Bärbchen wurde nur dieser Tee getrunken , und wenn die alte Dorte gute Laune hatte , dann steckte sie auch noch einen Zimmetstengel hinein … Ja , und da drüben neben dem altertümlichen Uhrgehäuse hingen richtig der Kalender und die altersbraune Elle , und hinter der Glasscheibe des wandhohen Holzkastens schwang der Perpendikel sein breites Sonnengesicht in sehr moderirtem Tempo ; er ließ sich Zeit , der alte bequeme Herr , er konnte es ja haben in dem stillen , einförmigen Hause und hätte seinen gravitätischen Gang wohl auch nicht geändert , schon aus alter Freundschaft für Tante Bärbchens Spinnrad , das , ein verblichenes rosa Seidenband um die Flachslocken geschlungen , dort auf der Estrade am mittelsten Fenster stand . Es summte und schnurrte Jahr aus , Jahr ein , Sommer und Winter , und der Perpendikel meinte mit Recht , sein Tiktak und das Gesumme gäben eine schönere Harmonie , als ein Zwiegespräch zwischen ihm und Seinesgleichen . [ 433 ] „ Tante , kennst Du die Geschichte von Adam und Eva ? “ fragte Lilli plötzlich . Ihr Blick hing unverwandt an dem südlichen Eckfenster , durch welches der Turm des Nachbarhauses hereinsah . Die Hofrätin saß auf der Estrade und spann . Mit einer raschen Wendung des Kopfes sah sie auf das junge Mädchen hinab , während ein verhaltenes Lachen um ihre Mundwinkel zuckte . „ Närrchen Du ! “ sagte sie kopfschüttelnd , tauchte den Finger in das Netzbecken und spann weiter . „ Die Aepfel haben ihnen nur so gut geschmeckt , weil sie verboten waren , “ fuhr Lilli mit unzerstörbarem Ernst fort . „ Tante Bärbchen , ich habe eben meine Augen wieder ertappt , wie sie nach dem Turmfenster hinübersahen und gar zu gern herausgebracht hätten , was das Glasgemälde vorstellt . Es ist schlecht von ihnen , sehr schlecht , denn Du hast es verboten ; aber man muß ihnen auch ein wenig zu Hülfe kommen , hast Du nicht irgend einen alten , dicken Teppich , den man vor das Fenster nageln könnte , oder – “ „ Ei , das fehlte noch , daß ich mir Licht und Luft absperrte , um Derer da drüben willen ! “ unterbrach sie Tante Bärbchen halb lachend , halb ärgerlich . „ Kind , “ fuhr sie fort , und das Summen des Spinnrades schwieg , „ Du nimmst wieder einmal eine sehr ernste Sache von der spaßigen Seite ; aber ich kann Dir versichern , daß sie ganz und gar nicht spaßhaft ist … Ich habe unter den Impertinenzen der Huberts jetzt noch mehr zu leiden , als dazumal , wo mir der unverschämte Junge meinen ganzen Kinderfrieden zerstörte . “ „ Wie , ist der wieder da und guckt über den Zaun ? “ „ Lilli , sei kein solcher Kindskopf ! “ sagte die Hofrätin mit einem Anflug von Ungeduld in der Stimme . „ Der wäre jetzt seine wohlgezählten sechszig Jahre alt und da klettert man nicht mehr an den Zäunen herum . Der ist todt und seine Frau auch , und ich hätte mir in meinem ganzen Leben nicht träumen lassen , daß da drüben noch einmal Einer herumhantieren würde mit dem Hubert ’ schen Starrkopf und Hochmuth . Aber da kam er doch eines Tages dahergebraust , wie das böse Wetter , der Letzte der schlimmen Familie … Da drüben blieb kein Stein auf dem andern und kein Grashälmchen durfte mehr wachsen , wie es wollte . Nun meinetwegen , das ging mich weiter nichts an und um ungelegte Eier hab ’ ich mich mein Lebtag nicht gekümmert . Daß ich aber meine gehörige Portion Aerger von der neuen Nachbarschaft haben würde , das sagte ich mir alle Tage , und da kam ’ s auch richtig … Kommt da auf einmal ein Commissionär zu mir und fragt im Auftrag des jungen Herrn da drüben , ob ich ihm nicht Haus und Garten käuflich überlassen wolle . Da hab ’ ich aber geantwortet , wie mir um ’ s Herz war , und der Herr Commissionär war schneller draußen vor der Tür , als er hereingekommen ist . “ „ Tantchen , ich fürchte , Du bist nicht sehr höflich gewesen . “ „ Ei , da soll ich wohl auch noch meine Worte auf die Goldwage legen , wenn man mir mein väterliches Erbe feil machen will ? … Der junge Herr denkt vermuthlich , weil er den Krieg in Schleswig-Holstein mitgemacht hat , da darf er nun auch Annexionsgelüste haben … Er hat übrigens meine Aufrichtigkeit sehr übel vermerkt , denn von dem Augenblick an sucht er mich zu chicaniren … Dazumal , als der Zaun angelegt worden ist , da hat es Anstoß gegeben wegen der Teilung , die Linie ist gerade durch den Pavillon gelaufen . Aber mein Großvater und der alte Hubert Dorn sind darin übereingekommen , daß er stehen bleiben solle , und weil er zur größeren Hälfte in meines Großvaters Garten gestanden und auch an der Seite die Tür gehabt hat , so ist er uns verblieben . Jetzt meint nun auf einmal der hochgeborne Herr , seine verwöhnten Augen würden durch die Rückwand des alten , einfachen Häuschens beleidigt , und will durchaus die Hälfte entfernt wissen , die auf seinem Territorium steht . “ „ Wie , an dem lieben , alten Pavillon will er sich vergreifen ? “ rief Lilli erregt und sprang auf . Sie hatte bis dahin , ruhig im Sessel . liegend , einen ihrer kleinen Saffianschuhe auf der Fußspitze balanciren lassen . Für den alten Familienhaß mit seinen ziemlich verblichenen Traditionen hatte sie nie ein rechtes Verständniß gehabt . Alle die Reibungen zwischen den späteren Generationen , deren Tante Bärbchen oft so entrüstet gedachte , waren ihr immer sehr abgeschmackt und kleinlich vorgekommen , deshalb hatte sie auch den vermeintlichen neuen Kummer und Aerger der Hofrätin anfänglich humoristisch behandelt . Jetzt aber erhielt sie einen schlagenden Beweis von der Böswilligkeit der unseligen Nachbarschaft , der ihr selbst in das Herz schnitt . Sie liebte den Pavillon , wie ein Kind einen alten Hausfreund seiner Eltern liebt , der es auf den Knieen schaukelt , ihm ergötzliche Geschichtchen erzählt und die schützende Hand abwehrend ausstreckt , wenn es gestraft werden soll . Sie hatte sich stets in dem alten , achteckigen Häuschen lieber aufgehalten , als drüben im großen Wohnhaus . Hier hatten sich die interessanten Lebensläufe ihrer Puppen abgewickelt , in dem gemütlichen Salon war das kindliche Herz erfüllt gewesen von dem Selbstbewußtsein der gebietenden Hausfrau , denn sie durfte ihn benutzen als Empfangszimmer für ihre kleinen Besuche aus der Stadt , deshalb hieß er auch „ Lilli ’ s Haus “ . Die alten Wände waren Zeugen ihrer ganzen Kindesglückseligkeit gewesen , aber sie [ 434 ] hatten auch ihr leidenschaftliches Weinen und Klagen gehört , wenn im Wohnhause gepackt worden war zur Heimreise . „ Du hast dem gestrengen Herrn natürlich ebenso energisch seinen Standpunkt klar gemacht , wie bei dem Annexionsversuch , Tante ? “ fragte sie hastig . „ I nu freilich . Ich habe ihm erklärt , der Pavillon stände ganz gut an seinem Platz und mit meinem Willen würde nicht ein Ziegel daran weitergerückt ; darauf hin hat er mich gerichtlich verklagt . “ „ Der Unhold ! “ „ Und das Recht ist ihm zugesprochen worden . Ich habe die Weisung erhalten , binnen acht Tagen mein Besitztum von dem fremden Grund und Boden zu entfernen . “ „ Abscheulich ! … Und Du kannst es über ’ s Herz bringen , Tante Bärbchen ? “ „ Ich lasse nicht einen Stein anrühren . “ Sie deutete nach dem Bild der Großmutter . „ Die müßte sich im Grabe umdrehen , wenn das mit meinem Willen geschähe … Mag der saubere Herr höchsteigenhändig das Niederreißen besorgen , dagegen kann ich freilich nichts tun . “ „ Und damit wird er nicht viel Federlesens machen , passen Sie nur auf , Frau Hofrätin ! “ sagte Dorte , die vor wenig Augenblicken eingetreten war und einen Teller voll frischgebackener Waffeln auf den Tisch gestellt hatte . „ Er hat ’ s eilig . Ja , wär ’ das Fenster nicht , das ‘ nüber in seinen Garten geht , da ständ ’ ihm das Häuschen noch lange nicht im Wege . Aber da könnte ja der alte Sauer einmal den Laden aufmachen und hinübergucken nach der schönen Dame , das wär ’ erst gefährlich ! “ „ Wer ist denn die Dame ? “ fragte Lilli lachend . „ Wahrscheinlich seine Frau , “ meinte Tante Bärbchen zögernd . „ Ach , glauben Sie doch das nicht , Frau Hofrätin , “ eiferte Dorte , ohne die verweisenden Blicke ihrer Herrin zu bemerken , „ seine Liebste ist ’ s … Fräulein Lilli , da drüben geht es zu wie bei den Heiden , und eifersüchtig ist er wie ein Türke . Keine Menschenseele in der ganzen Stadt weiß , wie die Person aussieht , die bei ihm wohnt , nicht einmal sein eigener Kutscher und Bedienter sollen es wissen . Der Mohr steht Schildwache vor ihrer Tür und trägt ihr auch das Essen hinein … Gott verzeih ’ mir ’ s , wie nur ein Christenmensch solch ’ ein schwarzes Ungetier um sich leiden mag ! Ich erschrecke immer zu Tode , wenn der den Mund aufmacht , und denke an den Walfisch , der den Jonas verschluckt hat … Die Dame muß immerfort einen dicken Schleier vor dem Gesicht tragen , und wenn sie spazieren fährt , da sind die Vorhänge an den Wagenfenstern fest zugemacht . Ich hab ’ einmal draußen vor der Gartentür gestanden , da fuhr der Wagen vorbei , und in dem Augenblick zog und zerrte drinnen eine Hand an dem Vorhang ; das waren Fingerchen , wie von Marzipan , und Ringe haben d ’ ran gesteckt , die haben geblitzt , wie lauter Karfunkel . Er muß ein wahrer Unmensch sein , daß er das arme Weib so einsperrt ; er sieht aber auch danach aus . Wenn er auf sein Gut reitet – das schöne , große Liebenberg hat er doch gekauft – da kommt er auf seinem pechschwarzen Rappen die Chaussee hergebraust , daß es einem himmelangst wird , so trotzig und befehlshaberisch sieht er aus . “ „ Er ist wie sein Vater , “ sagte Tante Bärbchen zu Lilli , „ dem war auch die Welt zu eng und der Platz , auf dem er stand , zu niedrig . Er pfropfte auf den alten , ehrenhaften Stamm der Dorns ein adliges Reis ; das befand sich aber sehr übel in der bürgerlichen Atmosphäre , und da hat er sich flugs auch den Adel gekauft … Gekaufter Adel ! Das heißt , in den ursprünglichen Begriff übersetzt , gekauftes Verdienst … Unsinn , Unsinn ! Gemahnt mich an den sauberen Ablaßkram , nur in umgekehrter Weise , allein die Welt will nun einmal solchen Firlefanz und Hocuspocus , und Schlauköpfe giebt ’ s zu allen Zeiten , die ernsthafte , gläubige Gesichter dazu machen und ihren Nutzen daraus ziehen . “ Sie schob das Spinnrad von sich und schüttelte die Spelzen von dem weißen Tuch , das auf ihren Knieen gelegen hatte . „ Ich bin da auf ein ärgerliches Thema gekommen , “ sagte sie aufstehend ; „ Unfruchtbare Gedanken , mit denen sich ein alter Weiberkopf , der sich auf die Ewigkeit vorzubereiten hat , gar nicht mehr befassen sollte … Stürzt heute alle die alten Götzen um , morgen wird , die Welt um ein neues goldenes Kalb tanzen . … Komm ’ , Lilli , schenke mir eine Tasse Tee ein . Gelt , der riecht frisch und unverdorben ? … Hab ’ die Blätter selbst im Walde zusammengesucht ; der macht gesundes Blut und rote Backen , und die kannst Du brauchen , kleines Mondscheingesicht . “ Sie saßen lange beisammen und plauderten . Das letzte Duftwölkchen aus der Teekanne war längst in der Luft zerflossen , die Schatten der Nacht ballten sich in den Ecken der Stube , dann huschten sie über das leuchtende Zifferblatt der Wanduhr und hingen zuletzt einen schwarzen Flor über den goldenen Rahmen des Großmutterbildes , und es ward endlich so still , daß der kleine Dorfcantor getrost sein zartes Geigensolo hätte beginnen können , zu welchem er seit so vielen Jahren den Bogen angesetzt hielt . Draußen schmolzen die Millionen Blätter und Blüten wunderliche Gestalten zusammen und kein Lufthauch wagte , an die von den Händen der Nacht gezeichneten Contouren zu rühren . Plötzlich glühte es auf über den Wipfeln einer Akaziengruppe und die weißen , träumerisch hängenden Blüten waren überschüttet von buntfarbigen Lichtströmen . An der Decke des Turmzimmers brannte eine Hängelampe . Das schöne , zarte Weib im weißen Atlasgewande da droben , dem die schwarzen Haarwellen über den Busen fluteten , es hatte einst seine himmlischen Worte der Liebe unter dem schützenden Dunkel der Nacht gestammelt , und hier bog es sich von Licht umflossen verlangend hernieder und keine rosige Flamme der Scham flog über ihr bleiches Liliengesicht . Die weißen Arme umschlangen ihn , der kühn den Balcon erklommen hatte und der über ihrem berauschenden Geflüster die Todesgefahr vergaß ; süßer aber hatte wohl die unglückliche Tochter der Capulets ihrem Romeo nicht zugelächelt , als hier ihr zartes Conterfei auf den zerbrechlichen Glasplatten . Hinter den Gestalten des Fensters glitt rastlos ein Schatten hin . Ein Mann , wie es schien , ging mit raschen Schritten auf und ab … War das der tückische Nachbar , der Blaubart , der ein unglückliches Weib gefangen hielt , damit kein anderes Auge , als das seine , auf ihr schönes Antlitz falle ? Lilli wagte nicht , diese Frage laut werden zu lassen , sie wollte heute nicht mehr an die Seelenwunde der Tante rühren . In dem Augenblick trat auch der alte Sauer mit der Lampe herein . Seine knarrenden Stiefeln weckten die Hofrätin aus einem leichten Schlummer ; sie fuhr lächelnd in die Höhe und setzte die Brille vor die verschlafenen Augen , um noch ein wenig zu lesen . Währenddem schloß Sauer die Fensterläden ; der alte Junggeselle nahm in beinahe hastiger Weise zuerst das südliche Eckfenster in Angriff , wobei er mit einem scheuen Rückblick nach Lilli etwas von „ sündhaftem Spectakel “ murmelte . Noch einmal glühten die herrlichen Gebilde des Glasgemäldes auf , dann verschwanden sie hinter dem unerbittlichen , grauen Fensterladen . Lilli nahm der Tante die Zeitungen aus der Hand und las vor , bis die Wanduhr zehn brummte . Die Hofrätin richtete sich streng nach der heiseren Stimme der alten Mahnerin , mit dem letzten Schlag erhob sie sich und führte Lilli nach der Gaststube , wo sie ihr mit einem Kuß auf die Stirn gute Nacht sagte . Hier war der Laden noch nicht geschlossen , die Fensterflügel standen offen , das Zimmer war erfüllt von dem Duft der Nachtviolen , die draußen auf den Rabatten standen , und über das weiße Bett hin floß ein bleicher Schimmer . Der Mond war aufgegangen , aber wie verirrte Nachtschwärmer zogen die letzten dunkeln Wolken des Gewitters über seine volle Scheibe hin . Da droben wandelte der Schatten noch immer einsam auf und ab . Der einzelne dünne Mondstrahl , der durch einen Wolkenriß zuckte , irrte noch machtlos an den glühenden Tinten des Glasfensters vorüber , doch allmählich löste sich die dräuende Schicht am Himmel , wie ein unaufhaltsamer Lavastrom floß das bleiche Licht über die Wolkenränder und plötzlich lag es drunten über die Erde gebreitet , ein verklärender Schleier , der ihr Antlitz fremdartig und rätselhaft macht , wie das einer Sphinx , der unlösbare Fragen weckt in der Menschenbrust ; wir fassen sie zusammen in das einzige Wort : Sehnsucht . Die Hängelampe im Turmzimmer erlosch . Das war aber nicht der Moment , den Laden zu schließen und die schlaflosen Augen in die Kissen zu stecken , meinte Lilli . Der Blaubart da drüben ging sicher jetzt zur Ruhe , und sein schwarzer und weißer Hofstaat auch , und da konnte man wohl ungestraft einen Blick tun in die verbotenen , gefürchteten und doch so anziehenden Herrlichkeiten jenseits des Zaunes . Sie schlüpfte geräuschlos in die Hausflur und huschte , ohne von Dorte , die in der Küche noch mit dem alten Sauer aufsaß , bemerkt zu werden , zur Tür , die nach [ 435 ] dem Garten führte … Horch , war das nicht der volle , tiefe Klang einer unbeschreiblich rührenden Menschenstimme , der durch die Lüfte zitterte ? … und noch einmal – und abermals ! Die Töne reihten sich aneinander , in himmlischer Ruhe an- und abschwellend . War die melancholische Weise der Nachklang eines überwundenen Schmerzes , oder sang sie von verschwiegenem , unbeglücktem Sehnen ? … Es war übrigens keine menschliche Stimme , sondern ein Cello , und die Töne quollen aus den jetzt geöffneten Turmfenstern . Lilli lauschte bewegungslos . Sie dachte nicht daran , daß sie in ihren dünnen Pantöffelchen auf dem feuchten Kies stand und daß der Saum ihres hellen Muslinkleides morgen zum Verräter an ihr werden mußte … Das Wesen , das dem Instrument so sympathische Töne zu entlocken wußte , das in schweigender Nacht die Tiefen einer bewegten Seele im Lied öffnete – es konnte doch unmöglich jener Mann sein , der so wild und herrisch auf seinem Pferd einherbrauste , daß man sich fürchten mußte , der wehrlose Frauen einsperrte und sie wie ein Cerberus bewachte . Unter den Schlußklängen des Adagios , die leise über ihrem Haupte zerflossen , schritt Lilli unhörbar nach dem Pavillon . Ueber den Zaun zu sehen vermochte sie nicht , das konnte nicht einmal der himmellange , alte Sauer , denn die grüne Wand war sehr hoch und undurchdringlich , aber da war ja das Fenster , um deswillen der alte Pavillon fallen sollte , wie Dorte behauptete . Wie oft war sie früher durch dasselbe geklettert , um mit den Kindern der Familie zu spielen , welche damals die angrenzende Besitzung gemietet hatte . Es war ja so spät , gesehen wurde sie sicher nicht mehr , auch lag der Pavillon im Schatten . Der Fensterflügel war offenbar nicht mehr berührt worden , seit sie ihn zum letzten Mal geschlossen hatte , denn er war eingerostet , wie auch der Riegel an der Jalousie . Endlich schob sie vorsichtig den Laden zurück . Da lag es vor ihr , das mondbeglänzte Schloß des Blaubarts , und all jener bestrickende , geheimnißvolle Zauber , hinter welchem in dem schauerlichen Märchen Blutströme rieseln , er stieg auch hier aus fremdartigen Blütenkelchen und webte um die glitzernden Wassergarben , die himmelan sprangen und als silberner Duft wieder herniederstäubten . Dort aus dämmerndem Gebüsch leuchtete ein weißes Marmorbild ; der schlanke Frauenleib streckte die Arme gen Himmel , als suche er sich angstvoll den Umarmungen des Epheu zu entziehen , der das Piedestal umstrickte . Das Mondlicht schwamm in Millionen zitternder Funken auf der bewegten Wasserfläche der Bassins , aber es lag auch voll und beharrlich auf den Spiegelscheiben der hohen Fenster ; es blickte ungestraft durch die seidenen Gardinen in das Geheimniß des Hauses und lächelte wohl in die zwei schönen Augen , von denen Niemand wußte , ob sie weinten oder in Glück strahlten … Oder wußten es die Fontainen , die fort und fort rauschten und flüsterten ? die buntfarbigen Blumenhäupter am Wege , deren verschlossener Mund das Rätsel behütete ? Vielleicht streifte der leichte Fuß der eifersüchtig Bewachten an ihnen vorüber und sie blickten hinauf in das gesenkte Auge … Lilli hatte mechanisch den Laden immer weiter zurückgeschoben . An ihre Schulter legten sich riesige Aristolochia-Blätter , die zum Teil die Rückwand des Pavillons bedeckten und in deren grünen Schalen die letzten Tropfen des Gewitterregens rollten und blitzten , und da huschte es von den Zweigen des Baumes , den der Laden berührt hatte ; ein aufgescheuchter Pfau flog auf die Erde nieder und schritt , das wundervolle Gefieder ausbreitend , majestätisch und geräuschlos über den mondbeleuchteten Rasenplatz . Wohl fluteten betäubende Duftströme durch die Lüfte , wohl rauschten die Springbrunnen und der schimmernde Vogel durchirrte lebend und atmend den Garten , und doch schien das Alles so geisterhaft und wesenlos , als müsse es , durch einen Zauberspruch berührt , sofort verschwinden . Und jetzt hob die Melodie im Turmzimmer von Neuem an . Lilli setzte sich auf die Fensterbrüstung , legte die gefalteten Hände auf die Kniee und blickte wie berauscht in die abgeschlossene fremdartige Welt hinein … Aber schien es nicht , als sei die Marmorstatue plötzlich vom Piedestal herabgestiegen und wandele durch den stillen Laubgang ? Nein , die weißen , kalten Arme dort streckten sich fort und fort unbeweglich in die Luft , und der Mondstrahl und die laue Nachtluft glitten erfolglos über das starre Steingesicht ! In jenem Wesen jedoch , das immer näher kam , pulsirte Leben – ein Seufzer schwebte zu Lilli hinüber . Das war sicher das schöne , junge Weib des Blaubartes . Es hemmte einen Augenblick seine Schritte und lauschte dem Adagio . Es war eine hohe , fast königliche Gestalt , aber das duftige , langherabfallende Gewand floß um überaus zarte , schlanke Formen . Die rechte Hand lag unter dem Busen , als wolle sie das stürmisch bewegte Herz beschwichtigen , während der linke Arm nachlässig an der Seite niederhing . In dieser Haltung lag eine unbeschreibliche Anmuth , aber auch etwas von der Hingebung und Hülflosigkeit der Trauerweide , die ihre schwachen Zweige zu Boden sinken läßt . Sicherlich flossen in diesem Augenblick Thränen über das tiefgesenkte Antlitz ; welche Form , welchen Ausdruck hatten diese Züge , die sich , wie es schien , selbst der Mondbeleuchtung zu entziehen suchten ? Das ließ sich nicht bestimmen ; ein schwarzer Schleier fiel wie eine dunkle Mähne vom Haupt über den Nacken und zu beiden Seiten nieder und verdeckte das Gesicht . In Lilli ’ s Kopfe wirbelten noch einen Moment Märchen und Wirklichkeit durcheinander ; sie fühlte instinctmäßig , daß sie um keinen Preis gesehen werden dürfe , und versuchte , geräuschlos vom Fensterbret herniederzugleiten ; allein ihr Blick heftete sich immer wieder wie gebannt an die Erscheinung da drüben … Warum , wenn sie sich elend und unglücklich fühlte , entfloh die Gefangene nicht ? Ueber den Zaun zu klettern und in Tante Bärbchens Garten und Schutz zu flüchten , das wäre nach Lilli ’ s Ansicht durchaus kein unausführbares Wagestück gewesen , sie selbst hätte jedenfalls weit Größeres unternommen , um jenem Tyrannen dort in dem Hause Trotz zu bieten … lieber sterben , als in solcher Gefangenschaft leben ! Daß jenes gebeugte Weib sein Joch möglicherweise freiwillig trug , weil es seinen Kerkermeister liebte , das fiel Lilli nicht im Entferntesten ein ; sie hatte keine Ahnung von den Widersprüchen und Seltsamkeiten der Liebe , einfach darum , weil ihr dies Gefühl noch gänzlich fern lag . Ihr Herz wallte auf bei dem Gedanken , jener Unglücklichen vielleicht beistehen und ihr helfen zu können , und deshalb verließ sie das Fenster nicht , sondern bog ihr wunderfeines Köpfchen voll heldenmütiger Entschlüsse weit hinaus und ließ ihre leichte Gestalt , die wie ein schaukelndes Elfenkind aus den breitblätterigen Schlingpflanzen auftauchte , vom Mondschein voll beleuchten … Ein markerschütternder Schrei bebte in diesem Augenblick durch die Lüfte . Die Fremde riß den Schleier über das Gesicht , hielt ihn mit gekreuzten Händen auf der Brust fest und floh wie gehetzt querfeldein über den Rasenplatz und die äußere Steintreppe des Hauses hinauf . Eine nach der Terrasse mündende Tür wurde von innen aufgerissen , und von dem Licht mehrerer Lampen grell überstrahlt , erschien der Neger auf der Schwelle . Die Dame brach neben ihm fast zusammen ; aber sie raffte sich wieder auf , deutete mit dem Arm zurück nach dem Pavillon und verschwand im Hintergrund der Halle . Dies Alles hatte Lilli wie erstarrt mit angesehen ; aber nun haschte sie angstvoll nach den Flügeln der Jalousie und zog sie heran , denn der Schwarze stürzte wie wütend die Terrassentreppe herab . Sie hatte eben mit unsicheren Händen die Riegel vorgeschoben , als draußen der Kies unter seinen Schritten kreischte ; er schlug mit der Faust gegen den Laden , daß das alte Holz dröhnte , und stieß in gebrochenem Deutsch einen Schwall von Flüchen und Verwünschungen hervor . Die Finger des jungen Mädchens umschlossen krampfhaft den untern Riegel und drückten ihn nieder . Dicht neben ihrem Ohr , durch die Spalten der Jalousie klang die heisere Stimme des zornigen Schwarzen , sie meinte , seinen Atem im Gesicht zu fühlen . Ein unsägliches Grauen bemächtigte sich ihrer , aber sie harrte bewegungslos aus auf ihrem Verteidigungsposten . Zum Glück wurde ihr Heldenmuth auf keine weitere Probe gestellt . Eine befehlende Männerstimme , die aus den Lüften , vermuthlich vom Turm herab scholl , berief den Neger in das Haus ; er verstummte sofort und entfernte sich mit hastigen Schritten . Es war das erste Mal in ihrem Leben , daß sich das junge Mädchen sagen mußte , es habe eine Unannehmlichkeit für Tante Bärbchen herbeigeführt . Jeder Nerv an ihr hatte gezittert bei dem Geschrei des Tobenden , das sicher bis in das Schlafzimmer der Hofrätin gedrungen war , … und morgen , ja morgen rächte sich der Blaubart voraussichtlich auf eclatante Weise , weil man versucht hatte , in sein Geheimniß einzudringen … Sie verließ den Pavillon unter bitteren Selbstvorwürfen und huschte nach dem Hause zurück . Sauer und Dorte standen mit nicht zu verkennender Wißbegierde und langen Hälsen auf einer Gartenbank und versuchten , dem unüberwindlichen Zaun ein Stückchen Einblick abzuringen ; [ 436 ] der Lärm in Nachbars Garten war offenbar sehr interessant für die beiden alten Lauscher gewesen . Sie kehrten Lilli den Rücken zu , und so konnte sie ungesehen durch die Hausflur in ihr Zimmer gelangen . Jetzt schloß sie freilich schnell Laden und Fenster , steckte sogar die buntkattunenen Vorhänge übereinander und vergrub die Augen tief in die Kissen . Der Angstschrei der fliehenden Frau und die Verwünschungen des fürchterlichen Schwarzen drängten sich noch in ihre Träume ; sie hatte vorläufig genug von den Herrlichkeiten da drüben . Wo aber waren sie hin , alle die Schreckbilder der Nacht , als Lilli am anderen Morgen in den Garten trat ? Geflohen vor dem Sonnenlicht , das unerbittlich wie die ewige Wahrheit mit feurigem Schwert die Ausgeburten des Dunkels , die zweifelhaften Gebilde des halben Lichts verjagt . Da drüben hob der Turm sein Zinnengeländer wie eine klare , goldgewebte Spitze in das tiefe Blau des Morgenhimmels . Der Sonnenstrahl tummelte sich auf den bunten Glasscheiben so lustig und harmlos wie auf Tante Bärbchens Stubenfenstern ; das sah nicht aus wie Kerkerwände , in denen das Verbrechen haust . Jenseit des Zaunes , wie hier funkelten die Tautropfen sonnenklar und rein an den Blattspitzen , und der Buchenwald hauchte seinen herzstärkenden , morgenfrischen Duft unparteiisch über beide Gärten … Ach , wie erquickend strömte es durch die weit offene Tür in die Hausflur , und wenn man hinausschritt auf die tief ausgetretenen Steinstufen vor der Tür , wie lag das Tal paradiesisch drunten , tief eingebettet zwischen den waldigen Bergen , blühend , und rosig angehaucht vom Frühlicht , wie ein Kind in der Wiege , das seine jungen Augen nach süßem Schlummer lächelnd öffnet ! Alle Befürchtungen und Aengste waren wie weggewischt aus Lilli ’ s Seele ; nur die wundervollen Cellotöne klangen noch nach in ihr , sie hatten ihr den Eindruck gemacht , wie ein Blick aus tiefen , schwermütigen Augen . Sie ging nach der Laube , in der bei schönem Wetter stets gefrühstückt wurde . Auf dem langen Kiesweg vor dem Eingang derselben wandelte Tante Bärbchen langsam auf und ab . Sie zupfte hier und da ein naseweises Unkraut aus den Gemüsebeeten , oder hob den Zweig eines Johannisbeerstrauches in die Höhe und betrachtete die Träubchen , die noch ziemlich unentwickelt , aber in unglaublichen Massen daran hingen ; ihr Johannisbeerwein war berühmt bei Freunden und Bekannten . Drin auf dem weißen Gartentisch der Laube lag das aufgeschlagene neue Testament ; sie hatte also , wie sie seit vielen Jahren gewohnt war , ihr Morgencapitel hier gelesen . Den nächtlichen Vorfall erwähnte sie mit keiner Silbe , wahrscheinlich hatte sie ihn verschlafen , desto besser ; aber da kam Dorte mit dem Frühstück … wehe , die steifen Bindebänder ihrer weißen Leinwandhaube hingen aufgelöst über dem Rücken ! Das war stets ein Zeichen , daß es ihr von innen heraus warm geworden war ; das heißt , sobald sie sich ärgerte und ereiferte , riß sie die zierlich geknüpfte Schleife unter dem Kinn auf , warf die Bänder kühn nach hinten , stemmte den rechten Arm auf die Hüfte , und die Sturmcolonne war fertig . Ihr Morgengruß klang so alterirt , daß die Hofrätin sich lächelnd erkundigte , ob sie schlecht geschlafen habe . „ Ach , Sauer ist wieder einmal so bockbeinig ! “ entgegnete sie grollend und stellte mit unsicherer Hand die Tassen klirrend auf den Tisch . „ Der denkt auch , weil er die Dorfzeitung mithält , er ist nun auch der Gescheidteste , und ein Anderes darf nicht mucksen . … Und wahr ist ’ s doch , das laß ich mir nicht nehmen ! Die Geschichte ist in Erfurt passirt , und meine Frau Pate war aus Erfurt , die hat sie mir erzählt , und die log nicht . Das war eine Frau , so resolut , vor der konnten zehn Männer wie Sauer nicht aufkommen … Da soll in Erfurt ein General gewesen sein , das war ein wahrer Unmensch . Er hat von früh bis in die Nacht gespielt und