Frau hat freilich den Fehler begangen , streng zurückgezogen zu leben , was auf dem Dorfe , wo die wenigen Bewohner nur auf sich angewiesen sind , stets unangenehm auffällt und böses Blut macht . Wer indes das stille , sinnige Gemüt des armen Weibes kennt , das im Umgang mit einem vortrefflichen Mann höhere Genüsse kennengelernt hat , als da Spinnstuben- und Kirmsenlustbarkeiten sind , der wird sie entschuldigen ... Das können Sie mir glauben , sie würde eher samt ihren Kindern verhungern , als daß ihre Hände fremdes Gut anrührten . « » Und ihre Tochter ? « fragte Joseph hastig , indem er den Schullehrer durchdringend ansah . » Ihre Tochter ? « wiederholte dieser unwillig erstaunt . » Nun , die sieht doch wahrhaftig nicht aus , als ob sie gestohlen ... « » Nein , nein « , unterbrach ihn Joseph , » das meine ich nicht ... Bastel beschuldigte sie « – er brach ab , während ein tiefes Rot in seine gebräunten Wangen stieg . » Ja , ich weiß , was der nichtswürdige Bube heute von ihr gesagt hat « , erwiderte der Lehrer zornig , » aber auch nur er , der selbst keinen Schuß Pulver wert ist , konnte eine solche niederträchtige Verleumdung aussprechen ... Das Mädchen ist rein wie die Sonne am Himmel , und wer ' s nicht glauben will , der mag ihr nur in das Gesicht sehen ... ich würde nicht den Mut haben , in ihrer Nähe auch nur ein unlauteres Wort fallenzulassen ... Die Schulmeisterin hat allerdings sehr unüberlegt gehandelt , als sie ein Kostkind in ihr Haus nahm , dessen Herkunft sie zu verschweigen gelobt hatte . Sie mußte Rücksicht auf ihre erwachsene Tochter nehmen ... Das arme Mädchen ! Die Beschuldigung hat sie wie ein Blitz getroffen ... Sie ist überhaupt zu beklagen , weil sie viel zu fein erzogen ist für ihre Verhältnisse . Ihr Vater hat sich viel mit ihr beschäftigt , denn sie ist gescheit und gelehrig in allem – er hat sie zart behandelt wie seine Blumen ; es war ein Fehler , denn er mußte den Boden berücksichtigen , auf welchen diese Blume angewiesen ist . Sie wird dadurch mehr zu leiden haben als wenn er sie in glücklicher Unwissenheit gelassen hätte . « » Und meinen Sie , es gäb ' nicht noch Leute , die ein solches Mädchen zu schätzen wüßten ? « rief Joseph erregt . Ohne eine Antwort abzuwarten , sprang er empor und ging einigemal hastig auf und ab . Mittlerweile war es Abend geworden . Das Dorf lag bereits im tiefen Schatten . Desto heller glänzte seine uralte kleine Kirche , die , friedlich umschattet von einem Lindenkreise , den Gipfel der Anhöhe krönte , auf welcher das Haus der Schulmeisterin lag . Ein weiches Abendlüftchen flüsterte in den Gipfeln , und die letzten Strahlen der Sonne stahlen sich golden durch die grüne Dämmerung der Lindenzweige – sie glitzerten in den spitzen Kirchenfenstern , dem unangetasteten Wohnsitz friedlicher Schwalben , und überhauchten die Schar graubemooster Leichensteine auf dem kleinen Friedhof so rosig und lebenswarm , als seien sie Vorboten des gewaltigen Auferstehungsrufes . Während des Gespräches mit dem Schullehrer hatten Josephs dunkle Augen unablässig das Häuschen der Schulmeisterin gesucht , das sich mit seinem eng begrenzten , aber blumengeschmückten Gärtchen traut an die niedere , halbzerbröckelte Kirchhofsmauer schmiegte . Aber seit die unglückliche Frau mit ihren Kindern unter seiner Tür verschwunden war , lag es im tiefsten Schweigen . Kein Lebenszeichen war weder hinter den Fenstern noch im Garten zu bemerken , und der Schullehrer meinte auf Josephs ungeduldige Bemerkungen hin , das sei wohl kein Wunder , denn da drinnen flössen ja jetzt die Tränen des Wiedersehens und – des Jammers . Endlich öffnete sich eine Seitentür des Hauses , nach dem Garten zu , und Marie trat heraus , auf dem Arm ein rotbackiges Kind haltend , das indes , mit Händen und Füßen zappelnd , auf den Boden begehrte . Marie , die sich offenbar unbeobachtet glaubte , da man vom Tanzplatz aus , des vorstehenden Hauses wegen , den Garten nicht sehen konnte , sprang an das Ende des schmalen Weges , kniete nieder und streckte ihre Hände dem Kind entgegen , das in seinem hochroten Röckchen , wie eine kleine frische Hagebutte , nun wankend und trippelnden Schrittes , die Ärmchen vorgestreckt , seinen Lauf versuchte , bis es jauchzend und lallend in ihre Arme taumelte . Sie wiederholte dies Spiel so oft , bis ihre Wange glühte und sie trotz des sehr vernehmlichen Protestierens des kleinen Schreihalses innehalten mußte . Joseph , halb durch einen Baumstamm verdeckt , konnte ungestört das Mädchen beobachten , und der Schulmeister konnte bemerken , daß dies auch so eifrig und fleißig wie nur möglich geschah . Wunderlieblich war sie in der Tat , das konnte der strengste Kritiker nicht leugnen . Auf Joseph hatte diese Gestalt , als sie , den neugierigen Menschenhaufen durchbrechend , sich vor ihre gekränkte Mutter stellte und deren Verteidigung mit blitzenden Augen und vollklingender Stimme übernahm , den mächtigsten Eindruck gemacht . Das überaus geräuschlose Walten seiner Mutter im Hause , ihre sanfte , leise Stimme sowie das unbedingte Fügen in den Willen seines verstorbenen Vaters , und nach dessen Tode in den seinen , hatten ihn nicht ahnen lassen , daß dem Frauencharakter auch eine gewisse Selbständigkeit und Kraft innewohnen könne , die , weit entfernt von Unweiblichkeit , in Momenten der Aufregung imstande sei , jeglicher Anfechtung und Unbill wehrhaft entgegenzutreten ... Das linkische , unbeholfene Wesen der Bauerntöchter , ihr albernes Lachen auf jede Anrede , waren auch nicht geeignet gewesen , ihm das Weib von dieser Seite zu zeigen – deshalb war ihm Marie eine nie gesehene Erscheinung ... Und nun , wie ganz anders , und doch ebenso anziehend , zeigte sie sich ihm in diesem Augenblick wieder ! Zwar lag noch immer ein gewisser Ernst auf ihrer klaren Stirn , aber der strenge , verachtende Zug , der bei jenem Auftritt ihre Lippen umzuckt hatte , war einem kindlichen Lächeln gewichen , und in der Haltung ihres Kopfes lag etwas demütig Madonnenhaftes . Bei den täppischen Schrittchen ihres kleinen Pflegebefohlenen leuchteten ihre Augen auf und richteten sich mit dem Ausdruck von Befriedigung auf ihre Mutter , die totenblaß in der Tür lehnte . Es schwebte zwar ein freundlicher Zug um den Mund der alten Frau , aber es war jenes starre Lächeln , das manchmal die Züge überschleicht , während der ausdruckslose Blick andeutet , daß die Seele nichts davon weiß . Als Marie sah , daß die kleinen Künste und Fortschritte des Kindes fast nicht bemerkt wurden , rief sie ihre jüngere Schwester und übergab ihr das Kleine . Dann umschlang sie ihre Mutter mit beiden Armen und führte sie nach einer kleinen Tür in der Kirchhofsmauer , hinter welcher beide verschwanden . » Sie gehen an das Grab meines Vorgängers « , sagte der Schullehrer . » Armes Weib , möchte sie Trost und Beruhigung dort finden ! « Joseph aber lief in tiefer Bewegung abermals auf und ab . » Nein ! « rief er endlich aus . » Wie konnten die Menschen nur den Mut haben , diese Frauen zu beschuldigen ! Wie fangen sie es an , einen so schmählichen Verdacht festzuhalten ? « » Glauben Sie mir « , sagte der Lehrer , » die Ringelshäuser fühlen das moralische Übergewicht dieser beiden nicht . Kommt ihnen je eine dunkle Ahnung davon , so nennen sie ' s Hochmut – Sie haben sich vorhin überzeugen können . Das Recht aber , diese Eigenschaft zu besitzen , gestehen sie nur dem reichen Manne zu ; dem beugen sie sich auch willig – wie ja der Bauer , nicht anders als viele andere Leute auch , geneigt ist , nach Geld und Gut den menschlichen Wert zu bemessen ... Nun können Sie sich denken , daß jene unglückliche Familie in den Augen der Gemeinde zwiefach verdammungswürdig ist , denn man nennt sie arm und hochmütig ... « Hier wurde er unterbrochen . Vom Tanzplatz her kam Hand in Hand eine große Schar Mädchen . Sie traten vor Joseph , und eine derselben hub unter dem Gekicher der anderen an : » Der Anton , Euer Bruder , sagt , Ihr könntet so gewaltig schön singen ... Seht , singt eins – da habt Ihr des Schulzen Michel seine Zither . « » Aber « , riefen die anderen , als Joseph Miene machte , seinen Vortrag auf seinem bisherigen Platze zu halten , » kommt lieber mit hinauf unter die Linden , dort sitzen die Weiber , die möchten Euch auch gern hören . « » So mögen sie hierherkommen « , antwortete Joseph kurz und fing an , die Zither zu stimmen . Die Mädchen redeten leise und eifrig miteinander und blickten hinauf nach dem Haus der Frau Lindner . Endlich sagte eine entschlossen : » Das geht ein für allemal nicht ; denn da könnte sich wohl gar am Ende Schulmeisters Marie einbilden , Ihr sänget ihretwegen ... Guckt , das Haus ist just gegenüber ! « Es war ein Glück , daß die Dämmerung hereingebrochen war , denn Josephs Gesicht ward flammendrot , und an dem leidenschaftlichen Blick , den er auf das genächtete Häuschen richtete , würden die gesamten Dorfschönen höchstwahrscheinlich kein geringes Ärgernis genommen haben . » Die sieht nicht danach aus « , entgegnete er endlich , » als ob sie auf mein Lied hören würde , geschweige denn , das sie denken möchte , es gelte ihr . « Und er begann mit schöner , weicher Baritonstimme das Volkslied : Ach , wär ' es möglich dann , Daß ich dich lassen kann ! Hab ' dich von Herzen lieb , Das glaube mir . Während des Gesanges kam der Mond langsam heraufgezogen und überflutete das Dorf mit seinem Silberglanze fast taghell . Und Bäume , Blumen und Menschen hatten ein anderes Aussehen in diesem geisterhaften Lichte , dessen feiner , bleicher Strahl tönend an verborgene , ungekannte Saiten unseres Innern schlägt , so daß wir anders empfinden und uns selbst rätselhafter sind als im klaren Sonnenlicht . In der Geißblattlaube , von der dichten Blätterwand verdeckt , lehnte Marie regungslos . Sie konnte den Zauber nicht begreifen , der sie bewog , den einschmeichelnden Tönen immer wieder zu lauschen und nach dem Sänger hinüberzublicken ... Die Stimme des Fremden klang so warm und innig , und ein ebensolcher Blick war heute aus seinen dunklen Augen auf sie gefallen , als sie , die Mutter stützend , den Tanzplatz verlassen hatte ... Ihr Herz pochte heftig , und helle Tränen tropften an ihren Wimpern . Ihr Gebet am Grabe des Vaters hatte beruhigend auf ihr tiefverletztes Ehr- und Kindesgefühl gewirkt ; und nun drangen diese Klänge in ihre Seele und erweckten den Schmerz aufs neue ... Etwas anderes konnte es doch nicht sein ? * Der Sommer war verflogen . Die Sonne hüllte ihr bleiches Gesicht verdrossen in graue Nebelschleier , als wolle sie die fruchtberaubten Bäume und Felder nicht sehen , auf die sie erst so emsig das Gold der Reife gestreut ; oder als fürchte sie die Schauer des Herbstwindes , der , die müden Zweige unbarmherzig schüttelnd , einen goldgelben Blätterregen über Weg und Steg warf und die langen Silberfäden des Altweibersommers mutwillig vor sich her trieb , obgleich sie sich an gelben Grashalmen und dürren Blumenkronen anzuklammern suchten . Wie öde und einsam lag jetzt Ringelshausen zwischen den Bergen , die , nun ihres Laubgewandes entkleidet , große , verwitterte Felsblöcke zwischen den braunen Stämmen der Bäume unverhüllt und drohend zeigten ! Wenn der Leser übrigens glaubt , daß die Ringelshäuser mit der immer lebloser werdenden Natur harmonierten , dann irrt er sich . Ja , wenn das einfache Wörtchen » Kirmse « nicht wäre ! Aber das hat auf dem Lande einen so gewaltigen Klang , einen so belebenden Zauber , daß der Wonnemond mit all seinem Blühen und Treiben ein wahres Kinderspiel dagegen ist . Der Schornstein auf dem Gemeindebackhause in Ringelshausen dampfte weidlich . Manchmal öffnete sich die Tür mit einer gewissen Feierlichkeit , und es traten Frauen heraus , die auf großem Kuchenbrett die wohlgeratenen duftenden Meisterwerke ihrer Backkunst nach Hause trugen ... Welches Gaudium für die Dorfjungen , welche , die Hände in den Taschen und die weiße Zipfelmütze lang auf den Rücken hinabhängend , mit gespreizten Beinen und sehnsüchtig hinübergestrecktem Halse die Kuchenträgerinnen vorbeidefilieren ließen ! Am Brunnen scheuerten die Mägde mit wahrer Inbrunst , und die längs der Wände aufgestellten Eimer , das blitzende Kupfer- und Messinggeschirr waren leuchtende Zeugen ihres Fleißes . Es war ja aber auch am letzten Nachmittag vor der Kirmse – wer möchte da müßig stehen ? Im traulichen Stübchen saß Marie förmlich vergraben unter Spitzen und Bändern , die ihre fleißigen , geschickten Hände in jenen Koloß verwandelten , den die Thüringer Bäuerinnen als ihren schönsten Kopfschmuck hoch in Ehren halten . Sie hatte in der Stadt Zeit und Gelegenheit zum Aneignen dieser Kunstfertigkeit gewissenhaft benutzt . In der Umgegend hatte sie eine ausgebreitete Kundschaft ; von Ringelshäusern dagegen wurden ihr sehr wenig Aufträge ; einmal , weil das Sprüchlein : » Der Heller gilt da am wenigsten , wo er geprägt ist « – das vorzüglich die Deutschen niemals zuschanden werden lassen – zum Teil auch hier seine Anwendung fand , und dann der alten Feindseligkeit wegen . Heute galt es übrigens , flink zu sein ; denn der Bestellungen waren viele . Marie saß auch tief über ihre Arbeit geneigt , und nur wenn ihre Mutter durch das Zimmer ging , wobei dieselbe nie unterließ , schmeichelnd über den Scheitel der Tochter zu streichen oder ihre Schulter sanft zu klopfen , dann blickte sie zärtlich , aber auch bekümmert in die Höhe ... Ach , wie war die teure Mutter verändert , wie verfallen die Gestalt , wie schmerzlich der Ausdruck ihres Gesichts ! Die Unglückliche litt unfaßbar unter dem Druck der Schande , der auf ihrem Ruf lastete , und es gab kein linderndes Mittel gegen dies schwere Leiden . Man nennt ein reines Bewußtsein die beste Stütze in der Trübsal ; aber seine tröstende Kraft reicht nicht immer aus gegen den bittern Schmerz unverschuldeten Elends und die Giftpfeile der Verleumdung , unter denen das Herz doch zuckt und blutet , wenn es auch noch so rein von Schuld ist ... Wie viele müssen sterben mit dem schmerzlichen Bewußtsein , daß der falsche Schein , der ihr Leben vergiftet hatte , nun seine Flecken ungestört auf ihren Namen werfen werde , denn sie sind die Unterliegenden . Niemand ist sicher , ohne alle Schuld jenem Gespenst zu verfallen , das weiß ein jeder – und doch , der glühende Steppenwind vernichtet sein Opfer nicht erbarmungsloser als die Zunge des Menschen den Namen seines Nächsten – oft nur auf ein schwankendes , haltloses Gerücht hin . » Wie hübsch und traut könnte es bei uns sein , wenn das Unglück nicht über uns gekommen wäre ! « dachte Marie seufzend , indem ihr Blick durch das gemütliche Stübchen glitt . Draußen riß der Wind an den dürren Weinranken und schlug die entblätterten Notenzweige , an denen noch einzelne braune Hagebutten hingen , heftig gegen die Fenster ; die waren jedoch fest und ließen wohl das helle Licht , aber keinen rauhen Luftzug herein . Das bewies die kleine Grasmücke , die fröhlich zwitschernd in ihrem Drahtkäfig hin und her hüpfte , der zwischen Reseda- und Geranientöpfen auf dem Fenstersims stand . Die kleine Christel , Maries Schwester , saß auf der Fußbank am Ofen und lernte , während sie den kleinen Pflegling mit dem Fuß in den Schlaf wiegte . Da rasselte es durch das Dorf . Die Jungen draußen lärmten und erhoben ein Freudengeschrei . Christels Buch flog zur Erde , und mit einem Satz war sie am Fenster . » Heißa « , rief sie freudig , » da kommen schon Kirmsengäste ! ... Marie , guck doch hinaus , das ist ja der Joseph und seine Mutter ! ... Sie halten drüben bei Schulzens ... Was das für ein stolzer Wagen ist ! ... Ja , die haben Geld ! ... Und der Schulze macht mal ein freundliches Gesicht ! ... Schau , da kommt auch die Margarete , die hebt die Frau Sanner vom Wagen ... der Joseph guckt rüber ... so guck doch hinaus , Marie ! « Aber Marie war purpurrot geworden und nähte so eifrig , daß Christel sich beinahe ärgerte . In demselben Augenblick trat eine Nachbarin herein . » Na « , rief sie lachend , » da braucht man sich doch nicht mehr zu verwundern , daß Schulzens so drauf und drein gebacken und gebraten haben ! ... Die halten Kirmse und Verlöbnis zusammen ... Der Joseph ist eben zur Freite gekommen ... Habt Ihr ' s gesehen , Marie ? « Auf dem Gesicht des jungen Mädchens war die Purpurglut plötzlich einer tiefen Blässe gewichen . Sie wollte sprechen ; aber die lebhafte Christel ersparte ihr die Antwort , indem sie fragte : » Ei , er heiratet wohl die Margarete ? « » Freilich « , entgegnete die Frau . » Er war schon öfter nach der Hochzeit des Anton wieder hier ; freilich jedesmal nur auf einen Tag , weil er nicht länger abkommen konnte ; aber das war schon genug ... Die Margarete ist bis über die Ohren in ihn verliebt . Er soll stolz sein wie ein Edelmann – bisher war ihm keine gut genug . Nun , die Margarete hat zwar das Pulver nicht erfunden , aber sie hat schöne rote Backen wie ein Stettiner Apfel , und an Geld fehlt ' s da drüben auch nicht – da hat sich denn die Sache gemacht . « » Ist denn das schon so gewiß ? « fragte die Schulmeisterin . » Na , wenn die Schulzin schon die Betten stopft und Wäsche nähen läßt , da ist doch kein Zweifel ! « Es fielen zwei schwere Tränen auf die schwarze Seide , die sich unter Maries Händen bauschte , und wer in ihr tief gesenktes bleiches Gesicht hätte blicken können , der würde bemerkt haben , daß hier ein schwerer Kampf gekämpft wurde ... Armes Kind ! ... Sie machte sich bittere Vorwürfe , daß sie in jener Mondnacht dem Liede Josephs gelauscht . Sie klagte sich an , weil sie allzuoft seine stattliche männliche Gestalt betrachtet hatte , als er zu Besuch im Dorfe war , und tief erglühend schalt sie sich , daß sie hinter die Hecke geschlüpft war , um nur seine Stimme zu hören , als er mit dem Schulzen an ihrem Gärtchen vorüberging . Er war damals dicht an der Laube stehengeblieben und hatte so schön und wahr gesprochen – jedes Wort war in ihrem Gedächtnis haften geblieben ... Ja , ja , sie hatte schwer gefehlt ; ohne diese Vergehen wäre es gewiß nicht so weit gekommen , so weit , daß sie unsäglich litt bei dem Gedanken , er werde die Margarete heimführen ... Das war die gerechte Strafe für ihre hochmütigen Gedanken ! ... Ach , sie war ja sogar so kindisch gewesen , sich einzubilden , er schaue öfter und bedeutungsvoll nach ihrem Fenster ... er , der schönste und reichste Bursch der ganzen Gegend , nach ihr , der armen Lehrerstochter , die mühsam den Unterhalt für sich und die Ihrigen mit der Nadel erwarb ... Wie hatte sie freudig gezittert , wenn er so stattlich zu Roß durch das Dorf gesprengt kam ! Wie fuhr es jäh und heiß durch ihr Herz , so daß ihr der Atem stockte , wenn sein erster Blick beim Herunterspringen vom Pferd feurig über ihr Haus glitt und das Fenster suchte , an welchem sie saß ... Das war nur zufällig gewesen – oh , der Törin ! ... Und daß er eines Tages , über die Kirchhofsmauer gebückt und verstohlen sich umsehend , die schönste Blüte von ihrem sorgfältig gepflegten Rosenstock abgebrochen und ins Knopfloch gesteckt hatte – wie konnte sie nur damals so eitel sein , diesen Raub günstig für sich zu deuten ! – Kam es nicht jeden Tag vor , daß die Burschen Hecken und Sträucher plünderten , um Hut und Rock zu schmücken ? Welchem Mädchen wäre es wohl eingefallen , einen Liebesbeweis in dieser Gewalttätigkeit zu erblicken ? ... Diese Gedanken jagten sich förmlich und verursachten dem armen Mädchen die bitterste Qual . Ihre Hände arbeiteten mechanisch fort , aber ihre Schläfen klopften fieberhaft ... Es trieb sie , sich an die Brust der Mutter zu werfen und sich dort auszuweinen ... Aber durfte sie so grausam sein , auf dies gramgebeugte Herz neuen Kummer zu laden ? ... Es half nichts , sie mußte ihr tiefes Weh allein tragen , und zum erstenmal in ihrem Leben sah sie sich gezwungen , die schwere Kunst zu üben , die eine glatte , ungetrübte Stirn , ein harmloses Lächeln verlangt , während das Herz in seinem Leide fast vergeht . An diesen Entschluß knüpfte sich noch der feste Vorsatz , niemand in der Welt solle je diese Demütigung ihres Herzens erfahren , am allerwenigsten aber der , dem sie , wenn auch ganz ohne seine Schuld , diesen schwersten Kampf ihres Lebens verdankte . Ihre Mutter trat zu ihr . Sie wollte schon jetzt ihre schwere Rolle beginnen und sah lächelnd auf – aber das war ein herzzerreißendes Lächeln , die zuckenden Lippen wollten sich nicht fügen . Rasch griff sie nach dem Notenblatt , das Frau Lindner auf das Nähtischchen legte . » Der Schullehrer schickt dir hier den Psalm « , sagte die Mutter , » den du morgen in der Kirche singen sollst . Du möchtest heute abend hinüberkommen zur Probe . « » Ich kann heute unmöglich singen , Mutter « , sagte Marie gepreßt . » Du weißt « , fügte sie verbessernd hinzu , » daß ich notwendig zu arbeiten habe ... Ich kann den Psalm übrigens ganz gut , denn ich habe ihn beim Vater oft gesungen – er wird auch ohne Probe gehen . « Und nun beugte sie sich auf ihre Arbeit und sprach kein Wort mehr , denn es wollte mit der Selbstbeherrschung doch nicht so gutgehen , wie sie gemeint hatte . Der erste Kirmsenmorgen war da , und zwar so klar und schön , wie man nach dem gestrigen ungestümen Wetter nicht hätte vermuten können . War es doch , als sammle der Herbst , wie ein unten liegender Streiter , noch einmal alle Kräfte , um mit einem Schlag dem Winter den Sieg zu entreißen . Der Himmel zeigte sich tiefblau und wolkenlos , und warmer Sonnenschein lag über den öden Fluren wie das letzte , verklärende Lächeln auf dem Antlitz eines Sterbenden . Auf den Dächern sonnten sich in Reih und Glied die Tauben , emsig bemüht , unter kokettem Gurren ihr Federkleid auszustäuben und blank zu machen , und nur selten wagte hier und da ein bissiger Hofhund die sonntägliche Stille belfernd zu unterbrechen . Vor den Türen lehnten die Burschen in weißen Hemdärmeln , und drin vor dem kleinen Spiegel legten die Jungfern die letzte Hand an den Kirmsenstaat oder steckten den mützengekrönten Kopf durch das niedere Fenster , spähend , ob vielleicht schon » Kamerädinnen « draußen auf und ab spazierten . Bald durchzitterte helles Glockengeläute die klare Morgenluft . Aus allen Häusern strömten die Kirchengänger , und von den Bergen stiegen die Bewohner der Filiale hernieder . Marie trat , das Gesangbuch in der Hand und begleitet von ihrer kleinen Schwester , ins Gärtchen . Vielleicht nennt es mancher Leser psychologisch unrichtig , wenn ich sage , » sie war taufrisch wie eine junge Rose « ; denn es ist althergebracht , daß die Heldin im Roman nach einem Herzenssturm , wie ihn Marie erlitten , bleich , angegriffen und deshalb um so interessanter erscheint . Ich kann jedoch mit dem besten Willen diesen Brauch nicht berücksichtigen , wenn ich wahr sein will . Maries Gesundheit war viel zu fest , ihre Jugendblüte zu kräftig , als daß eine schlaflose , durchwachte Nacht den Glanz ihrer Augen erlöschen und die rosige Frische auf ihren Wangen zerstören konnte – sie war nie schöner gewesen als heute . Aus dem braunen , raschelnden Laub auf den Rabatten nickten noch einige blaue , vom Wind geschonte Zwergastern ; die pflückte sie und trat dann durch die kleine Gartentür auf den Kirchhof . Wie gern aber wäre sie ebenso schnell geflohen und hätte sich hinter der Mauer geborgen , wenn es nur nicht gar so auffällig gewesen wäre ; denn seitwärts , den ziemlich steilen Bergweg herauf , kam die Schulzenfamilie , in der Mitte Frau Sanner und ihr Sohn . Alle erwiderten ihren ernsten Gruß sehr freundlich , nur Margarete ging ziemlich hochmütig an Josephs Seite vorüber . Oh , wie zuckte Maries Herz , wie bäumten sich ihre aufgeregten Gefühle gegen den schwachen Damm der Selbstbeherrschung ! ... Mit umflorten Blicken trat sie in die Kirche , wo ihr schon voller Orgelton entgegenscholl . Noch nie hatte dieser erhabene Klang seine Wirkung auf ihr Gemüt verfehlt , und so stieg sie denn auch jetzt , wunderbar schnell gefaßt und erhoben , die Treppe hinauf , die zum Chor führte . Der erste Choral war verhallt . Der Geistliche hatte die Liturgie gesprochen , und nun begann Marie den Psalm . Der erste Ton , glockenrein und voll , bebte von ihren Lippen . Der mächtige Widerhall ihres wirklich schönen Soprans wirkte erschütternd , aber auch begeisternd auf sie zurück , und sie schwebte , all ihr Leid vergessend , selig auf den Wellen des Gesanges , der ihr ja von jeher als das Herrlichste in der Welt erschienen war – sie sang einfach , aber tief ergreifend . Als der letzte Ton verklungen war , blickte sie auf ; aber im Innersten erbebend , senkte sie schnell den Blick wieder zu Boden und wandte sich zum Gehen . Nicht weit von ihr saß Joseph . Über die Brüstung geneigt , schien er alles um sich zu vergessen – sein Blick haftete unverwandt und glutvoll auf ihrem Gesicht – , wie tief bewegt waren seine Züge ! ... Was hätte sie nicht darum gegeben , wenn es ihr vergönnt gewesen wäre , noch einmal hinüberzusehen , um sich ganz gewiß zu überzeugen , ob dieser Blick auch wirklich ihr gegolten habe oder ob es vielleicht nur ein Spiel ihrer Einbildungskraft war . Aber sie mußte fort , mußte hinunter in die Weiberstühle , denn die Predigt begann bereits . Als sie nach Beendigung des Gottesdienstes aus der Kirchtür trat , eilte ihr auf dem Friedhof ein hübsches junges Frauenzimmer in städtischer Tracht entgegen und umarmte sie herzlich . Es war Anna , die einzige Tochter des Wirtes , die seit ihren Kinderjahren in der Stadt bei einer alten , kinderlosen , aber sehr vermögenden Muhme lebte , aus welch letzterem Grunde der Tannenwirt seine Tochter sehr gern bei ihr wußte . » Marie « , sagte Anna leise , aber dringend , » ich gehe jetzt gleich mit zu euch hinüber . Glaube mir , ich halte es nicht länger aus – monatelange Trennung ! ... Ich meinte schon , ich müsse vergehen vor Sehnsucht . « » Aber dein Vater ? « » Er weiß darum . Zwar brummte er gewaltig , wie immer , als ich ihm ankündigte , daß ich dich jedenfalls besuchen würde ; aber da die Muhme vorbat und erklärte , daß auch sie heute nachmittag zu deiner Mutter gehen wolle , da schwieg er ... Komm nur , komm ! ... Ich bin auf der Folter ! « Beide huschten in das Haus , und so konnte Marie nicht sehen , daß Margarete mit den Ihrigen und Frau Sanner allein nach Hause gehen mußte . Sie tat dies mit einem schmollenden , mürrischen Gesicht und wandte sich oft zurück nach dem Kirchhof , wo Joseph anscheinend sehr eifrig die Inschriften der Leichensteine studierte . Nachmittags waren Anna und ihre Muhme bei der Schulmeisterin . Anna hatte den kleinen Pflegling auf dem Arm und sprang singend und lachend mit ihm in der Stube herum . Die Muhme und Frau Lindner saßen gemütlich plaudernd am Fenster , und letztere war zum erstenmal nach langer Zeit ganz vergnügt und aufgeheitert . Es tat ihrem Herzen unendlich wohl zu sehen , daß es Leute gab , die an ihre Unschuld glaubten und dies ungescheut an den Tag legten . Draußen zogen die Burschen und Mädchen unter schmetternder Musik und unaufhörlichem Juchheschreien nach dem Tanzboden ... Na , das gab eine Pracht ! Die Tanzjungfern strahlten förmlich mit ihren goldenen Ketten , Nadeln , reichgestickten Mützenstückchen , so daß die kleine Christel entzückt meinte , man könne gar nicht lange hinsehen , denn es flunkere einem ordentlich vor den Augen . Am prächtigsten und in den Augen der Ringelshäuser am schönsten aber war die rotbackige Schulzens Margarete . Die schritt einmal stolz daher im seidenen Kleide und von zahlreichen Haubenbändern umrauscht , die an Schwere und Breite alles übertrafen , was Ringelshausen jemals in seinem Bereiche gesehen . Joseph ging an ihrer Seite . Sie blickte lächelnd und vertraulich zu ihm auf ; aber er schritt so still und einsilbig dahin , daß sie sich endlich unwillig abwandte . » Schulzens können sich über den künftigen Schwiegersohn freuen « , sagte die alte Muhme , indem sie dem Paar nachsah . » Ich kenne die Frau Sanner recht gut – sie besucht mich öfter und ist eine ganz prächtige Frau ... Da steckt ein Vermögen ! Ich glaube , die weiß selbst nicht , wieviel sie hat ... Der Joseph ist ein bildschöner , grundgescheiter Mensch