einem kleinen , runden Silberteller ein Kelchglas , zur Hälfte mit dunklem , schwerem Rotweine gefüllt . Das war ein Zimmer , wo keine Blume gedeiht , wo kein Vogel sein störendes Lied singen darf . In den vier Ecken , auf Säulenstücken von schwarzem Marmor , standen lebensgroße Büsten aus demselben Material , das die strenggeschnittenen Köpfe noch herber und härter im Ausdrucke erscheinen ließ , und die eine lange Wand nahmen Büchergestelle ein ; sie harmonierten in Farbe und Ausschmückung mit dem Schreibtische und bargen eine ansehnliche Bibliothek in ihren Fächern , schöngebundene Bücher neuesten Datums , aber auch Folianten in Schweinsleder und ganze Stöße abgegriffener Brochüren . Fast schien es , als sei hier das tiefe , gleichmäßige Rot als Grundton nur gewählt , um den Ernst des Gedankens in der Gesammteinrichtung hervorzuheben . Als der Kommerzienrat auf die Schwelle trat , blieb die Dame , die offenbar da auf- und abgegangen war , inmitten des Zimmers stehen . Man hätte meinen mögen , auch sie sei eben von draußen hereingekommen , direct aus dem Schneegestöber mit überschneitem Gewande , so blendend weiß stand sie auf dem roten Teppich . Es ließ sich schwer bestimmen , ob die weichen Falten des langen Cachmirkleides lediglich aus Bequemlichkeit so lässig um Hüften und Taille geschürzt waren , oder ob diesem außergewöhnlichen Arrangement ein sorgfältiges Toilettenstudium zu Grunde liege – jedenfalls hob sich die Gestalt von dem dunkelpurpurnen Hintergrunde edel in jeder Linie und taubenhaft weiß ab wie eine Iphigenie . Die Dame war sehr schön , wenn auch nicht mehr in der ersten Jugend . Sie hatte ein feines Römerprofil und zartgefügte , jugendlich biegsame Glieder ; nur das aschblonde Haar entbehrte der Fülle ; es war kurz verschnitten und bauschte sich , von der Stirn zurückgestrichen , in kleinen durchsichtigen Locken um Kopf und Hals . Das war Flora Mangold , die Schwägerin des Kommerzienrats Römer , die Zwillingsschwester seiner verstorbenen Frau . Sie hatte die Arme leicht unter der Brust verschränkt und sah ihrem Schwager mit sichtlicher Spannung entgegen . „ Nun , Flora , Du bist nicht drüben ? “ fragte er , mit dem Daumen die Richtung des Salons bezeichnend . „ Was denkst Du denn ? Ich werde mich wohl in Großmamas Theeklatsch setzen , zwischen Strümpfe und Wickelschnuren für arme Kinder und Altweibergeschwätz , “ versetzte sie herb und geärgert . „ Es sind auch Herren drüben , Flörchen – “ „ Als ob die sich auf den Klatsch nicht noch besser verstünden , trotz Orden und Epauletten ! “ Er lachte . „ Du hast schlechte Laune , ma chère , “ sagte er und ließ seine schlanke Gestalt in einen Lehnstuhl sinken . Sie aber warf plötzlich mit einer heftig schüttelnden Bewegung den Kopf zurück und preßte die festverschlungenen Hände gegen den Busen . „ Moritz , “ sagte sie wie athemlos , wie nach einem augenblicklichen Ringen mit sich selbst , „ sage mir die Wahrheit – ist der Schloßmüller unter Bruck ’ s Messer gestorben ? “ Er fuhr empor . „ Welche Idee ! Nun wahrhaftig , Euch Frauen ist doch nie ein Unglück schwarz genug – “ „ Moritz , ich bitte mir ’ s aus , “ unterbrach sie ihn mit einer stolzen Kopfbewegung . „ Nun ja , allen Respect vor Deiner Begabung und Deinem ungewöhnlichem Verstande , aber machst Du es denn besser als die Anderen ? “ Er durchmaß aufgeregt das Zimmer – diese ungeahnte Auffassung des Ereignisses traf ihn wie vernichtend . „ Unter Bruck ’ s Messer gestorben ! “ wiederholte er mit tief erregter Stimme . „ Ich sage Dir , gegen zwei Uhr hat die Operation stattgefunden , und vor kaum zwei Stunden ist der Tod eingetreten . Uebrigens fasse ich nicht , wie gerade Du den Mut findest , einen solchen Gedanken so kurz und bündig , fast möchte ich sagen , so mitleidslos auszusprechen . “ Gerade ich ! “ betonte sie . Bei diesen energischen Worten drückte sie den vorgestreckten Fuß sichtlich tiefer in den Teppich . Gerade ich , weil ich nichts Totgeschwiegenes in meiner Seele dulde – das solltest Du wissen . Ich bin zu stolz , zu wenig hingebend , um die dunkle Verschuldung eines Anderen mitzuwissen und zu verhehlen – sei dieser Andere , wer er wolle ! Glaube ja nicht , daß ich dabei nicht leide ! Mir geht ein Schwert durch ’ s Herz , aber Du hast das Wort ‚ mitleidslos ‘ gebraucht – verdächtiger konntest Du Dich nicht ausdrücken . Mitleid haben mit der Stümperei in der Wissenschaft , das ist absurd , geradezu unmöglich . Darüber aber bist Du doch , so gut wie ich , im Klaren , daß Bruck ’ s Ruf als Arzt bereits stark gelitten hat durch die gänzlich mißrathene Kur der Gräfin Wallendorf . “ „ Ja , ja , die gute Frau hat ihrer Liebhaberei für Gänseleberpastete und Champagner um keinen Preis entsagt . “ „ Das behauptet Bruck – die Verwandten haben es widerlegt . “ Sie preßte die Handfläche an die Schläfen , als schmerze ihr der Kopf heftig . Weißt Du , Moritz , als die Nachricht von dem Unglück in der Mühle herübergebracht wurde , da bin ich wie sinnlos draußen im Freien auf- und abgestürmt . In allen Schichten der Bevölkerung war der alte Sommer gekannt , alle Welt interessierte sich für die Operation . Sei es denn , wie Du sagst , daß er nicht sofort unter Bruck ’ s Händen den Geist aufgegeben hat – die Sachverständigen werden mit Recht behaupten , er habe eben nur , vermöge seiner robusten Natur , einen verlängerten Kampf gekämpft . Willst Du als Laie das besser wissen ? Leugne doch nur nicht , daß Du dieselbe Ueberzeugung hegest ! Du solltest Dich nur sehen , wie blaß Du bist vor innerer Bewegung . “ In diesem Augenblick that sich eine Seitenthür auf , und die Präsidentin Urach erschien auf der Schwelle . Trotz ihrer siebenzig Jahre konnte man wohl von ihr sagen : sie kam schwebenden Schrittes näher ; trotz ihrer siebenzig Jahre war sie eine wunderlich jugendliche Großmama . Sie trug nicht einmal die wohlthätig verhüllende Mantille des Alters ; ein weißer , auf den Rücken geknüpfter Spitzenfichu legte sich knapp um Brust und Taille , und auf der perlgrauen Seidenschleppe bauschte ein reichgarniertes Ueberkleid . Ihr ergrautes , aber noch von glänzenden Streifen der ehemaligen Goldfarbe durchzogenes Haar war in dicken Puffen um die Stirn gesteckt , und über dieser Haarkrone lag schleierartig weißer Blondentüll , dessen lange Enden den Hals und die untere Kinnpartie , diese unerbittlichen Verräther des vorgerückten Alters , zugleich verhüllten . Sie kam nicht allein . Neben ihr schlüpfte ein wunderliches Wesen herein , eine im Wachstum sehr unterdrückte Gestalt , nicht gerade unproportioniert in den Gliedern , aber doch auffallend klein und erschreckend mager , und auf diesem dürftigen Körper saß der starkentwickelte Kopf einer jungen Dame von vielleicht vierundzwanzig Jahren . Die drei im Zimmer anwesenden Frauenköpfe trugen ein und denselben Familienzug – man erkannte sofort die enge Beziehung zwischen der Großmutter und den Enkelinnen ; nur bei der Jüngsten erschien das edle , ebenmäßige Profil zu sehr in die Länge gezogen ; auch trat das Kinn breiter und energischer hervor . Sie hatte einen kränklichen Teint und seltsam bläuliche Lippen . Durch ihr blondes Haar schlangen sich feuerfarbene Sammetbänder – sie war überhaupt in eleganter Gesellschaftstoilette ; nur hing origineller Weise da , wo andere Damen ein Margarethentäschchen tragen , ein ovales Weidenkörbchen , weich gefüttert mit blauen Atlaskißchen , zwischen denen ein Kanarienvogel saß . „ Nein , Henriette ! “ rief Flora ungeduldig und heftig , als das Vögelchen sofort sein Nest verließ und wie ein Pfeil über ihren Kopf hinflog , „ das leide ich absolut nicht . Deine Menagerie lässest Du draußen ! “ „ Ich bitte Dich , Flora – Hans hat weder Elephantenfüße noch Hörner am Kopfe ; er tut Dir nichts , “ sagte die kleine Dame gleichmüthig . „ Komm , Hänschen , komm ! “ lockte sie das Thierchen , das droben an der Decke kreiste ; es kam sogleich pflichtschuldigst herunter und setzte sich auf ihre ausgestreckten Zeigefinger . Flora wandte sich achselzuckend ab . „ Ich begreife Dich und die Anderen drüben wahrhaftig nicht , Großmama , “ sagte sie scharf . „ Wie mögt Ihr nur Henriettens Kindereien und Narrheiten dulden ? Sie wird Euch nächstens auch ihre sämmtlichen Tauben- und Dohlennester in den Salon schleppen . “ „ Ei ja – warum denn nicht , Flora ? “ lachte die Kleine und zeigte eine Reihe feiner , scharfer Zähnchen . „ Die guten Leute müssen sich ja auch gefallen lassen , daß Du wo möglich mit der Feder hinter dem Ohr einhergehst und stets alle Taschen voll Stubengelahrtheit mitbringst – “ „ Henriette ! “ unterbrach sie die Präsidentin streng verweisend . Es war eine wahrhaft fürstliche Hoheit in jeder ihrer Bewegungen ; auch in der graciösen Art , wie sie dem Kommerzienrat ihre schlanke Hand begrüßend hinreichte , lag bei sehr viel Güte und Freundlichkeit dennoch eine nicht zu verkennende Herablassung . „ Wir haben drüben erfahren , daß Du endlich zurückgekommen bist , lieber Moritz ; sollen wir noch länger warten ? “ fragte sie mit ihrer schönen , immer noch weichen Frauenstimme . Noch vor zehn Minuten hatte er mit dem festen Vorsatz , schleunigst in den Frack zu schlüpfen , das Haus betreten – jetzt sagte er zögernd und unsicher : „ Theuerste Großmama , ich möchte Sie bitten , mich für heute zu entschuldigen – der Vorfall in der Mühle – “ „ Nun ja , der Vorfall ist traurig genug , aber weshalb sollen auch wir darunter leiden ? … Ich weiß wahrhaftig nicht , wie ich Dich vor meinen Freunden entschuldigen soll . “ „ Sie werden doch nicht so schwer von Begriffen sein , die guten Freunde , um nicht zu verstehen , daß Käthe ’ s Großpapa gestorben ist ? “ warf Henriette über die Schulter herüber ein – sie stand vor einem Bücherbrett und las , wie es schien , eifrig die Vignetten . „ Henriette , ich verbitte mir ernstlich Deine naseweisen Bemerkungen , “ sagte die Präsidentin . „ Du magst meinetwegen Deinen feuerfarbenen Haarschmuck ein wenig moderieren ; denn Käthe ist Deine Stiefschwester , mir und Moritz aber liegt diese Verwandtschaft so weltenfern , daß wir für uns dem Trauerfall officiell keinerlei Bedeutung zugestehen können , so sehr ich ihn auch beklage . Ich möchte überhaupt nicht , daß die Sache an die große Glocke geschlagen würde – Bruck ’ s wegen – je weniger über den Vorfall gesprochen wird , desto besser . “ „ Mein Gott , seid Ihr denn Alle so ungerecht gegen den Doktor ? “ rief der Kommerzienrat in ausbrechender Verzweiflung . „ Ihm ist auch nicht der allergeringste Vorwurf zu machen ; er hat seine ganze Kunst , sein ganzes Wissen aufgeboten – “ „ Lieber Moritz , darüber mußt Du meinen alten Freund , den Medicinalrath von Bär , hören ! “ unterbrach ihn die Präsidentin und klopfte ihn leicht auf die Schulter . Sie winkte bedeutungsvoll mit den Augen nach Flora , die an ihren Schreibtisch getreten war . „ O , geniere Dich nur nicht , Großmama ! Glaubst Du denn , ich sei so blind und dumm , um mir nicht selbst zu sagen , wie Bär urtheilt ? “ rief das schöne Mädchen bitter . Ihre Lippen zuckten wie im Krampf . „ Uebrigens hat Bruck bereits sich selbst gerichtet , er hat nicht gewagt , mir heute Abend noch unter die Augen zu treten . “ Henriette hatte bis dahin mit dem Rücken gegen die Anderen gestanden . Jetzt wandte sie sich um ; eine hohe Röthe schoß in ihr fahles Gesicht und erlosch ebenso rasch wieder . Das Mädchen hatte ein wunderschönes , tiefes Auge , ein Auge voll leidenschaftlicher Empfindung . Diese großen flimmernden Sterne richteten sich mit einem Gemisch von scheuem Schrecken und jäh aufglühendem Haß auf das Gesicht der Schwester . „ Nun , diesen Verdacht wird er widerlegen – er kommt noch , Flora , “ sagte der Kommerzienrat sichtlich erleichtert . „ Er wird Dir selbst sagen , daß er den Tag über wie gehetzt gewesen ist . Du weißt ja , daß er mehrere Schwerkranke in der Stadt hat , darunter das arme , kleine Mädchen des Kaufmann Lenz , das heute Nacht noch sterben wird . “ Die junge Dame stieß ein leises , bitteres Lachen aus . „ Wird es sterben ? Wirklich , Moritz ? … Nun sieh , Bär war auch hier bei mir , ehe er zu Großmama ging ; er sprach auch von dem Kinde , das er gestern gesehen hatte , und meinte , der Fall sei leicht – er fürchte nur , Bruck sei auf falscher Fährte . Bär ist eine Autorität – “ „ Ja , eine Autorität voll zitternden Neides , “ sagte Henriette mit vibrierender Stimme . Sie war rasch hinzugetreten und legte ihre Hand auf den Arm ihres Schwagers . „ Gieb es auf , Moritz , Flora zu bekehren ! Du siehst doch , sie will ihren Bräutigam schuldig finden . “ „ Ich will ? … Boshaftes Geschöpf ! Ich gäbe sofort mein halbes Vermögen hin , wenn ich noch so denken könnte , wie zu Anfang meiner Brautschaft , so stolz , so zuversichtlich zu Bruck aufsehend , “ rief Flora leidenschaftlich . „ Aber seit dem Tode der Gräfin Wallendorf trage ich stillschweigend die fortgesetzte Qual der Zweifel , des Mißtrauens mit mir herum – heute zweifle ich nicht mehr , denn ich bin überzeugt . Jene Schwäche des Weibes kenne ich freilich nicht , das nur liebt , ohne zu fragen : ist der Geliebte der Hingebung auch würdig ? … Ich bin ehrgeizig , glühend ehrgeizig , das können Alle wissen . Ohne diese Triebfeder würde ich auch mit dem großen Haufen der Schwachen und Indolenten meines Geschlechts auf der breiten Heerstraße der Alltäglichkeit ziehen . – Gott soll mich behüten ! Wie andere strebende und denkende Frauen es möglich machen , ruhig und gleichmüthig mit einem unbedeutenden Mann durch ’ s Leben zu gehen , ist mir stets unfaßlich gewesen – ich würde zeitlebens erröthen unter den Blicken der Menschen . “ „ O – so verschämt würdest Du sein ? Sieh , sieh ! – Allerdings , dazu gehört auch mehr Mut , als vor einem kecken Auditorium von Studenten über Aesthetik und dergleichen zu lesen , “ rief Henriette , jetzt in der That mit einem boshaften Lächeln . Flora ließ einen Blick voll Verachtung über die kleine Schwester hinstreifen . „ Solch eine kleine Viper läßt man ruhig zischen . Was weißt Du von einem Ideal ? “ sagte sie achselzuckend . „ Aber Recht hast Du , wenn Du glaubst , mein Platz sei weit eher auf dem Katheder , als an der Seite eines Mannes , der sich als Stümper in seiner Wissenschaft dokumentiert – eine solche Fessel ertrage ich nicht . “ „ Kind , das ist Deine Sache , “ erklärte die Präsidentin gelassen , während der Kommerzienrat in namenloser Bestürzung zurückfuhr . „ Du wirst Dich erinnern , daß Dich Niemand gezwungen , noch überredet hat , Deinen Kopf in diese Fessel zu stecken . “ „ Das weiß ich sehr genau , Großmama ; ich weiß auch , daß Du es weit lieber gesehen hättest , wenn ich die Frau des an Geld und Körper bankerotten Kammerherrn von Stetten geworden wäre . Ich gebe Dir ebenso gern zu , daß ich mich nie von irgend einem Menschen beeinflussen oder gar leiten lasse , weil ich am besten wissen muß , was mir frommt . “ „ Das wird Dir auch stets unbenommen sein , “ versetzte die Großmama mit vornehmer Kälte . „ Nur Eines gebe ich Dir zu bedenken : Du wirst eine entschiedene Gegnerin an mir haben , wenn die Sache auf einen Eclat hinausläuft . Darin kennst Du mich hoffentlich . Ich ertrage weit eher inneren Unfrieden , als einen Familienskandal nach außen . Ich lebe mit Euch zusammen und habe gern die Repräsentation dieses Hauses übernommen ; dafür verlange ich aber auch die unbedingteste Rücksicht für meine Stellung und meinen Namen . Ich will nicht , daß man in der Gesellschaft über uns flüstert und zischelt . “ Der Kommerzienrat wandte sich rasch ab . Er trat an das eine unverhüllte Fenster und starrte in die Nacht hinaus . Der Wind , der sich allmählich zum Sturme steigerte , fauchte rüttelnd an den Scheiben hin , und in dem feurig roten Streifen , den die Lampe des anderen Fensters stet und unbeirrt über die windgeschüttelten Büsche warf , fuhren die blutig gefärbten Schneeflocken im rasenden Wirbel durch einander , wie die marternden Gedanken in seinem Kopfe . Er hatte vorhin mit sich gekämpft , ob er nicht Flora wenigstens den Vorfall wahrheitsgetreu mittheilen solle – jetzt wußte er , daß gerade ihr gegenüber kein Laut über seine Lippen kommen durfte , wenn er nicht wollte , daß die Präsidentin um des „ Zischelns und Flüsterns in der Gesellschaft “ willen sich von ihm lossagte ; er mußte sich eingestehen , daß das ehrgeizige schöne Mädchen sofort sein Geständniß in die Welt hinausschreien würde , weniger aus Liebe , als um den Schein von sich zu wenden , daß sie sich hinsichtlich der Wahl ihres Herzens oder eigentlich ihres Verstandes geirrt habe . Währenddem stand Henriette , das kleine , mißgestaltete Mädchen , mit Augen voll Grimm und Spott vor der Großmutter . „ Also nur in Rücksicht auf das Gerede der Leute wünschest Du , daß sich meine Schwester tadellos aus der Affaire ziehe ? Damit kommt sie ja sehr wohlfeil weg . Du sprichst sie ohne Bedenken frei , wenn sie nur dem Treubruche ein seidenes Mäntelchen umzuhängen versteht . Uebrigens brauchst Du wegen des Eclat wirklich nicht so entsetzlich penible zu sein , Großmama – man muß im Salon leben , wie wir , um zu wissen , daß die Gesellschaft es mit so manchen vornehmen Sündern hält , wie mit dem alten Meißner Porzellan : je öfter gekittet , desto begehrter ! “ „ Ich werde Dich wohl ersuchen müssen , den Rest des Abends auf Deinem Zimmer zu verbringen , Henriette , “ zürnte die Präsidentin jetzt ernstlich . „ Mit dieser verbitterten Stimmung kann ich Dir die Rückkehr in den Salon nicht gestatten . “ „ Wie Du befiehlst , Großmama ! Gelt , Hans , wir gehen mit tausend Freuden , “ sagte sie lächelnd und drückte die Wangen auf das Gefieder des Vögelchens , das noch auf ihrer Rechten saß . „ Du kannst auch die alten Hofdamen nicht leiden , und die große medicinische Autorität , den Herrn von Bär , zwickst Du regelmäßig in den Finger , wenn er Dich mit Zucker kirren will , braver Bursche … Gute Nacht , Großmama – gute Nacht , Moritz ! “ Sie hemmte noch einmal ihre hastigen Schritte und wandte sich zurück . „ Die Charaktervolle dort , “ sagte sie mit schneidender Ironie , „ wird hoffentlich den Weg innehalten , den ihr der selige Papa unerbittlich vorgeschrieben haben würde – mit ihrer Renommage bezüglich des eigenen Willens hat sie sich zu seinen Lebzeiten niemals hervorwagen dürfen . Er würde ihr nie gestattet haben , einem Ehrenmanne das gegebene Wort zu brechen . “ Mit trotzig zurückgeworfenem Kopfe ging sie hinaus , aber schon auf der Schwelle stürzten ihr die heißen Thränen , die bereits in ihren letzten Worten mitgeklungen hatten , unaufhaltsam über die Wangen . „ Gott sei Dank , daß sie geht ! “ rief Flora . Man braucht wirklich das höchste Maß von Selbstbeherrschung , um nicht ihr gegenüber die Geduld zu verlieren . “ „ Ich vergesse nie , daß sie eine Kranke ist , “ bemerkte die Präsidentin trocken zurechtweisend . „ Und in einer Art hatte sie doch auch Recht , Flora , “ wagte der Kommerzienrat einzuwerfen . „ Denke darüber , wie Du willst , Moritz ! “ entgegnete die junge Dame kalt . „ Ich habe Dich nur dringend zu bitten , mir durch Deine Einmischung die inneren Kämpfe nicht zu erschweren . Wie bereits gesagt , bin ich gewohnt , mit mir und Anderen allein fertig zu werden , und so will ich ’ s auch in diesem Falle gehalten wissen . Uebrigens dürft Ihr ruhig sein – Du und die Großmama – es widerstrebt mir selbst , hart und gewaltsam vorzugehen ; ich habe eine geräuschlose Verbündete , und das ist – die Zeit . “ Sie nahm das Kelchglas vom Schreibtische und netzte die fast weißgewordenen Lippen mit einigen Tropfen Rotweins , während die Präsidentin , ohne ein Wort weiter zu verlieren , sich anschickte , in den Salon zurückzukehren . „ Apropos , Moritz ! “ rief sie , die Hand auf das Thürschloß legend . „ Was wird nun mit Käthe geschehen ? “ „ Darüber müssen wir das Testament entscheiden lassen , “ versetzte er , wie befreit aufatmend . „ Ich bin völlig ahnungslos , wie der Schloßmüller verfügt hat . Käthe ist seine einzige Erbin ; ob er sie aber auch als solche bestätigt , das fragt sich ; er ist ihr ja immer gram gewesen , weil ihre Geburt seiner Tochter das Leben gekostet hat . … Auf jeden Fall wird sie für einige Zeit hierher kommen müssen . “ „ Gieb Dir keine Mühe – die kommt nicht ; die hängt noch heute so fest an den Rockfalten ihrer alten , unausstehlichen Gouvernante , wie zu Papas Lebzeiten , “ sagte Flora . „ Man muß nur ihre Briefe an Dich lesen . “ „ Nun , vielleicht ist ’ s auch besser , sie bleibt , wo sie ist , “ meinte die Präsidentin fast lebhaft . „ Aufrichtig gestanden , ich verspüre nicht viel Lust , sie unter meine Flügel zu nehmen und vielleicht stündlich an ihr herumzumäkeln – das giebt viel stillen Aerger . … Ich habe mich nie recht für sie erwärmen können , nicht etwa , weil sie das Kind der ‚ Anderen ‘ war – darüber habe ich stets gestanden , aber sie kroch mir zu viel drüben in der Mühle herum , hatte stets die Zöpfe und Kleider voll Mehlstaub und war ein recht eigenwilliges kleines Ding . “ „ Ja , so ein rechter Querkopf aus dem Volke , und doch – Papas Liebling , “ warf Flora mit bitterm Lächeln hin . “ „ Scheinbar , Kind , weil sie seine Jüngste war , “ sagte die Präsidentin , die grundsätzlich nie den Gedanken aufkommen ließ , daß eines ihrer Angehörigen je zurückgesetzt werden könne ; „ er hat Euch ebenso lieb gehabt . Nun , Moritz , wirst Du mitkommen ? “ Er bejahte hastig . Beide entfernten sich , Flora aber schellte ihrer Kammerjungfer . „ Ich will mich in mein Schlafzimmer zurückziehen und dort arbeiten – trage das Schreibzeug und diese Papiere hinüber ! “ befahl sie . „ Selbstverständlich bin ich für Niemand mehr zu sprechen . “ Der feurig rote Streifen draußen erlosch ; das weiße Licht des Salons aber schimmerte bis weit über Mitternacht in die dunkle , sturmgepeitschte Allee hinein . … Der Kommerzienrat saß am Spieltische . Alle Anwesenden hatten bei seinem Eintreten einen liebenswürdigen Gruß , ein vertrauliches Händeschütteln für ihn gehabt , und das hatte sein beklommenes Herz durchwärmt und umschmeichelt wie Sonnenschein . Inmitten dieser Gesichter , mit der Vornehmheit des Adels oder dem Beamtenhochmute in den Zügen , fand er seine Handlungsweise so vollkommen gerechtfertigt , daß er die quälenden Scrupel der letzten Stunden fast nicht mehr begriff . Weshalb sich einem schiefen Urtheile aussetzen , wenn man sich bewußt ist , nicht einmal in Gedanken gesündigt zu haben ? Und um welche Gemeinheit handelte es sich ! All ’ den allerliebsten Skandalgeschichtchen , die auch jetzt von Mund zu Mund schlüpften , hing man mit feinem , verständnißinnigem [ WS 1 ] Lächeln „ das seidene Mäntelchen “ um – es waren ja insgesammt noble Passionen und Verirrungen , die man geißelte , bei dem Verdachte eines gemeinen Attentates auf den Geldschrank des Schloßmüllers aber ließe sicher alle diese Leute den ohnehin in ihren Kreis Eingeschmuggelten gnadenlos fallen . … Allerdings durfte er sich jetzt nicht mehr damit trösten , daß sein Verschweigen Niemand schade ; es drohte scheidend zwischen zwei Menschen zu treten , die bereits durch den Verlobungsring an einander gekettet waren – bah , Flora war ein exzentrisches Wesen ! Bei der nächsten Auszeichnung , die Bruck zu Theil wurde – und die konnte bei seinen Verdiensten , seinem Wissen nicht ausbleiben – , besann sie sich eines Bessern . … Er schlürfte ein Glas köstlicher Bowle , und das spülte die letzte Scrupel gründlich weg . 3. Der Schloßmüller hatte in der That seine Enkelin , Katharina Mangold , testamentarisch zu seiner Universalerbin ernannt und den bereits von ihrem verstorbenen Vater für sie bestellten Vormund auch seinerseits bestätigt . – Dieser Vormund war der Kommerzienrat Römer . Bei der Eröffnung des Testamentes war diesem doch sehr wunderlich zu Mute gewesen , und er hatte den Kopf geschüttelt über die Widersprüche , die ungeahnt in der Menschenseele neben einander liegen . Der alte Mann , der ihn in dem jähen Wahne , er wolle ihn seines Goldes berauben , nahezu erwürgt , hatte ihn kaum eine Stunde zuvor bezüglich der Verwaltung des Vermögens mit beinahe unumschränkter Vollmacht betraut . Er hatte verfügt , daß , falls die beabsichtigte Operation seinen Tod nach sich ziehe , sofort sein gesammter Besitz an Liegenschaften , [ WS 2 ] mit Ausnahme der Schloßmühle , verkauft werde . In Betreff dieser Ausnahme hatte er bemerkt , die Mühle habe ihn zum reichen Manne gemacht , und seine Enkelin , selbst wenn sie „ so stolz und hochnäsig , wie ihre Stiefschwestern “ geworden sei , brauche sich nicht zu schämen , sie ihrem künftigen Ehemanne mitzubringen . Das Rittergut sollte zerschlagen , die Waldungen , Ländereien und die Wirthschaftsgebäude inmitten der weiten Gras- und Gemüsegärten je einzeln an den Meistbietenden veräußert werden ; bezüglich der Villa und des dazu gehörigen Parkes solle jedoch der Kommerzienrat Römer , sofern er darauf reflectiere , die Vorhand haben , und sei ihm der Besitz mit fünftausend Thalern unter dem Taxwerth zuzuweisen . Diese fünftausend Thaler habe er nicht allein als Entschädigung für seine vormundschaftliche Mühewaltung , sondern auch als ein Zeichen der „ Erkenntlichkeit “ des Testators anzusehen , da er sich niemals hochmüthig , wie „ die Anderen in der Villa “ , sondern weit eher wie ein anhänglicher naher Verwandter bezeigt habe . Ferner sollte auf Grund des Testamentes das Gesammtvermögen in Staatsobligationen und anderen soliden Papieren angelegt und die Wahl derselben dem Ermessen des Vormundes , als eines tüchtigen und umsichtigen Geschäftsmannes , überlassen sein . Die junge Erbin lebte seit sechs Jahren entfernt von der Heimath . Ihr sterbender Vaters hatte sie der Gouvernante , einem Fräulein Lukas , übergeben , welche die Erziehung des Kindes seit dessen erstem Lebensjahre in den Händen gehabt und in der That Mutterstelle an ihm vertreten hatte . Banquier Mangold hatte sehr wohl gewußt , daß er seinen Liebling , der sich stets scheu von den weit älteren Stiefschwestern ferngehalten , dieses Schutzes nicht berauben dürfe , und deshalb verfügt , daß Katharina mit nach Dresden gehen solle , wo die Erzieherin nach langjährigem Brautstand mit einem Arzte gerade um jene Zeit ihren eigenen Hausstand begründete . … Das junge Mädchen hatte in ihren Briefen an den Vormund nie den Wunsch ausgesprochen , die Heimath wiederzusehen ; ebenso wenig war es ihrem Großvater , dem Schloßmüller , eingefallen , sie je zurückzufordern ; er war damals vollkommen mit ihrer Uebersiedlung nach Dresden einverstanden gewesen , weil ihr Anblick den Gram um das einzige Wesen , das er geliebt , um seine Tochter , stets erneute . Nun , nach seinem Tode , hatte der Vormund ihre Rückkehr auf einige Zeit gefordert ; er hatte ihr zugleich mitgetheilt , daß er sie selbst mit Eintritt der wärmeren Jahreszeit , Ende April , abholen wolle , weil – was er selbstverständlich verschwieg – die Präsidentin Urach sich entschieden gegen eine etwaige Begleitung der ehemaligen Gouvernante verwahrte . Die Mündel war mit allem einverstanden gewesen , und hatte ihn nur auf seine Frage , ob sie bei Ausführung der testamentarischen Bestimmungen irgend einen persönlichen Wunsch habe , dringend gebeten , bei Verpachten der Schloßmühle die große Eckstube nebst Alkoven zu reservieren und beide Räume genau zu belassen , wie sie zu des Großvaters Lebzeiten eingerichtet gewesen seien . Das war geschehen . – – Es war im Monat März , da kam eine junge Dame von der Stadt her . Sie ging auf der Chaussee , die mit den letzten vereinzelten Ausläufern der Straße , hübschen , kleinen Landhäusern , zu beiden Seiten besetzt war , und bog in den breiten Fahrweg ein , der nach der Schloßmühle führte . Noch war das Schmelzwasser des letzten Schneefalles nicht ganz versickert ; es stand in den breiten Furchen , welche die Räder der Mühlenwagen gewühlt hatten , und in den tiefeingedrückten Spuren der vielen Sohlen , die hier verkehrten ; aber die schlanken Füße des junge Mädchens steckten in festen Lederstiefelchen , und das schwarze Seidenkleid war so hoch aufgeschürzt , daß der elegant bordierte Saum mit dem triefenden Geröll nicht in Berührung kam . Es war durchaus keine Elfe oder Sylphide , das Menschenkind , das so kräftig und sicher dahergeschritten kam , weit eher eine Gestalt