tiefer als Neuhaus , und in den letzten Jahrzehnten hatte ein unglücklicher Zufall es wiederholt gefügt , daß gerade über dem Paulinental wolkenbruchartige Gewitter niedergegangen waren . Binnen wenigen Minuten hatten die stürzenden Wassermassen und der überschäumende Fluß die niedriger gelegenen Gründe überflutet , die Ernteaussichten waren vernichtet und der Grund und Boden auf Jahre hinaus verwüstet und verdorben gewesen . Damit hatte bei allem Fleiß das verhängnisvolle » Rückwärts « begonnen . Und diese Schicksalsschläge waren just in das Leben eines Mannes gefallen , der alle Tugenden seines alten Geschlechts , die Tüchtigkeit des Landwirtes , den Soldatenmut , die Treue und Hingebung für das angestammte Herrscherhaus , und wie sie sonst heißen mögen , diese Tugenden , in sich vereinigte . Der Oberst von Gerold war ein echter Sohn seines Stammes gewesen . Nur auf einem Wege , einem unheimlichen , den alle seine Vorfahren streng gemieden , war er abseits gegangen – die Leidenschaft des Spieles hatte eine furchtbare Gewalt über ihn gehabt . Er hatte ganze Nächte hindurch gespielt und Unsummen geopfert , und wie die Gewitterniederstürze am Grund und Boden gewühlt und seinen Besitz schwer geschädigt hatten , so war jenes Laster verheerend in den alten Familienschrein eingedrungen , der seit Jahrhunderten die klingenden Schätze , die Wertpapiere und Dokumente in sich schloß . Dieses unheilvolle Leben hatte einen jähen Abschluß gefunden durch die Pistolenkugel eines Kameraden , den der Oberst infolge eines Wortwechsels am Spieltisch gefordert hatte . Wie eine ausgeblasene Flamme war es urplötzlich verlöscht und der Welt entrückt worden – » just noch zur rechten Zeit « , hatten die Leute gemeint , aber sie hatten geirrt , es war schon nicht viel mehr zu verlieren gewesen . Die umflorten Augen der schönen Hofdame streiften das von Studium und Stubenluft blaß angehauchte Gesicht des neben ihr sitzenden Bruders , über welches sich allmählich , gleichsam mit jedem Umrollen der Räder , ein Glanz von stiller Freudigkeit verbreitete . Ja dieser , » der Träumer und Sterngucker « , wie er sich selbst anklagend nannte , der von seinem Aufenthalt in Spanien nach jener furchtbaren Katastrophe schleunigst Heimberufene , hatte retten sollen , was noch zu retten möglich war . Er hatte es nicht gekonnt , um so weniger , als das junge Weib an seiner Seite , die zarte Andalusierin , ihre schönen Augen beharrlich mit stillem Entsetzen von dem Beruf einer deutschen Hausfrau abgewendet hatte . Er hatte schließlich nur noch ihr , der Dahinsiechenden , gelebt und die letzten Geldmittel erschöpft , um ihr gegenüber die Täuschung des Überflusses im Hause aufrecht zu erhalten , bis der » Engel der Erlösung sie von ihrem Schmerzenspfühl hinweggenommen « . Dann hatte er gefaßt das Trümmerwerk des ehemaligen Wohlstandes über sich zusammenbrechen lassen . Klaudine sah , wie in diesem Augenblick ein tiefes , erleichterndes Aufatmen seine Brust hob . Sie folgte der Richtung seines Blickes – ach ja , dort hob sich das grauschwarze Zinnenviereck des Turmes über die Waldwipfel ! Dort lag das Eulenhaus , das schützende Dach , das sie beherbergen sollte ! Wie hatte man bei Hofe gelächelt , wenn Klaudine alle ihre Ersparnisse hingab , um das alte Gemäuer , das Vermächtnis ihrer Großmutter , in Bau und Besserung zu erhalten ! Nun kam der Segen . Sie konnte heimgehen von dem heißen Boden des Hofes in die Kühle und Stille unter grünen Bäumen – und da war sie zu Hause ! » Zu Hause ! « wie das doch erlösend und beruhigend klang nach all dem Zwiespalt , den Aufregungen der letzten Monate ! Und der neben ihr saß , er brauchte nicht in eine Mietwohnung zu ziehen , er blieb auf Geroldschem Grund und Boden , wenn auch nur in einem Waldwinkel , dem äußersten Zipfelchen des ehemaligen großen Besitztums . Da hatte einst das Kloster Walpurgiszella gestanden , hart an der Scheide , welche die beiden Geroldshöfe trennte . Das Kloster wurde von einer frommen Ahnenmutter des alten Geschlechts erbaut , aber im Bauernkrieg zum Teil wieder zerstört . Später hatten die Gerolds den von ihnen an die Stifterin geschenkten Baugrund wieder zurückerworben , und der kleinere Teil , das Grundstück mit den Überresten der Baulichkeiten , war denen von Neuhaus zugefallen . Sie hatten den Trümmern nie Beachtung geschenkt , was stürzen wollte , das ließen sie stürzen , und Zeitenlauf und Wetter hatten nagen und abbröckeln dürfen , so viel sie wollten . Nur ein Seitenbau , das ehemalige sogenannte Sprechhaus der Nonnen , vom Feuer ziemlich verschont geblieben , war notdürftig im Stand erhalten worden – man hatte einen Waldhüter hineingesetzt . Im ganzen aber war der entlegene wüste Besitz den Eigentümern mehr eine Last gewesen , und sie hatten sich deshalb nicht lange besonnen , dasselbe später einem Altensteiner , dem Großvater des letzten Gerold-Altenstein , gegen ein ihnen bequemer gelegenes Stück Ackerland zu überlassen . » Eine lächerlich romantische Grille ! « hatten sie im stillen gemeint , als ihnen der Altensteiner mitteilte , daß seine Frau sich das malerische Fleckchen Erde wünsche . Und er hatte es dem geliebten Weibe als alleiniges Eigentum verbrieft und besiegelt geschenkt – so war das Eulenhaus an Klaudines Großmama gekommen . Nun kam auch schon das hoch in die Lüfte ragende , freistehende südliche Portal der einstigen Klosterkirche in Sicht . Das mächtige Fensterrund droben in dem schwarz angerauchten Gemäuer füllte eine durchbrochene Steinrosette . Ja , die Großmama hatte einst ihre ganze Sparbüchse geleert , um ihr geliebtes » malerisches Fleckchen Erde « vor weiterem Verfall zu schützen , und das ehemalige Sprachhaus war mit der Zeit ein ganz wohnliches Asyl , der Witwensitz der alten Frau geworden . Da hatte sie gelebt , seit ihr Mann die Augen für immer geschlossen , und die schönsten Blumen gezogen auf dem ehemals wüsten , vermoosten Grunde neben der Kirche , dem Gräberfeld der Nonnen , dem Walpurgiskirchhof , wie ihn das Volk nannte . Der alte Heinemann , der langjährige Gärtner des Geroldshofes , war ihr Faktotum gewesen . Er hatte unter unsäglichen Mühen das verwahrloste Grundstück wieder ertragsfähig gemacht . Der alte Mann war deshalb auch mit seiner Herrin gegangen , als sie sich in das Eulenhaus zurückzog , und bewohnte heute noch sein Stübchen im Erdgeschoß , als eine Art Kastellan , wie es die alte Dame testamentarisch angeordnet hatte . Und er wachte über jeden Mauerstein , der loszubröckeln drohte , über jeden Unkrautkeim , den der Wind von Wald und Wiesen herüberwehte . » Er zählt die Grasspitzen ! « sagte Fräulein Lindenmeyer , die ehemalige Kammerfrau der verstorbenen Herrin . Auch ihr war ein Asyl im Eulenhaus für Lebenszeit zugesichert worden . Sie bewohnte das vornehmste Zimmer im Erdgeschoß , die freundliche Eckstube , wo sie mit ihrem Strickzeug und einem Leihbibliotheksroman Tag für Tag am Fenster sitzen und die drüben vorbeilaufende Landstraße überblicken konnte . Diese zwei alten Menschen hausten einträchtig nebeneinander . Sie kochten auf einem Herd und zankten sich nie , wenn auch Fräulein Lindenmeyer oft genug heimlich empört ihre Schokoladen- und Weinsuppentöpfchen von dem aufdringlich duftenden Sauerkraut- oder Lauchgericht des Gärtners weit wegrückte . Klaudine hatte den beiden Alten ihre und ihres Bruders Ankunft mitgeteilt und sah nun mit Genugtuung dort über den Baumwipfeln ein dünnes Rauchsäulchen aufsteigen und langsam zerfließen . Fräulein Lindenmeyer kochte jedenfalls einen guten Nachmittagskaffee . Fernherüber krähte der Haushahn , der mit seinen sechs Hennen in einem Mauerwinkel des zerstörten Kreuzgangs residierte , und hoch über dem Rauchschleier des Schornsteins kreisten Heinemanns weiße Tauben , winzig und glänzend wie Silberflitter am blauen Frühlingshimmel . Nunmehr machte die Straße eine weite Schwenkung nach rechts , und da trat allmählich das ruinengeschmückte kleine Wiesen- und Garteneiland aus dem Waldschatten hervor . Dort lag das aus Bruchsteinen erbaute enge Haus , das einst der Brandfackel der rebellischen Bauern tapfer widerstanden , das Gemäuer rauh und rauchgeschwärzt und von einem Netz frischer Mörteladern förmlich übersponnen . Ein Adelsitz war das freilich nicht , und die grauen Röcke der in die Kirchenruinen zurückgedrängten Eulenbrut hatten jedenfalls immer besser hineingepaßt als lange Hofdamenschleppen . Immerhin ! Es war trotz alledem ein gemütliches Nest für genügsame Menschenkinder , und es lag mitten im schwellenden Grün . » Just in der allerschönsten Zeit , gnädiges Fräulein ! « sagte Heinemann , den Wagenschlag öffnend . » Die Beete noch dick voll Narzissen und Tulpen und die Bauernrosen mit Köpfen zum Aufplatzen , und dazu laufen die Kinder schon mit Maiblumensträußchen im Wald ' rum ! « Er war bei Herankommen des Wagens bis auf die Straße herausgelaufen . Barhäuptig , den vollen , heißen Nachmittagsonnenschein auf seinem starren , graugelben Haarwulst , half er den Ankommenden beim Aussteigen . » Ja gelt , da riecht ' s gut , kleines Fräulein ! « lachte er , indem er die kleine Elisabeth aus dem Wagen hob und für einen Augenblick auf dem Arm behielt . Das Kind sog mit sichtlichem Wohlbehagen die herüberwehende Luft ein . » Alles eitel Duft , alles ein Blühen , wohin der Mensch guckt , Kindchen ! Ja , der liebe Herrgott meint es gut mit dem alten Heinemann ! « Er hatte recht . Ein wahres Gewoge von Narzissendüften und dem berauschenden Odem aus tausendfältigen Kelchen des Flieders erfüllte die Luft . » Wollen wir nun zu Fräulein Lindenmeyer gehen ? « fragte er die Kleine mit lustigem Augenzwinkern . » Dort steht sie mit ihrem allerschönsten Bandwerk auf dem Kopfe ! Hat den ganzen Morgen Kuchen eingemengt und kein einziges Ei im Hause heil und ganz gelassen . « Klaudine ging lächelnd an ihm vorüber an der Tür im Staketenzaun , wo zwischen zwei Eibenbäumchen der altmodische Kopfputz von granatroten Bändern auf Fräulein Lindenmeyers grauem Scheitel sichtbar wurde . Dieses gute alte Mädchen hatte bei dergleichen Gelegenheiten stets ein feierliches Zitat aus Schiller oder Goethe in Bereitschaft . Heute aber zitterten ihre eingefallenen Lippen im Ringen mit der inneren Bewegung – kam doch der schöne , edle Mann da , ihr Stolz , der ehemalige Herr auf dem schönsten Gute weit und breit , und suchte Zuflucht im Eulenhaus ! Aber er nahm heiter gelassen ihre bebende kleine Rechte , die eben das Batisttüchelchen an die geängstigten nassen Augen drücken wollte , mit warmem Druck zwischen seine Hände . » Ich möchte wissen , ob Fräulein Lindenmeyer mich immer noch so gut versteht und vertritt wie einst , wenn es galt , dem blöden Jungen bei der Großmama etwas zu erwirken ? « sagte er in sanft scherzendem Ton , wobei er sich tief bückte , um in ihr Gesicht zu sehen . Da strahlten ihre Augen auf . » Ei , nun ja , ich denke doch ! « antwortete sie . » Die Glockenstube ist hergerichtet ! Ach ja , himmlisch schön ist ' s da oben ! Ein richtiges Poetenwinkelchen ! Welche fühlende Seele sollte das nicht verstehen ? « Er lächelte und drückte nochmals ihre Hand , während sein aufleuchtender Blick über den Garten hinflog . Dem südlichen Tor der Kirchenruine entgegengesetzt , wenn auch ziemlich weit abgerückt , erhob sich der Glockenturm der Klosterkirche . Die verstorbene Besitzerin hatte Turm und Wohnhaus durch einen kleinen Zwischenbau verbunden , der im Erdgeschoß zu einem Winteraufenthalt der Pflanzen eingerichtet war , im oberen Stock aber eine auf beiden Seiten von einem Geländer eingefaßte Plattform bildete , zu welcher sowohl von den Zimmern des Wohnhauses wie der gegenüberliegenden unteren Turmstube Glastüren führten . Über alles hinweg aber blinkten hoch oben die Fenster der Glockenstube , die ihren Namen behalten hatte . Und nun hinein in den letzten Zufluchtsort der Verarmten ! Während Heinemann Koffer und Korb vom Wagen hob , schritten die anderen dem Hause zu . Einen Augenblick blieb Klaudine allein vor der Haustür stehen , sie bog sich zur Seite , anscheinend um den Duft einer ihre Schulter streifenden Fliederblüte einzuatmen , aber ihre Gedanken irrten weit ab . Über diese Schwelle war sie vor drei Jahren hinausgegangen in eine Welt voll Glanz und rauschender Freuden . Sie war auf Großmamas Wunsch und Fürbitte hin Hofdame bei der Herzoginwitwe geworden . Leicht war es ihr nicht geworden , diese Stellung , die vielbeneidete , wieder aufzugeben , nein , wahrlich nicht ! Ihr abwesender Blick umschleierte sich und die Lippen zuckten . Sie war der ausgesprochene Liebling ihrer hohen Herrin gewesen und die edle Frau hatte sie insgeheim vor ihren Neidern und stillen Feinden zu schützen gewußt , so hatte sie fast nur die strahlende Seite des Hoflebens kennen gelernt . Nun lag das hinter ihr auf Nimmerwiederkehr , und ein tiefes Sehnsuchtsweh nach der milden , sanften Greisin , der sie gedient hatte , brannte ihr jetzt schon im Herzen . Und leicht war es wohl auch nicht , das neue Leben ! Dem Kinde ihres Bruders eine treue Mutter zu sein , für ihn die Lebenssorgen auf die Schultern zu nehmen und mit jedem Pfennig ängstlich zu rechnen , auf daß nicht doch die Not durch das Eulenhaus schleiche , das wollte sie wagen , sie , die Unwissende , die Unerfahrene in alledem , was des Lebens Nahrung und Notdurft erheischte ? Sie legte die Hand auf das ängstlich klopfende Herz und schritt langsam über die Schwelle und die enge , aber blütenweiß gescheuerte Holztreppe hinauf . Als sie abei in das zunächstliegende ehemalige Wohnzimmer der Großmama trat , da atmete sie tief und erleichtert auf . Die kleine Elisabeth kam ihr mit einem Stück Kuchen in der Hand freudestrahlend entgegen und auf dem Sofatisch dampfte Großmamas messingene Kaffeemaschine . Die Tür nach der Plattform des Zwischenbaues stand weit offen und ließ die Blumendüfte des Gartens hineinströmen , und jenseits dieser nur wenige Schritte langen Plattform sah man durch die schmale Glastür in das untere Turmzimmer , ihr ehemaliges Logierstübchen während der Institutsferien , die sie stets bei der Großmama verlebt hatte . Mehr aber noch als dieses traute Wiedersehen beruhigte und ermutigte sie ein Blick auf ihren Bruder . Er hatte sich aufgerichtet , als habe er eine Zentnerlast von sich geworfen , und als sie später mit ihm hinaufging in die Glockenstube und er sein Manuskript auf die Wachstuchdecke eines einfachen Tisches am Fenster legte , da sagte er : » Es ist ein abgebrauchtes Bild , aber sein zutreffender Sinn bewegt mich tief in diesem Augenblick – mir ist zumute wie einem , der nach stürmischer Meerfahrt den Heimatboden betritt und niedersinken möchte , um ihn dankbar zu küssen ! « 3. Zwei Wochen waren seither verstrichen , Tage voll Mühe und Arbeit , aber auch voll befriedigenden Lohnes . Ja , es ging , wenn auch da und dort ein Brandfleck die neuangeschafften Kochschürzen verunzierte , einige Geschirrscherben den Spruch vom Lehrgeld bewahrheiteten und die weichen Hände der neugebackenen Köchin immer noch recht empfindlich waren gegen rauhe Berührung . Fräulein Lindenmeyers gutmütig angebotene Hilfe hatte Klaudine schon am ersten Tage entschieden abgelehnt . Das schmächtige , kränkliche Geschöpfchen stand auf sehr schwachen Füßen und bedurfte oft selbst der Pflege . Dafür aber war Heinemann eine tüchtige Stütze , und er ließ es sich durchaus nicht nehmen , alle gröberen Arbeiten zu besorgen . So war allmählich die neue Haushaltung ins Geleise gekommen , und heute fand Klaudine einen freien Augenblick , um auf die Zinne des Turmes hinaufzusteigen . Die Morgensonne lag auf dem Scheitel des alten Burschen , der sich mit gelben Mauerblümchen besteckt hatte , die aus allen Ritzen und Fugen dem Tageslicht zustrebten , und so altersmürrisch er auch sonst aussah , er beherbergte doch noch gern und willig junges , aufwachsendes Leben – das Vogelvolk brütete unter seinen Simsen und Mauervorsprüngen und fand des Piepsens und Zwitscherns kein Ende . Und vom Garten herauf und von den harztriefenden Fichten , die ihre schaukelnden dunklen Bärte wie Trauerfahnen in die Ruinen des Kirchenschiffes hineinhängen ließen , kam ein traumhaftes Summen – schier unersättlich umtaumelten Heinemanns Bienen und das wilde Hummelgesindel des Waldes den süßen Saft , den Prinz Mai aus Blütenbechern schenkt . Über ihr stand der blaue Äther , den nur dann und wann noch ein kühner Vogelflügel durchschnitt , wie zu Kristall erstarrt , dort drüben aber , am fernen Horizonte , troff sein Blau auf den welligen Bergrücken und schmolz mit ihm zusammen . – Dort weitete sich das Paulinental zur ebenen Fläche , die erst in weiter Ferne wieder jener blaubehauchte Höhenzug abschloß . Auf dem flachen Lande lag es wie feine , durchgoldete Nebelschleier . Sie deckten das Herzogsschloß . Nichts war zu sehen von seinem stolzen , hochgelegenen Bau , seinen purpurbeflaggten Türmen und marmornen Freitreppen , zu deren Füßen die Schwäne segelten und silberglitzernde Furchen durch den Teichspiegel zogen , nichts von dem Magnolien- und Orangendickicht der überglasten Zaubergärten , die mit ihrem düfteschweren Odem das Blut in den Schläfen pochen machten und das Herz angstvoll beklemmten , nichts von den türhohen , spiegelnden Fenstern , hinter denen eine junge Frau , ein Königskind , schlank und schneebleich , hüstelnd auf und ab schwankte und nach einem Blick aus den dunkelschönen Augen strebte , die mit heißem Flehen – eine andere suchten . Klaudine trat hastig von der Brustwehr zurück , sie war erblaßt bis in die Lippen . War sie deshalb heraufgestiegen in den kühlen blauen Himmel , um sich von dem schwülen , ängstlich geflohenen Odem dort drüben her anwehen zu lassen ? Sie wandte den Blick weg von jener sonnenbeschienenen Weite und ließ ihn nordwärts in die Runde schweifen . Wald , nichts als grüner Wald , wohin sie sah ! Nur dort , wo der breite Fahrweg die Wipfel auseinanderdrängte , lag in äußerster Ferne wie ein kleines Bild das Neuhäuser Gutshaus . Seine fensterreiche Fassade trat hell aus dem dämmernden Lindenkreise . Dort wehte eine rauhe , strenge , aber reine Luft unter Beates Regiment . Seit lange herrschte Spannung zwischen den beiden Geroldshöfen . Der Neuhäuser hatte öffentlich scharf über die » gottheillose « Spielwut des Obersten geurteilt , und damit war das Tischtuch zwischen den beiden Familien zerschnitten gewesen . Nicht die geringste Beziehung hatte mehr zwischen ihnen bestanden . Lothar und Joachim , die beiden gleichaltrigen Söhne der entzweiten Familien , waren sich geflissentlich aus dem Wege gegangen , und nur Klaudine und Beate , die Zöglinge ein und desselben Instituts , waren sich näher getreten . Da war es nun allerdings nicht aufgefallen , als sich plötzlich bei Hofe zwei Gerolds gegenüberstanden , die sich gegenseitig fremd und kühl gemustert hatten , Lothar , der elegante , schneidige Offizier , und Klaudine , die neue Hofdame . Übermütig , im stolzen Bewußtsein seines errungenen hohen Zieles , eine glänzende Erscheinung , umschmeichelt und verwöhnt von der gesamten Hofgesellschaft , hatte er sie eingeschüchtert . Es war kurz vor seiner Vermählung mit der Prinzessin Katharina , der Cousine des regierenden Herzogs , gewesen . Sie hatte es ihm verargt , daß er auf seiner schwindelnden Höhe über die Tochter der verarmten Hauptlinie seines Geschlechtes achtlos hinwegsah . Wie unglaublich schlicht und einfach erschien ihr in diesem Augenblick sein Geburtshaus da drüben neben dem Glanz des Ereignisses , welches der Höhepunkt seines beispiellosen Siegeslaufes gewesen war , neben seiner Vermählungsfeier . Sie sah ihn noch vor sich , wie er zur Seite der Prinzessin , umleuchtet von dem ganzen Glanz des Hofgepränges , an den Altarstufen stand . Das schmale Figürchen der Braut , in Spitzen und Atlasbauschen völlig versinkend , hatte sich an seine hohe Gestalt so fest angeschmiegt , als könne er ihr , dessen Besitz sie sich energisch erkämpft hatte , auch hier noch entrissen werden , und mit ihren funkelnden schwarzen Beerenaugen hatte sie unverwandt , in leidenschaftlicher Zärtlichkeit zu ihm aufgesehen . Und er ? Er war totenblaß gewesen , und sein bindendes » Ja « hatte rauh , fast heftig geklungen . Hatte ihn ein Schwindel auf dem Gipfel seines Glücks ergriffen , oder war ihm plötzlich ein Ahnen gekommen , daß er dieses Glück nicht lange besitzen werde , daß sich die liebstrahlenden , schwarzen Augen schon nach einem Jahre für immer schließen würden unter den Pinien und Palmen der Riviera , wohin der Reisewagen die Neuvermählten sofort nach der Trauung entführen sollte ? Ja , dort in ihrer prächtigen Villa war die Prinzessin gestorben , nachdem sie einem Töchterchen das Leben gegeben , und dort lebte der verlassene Mann noch , um das sehr schwächliche Kind in dem milden Klima zu belassen , bis es erstarkt sein würde , wie man sagte , wohl aber auch , weil es ihm schwer werden mochte , den Schauplatz seines kurzen Glückes zu verlassen . In der Heimat war er nicht wieder gewesen , und das stille , einsame Haus dort drüben mochte er schwerlich wieder bewohnen , wenn er auch wieder zurückkam – und das war nur gut und wünschenswert für den Einsiedler im Eulenhaus . Klaudine bog sich lächelnd über die Brustwehr des Turmes und sah hinab in den Garten , der sich wie ein buntes Schachbrett mit seinen Blumen- und Gemüsebeeten drunten hinbreitete . » Eiapopai ! « sang die kleine Elisabeth . Sie trug ihre Wickelpuppe im rosa Kattunmäntelchen und trabte durch den Mittelweg des Gartens . Heinemann hatte ihr einen Maiblumenstrauß auf das Strohhütchen gesteckt , und Fräulein Lindenmeyer bewachte das kleine , seelenvergnügte Ding von der Laube aus , wo sie für Heinemann Spargelpfeifen pfundweise zusammenband . Der alte Gärtner verkaufte viel Gemüse und Blumen nach der nächsten kleinen Stadt , und der Ertrag gehörte ihm kraft der testamentarischen Verfügung seiner verstorbenen Herrin . Er kam eben mit einem Armvoll kleingespaltenen Holzes von den Ruinen her , und drunten durch die offene Glastür der Wohnstube klang die tiefe Brummstimme der großen Wanduhr herauf und schlug elfmal an . Es war Zeit , an den Herd zu treten . » Arbeit schändet nicht ! « sagte Heinemann bald darauf in der Küche mit einem Seitenblick nach der rußigen Pfanne , welche Klaudine auf den Herd stellte . » Nein , ganz und gar nicht , und ein paar Rußfleckchen verschimpfieren feine Finger auch nicht , so wenig wie es an meinen weißen Narzissen kleben bleibt , daß sie aus der schwarzen Erde gekrochen sind . Aber so vom Herzogshofe weg geradewegs ans Küchenfeuer , just so , als sollten meine schönen Gloxinien auf einmal im Holzstall oder auf dem Hühnerhofe kampieren , ach , die armen Dinger ! – Dazu gehört was , es würgt mir an der Kehle , wenn ich die Plackerei so mit ansehe . Ja , wenn es noch sein müßte ! Aber es muß nicht sein , absolut nicht – das weiß ich besser ! Und Sparen ist auch eine schöne Sache , ei ja ! Ich jage ja meine paar Pfennig auch nicht durch die Gurgel , Gott bewahre ! Aber alles was recht ist , gnädiges Fräulein ! « Er warf einen schelmischen Blick auf das dünne Butterscheibchen , das Klaudine in die Pfanne gelegt hatte , um ein paar Tauben zu braten . » Das ist ja wie für ' nen Kartäuser ! « Er schüttelte den Kopf . » Nein , so knapp braucht ' s bei uns doch nicht herzugehen , so knapp nicht ! Wir haben mehr , als Sie denken , gnädiges Fräulein ! « Er sagte das letztere auffallend langsam , mit nachdrücklicher Betonung . Die junge Dame sah mit großen Augen nach ihm hin . » Sie haben wohl einen Schatz gefunden , Heinemann ? « fragte sie lächelnd . » Je nun , wie man ' s nimmt « , meinte er den Kopf wiegend , und um seine Augenwinkel erschienen zahllose Fältchen , aus denen etwas wie verheimlichtes Glück lachte . » Gold und Silber freilich nicht – du lieber Gott , blind könnte sich der Mensch in dem Trümmerhaufen gucken und fände doch nicht das kleinste Flinkerchen ! Nein , damit ist ' s nichts ! Das ist alles der Mordbrennergesellschaft von dazumal an den Fingern hängen geblieben – haben sie doch gar dem Jesukindchen das bißchen Goldsachen von seinem Seidenrock gerissen ! Aber muß es denn gerade ein Spartopf oder so was wie Silberkannen oder Abendmahlskelche sein ? Sehen Sie , zum Kloster hat einmal viel Land gehört . Von außen her sind Klosterjungfern eingetreten , die Hab und Gut , meist liegende Gründe , mit eingebracht haben , und das ist alles zu Klosterhöfen gemacht worden . Da hat ' s Zehnten an Korn , Federvieh , Honig und Gott weiß was noch , die schwere Menge gegeben , und die Klosterhöfe sind gut bewirtschaftet worden . Dazumal ist hier in dem Trümmerwerk Milch und Honig geflossen , wie im Lande Kanaan , und die Nonnen sollen es gar gut verstanden haben , aus den schönen Sachen genug bare Batzen zu schlagen . Gar manchmal haben da die Frachtwagen vor dem Kloster gestanden und Fässer und Kisten in die Welt ' nausgefahren . Ja , dumm sind die Frauenzimmerchen von dazumal nicht gewesen , dumm gar nicht ! – Heide , Himbeeren und Heidelbeeren , das beste Bienenfutter , hat ' s hier und auf den Klosterhöfen genug und übergenug gegeben , und da haben sie eine Bienenzucht gehabt , wie in unserer Zeit kaum die großen Güter in Ungarn . Na ja – und da bin ich gestern abend unten im Keller – ich hatte schon lange ein paar wacklige Steine an der Mauer gesehen , aber im Frühjahr gibt ' s immer viel zu tun , und dazu kam die Räumerei und das Reinmachen im oberen Stockwerk , und da verschob ich die Flickerei von einem Tag zu dem anderen . Gestern aber dachte ich doch , ich müßte mich schämen , und Sie hielten mich für einen liederlichen Hausverwalter , wenn Sie das sahen , und da hole ich mir gleich Kelle und Mörtelgelte . Wie ich aber den ersten wackligen Stein anfasse , Herr meines Lebens , da wird es doch ordentlich lebendig unter meinen Fingern ! Es rückt und wankt – kein Wunder , ist ' s doch auch nur in der Angst und Flucht gemacht gewesen – und ehe ich mich recht versehe , ist das liederliche Mauerwerk zusammengeprasselt , und ich gucke in ein mannshohes Höhlenloch – ja , in ein Gewölbe , von dem kein Erdenmensch mehr ' was gewußt hat ! Und was war drin ? – Wachs ! « Er hielt einen Augenblick inne , als schwelge er noch in der Erinnerung an den Fund . » Ja , Wachs , schönes , reines , gelbes Wachs « , wiederholte er , jedes Wort schwer betonend , » Scheibe an Scheibe , ein ganzer sommertrockener Keller voll , der gerade unter dem Turm liegt ! « Er schüttelte den Kopf . » Die reine Wundergeschichte ! Ich alter Kerl lese auch für mein Leben gern so Zaubermärchen , wie › Tausendundeine Nacht ‹ , und da ist mir doch seit gestern zumute , als hätte ich selber in so einen Berg Sesam geguckt , denn was da unten liegt , das ist auch so gut wie ein Kasten voll Bargeld . Die Nonnen müssen lange Jahre dran gesammelt und gespart haben , lange Jahre ! Es sind viele , viele Zentner , und sie haben wohl am besten gewußt , was die ganze Pastete wert ist , sonst hätten sie nicht zugemauert , ehe sie auf und davon sind ! Und weiß ich ' s denn nicht auch ? Bin ja selbst Bienenvater und verkaufe , was das fleißige Völkchen in meine Stöcke schleppt . « Klaudine hatte das Küchengerät in ihrer Hand unwillkürlich beiseite gestellt und folgte sichtlich gespannt der lebendigen Schilderung . Über das gute , breite , brave Gesicht des alten Mannes huschten Freude , Stolz auf die Entdeckung und Schelmerei wie in wechselnden Lichtern . » Ja , ja , so ein paar tausend Tälerchen sind ' s ganz gewiß ! « sagte er nach einem tiefen Atemholen mit lustigem Augenblinzeln . » Hm , so ein bißchen Heiratsgut , das die Nonnenseelchen , die ja noch umgehen sollen , ganz extra für unser gnädiges Fräulein behütet und aufgehoben haben . « Die schöne Hofdame mußte lachen . » Ich glaube nicht , daß wir uns den Fund so ohne weiteres aneignen dürfen , Heinemann « , sagte sie dann ernst . » Die vorherigen Besitzer haben ohne Zweifel dieselben Rechte . « Der alte Gärtner sah plötzlich ganz betreten und erschrocken drein . » I , die werden doch nicht – ? « meinte er mit stockendem Atem . » Na , weiß Gott , das wär ' doch Sünd ' und Schande ! Der Neuhäuser da drüben , dem fürstliches Hab und Gut nur so in die Tasche gefallen ist , der müßte sich ja doch eher alle zehn Finger abbeißen , als daß er sich an dem bißchen Armut vergriffe ! Freilich « – er zuckte die Achseln mit niedergeschlagener Miene – » wer kann ' s wissen ! So manche von den Herren können nie genug kriegen , das erlebt man alle Tage , und da kann ' s immer sein , daß der Herr Baron die Hand hinhält und nicht › nein ‹ sagt , wenn ' s zum Treffen kommt . O je « – er kratzte sich voll Ärger hinter dem Ohr – » da hätt ' ich auch eher an des Himmels Einsturz gedacht , als daß uns die von Neuhaus noch ein Querholz zwischen die Füße werfen könnten ! Da heißt ' s nun abwarten und zusehen , wie einem vielleicht die Butter vom Brote genommen wird . « Er seufzte und ging nach der Tür . » Aber ansehen müssen Sie sich die Geschichte doch einmal , gnädiges Fräulein ! Ich gehe jetzt hinunter und räume die letzten paar Steine weg , die noch im Wege liegen – muß