die Platanenallee trat und sich mit einer ritterlichen Handbewegung neben seiner Schwiegertochter niederließ – ein Gefühl inniger Teilnahme trieb ihn vom Fenster weg , in den Hausflur hinab . Auf der unteren Treppenwendung blieb er einen Augenblick stehen . Die Magd hatte mit Eierkorb und Buttergelte das Haus verlassen , und seine Mutter zog eben das Geflügel aus der Bratröhre . » Mein Bruder ist nicht zu Hause , Adam , « sagte sie zu dem Manne , der an der Küchentüre stand . Sie setzte die dampfende Pfanne auf den steinernen Spültisch und trat an die Schwelle . » Ich will doch nicht hoffen , daß Sie ihn noch einmal mit der dummen Geschichte belästigen ! « » Ja , Frau Majorin , « unterbrach er sie höflich aber fest , » ich komme deswegen . Nur der Rat kann mir noch helfen ; er weiß am besten , daß ich unschuldig bin – er wird der Wahrheit die Ehre geben . « » Sie sind nicht bei Sinnen , Mann ! « entgegnete die Majorin scharf und streng . » Soll der Herr Rat vielleicht beschwören , daß er mit der Dienerschaft des Herrn von Schilling niemals intim verkehrt hat ? « » Was ist denn das für eine Differenz zwischen hüben und drüben ? « fragte Felix erstaunt hinzutretend . » Ach , Herr Referendar , die Differenz bringt mich um Brot und Ehre ! « sagte Adam mit brechender Stimme . Sonst hatte er den jungen Mann bei dessen Heimkunft immer freudestrahlend begrüßt – heute schien er gar nicht zu wissen , daß er ihn lange nicht gesehen hatte . » Eben hat mich mein alter , gnädiger Herr einen Duckmäuser , einen miserablen Spion genannt ; er hat mir sein schönes Mundglas nachgeworfen , daß es in tausend Stücken auf dem Erdboden ' rumgeflogen ist – « » Sind ja recht schöne , adlige Manieren , « warf die Majorin trocken ein . Sie hatte währenddessen einen Bratenteller aus dem Küchenschrank genommen und hielt ihn , seine Sauberkeit prüfend , gegen das Fensterlicht . Ihren Sohn empörte diese unbeirrte Geschäftigkeit angesichts des tief erregten Mannes . Er reichte ihm herzlich die Hand . » Ich begreife nicht , was den alten Herrn dermaßen erbittern mag , daß er sich zu Tätlichkeiten hinreißen läßt , « sagte er teilnehmend . » Noch dazu seinem treuen Adam gegenüber – er hat Sie ja immer vor allen anderen hochgehalten – « » Nicht wahr , Herr Lucian , das wissen Sie auch ? ... Ach , du mein Gott ja – und das ist nun alles aus ! « rief der Mann in Jammer ausbrechend , und Tränen füllten seine Augen . » Ich ein Spion – ich ! – Ich soll gehorcht haben , der Steinkohlengeschichte wegen , die mich auf der Gotteswelt nichts angeht ! « Felix sah seine Mutter verständnislos und fragend an . » Er meint das Kohlenlager im kleinen Tale , « berichtigte die Majorin in ihrer wortkargen Weise . » Der Alte im Schillingshofe ist von jeher ein anmaßender Patron gewesen – er denkt , was er ausklügelt , das kann keinem anderen einfallen . « » Der gnädige Herr hat ' s ja nicht selber ausgedacht , Frau Majorin , « – sagte Adam – » das ist ' s ja eben ! ... Sehen Sie , Herr Referendar , er sagt immer , die Schillings und die Wolframs hätten seit Jahrhunderten die Klosteräcker am kleinen Tale gehabt , und es war ' bis auf den heutigen Tag keinem eingefallen , von dem großen steinigen Grund nebenan , der den Gotters von alten Zeiten her gehört , eine Handbreit auch nur geschenkt zu nehmen , geschweige denn zu laufen – es ist zu elender Boden ; der alte Gotter hat ihn oft genug selber verwünscht , er hat ' s so wenig gedacht , wie seine Nachbarsleute , die jahraus , jahrein daneben gepflügt und geackert haben , daß was Gescheiteres darunter stecken könnte . Da ist aber der fremde Ingenieur hieher versetzt worden , der hat gleich auf den ersten Blick gewußt , daß gerade unter diesem Grunde ein großes Kohlenlager ist – die Kohlen lägen ja geradezu am Tage , hat er gesagt – « » Ist auch so gewesen , « fiel die Majorin vom Küchentisch herüber ein . Sie entfaltete ein schneeweißes Tellertuch und rieb und wischte an der Bratenschüssel . » Und weil er mit meinem gnädigen Herrn von früher her bekannt war , « fuhr Adam fort , » so hat er ihm den Vorschlag gemacht , mit ihm zusammen den Grund zu kaufen und ein Kohlenbergwerk anzulegen . Mein Herr ist auch mit tausend Freuden drauf eingegangen , und sie haben alles im geheimen abgemacht . Weil aber gerade zu der Zeit die Hochzeit in Koblenz sein sollte , so ist der Ankauf des Grundstückes bis nach der Reise an den Rhein verschoben worden . Es ist ihnen ja nicht im Traume eingefallen , daß ihnen ein anderer zuvorkommen könnte – es hat ja keine Seele drum gewußt – so haben sie wenigstens gemeint – ja prosit ! – wie sie nachher zum alten Gotter gekommen sind , da hat der geflucht und gewettert , er hätte sich überrumpeln lassen , er hätte dem Herrn Rat Wolfram seinen Grund um ein Spottgeld verkauft – und nun seien ja Kohlen die schwere Menge drunter , und der Herr Rat habe schon bei der Behörde auf das Grundstück Mutung eingelegt – ist das nicht die reine Zauberei , Herr Lucian ? « » Ein merkwürdiges Zusammentreffen auf alle Fälle ! « rief der junge Mann überrascht . » Das sage ich auch – es ist eben Glück dabei gewesen , und der Onkel kann nicht dafür , wenn es andere Schlafmützen vergessen , « setzte seine Mutter hinzu . » Übrigens lügt der alte Gotter , wenn er von Überrumpeln und von einem Spottgeld spricht – er hat sich zu Anfang ins Fäustchen gelacht , weil er seinen saueren Wiesengrund so vorteilhaft losgeworden ist . « Das klang so kühl und nüchtern , so fertig und abgeschlossen im Urteil . Dabei war diese Frau doch , trotz ihres bürgerlichen Gebarens , eine vornehme Erscheinung . Sie war schlank und hatte über dem schönen Gesicht nußbraunes Haar , so voll und kräftig , wie das eines jungen Mädchens ; und die ehemalige Offiziersfrau vergaß bei allem Bienenfleiß ihre Stellung nicht – sie war sorgfältig frisiert und sehr gut gekleidet , wenn auch der schöne Fuß im festen Lederstiefel steckte , und eine breite blauleinene Küchenschürze augenblicklich das elegant sitzende Kleid umhüllte . » Da iß , Kind , « sagte sie und reichte dem kleinen Mädchen des Dieners ein Stück Kuchen aus dem Fliegenschranke . Die Kleine wandte mit finsteren Augen den Kopf weg und wehrte die Gabe ab . » Die nimmt nichts , Frau Majorin , « sagte ihr Vater weich . » Sie hat heute noch keinen Bissen gegessen – sie kann ' s nicht sehen , wenn die Leute nicht gut mit mir sind , und heute hat ja das Quälen und Zanken den ganzen Tag nicht aufgehört ... Herr Lucian , ich habe viel ertragen in der letzten Zeit . Der gnädige Herr bleibt dabei , die Sache sei nicht mit rechten Dingen zugegangen , er habe irgend einen › falschen Christen ‹ in seinem Hause , der gehorcht und geklatscht hätte , und weil ich , wie die Herren beisammen saßen , ein paarmal mit Wein ab- und zugegangen bin , da fällt nun auf mich armen Kerl der Verdacht ... Das ewige Sticheln Hab ' ich geduldig verbissen , ich wollte ja mein Brot nicht verlieren , Hannchens wegen « – er strich mit der Linken zärtlich über die dicken Haarflechten des Kindes – » aber seit gestern , wo die Leute von nichts anderem sprechen als von dem großen Glück , das der Herr Rat mit seinem Unternehmen hat – es sollen ja Kohlen sein , so gut wie die besten englischen – da kennt sich der gnädige Herr nicht mehr vor Wut und Ärger . Ich wollte nun den Herrn Rat noch einmal ganz gehorsamst bitten , daß er ' s meinem Herrn begreiflich macht – « » Das geht nicht , Adam – so viel sollten Sie sich selbst sagen , « unterbrach ihn die Majorin kurz . » Mein Bruder wird sich schwerlich herbeilassen , den Leuten auch noch gütlich zuzusprechen , die ihn heimlich anstünden , weil er ebenso gescheit gewesen ist , wie sie ... Das schlagen Sie sich aus dem Sinn – sehen Sie zu , wie Sie sich selbst heraushelfen . « Der Mann biß die Zähne zusammen – er kämpfte schwer mit seiner Erbitterung . » Hätt ' es freilich wissen sollen , « sagte er achselzuckend mit einem tiefen Seufzer ; » zwischen zwei großen Herren fällt so eine armselige Bedientenehre allemal auf den Boden . Da bleibt einem armen Teufel , wie mir , ja wirklich nichts anderes mehr übrig , als – ins Wasser zu gehen ! « fuhr es ihm verzweiflungsvoll heraus . » Ach nein , das tust du nicht , Vater ! Gelt , das tust du nicht ? « schrie das kleine Mädchen auf . » Reden Sie doch nicht so gotteslästerlich , Mann ! « schalt die Majorin streng und entrüstet . Felix aber nahm den Kopf des Kindes , das in ein unaufhaltsames Weinen ausbrach , sanft zwischen seine Hände : » Sei still , Herzchen , « beruhigte er , » das tut dein Vater nicht , dazu ist er viel zu brav . Ich will in den Schillingshof gehen und mit dem alten Herrn sprechen , wenn Sie es wünschen , Adam . « » Ach nein , ich danke Ihnen , Herr Referendar ! « versetzte der Mann – » ich weiß , Sie meinen es gut mit mir ; aber das macht Ihnen nur Ungelegenheiten , und mir hilft es doch nichts . « Er grüßte , schlang den Arm um sein kleines Mädchen und führte es nach der Haustüre . » Komm her , wir gehen zu deiner Großmutter . « » Ja , Vater , « sagte das Kind , augenblicklich sein Schluchzen niederkämpfend : » aber du bleibst auch dort , gelt ? Du gehst nicht fort in der Nacht , Vater ? « » Nein , mein gutes Hannchen . « Sie gingen durch den Hof , und der Puter lief wieder auf das Rotröckchen zu ; aber die Kleine beachtete ihn nicht ; ihre Füßchen suchten Schritt mit dem Vater zu halten , wobei sie weit vorgebogen ihm beweglich unter das Gesicht sah – sie traute seiner mechanisch gesprochenen Versicherung nicht . » Ich schlafe die ganze Nacht nicht , paß auf ! « drohte sie mit ihrem angstbebenden Stimmchen . – » Ich sehe es , wenn du fortgehst ! « – Und als die Hoftüre längst hinter ihnen zugefallen war , da hörte man noch über die Mauer her die unsäglich angstvolle , kindliche Drohung : » Ich schlafe nicht – ich laufe dir nach , wenn du fortgehst , Vater ! « 3. Die Majorin kehrte mit einem Achselzucken an den Küchentisch zurück . » Mit dieser Art von Leuten ist nicht viel anzufangen – sie sind gleich außer Rand und Band , « sagte sie gelassen wie immer . » Nun , den möchte ich doch sehen , der sein inneres Gleichgewicht behält , wenn er ungerecht beschuldigt wird und darüber auch noch sein Brot verliert ! « rief ihr Sohn tief erregt . » Sei nicht böse , Mama – aber auf dem Klostergute werden seit Jahrhunderten nur reiche , kluge Leute geboren – kein warmblütiges Menschenherz ! « » Wir backen , seit Jahrhunderten ' wöchentlich sechs Armenbrote , mag das Korn geraten oder nicht , « entgegnete sie , ohne auch nur eine Miene ihres ernsten Gesichtes zu verziehen . » Wir unterstützen auch vielfach auf andere Weise , wenn wir das auch nicht an die große Glocke schlagen . Aber wir sind bedächtiger Natur und rennen nicht mit jedem Kopf , der obenaus will ... Du bist allerdings nicht auf dem Klostergute geboren – « die gelassene , gleichmütige Stimme konnte sehr spitz werden – » du bist auch so ein neumodischer Brausekopf , der den einen in den Himmel hebt und dabei das gute Recht eines anderen zertritt ... Meinst du wirklich , der Onkel solle öffentlich erklären , daß er um › das Geheimnis ‹ des Herrn von Schilling nicht gewußt hat ? « » Das durchaus nicht , aber – « » Es würde auch dem wunderlichen Menschen , dem Adam , nichts nützen , so wenig wie dem alten Mann im Schillingshofe zu helfen ist , « fiel sie ihm in das Wort . » Die , brillante ' Heirat hat die verpfändeten Güter nicht so unbedingt an die Familie wieder zurückgebracht . Der Vormund der jungen Frau , ein schlauer Fuchs , hat einen Ehekontrakt aufgestellt , der den Schillings sehr viel zu wünschen übrig lassen soll – daher die grimmige Laune , die der Alte drüben nun an der Dienerschaft ausläßt . « » Der arme , alte Papa Schilling ! « rief Felix bedauernd . » Da mag er freilich tief erbittert sein und um den gescheiterten Plan doppelt grollen – der Kohlenfund hätte ihm jedenfalls wieder zu eigenem Vermögen verholfen . Er tut mir unsäglich leid – er büßt doch zumeist für die Sünden seiner Vorfahren . « Die Majorin räusperte sich vernehmlich – sie wußte es jedenfalls besser – , aber sie erwiderte kein Wort ; sie widersprach nur , wenn sie im eigenen Interesse mußte , dann aber auch energisch . Während ihr Sohn einigemal mit raschen Schritten den Hausflur durchmaß , schälte sie eine frische Gurke zum Salat . » Wunderbar aber ist und bleibt es , daß zwei Köpfe fast zur selben Stunde den gleichen Gedanken hegen , einen Schatz zu heben , an dem alle Vorfahren und sie selbst so lange Zeit ahnungslos vorübergegangen sind ! « sagte der junge Mann nach einem augenblicklichen Schweigen gespannt und trat wieder auf die Schwelle der Küchentüre . » Hm – ich frage den Onkel sehr selten und lege mir alle Vorkommnisse selbst zurecht , « entgegnete seine Mutter , ohne von ihrer Beschäftigung wegzusehen . » Der Onkel wird schon längst ebenso klug gewesen sein , wie der Herr Ingenieur ; aber er hat wohl die Unruhe und das Risiko des Unternehmens gescheut ... Nun ist der kleine Veit nachgekommen – die Wolframs blühen wieder auf , und da wird jeder neue Erwerb zur Pflicht . « » Mein Gott , soll denn dieses fieberhafte Erwerben bis in Ewigkeit fortgehen , Mama ? Ich sollte doch meinen , deine Familie hätte längst übergenug ! « Die Majorin fuhr wie entsetzt herum , und ein langer , unwillig überraschter Blick maß strafend den Sohn – es glimmte doch auch nicht ein Funke des Wolframschen Familiengeistes in ihm ! » Übergenug haben ! « Den vermessenen Gedanken hatte man auf dem Klostergute noch nicht gedacht , geschweige denn laut werden lassen – wie den Schlafwandelnden , so schreckt ja ein unbesonnener Anruf das scheue Glück vom Wege und macht es stürzen . – » Über die Vermögensverhältnisse spricht man in unserer Familie nicht , das merke dir ! « wies sie ihn scharf und schneidend zurecht . Sie drehte an einem Hahn über dem Spültisch und ließ sich das frische Brunnenwasser über die Hände laufen . » Dein spätes Mittagsbrot ist fertig – gehe in die Stube , ich komme gleich nach ! « sagte sie kurz über die Schulter . Das war ein barsches Kommando . Felix biß sich zornig auf die Unterlippe und schritt an seiner Mutter vorüber in die anstoßende Stube . Da hatte zu allen Zeiten der Eßtisch gestanden , und der tiefe Fensterbogen war der unbestrittene Platz der Hausfrau gewesen . Die Fenster gingen , wie die der Küche , auf den Hinterhof , den die Wirtschaftsgebäude und nach dem Schillingshofe zu eine Mauer umschlossen . Vor dem oberen Stockwerk der Gebäude hin lief ein bedeckter Gang ; eine Reihe kleiner Fenster , von schmalen Türen unterbrochen – einst die Mönchszellen – , mündeten auf ihn ; das waren jetzt die Heu- und Kornböden , die Obstkammern . Spreusiebe und Rechen hingen an den Außenwänden , und auf dem Holzgeländer trockneten Getreidesäcke und Pferdedecken . Der überhängende Gang verfinsterte den Hof und ganz besonders die Stube , vor deren Fenstern auch noch eine uralte Rüster ihren mächtig entwickelten Wipfel ausbreitete ... In diesem grüngefärbten , ungewiß hereinfallenden Licht stand das Nähtischchen , und hier hatte die stille Frau Rätin die Erholungsstunden ihres an Liebe so karg bemessenen Ehelebens verbracht . Das Krähen und Krakeln des Hühnervolkes auf der Düngerstätte , die Brummstimmen der Kühe von den Ställen her , die Hantierung der ab- und zugehenden Knechte und Mägde – das war das Lebensgeräusch für die Einsame gewesen . Felix erinnerte sich noch , daß sie eines Sonntagnachmittags die Korbwanne mit ihrem schlafenden Töchterchen neben sich gestellt hatte , in der Meinung , ihr gestrenger Eheherr sei ausgegangen . – Da war der Rat plötzlich eingetreten . Die Frau war jäh emporgefahren , die Glut des Ertapptseins auf dem blassen Gesicht , Fingerhut , Schere und Nadelbüchse waren auf die Dielen gepoltert , und der finstere Mann hatte mit einem halben Blick nach dem Korbbettchen beißend gesagt , hier sei sein Eßzimmer und nicht die Kinderschlafstube . An diesen Vorfall wurde Felix beim Eintreten lebhaft erinnert ; denn fast auf derselben Stelle schlief jetzt auch ein Kind ; aber nicht in der primitiven Korbwanne , zwischen buntgewürfeltem Bettzeug – ein elegantes Wiegenbettchen stand da – grüne Seide spannte sich über das Verdeck , und ein langer grüner Schleier fiel über die kleine , flockenweiche und weiße Bettdecke ... Und am Nähtisch , auf dem Platze der sanften , schlanken Frau saß eine vierschrötige Person , mit dem bäurischen Kopftuch über dem dummdreisten , vollstrotzenden Gesicht und strickte an einem groben Strumpfe . Sie erhob sich nicht von ihrem Sitze , als der junge Herr eintrat , und fuhr fort , mit der Fußspitze die Wiege zu schwenken – sie war sich wohl bewußt , daß die Amme augenblicklich die Herrschende auf dem Klostergute sei . Felix hätte gern einen Blick durch den Schleier geworfen , um das Gesicht des kleinen , schlafenden Vetters zu sehen , allein der Anblick des Frauenzimmers auf dem Platze der verstorbenen Tante empörte und verletzte ihn . Er setzte sich schweigend an den Eßtisch und zog ein Lederetui aus der Tasche , das er öffnete , um ein zusammengeklapptes Eßbesteck von Silber herauszunehmen ... Das war das einzige von den Lucians herstammende Stück , das die erzürnte , unversöhnliche Frau aus dem Königsberger Hausstand mit heimgebracht hatte , das Patengeschenk des Großvaters , des längstverstorbenen Obersten Lucian , für seinen Enkel Felix , den er selbst aus der Taufe gehoben ... Das Etui war seitdem in der dunkelsten Ecke des Silberschrankes droben im Giebelzimmer verblieben . Bei seinem letzten längeren Aufenthalt auf dem Klostergute aber hatte der junge Eigentümer durch Zufall das geflissentlich verborgene großväterliche Geschenk entdeckt , er hatte es sofort mit heimlich aufjauchzendem Herzen wiedererkannt und , trotz des mütterlichen Protestes , als sein eigen reklamiert . Nun schob er das einfache , holzstielige Besteck des Hauses beiseite und legte das silberne auf die hingebreitete Serviette . In diesem Augenblick trat die Majorin ein . Sie trug ein gebratenes Hähnchen und den Gurkensalat auf einem Präsentierbrett und war eben im Begriff , einen gewärmten Teller vor ihren Sohn niederzusetzen , als ihr Blick auf das Silberbesteck fiel . Sie wurde dunkelrot im Gesicht und blieb regungslos stehen . » Nun , ist dir unser Eßzeug nicht blank oder stolz genug ? « fragte sie kurz , wie mit zugeschnürter Kehle . » Das nicht , Mama , « – versetzte der junge Mann und legte mit einem fast zärtlichen Gesichtsausdruck die Hand auf den Messergriff , der den großeingravierten Namen Lucian trug ; – » aber ich bin so glücklich , etwas aus der alten Zeit im Gebrauch zu haben – von diesem Andenken trenne ich mich nie ! ... Ich weiß noch genau , wie er aussah , mein schöner , stolzer Großpapa , obgleich ich nicht viel über vier Jahre alt gewesen bin , als er gestorben ist . Der Papa « – ein Schmettern und Klirren machte ihn emporfahren , zugleich erschrak er über sich selbst , denn zum erstenmal nach vieljähriger , von der strengen Mutter ihm auferlegten Selbstbeherrschung , war ihm wie unbewußt das teure , seinem Gedankengang so geläufige Wort » Papa « über die Lippen geschlüpft – und nun stand sie vor ihm , die Zürnende , mit funkelnden Augen ; aus dem eben noch rot überflammten Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen , und die jäh aufzuckende Hand hatte unwillkürlich den Teller zu Boden geschleudert . Die Amme kreischte auf , und die Kinderstimme in der Wiege stimmte aus Leibeskräften mit ein . » Aber , Frau Majorin , wenn das jetzt der Herr Rat wüßte ! – Veitchen kann ja Krämpfe kriegen vor Schrecken ! « sagte die Amme in frech zurechtweisendem Ton und nahm das schreiende Kind aus dem Bettchen . Zum höchsten Erstaunen des Sohnes erwiderte die stolze , strenge Frau keine Silbe . Sie half den Schreihals beruhigen , dann raffte sie die Scherben von den Dielen auf und ging hinaus in die Küche . Felix wußte , wie heiß sein Onkel und auch seine familienstolze Mutter einen direkten Erben des Wolframschen Namens ersehnt hatten ; aber er ahnte doch nicht , welche Macht dieser kleine Junge im Wickelkissen auf dem Klostergute war . – Der junge Mann starrte mit einem heimlichen Schrecken nach dem borstigen , schwarzen Haarbüschel , der unter dem verschobenen Mützchen hervorkam . – Hätte die Frau Rätin , die ihre fünf kleinen Mädchen , eines wie das andere , mit kornblumenblauen Augen aus zarten Schneewittchengesichtern angesehen hatten , in ihr irdisches Heim zurückblicken können , sie wäre jedenfalls sehr betroffen gewesen über das zigeunerhafte Kerlchen , zu dem sich der mit ihrem Leben erkaufte Sohn entwickelte – ein braunes , faltig mageres Gesichtchen zwischen den weit abstehenden Ohren , und lange , dürre Fingerchen , die wie Spinnenfüße auf dem weißen Steckkissen krabbelten – das war der Erbe des Klostergutes ! » Schlaf , Kindlein , schlaf – schlaf sanfter als ein Graf ! « – sang die Amme in rucksenden Tönen . Sie ging am Eßtisch vorüber , und den Takt auf das Steckkissen patschend , stieß sie eine Tür auf und marschierte in die anschließende Stube . Das war das Geschäfts- und Arbeitszimmer des Herrn Rates – es tat sich auf wie ein weiter Saal , und sein mächtiges Bogenfenster ging auf den Vorderhof . Das Kind war still , und die Amme schlug drüben den Fensterflügel zurück und rief den draußen beschäftigten Knechten plumpe Witzworte zu – das war nun etwas ganz Unerhörtes auf dem Klostergute . So schlicht bürgerlich auch der Zuschnitt des gesamten Hausstandes war – das Gesinde wurde in strenger Zucht , in sklavischer Demut , fast wie Leibeigene , zu Füßen der Herrschaft niedergehalten ; die Wolframs verstanden es , sich in Respekt zu setzen . Die Majorin , die inzwischen wieder hereingekommen war und einen anderen Teller auf den Tisch gesetzt hatte , streifte mit einem Seitenblick das Fenster , an dem es so geräuschvoll zuging , aber sie sagte kein Wort . Die gleichmütige Ruhe , die ihr schönes Profil wieder angenommen hatte , erschien dem Sohne heute zum erstenmal unnatürlich und unheimlich – er wußte seit einigen Augenblicken , daß alle Nüchternheit und Besonnenheit , aller Schutt der Alltäglichkeit eine verstohlen glimmende Stelle in der Seele seiner Mutter nicht zuzuschütten vermochten – ein einziges Wort hatte Flammen aufschlagen lassen ... Dem Eßtisch gegenüber wölbte sich der plump gemeißelte , steinerne Rundbogen einer Türe ; hinter ihr , durch die klafterdicke Mauer hindurch , hatte einst eine Treppe nach dem erhöhten Parterre , in den Korridor des Säulenhauses geführt ; sie war der Verbindungsweg zwischen der Klosterküche und den Speisesälen des Hospizes und überhaupt der einzige gewesen , der die zwei Häuser miteinander verbunden hatte . Bei der Teilung des Klostersitzes war der Türbogen in seiner ganzen Tiefe massiv vermauert worden ; die praktischen Wolframs aber hatten ein wenig Raum als flachen Wandschrank hinter der Türe belassen . Diesen Schrank schloß die Majorin jetzt auf . Die Haushaltungsbücher lagen drin , und auf dem schmalen Regal stand ein lackierter Blechkasten , – dahinein floß der Erlös für Geflügel und dergleichen und das Milchgeld . Felix sah mit verfinstertem Gesicht zu , wie seine Mutter eine derbe Ledertasche vom Gürtel nahm und den Inhalt , lauter kleine Münzen , in den Kasten schüttete . Sie mußte also jetzt auch , wie vordem die arme Rätin , am Schanktische stehen und die Milch nößelweise verkaufen ; sie mußte das verlangte Geflügel in Hühnerstall und Taubenschlag zusammensuchen und den fremden Köchinnen im Gemüsegarten Salat und Kohlrabi abschneiden und sich die Groschen und Pfennige dafür in die Hand zählen lassen ... Dem jungen Mann quoll der Bissen im Munde vor Verdruß ; zudem kreischte in diesem Augenblick die Amme laut auf vor Vergnügen . Er warf Messer und Gabel hin und sprang auf . » Ist es dir wirklich möglich , so viel Gemeinheit in deiner Nähe zu dulden , Mama ? « rief er entrüstet . » Wenn ich unverständig wäre , dann empörte ich mich wahrscheinlich auch dagegen , « sagte sie , gelassen den Schrank schließend . » Das Kind ist schwach und elend – sein Leben liegt in der Hand der ungeschliffenen Person – da heißt es schlucken und schweigen . « Ihr Sohn fühlte , wie ihm das Blut nach dem Kopfe schoß – welche große innere Opfer brachte diese Frau dem Kinde ihres Bruders , und ihr eigenes hatte sie vaterlos gemacht , weil sie – nicht schweigen wollte ! Er erinnerte sich der Szenen zwischen seinen Eltern ; er wußte noch , daß die Mutter dem aufbrausenden Manne gegenüber kalt und unerbittlich stets das letzte Wort behauptet hatte , bis er wie rasend vor Ungeduld aus dem Zimmer gestürmt war . Sie hatte schwerlich eine Ahnung von der unsäglichen Bitterkeit , die augenblicklich in ihrem Sohn aufwogte , sonst wäre sie wohl nicht so gleichmütigen Blickes an ihm vorüber in das anstoßende Zimmer gegangen . » Wir wollen doch lieber das Fenster schließen , Trine , « sagte sie mit ruhiger Freundlichkeit , » die Zugluft könnte dem Kinde schaden . « » Ach bewahre , es zieht nicht ! Da müßte ich doch auch ' was spüren ! « entgegnete Trine impertinent . » Ich bin die Amme , Frau Majorin . Unsereins muß doch wohl am besten wissen , was es zu tun und zu lassen hat . « Sie mußte übrigens doch schon ihre Erfahrungen bezüglich der Entschiedenheit der Dame gemacht haben , denn während die Majorin , die grobe Antwort völlig überhörend , unbeirrt die Fenstergriffe fester zudrehte , kehrte sie brummend an die Wiege zurück , legte das Kind in die Kissen und nahm ihren Strickstrumpf wieder auf . Indessen war auch Felix in das Zimmer des Onkels getreten , zu seiner eigenen Verwunderung mit derselben beklemmenden Scheu , die er als Kind empfunden ... Diese holzbekleideten Wände schlossen stets dieselbe widerlich dumpfe , mit dem Geruch alter , lederner Büchereinbände erfüllte Luft und einen abgesperrten , gleichmäßig häßlichen Dämmerschein des Tageslichtes in ihr langgestrecktes Viereck . Zur Zeit seiner Amtstätigkeit – der Rat hatte seit einigen Jahren sein Amt als Oberbürgermeister der Stadt niedergelegt – war das Zimmer die sogenannte Amtsstube und damit ein Gegenstand der Furcht für alle Hausgenossen gewesen . Da waren oft bitterböse Worte zwischen heftig streitenden Männern gefallen ; die leidenschaftlich gesteigerten Stimmen hatten draußen von den Wänden des Hausflurs widergehallt , und mancher war mit zornrotem Kopf fortgestürzt und hatte die Türen schmetternd zugeschlagen ; denn der Rat hatte nicht gut mit den Bürgern der Stadt gestanden , er war verhaßt gewesen seiner herrischen Willkür , seiner oft bis zur grausamen Härte gehenden Unbeugsamkeit , seines beißenden Hohnes wegen . Felix hatte das Zimmer als Kind fast nur betreten dürfen , wenn die Mutter ihn schickte , einen Verweis des Onkels in Empfang zu nehmen , und doch blieb er meist wie mit magischer Gewalt festgebannt noch einige Augenblicke nach Beendigung der Strafpredigt an der Schwelle stehen , bis ihn der Rat barsch hinausscheuchte . An der ganzen Südseite – derselben Wand , welche einst drüben im anstoßenden Zimmer der Verbindungsweg zwischen Kloster und Säulenhaus durchbrochen hatte – lief nämlich eine Galerie hin ; ein hölzernes Treppchen von wenigen Stufen führte hinauf und teilte ihr geschnitztes , vor Alter schwarz gewordenes Geländer in zwei Hälften . Die Wand war bedeckt mit Holzschnitzereien , plumpen , unkünstlerischen , in Felder eingeteilten Darstellungen aus der biblischen Legende . Aber nicht diese Heiligengestalten mit ihren verrenkten Gliedmaßen und der plumpen Scheibe des Glorienscheins hinter den Köpfen zogen den sehnsüchtigen Blick des Knaben auf sich – die Orgel war es , zu der die Stufen direkt führten . Sie war uralt und von der primitivsten Art ; sie hatte nur wenige zinnerne Pfeifen und sehr breite Tasten , ein vollstimmiger Choral hatte nicht darauf gespielt werden können . Auch sie sollte ein Mönch gebaut haben , und zwar der Abt selber , dessen » Klause « dieses weite saalartige Zimmer einst gewesen ... Die Wolframs hatten die ganze raumversperrende Einrichtung dennoch unberührt gelassen – sie hatte heiligem Gebrauch gedient ,