Herr Pastor , Sie werden doch nicht das einzige aus dem Hause tun , woran man noch seine Freude hat ? « Die Stimme der Alten schwankte , als sie dies sagte . – » Wenn das die Selige wüßte , sie hätt ' s nimmer gelitten ! « Mein Vater stand auf . » Höre , Kathrin « , begann er , » nun will ich dir einmal etwas sagen : das Mädel ist jetzt sechs Jahre alt und ist aufgewachsen wie eine Wilde . Sie kann nichts , sie weiß nichts und sie lernt nichts . Du bist eine gute Seele , aber du kannst kein junges Mädchen erziehen . Ich verstehe es auch nicht . Frau v. Bendeleben tut es leid , das Kind so verwildern zu sehen , sie hat mir angeboten , Gretchen mit ihren Töchtern zusammen zu erziehen , das ist ein Vorschlag , den ich mit größter Dankbarkeit annehmen muß um des Kindes willen . Du kannst es sehen , sooft du willst . Sie wird uns besuchen , recht oft , nicht wahr , Gretchen , recht oft ? Und du , Kathrin , wirst noch deine Freude an ihr haben , und nun laß das Schluchzen und störe mich nicht länger . « Kathrin hatte die Schürze vor das Gesicht genommen , und dahinter tönte es weinend hervor : » Das nimmt kein gutes Ende , das weiß ich , es wird ihr nie mehr hier gefallen . « Dann nahm sie mich bei der Hand und ging mit mir hinunter . Dort zog sie mich auf ihren Schoß und weinte , als ob ich sterben müßte . Abends wusch und kämmte sie mich unter strömenden Tränen und brachte mich dann , nachdem ich , vor Ungeduld zappelnd , meinem Vater Adieu gesagt , auf das Schloß . » Gretchen « , sagte sie unterwegs , » wenn sie auch alle schön mit dir tun da droben , vergiß nicht , daß du in unser kleines Pastorhaus gehörst , und daß du einmal dorthin zurückkehren mußt . Werde nur nicht hochmütig , Kind . Ach , Gott erbarm ' s , wenn ' s nur kein Unglück gibt ! « Damals dachte ich wohl kaum , daß sich etwas von der Alten düsteren Prophezeiungen bewahrheiten könne . Ich wurde liebevoll dort aufgenommen und wuchs mit den beiden Töchtern des Hauses , Ruth und Hanna , heran . Unsere Erziehung war eine sehr sorgfältige , und mein Vater , der nach wie vor sein einsiedlerisches Leben fortsetzte und nur dann und wann sich einmal nach meinem Fleiß und meinen Fortschritten erkundigte , wurde ordentlich stolz auf sein Töchterchen . Kathrin forschte immer ängstlich nach Hochmutsspuren in meinem Gesicht . Als ich aber unverändert zärtlich und freundlich zu ihr blieb und mir stundenlang , wenn ich zu Hause war , von ihr erzählen ließ , wie gut und lieb mein Mütterchen , ihr ganzer Stolz , gewesen war , und mit unvermindertem Interesse die schon oft gehörte Erzählung anhörte , beruhigte sie sich allmählich etwas , doch bekam ich immer irgendeine Ermahnung mit auf den Weg . Nun muß ich Sie aber , liebes Kind , mit den Personen und Verhältnissen auf Schloß Bendeleben etwas bekannt machen . Der Hausherr war ein großer , stattlicher Mann , der richtige Typus eines deutschen Landedelmannes , mit blondem Haar und Bart und blauen Augen , die ziemlich unbedeutend , aber voll Herzensgüte in die Welt blickten . Ein großer Geist war er eben nicht , und seine Frau überragte ihn in dieser Beziehung um ein bedeutendes . Nur eines hatten die Gatten gemein , sie sahen beide mit souveräner Herablassung auf alles , was nicht adlig war , hernieder . Sonst eine kühle , ruhige Natur , konnte der Baron außer sich geraten , wenn er zum Beispiel in der Zeitung las , daß ein altes , adliges Rittergut in die Hände eines Bürgerlichen übergegangen war . Die Heirat eines Adligen mit einem bürgerlichen Mädchen vermochte ihn zu langen Reden aufzureizen , die gewöhnlich damit schlossen : » Gott weiß , was aus der Welt noch werden soll , wenn dieser Standesunterschied aufhört . Es wird noch alles drüber und drunter gehen , ich mag es gar nicht erleben . « Frau v. Bendeleben war taktvoller und sprach ihre Ansichten nicht so unumwunden aus wie der Baron . Daß sie aber ebenso dachte , bewiesen verschiedene kleine Züge , die ich in unserem Zusammenleben zu beobachten Gelegenheit hatte . Freilich war ich dort so wohlgelitten , wurde beinahe als Tochter behandelt . Ich machte aber doch später die bitterste Erfahrung in dieser Beziehung , und der Standesunterschied wurde mir gerade zu einer Zeit in Erinnerung gebracht , wo ich unglücklich , recht unglücklich war und Schutz und Schonung sehr nötig hatte . Doch davon schweige ich noch . Im übrigen war Frau v. Bendeleben eine edle , gutdenkende Dame , und wenn sie mir einmal ein Unrecht zufügte , so geschah es infolge ihres angeborenen Stolzes und der großen Liebe zu ihren Kindern . Sie war eine vortreffliche Mutter , eine gute Hausfrau , und eine der schönsten Frauen , die ich je gesehen . Die älteste Tochter Ruth sah ihr ähnlich , nur übertraf sie wohl die Mutter noch . Ein blendend schönes Geschöpf war sie , von elfenhaft zierlicher Gestalt . Das ovale Gesichtchen mit den großen , dunkelbraunen Augen , die schmachtend und feurig zugleich unter den langen Wimpern hervorblickten , war von einer Fülle schwarzer Locken umrahmt . Die feine Nase , der kleine Mund , der so süß zu lächeln verstand , alles bewirkte , daß man sich kaum von dem Anblick dieses reizenden Geschöpfes losreißen konnte . Gewiß haben Sie , liebes Kind , schon einmal das Porträt der schönen Gräfin Potocka gesehen , das jetzt in allen Schaufenstern hängt – nun wohl , so sah sie aus , es bestand eine merkwürdige Ähnlichkeit mit diesem Bilde . Sie besaß den Stolz der beiden Eltern in doppeltem Maße und sie war die einzige im Schlosse , die mir von jeher nicht wohlwollte . Mit einer Feinheit zeigte sie mir , daß ich nicht ihresgleichen sei , die bei einem Kinde in Erstaunen setzen mußte . Überhaupt war sie kein guter Charakter . Die Anbetung und die Schmeicheleien , die schon in früher Jugend ihrer schönen kleinen Persönlichkeit gezollt wurden , machten sie vor der Zeit kokett und herausfordernd . Männern gegenüber entwickelte sie von jeher eine bezaubernde Liebenswürdigkeit . Zuerst waren es der Vater , der Hauslehrer oder etwaige Vettern , welche die Ferien auf Schloß Bendeleben verlebten , an denen sie ihre Macht übte . Sie wickelte sie alle um den Finger . Dann – doch davon später . Hanna , die jüngere Tochter , mit mir in einem Alter , war ein schüchternes , liebliches , blondes Kind . Wir waren und blieben Herzensfreundinnen bis zu ihrem frühen Tode . Uns stand Ruth stets feindlich gegenüber , und tausend kleine Zänkereien kamen vor , tausend kleine Demütigungen wurden mir zuteil , ohne daß ich mich zu beklagen wagte . So vergesse ich eine Szene nie : es war eines Tages ein Hausierer ins Schloß gekommen , der allerlei zu verhandeln hatte : Garn , Zwirn , Nadeln und bunte Tüchelchen und Bänder . Nur wer lange auf dem Lande gelebt hat , kann sich vorstellen , welch einen Zauber so ein häßlicher , alter Jude auf sämtliche weibliche Gemüter im Hause ausübt . Es ist ein ordentlicher Jubel , sieht man ihn , den Kasten am verschossenen grünen Bande tragend , von weitem kommen . Man erinnert sich , daß dieses oder jenes fehlt , und man kauft und handelt , daß es eine wahre Lust ist . Auch Frau v. Bendeleben stand in der großen Halle des Schlosses mit dem Hausierer , und wir natürlich erwartungsvoll daneben . Die weibliche Dienerschaft hatte dem Alten schon verstohlen Winke gegeben , worauf er ernsthaft versicherte : » Wenn wird gekauft haben die gnädige Frau Baronin und die gnädigen Fräulein Töchter , werde ich auch kommen zu den Mägden . « Als Frau v. Bendeleben mit ihrem Handel fertig war , erteilte sie uns zu unserer größten Freude die Erlaubnis : » Jede von uns dürfe sich ein Band aussuchen , das sie uns schenken wolle . « Ruth griff mit ihren kleinen Händen sofort nach einem blauen Bande , das mir auch sehr gut gefiel . Sie hielt es sich an ihre dunklen Locken und fragte , ob es ihr gut stehe ? Hanna wählte irgendeine andere Farbe , nur ich stand noch unentschlossen da . Nachdem für Ruth von dem blauen Bande abgeschnitten worden war und auch Hanna das ihrige bereits in den Händen hielt , fragte sie : » Nun , und du , Gretchen ? « – » Ich möchte auch von dem blauen Bande « , sagte ich , » bitte schneiden Sie ab . « Ruth , die sich ihr Band , wie um es zu probieren , um den Hals geschlungen hatte , riß es bei diesen Worten plötzlich ab . Sie warf den kleinen Kopf zurück , unter den langen Wimpern hervor traf mich ein unendlich geringschätziger Blick . Dann wandte sie sich um , und das Band der Kammerjungfer ihrer Mutter zuwerfend , sagte sie zu dem erstaunten Mädchen : » Da , Lisette , ich schenke es dir . « Im ersten Moment begriff ich nicht , was dies bedeuten solle , dann aber stieg mir das Blut siedendheiß in die Wangen . Hanna hielt mich schnell umfaßt , als wolle sie die Unart von mir abwehren . Der alte Jude aber schaute mit klugen , lächelnden Mienen bald mich , bald Ruth an , wahrend er das unglückliche blaue Band vor mich auf den Tisch legte . Es lag eine so furchtbare Demütigung in diesem Auftritt , daß ich mich wie Hilfe suchend nach Frau v. Bendeleben umwandte . Doch die besichtigte mit so viel Interesse die kleinen Sachen in dem Kasten des Hausierers , daß es schien , als habe sie nichts von dem bemerkt , was soeben vorgegangen . Freilich war es ja auch vermessen von mir , mit der Tochter des alten adligen Hauses gleiche Bänder tragen zu wollen , als ob ich die Schwester sei . Sie hatte mir gezeigt , mit wem ich d ' accord sein konnte , die Kammerjungfer und ich – das paßte besser , und doch noch nicht vier Jahre später , da streckte sie die Hand nach dem aus , was mir gehörte , da trat es ihrer Ehre nicht zu nahe , etwas für sich in Anspruch zu nehmen , was der kleinen bürgerlichen Pfarrerstochter zu eigen war ! Oh , ich habe sie einmal glühend gehaßt , dieses stolze , eitle Geschöpf . Sie hat mein ganzes Lebensglück zerstört . « Die Augen der alten Dame blitzten zornig auf , und noch jetzt , nach so vielen Jahren , war die Röte der Beschämung auf ihrem Gesichte emporgeflammt . » Sie hätten sich an diese Szene gar nicht erinnern sollen , liebes Fräulein « , sagte ich . » Doch , mein liebes Kind , Sie müssen ihren Charakter verstehen lernen . Sehen Sie , solche Szenen kamen öfter vor , und wäre nicht Hanna gewesen und hätte mir nicht die ungemütliche Häuslichkeit in dem kleinen Pfarrhause so entsetzlich mißfallen , ich wäre damals so gern dorthin zurückgekehrt . Aber mein Vater , der den ganzen Tag über sich seinen archäologischen Studien widmete ( er hatte sich einen großen Namen erworben in diesem Fache ) , die alte Kathrin mit dem verdrießlichen Gesicht , ewig spinnend in der unheimlich öden und ungemütlichen Wohnstube , wo jede Spur von Zierlichkeit geschwunden war , keine Blumen , kein Teppich vor dem verschossenen Sofa , keine Decke auf dem Tische – selbst die Gardinen hatte die Alte kassiert – , alles machte mir den Aufenthalt so unerträglich dort unten , daß ich glaubte , die Wände müßten auf mich herabfallen . Ich sehnte mich nach den hohen , eleganten Zimmern , nach den weichen Teppichen , auf die mein Fuß trat . Ich hatte mich so rasch in diese Umgebung hineingewöhnt , daß sie mir zum Leben , zum Atmen unentbehrlich schien . Es beleidigte meinen Schönheitssinn , wenn ich das Pfarrhaus besuchte , und Kathrin in einer braunen irdenen Kanne den Kaffee servierte und mit der Schürze über den Tisch fuhr . Ich konnte dann gewöhnlich nichts hinunterbringen und fragte mich immer : wie es möglich sei , daß mein Vater , ein so gebildeter und gelehrter Mann , einen gewissen Luxus in dieser Beziehung entbehren möchte ? Kathrin merkte es wohl , daß es mir zu Hause nicht mehr gefiel , doch war sie ruhig und hielt keine längeren Reden mehr . » Ich hab ' s vorher gewußt « , das war alles , was sie darüber äußerte . So schwebte ich gleichsam zwischen Himmel und Erde , und nur meine Hanna , das beste Herz , das es je auf der Welt gab , entschädigte mich für alles , was mir schmerzlich war . Inzwischen wurde Ruth eingesegnet und ging auf ein Jahr nach B. in eine Erziehungsanstalt . Nun kam für Hanna und mich eine glückliche Periode . Wir verlebten die Backfischzeit in ungetrübter Seligkeit und wurden zusammen eingesegnet durch meinen Vater . Heimlich bangte uns vor dem Augenblick , da Ruth wiederkommen mußte . Ich konnte ja nicht immer auf dem Schlosse bleiben und dachte mit Schauder und unter Tränen an die Rückkehr in das Pfarrhaus und an das Leben dort unten . Indessen wir ängstigten uns grundlos . Eine Schwester der Frau v. Bendeleben , die in Wien lebte , erbot sich , die junge , schöne Tochter in die große Welt einzuführen und mit ihr den Winter in der fröhlichen Kaiserstadt zuzubringen . Den Eltern war der Vorschlag recht , denn ein einsames Gut ist nicht der Ort , eine solche Schönheit zur Geltung zu bringen , und außerdem war der Baron zu bequem , um sich nicht herzlich zu freuen , daß ein anderer diese strapaziöse Pflicht übernehmen wollte . Infolgedessen traf Frau v. Bendeleben mit meinem Vater die Verabredung , daß ich noch länger im Schlosse bleiben solle , damit Hanna nicht allein sei . Niemand war froher als ich , ich fühlte mich so glücklich , wurde so liebevoll behandelt , daß man äußerlich keinen Unterschied mit der eigenen Tochter wahrnehmen konnte . Zuweilen wurde ich geradezu verzogen , besonders von dem Baron . Ich hatte eine sehr gute Stimme , und da mir Herr v. Bendeleben , der Gesang über alles liebte , einen ausgezeichneten Unterricht geben ließ , so machte ich bedeutende Fortschritte und konnte ihn durch nichts mehr erfreuen , als wenn ich abends im Dämmern seine Lieblingslieder sang . Er tat mir dafür alles mögliche zuliebe und beschenkte mich oft mit Sachen , die vielleicht für meine Lage nicht passend waren . Mit kindischer Freude nahm ich die schönen , oft kostbaren Geschenke hin und bildete mir wohl ein , das müßte so sein , wenigstens dachte ich nicht darüber nach . Einmal , als ich ihm sein Lieblingsstück , die wundervolle Arie des Pagen aus » Figaros Hochzeit « : » Neue Freuden , neue Schmerzen « , ganz besonders gut vorgesungen hatte , schenkte er mir ein wunderhübsches Pferd und einen Reitanzug . Kurz vorher hatte ich beim Betrachten eines schönen Bildes , das eine schlanke Amazone auf mutigem Pferde darstellt , geäußert : » Wie wundervoll muß es sein , auf solch prächtigem Tiere durch Wald und Feld zu fliegen . Ach , wer doch reiten könnte ! « Da bekam ich das Pferd und das Kleid . Hanna war schon von jeher geritten . Herr v. Bendeleben gab mir selbst Unterricht , und ich saß in einer Seligkeit auf dem hübschen , schwarzen Tierchen , die , glaubte ich , rührend war . Es wurde mein größtes Vergnügen , zu Pferde mit Hanna die liebliche Gegend zu durchstreifen . Ich hätte aufjauchzen mögen vor Wonne , flog ich so auf schattigen Waldwegen dahin . Zuweilen begleitete uns der Baron , und im Walde , wenn die Tiere auf weichem Moose so leise dahinschritten und die Sonne nur verstohlen durch die Wipfel der alten Eichen blitzte , dann bat er wohl : » Nun , Gretel , singe mir ein Lied ! « Und dann sang ich aus dem vollen jungen Herzen heraus : » O Täler weit , o Höhen , o schöner , grüner Wald ! « Die Pferde spitzten dann die Ohren , und Hanna sang leise die zweite Stimme mit , während der Baron , aufmerksam zuhörend , im Sattel saß . Oh , es waren glückliche Stunden , die ich so verlebte , und meine Liebe und meine Dankbarkeit für die Familie , die mir all dieses Schöne verschaffte , wuchs stündlich in meinem Herzen . Zuweilen , wenn wir oben in unserem Mädchenstübchen saßen , das in einem der großen runden Türme lag und von dem kleinen Balkon , der wie ein Schwalbennest daran hing , die schönste Aussicht auf die bewaldeten Hügel bot , schlang ich den Arm um Hanna und sagte : » Hanna , es ist doch zu schön in der Welt , und was wird nun erst noch alles kommen ! « Im Winter , wenn der Sturm um das alte Schloß tobte und an den Fenstern rüttelte , als wollte er sie zerschmettern , dann saßen wir am Kamin im Turmstübchen , das Feuer flackerte und knisterte , die blauen Vorhänge vor den Fenstern waren fest zugezogen , die Lampe brannte , und mit vor Eifer glühenden Wangen fertigten wir Weihnachtsarbeiten , oder eines las vor aus Büchern , welche die Frau Baronin immer sorgfältig auswählte . Manchmal kam sie dann herauf , um sich zu überzeugen , was wir trieben , oder es war ein Brief von Ruth angelangt , den sie uns vorlas . Das zierliche Billettchen enthielt gewöhnlich nur eine Beschreibung der letzten großen Festlichkeiten , eine Andeutung , wie sehr man gefeiert sei , und die Versicherung , daß sich die Schreiberin sehr glücklich fühle und den lieben Papa , die angebetete Mama und die süße Hanna grüßen lasse . An mich wurde nie ein Gruß bestellt . Hanna nahm dies mehr übel als ich , und wenn sie an Ruth schrieb , so stand gewöhnlich in dem Brief : » Gretchen ist mir wie eine Schwester , Gretchen habe ich mit jedem Tage lieber , wir leben sehr glücklich zusammen und sie läßt Dich grüßen . « Letzteres war dick unterstrichen , doch wurde nie Notiz davon genommen . Trotzdem lebte ich ein glückliches Leben , und wenn nicht der spitze Giebel meines väterlichen Hauses hinter den Wipfeln der alten Linden mahnend zu mir herübergeschaut hätte , ich würde geglaubt haben , Schloß Bendeleben sei meine angestammte Heimat . So war ein Jahr nach unserer Einsegnung vergangen , und da keine gütige Tante kam , um auch Hanna die Freuden der großen Stadt kosten zu lassen , so machte man nun Anstalt , ihr das zu bieten , was sich eben bieten ließ . Das Elternpaar Bendeleben fuhr mit uns zu Besuch bei der adligen Nachbarschaft , und man sprach allen Ernstes davon , im nächsten Winter die Kasinobälle unserer Stadt mitzumachen . Ruth war noch nicht wieder im Elternhause gewesen , sie wurde aber im kommenden Sommer erwartet , und man wollte dann die schöne Jahreszeit sehr vergnügt zubringen . Das Herbstmanöver sollte in unserer Gegend sein ; man machte sich auf viel Einquartierung gefaßt , und so war die Gelegenheit zu einigen Festen gegeben , die Hannas Eintritt in die Welt feiern sollten . Mir bangte vor dem Wiederkommen Ruths . Sie hatte sich stets als meine Gegnerin gezeigt , und jetzt , da sie erwachsen war , würde sie noch weniger ihre Abneigung gegen mich verbergen . Doch es kam anders . Es war ein wunderbar warmer Tag gegen Ende März , als wir , Hanna und ich , von einem Spazierritt heimkehrten . Der Himmel war mit leichten , grauen Wolken verhangen , die Bäume hatten schon dunkelbraune , dicke Knospen . Unser Weg führte an dem kleinen Fluß hinauf , der , bis zum Rande angeschwollen , sein lehmfarbenes , trübes Wasser glucksend und plätschernd an uns vorbeirauschen ließ . Die Weiden am Ufer hingen ihre gelben Blütenkätzchen beinahe hinein in die Wellen ; es war so milde Luft , daß man unwillkürlich den Blick zur Erde senkte , um nach blauen Veilchen zu spähen . Unsere Pferde gingen langsam nebeneinander . Wir sprachen nicht , Frühlingsluft macht müde . Der kleine Jockei hinter uns hatte schon ein paarmal recht vernehmlich gegähnt . Ich sah auf Hanna ; ihre hellblonden Haare quollen unter dem schwarzen Hütchen hervor und fielen in langen Locken auf das dunkle Reitkleid , der blaue Schleier umspielte liebkosend das rosige Gesichtchen , die kleinen Hände hielten nachlässig Zügel und Reitpeitsche , und die Augen schauten träumerisch in das Wasser . Auf einmal kam mir wieder der Gedanke , wie wird es sein , wenn Ruth zurückkehrt ? Ein banges Vorgefühl überfiel mich , es müsse hier auf einmal alles anders werden , man könne mir eines Tages andeuten , daß man mich nicht mehr gebrauche , daß die beiden Schwestern sich selbst genug seien . Ich sah mich schon im Geiste in der ungemütlichen Wohnstube in meines Vaters Hause , Kathrin mit ihrem Spinnrade am Fenster , auf den weißen Dielen knirschte der Sand unter meinen Füßen , die braune Kaffeekanne steht auf dem Tische – unwillkürlich faßte ich die Zügel straffer , mein Pferd tat einen kleinen Seitensprung . » Was machst du denn , Gretel ? « fragte mich Hanna , ganz erschreckt aus ihren Träumereien auffahrend . » Du siehst ja ganz blaß aus ? « » Oh , nichts , Hanna « , sagte ich . » Ich dachte nur eben daran , wie ich es möglich machen werde , ohne dich unten im Pfarrhause zu leben . Ich fürchte mich vor Ruth « , setzte ich hinzu , als mich Hanna verwundert anschaute . Sie beruhigte mich mit tausend Schmeicheleien , hielt mir vor , wie lieb sie mich , wie lieb mich ihre Eltern hätten , wie sie ohne mich nicht leben könne , und daß Ruth gewiß nicht lange in dieser Stille und Einsamkeit aushalten würde . » Du weißt gar nicht « , sagte sie , » wie lieb dich zum Beispiel Papa hat . Erst gestern , als du mit den Schneeglöckchen durch den Garten kamst , sagte er : » Wie hübsch die kleine Hexe geworden ist , die sticht mir wahrhaftig noch meine Töchter aus . « Ich mußte laut lachen und war beruhigt . Lange über etwas zu grübeln , war überhaupt nie mein Fall . Ich war das sorgloseste , leichtblütigste Geschöpf der Welt , und solche Anwandlungen , die mich traurig machten , hatte ich äußerst selten . Ich bog mich also zu Hanna hinüber , gab ihr lachend einen Kuß auf die Wange , setzte mein Pferd in Galopp und rief lachend zurück : » Mir nach ! Wer zuerst an der großen Freitreppe ist , soll König sein ! « Ich flog durch die breite Allee , mein Pferd , ein kleiner , schöner Rappe , brauchte nicht erst durch Zuruf ermuntert zu werden , er hörte hinter sich die Tritte von Hannas Pferd , in kürzester Zeit parierte ich an der Treppe . Der Baron stand unten auf der letzten Stufe , neben ihm ein fremder Herr , fast größer noch als der Baron , mit dunklen , blitzenden Augen , die mich ganz verwundert betrachteten , während er höflich , den Hut in der Hand , hinzutrat , um mir beim Absteigen behilflich zu sein . » Wildfang ! « schalt lachend der Baron . » Wer wird denn so verrückt reiten ! Das Mädel ist rein toll , und die andere macht ' s ihr nach – sag ' ich ' s nicht ? « setzte er hinzu , indem er auf Hanna zeigte , die jetzt angebraust kam . » Wer ist hier wieder der Anstifter gewesen ? Heraus damit ! « rief er , augenscheinlich sehr guter Laune . Wir waren indessen von den Pferden gesprungen , und unsere Augen musterten neugierig den eleganten jungen Mann ; der Baron betrachtete uns ein Weilchen , dann sagte er : » Geh hin , liebe Hanna , und gib deinem Schwager die Hand . Der Graf Satewski ist der Verlobte deiner Schwester . « Hanna wurde leichenblaß und blieb unbeweglich stehen . Der Graf , den Hut noch immer in der Hand haltend , sah bald mich , bald Hanna an , bis der Baron seine Tochter an der Hand nahm und sie ihm zuführte ; scheu legte sie die Hand in die seine . » Und dieser Wildfang hier « , erklärte der Baron , auf mich deutend , » ist die Freundin meiner Tochter und unsere liebe Hausgenossin , Fräulein Margaret Siegismund . « Ich stand noch wie betäubt , dann aber fiel ich laut jubelnd Hanna um den Hals . » Hanna ! « rief ich , » du weißt schon , weshalb ich mich so freue . Denke daran , was wir eben sprachen . Nun ist alles gut ! « Und dann ließ ich die Erstaunten stehen und lief , das lange Reitkleid über den Arm nehmend , durch den Park nach meines Vaters Hause . Ich sprang die ausgetretenen Stufen vor der Haustür hinauf , rannte Kathrin , die eben aus der Küche trat , beinahe um , ohne mich bei ihr zu entschuldigen , die Treppe hinan und riß die Tür zu meines Vaters Studierstube auf . Der bekannte dicke , blaue Tabakdampf quoll mir entgegen . Aber heute störte er mich nicht , ich warf die Reitpeitsche auf den nächsten Stuhl und schlang beide Arme um den Hals meines Vaters . » Ich muß dir etwas erzählen , liebster Papa . Denke dir – was sagst du nur dazu – Ruth – « Ich wollte eben weiter fortfahren , als vom Sofa sich eine Gestalt erhob – erstaunt sah ich auf , ein Besuch war so etwas Ungewöhnliches , daß ich beinahe glaubte , einen Spuk zu erblicken – , ein schlanker junger Mann stand vor mir , sein Anzug ließ den Geistlichen erkennen . » Dies ist meine Tochter , Herr Amtsbruder « , sagte mein Vater , ohne mich anzusehen . Die Augen des jungen Mannes maßen mich mit völligem Erstaunen , und ich glaube , ich schien ihm als Pfarrerstöchterchen sehr wenig zu imponieren . Es war etwas Ironisches in seinem Blick , mit dem er meine Persönlichkeit betrachtete – das dunkelgrüne , schleppende Reitkleid , der Filzhut mit dem grünen Schleier , vom eiligen Laufe etwas schief gerückt , die Stulphandschuhe an den Händen mochten ihn wohl eher an alles andere erinnern , als an das züchtige Töchterlein eines geistlichen Hauses . Ich fühlte etwas wie Beschämung unter seinen Blicken und bemühte mich , eine von dem tollen Ritt gelöste Flechte wieder anzustecken . » Erschrecken Sie nicht , Fräulein « , sagte er ganz einfach , » Sie werden mich hier öfter sehen , da ich die Pfarrstelle von Weltzendorf erhalten habe . « » Die Pfarrstelle ? « stammelte ich und sah erschrocken auf meinen Vater . » » Ja , Gretel « , sagte er , » ich habe mich emeritieren lassen , es wurde mir zu schwer , das Amt ferner zu versehen . Ich darf jetzt meinen Studien leben , und ich werde auch reisen , was ich bis jetzt nicht konnte . Übrigens bleibt alles beim alten . Das eigentliche Pfarrhaus drüben ist unbewohnt , und da dies Haus mein Eigentum ist , so stehen keinerlei Veränderungen bevor . Aber , was wolltest du mir erzählen ? Du kamst ja in hellem Jubel an ? « Ich war so überrascht , daß ich ganz kleinlaut sagte : » Oh , es ist weiter nichts , Ruth hat sich verlobt , der Bräutigam ist hier , und da meinte ich nur , weil Hanna nachher allein ist , so kann ich nun im Schloß bleiben , und – « ich wollte sagen : » darüber freue ich mich so sehr « , stockte aber , als wieder der Blick des jungen Pfarrers ganz verwundert an mir hing . Es fiel mir mit einem Male ein , daß meine Freude beleidigend für meinen Vater sein könne , und ich verschluckte das übrige . Mein Vater nickte mit dem Kopfe . » Ja so , ja so « , sagte er in seiner zerstreuten Art. » Möchtest du nicht der Kathrin sagen , daß sie eine Flasche Wein heraufbringt – ? « Ich ging , aber nicht ohne ein Gefühl , daß ich dem jungen Pfarrer doch sonderbar vorkommen mußte . Die zierliche Reitpeitsche versteckte ich so viel wie möglich in den Falten meines Kleides . Als ich die Tür schloß , sah ich noch einmal die verwunderten Augen des jungen Mannes auf mich gerichtet , dann stieg ich die Stufen hinab und richtete Kathrin meinen Auftrag aus . Die Alte war offenbar schlechter Laune . » Wie siehst du nun wieder aus ? « fing sie an , nachdem sie mich eine Zeitlang betrachtet hatte . » Wie eine Komödiantin , aber nicht wie ein vernünftiges bürgerliches Mädchen . Was soll der junge Herr Pfarrer von dir denken ? Die Haare hängen um den Kopf , als hättest du sie seit acht Tagen nicht gekämmt , eine Peitsche hast du in