Fluß , das sie von dem sonderbaren Zufall unterrichtete , der Helene mit ihrem Jugendfreund wieder zusammenführte , aber die Professorin antwortete nicht , und schon nach einem Weilchen erhob sie sich , um zu gehen . Helene begleitete sie auf den Korridor . » Lene , ich bitte dich , « begann dort die Freundin , indem sie energisch in ihre Paletotärmel fuhr , » nun frag mich nur nichts und erkläre mir nichts mehr und rede überhaupt nichts , – ich bin ganz benommen , ich könnte dir nicht antworten , nur eines muß ich fragen : Warum heiratet ihr euch nicht ? « » Wer ? « rief Lene erblaßt . » Nun , ihr ! Du und der Wendenfels . Es wäre doch das einzig Richtige . « » Aber – aber – « Helene rang nach Luft . Es war ihr , als habe jemand plötzlich die bescheidene blasse Sonne abgesperrt , die über ihrem Leben aufgegangen war , seitdem sie mit Wendenfels verkehrte . » Aber warum denn ? « stotterte sie endlich hervor . Doch die alte Freundin blieb hierauf die Antwort schuldig , weiter nichts sagte sie als : » Na , lebe wohl , Lene , beherzige das ! « Dann war sie gegangen . Da stand die arme Helene und drängte nur mit Macht die Tränen zurück . Wie alt muß man denn werden , bis man tun und lassen kann , was man will , ohne albernen Verdächtigungen ausgesetzt zu sein ? Und was denn nun ? Jetzt , wo ihre Unbefangenheit dahin war , schien ihr die Situation selber unmöglich . Mit einem einzigen Wort hatte diese Sophie sie in Wirren und Sorgen gestürzt , die zu lösen ihr unmöglich dünkten . Ganz verstört trat sie in die Küche und sagte dem Mädchen , es möge 25 sie entschuldigen bei den Herrschaften drinnen , sie habe plötzlich Kopfweh bekommen und müsse sich niederlegen . Dann war sie allein in ihrer Schlafstube . Sie stand vor dem Spiegel und sah ihre weißen Haare an . Merkwürdig , hatte sie sich verjüngt , oder war es der Zorn ? Sie hatte rote Wangen und blitzende Augen . Das vergrämte schlaffe Gesicht , das ihr sonst entgegenblickte , war verschwunden . Und ihr ehrliches Herz gestand es ihr zugleich ganz freimütig : Ich liebe ihn noch immer , und wenn der Verstand da oben unter den gebleichten Haaren auch darüber lächelt ! Ich bin die alte geblieben , ich bin noch jung . – Und der Verstand antwortet darauf : Was nun ? Dein Herz hat eben die Rechnung ohne den Wirt gemacht . Das Kind hast du geholt , hast ihm eine Heimat geboten , und der Mann sonnt sich in den Strahlen deiner Güte , und die Menschen machen Glossen über dich und verunglimpfen dein Leben . Ja , Lene , was tust du nun ? Hättest du nach mir gefragt ! – O , sie wußte weder aus noch ein ! Du müßtest verreisen ! sagte der Verstand wieder . Bitte das Kind , während der Zeit zu seinem Vater zu gehen . Kündige heimlich die Wohnung und bleibe lange fort , lange – komm gar nicht wieder , – sieh zu , wo du wieder ein Heim findest , ein ganz einsames , freudloses . Die Welt ist unduldsam und niemand verschont sie , nicht jung , nicht alt . – Sie saß fassungslos in dem tiefen Sessel an ihrem Bett und hörte , wie man den Rollstuhl der Kranken in das Schlafzimmer fuhr , wie die Pflegerin diese zu Bett brachte und 26 beruhigend zu ihr sprach . Das arme Kind schien sich über ihr Kranksein zu beunruhigen , denn sie hörte , wie man ihm sagte , die Tante würde morgen wieder ganz wohl sein . Die Korridortüre war längst ins Schloß gefallen , Wendenfels nach drüben gegangen . Er würde nie wieder sitzen in ihrem traulichen Zimmer , – nie . Das ertrüge sie nicht , daß man solches von ihr dächte – nein . – Schnell mußte sie nun einen Entschluß fassen , – schnell . – Aber welchen ? – Am andern Morgen schrieb sie ihm ein paar Zeilen , sie müsse zu einer Verwandten reisen , die zufolge einer dringlichen Besprechung ihre Gegenwart wünsche . Ob Else so lange zu dem Vater übersiedeln könne mit der Pflegerin ? Sie , Lene , sei überzeugt , daß das junge Mädchen jetzt so aufgetaut gegen ihn sei , daß es nicht mehr frieren werde bei ihm . Er möge nur verzeihen , daß sie ihm nicht einmal Adieu sagen könne , aber sie habe so entsetzliche Eile fortzukommen . Den Brief in der Tasche , wanderte sie den ganzen Tag umher zwischen dem halbgefüllten Koffer in ihrer Schlafstube und dem Fahrstuhl des Kindes , das blasser noch als gewöhnlich dasaß und mit großen vorwurfsvollen Augen das sonderbare Gehabe ihrer Tante betrachtete . Und diese schämte sich ihrer Lügen und ihrer Feigheit und meinte doch , nicht anders handeln zu können , als wie sie tat . Die Dunkelheit kam früher als sonst , es war kaum vier Uhr . Mit bangem Herzen stand Helene in ihrem Erkerzimmer . Sie hatte den Brief noch immer nicht hinübergeschickt . Nun mußte es bald geschehen . Die Koffer waren gepackt , um acht Uhr ging der Zug . Jetzt konnte sie auch dem Pflegetöchterchen Mitteilung machen , denn heute war Wendenfels im Klub und kam nicht vor neun Uhr zurück . Else mochte mit der Pflegerin heute noch hier schlafen , morgen früh würde der Vater ja bestimmen , was geschehen solle . Sie erinnerte sich , noch einige nötige Berechnungen am Schreibtisch erledigen zu müssen , da trat jemand in das Zimmer . In der Meinung , es sei das Mädchen , sagte Helene , die 29 noch am Fenster stand : » Bitte , zünden Sie die Lampe an und stellen Sie sie auf den Schreibtisch . « Aber statt der Antwort kam nur ein rascher energischer Schritt über den Teppich und eine besorgte Männerstimme fragte : » Verzeihen Sie mir , wenn ich störe . Die Unruhe treibt mich her . Ist es denn wirklich wahr , daß Sie reisen müssen ; wie mir meine alte Hanne sagte . « Helene Wilkens wandte den Kopf herum . » O , über diesen Dienstbotenklatsch ! « Sie lachte verlegen . Und so tief dämmerig es war , sah er doch die Verlegenheit über ihre Lüge auf ihren Wangen brennen . » Helene , « sagte er , » Sie wollen fort , aber das dulde ich nicht . Es ist meine Sache , zu gehen . – Aber ist es denn nötig ? « Er hatte ihre Hand ergriffen und hielt sie fest in der seinen . » Haben wir uns gefunden , um uns wieder zu verlieren ? « fragte er leise . » Gestern – vorgestern , alle Tage vordem schon habe ich Sie fragen wollen darum , – auch ohne durch die sonderbaren Blicke der Frau Sophie erinnert zu werden . Helene , willst du – « er stockte , sie hatte sich heftig von ihm gewandt und war in das Zimmer zurückgetreten . » Nein – nein – nicht weiter ! « stotterte sie . » Sprechen Sie nicht weiter ! Es war unüberlegt , was ich tat , – man soll nicht blindlings seinem Herzen folgen – aber nichts hat mir ferner gelegen , als mit meinem Tun für das arme Kind diese Frage heraufzubeschwören . Gewiß nicht – glauben Sie mir , ich wußte nicht , daß man selbst in weißem Haar nicht handeln kann wie man will , ohne mißverstanden zu werden . « Sie wollte an ihm vorüber , da vertrat er ihr den Weg . » Nein , zum zweiten Male lasse ich mich nicht in die Ecke stellen , « sagte er leise . » Was willst du denn , Helene : ich stände in diesem Augenblick hier , auch wenn das arme Kind dort drinnen gar nicht existierte , und mit der nämlichen Frage : Willst du mich noch , Lene ? « Es war unheimlich still in der Stube . Nichts als das leise Schluchzen der Frau , die am Flügel lehnte und nicht fähig war zu antworten . Da trat er neben sie und zog sie an sich . 30 » Helene , wollen wir nicht das alte Notenbuch wieder hervorsuchen und da wieder anfangen , wo du dein Kreuzel damals gemacht ? Wollen wir aus deinem Kreuzel nicht einen Stern machen ? Ein goldenes Glücksternchen , das über unsrer alten treuen Liebe scheinen soll ? Ja ? Du willst ? Herz , ich danke dir , – und nun sei gut , sei ruhig ! « » Ach , laß mich doch weinen , « bat sie , » ich war ja eben noch so unglücklich – und nun – « » Nun packe deinen Koffer wieder aus , ich packe den meinen . Und weißt du , wo ich hin will ? In deine Vaterstadt will ich , das alte Haus in Stand setzen für uns , denn wenn du so denkst wie ich , können wir dort erst so recht glücklich sein , wo die Erinnerung an unsere Jugend wohnt in den traulichen getäfelten Stuben ! Und in der alten Marienkirche , deren Turm in unsere Fenster sieht , da wollen wir uns trauen lassen . Nicht ? « » Ja , « sagte sie , » von dem alten Superintendenten , der neckte mich schon damals immer mit dir . Ach du , « fuhr sie fort , » und der alte liebe Garten , wie wird ihn Else genießen . « » Und wir mit ! « erwiderte er lachend . » Wir sind auch für uns da . Du weißt ja gar nicht , Lene , wie jung und schön du noch bist ! « » Aber , Otto ! « sagte sie ernstlich abweisend . Doch dann lachte sie , und es klang wirklich ganz jung und glücklich . 31 Großmutters Kathrin . meiner frühesten Kindheit schon lernte ich sie kennen und hatte heillose Angst vor ihr . Sie war Großmutters Dienstmädchen zu jener Zeit , als sich dieselbe von dieser Sorte nur noch eine hielt , das heißt , als die Kinder schon alle dem heimatlichen Neste entflogen waren , der Großvater keine Forsteleven mehr drillte und die alte Dame ihren Haushalt bedeutend vereinfacht hatte . Sie erklärte , an einer sich gerade genug ärgern zu können , und die dicke Kathrin sorgte dann allerdings in diesem Punkte ausgiebig – für drei . Trotzdem aber blieb sie lange Jahre im Dienst der Großmutter , so lange , bis die alte Dame eines Tages zu ihr sagte : » Höre , Kathrin , wenn du nun aber wirklich noch heiraten willst , dann mach Ernst ; übers Jahr wirst du vierzig und es könnte leicht keiner mehr kommen ! « Das schrieb sich die Dicke hinter die Ohren , und drei Wochen nach dem vierzigsten Geburtstage trat sie mit ihrem Erwählten , einem zehn Jahre jüngeren klapperdürren Schuster , vor den Altar , zum sprachlosen Erstaunen ihrer Herrin , die von dieser Verlobung keine Ahnung gehabt . Hatte doch Kathrinchen noch vier Wochen vorher einem anderen erklärten Bräutigam im Garten ihre Stelldicheins gegeben ; indessen , man war ja bei Kathrin an Überraschungen in dieser Hinsicht gewöhnt . Sie war ein Original , diese dicke Kathrin , wie es kein zweites gab , voll Fehler , sogar grober Fehler ; aber eine Tugend besaß sie doch , die sie in vergangenen Zeiten zu einer Heiligen 34 gestempelt haben würde , das war eine beispiellose Treue und Aufopferungswilligkeit für ihre Herrschaft . Meine Großmutter hat noch auf dem Sterbebette der alten Dienerin gedankt für ihre hingebende treue Pflege , denn es muß leider hier gesagt sein : die dicke Kathrin hatte ihren spillerigen und tippligen Schuster binnen Jahresfrist wieder hergeben müssen . Er starb an der Schwindsucht ; Großmutter aber behauptete , Kathrin habe ihn totgeärgert , denn die kurze Ehe war äußerst stürmisch gewesen ; und daß der arme Mann der Unterdrückte war , das lag jedem klar zu Tage , der den Vorzug hatte , Kathrin zu kennen . Sie kam denn also eines Tages als junge Witwe wieder in Großmutters Haus . Die alte Dame hatte inzwischen einige recht schlimme Erfahrungen gemacht mit jungen Dienstmädchen und war froh , die alte erprobte Kraft wieder zu bekommen ; an ihr Wesen hatte sie sich ja mählich gewöhnt , und zu Kathrins Lob sei es gesagt : ihr Hauptfehler kam seitdem in Wegfall . Von » die dämlichen Männer « mochte sie , seit ihrem Eheglück , nichts mehr wissen ; ein Leben voller Arbeit und Schinderei könnte sie auch ohne solchen tippeligen Kerl haben , danach brauchte man wirklich nicht zu freien ! So äußerte sie sich wenigstens unverhohlen , und fortan blieb sie männer- und ehefeindlich . Als die dicke Kathrin zum ersten Male in den Dienst der Großmutter trat , kam sie , wie man so sagt , frisch von der Weide ; sie hatte ein wunderliches Kinderleben hinter sich , halb in zügelloser Freiheit , halb in knechtischer Arbeit und moralischem Elend . Ihre Mutter war die Witwe eines Unteroffiziers , der wegen Trunks entlassen werden mußte ; es hatte sich zuletzt bei ihm das Delirium eingestellt und er prügelte in solchem Zustande Mutter und Kind halb tot . Ihren Wohnsitz hatte die Familie in der Kreisstadt , in dem jammervollen Hause einer erbärmlichen Gasse , in die weder Sonne noch Mond schien . Die Frau Zeugler erwarb den Lebensunterhalt für sich und die Ihrigen mittels eines ambulanten Kuchenhandels . Jeden Morgen , den Gott werden ließ , marschierte sie vor Tau und Tag , mit ihrer Tragkiepe auf dem Rücken , an jedem Arme einen mächtigen Henkelkorb , nach den 35 umliegenden Dörfern und Rittergütern , und neben ihr lief klein Kathrinchen , ebenfalls ein Tragkörbchen auf dem Rücken , manchmal noch taumelnd vor Müdigkeit . Abends zogen sie dann heim , schwer bepackt mit Eiern , Obst und sonstigen ländlichen Erzeugnissen , die der Konditor ihr abnahm , indem er so eine Art Tauschgeschäft mit ihr machte , das aber nur einen sehr winzigen Gewinn für die Händlerin abwarf . Natürlich suchte sie diese karge Einnahme dadurch zu verbessern , daß sie ihren Kunden mitunter altbackene Ware aufhängte , die ihr Herr Stelzer , der Konditor , billiger berechnete ; aber allzu oft durfte sie das auch nicht riskieren , denn ihre Abnehmer ließen es sich nicht gefallen . Sie schwur dann immer hoch und teuer , das altbackene Stück sei nur aus Versehen » mit mang « gekommen . In der Schule war das Kathrinchen selten gewesen , nur dann , wann der Polizeidiener sie gewaltsam holte . Sie trottete mit ihrer Mutter im Lande umher , und als sie heranwuchs , balancierte gleich dieser auf ihrer Tragkiepe eine ebensolche Riesenschachtel von Holz mit dem leckeren Inhalt . Bei solcher Gelegenheit faßte Großmutter mal das hochaufgeschossene dralle junge Ding , das immer so feindselig und verdrossen aussah , ins Auge , meinte , das müsse großartig arbeiten können , und auf die Frage , ob es in ihren Dienst treten wolle , erhielt sie nach einigen Tagen das Jawort der Mutter und Tochter . Daß es kein leichtes 36 gewesen war , die in Freiheit dressierte Kathrin zu zähmen , läßt sich wohl denken , Großmutter nannte es ihr schwerstes Stück Arbeit im Leben . Aber allmählich schien sie ja einzuschlagen , wenngleich die Klagen der alten Dame nicht abrissen . Als Kathrin in den Kreis meiner Erinnerungen trat , mochte sie vierundzwanzig Jahre alt sein und ihr Aufenthalt in Großmutters Hause bald fünf Jahre währen ; ihre Mutter näherte sich den Sechzigern . Diese bildete übrigens zu jener Zeit viel mehr den interessanteren Teil der Familie Zeugler für uns Kinder . Ich erinnere mich sehr wohl , wenn ich mit meinen Geschwistern auf Ferien bei den Großeltern weilte , des Jubels , so oft die Kuchenzeuglern kam . » Sterlettchen ist da ! « schrieen wir wie unsinnig und rannten ihr schon unter den Linden entgegen . Je nach der Jahreszeit pries sie ihren Stachelbeer- , » Kersch- « oder Pflaumenkuchen an , und daß uns Kindern eine Stachelbeertorte – die alte Frau nannte diese kleinen runden Obstkuchen » Sterlettchen « – als das höchste erschien , was es von Delikatessen auf der Welt geben konnte , das mag jeder glauben . Wir , die wir gut erzogene Kinder waren , die sich stets gebührend freuten , wenn wir in den Ferien bei den Großeltern von Vater oder Mutter besucht wurden , wir rannten natürlich , sobald wir » Sterlettchen « begrüßt hatten , in die Küche zu Kathrin und schrieen : » Kathrin , deine Mutter kommt ! « und waren jedesmal von neuem enttäuscht , wenn dieses Rabenkind , anstatt sich zu freuen und der Alten entgegen zu gehen , sagte : » Na , was is ' n da weiter ? Is mich ganz egal , braucht ' gar nicht so oft die Frau Oberförstern zu › inkommandieren ‹ . « Und wenn die Frau Oberförsterin die alte Frau in die Küche schickte mit der Weisung , sich von ihrer Tochter eine Tasse Kaffee geben zu lassen – wir gingen natürlich pflichtschuldigst mit und staunten das Wiedersehen an – dann blieb sehr häufig das » Guten Tag ! « der Alten unbeantwortet und Kathrin knallte der Beschützerin ihrer Jugend so ärgerlich und stumm einen Blechtopf voll Kaffee auf den Tisch , daß wir uns darüber entrüsteten . Machte aber ihre Mutter nur den leisesten Versuch , eine Unterhaltung mit ihr zu beginnen , so wurde sie mit einem 37 unnachahmlich lässigen : » Um Gottes willen , holt ' s Mul , Olle , ick weit ja oll ! « zum Schweigen gebracht . Mutter Zeuglern pflegte sich hierauf zusammenzuducken wie ein scheues Tier , mit den zahnlosen Kiefern ihre Schweinefettschnitte zu zermalmen und im übrigen mucksstill zu sein . Sie wagte selbst dann keinen Einwand , wenn Kathrin , der unsere Gegenwart anfing lästig zu werden , zu dem Korbe der Mutter ging und , trotz des ängstlichen Hin- und Herrutschens der alten Frau , die Bindfaden der Kuchenschachtel aufknüpfte , die Vorräte untersuchte und endlich ein paar leckere Stücke an uns verteilte mit den Worten : » Nu makt aber , dat ir ut mine Küche kamt , « was wir auch , ohne der flehentlichen vorwurfsvollen Blicke der Beraubten zu achten , glückselig taten . In solchen Augenblicken fühlten wir die größte Sympathie für Kathrin . Gewöhnlich entspann sich nach unserem Rückzug ein Zank zwischen den beiden , der bis zur Treppe schallte , auf der wir saßen und unsere Kuchen verzehrten ; ein Zank , bei dem das Ungeheuer von Tochter ganz unbotmäßige Worte gebrauchte . 38 Aber wenn » Sterlettchen « nach solchem Sturm das Haus verließ , so hatte sie dennoch das freundlichste Lächeln auf dem alten , runzligen Gesicht und einen Dank an die Frau Oberförsterin für freundliche Aufnahme . Als wir Kinder einmal bei der dicken Kathrin vorstellig wurden wegen besserer Behandlung ihrer Mutter , stemmte sie die Arme in die breiten Hüften und schrie uns nicht schlecht an : ob wir denn jemals Haue statt Brot gekriegt hätten von unserer Frau Mutter ? Und ob wir denn unseren Vater schon mal aus der Gosse aufgelesen hätten ? Und ob das vielleicht unsere Mutter schon mal gesagt hätte : » Wenn man bloß die Last nicht wäre mit das Kind – aber reiche Leute ihre sterben , und unsereiner muß sich mit so was weiterplagen ! « Ja , ob das unsere Mutter schon mal gesagt hätte ? » Nee ? Nich wahr ? « Na , dann könnten wir auch nicht mitsprechen in solche Sachens und möchten gefälligst die Mäuler halten und uns freuen , daß wir keine Mutter hätten , die man immer was wollte , wenn sie käme , bloß zu Brannewin , zu weiter nichts als zu Brannewin , denn sie habe sich das – – – und hier machte Kathrin eine Bewegung , als setzte sie eine Flasche an den Mund und tränke – bei Vatern angewöhnt . Seit der Zeit sagten wir nichts mehr über ihr unkindliches Benehmen . Mehr herangewachsen , vermieden wir es sogar , ihr unser Beileid auszudrücken , als die » Olle « endlich vom Armenhause aus in einem sogenannten Nasenquetscher begraben wurde und die dicke Kathrin mit einer schwarzen Schürze und einem schwarzen Tuch über ihrem lila Sonntagskattunkleide ( eigentlich ihr Ballstaat ) zur Begräbnisfeier in die Stadt ging , sehr gefaßt und durchaus nicht mit einem Gesicht , wie Leidtragende es zu zeigen pflegen . Abends kam sie mit einem Bündel zurück , das enthielt ihre Erbschaft : ein bißchen Bettwäsche und Hemden und ein verbogenes silbernes Ringchen mit einem unechten Türkis , das vielleicht einmal im Leben der alten Kuchenfrau » das Glück « bedeutet hatte . Kathrins Augen waren rot gerändert , sie sagte aber gleich , das sei vom Winde , um nur ja nicht den Verdacht aufkommen 39 zu lassen , sie habe etwa der alten Mutter , deren sie sich immer geschämt , eine Träne nachgeweint . Meine Großmutter hatte es wohl längst aufgegeben , zartere Gefühle in ihr zu wecken ; sie war überhaupt auf die dicke Kathrin in letzter Zeit nicht gut zu sprechen , und an Schelte fehlte es wahrlich nicht , obgleich sie stets hinzusetzte : » In der Arbeit und Sauberkeit hat sie nicht ihresgleichen . « » Heiliges Kreuz – Donnerwetter , so schicke sie doch fort ! « pflegte Großvater zu poltern , wenn seine Anita ihm das gar so oft vorklagte . Aber dazu kam es nie , denn Kathrin pflegte bei einer Kündigung so widerhaarig zu sein , so viele Einwände gegen ihr Fortgehen vorzubringen , so exemplarisch gut zu braten und zu kochen , daß sie trotz aller ihrer ungeheuren Fehler und Absonderlichkeiten nach wie vor im Hause blieb . Sie war zu jener Zeit ein stattliches Weibsbild mit braunem gewelltem Scheitel , blauen Augen und einer großen üppigen Gestalt , die ihr den Namen der » dicken Kathrin « eintrug . Der Teint , trotz des Herdfeuers , zart ; die Arme , die aus den kurzen Ärmeln des bedruckten Spenzers guckten , rund und marmoriert wie die Schlackwürste . Das ganze Mädel leuchtete vor Sauberkeit , und zumeist dann , wenn gegen sechs Uhr Abends ihre Küche reingemacht war und sie irgendwelche Einkäufe im Dorfe zu besorgen hatte . Sie erfreute sich eines schier unglaublichen Erfolgs bei der Männerwelt , und » Poussieren « , wie sie sich ausdrückte , war ihr höchstes . Im Krug » Zum Würfel « tanzte sie jeden Sonntagnachmittag bis in die Nacht um drei Uhr früh , mit einer Unterbrechung von sieben bis neun Uhr , da sie um keinen Preis die Zubereitung des Abendessens für die Herrschaft versäumen mochte . Vormittags hatte sie bereits die Kirche 40 besucht , und trotzdem war in der Wirtschaft alles in tadellosester Ordnung . Sie stand eben immer vor Tau und Tag auf , ihrer Frömmigkeit und ihrer Vergnügungssucht zuliebe , und ihre Laune war grimmig , wenn die Erlaubnis zum Kirchgang oder zum Tanz einmal versagt wurde . Das Kirchengehen erlaubte die Großmutter ja immer sehr gern , aber die Leidenschaft für den Tanzboden , die , als Kathrin in die Zwanzig kam , immer stärker wurde , machte , daß sie ihrer Herrin mit der Zeit und trotz vorzüglicher Leistungen doch verleidet wurde . Und da Vorstellungen gegen ihren leichtsinnigen Wandel auf offenbare Verständnislosigkeit stießen , so wurde endlich beschlossen , Kathrin solle zum nächsten Quartal definitiv gekündigt werden . Es zögerte sich mit dieser Kündigung freilich noch ein wenig hin , bis sie eines schönen Abends unter heftiger Entladung eines häuslichen Gewitters dennoch erfolgte . Die Großeltern waren an jenem Sonntag ausgebeten , und als sie gegen Abend zurückkehrten , um einige Stunden früher , als Kathrin gedacht – weil Großvater sich nicht wohl fühlte – , fanden sie auf dem braunen Ripssofa der Wohnstube einen riesigen Kürassier der benachbarten Garnison , dessen mit Kreide eingestäubter weißer Koller bei seinem schleunigen Rückzug einen großen Fleck auf dem dunkeln Bezug hinterließ , den Großmutter ein paar Minuten lang anstarrte , ehe ihre Empörung Worte fand . Kathrin stand indes ahnungslos in der Küche und briet Schweinefleischklößchen für den Schatz , die sie ihm , im Verein mit Kartoffelsalat , vorsetzen wollte . Sie entschuldigte sich sehr demütig , indem sie hervorhob , daß ihr das Kochen gar so schlecht gelänge , wenn ihr einer dabei auf die Finger gucke , und darum habe sie ihn geheißen , sich derweilen im Vorzimmer die Jagdbilder anzusehen . Sie habe sich doch nicht denken können , daß der Affe – wie sie sich lieblos ausdrückte – gleich so frech sein würde , sich aufs Sofa zu setzen . Gnädige Frau möge doch um Gottes willen nicht böse sein ! Er gefiele ihr so wie so nicht , und es solle nicht mehr vorkommen , und das Sofa wolle sie schon gründlich abbürsten . Aber so glatt ging ' s diesmal nicht ab . Die erzürnte Herrin 41 kündigte und beteuerte , daß es ihr überhaupt schon längst nicht mehr passe , sich über das Tanzbodenlaufen und Vordertürstehen der dicken Kathrin zu ärgern . » Ich versäume ja doch meine Arbeit nicht drum , « hatte diese hierauf verwundert entgegnet . » Es kann Sie doch ganz egal sein , gnä ' Frau , ob ich die Nacht schlafe oder tanze , wenn ich sonst meine Sachen ordentlich mache ? « Und mit dem Vorwurf , daß sie ja alle Wochen lang mit ihren Schätzen wechsle , kam die vorwurfsvolle Antwort : » Ja , was kann denn ich dafür , daß sie alle nichts taugen bei näherer Bekanntschaft ? « » Aber ich dulde so etwas nicht ! Ich will anständige Mädchen in meinem Hause haben ! « hatte Großmutter erklärt . » Nun , dann kann ich ja abziehen , « war die Antwort gewesen . » Ich bin nicht schuld daran , daß mein Vater kein Oberjägermeister nich war , und daß die Freier nich in die gute Stube kommen dürfen , um mich kennen zu lernen , und ich sie . Und Leute , die sie in meinem Interesse auf ' m Zahn fühlen , ob sie ordentlich sind oder nich , habe ich auch keine , das muß ich selbst besorgen , und anders als vor die Haustür oder auf dem Tanzboden habe ich keine Gelegenheit dazu . – Dann kann ich ja gehen zu Ostern . « Großmutter erzählte diese Antwort , halb belustigt , halb empört , bei Tische , und Großvater meinte seufzend : » Na , wenigstens ist sie nicht scheinheilig , und ihr Kartoffelsalat ist geradezu 42 großartig . Am letzten Ende – so unrecht hat sie nicht mit ihrer Lebensauffassung , sie untersteht anderen Sitten . « Aber da kam Großvater schön an bei der Großmutter . Durchaus nicht ! Das sei durchaus nicht der Fall ! Ob Dienstmädchen oder Fräulein , die Moral sei dieselbe , und sie dulde nicht dieses Gebaren . Ihres Wissens sei kein Knecht , kein Waldläufer und kein Bauernsohn in der ganzen Umgegend , der nicht schon auf der Heiratsliste der dicken Kathrin gestanden habe ; es sei zu arg , und sie müsse gehen . » Schön ! Sie muß gehen , Anita – es ist ja deine Angelegenheit ! « » Gewiß ! Und außerdem – ich fühle mich für die Moral meiner Mägde verantwortlich , « erklärte Großmutter . » Diese ist unverbesserlich , darum Schluß der Debatte und fort mit Schaden ! « Die dicke Kathrin war wie gebrochen in der nun folgenden Zeit . Onkel Leo , der gerade zum Besuch kam , meinte , sie wäre wie eine geknickte Lilie , und unser altes Flickdorchen schüttelte den Kopf , halb tadelnd , halb mitleidig . Aber Großmutter blieb fest . Sie sprach nur das Nötigste mit der Sünderin und ließ sich weder durch ihre geradezu verführerischen Mehlspeisen und Braten , noch durch ihr de- und wehmütiges Wesen rühren . Um diese Zeit grassierte eine bösartige recht ansteckende Grippe in der Umgegend und kehrte auch im Lenkwitzer Forsthause ein . Zuerst legte sich Großvater und dann , als er halbwegs auf der Besserung war , die Großmutter ; es wurde ein schweres Krankenlager . Bei mir daheim lagen Mutter und Schwestern , niemand von uns konnte die alten Leute pflegen , denn ich hatte alle Hände voll zu tun , und der Lenkwitzer Onkel , damals schon Witwer , vermochte auch nicht zu helfen , weil er ebenfalls die garstige Krankheit durchmachte . So sah ich denn stets mit Bangigkeit der Rückkehr meines Vaters entgegen , der täglich nach Lenkwitz fuhr , und atmete jedesmal auf , wenn er sagte : » Sie sind bestens verpflegt , die Kathrin opfert sich auf . Ich wollte , solcher Mädchen gäb ' s mehr ! Keine Nacht Schlaf , und immer auf dem Posten , und von einer Zartheit und einer Sanftmut – man kennt das Ungetüm gar nicht wieder . « 45 Als ich nach ein paar Wochen zum ersten Male wieder nach Lenkwitz kam , fand ich die lieben Alten schon nebeneinander im Sofa sitzend , die Füße sorglich in Decken gewickelt , vor sich auf appetitlich gedecktem Tischchen Bouillon mit Ei und gelbbraun gebratene Täubchen , alles schön zerteilt und zierlich hergerichtet , wie man es schwachen Kranken mundgerecht macht , und