , daß der redliche , aber furchtsame Christ unsren evangelischen Gottesdienst wieder zu besuchen wagte , von diesem tapfern Kriegsmanne begleitet . – Ich gehe gleich hinüber und will ihm den Glücksfall verkündigen . « – Damit eilte die Schlanke weg . So kurz ihre Erscheinung gewesen war , hatte ich doch aufmerksam forschend in ihre Augen geschaut und ich geriet in neues Staunen . Von einer unwiderstehlichen Gewalt getrieben , mir ohne Aufschub dieses Rätsels Lösung zu verschaffen , kämpfte ich nur mit Mühe eine Frage nieder , die gegen allen Anstand verstoßen hätte , da kam mir der Alte selbst zu Hilfe , indem er spöttisch fragte : » Was findet Ihr Besonderes an dem Mädchen , daß Ihr es so starr betrachtet ? « » Etwas sehr Besonderes « , erwiderte ich entschlossen , » die wunderbare Ähnlichkeit ihrer Augen mit denen des Admirals . « Wie wenn er eine Schlange berührt hätte , fuhr der Rat zurück und sagte gezwungen lächelnd : » Gibt es keine Naturspiele , Herr Schadau ? Wollt Ihr dem Leben verbieten ähnliche Augen hervorzubringen ? « » Ihr habt mich gefragt , was ich Besonderes an dem Fräulein finde « , versetzte ich kaltblütig , » diese Frage habe ich beantwortet . Erlaubt mir eine Gegenfrage : Da ich hoffe , Euch weiterhin besuchen zu dürfen , der ich mich von Euerm Wohlwollen und von Euerm überlegenen Geiste angezogen fühle , wie wünscht Ihr , daß ich fortan dieses schöne Fräulein begrüße ? Ich weiß , daß sie von ihrem Paten Coligny den Namen Gasparde führt , aber Ihr habt mir noch nicht gesagt , ob ich die Gunst habe mit Eurer Tochter , oder mit einer Eurer Verwandten zu sprechen . « » Nennt sie , wie Ihr wollt ! « murmelte der Alte verdrießlich und fing wieder an , in der Geographie des Ptolemäus zu blättern . Durch dies absonderliche Benehmen ward ich in meiner Vermutung bestärkt , daß hier ein Dunkel walte , und begann die kühnsten Schlüsse zu ziehn . In der kleinen Druckschrift , die der Admiral über seine Verteidigung von St. Quentin veröffentlicht hatte und die ich auswendig wußte , schloß er ziemlich unvermittelt mit einigen geheimnisvollen Worten , worin er seinen Übertritt zum Evangelium andeutete . Hier war von der Sündhaftigkeit der Welt die Rede , an welcher er bekannte auch selber teilgenommen zu haben . Konnte nun Gaspardes Geburt nicht im Zusammenhange stehn mit diesem vorevangelischen Leben ? So streng ich sonst in solchen Dingen dachte , hier war mein Eindruck ein anderer ; es lag mir diesmal ferne einen Fehltritt zu verurteilen , der mir die unglaubliche Möglichkeit auftat , mich der Blutsverwandten des erlauchten Helden zu nähern – wer weiß , vielleicht um sie zu werben . Während ich meiner Einbildungskraft die Zügel schießen ließ , glitt wahr scheinlich ein glückliches Lächeln durch meine Züge , denn der Alte , der mich insgeheim über seinen Folianten weg beobachtet hatte , wandte sich gegen mich mit unerwartetem Feuer : » Ergötzt es Euch , junger Herr , an einem großen Mann eine Schwäche entdeckt zu haben , so wißt : Er ist makellos ! – Ihr seid im Irrtume . Ihr betrügt Euch ! « Hier erhob er sich wie unwillig und schritt das Gemach auf und nieder , dann , plötzlich den Ton wechselnd , blieb er dicht vor mir stehen , indem er mich bei der Hand faßte : » Junger Freund « , sagte er , » in dieser schlimmen Zeit , wo wir Evangelischen aufeinander angewiesen sind und uns wie Brüder betrachten sollen , wächst das Vertrauen geschwind ; es darf keine Wolke zwischen uns sein . Ihr seid ein braver Mann und Gasparde ist ein liebes Kind . Gott verhüte , daß etwas Verdecktes Eure Begegnung unlauter mache . Ihr könnt schweigen , das trau ich Euch zu ; auch ist die Sache ruchbar und könnte Euch aus hämischem Munde zu Ohren kommen . So hört mich an ! Gasparde ist weder meine Tochter , noch meine Nichte ; aber sie ist bei mir aufgewachsen und gilt als meine Verwandte . Ihre Mutter , die kurze Zeit nach der Geburt des Kindes starb , war die Tochter eines deutschen Reiteroffiziers , den sie nach Frankreich begleitet hatte . Gaspardes Vater aber « , hier dämpfte er die Stimme – » ist Dandelot , des Admirals jüngerer Bruder , dessen wunderbare Tapferkeit und frühes Ende Euch nicht unbekannt sein wird . Jetzt wißt Ihr genug . Begrüßt Gasparde als meine Nichte , ich liebe sie wie mein eigenes Kind . Im übrigen haltet reinen Mund , und begegnet ihr unbefangen . « Er schwieg und ich brach das Schweigen nicht , denn ich war ganz erfüllt von der Mitteilung des alten Herrn . Jetzt wurden wir , uns beiden nicht unwillkommen , unterbrochen und zum Abendtische gerufen , wo mir die holdselige Gasparde den Platz an ihrer Seite anwies . Als sie mir den vollen Becher reichte und ihre Hand die meinige berührte , durchrieselte mich ein Schauer , daß in diesen jungen Adern das Blut meines Helden rinne Auch Gasparde fühlte , daß ich sie mit andern Augen betrachte als kurz vorher , sie sann und ein Schatten der Befremdung glitt über ihre Stirne , die aber schnell wieder hell wurde , als sie mir fröhlich erzählte , wie hoch sich der Schneider Gilbert geehrt fühle mich zu beherbergen . » Es ist wichtig « , sagte sie scherzend , » daß Ihr einen christlichen Schneider an der Hand habt , der Euch die Kleider streng nach hugenottischem Schnitte verfertigt . Wenn Euch Pate Coligny , der jetzt beim König so hoch in Gunsten steht , bei Hofe einführt und die reizenden Fräulein der Königin Mutter Euch umschwärmen , da wäret Ihr verloren , wenn nicht Eure ernste Tracht sie gebührend in Schranken hielte . « Während dieses heitern Gespräches vernahmen wir über die Gasse , von Pausen unterbrochen , bald langgezogene , bald heftig ausgestoßene Töne , die den verwehten Bruchstücken eines rednerischen Vortrags glichen , und als bei einem zufälligen Schweigen ein Satz fast unverletzt an unser Ohr schlug , erhob sich Herr Chatillon unwillig . » Ich verlasse Euch ! « sagte er , » der grausame Hanswurst da drüben verjagt mich . « – Mit diesen Worten ließ er uns allein . » Was bedeutet das ? « fragte ich Gasparde . » Ei « , sagte sie , » in der Laurentiuskirche drüben predigt Pater Panigarola . Wir können von unserm Fenster mitten in das andächtige Volk hineinsehen und auch den wunderlichen Pater erblicken . Den Oheim empört sein Gerede , mich langweilt der Unsinn , ich höre gar nicht hin , habe ich ja Mühe in unsrer evangelischen Versammlung , wo doch die lautere Wahrheit gepredigt wird , mit Andacht und Erbauung , wie es dem heiligen Gegenstande geziemt , bis ans Ende aufzuhorchen . « – Wir waren unterdessen ans Fenster getreten , das Gasparde ruhig öffnete . Es war eine laue Sommernacht und auch die erleuchteten Fenster der Kapelle standen offen . Im schmalen Zwischenraume hoch über uns flimmerten Sterne . Der Pater auf der Kanzel , ein junger blasser Franziskanermönch mit südlich feurigen Augen und zuckendem Mienenspiel , gebärdete sich so seltsam heftig , daß er mir erst ein Lächeln abnötigte ; bald aber nahm seine Rede , von der mir keine Silbe entging , meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch . » Christen « , rief er , » was ist die Duldung , welche man von uns verlangt ? Ist sie christliche Liebe ? Nein , sage ich , dreimal nein ! Sie ist eine fluchwürdige Gleichgültigkeit gegen das Los unsrer Brüder ! Was würdet ihr von einem Menschen sagen , der einen andern am Rande des Abgrunds schlummern sähe und ihn nicht weckte und zurückzöge ? Und doch handelt es sich in diesem Falle nur um Leben und Sterben des Leibes . Um wieviel weniger dürfen wir , wo ewiges Heil oder Verderben auf dem Spiele steht , ohne Grausamkeit unsern Nächsten seinem Schicksal überlassen ! Wie ? Es wäre möglich , mit den Ketzern zu wandeln und zu handeln , ohne den Gedanken auftauchen zu lassen , daß ihre Seelen in tödlicher Gefahr schweben ? Gerade unsre Liebe zu ihnen gebietet uns , sie zum Heil zu überreden und , sind sie störrisch , zum Heil zu zwingen , und sind sie unverbesserlich , sie auszurotten , damit sie nicht durch ihr schlechtes Beispiel ihre Kinder , ihre Nachbarn , ihre Mitbürger in die ewigen Flammen mitreißen ! Denn ein christliches Volk ist ein Leib , von dem geschrieben steht : Wenn dich dein Auge ärgert , so reiße es aus ! Wenn dich deine rechte Hand ärgert , so haue sie ab und wirf sie von dir , denn , siehe , es ist dir besser , daß eines deiner Glieder verderbe , als daß dein ganzer Leib in das nie verlöschende Feuer geworfen werde ! « – Dies ungefähr war der Gedankengang des Paters , den er aber mit einer leidenschaftlichen Rhetorik und mit ungezügelten Gebärden zu einem wilden Schauspiel verkörperte . War es nun das ansteckende Gift des Fanatismus oder das grelle von oben fallende Lampenlicht , die Gesichter der Zuhörer nahmen einen so verzerrten und , wie mir schien , blutdürstigen Ausdruck an , daß mir auf einmal klarwurde , auf welchem Vulkan wir Hugenotten