Behälter zu öffnen und ohne Nachtheil für dessen Inhalt , mit dem Trocknen zu Werke zu gehen habe , worauf er die Büffelhaut fester um seine Schultern zusammenzog und den beiden vorausgeeilten jungen Leuten schnell nachfolgte . Hätte er mich , den er auf der andern Seite des Missouri glaubte , in der Nahe gewußt , so würde er sich schwerlich ohne Bedenken von seinem Medicinranzen getrennt haben . Von seiner Tochter aber , die den geheimnißvollen Behälter mit einer gewissen Scheu anzusehen gewohnt war , befürchtete er nicht , daß die Neugierde den Sieg über ihren Aberglauben davontragen könne . – Kaum befand sich Wakitamone aus der Hörweite , als ich , durch ein Zeichen Warukscha ' s dazu aufgefordert , zu ihr in ' s Zelt schlich . Mit vieler Sorgfalt breiteten wir zunächst die nassen Decken des Medicinmanns zum Trocknen vor dem Feuer aus , und nachdem wir einen ausreichenden Vorrath von Holz zur Unterhaltung des Feuers in unsere Nähe gelegt , nahmen wir die alte Feldapotheke zwischen uns , um mit kühner Stirne allen bösen Geistern der indianischen Unterwelt Trotz zu bieten und mit unsern ungeweihten Händen nach Herzenslust zwischen den verborgenen Heiligthümern zu wühlen . Vor Wakitamone , dessen Heimkehr innerhalb der nächsten fünf Stunden nicht zu erwarten stand , brauchten wir uns nicht zu fürchten und noch weniger vor den übrigen Hausgenossen , die lieber , wer weiß was geopfert , als auch nur eine Viertelstunde des Anblicks des erheiternden und aufregenden Medicintanzes eingebüßt hätten . – Der Medicinranzen hatte , wie schon erwähnt , die Form und Größe eines Reiterfelleisens . Derselbe wurde durch drei zähe Riemen zusammengehalten , deren jeder einzelne an der niederwärts hängenden Seite eine lange schwarze Skalplocke als Verzierung trug . Die Skalpe waren noch mit dem freilich schon sehr zerstörten Schmuck versehen , welchen deren ursprüngliche Besitzer einst auf ihrem Wirbel befestigt hatten . Namentlich fiel mir die größte dieser unheimlichen Trophäen auf , in welcher sich eine Strähne weißer Haare befand . Bei näherer Untersuchung der gedörrten Kopfhaut stellte sich heraus , daß die Haare in Folge einer schweren Verwundung , deren Narbe noch deutlich erkennbar , diese Farbe angenommen hatten . Während ich mich nun mit den alten Siegestrophäen beschäftigte , betrachtete Warukscha die Riemen und Knoten aufmerksam , und erst nachdem sie deren Lage und Verschlingungen ihrem Gedächtnis ; genau eingeprägt , gestattete sie mir , den merkwürdigen Behälter zu öffnen . Als ich das Deckelleder zurückschlug , erblickte ich zuerst die getrocknete Haut einer der großen , rautenförmig gezeichneten Klapperschlangen . Dieselbe lag so , daß sie den übrigen Inhalt verbarg und mir nicht nur ihre achtzehn , bei der leisesten Berührung schnurrenden Klappern , sondern auch den weitgeöffneten , mit mächtigen , indeß nur zur Hälfte aus den getrockneten Giftschläuchen hervorragenden Fangzähnen bewaffneten Rachen entgegenstreckte . Es war also der triftigste Grund vorhanden , mit äußerster Vorsicht zu Werke zu gehen ; denn konnte uns die sichtbare Haut auch nicht weiter gefährlich werden , so blieb doch sehr fraglich , ob nicht noch andere , mit tödtlicher Verletzung drohende Köpfe im Innern als Wächter des Heiligthums angebracht seien . Jeden falls hielt ich für gerathen , meine Hand mit meinem Gürtel zu umwinden , eh ' ich meine Forschungen fortsetzte . Mit leichter Mühe entfernte ich also die Klapperschlangenhaut , wobei Warukscha mir , offenbar sehr schweren Herzens , Hülfe leistete . Nachdem ich sodann noch den kostbaren weißgegerbten Balg eines schwarzen Fuchses , der statt der Augen , zwei messingene Uniformsknöpfe an der Stirne trug , hervorgezogen , lagen endlich die zur Beschwörung von Geistern und Heilung von Kranken erforderlichen und unfehlbaren Zaubermittel vor mir . Mit größtem Interesse betrachtete ich die wunderliche Sammlung eine Weile , ohne sie anzurühren . Warukscha gewann dadurch Zeit , sich die Ordnung , in welcher sie verpackt waren , zu merken , worauf ich ein Stück nach dem andern , in meine profanen Hände nahm , die einzelnen Sachen von allen Seiten sehr bedächtig prüfte und sie meiner dienstfertigen Gefährtin darreichte , welche sie wieder in bestimmter Reihenfolge neben sich auf die Erde legte . Manche Gegenstände waren mir fremd , und es gelang mir auch nicht , von der jungen Indianerin Aufschluß über dieselben zu erhalten ; was ich aber erkannte , genügte vollkommen , um mir einen ziemlich klaren Begriff von dem Indianischen Medicinalwesen zu verschaffen . Zum Beispiel die auf einen Riemen gestreiften Weißen Schnäbel großer schwarzer Spechte , die Füße einer Landschildkröte , Fängen und Schnabel eines Kriegsadlers , mehrere getrocknete Eidechsenleichen , ein in Blut getauchter Lederstreifen , eine Probe von dem berühmten rothen Pfeifenkopffelsen , eine alte Quittung über empfangenen Sold vom Jahre 1816 , Beutelchen mit Asche , und andere , welche menschliche Fingerknochen und noch mit blechernen Zierrathen geschmückte Ohrzipfel enthielten . Als ich dann aber wieder die Haut einer kleinen Prairieklapperschlange hervorzog und dadurch die unterste Schicht der seltsamen Apotheke bloßlegte , verloren die kleineren Gegenstände plötzlich allen Werth für mich , und ich glaubte meinen Augen nicht trauen zu dürfen , als ich eine dicke Rolle vergilbten und engbeschriebenen Papiers entdeckte . Behutsam nahm ich die Rolle zur Hand , denn auch sie wurde von den Giftzähnen der Klapperschlange und der gefährlichen Kopperhead bewacht , deren abgeschnittene Köpfe mittelst eines Streifens Otterfell sinnig an derselben befestigt worden waren . Es ging daraus hervor , daß Wakitamone einen hohen Werth auf » sprechendes Papier « legte und einen großen Theil seiner Erfolge auf Jagdzügen und Kriegspfaden der Wirkung der Zauberrolle zuschrieb . Trotz Warukscha ' s abwehrender Zeichen , trotzdem sie mit warnender Geberde nach der Richtung hinüberwies , in welcher ihr Vater zur Zeit wohl schon mit wildem Gellen um das hellflackernde Feuer herumtanzte , ließ ich mich nicht abhalten , die Schlangenköpfe von der Papierrolle zu entfernen , um wenigstens einen Blick in die alte Schrift zu werfen . Das Mädchen war ja meine Mitschuldige und ein Verrath von ihrer Seite nicht zu befürchten , weil im Fall einer Entdeckung sie selbst zuerst von dem Zorn ihres Vaters getroffen worden wäre . Sie beruhigte sich denn auch , sobald sie sich überzeugt , daß ich unerbittlich sei , und in der nächsten Minute entrollte ich meinen kostbaren Fund . Derselbe bestand aus mehreren Hundert Quartblättern , die , obgleich von verschiedener Größe , Güte und Farbe , doch sehr sorgfältig nummerirt und nach den Nummern geordnet und zusammengeheftet waren . Augenscheinlich um Raum zu ersparen , waren sie sehr eng beschrieben , und nach der bald sehr blassen , bald dunkleren und bräunlich oder bläulich gefärbten Dinte zu schließen , mußte der Schreiber bei der Beschaffung der erforderlichen Materialien mit zahlreichen Hindernissen zu kämpfen gehabt haben . Am meisten überraschte mich indessen , daß der Verfasser , wer er auch immer gewesen sein mochte , sich der deutschen Sprache und deutscher Schrift bedient hatte . Ich schlug die Blätter auseinander und las bei dem flackernden Licht der Flammen eine mir zuerst in die Augen fallende Stelle . Ich las die erste Seite , die zweite , die dritte und vierte , und vergessen waren der Zauberer und seine Tochter , vergessen meine Umgebung und die Gefahr , welche mir drohte , wenn mein Gastfreund zufällig heimgekehrt wäre . Ich las , und je weiter ich las , um so mehr befestigte sich in mir der Entschluß , die Rolle um keinen Preis wieder aus den Händen zu geben , sogar , um dieselbe zu behalten , vor einem ernstlichen Zank mit dem Zauberer selbst nicht zurückzubeben . Warukscha saß neben mir ; ich fühlte , daß ihre besorgnißvollen Blicke auf mir hafteten , aber ich las ruhig weiter . Da trug ein Windstoß den tollen Lärm bei dem Medicinfeuer lauter und deutlicher zu uns herüber . Erschreckt fuhr ich empor , und ebenso erschreckt langte Warukscha nach der geöffneten Rolle . Erst eine Stunde war seit Wakitamone ' s Aufbruch verstrichen , seine Rückkehr also in nächster Zeit noch nicht zu befürchten . Aber ich mußte auf alle Fälle vorbereitet sein , und die Blätter wieder zusammenrollend und in meine Kugeltasche schiebend , traf ich Anstalt mit dem Einpacken der umherliegenden Gegenstände zu beginnen . So leichten Kaufs sollte ich indessen nicht davonkommen , denn Warukscha bemerkte nicht sobald meine Abficht , das Manuskript als gute Beute erklären zu wollen , da wurde auch ihre abergläubische Furcht rege , und mich mit allen Zeichen des Entsetzens umklammernd , suchte sie mir den aufgefundenen Schatz zu entreißen . Da halfen keine Liebkosungen , keine Vernunftgründe , sie bestand darauf , daß die Zauberkraft ihres Vaters nicht zerstört werden dürfe und die alte Feldapotheke unter jeder Bedingung in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden müsse . Verdrießlich blickte ich umher ; zur Gewalt meine Zuflucht zu nehmen , erschien mir undankbar und widerstrebte den freundschaftlichen Gefühlen , welche ich im Allgemeinen gegen Indianer hegte , und so wählte ich denn einen Ausweg , der mich zwar einige Blätter des Manuscriptes kostete , dafür aber die der Verzweiflung nahe Indianerin wieder einigermaßen beruhigte . Ich riß nämlich mehrere Weiße Bogen aus meinem von mir unzertrennlichen Skizzenbuch , ferner nahm ich einige uralte Nummern des New-York-Herald , die ich zum Verpacken von präparirten Vogelbälgen bei mir führte , hierzu fügte ich noch ein Stück von meiner sehr schadhaften Weste , und nachdem ich alle diese Gegenstände in eine ähnliche Rolle , wie die entwendete , zusammengedreht hatte , wickelte ich zuletzt die beiden äußersten und am wenigsten leserlichen Blätter des Manuscriptes um dieselbe ; dabei ging ich so behutsam und geschickt zu Werke , daß es bei einem oberflächlichen Hinblick gewiß nicht leicht gewesen wäre , die falsche Rolle von der echten zu unterscheiden . » Von zwei Uebeln muß man stets das kleinere wählen , « dachte Warukscha unstreitig , als sie mit kundiger Hand die Schlangenköpfe an das untergeschobene Amulet befestigte . » Von zwei Uebeln muß man stets das kleinere wählen , « dachte auch ich , als ich blutenden Herzens die beiden beschriebenen Blätter unter dem Pelzstreifen verschwinden sah . So trösteten wir uns in gleicher Weise ; was wir aber in nächster Zeit noch weiter dachten , ging verloren in der Eile und Vorsicht , mit welcher wir Alles wieder an seinen gewohnten Platz brachten . Das Schürzen der Knoten übernahm Warukscha , und nachdem sie sich , noch einmal dicht an die Flammen herantretend , überzeugt , daß selbst das schärfste Auge keinen Unterschleif zu entdecken vermöge , hing sie den Medicinranzen , wie ihr von ihrem Vater geheißen worden war , in angemessener Entfernung von dem Feuer zum Trocknen auf , durch gelegentliches Umdrehen verhütend , daß das feuchte Leder in der Hitze zusammenschrumpfte . Meiner eigenen Sicherheit wegen , wie auch um Warukscha zu beruhigen , ging ich noch in derselben Nacht , und zwar recht zufrieden mit dem Erfolg meines Unternehmens , über den Missouri zurück . Damals ahnte ich nicht , welchen Werth die alten Schriften dereinst noch für mich haben würden . Ich war nur froh , mitten in tiefster Wildniß eine Unterhaltung für die langen Winterabende gefunden zu haben . Später aber , als ich den Inhalt des ganzen Manuscriptes kannte und noch andere , den Werth desselben erhöhende Umstände hinzutraten , betrachtete ich es als eine wunderbare Fügung des Geschicks , in den Besitz desselben gekommen zu sein . Von Wakitamone , den ich am folgenden Morgen noch einmal in seinem Wigmam besuchte , und von seiner Familie und namentlich von Warukscha , trennte ich mich nach einem , nach dortigen Begriffen , sehr herzlichen Abschied , auf längere Zeit . Ich wanderte nordwärts zu den Omahas , und bei einem dort angesiedelten Pelztauscher bot sich mir die erste Gelegenheit , die geraubten Schriftstücke einer eingehenderen Prüfung zu unterwerfen . Mein an sich harmloser Verrath kam nie an ' s Tageslicht . Warukscha erhielt zum Lohn für ihre Mühewaltung von mir einen feuerfarbigen wollenen Rock und ein ansehnliches Packetchen Porzellanperlen , während ich ihren Vater mit einem bedeutenden Vorrath von Tabak und Pulver und Blei , und mehreren schönen wollenen Decken beschenkte . Beide waren , als sie mich später bei den Omahas besuchten , munter und guter Dinge , und ich habe allen Grund anzunehmen , daß die alten Zeitungen , das Stück Weste und die leeren Blätter aus meinem Skizzenbuch ihren Zweck als Amulete mindestens eben so gut erfüllen , wie vorher das Manuscript gethan . Was das Manuscript aber enthielt , das lasse ich hier ohne wesentliche Veränderungen in der Form folgen . Fußnoten 1 Siehe Möllhausen ' s » Tagebuch u.s.w. « » Abenteuer am Nebraska . « 2. Capitel . Am Mineralbrunnen Zweites Capitel . Am Mineralbrunnen . Der eisige Novembersturm streift die letzten braunen Blätter von den Bäumen und wirbelt sie mit vereinzelten kleinen Schneeflocken durcheinander . Bleifarbig hängt der Himmel über der öden Landschaft , als ob er sich in jedem Augenblick auf die Erde niedersenken wolle , um das letzte im Freien zurückgebliebene Leben gewaltsam zu erstarren . Ohne Furcht oder Bedauern über meinen Entschluß sehe ich dem Winter entgegen , den langen einsamen Nächten und den kurzen Tagen . Ohne Furcht oder Bedauern stehe ich im Begriff , mich aus Monate in diese Wildniß zu vergraben , in eine Wildniß , in welcher keine menschliche Stimme an mein Ohr dringt , der Ton meiner eigenen Stimme von Niemand gehört , unheimlich in den endlosen Räumen verhallt . Doch nein , ich darf nicht ungerecht sein ; denn während ich die Geschichte meines wechselvollen Lebens niederschreibe , werde ich mit schüchterner Anhänglichkeit beobachtet , und wenn ich von meiner Arbeit zufällig emporschaue , blicke ich in die dunklen melancholischen Augen eines indianischen Kindes , meines Schützlings , wahrscheinlich einer der Letzten des einst so mächtigen und glücklichen Mandanenstammes . Das arme Mädchen , welches mit dankbarem Herzen zu mir , wie zu einer Gottheit emporblickt , mildert das traurige Gefühl der gänzlichen Vereinsamung , welches mich bei dem Gedanken an den langen , unerbittlich strengen Winter beschleicht . Ich kann mir wenigstens sagen : » ich bin nicht allein ; « und ist es mir auch nicht vergönnt , mit dem armen , von der ganzen Welt verlassenen Wesen eine meiner Vergangenheit entsprechende Unterhaltung anzuknüpfen , se vermag ich es doch zu belehren , zur Aufnahme in eine Mission vorzubereiten und damit einen guten Zweck zu erfüllen . Doch das Kind allein ist es nicht , was mich so ruhig das allmälige Erstarren der Natur beobachten läßt , sondern auch das Bewußtsein , fortan mein Leben nicht ohne jede geistige Beschäftigung vertrauern zu müssen . Das verflossene Jahr war für mich ein glückliches , wenigstens in so weit , als ich mehr , wie hinreichend erübrigte , um abgesondert von andern Menschen und unbelästigt von den Anforderunzen selbstsüchtiger Handelsgesellschaften den Winter verbringen zu können . Auch besser ausgerüstet habe ich mich , denn was mir in früheren Jahren mangelte , das besitze ich jetzt in Fülle , nämlich die Mittel , mein wechselvolles Leben zu beschreiben , und dabei meine ganze Vergangenheit gewissermaßen noch einmal zu durchleben . O , was hätte ich nicht in dem verflossenen Winter für einen kleinen Vorrath Papier hingegeben ! Aber es ist vielleicht besser so ; ich hatte Muße , die ernstesten Betrachtungen über die verschiedenen Begebenheiten und Erlebnisse anzustellen , die Charaktere , welche , hier zum Guten , dort zum Bösen , einen entscheidenden Einfluß auf mich und meine Zukunft ausübten , bis in die kleinsten Einzelheiten zu zerlegen und mir einen klaren Einblick in Manches zu verschaffen , was mir einst unerklärlich erschien . Ich beginne daher meine Arbeit nicht unvorbereitet ; ich werde erzählen können , als hätte ich mich an allen Orten zu gleicher Zeit befunden , und einen , wenn auch trüben Genuß soll es mir gewähren , mich dadurch im Geiste um so lebhafter in jene Zeiten zurück zu versetzen . Ich schreibe , aber » für wen ? « frage ich mich . Werden jemals die Blicke eines andern Sterblichen auf diesen Schriftzügen haften ? Vielleicht nach vielen langen Jahren ; denn da ich beim Beginn des Frühlings wieder fort muß in andere Gegenden , meine Arbeit aber auf meinen mühevollen Wanderungen nicht mit mir herumtragen kann , so gedenke ich sie hin zu verbergen . – Werde ich selbst noch einmal hierher zurückkehren , oder ist dies der letzte Winter , welchen ich hier verlebe ? Doch wozu in die Zukunft denken , so lange die Vergangenheit mir so reichen Stoff zu Betrachtungen bietet ? Die Sorge um die Zukunft soll mich nicht stören , nicht verhindern , mein Vorhaben auszuführen . – Welch seltsamer Kontrast zwischen dem Früher und dem Jetzt ; zwischen dem Knaben , der einst in jugendlicher Vermessenheit wähnte , den Himmel erstürmen zu können , und dem ernsten Mann , der als einsamer Pelzjäger die wilde , freie Natur durchstreift , um sein kärgliches Brod zu erwerben ! Eine selbstgeschaffene Erdhöhle bildet meinen Palast , ein von Bibern und Ottern reich belebtes Nebenflüßchen das Feld meiner Thätigkeit , und in geringer Entfernung , meinen Augen erreichbar , wälzt der Missouri seine gelben Fluthen auf tausendjähriger Bahn dem Golf von Mexiko zu . Wie der Himmel so schwer , so bleifarbig niederhängt ; wie der Sturm mit dürren Blättern und Schneeflocken spielt und heulend zwischen den Hügeln hindurch auf den majestätischen Strom niederfahrt ! Wie die Raben und Krähen unheimlich krächzen und ihre starken Schwingen im Kampfe gegen den heftigen Wind prüfen ! Wie lange wird es noch dauern , und der Missouri träumt unter einer starren , zusammenhängenden Eislast , während tiefer Schnee Wald und Flur ungangbar macht und mir jede Verbindung mit andern , fern ab lebenden Menschen vollständig abschneidet ? Mit Ruhe sehe ich dieser Abgeschiedenheit entgegen ; sie schreckt mich nicht . Ich fühle mich so glücklich , wie dies nach meinen Lebenserfahrungen nur immer möglich ist , oder ich würde die Einsamkeit nicht aufgesucht haben . Das verkohlende Holz knistert auf dem glühenden Aschenhaufen und verbreitet eine angenehme Wärme in meiner wenig umfangreichen Hütte ; die junge Mandanenwaise arbeitet mit einer für ihre Jahre ungewöhnlichen Fertigkeit an weichen Mokasins , und zu ihren Füßen spielt ein gezähmter Waschbär gar anmuthig mit einer Büchsenkugel . Ich selbst aber sitze vor einem Felsblock und mit leisem , schnarrendem Geräusch fliegt die Feder über das Papier . Wie merkwürdig die Buchstaben sich zu Worten , die Worte sich zu Gedanken und Sätzen aneinander reihen ! Lange , lange ist es her , seit ich zum letzten Male schrieb , so lange in der That , daß ich schon befürchtete , das Schreiben verlernt zu haben . Doch wie ich sehe , daß es mir noch gelingt , meine Gedanken festzubannen , stürmen auch die Bilder der Vergangenheit mit fast erdrückender Wucht auf mich ein , so daß ich sie kaum von einander zu scheiden und zu ordnen vermag . Mögen die Bilder aber eine Färbung tragen , welche sie wollen , bei allen tritt in den Vordergrund der erste Genosse meiner Jugend , der liebe , rebenbekränzte , alte Vater Rhein , der Rhein mit seinen anmuthigen Thälern und alterthümlichen Städten , mit seiner malerischen Felseinfassung und den grauen Ritterburgen , der Rhein endlich mit seinen schönen Sagen und den edlen Weinen , und vor Allem mit der heiteren , warmherzigen Bevölkerung , welche den majestätischen Strom mit Stolz ihren Vater nennt . Ja , am Rhein bin ich geboren , und zwar an einem Punkte , der sich , hinsichtlich seiner romantischen Schönheit , kühn mit allen hervorragenden Stellen seiner Ufer in einen Vergleich einlassen darf . Weß Kind ich sei und wo meine Wiege einst stand , wenn ich überhaupt je in meinem Leben gewiegt wurde , dürfte kaum in meiner Erzählung von Wichtigkeit sein . Ebenso bieten meine glücklichen Kinderjahre nichts , was sie vor der Jugendzeit anderer Kinder besonders auszeichnete . Ich war einziger Sohn meiner Eltern , liebte , wie andere Knaben meines Alters , die Freistunden mehr , als den Unterricht , hielt , ebenfalls wie andere Knaben , die Aepfel in den Gärten der Nachbarn für schmackhafter , als die im eigenen Garten , und neigte , nicht minder wie andere Knaben , zu der Ueberzeugung hin , daß es dringend geboten sei , den vom Markt heimkehrenden Bauerfrauen angezündete Schwärmer in die auf ihren Köpfen schwankenden Körbe zu werfen und demnächst davon zu laufen , – in den Dämmerungsstunden an den Klingeln der Herren Präceptores zu reißen , oder auch das Taschengeld für schlechte Cigarren hinzugeben und mich in eine höchst unbehagliche Stimmung hineinzurauchen . Ich war also , wie die meisten Knaben , keiner von den besten , keiner von den schlechtesten . Es prägte sich dies bereits auf der Schule sehr scharf aus , indem ich keineswegs für die letzten Bänke schwärmte , aber auch kameradschaftlichen Sinn genug besaß , nicht durch angestrengtes Hinarbeiten auf den Primusplatz mir ein gewisses Uebergewicht über meine Mitschüler anmaßen zu wollen . Die Bezeichnung » ziemlich gut « erschien mir als vollkommen genügend , und ich glaube nicht zu irren , wenn ich behaupte , daß ich das Abiturienten-Examen ziemlich gut bestand und ziemlich gut vorbereitet zur Universität abging . Leider hatte ich meine Eltern frühzeitig verloren . Sie waren , als ich noch die untern Klassen des Gymnasiums besuchte , in dem kurzen Zeitraum von zwei Jahren gestorben , mir gerade so viel hinterlassend , wie nothdürftig ausreichte , um mit ruhigem Gewissen mich für das kostbare und vorläufig sehr wenig versprechende Studium der Rechtsgelahrtheit entscheiden zu dürfen . In meinen äußeren Verhältnissen bewirkte der Tod meines Vaters die in solchen Fällen fast gewöhnliche Veränderung : Ich erhielt einen Vormund , wurde in Pension gegeben , und zum Ueberfluß entdeckten alle Menschen , namentlich aber die Gattin meines Herrn Pensionsvorstehers , plötzlich in mir so viele Anlagen zum Bösen – was in solchen Fällen ebenfalls nicht ganz selten – und prophezeite man mir so oft die ehrenwerthe Carriere eines Rinaldo Rinaldini , daß ich selbst an mir hätte verzweifeln müssen , wenn ich nicht schon frühzeitig mir geschmeichelt hätte , mich und meine Neigungen selbst am besten und ohne alle fremde Einmischung beurtheilen zu können . Daß mein Urtheil wenigstens nicht weit von der späteren Wirklichkeit abwich , unterliegt jetzt keinem Zweifel mehr ; dagegen läßt sich nicht leugnen , daß diejenigen , die einst in mir einen vielversprechenden Wegelagerer , Kirchenschänder und blutgierigen Demagogen erblickten , recht oft Veranlassung gefunden und genommen haben , kopfschüttelnd den weisen Ausspruch zu thun : » Ich habe es vorhergesehen und gesagt , daß aus dem Jungen nie etwas werden würde . « Eine rühmliche Ausnahme von Denjenigen , die mich nie ansehen Konnten , ohne einen vorwurfsvollen Blick gen Himmel zu senden und mit einem erschütternden , frommen Stoßseufzer mich vollständig aufzugeben , bildete mein Vormund . Derselbe , ein alter Kriegskamerad meines Vaters und von diesem schon bei Lebzeiten zu meinem Vormunde bestimmt , fand Gefallen an meinem lebhaften Temperament und meinen tollen Streichen . Er schleuderte mir zwar gelegentlich die ganze Auswahl von Flüchen , welche er seit 1790 im Felde erlernt und höchst sorgfältig in seinem Gedächtniß aufgestapelt hatte , im grimmigsten Commandotone entgegen , dieselben klangen aber drohender , als sie gemeint waren und endeten gewöhnlich damit , daß er mir eigenhändig eine Pfeife stopfte , mich einen verdammten Sansculotten nannte – zu welcher Bezeichnung übrigens nicht der geringste Grund vorhanden war – und schließlich bei allen Granaten und Bomben , die seit Julius Cäsar ' s Zeiten jemals platzten , beschwor , daß er noch nie einen gesunden Knaben gesehen , der nicht hundertmal verdient habe , gehangen zu werden . Auf diese Weise sprach er sich gegen mich aus . Dagegen wurde es ihm nicht so leicht , sich » aus der Affaire zu ziehen , « wenn Klagen über meinen unregelmäßigen Schulbesuch einliefen , welches unerhörte Verbrechen , wie man mit sittlicher Entrüstung erklärte , einzig und allein meinem heimlichen Umherstreifen in Wald und Flur und auf den Ufern des Rheins zuzuschreiben sei . In solchen Fällen behauptete er kaltblütig , bereits in meiner allerfrühesten Kindheit eine große Vorliebe für die Natur an mir entdeckt zu haben , eine Vorliebe , die , wenn man sie nicht gewaltsam unterdrücke , von bedeutender Tragweite für meinen ganzen künftigen Lebensberuf werden könne , und daß höchst wahrscheinlich ein hervorragendes Genie in mir verborgen sei . Er bedauerte dann auch wohl , daß die Leiter der Schulen nicht besser verstanden , die Jugend durch das Baud der Liebe an sich und die Bänke zu fesseln , und verfehlte nie , hinzuzufügen , daß er selbst zu seiner Zeit der nichtswürdigste Galgenstrick gewesen sei , und es dennoch bis zum Oberstlieutenant und zum eisernen Kreuze gebracht habe . Gegen derartige schlagende Beweise ließ sich freilich nichts einwenden ; die Leute gingen , doch glaube ich nicht , daß sie einen sehr hohen Begriff von der Erziehungsmethode des alten Kriegers mit fortnahmen . Unter solchen Umständen konnte es nicht fehlen , daß ich mit innigster Liebe an meinem Vormunde hing und ihm zu Gefallen , wer weiß was hätte aus mir machen lassen . Leider sah ich ihn nur selten , indem ich der Schule wegen in der Stadt wohnte , während er , mit dem Posten eines Oberförsters betraut , an einem der anmuthigsten Punkte des Siebengebirges sein Domicil aufgeschlagen hatte . Ich brachte indessen , zur größten Genugthuung meiner sparsamen Pensionsvorsteherin , stets die Ferienzeit bei ihm zu , und beobachtete sehr strenge das zwischen uns stillschweigend getroffene Uebereinkommen , ihm erst am Tage meiner Abreise nach der Stadt und schon mit der Mütze in der Hand , meine Censur zur gefälligen Unterschrift zu überreichen . Der gute , alte Vormund , durch seine Nachsicht und Milde bin ich wahrhaftig nicht schlechter geworden . Leider , leider war er nur zu bejahrt , als daß ich hätte hoffen dürfen , ihn bis in mein reiferes Alter hinein als meinen Katechismus betrachten zu können . Ja , er zählte damals , als ich zur Universität abging , bereits einundsechszig Jahre ; doch mochte die Zeit seine spärlichen Haare und den mächtigen Schnurbart hagelweiß gefärbt haben , mochten Runzeln sein ausgewettertes , gutes Gesicht nach allen Richtungen hin durchkreuzen und die männliche Fülle der Glieder allmälig einer mumienartigen Hagerkeit gewichen sein , eine straffere Haltung und einen festeren Schritt hätte man bei einem jungen Gardelieutenant nicht finden können . Dabei blitzte das eine graue Auge – das andere war ihm bei Jena von einem » unvorsichtigen Granatsplitter « ausgeschlagen worden – so jugendlich und doch so wohlwollend unter der buschigen , roth und weiß gemischten Braue hervor , und klirrten die Sporen – er hatte bei der Kavallerie gestanden – so lustig an seinen Stiefeln , und prangte das schönste aller Ehrenzeichen so stattlich auf seiner hohen , breiten Brust , daß der leibhaftige Kriegsgott Mars über den alten Helden in Extase hätte gerathen können , und die selige Bellona sich nicht gescheut haben würde , ihn persönlich an den Pforten des Himmels mit einem derben Handschlag zu begrüßen und zu ihrem Adjutanten beim nächsten Manöver zu ernennen . Doch im Himmel wird ja nicht manövrirt , und damals befand sich mein lieber alter Vormund ja noch nicht in der Lage , die himmlischen Freuden für sich herbeizuwünschen . Er nahm das Gewisse für das Ungewisse und lebte so glücklich und sorglos auf seiner Oberförsterei , wie es seine Mittel nur immer gestatten wollten , und ihm zur Seite lebte ebenso glücklich und zufrieden seine bejahrte Gattin , eine herzensgute , alte Dame , der man vielleicht nur den einzigen Vorwurf machen konnte , daß sie die himmlischen Freuden zu sehr von der strengen Beobachtung irdischer kirchlicher Formen abhängig glaubte . Sie war Katholikin , betrachtete die Geistlichkeit als etwas Ueberirdisches , glaubte an Wunder und betete und beichtete sehr viel , obwohl sie kaum andere Sünden zu beichten hatte , als etwa , daß sie ihrem » Allen « hin und wieder einmal nicht rechtzeitig den brennenden Fidibus zu seiner stereotypen Morgenpfeife darreichte , oder in ihrem Eifer , Alles zugleich zu besorgen , die Milch überkochen ließ . Zu welchem Glauben der Oberstlieutenant sich bekannte , gab er vor , selbst nicht zu wissen . Er schwur aber darauf , an seinem Einsegnungstage mit einigen Kameraden über alle Berge gelaufen zu sein , in Folge dessen sein älterer , schon eingesegneter Bruder ihn habe vertreten müssen und zum zweiten Mal eingesegnet worden sei , während er , um die Sache nicht ruchbar zu machen , sich mit dem auf seinen Namen lautenden Konfirmationsschein begnügt habe . Trotzdem hoffte er sehr stark auf die ewige Seligkeit , um so mehr , da sein zweimal konfirmirter Bruder bei Jena gefallen war und , nach seiner festen Ueberzeugung , die kleine Verwechselungsgeschichte beim lieben Gott bereits rapportirt und zu Aller Zufriedenheit geordnet habe . Nach solchen Aeußerungen zu schließen , war mein Vormund also Protestant . Doch was er auch immer sein mochte , die Form der Gottesverehrung hatte nie Veranlassung zu Mißhelligkeiten zwischen den beiden ehrwürdigen Leuten gegeben . Der alte Herr ließ seine Gattin für sich mit beten , und dafür erlaubte er sich , – wie er sich sehr zart ausdrückte – gelegentlich für seine treue Ehehälfte ein kleines Donnerwetter unter das Hausgesinde zu dirigiren und auf diese Weise das Gleichgewicht wieder herzustellen . Mein Vormund war also duldsam und liberal in Religionsangelegenheiten , und nachsichtig gegen Holzfrevler , namentlich wenn sie die Kriegsdenkmünze trugen und ihn , statt mit » Herr Oberförster , « » Herr Oberschleitnamp zu Befehl « anredeten . Bei aller seiner Güte und Nachsicht besaß er aber auch eine empfindliche Seite – was übrigens ganz natürlich und erklärlich – die man nur schief