und zum Labsal des neuen Hausherrn . » Holder Friede , süße Eintracht ! « summte Herr Markus vor sich hin . » Einlullendes Stilleben ! « – Himmel ! Er fuhr herum und sah nach dem offenen Fenster im Erdgeschoß , aus welchem Klaviertöne herüberbrausten ; dann schüttelte er sich lachend . » Tyrann , entsetzlicher Klimperkasten ! Selbst bis hierher verfolgt er den Musikmüden mit seinem tönenden Hämmern ! « rief er mit komischem Ausdruck und trat schleunigst durch die Mauertür in den Hof . Ein wütendes Hundegebell empfing ihn . » Sultan , Schlingel , willst du gleich still sein ! – Man versteht ja sein eigenes Wort nicht ! « schrie Frau Griebel von den Türstufen des Hauses herab . » Kusch ! Oder ich komme mit dem Stock ! « Sultan kroch in die Hundehütte , und » Ihren Eingang segne Gott ! « sagte Frau Griebel in umgewandeltem Ton und streckte herabkommend dem » neuen Herrn « beide Hände entgegen . » Das ist Herr Peter Griebel , mein guter Mann , « – damit schob sie ihren Arm in den des Mannes , der mit ihr gekommen war . – » Und hören Sie ' s , Herr Markus ? Das ist meine Luise , die so schön spielt ! Sie spielt den Marsch aus dem Propheten , Ihnen zu Ehren . Sie ist die beste Schülerin in der Pension und will Erzieherin werden . So – nun kennen Sie alle meine Hühner und Gänse ! « 3. Der neue Herr « lehnte es ab , sich drunten in der guten Stube , wo » meine Luise « immer noch wacker in » tönenden Hämmern « wühlte , den Kaffee vorsetzen zu lassen . Er bestand darauf , so sehr auch Frau Griebel im Hinblick auf Staub , Mäuse und Spinnweben Einspruch erhob , sich sofort in seinen eigenen vier Pfählen einzuquartieren , und stieg die Treppe hinauf . Er hatte bestimmt , daß die Siegel an der Wohnung der Verstorbenen nicht gelöst werden sollten , bis er selbst einmal komme ; nun riß er die Papierstreifen an der Haupttür ab , und Herr Peter Griebel schloß auf ... Genau so traut und anheimelnd wie das Äußere des Gutshauses war auch die innere Einrichtung der Zimmerreihe im oberen Stock . Frau Griebel zog behutsam die Vorhänge in die Höhe . Sie triumphierte ; die Scheiben waren weißbestäubt , und auf der nächsten Tischplatte schrieb sie mit spöttischem Lächeln und ungeschicktem Finger ein paar Buchstaben in die Staublage ... Aber die Dielen waren schneeweiß und fleckenlos , und ein starker Duft von Steinklee und anderem Kräuterwerk füllte die Räume , in welche auch ein Hauch frischer Luft durch Zuglöcher an der Decke fortgesetzt Zutritt hatte . » Offene Fenster und ein wenig Fegen machen allen Schaden gut , « sagte der » neue Herr « heiter und entriegelte einen Flügel des mittleren Erkerfensters . » Und mit den verstopften Schlüssellöchern war ' s nichts , Jettchen ! « schmunzelte Herr Peter Griebel . » Wo sitzen denn nun die Spinnen , über die du den ganzen Winter gebrummt hast ? ... Unsere alte Dame war gar ein sauberes Weibchen – sie litt solches Geziefer nicht – wo sollte denn da die Brut herkommen , Jettchen ? « » Guck nur erst in die Bücherstube , Peter , eh ' du so dick tust mit deiner Weisheit ! An den himmelhohen Borten und hinter den Büchern wirst du schon dein blaues Wunder sehen ! – Da drüben gibt ' s was zu lesen , Herr Markus – Bücher ohne Ende ! Und alles , was drin steht , das hatte die alte Frau in ihrem Kopfe . Sie war Doktor und Apotheker in einer Person und tausendmal gescheiter , als der elende Bartkratzer drüben in Tillroda , der sich von den Leuten Doktor schimpfen läßt . Der hatte deswegen aber auch eine ganz gehörige Pike auf die resolute Frau , gerade wie der Pfarrer , der an ihrem Grabe gepredigt hat , sie sei zeitlebens eine Gottlose gewesen , weil sie nichts vom Teufel und dergleichen wissen wollte und den Augenverdrehern spinnefeind war ... Na , im Himmel ist sie doch – der in Tillroda wird ' s doch dem lieben Gott nicht vorschreiben dürfen , wer hinaufkommen soll und wer nicht ! « » Ja , eine tüchtige Frau ist sie gewesen , die Frau Oberforstmeisterin , « sagte Peter Griebel . » In der Landwirtschaft war sie zu Hause wie ein Mann . Ich war nur die letzten zwei Jahre Gutsverwalter bei ihr , aber da hab ' ich alter Kerl mehr gelernt , als in zehn bei meinem vorigen Herrn ... Sehen Sie doch hin , « – er streckte den Arm nach dem üppigen Gelände aus , das sich draußen hinbreitete – » das alles ist hauptsächlich ihr Werk , denn der Herr Oberforstmeister soll so gut wie gar nichts davon verstanden haben ... Freilich , die paar Äcker dort hinter dem Fichtenhölzchen , sie sind ziemlich ' runtergewirtschaftet ; sie gehören zum Vorwerk , und da wird nicht gut gehaust – der Herr Rechtsanwalt wird Ihnen ja wohl davon geschrieben haben . « » Jawohl . Seit vier Jahren hat der Amtmann Franz das Vorwerk in Pacht , und in den musterhaft geführten Büchern der Verstorbenen ist nicht ein einziges Mal die ausbedungene Pachtsumme als eingegangen gebucht zu finden – « » Unsere alte Dame hat eben immer ein Auge zugedrückt , weil die Frau Amtmann von der Jugendzeit her ihre gute Freundin gewesen ist , « fiel die kleine Frau erklärend ein . » Amtmanns haben Schulden gehabt wie Sand am Meere , und von den Gläubigern ist ihnen alles , Schiff und Geschirr , weggenommen worden . Da hat sich die Frau Oberforstmeisterin erbarmt und hat ihnen das Vorwerk gegeben ; freilich nicht umsonst – dazu war sie viel zu streng und ordentlich in Geldsachen – aber doch für einen wahren Pappenstiel , und auch den hat der alle Schwindler nicht einmal bezahlt ! « – Sie unterbrach sich und fuhr mit der Hand in die Tasche . » Da guck her , Peter – was ich dir immer sage ! « wandte sie sich an ihren Mann und zerdrückte vor seinen Augen eine kleine gebratene Kartoffel , so daß das köstliche Eidottergelb des Innern appetitlich duftend hervorquoll . » Drüben im Grafenholz sammeln die Tillröder Jungen Erdbeeren , und da liegt diese Gottesgabe halbmetzenweise in der heißen Asche – « » Na und , Jettchen ? « » Na und , Mann ? « ahmte sie ihm ärgerlich nach . » Wie kommst du mir denn vor ? Mußten denn die Bengels gerade vom Allerbesten haben ? Waren da nicht große , rotschälige gerade gut genug ? ... Und wie ich frage › woher ? ‹ , da sagt die Rotte ganz frech : › Nicht von der Frau Griebel , aber von Amtmanns Magd ! ‹ ... Herr Markus , ich will ja den Leuten drüben nicht ins Gehege kommen – meinetwegen mögen sie bis in alle Ewigkeit auf dem Vorwerk sitzen und keinen Pacht zahlen , aber sie haben den allerbesten Kartoffelboden vom ganzen Gute – « » Jettchen , denk an dein Gewissen ! « fiel ihr Mann warnend ein . » Wir haben keine Ursache zu klagen , es geht uns gut – und von meiner Familie soll mir ja keines mitschieben und drängen , daß Herr Markus kurzen Prozeß macht mit den Leuten . Der Amtmann ist alt , und seine Frau liegt seit einem Jahre krank in ihrem Bette , und wenn die Magd nicht hauszuhalten versteht – « » Ja , die Magd – das ist mir die Allerschönste ! « sagte Frau Griebel mit verächtlichem Achselzucken . » Na , Sie haben sie ja gesehen , Herr Markus , das Mädchen in dem verhunzten Stadtkleide ! Jetzt trägt sie freilich ihr Grasbündel auf dem Kopfe , als wenn sie damit auf die Welt gekommen wäre ; aber im Anfang – daß sich Gott erbarm ' ! « » Ist sie nicht aus der Umgegend ? « fragte Herr Markus mit Interesse . » Bewahre ! Der Sprache nach muß sie weit her sein ... Sehen Sie , das war so ! Gleich nachdem unsere alte Dame gestorben war , da legte sich auch die Frau Amtmann , und die Magd lief davon , weil sie nie einen Heller Lohn zu sehen gekriegt hatte – das war schlimm , denn eine andere fand sich durchaus nicht . Ich sprach schon davon , daß ich ' nübergehen und nach der Ordnung sehen wollte – wenn auch die Leute sich niemals um unsereinen gekümmert hatten – ab da kam auf einmal eine Nichte vom Amtmann ; sie war Erzieherin in einer großen Stadt , wie mir die Frau Oberforstmeisterin einmal gesagt hat , und die hat das Mädchen zur Hilfe mitgebracht ... Auf der Magd liegt nun freilich die ganze Wirtschaft ; denn das Erziehungsfräulein wird wohl weder Kochtopf noch Kehrbesen anrühren – « » Brr ! « machte Herr Markus und schüttelte sich . » Na , was denn ? « fuhr Frau Griebel zurück und riß ihre kleinen Augen unter den verwundert emporgezogenen blonden Brauen weit auf . » Ja , sehen Sie , meine liebe Frau Griebel , ich bin ein nervenschwacher Mensch – ich leide an einer unbesieglichen Antipathie gegen Erzieherinnen . « Durch seine interessanten Züge ging ein humoristisches Jucken wie Wetterleuchten . » Das soll heißen , Sie können die Erzieherinnen nicht leiden ? ... Da kommen Sie mir aber schön an , Herr Markus ! Meine Luise will ja auch eine werden – freilich nicht so wie die auf dem Vorwerk ! Das leide ich schon nicht ! In den Ferien muß sie mir tüchtig mit an die Arbeit – da wird nicht gefackelt ! Sie kann fertig backen , einmachen und Geflügel stopfen , und in der Milchwirtschaft ist sie zu Zause wie ich selber ; und dabei hat sie rote Backen wie ein Stettiner Apfel und ist frisch und gesund – Gott behüt ' s – wie eine Ecker ... Sie soll mir auch nie in eine große Stadt , denn da bringen sie immer blasse Farbe und abgeschmacktes Getue mit , wie eben die Fräulein Franz auf dem Vorwerk . Ich hab ' sie nur ein einziges Mal in der Kirche in Tillroda gesehen , und da hatte ich schon genug . Sie ist eine ebenso lange Hopfenstange wie ihre Magd , tut schrecklich eigen , und ist blaß und schmal im Gesicht , soweit ich ' s von meinem Kirchenstuhl aus erkennen konnte – « Sie machte , sich selbst unterbrechend , eine plötzliche Schwenkung nach der Tür . » Ja , da stehe ich nun , ich alte Plappertasche , und vertue die Zeit , und weiß doch kaum , wo mir der Kopf steht vor Arbeit ! – Peterchen , du mußt mir gleich junge Tauben vom Schlag holen und nach frischen Eiern suchen , und ich gieße derweil den Kaffee auf . Nachher wird hier oben gefegt ! – Bis dahin vertreiben Sie sich ja wohl die Zeit , Herr Markus , und gucken sich ein bißchen um in den Raritäten hier oben ? « Damit ging sie hinaus ; ihr » Peterchen « folgte ihr auf dem Fuße , und » der neue Herr « trat vom Fenster weg , während seine Augen musternd durch das Zimmer glitten . Der Erker durchschnitt die Vorderwand dieses großen Raumes genau in der Mitte , so daß seine Glastür von je einem Stubenfenster eingeschlossen wurde . Auf diese Weise strömte viel Licht herein , leicht gefärbt durch grünblumige Kattunvorhänge , und beleuchtete voll zwei Gestalten , die von der tiefen Wand herabsahen . In Stirn und Wangen des jungen Mannes stieg die Röte innerer Erregung , und seine Stirn furchte sich im Unwillen , angesichts der schönen , männlichen Erscheinung im grünen Jägerrock , die eine dürre , zerstäubende Eichenlaubgirlande umschloß ... Ja , so mußte er ausgesehen haben , der stolze Herr Oberforstmeister , der Mann , der sich von seiner einzigen Schwester losgesagt hatte , weil sie einem aus dem Handwerkerstande ihr Herz geschenkt und ihn auch , trotz Zorn und Widerspruch ihres Bruders , geheiratet hatte ! Diese Schwester aber war die Mutter des jungen Markus gewesen ... Ja , das war der ausgeprägte Beamtenhochmut , der zeitlebens die Verwandtschaft mit » dem Schlosser , dem Rußbengel « von sich gewiesen , ob auch die Schlosserwerkstätte des jungen Arbeiters sich im Laufe der Zeit zu dem Riesenunternehmen einer großartigen Fabrik umgewandelt hatte und einen hochgeachteten Namen an der Stirn trug ... Der Herr Oberforstmeister hatte von jeher hoch hinaus gewollt ; es hatte auch eine von altem Adel sein müssen , die er als Frau in sein Haus geführt ; arm war sie gewesen , und die Letzte ihres alten Namens ; daß aber die vornehme Herkunft allein maßgebend gewesen , daran glaubte der junge Mann , den beiden Bildern gegenüber , von nun an nicht mehr . Durch das Gesicht des stolzen Jägers ging ein Zug tiefer Leidenschaft , er hatte einen dunkelglühenden Blick , und die junge Braut an seiner Seite , mit dem Myrtensträußchen am Busen , war engelschön gewesen , von so unbeschreiblichem Liebreiz im Ausdruck , daß man unmöglich denken konnte , auch diese Seelenmacht der Züge sei vergänglich gewesen und modere in der Erde . Im Elternhause des Herrn Markus waren diese zwei Menschen da fast nie genannt worden . Als Knabe hatte er nicht gewußt , daß ihm in Thüringen Onkel und Tante lebten ; er war sehr erstaunt gewesen , als eines Tages ein Brief der Frau Oberforstmeisterin an seine Mutter den jähen Tod des Bruders – er war bei einem Jagdschmause seines Fürsten vom Schlage getroffen worden – gemeldet hatte . Diese Todesanzeige war der Gegenstand einer mehrstündigen Beratung seiner Eltern gewesen ; dann war ein sehr förmliches , kurzes Beileidsschreiben von der Hand des Vaters an die » Dame « , und später ein Verzicht der Mutter auf jeden Anspruch an den Nachlaß des kinderlos verstorbenen Bruders an dessen Sachwalter abgegangen ... Danach war es gewesen , als sei ein Vorhang über dem Ereignis zugefallen – es war nie mehr davon gesprochen worden . Hatte der hochmütige Beamte einst Schwester und Schwager verleugnet , so war auch der Arbeiter stolz genug gewesen , den Verwandten bis in den Tod hinein unbeachtet zu lassen . Wie wohl die schöne Frau über dieses unnatürliche Verhältnis gedacht hatte ? – Hochmut lag nicht in dem Gesicht , wohl aber etwas Zärtliches , Glückseliges . Sie mochte wohl den Mann ihres Herzens über alles geliebt haben und blindlings mit ihm gegangen sein . Vielleicht hatte sie nach seinem Tode der verstoßenen Schwester versöhnend die Hand bieten wollen , indem sie eine schriftliche Beziehung anzubahnen gesucht – sie war streng zurückgewiesen worden ... Und nun war der einzige Sohn dieser Schwester doch noch der Erbe im Hirschwinkel geworden ! Ob die Verstorbene wohl deshalb nie ein Testament gemacht hatte , um stillschweigend die Hinterlassenschaft ihres Mannes doch noch in die Hand kommen zu lassen , der das einzige Recht darauf zustand ? – Er vermochte kaum den Blick wegzuwenden von dem jugendschönen Gesicht , das aus einer fast märchenhaften Fülle blonder , seidener Locken hervorlächelte ; aber es lockte ihn auch , die Räume zu durchwandern , in denen diese Vereinsamte viele Jahre der Abgeschiedenheit durchlebt hatte ... Die Türen der ineinander führenden Zimmer standen weit offen , er konnte die ganze Wohnung so ziemlich mit einem Blick übersehen . Welch ein Unterschied zwischen dieser altväterischen , verbrauchten Einrichtung und dem modernen Luxus in der prächtigen Villa , die sein verstorbener Vater unweit der Fabrik erbaut hatte ! Das Erkerzimmer war das stolzeste , mit seiner Glastür und den Polstermöbeln in grünblumigen Kattunbezügen , die mit den Gardinen übereinstimmten . Es stand schönes Meißener Porzellan auf den Kommoden , und neben guten Ölbildern schmückte ein großer Spiegel die Wand . Das mochte wohl immer das Zimmer der Frau gewesen sein , und nebenan hatte der Gemahl geweilt . Seine Witwe hatte ihn fast um zwanzig Jahre überlebt ; aber noch hing der Schlafrock am Nagel , als habe ihn der Hausherr eben ausgezogen , um in die Uniform zu schlüpfen . Die Tabakspfeifen standen wohlgeordnet auf dem Brett , und der Schreibtisch war sichtlich mit peinlicher Genauigkeit in dem ungeordneten Zustand erhalten worden , wie ihn der Tote hinterlassen , als er zur Hofjagd gegangen war , von der er nicht zurückkehren sollte . Ein seltsames Gefühl beschlich den jungen Mann – war es doch , als müsse er noch andere Tritte als die seinen in diesen wohnlichen Räumen hören . Die Verwaiste hatte es verstanden , eine Art von Lebensodem verstorbener Liebe um sich festzuhalten . Da nebenan war das Schlafzimmer . Dicht an dem einen Bette stand ein Kinderbettchen , mit bunter Decke belegt , als sei es eben , nachdem ihm der süße Schläfer entnommen , frisch aufgebettet worden . Aus dem Berichte des Sachwalters wußte Herr Markus , daß ein Erbe im Hirschwinkel geboren worden sei , ein Knabe , der aber in zartem Alter verstorben war ... Eine Fülle von Zärtlichkeit und tiefer Sehnsucht mußte das Herz der Einsamen bis zum letzten Schlag bewegt haben ; aber sie war auch ein starker , gesunder Geist gewesen , der den Lebensrest nicht in der Hingabe an den Schmerz verträumt hatte . Das bewies die » Bücherstube « , deren ganzen geistigen Inhalt die alte Frau in ihrem Kopfe gehabt haben sollte ; davon zeugte die anstoßende Kräuterkammer , an deren Wänden sich große Bündel heilbringender Pflanzen hinreihten , welche die Verstorbene unermüdlich im Walde zusammengesucht hatte , um sie in dem kleinen Laboratorium nebenan in Arzneien und Spezereien umzuwandeln . Nach dem Erkerzimmer zurückkehrend , zog Herr Markus im Vorübergehen einen oberen unverschlossenen Kommodenkasten auf . Ein sauber zusammengefaltetes Kantentuch lag darin und daneben ein großer , grünseidener Strickbeutel , aus dessen halbzugezogener Öffnung dürre Pflanzenstengel hervorstarrten . Das waren wohl die letzten Kräuter gewesen , welche die Heimgegangene im todbringenden Zugwind auf dem Berggipfel gepflückt hatte . Die zusammengerollten Blätter stoben knisternd zu Boden , als der junge Mann den Beutel ergriff und den Bandverschluß aufzog . Neben dem Kräuterwerk machten ein chirurgisches Besteck , ein Essenzfläschchen und ein vielbenutztes Merkbuch den gesamten Inhalt aus . Mit etwas zaghaftem Finger öffnete Herr Markus die Schließen des kleinen Buches . Hin und wieder lagen getrocknete Pflanzen zwischen den Blättern , und Notizen in vollkommen korrektem Latein waren dahinter geschrieben . Rezepte , Anmerkungen bezüglich der Landwirtschaft und des Hauswesens , Betrachtungen , auch verschiedene Briefanfänge wechselten auf den Blattseiten miteinander ab . Das Buch war offenbar ihr steter Begleiter auf einsamen Wegen gewesen , in welchem sie alles niedergelegt hatte , was ihr augenblicklich durch den Kopf gegangen war – ein seltsames Merkbüchlein , aus welchem der abgeschiedene Geist in all seinen Spiegelungen ungeschminkt und unverfälscht sprach , wie es vielleicht kaum Blick und Stimme im Leben getan . Der Strickbeutel wurde pietätvoll an seinen Platz zurückgelegt , – mit dem Büchlein aber setzte sich Herr Markus in den Erker hinter das Arbeitstischchen der Verstorbenen , um gespannt weiterzublättern ... Was mochten wohl die letzten Gedanken der seltenen Frau gewesen sein , ehe sie sich auf das Sterbebett gelegt hatte ? – Eine mit zierlich winzigen Buchstaben bedeckte Seite , – und nach ihr kamen die letzten weißen , unberührten Blätter ! ... Es stand da : » Nach gewissenhaftem Erwägen habe ich mich doch noch entschlossen zu testieren , – nicht bezüglich der gesamten Hinterlassenschaft meines verstorbenen Mannes – Sie wissen ja , daß ich mir darüber das Recht der freien Verfügung nie selbst zugestanden habe , im Gegenteil mich nur als Verwalterin derselben bis zu meinem Tode ansehe . Anders verhält es sich mit dem Vorwerk . Es war das erste Geburtstagsgeschenk meines Verlobten für mich ; ich bezog während meines Ehelebens aus dem Ertrag mein Nadelgeld und die Armenunterstützungen , die ich mir gestatten durfte , und habe auch eine kleine Sparsumme , eine Hypothek auf dem Tillröder Gasthof , erübrigt . Darüber kann und will ich mit gutem Gewissen verfügen ... Möglich , daß ich früher sterbe , als meine unglückliche Freundin auf dem Vorwerk – in dem Falle würde sie , ohne eine letztwillige Verfügung meinerseits , der schrecklichsten Not preisgegeben sein . Freilich mit dem Prasser , dem Amtmann , und seiner unbezwinglichen Neigung zum Vergeuden will ich nichts zu schaffen haben ; aber auch der Frau darf ich das Vorwerk nicht zuschreiben lassen , wenn ich nicht will , daß dieser letzte Notanker sofort in unnütze Dinge und Schlemmereien umgesetzt werde ; sie ist zu schwach ihrem Manne gegenüber – ein Blatt im Winde ! – Was meinen Sie dazu , wenn ich Agnes Franz , die Nichte , als Erbin einsetze ? – Kommen Sie doch in den nächsten Tagen in den Hirschwinkel , notabene nicht ohne die gesetzlichen zwei Zeugen – « Dieser Briefentwurf war jedenfalls an den Rechtsbeistand der Verstorbenen gerichtet . Vielleicht war sie auf ihrem letzten botanischen Streifzug zuerst auf dem Vorwerk eingekehrt , und irgend ein Vorkommnis dort hatte sie veranlaßt , noch unterwegs die Zuschrift an den Anwalt zu entwerfen – die Abschrift hatte der Tod verhindert . Herr Markus klappte das Buch zu und steckte es sorglich in die Brusttasche ... Das war ja eine merkwürdige Entdeckung , eine ungeahnte Wandlung , die ihm eine Mission aufdrang ! ... Sein Gesicht verfinsterte sich in ausgesprochenem Widerwillen . Die selige Frau Oberforstmeisterin hatte nichts mit dem Prasser , dem Amtmann , zu schaffen haben wollen – nun denn , ihr Erbe fühlte ebensowenig den Trieb , in irgendeine Beziehung zu der Amtmannsnichte , » dem Erziehungsfräulein « , zu treten ! Er sah sie schon im Geiste , die wohlgepflegten weißen Hände , die so anmutig vor Männeraugen zu spielen verstanden ; er überschlug das bißchen Französisch , einige gewagte Bleistiftzeichnungen , die Mondscheinsonate und ein Duldergesicht mit kokett niedergeschlagenen Augen – lauter Dinge , aus denen sich ein solch oberflächliches Erzieherinnenpersönchen in seinen Augen zusammenzusetzen pflegte ! ... Lange nach dem Tode seiner Mutter hatte sich der Vater noch einmal verheiratet . Aus dieser Ehe war ein Töchterchen da , ein reizendes kleines Mädchen , das der » große « Bruder vergötterte . Seine Stiefmutter , die seinem Hauswesen vorstand , glaubte ohne eine Stütze in der Erziehung des Wildfanges nicht auskommen zu können , und so war der enge Familienkreis seit vier Jahren durch eine Erzieherin erweitert . Aber schon dreimal in dieser Zeit war man gezwungen gewesen , mit den jungen Damen zu wechseln , weil schließlich stets das Bestreben , selbst Herrin in der Markusschen Villa zu werden , alle anderen Leistungen weit überflügelt hatte . Ein grimmer Spott zuckte um seine Lippen . Ei ja – das hätte ihm gefehlt , sich um seiner schönen Häuslichkeit willen heiraten zu lassen ! – Unwillkürlich suchte sein Blick das Frauenbild an der Wand – das anziehende Wesen dort hatte mit jener Art nichts gemein . Also nur als die Verwalterin im Hirschwinkel hatte sie sich während ihrer Witwenzeit angesehen ? – Sie hatte das Erbe für den Sohn des mißachteten » Schlossers « in unentwegtem Rechtsgefühl behütet und gemehrt , ob man auch ihre Hand tiefverletzten Stolzes zurückgestoßen ? Ein charaktervolles Weib , eine starke Seele war die zarte , schlanke Lilie gewesen , die aus dem Goldrahmen der blonden Locken in bräutlicher Liebesdemut zu ihm herübersah – das Herz schwoll ihm in einem wunderlichen Sehnsuchtsgefühl . – Was , sentimental ? – Er schüttelte die » närrische « Anwandlung sofort wie einen Krankheitsstoff von sich . » Sie haben mich wohl gar nicht gehört , Herr Markus ? « fragte Frau Griebel , die eben eingetreten war und das Kaffeebrett auf den Sofatisch niedergesetzt hatte . » Und mein Porzellan hat doch mehr , als sich gehört , geklirrt und geklappert ... Sie guckten ja aber auch so verbissen da ' nüber an die Wand , als hätten Sie sich meiner Treu in die Selige verliebt ! « Er lachte und stand auf . » Bis über beide Ohren , Frau Griebel ! Die wär ' s gewesen , gleichviel , ob alt oder jung ! « » I , machen Sie doch keine Streiche , Herr Markus ! « – Sie hielt im Abwischen der Tischplatte inne , wandte schwerfällig den Kopf nach ihm zurück und sah fast böse aus . – » Solch ein Spittelweibchen ! – Von der Ferne sah sie wohl manchmal noch rot und weiß aus wie eine Apfelblüte , aber runzelig war sie doch wie Backobst – der Krauskopf da war schlohweiß geworden , und befehlen tat das schmächtige Frauenzimmerchen zuletzt wie ein General ! « 4. Herr Markus hatte seinen Aufenthalt im Hirschwinkel ursprünglich auf höchstens drei Tage festgesetzt . Er wollte nach der unerläßlich gewordenen Besichtigung des neuen Besitzes eine Wanderung durch den Thüringer Wald bis nach Franken hinein machen ... Nun waren aber drei Tage nach seiner Ankunft verstrichen , und es fiel ihm nicht ein , seine beabsichtigte Reise anzutreten , so wenig , wie er jetzt noch daran dachte , das ferngelegene , ihm unbequeme Gut zu verkaufen , wozu er daheim fest entschlossen gewesen war . Um keinen Preis wäre ihm jetzt der reizende Erdenwinkel feil gewesen , der ihn so heimisch umfing , als sei er in dem alten , trauten Gutshause geboren . Er bewohnte das Erkerzimmer und ein rechts daranstoßendes Schlafgemach . Die Zimmerflucht linker Hand dagegen , die mit dem Arbeitszimmer des verstorbenen Oberforstmeisters begann und in das Laboratorium auslief , wurde nach sorgfältiger Lüftung wie ein Reliquienschrein wieder unter Verschluß gelegt und sollte nie benutzt werden , wie der Gutsherr zu Frau Griebels großem Ärger anordnete . Er kam sich vor wie ein Einsiedler , der sich auf einen einsamen Berggipfel zurückgezogen hat und kaum noch weiß , daß zu seinen Füßen die Brandung des Menschenverkehrs weiter tost , weil er sie nicht mehr hört . So still war es auch im Gutshause . Alles , was zur Landwirtschaft gehörte , war in dem zweiten großen Hof , hinter dem saubergehaltenen , kiesbestreuten Platz untergebracht , auf welchen die Stufen der Haustür führten . Da vorn durften nur die verwöhnten Truthühner umherstolzieren , das buntbemalte Taubenhaus und ein vollästiger Birnbaumwipfel stiegen in die Lüfte , und Sultans Hundehütte stand an dem Torweg wie ein Schilderhäuschen ... So rührig auch Frau Griebel auf ihrem Wirtschaftsposten war , im Vorderhause duldete sie kein geräuschvolles Hantieren , kein Türenschlagen von seiten der Leute , und draußen vor den Fenstern war es noch stiller . Wunderselten einmal geschah es , daß Weiber mit einem Reisigbündel auf dem Rücken oder ein Trupp beerensuchender Kinder auf dem Wege dahinschritten , der den Rasenfleck vor dem Gutshause durchschnitt . Allerdings war es nicht das Wohlbehagen einschließlich , was Herrn Markus auf dem Gute festhielt – es traten auch zu erledigende Geschäftsfragen an ihn heran . Eine längst geplante Eisenbahnlinie , die auch den Hirschwinkel berührte , sollte nunmehr in Angriff genommen und abgesteckt werden . Diese Angelegenheit machte verschiedene Schreibereien nötig . Der Schienenweg bedrohte das beste Stück Ackerland , während er doch nach Pächter Griebels Ansicht ebensogut durch den minder wertvollen Wiesengrund laufen konnte . Herr Markus hatte sein neues Gebiet bereits nach allen Seiten hin beschritten . Wohin er auch kam , überall fand er die musterhafteste Bewirtschaftung und das sichtliche Bemühen , die Güte des Bodens wie ein Kleinod zu behüten . Als Ausläufer dieses fruchtbaren Geländes lag freilich das Vorwerk da wie ein angesetzter ärmlicher Flicken . – » Solange die Frau Oberforstmeisterin noch lebte , sahen die Grundstücke immer ganz leidlich aus , « sagte Peter Griebel ; » der Amtmann hatte einen heillosen Respekt vor unserer alten Dame und ging deswegen gar oft selbst hinter dem Pfluge her . Dazumal hatte er noch einen Knecht ; der ist nun aber auch gleich nach der Magd fortgelaufen , und beim Amtmann hat sich das Alter eingestellt – er geht am Stocke . Von Feldarbeit wär ' keine Rede mehr , wenn sich nicht der Forstwart drüben im Grafenholz erbarmte . Der stammt aus dem Ort , wo der Amtmann früher die fürstliche Domäne in Pacht gehabt hat ; da ist er Taglöhnerjunge gewesen und scheint an seiner alten Herrschaft zu hängen , denn das bißchen freie Zeit , das ihm sein schwerer Dienst übrig läßt , bringt er auf den Vorwerksäckern zu , und – da mag nun seine Frau sagen , was sie will – die fremde Magd hilft tüchtig mit . « Bis in die Nähe der Vorwerksgebäude war Herr Markus noch nicht gekommen . Es war seine Absicht , den letzten Willensausdruck der verstorbenen Gutsherrin zur Geltung zu bringen , wenn das Schriftstück auch im Strickbeutel statt bei der gesetzlichen Behörde gelegen hatte und durch keinerlei Zeugenschaft beglaubigt war . Aber er wollte das erst nach seiner Rückkehr in die Heimat schriftlich abmachen – es widerstrebte ihm völlig , mit dem Amtmann und » dem Erziehungsfräulein « in persönlichen Verkehr zu treten . Er sehnte sich überhaupt nach keinem Umgang in der Einsamkeit , die er zum erstenmal kennenlernte und auszukosten wünschte . Er war durchaus kein Übersättigter – das rauschende Leben der Großstadt hatte tausendfachen Reiz für ihn ; er gab sich ihren schönen Genüssen mit voller Seele hin , denn er war ja ein noch junger Mann , dem die Lebenslust mit dem gesunden Blut durch die Adern strömte ; aber nach all dem aufregenden Treiben des verflossenen Winters und dem geräuschvollen Arbeitsgetöse in seiner Fabrik fand er es köstlich