Stein aus dem niederprasselnden Mauerwerk hatte ihre Stirn gestreift – , wenn er nur besser getroffen hätte ! ... › Ich bin verwundet ‹ , sagte sie so schwach , als ging ' s zu Ende mit ihr ; › wollen Sie mich hier umkommen lassen , Zweiflingen ? ‹ Und sie haschte nach seiner Hand und zog sie an ihren lügnerischen , falschen Mund ... Hei , da schlug es wie eine Feuerflamme über sein Gesicht ! Er riß die Frau in die Höhe und – ich weiß bis heute nicht , wie es zuging – , sie mußte ein Teufel sein an Schlauheit und Behendigkeit , im Umsehen war sie drin im Zimmer und warf sich vor dem Sterbebette nieder ... › Fort , fort ! ‹ schrie der Prinz und stieß mit den Händen nach ihr ; aber da schoß ihm auch schon wieder ein Blutstrom aus dem Munde , und zehn Minuten nachher war ' s aus und vorbei mit ihm . « » Die Nacht ist keines Menschen Freund , heißt ' s « , unterbrach sich der alte Soldat , herb auflachend ; » die Spitzbuben haben keinen besseren Freund ! Möchte wissen , ob die Frau Gräfin auch alleinige Erbin geworden wär ' , wenn die helle Sonne ins Sterbezimmer geschienen hätte – glaub ' s nicht ! ... Wie der Prinz den letzten Seufzer ausgestoßen hatte , da stand sie auf – sie sah aus wie ein Geist , aber nicht eine Spur von Mitleid oder gar eine Träne war auf dem hochmütigen , weißen Gesicht zu sehen – , also , sie stand auf und schlug mir die Tür vor der Nase zu . Über eine halbe Stunde lang hat sie drin in einem fort gesprochen , was , das weiß ich nicht – ich hörte nur die Todesangst in ihrer Stimme . Nachher kamen die beiden Herren heraus und zeigten den Schloßleuten den Tod des Prinzen an . Mein Major ging an mir vorbei , als sei ich auf einmal ein Mauerstein oder so was geworden – er sah mich nicht an ... Herr , ich sagte vorhin , daß in der Nacht die ganze wilde Jagd über den Thüringer Wald hingetobt sei – nun ja , die Gräfin kam als Frau Venus mitgeritten , und wer der Tannhäuser war , das weiß ich – , mein Herr war seitdem ein verlorener Mann , die Gräfin aber die reichste Frau weit und breit . Das Testament , das sich vorfand , fiel in die Zeit , wo die Feindschaft mit dem Hofe zu A. am schlimmsten und die Macht der Gräfin am höchsten gewesen war – es soll förmlich niet- und nagelfest gewesen sein , und kein Gerichtshof hat daran rütteln können . Was da war , gehörte der Erbschleicherin , nicht einmal die Armen im Lande kriegten einen Groschen . « » Verwünscht , daß der Fürst zu spät kam ! – stieß der Student hervor und schlug mit der Hand auf den Tisch . » Zu spät ? « wiederholte Sievert . » Er kam gar nicht . Gegen Morgen fingen Bauern in der Nähe von A. ein herrenloses Pferd ein , und der Baron Fleury wurde im Chausseegraben gefunden . Er war im Hinreiten nach der Stadt mit dem Pferde gestürzt und hatte sich die Gliedmaßen dergestalt verstaucht , daß er nicht von der Stelle konnte ... Hei , der sah aus , wie er auf der Trage eingebracht wurde ! Die Kleider zerrissen und voll Chausseeschlamm , und die Haare , die der Pomadenheld alle Tage so schön kräuseln und ringeln ließ , hingen wie bei einem Zigeuner über das Gesicht ! ... Nu , er hat sein Schmerzensgeld vollauf gekriegt . Es ist ihm nicht vergessen worden , daß er sein Leben in die Schanze geschlagen hat , um dem Fürstenhause die Erbschaft zuzuwenden , und drum ist er auch schließlich – Minister geworden . « » Und Herr von Eschebach ? « fragte der Student . » Ja so , Herr von Eschebach ! « wiederholte Sievert , indem er sich die Stirn rieb . » Um seinetwegen hab ' ich ja eigentlich die Schandgeschichte erzählt . Je nun , der verging sozusagen seit der Nacht . Zuerst war er noch ziemlich lustig und guter Dinge – er ritt viel nach Greinsfeld ; das hörte aber schon nach ein paar Tagen ganz auf . Er zog nach A. , und just an dem Tage , wo in Greinsfeld große Hochzeit war – die junge Gräfin heiratete den Grafen Sturm – , da ging er auf und davon ... Nu , der konnte freilich so mir nichts dir nichts in die weite Welt gehen , er hatte ja nicht Weib und Kind wie mein Major – « Der Hüttenmeister war während der letzten Mitteilung des Alten an eines der Fenster getreten und hatte die Vorhänge auseinandergeschlagen – ein berauschender Blumenduft strömte sofort in das Zimmer . Auf dem Fenstersims blühten in Töpfen Veilchen , Maiblumen und Tazetten . Der junge Mann schnitt erbarmungslos die schönsten Blüten ab und schob sie vorsichtig in eine weiße Papiertüte . Bei Sieverts letzten Worten bog er den Kopf ins Zimmer zurück : Ein rascher Seitenblick streifte die gespannten Gesichtszüge seines Bruders , wobei ihm eine helle Röte über Gesicht und Wangen flog . » Aber nun lassen Sie die alten Geschichten ruhen , Sievert ! « rief er , die Rede des alten Soldaten rasch abschneidend , hinüber . » Sie selbst machen ja vieles gut , was andere verschuldet haben . Sie sind der getreue Eckart – « » Wider Willen , ganz wider meinen Willen , Hüttenmeister ! « fuhr Sievert grimmig auf , indem er sich erhob und hastig seine Sachen zusammenpackte . » Hat einer seinen Herrn lieb gehabt , so bin ich ' s gewesen ; ich wär ' für ihn durchs Feuer gelaufen in der Zeit , wo er noch gut und strenge und ein rechter Kavalier war . Aber nachher wurde er der Gräfin ihr Narr , er spielte und trank mit dem Baron Fleury und dergleichen Gelichter die Nächte durch und machte alle ihre › noblen Nichtsnutzigkeiten ‹ mit ; er mißhandelte seine Frau – die Frau , die ihr Herzblut tropfenweise für ihn hingegeben hätte – , und da kam mir der Grimm , ich hab ' ihn gehaßt und verachtet , und es war sein und mein Glück , daß er mich fortschickte ... Ja , ja , da heißt ' s : › Er ist auf dem Felde der Ehre gestorben ! ‹ Das klingt gar gewaltig und löscht alle Sünden aus ; wenn aber einer Bankrott macht und geht in der Verzweiflung sich selbst ans Leben , da ist er verurteilt für alle Zeiten . Herr , es war alles fort und verjubelt bis auf die elende Baracke , das Waldhaus ; die Frau Gräfin wollte mit dem Bettler auch nichts mehr zu schaffen haben , und da ging der letzte Zweiflingen nach Schleswig-Holstein , stürzte sich in den dichtesten Kugelregen und ließ sich niederschießen . Aber das ist beileibe kein Selbstmord – sollte mal einer sich unterstehen , das Ding so zu nennen ! Die Kavalier-Ehre ist gerettet , und nun sieh zu , Witwe , wie du zurechtkommst ! Seine adligen Hände konnten wohl Geld ausgeben , aber rechtschaffen arbeiten und das gutmachen , was sie gesündigt hatten , das durften sie nicht – dazu waren sie zu vornehm ! « Er warf den Mantelzipfel über die Schulter und griff nach der Laterne . » So , nun hab ' ich einmal meinem Herzen Luft gemacht ! « sagte er nach einem tiefen Atemzug . » Hätten Sie den Namen › Eschebach ‹ nicht genannt , wär ' s nicht geschehen ... Und nun gehe ich heim und schleppe mein Joch weiter ! ... Aber noch eins , Hüttenmeister : Nennen Sie mich nie wieder den getreuen Eckart ! Zu dem Posten gehört ein Herz voll Liebe und Geduld , und das hab ' ich nicht , absolut nicht ... Der Major hätte mir zehn solcher Briefe hinterlassen können , wie sie nach der Schlacht bei Idstedt einen bei ihm gefunden haben , ich wär ' deshalb noch lange nicht zu seiner Frau und Tochter gegangen , denn die Liebe war ausgelöscht ; aber es war einmal eine Zeit , wo mein Vater sein Bauerngütchen durch einen nichtsnutzigen Prozeß verlieren sollte ; da nahm der Major den besten Advokaten im Lande an und bezahlte ihn , und mein Alter blieb auf seinem rechtmäßig ererbten Eigentum . An die Zeit dachte ich , packte meine sieben Sachen zusammen und wurde wohlbestallter Haushofmeister , das heißt Küchenmagd , Holzlieferant , Scheuerfrau und so weiter bei Frau von Zweiflingen . « Der Ausdruck beißenden Hohnes in der Stimme des alten Soldaten wurde noch verstärkt durch die ironische Würde in Haltung und Gebärden , die er bei Aufzählung seiner Funktionen einnahm . Auf den Hüttenmeister aber wirkte diese Art und Weise peinlich und verletzend . Er kniff die Lippen unter dem Vollbart fest aufeinander , seine Brauen falteten sich noch düsterer als zuvor , und stillschweigend legte er die Papiertüte , die er bis dahin in der Hand gehalten hatte , auf einen Seitentisch . Sievert trat jedoch mit zwei raschen Schritten zu ihm . » Geben Sie nur her ! « sagte er , indem er die Tüte ergriff und auf das Brot in seinem Korbe legte . » Den Gefallen tu ' ich Ihnen schon ... Ändern kann ich doch nichts mehr , und die armen Dinger da sollen nicht umsonst abgeschnitten sein ... Will ' s schon ausrichten , weshalb Sie heute nicht zur › Teegesellschaft ‹ kommen können . Und nun gute Nacht und gute Besserung für den Herrn Studenten ! « Damit verließ er das Zimmer und trat wieder hinaus in den stürmischen Abend . 2 Er schlug denselben Weg ein wie die Pfarrerin – nach dem Dorfe Neuenfeld , das ungefähr einen Büchsenschuß weit vom Hüttenwerk lag . Aber der Weg war unterdessen ein sehr mühseliger geworden ; der Sturm hatte fußhohe Schneewälle zusammengefegt und quer über die Landstraße geworfen , und der Flockenwirbel erfüllte die Luft so dicht und undurchdringlich , daß auch nicht eine Spur der Ebereschenbäume zu beiden Seiten der Straße sichtbar war . Der alte Soldat stampfte mit Todesverachtung im förmlichen Sturmschritt vorwärts ; ihm wurde wohl inmitten des Tumultes . Er schob die wohlbefestigte Mütze nach dem Hinterkopf zurück und ließ sich von dem kalten Schnee die Stirn bestäuben , hinter der die plötzlich wachgerüttelten alten , bösen Erinnerungen brannten . Das Knirschen und Krachen unter seinen Füßen erfüllte ihn mit einer fast kindischen Befriedigung ; er trat noch einmal so fest auf und dachte an seinen Lebensweg , den er mit Mißbehagen und tiefem Widerwillen ging , da durfte er ja nie auftreten , wie er wollte , und wurde unter der Einlösung alter Verpflichtungen grau , verbittert und menschenfeindlich . Neuenfeld , eines jener armseligen Gebirgsdörfer , wie der Thüringer Wald deren genug auf seinem Rücken trägt , lag in lautloser Stille vor ihm ; es sah aus , als habe es sich geduldig und willenlos ergeben in die kleine Talsenkung hingestreckt , um sich nun bis an seine Schindeldächer einschneien und einsargen zu lassen . Am Tage erschienen die elenden , unregelmäßig durcheinander gestreuten Häuser mit den verwahrlosten Gärtchen an ihrer Seite nichts weniger als einladend ; in diesem Augenblick jedoch , wo Schnee und Nacht die Lehmwände und grauen Schindeln deckten , fiel der matte Lichtschein der kleinen Fenster gastlich und anmutend in das Schneewetter draußen . Die Glasscheiben bedurften keiner Läden oder verhüllenden Vorhänge – das besorgte der wohlgeheizte Ofen , der ja tröstlicherweise selbst im ärmsten Hause nicht fehlt ; er behauchte sie mit einer dicken Dunstschicht , und so konnte kein Nachbar bei dem anderen sehen , ob er seine Abendkartoffeln einfach in das Salzfaß tunke oder sich den Luxus einiger Lot Butter auf seinem ungedeckten Tisch erlaube . Sievert durchmaß das Dorf mit verdoppeltem Eilschritt . Die erleuchteten Fenster erinnerten ihn , daß daheim das letzte Stümpfchen Licht auf dem Leuchter steckte ; es hatte bereits sieben Uhr geschlagen , eine ziemliche Strecke Weges lag noch vor ihm , und die Bewohner des Waldhauses waren auf das Abendbrot angewiesen , das er im Korbe heimbrachte . Am Ende des Dorfes verließ er die Landstraße , die auf der Talsohle noch ein Stück fast schnurgerade in die weite Welt hineinlief , und betrat , links abbiegend , einen jener vernachlässigten Holzfahrwege , die nach einem aufweichenden Regen bodenlos , bei frosthartem , trockenen Wetter aber durch die fußtiefen Geleise geradezu halsbrechend werden . Das Waldhaus führte seinen Namen mit Recht . Vor Jahrhunderten von einem Herrn von Zweiflingen lediglich zu Jagdzwecken erbaut , lag es wie verloren im Walde . Bewohnt hatten es seine Besitzer niemals ; das eigentliche Haus bildete eine einzige ungeheure Halle , und nur die zwei ziemlich umfangreichen Türme , die zu beiden Seiten der Vorderfront emporstiegen , enthielten einige Gemächer , in denen ehemals die Teilnehmer an den großen Jagden übernachtet hatten . Nach dem Tode des Majors von Zweiflingen war dessen Witwe in eine kleine Stadt Thüringens übergesiedelt . Ihr ganzes Einkommen bestand in einer sehr schmalen Pfründe , die ihr infolge einer uralten Zweiflingenschen Stiftung zufiel – eine kleine Pension , die ihr der Minister , Baron Fleury , beim Fürsten von A. ausgewirkt , hatte sie zurückgewiesen . Den Luxus , irgendwelche Dienerschaft zu halten , schloß der kleine Etat selbstverständlich aus ; Sievert mußte demnach selbst für seinen Unterhalt sorgen , und er konnte es ; er hatte das von seinem Vater ererbte Bauerngütchen verkauft , und die Zinsen des Kapitals reichten vollkommen aus für seine geringen Bedürfnisse . Vor zwei Jahren nun war ein Rückenmarkleiden bei Frau von Zweiflingen zum Ausbruch gekommen ; sie hatte sich damals bereits dem Tode nahe gewähnt und mit fieberhafter Heftigkeit verlangt , auf Zweiflingenschem Grund und Boden zu sterben . Unter unsäglichen Mühen war sie nach dem Waldhaus , dem letzten Rest ehemaligen glänzenden Besitztums , geschafft worden und erwartete hier in völliger Abgeschiedenheit die erlösende Stunde . Allmählich stieg der Boden unter Sieverts Füßen aufwärts . Der alte Soldat watete bis über die Knöchel in dem zwischen den Furchen liegengebliebenen Schnee und hatte schwer zu kämpfen mit dem Sturm , der hier widerstandslos über den baumlosen Wiesenabhang hinpfiff . Aber schon brauste es schutzverheißend von droben herab – wohl heult der Sturm auf ein altes Schloß in einer ganz besonderen Tonart ; allein nicht weniger ergreifend klingen seine Stimmen , wenn er die Waldwipfel schüttelt , wenn er jedes dürre , zusammengekrümmte Eichenblatt zu seinem Sprachrohr macht und die leblose Blätterleiche zwingt , klagend mitzusingen von toter Waldesherrlichkeit , von Lenzesliebe und Sommertraum , aber auch von alten , alten Zeiten , da das Trara aus dem Hifthorn des Knappen scholl und das goldige Haar der pirschenden Edeldame über dem Dickicht wehte . Für Sievert klang auch noch anderes mit in dem Tosen , das jetzt über seinem Haupte hinzog . Die zürnenden Stimmen der alten gestrengen Herren von Zweiflingen – sie hatten hier geherrscht mit dem ganzen Gewicht feudaler Macht und Rechte , sie hatten oft unerbittlich grausam und blutig gerichtet über den Walddieb und Wilderer in ihrem Revier – , und jetzt mußte der alte Soldat auf dem nun fremden Grund und Boden die dürren Reiser auflesen , um den letzten Nachkommen des glänzenden Geschlechts eine warme Stube zu verschaffen ; er war noch vor kurzem in dem Untergehölz , inmitten der scheelsehenden Bettelkinder des Dorfes , umhergekrochen und hatte von dem scharlachnen Teppich der Preiselbeeren ein paar Körbe voll eingeheimst , zur Erquickung der letzten Frau von Zweiflingen . Der Alte pfiff leise zwischen den Zähnen , wie einer , der ein bitteres Auflachen verbeißen will . Plötzlich blieb er stehen – ein zornig knurrender Ton entschlüpfte seinen Lippen – , von fern flimmerte ein matter Lichtpunkt durch die Flocken , die in diesem Augenblick minder dicht niederfielen . » Aha , da hängt wieder einmal die Decke nicht vor dem Fenster ! Bei dem Wind ! « murmelte er grimmig . » Das wird ja hübsch durch die Stube pfeifen ! ... Nun fehlt nur noch , daß sie auch den Ofen vergessen hat . « Er lief vorwärts und lachte plötzlich auf – der Wind trug ihm einzelne volle Klavierakkorde entgegen . » Nun ja , da haben wir ' s – sie rast wieder einmal – , konnte mir ' s schon denken ! « grollte er weiterlaufend . Alle Selbstbetrachtungen waren im Nu verflogen vor dem Ärger , der sich des alten Soldaten bemächtigte . Was kümmerten ihn jetzt noch die wehklagenden und zürnenden Schatten der längst vermoderten Herren von Zweiflingen – er hörte nur die allmählich zur rauschenden Melodie werdenden Töne und sah den Lichtschein , der , unruhig hin und her flackernd , in der Tat aus einem unverhüllten Turmfenster fiel und dessen Eisenvergitterung in schwankenden , mattgezeichneten Umrissen auf die Schneedecke draußen warf . Die Fassade des Waldhauses trat um einige Schritte hinter die Türme zurück ; vor ihr hinlaufend und um eine Anzahl Stufen erhöht , verband eine Galerie die beiden Türme . Der unmittelbar vom Waldboden hinaufführenden Treppe gegenüber , die das Steingeländer der Galerie in seiner Mitte durchbrach , erhob sich eine ungeheure Doppeltür , die direkt in die große Halle führte . Bei Sieverts Hinaufsteigen floß der Laternenschein über zwei lebensgroße Steinfiguren , die auf der Brüstung zu beiden Seiten der Treppe standen , geschmeidige Jünglingsgestalten in Edelknabentracht . Das umlockte Haupt zurückgeworfen und mit hochgehobenem Arm das steinerne Horn an den Mund setzend , bliesen sie seit Jahrhunderten das Halali hinaus in den Wald ... Was für eine Versammlung wäre das geworden , wenn der Ruf all die toten Schläfer geweckt hätte , die hier , trunken von Wein und Jagdlust , als Gebieter auf der Terrasse gestanden und in stolzer Unantastbarkeit ihr weites Waldrevier überschaut hatten , all die Vertreter so vieler Generationen , grundverschieden in Tracht , Sitten und Anschauungen , aber heute wie immer zweifellos einig in dem einen Gedanken : um jeden Preis das Heft in der Hand behalten , herrschen und abermals herrschen , nicht um Haarbreite abgehen von den verbrieften Vorrechten , wohl aber sie ausdehnen und erweitern , wo irgend die Gelegenheit sich bietet ! Das unerhebliche Geräusch des Aufschließens dröhnte verzehnfacht drin im Hause wieder , und als Sievert den Türflügel öffnete , da tat sich die Halle in ihrer kolossalen Tiefe auf wie ein unergründlicher Schlund . Sieverts erste Schritte galten dem Ofen ; er schlug eine Tür zurück – die Kaminöffnung gähnte ihn in schwarzer Finsternis an . » Richtig – kein Funken Feuer ! ' s ist eine Sünde und Schande ! « zürnte er . Im Nu hatte er sich der mitgebrachten Sachen entledigt , und gleich darauf prasselte ein tüchtiges Feuer im Ofen . Der Sturm fährt durch den Schornstein und jagt die Flammenzungen weit in die Halle herein . Dann fliegen jedesmal gelbrote Lichter über die gegenüberliegende Wand , und aus verwitterten Rahmen treten , dicht nebeneinander gereiht , lebensgroße Männergestalten . Sie alle sind im Jägerkleide und meist in Situationen gemalt , welche den Mut und das aristokratische Blut der Zweiflingen kennzeichnen sollen – der Kampf mit riesigen Ebern und Bären ist als Sujet am meisten vertreten . Über der Bilderreihe aber tauchen Hirschköpfe auf , die stolze Last seltener Geweihe tragend ; weiße Tafeln mit schwarzer Inschrift besagen , wann und von wem jedes der edlen Tiere erlegt worden ist , und greifen dabei in eine so graue Vergangenheit zurück , daß ein altadliges Herz einen wahren Wonneschauer darüber empfinden könnte . Auch ein Orchester wird sichtbar ; hier hatten einst die Trompeten geschmettert und mit lustigen Weisen die edlen Herren » ergötzet « beim üppigen Jagdschmause – jetzt klang ein leises Meckern von dorther , der Bretterverschlag unter der Tribüne war zum Ziegenstall degradiert worden . Sievert stellte einen Dreifuß in das Feuer und einen Topf voll frischen Wassers darauf – es war die primitivste Kücheneinrichtung , die sich denken läßt – , dann steckte er eine der mitgebrachten Talgkerzen auf einen Messingleuchter . Während dieser Verrichtungen wich ein stereotypes grimmiges Lächeln nicht einen Augenblick von seinem Gesicht . Durch die Wand klang nämlich das Klavierspiel immer voller und rauschender . Der alte Soldat war offenbar kein Musikschwärmer , sonst hätte er doch wenigstens die unglaubliche Fingerfertigkeit und Sicherheit an dem Spiel bewundern müssen – diese perlenreinen Triller und Läufe konnten sich vor dem ausgesuchtesten Konzertpublikum hören lassen . Gleichwohl hatte der alte feindselige Kritiker nicht ganz unrecht mit der naiven Bezeichnung » Rasen « . Die brillante Tarantella wurde in schwindelnd schnellem Tempo genommen – die Töne sprühten , aber wie sogenannte kalte Funken , sie zündeten nicht und ließen den Zuhörer in Zweifel , ob in den flinken , aber automatenhaft gleichförmig herunterspielenden Fingern auch wirklich lebenswarmes Blut pulsiere . Der alte Soldat nahm die Kerze und öffnete die Türe , die in das Erdgeschoß des südlichen Turmes führte . Welche Gegensätze trennte diese Tür ! Draußen die öde , leere Halle mit dem schauerlich widerhallenden Steinfußboden und dem Mangel an jeglichem Gerät , und hier ein Gemach , angefüllt mit einer wahrhaft kostbaren Möbeleinrichtung . Wir müssen sagen » angefüllt « , denn das Zimmer war ziemlich klein und umfaßte die vollständige Ausstattung eines ehemaligen großen Salons . Das war der letzte Rest alter Herrlichkeit , den die Witwe zu behaupten gewußt hatte . Im ersten Augenblick blendete diese unerwartete Pracht , aber bald wich die Überraschung einem Gefühl der Wehmut , des tiefen Mitleids . Diese geschnitzten Palisanderetageren und -tische , diese Sofas und Sessel mit dem aprikosenfarbenen Seidendamastbezug standen an Wänden , die eine uralte , brüchige Ledertapete bedeckte ; die gepreßten , ehemals vergoldeten Arabesken in derselben hatten längst ein schmutziges Braun angenommen und traten um so widerwärtiger da hervor , wo sie mit der blinkenden Einfassung des deckenhohen Spiegels oder dem Goldrahmen eines Ölbildes in Berührung kamen ; vor den Fenstern aber hingen bunte Zitzgardinen , und der riesige , dunkle Ofen ragte grob und ungeschlacht in die zierliche Ausstattung und nahm ihr den letzten Anschein von Harmonie . Sievert zerdrückte den im letzten Stadium aufflackernden und qualmenden Lichtdocht zwischen den Fingern und stellte dafür die frische Kerze auf den Tisch . Die Frau , die einsam , in sich zusammengesunken in einem Sessel kauerte , bemerkte den wohltuenden Wechsel nicht – denn sie war blind – » blind geweint hat sich die arme Frau ! « sagten die Leute , und sie hatten wohl nicht unrecht . Auch sie erhöhte den peinlichen Eindruck , den das Zimmer in seinen Widersprüchen erweckte ; sie war mehr als einfach gekleidet , ihr dunkles , baumwollenes Kleid breitete sich förmlich hohnvoll über die strahlenden Polster des Lehnstuhles . » Sind Sie endlich da , Sievert ? « sagte sie verdrießlich mit schwacher , aber scharfklingender Stimme . » Sie brauchen ja immer eine halbe Ewigkeit zu Ihren Ausgängen ! Meine Tochter übt und hört mein Rufen nicht – ich habe mich fast heiser geschrien ... Mich friert . Jedenfalls haben Sie den Ofen nicht gehörig versorgt , ehe Sie fortgegangen sind , und Jutta hat vergessen , das Fenster zu verhängen – Sie hätten auch daran denken können ... Und was für schauderhafte Lichte bringen Sie jetzt immer ins Haus – das ist ja ein Geruch und ein Qualm – , nicht in unserer Domestikenstube hätte ich früher dergleichen gelitten ! « Der alte Diener ließ diese Vorwürfe ohne Widerrede über sich ergehen . Wachs- und Stearinlichte konnte die gnädige Frau nicht bezahlen , noch weniger aber das Öl , das die prachtvolle , aus dem Ruin gerettete Astrallampe verbrauchte . Er öffnete schweigend einen Schrank , nahm eine verblichene , rotseidene Steppdecke heraus und hängte sie vor das der Kranken am nächsten liegende Fenster . Frau von Zweiflingen ergriff eines ihrer langen Haubenbänder und rollte es mechanisch zwischen den dünnen , wachsgelben Fingern auf und ab – es lag etwas nervös Aufgeregtes in dieser Bewegung . » Sie haben einen abscheulichen Rauchgeruch in Ihren Kleidern mit hereingebracht , Sievert « , hob sie wieder an und richtete ihre erloschenen Augen nach dem Fenster , wo sie Sievert noch hantieren hörte . » Ich habe Sie im Verdacht , daß Sie nasses Holz brennen , wenn ich auch nicht begreife , wie Sie dazu kommen ... Sie haben doch ohne Zweifel unser Winterholz im Sommer zur rechten Zeit einfahren lassen – denn Sie sind ja sehr praktisch – , liegt es denn nicht an einem trockenen Ort ? « Ein beißendes Lächeln glitt um Sieverts Lippen , als er das Wort » einfahren « hörte . Ja , auf diesen seinen Schultern hatte er heuer das Winterholz der gnädigen Frau » eingefahren « , und es mochte freilich mancher noch grüne Ast mit untergelaufen sein , der jetzt im Ofen zischte und die Nase der Dame beleidigte ... Sievert hatte die Kasse der Frau von Zweiflingen unter seinen Händen , seit er bei ihr eingetreten war . Früher gelang es ihm , auszukommen und , wenn auch mit großer Mühe , den Anschein eines behaglichen Auskommens der Welt gegenüber aufrecht zu erhalten ; aber jetzt kostete die Krankheit viel Geld . Daran dachte die Frau nicht im entferntesten ; ebensowenig hatte sie eine Ahnung , daß das Abendbrot , welches sie heute essen sollte , wie auch das verabscheute Talglicht , aus Sieverts Tasche bezahlt seien – denn es war kein Groschen mehr im Hause . Der alte Diener versicherte indes seiner Gebieterin , daß das Holz wohlverwahrt im nördlichen Turm liege , und schob alle Schuld auf den Sturm , der den Rauch in die Halle blase . Dabei nahm er gleichmütig eine Serviette , zwei Tassen und eine messingene Teekanne aus dem Schranke und arrangierte einen Teetisch vor dem Sofa . In diesem Augenblick schloß das Klavierspiel im Nebenzimmer mit einem rauschenden Akkord . Frau von Zweiflingen seufzte erleichtert auf und preßte ihre Hände einen Moment gegen die Schläfe – für ihr zerrüttetes Nervensystem mußte die geräuschvolle Musik eine wahre Marter gewesen sein . Die Tür des Nebenzimmers ging auf . Wenn statt der Gardinen plötzlich bestaubte Spinnweben die tiefen Fensternischen des Turmgemachs überhangen hätten , wenn die elegante Möbeleinrichtung in den Erdboden gesunken und statt des Teetisches eine Kunkel zur Seite der Frauengestalt im Sessel auferstanden wäre , dann hätte Prinzessin Dornröschens Erscheinen bei der mörderischen Frau Stubenpoesie nicht lieblicher verkörpert werden können als in diesem Augenblick . Dicht neben dem greulichen schwarzen Ofenungeheuer , im Rahmen der Türöffnung , erschien ein junges Mädchen . Diese kinderhaften Hände , die jetzt prüfend und ordnend durch die auf die Büste niederfallenden dunkeln Locken glitten , waren eben noch mit ungewöhnlicher Energie über die Tasten hingeflogen . Wie leicht mußte das so schwierige Klavierstück der jungen Spielerin geworden sein – auch nicht die leiseste Röte der Erregung lag auf dem Gesicht , das zwar blaß , aber frühlingsfrisch wie die Blüte des Kirschbaumes war . Es hatte nichts gemein mit jenem hippokratischen Frauenprofil , das so lebensmüde und mumienhaft braun auf dem gelben Seidenpolster lag – wohl aber wiederholten sich seine köstlichen Linien voll griechischer Schönheit immer und immer wieder in der langen Bilderreihe der Halle , und die schwarzen Augen , die da draußen in wilder Jagdlust funkelten oder in ihrem aristokratischen Bewußtsein kalt gleichgültig auf die Welt niedersahen , strahlten auch hier groß und weit geöffnet aus dem weißen Mädchengesicht . Um den Kontrast zwischen Mutter und Tochter noch schreiender zu machen und letztere in allem lediglich als Sproß der Zweiflingen zu kennzeichnen , die fast durchgängig in grünem , mit Goldstickerei bedecktem Samt prunkten , umrauschte die jugendliche Gestalt ein durchwirktes , blaßblaues Seidenkleid , um dessen viereckigen Halsausschnitt sich echte Spitzen in gelblicher Weiße kräuselten . » Nun , Sievert « , sagte das junge Mädchen , in das Zimmer tretend , » kann man endlich heißes Wasser bekommen ? « Ihre Augen fielen auf den Teetisch . » Wie , nur zwei Tassen ? « rief sie . » Haben Sie vergessen , daß wir Besuch erwarten ? « » Der Besuch kann nicht kommen , weil der Herr Student krank geworden ist « , erwiderte Sievert kurz , während er die Teekanne noch einmal prüfend neben das Licht hielt , ob sie auch fleckenlos blinke . Die junge Dame sah plötzlich aus , als seien ihre sämtlichen Lebenshoffnungen vor ihr ins Wasser gefallen – ein Zug der bittersten Enttäuschung flog um ihre Lippen . » Oh , wie abscheulich ! « klagte sie . » Darf man sich denn auch auf gar nichts mehr freuen ? ... Krank soll der junge Ehrhardt sein ? Was fehlt ihm denn , wenn man fragen darf ? « Eine Beimischung von Ironie und Unglauben trübte mißtönend die kinderklare Stimme des jungen Mädchens . » Hm – der Student wird sich auf der Reise erkältet haben « , erwiderte Sievert trocken , indem er nach der Tür schritt . » Nun meinetwegen denn – aber ich sehe nicht ein , weshalb da nun auch der Hüttenmeister zu Hause bleibt ... Fürchtet er sich auch vor dem Schnupfen ? « fragte die junge Dame . » Sei nicht so kindisch , Jutta ! « schalt Frau von Zweiflingen ärgerlich . » Wie kannst du verlangen , daß er den kranken Bruder allein lassen soll , den er seit zwei Jahren nicht gesehen hat , und ihn obendrein zum erstenmal im eigenen Hause beherbergt ! « » O Mama , das entschuldigst du auch ? « rief Jutta und schlug in unwilligem Erstaunen die Hände zusammen