Sonne lag brütend auf der engen Ecke , und Alles , was lebte , hatte sich hinter die kühlen Mauern geflüchtet . „ Ja , ich glaub ’ s auch , “ entgegnete der Alte , „ heute kommt sie nicht mehr , sie hat sich zu sehr erschreckt ; möchte nur wissen , warum . Sie geht freilich allen Menschen aus dem Wege , aber das thut sie gewöhnlich still , ohne daß es die Andern groß merken … Ich weiß nicht , was heute in sie gefahren ist , Sie sehen doch wahrhaftig nicht so aus , daß man sich fürchten müßte , Herr Werner ! “ Der Blick des Alten glitt bei diesen Worten wohlgefällig über die auffallend schöne , imposante Gestalt des jungen Mannes ; der aber zog seine Brieftasche hervor und zeigte Jacob die gefundene Bleistiftzeichnung . „ Ach , das ist Lenchen ihre sel ’ ge Mutter ! “ sagte dieser , „ das Bildchen hat die Kleine selbst aus dem Gedächtniß gemacht . “ „ Wie , “ rief Werner erstaunt , „ das junge Mädchen ? “ „ Ja wohl , die malt , wie irgend Einer . , Setze Dich hierher , Jacob , ’ sagt sie manchmal , wenn wir hier oben zusammensitzen . , Siehst Du , da kommt ein heller Sonnenstrahl , der fällt gerade auf Deinen Kopf , so muß ich Dich zeichnen ’ … und da dauert ’ s keine Viertelstunde , da steh ’ ich alter Kerl da auf dem Papier , daß die Leute hell auflachen , so ähnlich ist ’ s. … Da wohnte lange Jahre ein alter Maler im Kloster . Er soll seine Sache recht gut verstanden haben , allein er war aus der Mode gekommen , die vornehmen Leute sagten , er lege nicht den rechten Verstand in die Gesichter … du lieber Gott , da mag auch manchmal guter Rath theuer gewesen sein , denn Etwas malen , was nicht da ist , dazu gehört wohl ebensoviel Kunst , als wenn man Glocken läuten will , die keinen Klöppel haben . … Nun , der alte Mann hat gemerkt , daß in dem Lenchen was steckt ; er hat sie hergenommen und hat ihr gezeigt , wie man die Bilder macht , und bald hat sie ihm geholfen an den Carmen und Pathenbriefen , welche die gemeinen Leute gern schön gemalt haben . Der Alte ist nun vor ein paar Jahren gestorben und Lenchen hat seine Kundschaft gekriegt , sie verdient manchen Groschen damit . “ Der alte Jacob hatte , während er noch mit Werner sprach , einige Luken zugemacht , schüttelte sich den Staub von Rock und Mütze , der hier oben massenhaft bei jedem Schritt aufwirbelte , und verließ darauf , nachdem er noch liebkosend mit der Hand über die große , prächtige Glocke gestrichen hatte , mit dem jungen Manne den Thurm . Sie schritten durch mehrere Straßen , bis sie vor einem großen , etwas düster aussehenden Gebäude – Werner ’ s Hause – stehen blieben . Hier sagte der junge Mann : „ Um in die Schwemme zu reiten , bist Du nun zu alt , lieber Jacob ; die Aepfel vom Baume kann ich mir jetzt auch selbst holen , denn ich habe ein Paar tüchtige Arme , wie Du siehst . Aber eine männliche Aufsicht in meinem Haus und Garten und ein treues , ehrliches Gesicht , welches mir jeden Augenblick meine fröhliche Kinderzeit zurückruft , das kann ich brauchen . Wenn Du also willst , guter Alter , so kannst Du sammt Deiner Frau jeden Tag in die hübsche Hofwohnung meines Hauses einziehen . Es ist mir eine Freude , für Deine alten Tage zu sorgen . Deshalb aber bleibt es Dir doch unverwehrt , den Glocken und Deinem scheuen Liebling aus dem Thurme jeden Sonntag Deinen Besuch zu machen . “ Jacob sah ihn an , als träume er . Zitternd faßte er die Hand Werner ’ s , brachte aber in all seiner Glückseligkeit nichts weiter heraus , als : „ Ach , Herr , ob ich will ! … Mit tausend Freuden , ja ! Aber lassen Sie mich jetzt geschwind heim . … Was wird nur meine Alte dazu sagen , die springt deckenhoch vor Freude , wenn ’ s noch geht mit ihren alten Beinen ! “ Und damit rannte er spornstreichs die Straße hinab . Werner faßte den blanken Messingknopf an der Hausthür und läutete . Alsbald erschien droben im schrägen Spiegel am Fenster ein altes Damengesicht mit hochmüthigen , harten Zügen , von einer sehr gesteiften , schneeweißen Haube umgeben ; es verschwand ebenso schnell wieder und sogleich öffnete sich der Thorflügel mit jener Schwerfälligkeit und Vornehmheit , wie sich massive Thorflügel in alten und reichen Häusern zu öffnen pflegen . Der junge Werner war das einzige Kind sehr vermögender , angesehener Eltern , die er jedoch schon im fünfzehnten Jahre verlor . Ein alter Onkel , geistlichen Standes und in einer entfernten Stadt wohnend , wurde sein Vormund und nahm ihn zu sich . Hier erhielt er eine vortreffliche Erziehung . Er besuchte das dortige Gymnasium , bezog später die Universität und ging dann nach Italien , dem Ziel seiner heißesten Jugendwünsche . Er hatte ein ausgezeichnetes Malertalent und lebte dort , völlig unabhängig durch sein Vermögen , nur der Kunst . Nach sechsjährigem Aufenthalt im Süden erfaßte ihn jedoch mit einem Male das Heimweh und er kehrte nach Deutschland zurück , um wenigstens auf einige Zeit wieder an dem Orte zu leben , wo er ein glückliches , vorzüglich von der Mutter zärtlich geliebtes Kind gewesen war . Eine alte , verwittwete Tante hatte während seiner langen Abwesenheit sein Vaterhaus bewohnt und im Stand erhalten , und so fand er bei seiner Zurückkunft wenigstens eine bequeme Häuslichkeit , wenn auch kein treuer Mutterarm ihn mehr empfing und jener Diebesstrahl des mütterlichen Auges erloschen war , der seine Kindheit verklärt hatte . Wer zu der Seejungfer wollte , der mußte durch den düstern , von alten verfallenen Gebäuden eingeschlossenen Klosterhof . Im Flügel rechts befand sich eine Thür , deren hoher , gewölbter Bogen noch sehr schöne Spuren eines kunstreichen Meißels trug ; an der Thür selbst aber waren einzelne Breter aus dem Gefüge gewichen , was seltsam contrastirte mit dem ungeheuren Schloß und den massiven , eisernen Beschlägen , die für alle Zeiten gemacht zu sein schienen . Dieser Eingang führte in ein kellerartiges Gewölbe ; am Ende dieses liefen Ganges lief eine schiefe , halsbrechende Treppe in das obere Stockwerk . Hier wohnte die Seejungfer und da war es licht und sonnenhell , wenn auch klein und eng – man vergaß in dem sauberen Wohnstübchen mit dem ungeheuren Kachelofen und den weißgescheuerten tannenen Möbeln sofort den unheimlichen Eingang . An dem offenen Fenster , das hinaus auf die Mauer führte , saß Magdalene . Zu ihren Füßen stand ein Korb mit frisch gebügelter Wäsche , und der Fingerhut an der Hand und ein Stück Leinenzeug auf ihrem Schooße zeigten , daß sie beschäftigt war , die Wäsche auszubessern . Aber die Nadel ruhte . Betrachtete man diese hohe Mädchengestalt , so mußte sich unwillkürlich der Blick des Beschauers fragend nach der Zimmerdecke richten , ob sie wirklich beabsichtige , so niedrig , schief und angeräuchert hängen zu bleiben über diesem schönen Haupte , das so stolz auf dem Nacken saß , über dieser ausdrucksvollen Stirn und den wunderbaren Augen darunter . … Das altmodische Schränkchen mit den Glasthüren und den grünen Wollvorhängen stand offen . Die Bücherreihen darin sahen nicht mehr neu aus , einige davon erschienen sogar recht abgegriffen , auch standen sie durchaus nicht so schön steif da , wie die wohlgeordneten Truppen vornehmer Bibliotheken , die zwar ausgezeichnet equipirt werden , sehr selten aber in ’ s Treffen kommen – man sah vielmehr einzelne , die flüchtig und halb hineingesteckt waren , [ 578 ] um vielleicht in Folge eines raschen Gedankens gleich wieder bei der Hand zu sein . Es standen ehrenwerthe Namen auf den kleinen , rothen Vignetten , Namen , vor denen die ganze Welt sich beugt und die hier in einem ärmlichen Erdenwinkel den ganzen Segen ihres Wirkens in ein von der sogenannten Welt völlig ausgeschlossenes Gemüth streuten . Der alte Maler , der Magdalene im Zeichnen unterrichtet hatte , war ein vielseitig gebildeter Mann gewesen . Er hatte das junge Mädchen zuerst auf den kostbaren Schatz im Glasschranke aufmerksam gemacht und ihr nach und nach selbst die Bücher in die Hand gegeben , wie sie in strenger Reihenfolge ihrem sich ungemein rasch entwickelnden , feurigen Geist nützen mußten . Nach stillschweigender Uebereinkunft zwischen ihm und der Seejungfer brachte er stets die langen Winterabende im warmen , gemüthlichen Stübchen derselben zu und las , von Suschens unermüdlich schnurrendem Spinnrad traulich accompagnirt , Magdalenen vor , oder erklärte ihr die Stellen , die ihr dunkel geblieben waren . Als ein von der undankbaren Welt vergessener Mann war er jedoch nicht ohne Bitterkeit . Ein entschiedener Feind der meisten socialen Einrichtungen , zog er oft mit schneidender Ironie gegen dieselben zu Felde und beleuchtete grell ihre Lächerlichkeiten und Widersprüche . Daß diese Saat üppig ausschoß in einem jungen Herzen , dessen heißes Empfinden überall an die zurückweisenden Schranken der Welt stieß und so in sich verglühen mußte , konnte wohl nicht anders sein . Auf diese Weise kam es , daß , während der Geist des jungen Mädchens jubelnd das Reich der ideale betrat , welches ihr alter Freund in den Werken großer Meister vor ihr aufschloß , ihr Gemüth einem finsteren Dämon verfiel , dem tiefsten Mißtrauen gegen die Menschen , geschöpft aus den Lebenserfahrungen des verbitterten Alten und aus einer trüben Kindheit . Magdalene hatte den Kopf an die Fensterbekleidung gelehnt . Sie merkte es nicht , daß eine kleine Weinranke von draußen hereinkam und sich schmeichelnd auf ihr Haar legte ; auch den kleinen , vorwitzigen Sperling sah sie nicht , der nahe an ihre Schulter herantrippelte und Brodkrumen suchte , die sie ihm oft hinstreute . Sie blickte träumerisch vor sich hin und hielt in der herabgesunkenen Hand mehrere zusammengeheftete Papiere . Es waren alte , vergilbte Blätter , eine Anzahl von dem verstorbenen Leberecht zierlich geschriebener Verse enthaltend – Gedichte voll Schwung und Gluth , voll tiefen Leidens und schmerzlicher Resignation . Auf dem Titelblatt stand „ An Friederike “ . Langsame Tritte draußen auf der knarrenden Treppe schreckten das junge Mädchen aus ihrem Nachsinnen auf . Sie eilte nach der Thür und nahm der eintretenden Seejungfer einen leeren Korb und den Mantel ab , den sie sorgfältig an den Nagel hing , dann schob sie der Muhme den alten Sorgenstuhl des verstorbenen Schusters hin und holte den Nachmittagskaffee aus der Küche . Die Seejungfer sah ihrer Geschäftigkeit freundlich zu , gleichwohl hatte sie einen etwas mürrischen , unzufriedenen Zug um den Mund , der sich auch durchaus nicht unterdrücken lassen wollte . Sie sagte deshalb , nachdem sie die schwarze Bürgerhaube der Schonung wegen mit einer buntkattunenen Hausmütze vertauscht hatte : „ Höre , Lenchen , ich bin der Frau Schmidt begegnet . Sie wollte mir zehn Groschen geben , weil Du sie durchaus nicht genommen hättest , sagte sie . Guck , mein Töchterchen , “ fuhr die Alte fort , „ es heißt in der Bibel : ‚ Brich dem Hungrigen dein Brod ’ , das hat mir mein seliger Vater oft genug gesagt , obgleich es bei uns nicht ein einziges Mal vorgekommen ist , daß sich ein Anderer an den Spruch gehalten hätte , und wir waren manchmal recht in Noth . Na , das thut nichts , ich hab ’ mich mein Lebtag an das Wort Gottes gehalten , so viel ich konnte : aber es hat Alles seine Grenzen … Da hast Du nun einen ganzen Tag fest gearbeitet an dem Leichencarmen für der Schmidt ihr Kind , hast viel schönere Rosen und andere Sachen darauf gemalt , als Du bei weit reicheren Leuten schon gemacht hast – und nun nimmst Du nicht einmal das Geld dafür , das Du sauer genug verdient hast … Zehn Groschen sind für uns viel Geld , Lenchen , und der Schmidt ihr Kind wär ’ ebenso selig geworden , wenn sie ihm ein Sträußchen Buchsbaum aus den Sarg gelegt hätte , statt des Sprüchleins und der gemalten Blumen auf dem weißen Seidenband . “ „ Muhme , das ist nicht Euer Ernst ! “ entgegnete das Mädchen und seine erst von einer sanften Freundlichkeit beseelten Züge nahmen einen Ausdruck von Strenge an . „ Seht mich einmal an , Muhme . Wißt Ihr noch , wie die Schmidt die Hände fast blutig rang und verzweiflungsvoll weinte und schrie , als ihr der liebe Gott das kleine Mädchen , den Trost ihrer Augen , ihre ganze Glückseligkeit aus dieser Welt , nahm ? … Könnt Ihr Euch nicht denken , daß darin noch ein geringer Trost , eine wehmüthige Freude liegt , wenn wir das , was wir begraben müssen , wenigstens bis zu dem Augenblicke , wo es unseren Blicken entzogen wird , mit den höchsten äußeren Ehren , die wir zu geben vermögen , mit jedem sichtbaren Ausdruck unserer Zärtlichkeit überhäufen können ? Und soll eine arme Mutter darin nicht gerade so fühlen , wie eine reiche ? … Seid nicht bös , Muhme , ich konnte das Geld nicht nehmen , an dem die Thränen des armen Weibes hingen . “ „ Ja , da sprichst Du nun wieder wie ein Buch , und Unsereins kann nichts darauf sagen . Aber , Lenchen , wenn Du ’ s immer so machen willst , da wirst Du Dein Lebtag zu nichts kommen . “ „ Seid ohne Sorgen , Muhme , “ erwiderte das junge Mädchen nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit . „ Ihr wißt selbst am Besten , wie viel Leichencarmen mir schon bezahlt worden sind , ohne daß ich nöthig gehabt hätte , mich zu weigern … Ihr habt das Geld der Schmidt gelassen , nicht wahr , Muhme ? “ „ J freilich , da Du ’ s nicht nehmen wolltest , da durft ’ ich schon gar nicht , aber geärgert hab ’ ich mich doch , hab ’ s auch gleich dem Jacob gesagt , der gerade dazukam . Aber der ist nicht um ein Haar anders , als Du ; ‚ Recht hat das Veilchen ’ , sagte er und ließ mich stehen . “ Der Blick der Seejungfer fiel jetzt auf das geschriebene Heft , das noch auf dem Tische lag . „ Was hast Du denn da ? “ fragte sie . „ Geschriebenes von , Vetter Leberecht , “ sagte das Mädchen . „ Es lag in einem Buch ganz droben im Glasschrank . Ich hatte bis jetzt die Klammern daran nicht aufgemacht ; aber heute , als ich den Schrank innen säubern wollte , da stürzte es herunter und da fiel das Heft heraus . “ „ Ja , “ sagte die Alte , und eine tiefe Rührung überflog ihre Züge , „ das sind schöne Liederverschen , die der Leberecht wahrscheinlich aus seinen Büchern abgeschrieben hat … Ich hab ’ ihm oft in seiner Krankheit dies Schreibbüchlein auf ’ s Bett legen müssen , bis er ’ s am Tage vor seinem Tode selbst in das große Buch geschoben hat . “ „ Muhme Suschen , hat denn der Vetter Leberecht ein Mädchen lieb gehabt ? “ fragte plötzlich Magdalene . Die Seejungfer , die bei aller Rührung eben ein Stück Semmel zum Munde führen wollte , hielt so erstaunt inne , als sei sie eben gefragt worden , ob der Wald blau sei und der Himmel grün . „ Was Du aber auch immer für närrisches Zeug auf ’ s Tapet bringst ! “ sagte sie endlich . „ Der Leberecht , der stille , ernsthafte Mensch , der weder rechts noch links sah und immer seinen Weg fein gesetzt ging – nein ! “ „ Nun , deswegen könnte er doch geliebt haben . “ „ Ja , wen denn ? … Es gab freilich damals hübsche Bürgerstöchter genug und die Weiberstühle waren immer zum Brechen voll , wenn er predigte , aber angesehen hat er Keine . Er ging ja auch zu gar keiner Menschenseele und steckte den ganzen Tag zu Hause . Nur einigemal in der Woche kam er zu dem gestrengen Herrn Bürgermeister Werner und gab dem Jungen Stunden . “ „ Waren auch Töchter da ? “ „ Freilich , eine – nu , Du wirst doch nicht gar glauben , daß der Leberecht so dumm gewesen sei , sich in die Friederike zu verlieben , das stolzeste Mädchen in der ganzen Stadt ? … Nein , das hätte der Leberecht nie gethan , und wenn er ’ s auch bis zum Candidaten gebracht hatte – er war doch nur ein Schusterssohn , und das hat er nie vergessen . Da wäre er aber auch schlecht angekommen , denn Werner ’ s ganze Sippschaft hatte einen gar erschrecklichen Stolz . Nu , sie wären ja auch reich und vornehm genug ! … Tausend noch einmal , in dem Hause soll ’ s hoch hergegangen sein ! Manchmal Sonnabends kam der Bediente und lud den Herrn Candidaten ’ auf einen Löffel Suppe zum Sonntag ein . Da ging denn der Leberecht auch immer hin und nahm seine Geige mit – er soll recht schön gespielt haben , ich verstand ’ s nicht . Und da mußte er immer nach Tische der Familie ein Stückchen ausspielen und die Friederike sang auch … Aber er hat auch viel Aerger dort gehabt , denn der Junge , dem er das lateinische beibringen mußte , hat ihm viel zu schaffen gemacht , es war gar eine böse , nichtsnutzige Range … ist nachher aber doch ein vornehmer Mann und Bürgermeister geworden . “ „ War denn Friederike schön ? “ „ Na , ob die schön war ! Das will ich meinen … Du kennst sie ja , es ist die jetzige alte Frau Räthin Bauer . Man sieht freilich jetzt nichts mehr davon ; sie hat ein ebenso runzeliges Gesicht , wie ich auch – junge Springer , alte Stelzner – lautet das Sprüchwort ; aber damals , ja damals ! … Ich habe sie einmal gesehen , wie sie zu einer Hochzeit ging , und das habe ich mein Lebelang nicht vergessen können . Da hatte sie ein steifseidenes Kleid an , das war blau wie der Himmel ; es schleppte hinten lang nach und rauschte entsetzlich , und die ganze hohe Frisur war mit Rosen besteckt , frisch vom Stock , wie sie im Garten gewachsen waren . … Ach ja , ich weiß noch , dazumal war ’ s mit dem Leberecht nahe am Ende . Ich wollte ihm noch eine kleine Freude machen und setzte mich an sein Bett und erzählte ihm vom Hochzeitszug und von Werner ’ s Friederiken , die er doch so gut kannte – wie lustig und stolz sie ausgesehen hatte und was für ein stattlicher Herr sie führte . … Da machte er mir aber ein Paar Augen , die vergeß ’ ich in meinem ganzen Leben nicht – nachher steckte er den Kopf tief in ’ s Kissen , und am anderen Morgen ist er gestorben . Ich mein ’ immer , er hat da noch einmal an den vielen Aerger gedacht , den er mit dem bösen Jungen gehabt hat . “ Magdalene sah tiefbewegt auf die alte Frau , die so ahnungslos und ruhig erzählte , wie sie dem über Alles geliebten Bruder unwissend den letzten Todesstoß beigebracht hatte . Während ihrer Erzählung hatte die Alte die Brille aufgesetzt und einen schadhaften Strumpf auf die linke Hand gestülpt , dem sie wacker mit Nadel und Faden zusetzte . „ Die Friederike hat nachher den Rath Bauer geheirathet , “ fuhr die Seejungfer in ihren Mittheilungen fort , „ und es ist dazumal ein Gesperr in der Stadt gewesen über den vornehmen Bräutigam , daß kein Kaiser und kein König neben ihm auskommen konnte . Aber Hochmuth kommt vor dem Falle , und man soll den Tag nicht vor dein Abend loben . Der Herr Rath hat kein Geld in der Hand leiden können – es mußte Alles hinaus , und wie er gestorben ist , da war nichts mehr zu finden , und in der Friederike ihrem großen Geldkasten , da hielten die Mäuse Kirchtag … Dazu kam nun noch das Unglück , daß ihre Tochter im ersten Kindbett starb , und ihr Tochtermann , weil er schlechte Streiche gemacht hatte , davonging . Dazumal hat sie mich gedauert – aber alle das Schicksal hat sie nicht mürbe gemacht ; sie hielt sich strack und steif wie immer , und in den Trauerkleidern hat sie eben nicht anders ausgesehen , als vorher auch . “ „ Ihr Enkelkind , die Autonie , kenne ich wohl von der Schule her , “ sagte Magdalene , und um ihre Lippen glitt ein herber Zug . „ Sie saß immer so steif eingeschnürt in den tadellos gehaltenen Kleidern auf ihrem Platz , und ihr gelbes Haar war so glatt an die Schläfe gestrichen , daß es wie ein Spiegel glänzte . Sie that unendlich vornehm , so daß die anderen Kinder mit einer wahren Ehrfurcht zu ihr aufsahen … Ich haßte sie , denn sie hinterbrachte stets dem Lehrer die kleinsten Vergehen , die in der Classe vorkamen , und konnte so zufrieden lächeln , wenn recht harte Strafen zudictirt wurden . Es empörte mich , wenn sie uns auch noch als Muster eines wohlgesitteten Kindes vorgestellt wurde . “ „ Ja , Lenchen , das ist nun einmal der Welt Lauf . Zu meiner Zeit war ’ s gerade so , da waren die Rathstöchter auch immer die gescheidtesten und die besten – das muß wohl so in der Art liegen … Das kannst Du mir aber glauben , wenn die Frau Räthin ihren Bruderssohn , den jungen Herrn Werner , nicht hätte … “ Ein Klopfen an der Thür unterbrach sie , und viel eher hätte sie wohl des Himmels Einsturz erwartet , als das , was sie sah . Der junge Mann , dessen Name noch halb auf ihren Lippen schwebte , trat , sich tief unter der niedrigen Thür bückend , in das Stübchen und bat , nachdem er freundlich gegrüßt , um den Schlüssel zu der Liebfrauenkirche , den , wie er höre , die Jungfer Hartmann seit letzterer Zeit in Verwahrung habe . Die Seejungfer knixte und riß ihre gläsernen Augen weit auf ; das junge Mädchen aber schrie diesmal nicht , wie vor einigen Tagen auf dem Thurm ; sie machte auch keine Bewegung , um fortzulaufen – langsam erhob sich ihre schlanke Gestalt vom Stuhle , ja , es sah fast aus , als wüchse sie zusehends . Ihr Gesicht war schneeweiß geworden bis in die festgeschlossenen Lippen ; aber in ihren Augen , die sie auf den Eintretenden richtete , funkelte es wie ein zorniger Blitz . Während die Seejungfer in die anstoßende Kammer eilte , um den begehrten Schlüssel zu holen , näherte sich Werner Magdalenen . Die Abendsonne fiel in dem Augenblick auf seine Züge – sie waren wie von Marmor , so edel , fest , aber auch so ruhig und so kalt . Er schien das Zurückweisende in der ganzen Haltung des jungen Mädchens nicht zu bemerken und sagte höflich : „ Ich habe Sie neulich erschreckt , wie ich mit Bedauern sehen mußte . “ „ Ich hatte eben Herrliches geträumt und war nicht darauf vorbereitet , einen Menschen zu sehen . “ „ Es ist traurig , so unsanft geweckt zu werden . “ „ Ich bin mit Enttäuschungen vertraut , seit ich denken gelernt habe . “ „ So jung – und schon so bitter ? “ „ Erfahrungsreich wollen Sie sagen . “ „ Nein , das wollte ich durchaus nicht sagen ; ich müßte denn diese Erfahrungen doch erst kennen – von Ihrer Vergangenheit aber weiß ich sehr wenig . “ „ Es ist auch der Mühe gar nicht werth , sie näher zu besichtigen . “ „ Wenn ich mir nun aber doch diese Mühe nehmen wollte ? “ „ So würden Sie alsbald finden , daß Sie schon viel zu lange mit mir gesprochen haben . “ „ Ich könnte in diesem Augenblick leicht in den Fall kommen , Ihre Bitterkeit für Unhöflichkeit zu halten , die mir die Thür weist . “ „ Wenn Sie vielleicht wissen , daß ein armes , unbedeutendes Mädchen auch Tact haben kann , so brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen , daß eine solche Unhöflichkeit in diesem Augenblick nicht denkbar ist . “ Magdalene hatte während dieses Gespräches die linke Hand auf den Fenstersims gelegt . Sie stand halb abgewendet und bog nur den Kopf stolz nach dem Sprechenden zurück . An das , was er sagte , reihte sich ihre Antwort stets wie ein Blitz ; nur ihr Auge und ein jäher Farbenwechsel auf den Wangen verriethen ihr rasches Denken , ihre innere Bewegung , sonst blieb das Gesicht völlig ruhig . Die Seejungfer war indessen ängstlich hin und her getrippelt , dann und wann einen scheuen Blick auf die Sprechenden werfend . Magdalenens Haltung , ihre kurzen Antworten wollten ihr ganz und gar nicht gefallen . Wo , in aller Welt , nahm dies junge Ding den Muth her , dem Herrn , der so vornehm und in so seinem Rock vor ihr stand , so knapp und bündig auf Alles , was er sagte , zu dienen ? Die unglückliche alte Jungfer verstand von dem , was gesprochen wurde , nicht ein Wort . Es summte um ihre Ohren , bis das verhängnißvolle „ die Thür weisen “ ihr plötzlich Licht über Lenchens unseliges Beginnen verschaffte . Sie verließ eiligst das wohlthätige Dunkel hinter dem Kachelofen , das sie soeben aufgesucht , und sagte mit einem Anflug von Strenge , der aber sehr kläglich ausfiel : „ Ja , Lenchen , was fällt denn Dir ein , daß Du so grob bist mit dem Herrn ? “ „ Beruhigt Euch , Jungfer Hartmann , “ sagte Werner , gelassen lächelnd , während er das große , blaue Auge auf Magdalene richtete . „ Ich bin so eine Art Schatzgräber und lasse mich nicht so leicht zurückschrecken , wenn es sich darum handelt , Gold zu finden . “ Du lieber Gott , der sprach ja fast noch verwirrter , als das Leuchen ! … „ Ein Schatzgräber “ hatte er gesagt , einer der ’ s mit der schwarzen Kunst hielt ! … Arme Seejungfer ! ihr wirbelte der Kopf , und sie zog sich schleunigst in ihr Versteck zurück , denn ihre Prüfung war noch nicht am Ende . „ Wenn Sie Gold suchten , mein Herr , “ nahm Magdalene das Wort , und ein ironischer Blick glitt über das enge Stübchen mit der verräucherten Decke und den getünchten Wänden , „ so werden Sie sich nun wohl überzeugt haben , daß Ihre Wünschelruthe den Ort schlecht angezeigt hat … Indeß , die Sage wird Ihnen vielleicht nicht unbekannt sein , daß dies Kloster unterirdische Gänge hat , in denen die zwölf Apostel , massiv von Silber , versteckt liegen , bis ein glücklicher Finder sie an ’ s Tageslicht bringt . … Wenn ich Ihnen rathen dürfte … “ „ Ich danke Ihnen für den freundlichen Wink . Da ich jedoch bis jetzt nicht den mindesten Appetit nach diesen todten Schätzen hege , so werde ich mich an den Apostel halten , in dessen wundervoller Lehre mir ein neues Leben aufgeht , der zu allen Zeiten die Welt durchstreift und liebliche Botschaft bringt . Er entzündet plötzlich ein strahlendes Licht in den armen Menschenkindern , die bis dahin in Blindheit wandelten . “ [ 580 ] Die Seejungfer dachte in ihrer dunklen Ecke , das sei geradezu gottlos gesprochen ; denn die zwölf Apostel , die jeder Christenmensch schon in der Schule auswendig lernen müsse , seien längst im Himmelreich , und Zeichen und Wunder geschähen nicht mehr . Sie hütete sich indeß wohlweislich , ihre Selbstbetrachtungen laut werden zu lassen , und begnügte sich , in ihrer Aufregung mittelst des Schürzenzipfels die dicke Rostschicht von dem alten Kirchenschlüssel abzureiben – eine Restauration , die sie später , bei ruhigem Nachdenken bitter bereute , denn sie kostete eine frische Schürze . Magdalene sah den jungen Mann an , als er so mit tiefer , wohlklingender Stimme sprach . Aus seiner mehr breiten , als hohen Stirne , die aber glatt und fest wie von Erz sich wölbte , lag eine merkwürdige Klarheit und Ruhe ; das ganze übrige Gesicht trug dasselbe Gepräge , und nur ein leises Zucken der sehr beweglichen , seinen Nasenflügel und ein leichten Beben der festgeschlossenen Kippen ließen dann und wann einen erhöhten Wellenschlag in seinem Inneren vermuthen . Auch jetzt erschien jener eigenthümliche Zug , begleitet von einem seltsamen Aufleuchten seiner Augen , und Magdalene , die durchaus , trotz alles Nachdenkens , den Sinn seiner Worte nicht zu erforschen vermochte , fand in dieser einen Bewegung den Schlüssel zu seinen Reden – es war Spott , abscheulicher Spott . Er sprach absichtlich in nebelhaften Bildern , auf die sie nichts erwidern konnte , um sie für ihre ersten , raschen Antworten büßen zu lassen . Ihr südliches Blut wallte auf . Sie wandte sich hastig und unmuthig ab und sagte , indem sie die kleine , naseweise Weinranke von draußen abriß : „ Ihr Apostel scheint sehr parteiisch zu sein , was seine Gnadenbeweise betrifft . An unserem armen Kloster wenigstens ist er bis jetzt vorübergegangen , und doch thäte gerade hier