rötliche Blond seine glänzenden Spitzen bis auf den Saum des hellen Musselinkleides . Bei diesem Anblick hemmte die Gräfin einen Moment ihre Schritte . » Weshalb so derangiert ? « fragte sie kurz , nach dem aufgeflochtenen Haar deutend . » Ich habe heftige Kopfschmerzen mit heimgebracht , liebe Mama , und da hat mir Ulrike die Flechten gelöst , « antwortete die junge Dame mit einem Anflug von Aengstlichkeit in der Stimme . » Ach , es ist eine entsetzliche Last ! « seufzte sie auf und hing den Kopf in den Nacken , als gebe sie der Wucht nach . » Du warst wieder einmal draußen im Sonnenbrand und hast zum Gaudium der Bauern Unkraut heimgeschleppt ? « fragte die Gräfin streng und hohnvoll zugleich . » Wann endlich wird die Kinderei aufhören ? « Sie zuckte die Achseln und ließ einen verachtungsvollen Blick über die Tafel gleiten . Da lagen ganze Stöße neben einer Pflanzenpresse – die junge Dame hatte eben mit vorsichtigen Fingern einige Orchideen aus der Botanisiertrommel genommen , um sie zwischen Papier zu legen . Ihro Erlaucht , die Gräfin Trachenberg , geborene Prinzessin Lutowiska , wußte sehr genau , saß ihre älteste Tochter , Gräfin Ulrike , künstliche Blumen fertigte , die als Modelle nach Berlin wanderten und gut bezahlt wurden ; das Geschäft ging durch die Hand der alten verschwiegenen Amme , und niemand ahnte die Grafenkrone über der Stirn der gesuchten Künstlerin ... Der Frau Gräfin war es auch nicht verschwiegen geblieben , daß ihr einziger Sohn , der Erbherr von Trachenberg , das verachtete Unkraut , im Verein mit seiner Schwester Juliane , vortrefflich präparierte und als Sammlung einheimischer Pflanzen – unter angenommenen Namen – nach Rußland verkaufte . Aber eine geborene Prinzessin Lutowiska durfte das nicht wisse – wehe der Hand , die sich beim Blumenmachen ertappen ließ , wehe der Zunge , die ein Wort über den Ursprung des erhöhten Einkommens fallen ließ – es war ja alles eitel Spielerei , zu der man ein Auge zudrücken mußte , und damit basta ! Die Dame griff im Nähertreten nach dem Haar des jungen Mädchens und wog » die entsetzliche Last « auf der Hand – etwas wie eine Regung mütterlichen Stolzes flog über das schöne , scharf gezeichnete Gesicht . » Raoul müßte das sehen , « warf sie hin . » Thörin , deinen schönen Schmuck hast du vor ihm versteckt ! … die dicken Samtschleifen , mit welchen du die Albernheit hattest , dich ihm zu präsentieren , werde ich dir nie vergessen … Mit solchem Haar – « » Es ist ja rot , Mama . « » Geschwätz ! – Das ist rot , « sagte sie und deutete auf ihre Tochter Ulrike . » Gott soll mich bewahren – Zwei Rotköpfe ! Wofür so viel Strafe ? « Gräfin Ulrike , die unterdes eine Wollstickerei aus der Tasche gezogen hatte , saß bei diesen unbarmherzigen Worten da wie eine Statue . Sie zuckte mit keiner Wimper – die schöne Mutter hatte ja recht . Ihre Schwester aber flog zu ihr hin , legte den geschmähten Kopf sanft an ihre Brust und küßte unter leisen Wehelauten wiederholt und zärtlich den roten Scheitel . » Sentimentalitäten und kein Ende ! « murmelte die Gräfin Trachenberg verdrießlich und legte das Paket , das sie mitgebracht hatte , auf die Tafel . Sie griff nach einer Schere und löste mit einigen raschen Schnitten die Emballage – sie enthielt ein Schmucketui und einen weißen Seidenstoff mit eingewirkten großen Silberarabesken . Mit einer wahren Gier öffnete die Dame das Etui – sie bog den Kopf mit prüfendem Blick zurück und konnte ein Gemisch von unangenehmer Überraschung und hervorbrechendem Neid kaum bemeistern . » Sie , sieh ! Mein einfaches Gänschen wird fürstlicher an den Altar treten , als einst die hochgefeierte Prinzeß Lutowiska , « sagte sie langsam und betonend und ließ ein Halsband von Brillanten und großen Smaragden in der Sonne glänzen . » Ja , ja , die Mainaus können das ! … Euer Vater war doch ein armer Schlucker – ich hätte das schon damals merken können . « Ulrike fuhr empor , als sei sie von der Mutter ins Gesicht geschlagen worden ; aus den unschön durch wuchtige Lider gedrückten , aber scharfen blauen Augen brach ein Strahl der tieffsten Empörung , gleichwohl zog sie sofort wieder scheinbar ruhig den grünen Wollfaden durch das Gewebe und sagte mit ernster , fast monotoner Stimme : » Die Trachenbergs besaßen damals ein unbelastetes Vermögen von einer halben Million . Sie waren von jeher ein sparsames haushälterisches Geschlecht , und mein lieber Papa ist diesen Tugenden treu geblieben bis zu seinem vierzigsten Jahre , wo er sich verheiratete … Ich habe beim Konkurs mit den Herren vom Amte gearbeitet , um Licht in das Chaos zu bringen – ich weiß , daß Papa nur durch grenzenlose Nachgiebigkeit verarmt ist . « » Unverschämte ! « brauste die Gräfin auf und holte unwillkürlich aus zum Schlag ; aber mit einer verächtlichen Gebärde ließ sie die Hand wieder sinken . » Immerhin vertritt du deine Trachenbergs – ich habe keinen Teil an dir , als daß ich dir das Leben geben mußte . Du wirst das am besten finden , wenn du drüben die Galerie deiner Ahnen musterst – rothaarige Affengesichter vom Anfang bis zum Ende ! Ich habe nicht umsonst geweint und – geflucht , als mir vor dreißig Jahren das neugeborene kleine Scheusal , eine echte Trachenberg , in die Arme gelegt wurde . « » Mama ! « schrie Liane auf . » Ruhig , ruhig , Kind ! « beschwichtigte sie sanft lächelnd , aber doch mit bebenden Lippen die Schwester . Sie rollte ihre Stickerei zusammen und erhob sich . Beide Schwestern waren von gleicher Größe – es waren weit die Mittelgröße überragende , sylphenhafte Gestalten mit edel schönen Händen und Füßen , feiner , schmiegsamer Taille und zart mädchenhaften Konturen und Büste . Ulrike entfaltete , während ihre Mutter das Kästchen mit dem Schmuck grollend auf die Tafel warf , hastig den Seidenstoff . Steif und schwer , wie nur je ein Brokat aus den Zeiten unserer Urgroßmütter , entglitt er ihren Händen und fiel förmlich klirrend und zischend auf das Parkett . Mit einem erschrockenen Blick auf die wogende Silberpracht wandte sich Liane ab und sah so angelegentlich hinaus in den Garten , als gelte es , die niedersprühenden Goldfunken der fernen Fontäne zu zählen . » Du wirst eine majestätische Braut sein , Liane … Wenn Papa das sehen könnte ! « rief Ulrike . » Raoul verhöhnt uns , « murmelte tief verletzt das junge Mädchen . » Er verhöhnt uns ? « fuhr Gräfin Trachenberg auf , deren scharfes Ohr die halbgeflüsterten Laute erfangen hatte . » Bist du von Sinnen ? Und willst du wohl die Freundlichkeit haben , mich zu belehren , inwiefern er sich unterfängt , die Trachenbergs zu verhöhnen ? « Liane deutete auf die zerschlissenen , mißfarbenen Bezüge der alten Lehnstühle , neben denen das pompöse Brautkleid lag . » Läßt sich ein schärferer Kontrast denken , Mama ? Ist das nicht taktlos herablassend , der – Armut gegenüber ? « versetzte sie , indem sie sich bemühte , ihrer Furcht vor der leidenschaftlichen Mutter Herr zu werden . Die Gräfin Trachenberg schlug die Hände zusammen . » Gott sei ' s geklagt – wie komme ich , gerade ich zu solchen spießbürgerlichen Hohlköpfen , die an die Hoheit ihrer Stellung die Elle des Krämers anlegen ? … Herablassend ! Und das sagt eine Trachenberg ! … Du steigst herab zu den Mainaus – das merke dir ! … Muß ich dir wirklich erzählen , daß deine Mutter direkt von den alten polnischen Königen abstammt , und daß deine väterlichen Vorfahren schon lange vor den Kreuzzügen gebietende Herren waren ? … Und wenn Raoul alle Schätze der Welt dir vor die Füße schüttete , er kann dir den Vorrang der hohen makellosen Geburt nicht abkaufen … Er hat keine zehn Ahnen – ja , es ist halb und halb eine Mesalliance , die du eingehst , und wäre es mit nicht ein zu widerwärtiger Gedanke , zwei sitzengebliebene Töchter im Hause zu haben , dann hätte ich sicher seine Werbung zurückgewiesen . Er weiß das auch recht gut , sonst nähme er dich nicht so – so unbesehen . « Die junge Dame blieb mit gefaltet niedergesunkenen Händen regungslos stehen . Das rotgoldene Haargewoge fiel jetzt auch über die Brust und verhüllte das Profil . Ihre Schwester aber durchmaß schweigend mit raschen Schritten einigemale den Salon . In diesem Moment wurde die nach dem Korridor führende Thür behutsam geöffnet ; die alte ehemalige Amme und jetzige Köchin steckte den Kopf herein . » Erlaucht halten zu Gnaden , « sagte sie mit demütig leiser Stimme , » der Postbote ist noch drüben ; er will nicht länger warten . « » Ach ja – ich hatte den Menschen total vergessen . Nun , er wird ja wohl warten , bis ich komme . Reiche ihm eine Tasse Kaffee in der Küche , Lene ! « Die Magd verschwand , und die Gräfin Trachenberg zog einen Zettel aus der Tasche . » Der Postbote bekommt ein Trinkgeld , und hier ist eine Postanweisung auf vierzig Thaler , die wir einzulösen haben . Die Krämer in Rheims sind frech genug , mir den bestellten Hochzeits-Champagner per Nachnahme zu schicken … Zahle aus ! « sagte sie kurz zu Ulrike und reichte ihr den Zettel hin . Ein jähes Rot des Erschreckens überflog das häßliche Gesicht der Tochter . » Du hast Champagner bestellt , Mama ? « rief sie bestürzt . » O Gott – und für eine solche Riesensumme ! « Die Gräfin Trachenberg zeigte höhnisch auflachend ihr perlengleiches falsches Gebiß . » Hast du gemeint , du könntest die Herren beim Hochzeitsdejeuner mit deinem selbstfabrizierten Johannisbeersaft regalieren ? … Uebrigens habe ich , wie bereits erklärt , nicht im entferntesten an die Gemeinheit gedacht , mit welcher uns die Bezahlung per Post sofort erpreßt werden soll . « Sie zuckte die Achseln – » Da heißt ' s eben gute Miene zum bösen Spiel zu machen und zu zahlen . « Schweigend schloß Ulrike einen Sekretär auf und nahm zwei Geldrollen heraus . » Hier ist die ganze Haushaltungskasse , « sagte sie kurz und bestimmt . » Es sind fünfunddreißig Thaler . Davon müssen wir aber leben ; denn nicht allein in Rheims verweigert man uns den Kredit , wir bekommen auch in der ganzen Umgegend kein Lot Fleisch ohne sofortige Bezahlung . – Darüber kannst du unmöglich im unklaren sein . « » Gewiß nicht – meine weise Tochter Ulrike predigt häufig genug über dieses beliebte Thema . « » Ich muß , Mama , « versetzte Ulrike ruhig . » Weil du so oft vergißt – was ja wohl begreiflich ist – daß die Gläubiger unser Jahreseinkommen von fünfundzwanzigtausend Thalern auf sechshundert zusammengeschnitten haben . « Die Gräfin Trachenberg hielt sich die Ohren zu und rannte nach einer der Glasthüren – die große , majestätische Gestalt nahm Gebärden an wie ein verzogenes Kind . Sie riß die Thür auf und wollte hinausstürmen , besann sich aber doch eines anderen . » Gut , « sagte sie , die Thür zuwerfend , anscheinend ruhig , aber auch mit sichtlicher Bosheit . » Nur sechshundert Thaler . Aber nun frage ich doch auch endlich einmal : Wozu werden sie gebraucht ? ... Wir essen erbärmlich , förmliche Bettelsuppe – Lene füttert uns mit Reis und Eierspeisen bis zum Ekel , und die Prisen Pecco , die du in den Theekessel wirfst , werden immer homöopathischer . Dazu schleppe ich diese Fahne « – sie deutete auf ihr schwarzseidenes Kleid – » die ihr die Gnade hattet , mir zu Weihnachten zu schenken , Tag für Tag . Alles , was mein todeseinsames Leben einigermaßen erträglich machen könnte – neue französische Lektüre , Konfitüren , Parfüms – ist für mich ein längst überwundener Standpunkt ... ich schließe also mit Recht : Du mußt mehr Gelder zur Verfügung haben , als du mir weismachen willst . « » Ulrike lügt niemals , Mama ! « rief Liane empört . » Ich kann die Anweisung unmöglich an die Post zurückschicken « – fuhr die Gräfin unbeirrt fort – » du wirst der Komödie sofort ein Ende machen und den Betrag herausgeben ! « » Soll ich Geld aus der Erde stampfen ? ... Der Wein muß zurückgehen ! « versetzte Ulrike gelassen . Ihre Mutter stieß einen gellenden Laut aus , dann warf sie sich rücklings auf ein Sofa und verfiel in Lachkrämpfe . Ruhig , mit untergeschlagenen Armen , stand Ulrike zu Häupten der wie toll um sich schlagenden Frau und sah mit einem bitter-ironischen Lächeln auf die nieder . » Der arme Magnus ! « flüsterte Liane , nach der Thür des Nebenzimmers deutend . » Er ist drüben – wie wird er erschrecken über diesen Lärm ! ... Bitte , Mama , fasse dich ! Magnus darf dich nicht so sehen – was soll er denken ? « wandte sie sich halb bittend , halb mit ernstem Nachdruck an ihre Mutter . Die widerwärtige Szene , welcher die Töchter stets durch Nachgiebigkeit und möglichsten Gehorsam vorzubeugen suchten , spielte sich ja nun doch ab ; nun machte sich der tiefe , gerechte Unwille geltend , den das charaktervolle Weib gegenüber den Ausschreitungen einer entarteten Frauennatur empfindet . Die junge Mädchengestalt zitterte nicht mehr vor Furcht – es sprach etwas unbewußt Ueberlegenes aus der Bewegung , mit welcher sie ernst mahnend die Hand hob . Sie predigte tauben Ohren – das Geschrei dauerte fort . Da wurde in der That die Thür des anstoßenden Zimmers geöffnet . Liane flog durch den Salon . » Geh , Magnus , bleibe drüben ! « bat sie mit kindlich rührender Stimme und versuchte , den Eintretenden sanft zurückzudrängen . Es hätte wohl keiner besonderen Kraft bedurft , ihn ernstlich zurückzuhalten , diesen knabenhaft schmächtigen jungen Mann . » Lasse mich nur , kleiner Famulus , « sagte er freundliche – ein Schimmer verklärender Freude lag auf seinem geistreichen Gesicht . » Ich habe alles mit angehört und bringe Hilfe . « Einen Moment aber wurzelte sein Fuß doch auf der Schwelle , als er die Frau mit zuckenden Gliedern und verzerrtem Gesicht auf dem Sofa liegen sah . » Mama , beruhige dich , « sagte er nähertretend mit etwas vibrierender Stimme ; » du kannst den Wein bezahlen . Sieh , hier ist Geld – fünfhundert Thaler , liebe Mama ! « Er zeigte ihr mit hochgehobener Hand eine Anzahl Banknoten . Ulrike sah ihm mit ängstlicher Spannung in das Gesicht ; sie war sehr rot geworden – aber er bemerkte es nicht . Er warf das Papiergeld achtlos auf das Sofa neben seine Mutter und schlug ein Buch auf , das er mitgebracht hatte . » Sieh , Herzchen , da ist es nun , « sagte er sichtlich bewegt zu Liane . – Die Leidende auf dem Sofa fing an , sich zu beruhigen ; sie legte aufstöhnend die Hand über die Augen – durch die gespreizten Finger fuhr ein unglaublich rasch bewußt und scharf gewordener Blick , der das Buch in den Händen des Sohnes fixierte . » Werde mir nur nicht zu stolz , kleiner , lieber Famulus ! « fuhr er fort . » Unser Manuskript kommt als Prachtwerk zurück . Es ist lebensberechtigt vor dem hohen Stuhl der Wissenschaft ; es geht siegreich durch das Kreuzfeuer der Kritik – ach , Liane , lies den Brief des Verlegers – « » Schweige , Magnus ! « unterbrach ihn Ulrike rauh und gebieterisch . Die Gräfin Trachenberg saß bereits aufrecht . » Was ist das für ein Buch ? « fragte sie ; weder in den impertinent verschärften Zügen , noch in der befehlenden Stimme war eine Spur des soeben beendeten Krampfanfalles zu bemerken . Ulrike nahm mit einer raschen Bewegung das Buch aus der Hand des Bruders und drückte es mit beiden Armen fest an ihre Brust . » Es ist ein Werk über die fossile Pflanzenwelt – Magnus hat es geschrieben , und Liane die Zeichnungen dazu geliefert , « sagte sie kurz erklärend . » Gib her – ich will es sehen ! « Zögernd , mit einem vorwurfsvollen Blick auf ihren Bruder , reichte Ulrike den Band hin ; Liane aber , bis in die Lippen erblaßt , verschränkte krampfhaft die feinen Finger und vergrub das Gesicht hinein – diesen Ausdruck im Gesicht der Mutter hatte sie von Kindesbeinen an so fürchten gelernt , wie kaum die Höllenstrafen , mit denen die Kinderfrau drohte . » Fossile Pflanzen – von Magnus , Grafen von Trachenberg , « las die Gräfin mit lauter Stimme . Ueber das Buch hinweg , mit grimmig einwärts gezogenen Lippen , sah sie einen Moment starr und vernichtend in das Gesicht des Sohnes . » Und wo steht der Name der Zeichnerin ? « fragte sie , das Titelblatt umwendend . » Liane wollte nicht genannt sein , « versetzte der junge Mann mit vollkommener Gelassenheit . » Ah – also doch wenigstens in einem dieser Köpfe ein Funken von Vernunft , ein schwaches Aufdämmern von Standesbewußtsein ! « Sie stieß ein häßliches Gelächter aus und schleuderte den schweren Band mit einer solchen Gewalt weit von sich , daß er klirrend durch die Glaswand hinaus auf die Steinfliesen der Terrasse flog . » Dahin gehört die Sudelei ! « sagte sie und zeigte auf das Buch , das breit aufgeschlagen liegen blieb und die reizend ausgeführte Zeichnung einer vorweltlichen Farnenform sehen ließ . – » O dreifach glückliche Mutter , welch einem Sohn gabst du das Leben ! Zu feig , um Soldat zu werden , zum Diplomaten zu geistlos , geht der Nachkomme der Fürsten Lutowiski , der letzte Graf Trachenberg , unter – die Buchmacher und läßt sich Honorar zahlen ! « Liane umschlang in leidenschaftlichem Schmerze die schmalen Schultern ihres Bruders , der sichtlich mit sich kämpfte , um angesichts dieser Schmähungen die äußere Ruhe zu bewahren . » Mama , wie kannst du es über das Herz bringen , Magnus so zu beleidigen ? « zürnte das junge Mädchen . » Feig nennst du ihn ? – Er hat mich vor sieben Jahren unter eigener Lebensgefahr drüben aus dem See gezogen . Ja , er hat sich entschieden geweigert , Soldat zu werden , aber nur , weil sein mildes , weiches Herz das Blutvergießen verabscheut ... Zum Diplomaten fehlt ihm der Geist , ihm , dem unermüdlichen , tiefen Denker ? O Mama , wie grausam und ungerecht bist du ! Er haßt nur das Doppelzüngige und will seinen edlen , wahrhaftigen Geist nicht durch die Schachzüge der Diplomatenkünste entweihen ... Ich bin auch stolz , sehr stolz auf unser altberühmtes Geschlecht ; aber ich werde nie begreifen , weshalb der Edelmann nur mit dem Schwert oder der glatten Diplomatenzunge ein Edelmann sein soll – « » Und dann frage ich , « fiel Ulrike mit ernsthaftem Nachdruck ein – sie war hinausgetreten und hatte das mißhandelte aufgenommen – » was ist ehrenvoller für den Namen Trachenberg : daß er einer wohlgelungenen Geistesthat voransteht , oder – daß er in der Reihe der Ueberschuldeten zu finden ist ? « » O du , du – « zischte die Gräfin fast wortlos vor innerem Grimm , » du Geisel meines Lebens ! « Sie fuhr einigemal wie rasend im Salon auf und ab . » Uebrigens sehe ich nicht ein , was mich zwingt , ferner mit dir zu leben , « sagte sie , plötzlich stehenbleibend , unheimlich ruhig . » Du bist längst über die Zeit hinaus , wo das Küchlein von Anstands wegen unter die Flügel der Mutter gehört . Ich habe dich lange genug ertragen und gebe dir Urlaub , unbeschränkten Urlaub . Mache meinetwegen eine langjährige Besuchsreise durch die ganze Sippe – gehe wohin du willst , nur spute dich , daß mein Haus rein wird von deiner Gegenwart ! « Graf Magnus ergriff die Hand der verstoßenen Schwester . Die drei Geschwister standen innig vereint der herzlosen Frau gegenüber . » Mama , du zwingst mich , zum erstenmal mein Recht als Erbherr von Rudisdorf zu betonen , « sagte der stille , sanfte Gelehrte mit vor Aufregung tiefgerötetem Gesicht . » Den Gläubigern gegenüber habe nur i c h Anspruch auf eine Wohnung im Schlosse und auf das Einkommen , das sie verwilligt ... Die Heimat kannst du Ulrike nicht nehmen – sie bleibt bei mir . « Die Gräfin wandte ihm dem Rücken und schritt nach der Thür , durch die sie gekommen . Der Sohn war so vollkommen in seinem Rechte , daß sich auch nicht ein Wort gegen seine ernste Erklärung finden ließ . Sie legte die Hand auf den kreischenden Drücker , drehte sich aber noch einmal um . » Daß du dich nicht unterstehst , auch nur einen Groschen von dem Judasgelde unter die Haushaltskasse zu mischen ! « befahl sie Ulrike und zeigte nach dem auf dem Sofa liegenden fünfhundert Thalern . » Ich verhungere lieber , ehe ich einen Bissen anrühre , der mit dem Gelde bezahlt ist ... Den Wein löse ich aus . Gott sei Dank , ich habe noch Silberzeug genug aus dem Schiffbruch gerettet ! Mag man das Gerät , von welchem meine Vorfahren speisten , einschmelzen – den Schmerz darüber wiegt das Bewußtsein auf , daß ich meine Gäste auf echt fürstliche Weise , und nicht mittels eines Arbeiterhonorars bewirte ... Dich aber wird die Strafe schon ereilen , « wandte sie sich an Liane , » und zwar dafür , daß auch du Front gegen deine Mutter machst ! Komme du nur nach Schönwerth ! Raoul , noch mehr aber der alte Onkel Mainau werden dir deinen Sentimentalitäts- und Gelehrtenkram schon austreiben . « Sie rauschte hinaus und warf die Thür so hart ins Schloß , daß der Schall noch an der Steinwölbung der fernsten Korridore schütternd hinlief . 4. Seit diesem Auftritt im Schloß Rudisdorf waren fünf Wochen verstrichen . Man machte Vorbereitungen zur Hochzeit . Vor sechs Jahren noch wäre das prächtige Schloß bei einer solchen Veranlassung ein wimmelnder Ameisenhaufen gewesen , denn die Frau Gräfin hatte es verstanden , so viel bedienende Hände um sich her in Thätigkeit zu versetzen , wie kaum ein indischer Radscha . Vor sechs Jahren noch hätten blendende Märchenpracht , licht- und lufttrunkene Wogen berauschender Feste dem Freier eine blonde Fee zugetragen – heute holte er die Braut aus verlassenen Gärten , die der Wildnis entgegenwucherten , aus dem statuengeschmückten Steinkoloß , wo die Schemen verrauschter Freuden , hinter Marmorsäulen hockend , sich von den Spinnen mit schmutzigen Schleiern verhängen ließen ... Im großen Saal hatte der Gutspächter Getreide aufgeschüttet ; auf allen Fenstern lagen die weißen Läden , und wo ein Lichtstrahl eindrang , da fiel er auf ungefegtes Parkett und vollkommen leere Wände . Es war gut , daß die erlauchten Herren , im Eisenhut und Panzerhemd , oder auch das federgeschmückte Barett auf den rothaarigen Köpfen , zwischen den glänzenden Marmorplatten der Ahnengalerie eingefügt , an den Wänden stillstehen mußten , daß ihre stolzblickenden Frauen und Töchter in Stuartkragen und starrer Goldstoffschleppe nicht hinunterrauschen konnten in den Gartensalon – sie hätten sicher den blinkenden Pfauenwedel oder die steifblättrige Rose aus den bleichen Händen fallen lassen und sie über dem Kopfe zusammengeschlagen ; denn da kniete Ulrike – die echte Trachenberg , wie die Gräfin immer sagte – sie hatte die mottenzerfressenen Bezüge von den Sofas und Lehnstühlen gerissen und schlug mit eigenen gräflichen Händen die Nägel in den großblumigen Zitz , der neuglänzend die Polster deckte . Die alte Lene aber rieb und bohrte das wurmstichige Holz der Möbel , bis ein matter Glanz unter ihren Fäusten entstand und die Linien der eingefügten Prachtmuster schattenhaft hervorkamen . Dank dem rechtzeitig eingetroffenen Buchhändlerhonorar standen auch neue zierliche Sessel und Blumentische von Korbgeflecht umher . Nun stieg Epheugespinst an den weißen Wänden empor , und aus Gruppen breiter Blattpflanzen hingen Draperien von Clematis und Immergrün auf das Parkett herab . Ein Odem von behaglicher Traulichkeit durchwehte den erst so kahlen Salon , und das war notwendig , denn hier sollte das Hochzeitsfrühstück eingenommen werden . Während dieser Vorkehrungen schweifte Liane mit Botanisierbüchse und Grabscheit an der Seite ihres Bruders durch Wald und Feld , als habe sie mit der ganzen Angelegenheit nichts zu schaffen . Der Bruder vergaß über allen Wundern der Schöpfung , daß sein kleiner Famulus am längsten mit ihm zusammen gelebt und gestrebt habe , und von den Lippen der Schwester kamen geläufig lateinische Namen und kritische Bemerkungen , nie aber auch nur der Name des fernen Verlobten . Es war ein seltsamer Brautstand . Im Elternhause hatte Liane wohl manchmal die Mainaus nennen hören – ein Lutowiski hatte eine Mainau heimgeführt – , aber nie hatte ein persönlicher Verkehr mit den entfernten Verwandten stattgefunden . Da waren plötzlich Briefe aus Schönwerth an die Gräfin Trachenberg eingelaufen , die eifrig beantwortet wurden , und eines Tages kündigte Ihro Erlaucht der jüngsten Tochter kurz und bündig an , daß sie über deren Hand verfügt und sie dem Vetter Mainau zugesagt habe , wobei die jeden etwaigen Widerspruch mit der Bemerkung abschnitt , daß sie genau auf dieselbe Weise verlobt worden und dies die einzig standesgemäße Form sei ... Dann war der Bräutigam unerwartet gekommen , Liane hatte kaum Zeit gefunden , ihr von Wind und Gesträuch zerwühltes Haar unter den berüchtigten Samtschleifen zu verbergen , da war sie schon in das Zimmer der Mutter befohlen worden . Wie dann alles gekommen , wußte sie selbst kaum . Ein schöner großer Mann war ihr aus der Fensternische entgegengetreten ; hinter ihm hatte die volle glühende Frühlingssonne durch die Scheiben gefunkelt und sie gezwungen , die Augen niederzuschlagen . Darauf hatte er fast väterlich freundlich zu ihr gesprochen und ihr schließlich seine Hand hingehalten , in die sie auf Befehl der Mutter , noch mehr aber auf die vorhergegangenen geheimen und inständigen Bitten Ulrikens hin , die ihrige gelegt . Er war sofort wieder abgereist , zur unaussprechlichen Erleichterung der Gräfin Trachenberg ; denn wie aufgescheuchte Gespenster waren ihre Gedanken während der Verlobung durch die öden Kellerräume oder die todeseinsamen Johannisbeersaftetiketten hingeirrt , und die alte Lene hatte drunten in der Küche ihr Gehirn zermartert , wie sie wohl mit den letzten fünf Eiern und einem Restchen Kalbsbraten ein gräfliches Diner herrichte . Alles die Hochzeit Betreffende wurde zwischen dem Bräutigam und der Mutter schriftlich vereinbart , und nur dem Brautgeschenke hatten einige Zeilen für Liane beigelegen , Zeilen voll ausgesuchter Höflichkeit und Galanterie , aber auch fremd und förmlich – sie wurden mit kalten Augen gelesen und lagen seitdem unberührt bei dem Schmuck im Kasten . Es war dies alles aber so » prächtig standesgemäß und aristokratisch steif « und das » Hineinfinden « Lianens , ihre widerspruchslose Ruhe befriedigten die Gräfin Mutter so sehr , daß sie sich einige Tage nach der stürmischen Szene wieder herbeiließ , mit ihren Kindern zu essen und dann und wann ein gnädiges Wort an sie zu richten . Sie wußte freilich nicht , daß das junge Mädchen unter dem Trennungsschmerze bereits unsäglich litt – das aber erfuhren ja selbst die Geschwister nicht ... Der Hochzeitsmorgen war da – ein kühler , grauverhangener Julimorgen . Nach trockenheißen Tagen tröpfelte ein sanfter Regen durch das Gehölzdickicht , und draußen auf den großen ausgedörrten Staudenblättern der Rasenflächen klatschte er in leisem unermüdlichen Ticktack und sammelte sich zu rollenden Silberperlen . Aus Busch und Baum und von den Dachrinnen herab zwitscherten und schrieen die Vögel , und die alte Lene sah von ihren schmorenden Pfannen hinweg in das graue Geriesel hinein und freute sich , daß es der Braut in den Kranz regne . Ein einziger Wagen rollte in den Schloßhof , noch dazu ein Mietwagen von der nächsten Eisenbahnstation . Während er in einer der ungeheuren leeren Remisen verschwand , stiegen die zwei Angekommenen langsam die Freitreppe des Schlosses hinauf . Baron Mainau zeigte sich auf die Minute pünktlich : er traf der Verabredung gemäß genau eine halbe Stunde vor der Trauung ein . » Daß Gott erbarm ' – das will ein Hochzeiter sein ! « seufzte die alte Lene betrübt auf und trat vom Küchenfenster zurück . Droben flog die Glasthür weit auf und die Gräfin Trachenberg eilte heraus . Die Regentropfen sprühten auf ihre dunkelviolette Samtschleppe und glitzerten in den schwarzen Scheitelpuffen neben einigen aus dem Schiffbruche geretteten Brillanten . Schmachtend und mit sanfter Anmut streckte sie begrüßend die feinen Hände aus den reichen Spitzenärmeln – wer hätte ihnen zugetraut , daß sie einen schweren Gegenstand mit der Kraft der Furie zertrümmernd durch die Glasscheiben schleudern konnten ! Man flüchtete vor dem Regen in das Wohnzimmer der Gräfin , und Baron Mainau stellte seinen Trauzeugen , Herrn von Rüdiger , vor . Zwischen die leichte Plauderei , die sich an die Vorstellung knüpfte , kreischte ein Ara in der Fensternische , und auf dem verblichenen Fußteppich balgten sich knurrend zwei schneeweiße Exemplare einer kleinen Pudelrasse ... Hätte die alte Lene nicht eine dicke Guirlande über die Glasthür gehängt , durch welche der Bräutigam kommen mußte , und wäre nicht die effektvolle , königlich stolze Toilette der Gräfin gewesen , es hätte niemand einfallen können , an einen bevorstehenden feierlichen Akt in diesem Hause zu denken , so banal und obenhin plauderte die Dame , so gleichmütig und unbewegt stand die elegante schwarzbefrackte Gestalt des Bräutigams am Fenster und sah in den stäubenden Regen hinaus , und eine so tiefe Stille und Oede lag seit dem Verrollen der vier Wagenräder wieder über dem weiten , verlassenen Schlosse . Herr von Rüdiger wußte , daß