“ Ein unwilliger Seufzer seiner Frau unterbrach ihn . „ Ich weiß wohl — es ist eine lästige und widerwärtige Pflicht , — aber es wird ja , so Gott will , nicht lange dauern . Hartwig ist übernächtig , — er kann noch ein Jahr leben , er kann aber auch , wenn ein zweiter Schlaganfall kommt , in der nächsten Stunde weg sein , — dann magst Du meinethalben die Last ab ­ schütteln und Ernestine in ein Institut stecken . Der Anstand aber , meine Liebe , muß immer und vor Allem aufrecht erhalten werden , — Du weißt , daß der Anstand jederzeit die Richtschnur meines Handelns war . Wie ich es nicht liebe , einen schmutzigen Rock zu tragen , auf einem unreinen Tischtuch zu speisen , so ist mir auch jeder Fleck an meinem Namen unerträglich . “ Er hatte sich während dieser Rede an den Tisch ge ­ setzt und die duftende Bowle in einen Becher von Eis ­ glas gegossen . Wahrend er sie mit fein zugespitzten Lippen bedächtig prüfend einschlürfte , warf sich die Gattin neben ihm so ungestüm in das Sofa , daß die Sprung ­ federn knackten und der arglose Gemahl auf der andern Seite wie auf einer Waage in die Höhe geschnellt ward , das Gleichgewicht verlor und sein Getränk auf das reinste aller Hemden goß . — Er schnalzte leise mißbilligend mit der Zungenspitze und wischte sich sorgfältig ab . „ Nun muß ich mich ganz umkleiden “ , sagte er im Tone schärfsten Vorwurfs . „ Das bedeutet nichts Gutes , daß Du Dich gerade bei diesem Gespräch vollgeschüttet hast “ , meinte verblüfft die abergläubische Frau . „ Es bedeutet , daß Du nie lernen wirst , Dich wie eine Dame zu benehmen ! “ war die ruhige Antwort . „ So ! “ rief die Getadelte lachend . „ Ich muß mir wohl aristokratischere Manieren angewöhnen , damit ich Deinem Bruder mehr Ehre mache , der sich in dem Schnaps , den er brennt , den Schlag an den Hals getrunken hat ? Ein schöner Adliger , — das muß ich gestehen ! “ „ Gerade weil er seinem Stande Unehre macht , will ich meinem Stande desto mehr Ehre machen und darin sollst Du mich unterstützen , statt darüber zu lachen . Und wenn wir sein Erbe antreten , dann will ich zeigen , daß man nicht in freiherrlicher Wiege geboren zu sein braucht , um ein Aristokrat zu sein , — und der weggejagte Mar ­ burger Professor wird in der Elite der wissenschaftlichen Welt , wie in der Gesellschaft eine Rolle spielen , um die ihn ein Fürst beneiden kann . — Mit Geld geht ja Alles und wo Geld und Verstand beisammen sind , da fängt man die Menschen wie Fliegen an der Leimstange . “ „ Ach , das wird herrlich ! “ rief die von dieser Aus ­ sicht hocherregte Frau , goß sich ein großes Glas Bowle voll und stürzte es in raschen Zügen hinunter . „ Es ist allerdings ein so unerhörtes Glück , daß man so nüchtern sein muß , wie ich — um den Verstand nicht darüber zu verlieren ! “ sagte der Mann und schaute mit seinen weißblauen Augen fast träumerisch vor sich hin . „ Dann halten wir Wagen und Pferde und ich fahre mit Bedienten vor den Läden an ! Und Gretchen be ­ kommt eine französische Bonne und wird immer weiß und himmelblau gekleidet . Wir ziehen in die Residenz und Du , Leuthold , brauchst nichts mehr zu arbeiten , kannst Dich den ganzen lieben langen Tag amüsieren ! “ bemerkte die Gattin und warf stolz den Kopf zurück , als dächte sie sich in die Seele eines ihrer künftigen Kutschen ­ pferde hinein . „ Glaubst Du , ich würde dann zum Tagedieb ? “ fragte er sie mit einem stechenden Blick : „ Nein , gewiß nicht ! Wenn ich die zehn Gebote zu machen gehabt hätte , ich hätte statt des siebenten Gebotes gesetzt : , Du sollst dem lieben Gott den Tag nicht stehlen ! ‘ denn kein Dieb erscheint mir so verächtlich wie der Tagedieb ! “ Die Frau lachte und zeigte zwei Reihen der schönsten Beißwerkzeuge , deren Stärke sie gleich darauf durch das Aufknacken von Haselnüssen erprobte . — „ Glaubst Du “ , fuhr Leuthold fort , „ ich würde mich mit dem Ruhm , ein reicher Mann zu sein , begnügen ? Nein , mich dürstet nach anderen Ehren . Sobald ich die Mittel in Händen habe , nehme ich meine alte Wissenschaft wieder auf und dann will ich etwas leisten , was mir die armen Teufel , die täglich ein paar Stunden Kolleg lesen müssen , nicht nachmachen werden ! Und ein chemisches und physiologisches Laboratorium will ich mir errichten , wie es manche Universität nicht aufzuweisen hat . — Ach — wenn ich einmal all des verhaßten Zwangs , all der elenden Handlangergeschäfte in der rauchenden , stinkenden Fabrik entledigt bin , — dann will ich mich baden in der freien frischen Strömung der Wissenschaft und mir einen Namen machen , der sich den ersten unserer Zeit zur Seite stellt . “ „ Das ist das ganze Glück , das Du Dir ausmalst ? “ fragte geringschätzig die Frau . „ Es gibt kein größeres Glück , als eine Rolle in der Welt zu spielen durch eigenes Verdienst , — und hat mich meine Armut bisher daran verhindert , so soll mir nun bald mein Reichtum dazu verhelfen , indem er mich unabhängig macht . Wer unabhängig ist , kann seine Talente zur vollen , freien Entwicklung bringen , während oft die höchste Begabung sich vor der Zeit erschöpft an der harten Notwendigkeit des Broterwerbs . — Es ist ein köstlich Ding , arbeiten dürfen , was man will ! Ebenso köstlich , — als es eine Verdammnis ist , arbeiten müssen , was man nicht will ! “ Er strich sich über die glatt anliegenden spärlichen Haare und murmelte mit einem Seufzer : „ Es ist kein Wunder , daß ich kahl wurde , — wo sollte die Kraft herkommen , die noch ein Haar auf meinem Scheitel erzeugte , nachdem ich zehn Jahre lang dieser Verdammnis unterworfen war ! Das zehrt das Mark aus den Knochen und das Blut aus den Adern . “ Die Frau sah ihn verwundert an . „ Aber , Leuthold , ich habe Dir doch immer so kräftig gekocht ! “ Leuthold blickte auf , wie aus einem Traume erwachend , dann gingen seine Züge in jenen Ausdruck der Ironie über , die seine unbefangenen Mitmenschen immer für die wohlwollendste Freundlichkeit hielten . „ Du hast Recht , Bertha ! “ sagte er dann , „ Dein oberster Grundsatz ist : Essen und Trinken , — der meine : Denken und Arbeiten . Wie viel praktischer der Deine ist , zeigt Figura deutlich ! “ Er blickte lächelnd auf die ungeheuren Formen seiner Ehehälfte . „ Na warte nur , — wenn wir erst in der Residenz sind , will ich Dich schon herausfüttern . Gib Acht , was ich Dir jeden Tag für Diners hinstellen werde ! “ sagte Bertha . „ Das wird auch nötig sein , denn wir werden oft Tischgäste haben . Weißt Du , die Menschen sind darin wie die Hunde , — wo sie Braten riechen , da gehen sie gerne hin ; mit guten Diners macht man sich die besten Freunde und die wichtigsten Streitfragen sind schon oft durch den Gaumen entschieden , die wärmsten Gefühle durch ein Glas Wein eingeflößt worden ! — Man hat solche Freunde freilich nur , so lange man ihnen zu essen gibt , — aber das können wir ja tun , so lange wir sie brauchen , nachher waren sie doch nur unnützer Ballast , den man über Bord wirft . “ „ Ja , da hast Du Recht , Du bist doch ein gar zu kluges Kerlchen ! “ rief Bertha und versuchte ihren Gemahl mit begeisterter Bewunderung in die Wangen zu kneifen , mußte jedoch wegen Mangels an dem hiezu erforderlichen Material von ihrem Vorhaben abstehen . — „ Ach , Gott ! “ rief sie mit der liebenswürdigsten Naivetät , vergnügt wie ein Kind in die Hände klatschend , „ wenn er nur bald stürbe ! “ Der Gatte sah sie streng an . „ Ich hoffe , daß , wenn der Fall , den ich so sehnlich herbeiwünsche wie Du , wirklich eintritt , kein menschliches Auge etwas Anderes an Dir zu sehen bekommt als Tränen ! Und wärst Du zu ungeschickt , sie zu heucheln , — so müßte ich dafür sorgen , daß Du sie wirklich vergießest , — denn der Anstand muß gewahrt werden , koste es , was es wolle ! Das merke Dir . “ — Bertha faltete entsetzt die Hände . „ Gott sei mir gnädig ! Ich glaube . Du wärst im Stande , mich alle Tage so lange zu peinigen und zu martern , bis meine Augen das nötige Maß Salzwasser vergossen hätten ! Das sähe Dir ähnlich ; Dir geht zuletzt noch das Urteil der Leute oder der Anstand , wie Du ’ s nennst , über Weib und Kind und über Alles . “ Sie war aufgesprungen und man hörte deutlich das Geräusch ihrer arbeitenden Lungenflügel . Leuthold be ­ trachtete sie mit Wohlgefallen , wie sie so vor ihm stand mit rollenden Augen und aufgeworfenen Lippen . Es war doch einmal eine Bewegung über sie gekommen , freilich nur die des Zornes , aber da das Genie immer leidenschaftlich ist , so sieht auch umgekehrt die Leidenschaft oft genial aus und leiht den unbedeutendsten Menschen einen vorübergehenden Nimbus . „ So gefällst Du mir ! “ sagte Leuthold , zog sie zu sich herab und ließ behaglich seine kühle Hand über ihre warmen Schultern gleiten . In demselben Augenblick er ­ scholl aus dem Nebenzimmer die Stimme eines Kindes . Gretchen wacht auf “ , rief Bertha , vergaß ihren Zorn und ging mit so schnellen Schritten hinein , daß sich die Dielen unter ihrer Last ächzend bogen und der Gatte die Erderschütterung auf seinem Sofa spürte . Bald kehrte sie zurück mit einem hübschen , etwa dreijährigen Kinde auf dem Arme , das sie trotz seiner Stärke und Größe auf- und niederschaukelte wie einen Gummiball . Sie warf es nun mit mütterlichem Stolz ihrem Manne auf den Schoß und dieser preßte das schwere Fleischklümpchen an den schmalen flachen Brustkasten , den es in der Wucht des Falles fast eingedrückt hätte . Er liebkoste entzückten Angesichts das Kind , aus seinen Augen brach ein Strahl , wie wenn die Wintersonne über einer Schneelandschaft aufgeht . Denn er besaß nicht nur Vaterliebe , sondern auch etwas , was dieser zum Verwechseln ähnlich ist : Vater-Eitelkeit ! „ ’ S ist merkwürdig “ , sagte die glückliche Mutter , „ wenn man denkt , daß das Dein Kind ist ! “ — „ Weshalb ? “ fragte Leuthold überrascht . „ Ei nun , daß solch ein schwächlicher hagerer Mann , wie Du , solch dickes Riesenmädchen zur Tochter haben kann ! — Das kommt mir gerade vor , als ob so ein dünner Ährenstengel gleich Groschensemmeln statt Körnern trüge ! “ Sie lachte unbändig über diesen Einfall , ohne zu bedenken , daß der Gemahl sich eben nicht sehr geschmeichelt dadurch fühlte . „ Man sagt “ , fuhr sie fort , „ was lange währt , wird gut ! — Na , ’ s hat lange gewährt , bis wir das Mädel bekamen , aber es wurde auch gut ! “ Dann steckte sie die kleine runde Hand des Kindes in ihren geräumigen Mund , als wolle sie sie abbeißen und machte „ Wau , wau , wau ! “ Die Kleine jauchzte und dieser , eine Mutter so sehr entzückende Ton verfehlte seine Reflex-Wirkungen auf Berthas Kehle nicht , sie jauchzte mit , daß es ihrem zarten Gemahl in die Ohren schrillte . „ Wenn nur der Molch , die Ernestine , ein Junge wäre , da könnte sie Gretchen einmal heiraten und man hätte doch gleich einen Mann für das Mädel “ , meinte sie nach einer Pause . „ Schwatze doch nicht so töricht “ , sagte Leuthold , „ einen Sohn würde Hartwich eben so leidenschaftlich lieben , als er Ernestine haßt , und einem Sohne hätte er sein ganzes Vermögen vermacht . Dem unerhört günstigen Zu ­ fall allein , daß Ernestine nur ein Mädchen ist , verdanken wir das Glück , ihn zu beerben ! Gesetzt aber auch , Alles wäre , wie es ist und Ernestine wäre ein Knabe — meinst Du , so wohlfeil würde ich einst meine Tochter hergeben ? Nein , unser Gretchen wird eine so glänzende Partie , so schön und so reich , daß ich sie wahrlich nicht an einen Herrn von Hartwich vermähle . Dies Prachtexemplar wird mich einmal zum Schwiegervater eines großen Staats ­ manns , eines berühmten Gelehrten — oder doch wenigstens eines Grafen machen ! “ „ Und mich zur Gräfinmutter ! ! “ rief die Gattin in Wonne zerfließend . — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Ernestine hatte indessen ihren Weg fortgesetzt . Lang ­ sam schritt sie über die weitgedehnten Kartoffelfelder in dem , durch keinen Baum oder Strauch gehemmten Brand der Vieruhrsonne . Der enge Leib des verwachsenen Kleid ­ chens preßte die kleine Brust zusammen , daß sie öfter stehen bleiben mußte , weil sie zu ersticken glaubte , der Schweiß rann an ihr herab , als müsse das kraftlose Körperchen seine letzten Säfte hergeben . Die Sonnenstrahlen sammelten sich wie glühende Dolchspitzen auf ihrem Scheitel — und doch mußte sie weiter und durfte nicht zurück ; die Furcht vor dem Vater war noch größer als die Qualen , die sie litt . Lieber von den goldenen Sonnenstrahlen gestochen , als von der rohen Faust des Vaters zerschlagen werden ! Aber doch konnte sie nicht umhin , bitterlich zu weinen , daß Alle so erbarmungslos gegen sie waren . Was hatte sie nur verschuldet , daß der Vater sie so haßte ? sie konnte ja nichts dafür , daß sie häßlich und daß sie — kein Junge war ! — „ Ach , warum mußt ’ ich ein Mädchen werden ? “ schluchzte sie und setzte sich todesmatt in das graue , verbrannte Kartoffelkraut auf die harten ausgetrockneten Schollen . Sie umschlang mit beiden Armen ihre Knie und dachte darüber nach , warum denn Knaben etwas Besseres seien , als Mädchen , und ob sie denn nicht am Ende auch vollbringen könne , was jene vollbrächten ? — Der Schullehrer sagte ja ohnehin immer , sie lerne besser und sei klüger als die Buben ! Was fehlte ihr denn nun noch ? Die Kraft und die Wildheit und der Mut ! Ja , das war freilich viel — aber ließ sich denn das nicht erringen mit der Zeit ? — Sie dachte ernst darüber nach . Sie wollte ihre Kraft üben ; sie hatte einmal gelesen , wie ein Mann ein Kälbchen herumgetragen und , weil er dies jeden Tag getan , es gar nicht gemerkt hatte , wie das Kälbchen allmälig wuchs und schwerer wurde , so daß er zuletzt auch den mächtigen Stier noch heben konnte . So wollte auch sie es machen ; sie wollte erst kleine , dann immer größere Lasten schleppen , bis sie die größten zu bewältigen vermochte . Und wild konnte sie auch sein , wenn sie nur durfte , und ihre Ängstlichkeit wollte sie sich gleichfalls abgewöhnen . Dann , hoffte sie , werde der Vater schon zufrieden sein ! — Sie sprang getröstet auf und ging weiter . Der Vorsatz stand nun fest in ihr , — sie wollte werden wie ein Knabe ! — Zweites Kapitel . Das Märchen vom häßlichen jungen Entlein . Nach einer Stunde erreichte Ernestine ein schönes weitläufiges Gehölz und , als sie dies durchschritten , einen Garten , an dessen Ende ein prachtvolles Landhaus stand . Vor dem Hause war ein weiter Rasenfleck , auf dem sich eine Schar munterer Kinder tummelte und in dessen Mitte der hohe Wasserstrahl eines Springbrunnens glän ­ zende Glaskugeln auf und nieder trieb . Vor den geöffneten Türen eines in den Garten führenden Salons saß eine Gesellschaft elegant gekleideter Damen und Herren , Diener in funkelnder Livree reichten Erfrischungen auf silbernen Platten umher . Ernestine stand wie geblendet von aller der Pracht und Herrlichkeit . Sie wagte nicht heranzutreten . Wie sollte sie ? An wen durfte sie sich wenden ? Niemand kam ihr entgegen , Niemand redete sie an . Der Schweiß brach ihr von Neuem aus , ihre Verlegenheit war unbe ­ schreiblich , als plötzlich die schönen , reich gekleideten Kinder auf dem Rasenplatz ihr Spiel unterbrachen und mit ver ­ wunderten Mienen nach ihr hinsahen . Ernestine bemerkte , wie ein kleines Mädchen das andere am Kleide zupfte .und mit dem Finger nach ihr zeigte . Sie verstand ganz deutlich , wie einige fragten : „ Was will denn die ? “ — Sie war nahe daran , wieder umzukehren , aber in dem Augenblick hatte man sie in der Gesellschaft vor dem Hause bemerkt und einen Bedienten nach ihr geschickt , sie zu fragen , wen sie suche . Es flimmerte ihr vor den Augen , als der große Mann mit vornehmer Haltung auf sie zuschritt und sie scharf anredete : „ Was willst Du hier ? “ „ Nichts “ , erwiderte Ernestine , „ ich wäre gar nicht gekommen , wenn ich nicht gemußt hätte ! “ „ Wer bist Du denn ? “ fragte der Bediente . „ Ich bin ja Hartwichs Ernestine ! “ „ Ah , so ! “ sagte er jetzt mit einer kurzen Verbeugung ; „ das ist etwas Anderes , Sie sind eingeladen . Darf ich bitten ? “ mit diesen Worten führte er die willenlos Folgende zu den Damen und meldete : „ Fräulein von Hartwich ! “ Aller Augen richteten sich nun mit Blicken auf Ernestine , die ärger stachen und brannten , als vorher die Sonnen ­ strahlen . Die Leute dachten nicht daran , daß das kleine stille Wesen , das vor ihnen stand , eine Seele habe , so zart besaitet und so hoch gespannt , daß jeder Hauch von Verachtung , der darüber rauschte , einen schrillen Mißklang , einen schmerzlichen Aufruhr darin hervorbrachte ; sie be ­ trachteten nur mit der Rücksichtslosigkeit , welche gewöhn ­ lichen Kindern gegenüber ganz in der Ordnung ist , die schwarzen , schlaff herabhängenden Locken , die eingesunkenen Wangen , die altklugen , scharfen Züge des bleichen Gesichts , die finstern , tiefliegenden Augen mit dem scheuen , unsichern Blick , die bitter verzogenen , festgeschlossenen Lippen und endlich die abgezehrte Gestalt mit dem verwaschenen kurzen Kleidchen und den schmalen , aber langen Füßen und Händen . — Bei den meisten Menschen ruft ein häßliches Äußere mehr Widerwillen als Mitleid hervor und um dies vor sich selbst zu beschönigen , bilden sie sich dann ein , der arme Häßliche habe einen „ unangenehmen Aus ­ druck “ ; sie können ihm so einen Vorwurf aus seiner Häßlichkeit machen , als sei diese durch die Häßlichkeit der Seele selbst verschuldet worden , und ihr Widerwille ist scheinbar gerechtfertigt . In diesem Falle befanden sich nun Alle , die das seltsame Kind sahen . Es war , als sögen sie sämtlich mit den Augen das Gift ein , das Ernestinens kleinen Körper verzehrte , das Gift des Hasses , das ihr Vater und ihre ganze Umgebung in ihre junge Brust ge ­ träufelt hatten , und als wirke dieses Gift sogar in den Fremden auf sie zurück . Dies empfand die Kleine mit wunderbar sicherem Instinkt und wo einer jener lieblos forschenden Blicke hinfiel , da war es ihr , als werde ihr eine Sonde in eine Wunde gesenkt , und wenn sie auch nicht verstand , was die Damen sich französich zuflüsterten , sie hörte am Ton , in dem sie sprachen , daß es Spott und Mißfallen war . Sie ward sich plötzlich gegenständlich , wie in einem Spiegel ; sie betrachtete sich mit den Augen jener Leute und sie sah , was sie nie gesehen hatte , daß sie grenzenlos häßlich und linkisch , daß sie schlecht gekleidet sei und glühend stieg die Scham in ihr auf , die Scham über ihr armes unschuldiges Dasein . Sie hatte in der einzigen Minute vom Baume der Erkenntnis gegessen , einer Erkenntnis , die Tausende früher oder später aus dem Paradies kindlicher Unbefangenheit treibt : der des eigenen Unwerts ! Sie war in jenes Stadium getreten , wo der Mensch mit sich selbst zerfällt , weil er sich ungeliebt , unbegehrt sieht , wo er sich selbst verachtet , weil er sich verachtet sieht , sich selbst häßlich findet , weil er Niemandem gefallt . Was sie auch bisher gelitten , sie war immer noch mit sich im Frieden gewesen , jetzt auf einmal war sie in Feindschaft mit sich und der ganzen Welt geraten . Es schnürte ihr den Hals zu , — es schwindelte ihr und heiße Tränen quollen ihr aus den Augen . — Da kam aus dem Salon eine große stattliche Frau hinzu . „ Frau Staatsrätin “ , rief ihr eine Dame mit unverkennbar spöttischer Miene entgegen , „ Sie haben einen neuen Gast bekommen ! “ „ Das ist wohl die kleine Hartwich ? “ fragte die Wirtin und gab sich sichtlich Mühe , ihr Befremden über die Er ­ scheinung Ernestinens hinter einem gütigen Tone zu ver ­ bergen ; sie reichte ihr die Hand : „ Guten Tag , mein Kind , — es ist recht , daß Du kommst . Willst Du nicht eine Erfrischung zu Dir nehmen ? Du bist erhitzt , — Du wirst doch nicht den ganzen Weg zu Fuße gemacht haben ? — Ja ? ! o , das ist aber gar zu viel bei der Hitze ! — Ein so zartes Kind ! “ sagte sie mit einem Blick des Mitleids zu den Andern . Sie mischte nun schnell einen Teller Him ­ beeren mit Zucker und nötigte Ernestine , sich zu setzen und zu essen , — aber die Übrigen sahen sie immer noch so durchdringend an , — sie vermochte kein Glied zu regen , sie vermochte kaum , den Teller zu halten , wie sollte sie gar essen , während alle die Leute ihr zuschauten , sie hätte vor Zittern den Löffel nicht zum Munde führen können . Sie würgte die immer reicher aufquellenden Tränen hinunter , so gut es ging , denn sie schämte sich auch zu weinen und sagte leise : „ Ich möchte wieder nach Hause ! “ — „ Nach Hause ! “ rief die Staatsrätin , „ ei , das kann nicht sein , mein Kind , Du hast Dich ja noch nicht einmal ausgeruht und bist so angegriffen ! Komm ’ , liebe Kleine , ich bringe Dich in ein kühles Zimmer , wo Du Dich ein wenig erholen kannst , ehe Du mit den andern Kindern spielst ! “ Sie nahm Ernestinen an der Hand und führte sie in das Haus , durch mehrere prachtvolle Salons in ein kleineres , aber hohes Gemach mit geschlossenen Läden und grüner Damasteinrichtung , in dem es so still , so dunkel und frisch war , wie in einem Wald . Auch an Duft fehlte es nicht in dem kühlen Raum , denn auf dem Tisch stand ein Glaskörbchen mit den herrlichsten Rosen . Ernestine war sprachlos vor Bewunderung über all das Schöne , was sie hier umgab . Sie hatte in ihrem Leben noch kein so prächtiges Zimmer gesehen , keine so reine Atmosphäre geatmet . Die Staatsrätin hieß sie , sich auf einen der grünen Damastdivans legen , was sie jedoch nur nach langem Sträuben und erst tat , nachdem sie ihre staubigen Stiefel ausgezogen hatte , ohne zu be ­ denken , daß dadurch ihre zerrissenen Strümpfe zu Tage kamen , und als nun die Staatsrätin mit einem freund ­ lichen „ Schlafe wohl , liebes Kind ! “ weggegangen und sie allein war , da brach eine Flut neuer Empfindungen über sie herein . Die Bitterkeit des eben Erlebten , die schmerzliche Freude über die Güte der Staatsrätin , der Zauber , den Pracht und Reichtum auf jedes Kinderherz üben , das Alles wogte in dem kleinen Kopfe wirr durcheinander . Die Einsamkeit in dem kühlen Gemach wirkte jedoch bald beruhigend auf sie . Das grüne Dunkel tat ihren ver ­ weinten , sonnengeblendeten Augen so wohl , sie fühlte sich so selig geborgen vor den bösen stechenden Blicken ; es war so kühl und still hier , so still , daß sie das Rauschen ihres eigenen Blutes zu hören glaubte . Sie dachte an ihre Plättstube und an des Vaters dumpfes Krankenzimmer daheim . Welch ein Unterschied war das ! Ach , hätte sie für immer hier bleiben dürfen ! „ Wie ist es möglich , daß Menschen böse sein können , die es so gut haben , und daß sie sich über ein armes Kind lustig machen können , das dies Alles entbehrt ? “ Aber die Frau Staatsrätin , der die Zimmer ge ­ hörten , die war doch gut , — ach , wie gut ! Aber so ganz anders , als Alle daheim , — so — wie nur ? So vor ­ nehm ! — Ja , zu Hause waren Alle mit ihr verglichen gemein — und Ernestine selbst war gemein , und wenn die Dame sie es auch nicht fühlen ließ , sie fühlte es doch und schämte sich auch vor der gütigen Frau . Und wenn diese Dame nun erst gesehen hätte , wie unge ­ zogen sie heute war , wie sie ihr Kleid abgerissen und mit Füßen getreten und Frau Gedike ein böses Weib ge ­ schimpft hatte . Sie wurde rot bei dem Gedanken und nahm sich vor , nie und in keinem Augenblick mehr so zu sein , daß die Frau Staatsrätin sie nicht sehen dürfte ! Das ästhetische Gefühl war plötzlich in dem Kinde erwacht , aber es flatterte noch wie ein scheuer Vogel hin und her ; von den Ihren fühlte es sich abgeschreckt , an die neue Umgebung wagte es sich nicht anzuschließen , weil sie ihm noch zu fremd war . Welch ’ ein innerer Adel sie vor Tausenden ge ­ wöhnlicher Kinder auszeichnete , dessen war sich die Kleine nicht bewußt , sie war nur tief zerknirscht über den Ver ­ gleich , den sie zwischen sich , jener Frau und jenen glän ­ zenden Kindergestalten , die sie so anmutig auf der Wiese umherschweben gesehen , anstellte und diese Zerknirschung , dieser Ekel vor sich selbst war eben der Beweis , wie fern ihrer jungen Seele das Gemeine , das Unschöne war , das man ihrer Außenseite anerzogen . — Über all diesen und ähnlichen Gedanken kam ihr der Schlaf , sie streckte sich auf dem weichen Lager behaglich aus . Das Klopfen ihres Herzens , der schmerzhafte Andrang gegen das Gehirn ließ nach und das allmälig schwächer werdende Sausen und Brausen in ihren Ohren sang sie , wie ein eintöniges , sanftes Schlummerlied , ein . — Vor dem Hause war indessen von nichts anderem die Rede , als von dem Kinde und seiner Familie . Man fand es unerhört , daß ein Freiherr von Hartwich seine Tochter so verwahrlosen ließ , man hatte ihn zwar nie für einen echten Aristokraten gehalten , denn seine Mutter war von niederer Herkunft , die sie auch dadurch bekundete , daß sie als Wittwe des alten Hartwich wieder in ihre kleinbürgerlichen Kreise zurückkehrte und den herunter ­ gekommenen , gleichfalls verwittweten Fabrikanten Gleißert ihrem adligen Sohn zum Stiefvater gab , daß sie die verschuldeten Fabriken des Gatten an sich kaufte und sie dem jungen Hartwich mit der Bedingung hinterließ , sie fortzuführen , was diesem sehr unlieb war . — Gleißert besaß einen Sohn aus erster Ehe Namens Leuthold , welcher studiert und seinem Bruder nicht viel Ehre ge ­ dacht haben sollte — es war derselbe , der hier bei ihm lebte . — Das Gespräch wurde unterbrochen durch die Ankunft eines ältlichen Herrn , der in einer bestäubten , aber eleganten Equipage vorfuhr . Eine Menge Ordensbänder zeigten , daß er eine bedeutende Stellung bekleide , aber daß sein Erscheinen noch von besonderer Wichtigkeit für die Frau des Hauses sei , bewies die Hast , mit der sie ihm entgegeneilte und das leise Zittern der Hand , die sie ihm entgegenstreckte . „ Vivat “ , rief er ihr entgegen , „ Ihr Johannes hat die erste Note bekommen — glänzendes Examen — seit zehn Jahren kein solches erlebt ! “ „ Gott sei Dank ! “ — hauchte die Staatsrätin aufatmend . „ Ja , ja ! “ — fuhr der freundliche Herr fort . „ Superber Junge — können sich gratulieren zu solch einem Sohn . Nicht eine Frage gefehlt — nicht eine ! Und mit einer Ruhe und Sicherheit geantwortet und ohne die leiseste Spur von Arroganz — Potz Tausend noch einmal — ich wollte , ich hätte geheiratet und hätte nun auch solch einen Sohn . — Na “ , sagte er , sich zu einem Knaben von ungefähr vierzehn Jahren , der mit ihm gekommen war , umwendend — „ wirst vielleicht auch einmal so — halte Dir nur den Johannes immer vor Augen . Sie erlauben doch meine Gnädige , daß ich Ihnen den Sohn eines verstorbenen Freundes , Ferdinand