wie wir ihn nenneten ehedem . Ja , Johannes , wir sind in seinem Sterbestündlein , im Tode , wieder zu Freunden geworden ; im Leben waren wir getrennt , Johannes , lange düstere Jahre , und das , was uns trennete , war ein Grab , und unserer Jugend Glück lag darinnen . Die wilde Taube unter der Linden girrt noch immer zu , der Teufel hole sie ! Wollt ' eben aufstehen und ihr sagen , sie möge sich auf den Blocksberg scheeren – „ Da klang es leise von Lieb und Treu , Wie hold , wie süß die Minne sei – Ein Lied , ein Lied vom Lieben . Im duft ' gen Mondschein ein Lindenbaum , Zwo blaue Augen – Es war ein Traum Und einsam bin ich geblieben ! “ Johannes , das ist ' s ja eben : einsam , einsam ! Kein Weib mehr und keinen Freund mehr , und sie sagen noch : ich fühle es nicht , ich habe ein Herz , so härter sei , als der Fels in unseren Bergen . Es ist wahr , Johannes , ich konnt ' nicht jammern dazumalen , es war ein Leid , zu groß zum Klagen . – Wie es sich begeben ? Ei nun , Johannes , Du weißt ja noch , wie wir Drei , Prinz Christel , Du und ich zum letzten Male bei einander waren . Du standest bereits im Priesterröcklein an der Schwelle einer fetten Pfarre , und Dein Wesen war schon in Etwas salbungsvoll worden ; ich trug noch nicht lang das grüne Waidmannskleid als wohlbestallter Oberförster in unseres herzoglichen Herrn Revieren ; fürwahr , unser fürstlicher Freund hatte gesorgt für uns als ein echter Freund ; denn wir waren jung an Jahren für solch Amt ; er selbst aber wollt ' am Morgen des nächsten Tages seine große Cavaliertour antreten zu den fremden Höfen . Du weißt gewißlich noch , wie er das Glas , daraus wir den Abschiedstrunk gethan , im hohen Bogen in das Wasser schleuderte und dabei sagete : Niemandes Lippen sollen es wieder berühren , und wie wir uns dann küsseten und noch einmal Freundschaft schwuren , auf daß uns nichts trennen solle in der Welt . Du mußt es noch wissen , Johannes ; ich wenigstens meine noch , sein jugendlich begeistert Angesicht zu sehen ; nie später ist es mir wieder so zum Bewußtsein gekommen , welch ein edelschöner Mann er war . Wie sahest doch Du dagegen aus , Johannes ! Wie ein wohlgenährt Eselein neben einem edlen Roß . Und ich ? Erspare mir das Gleichniß ! Schönheit war niemalen mein Erbe . Doch genug hiervon ! An diesem Abende haben wir uns wohl zum letzten Male in alter treuer Freundschaft die Hand gedrückt – vergangen , verloren ! Durch wen ? Durch ein Weib – ! “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Unverstanden aus : Die Gartenlaube 1880 , Heft 38 , S. 609 – 612 Fortsetzungsgeschichte – Teil 2 [ 609 ] ( Fortsetzung . ) „ Ein Weib ! Suche nach , Johannes , in der Geschichte der Welt , von Adam an bis heute – die Ursache des Bösen in der Welt ist das Weib , und einer Frauen Schönheit ist wie Gift , berauschet die Sinne und machet das Herz elend . Wenn Freunde sich entzweiten , Familienglück zerriß , Ehen sich trennten , die Kriegsfuria über die Länder sich ergoß – cherchez la femme – où est la femme ? Und Voilà , sie war stets zu finden , schuldig oder unschuldig – das Böse in der Welt ist das Weib . Und wenn es wahr ist , daran Du felsenfest glaubst , daß es einen Teufel gebe , der in der Welt umhergehet und suchet , wen er verschlinge , so gehet er wahrlich um in eines schönen Weibes Gestalt . Lasse getrost Pferdefuß und Hörner bei Seite , Johannes ! Es war um die heilige Weihnachtszeit , da ich sie zum ersten Male gesehen . Ein Wetter tobte über die Berge daher , daß es schien , als sei die wilde Jagd noch niemalen so arg über den Harzwald gezogen . Es pfiff und sauste und heulte um mein altes Eulennest , als sängen alle bösen Geister einen Triumphgesang ; dazu prasselte ein Regen mit Schneeflocken untermischt gegen die verschlossenen Läden meines Gemaches ; ich hatt ' just mein nasses Fußzeug abgestreifet ; denn ich war eben mit Büchs und Hunden heimgekommen , der Teufel weiß , verdrießlich genug , ohne eine Kugel versandt zu haben . Da klopfete es draußen , und dieweil niemalen Abends Jemand einsprach in mein einsam Haus , am wenigsten bei solchem Unwetter , so hieß ich die Hunde schweigen , ging hinaus und öffnete die Thür , die mir von dem Sturm allsogleich aus der Hand gerissen ward . Da stund sie auf der Schwelle . Johannes , wenn ich dermalen gewußt , wen ich eingelassen ! Ein Weib , so königlich , schlank und stolz , und doch so demuthsvoll das schöne Haupt gesenkt ; und der Sturm zerrete an ihren Gewändern und wirbelte den Schleier von dem weißen Antlitz und ließ mich in ein paar blaue Augen schauen – Die Augen – Johannes ! „ Ein Obdach , “ heischte sie , „ und Hülfe “ ! Der Wagen liege zerbrochen nahebei am Wege ; der Kutscher sei bei den Pferden geblieben . Ich öffnete meines Zimmers Thür und hieß sie eintreten ; sie bückete sich unter der niedern Gewölbung , und als sie dann neben mir stand , da reichete mir das blonde Haupt doch nur bis zum Kinn . – Ich war ungeschickt immer gegen Frauen , doch flog ein Lächeln um ihren ernsten Mund , als sie sah , wie ich mich mühete ihr Höflichkeit zu erweisen . „ Ich danke , Monsieur , “ sagte sie , und warf den Mantel ab ; dann nahm sie den nassen Schleier vom Kopfe , setzte sich in den Lehnstuhl am Kamin und lockete meinen Cäsar ; der legete zutraulich den Kopf auf ihre Kniee , und sie streichelte ihn mit ihren weißen zarten Händlein . Ich stand in Gedanken verloren vor ihr und schaute sie an ; seltsamlich kam es über mich , da in meinem einsamen Stüblein ein Weib saß . Fremd , und doch so süß vertraut dünkete es mich , und ich vergaß Alles über solch ' anmuthig Bild , bis sie mich bat , ich solle ihrem Kutscher Hülfe senden . Da hastete ich fort in Schreck und Verlegenheit und gebot dem Jobst , er solle die fremden Mähren sorglich verpflegen und den Kutscher mit Bier und Imbiß laben , und im oberen Gestock solle sein , des Jobsten , Weib ein Kämmerlein herrichten für die Dame , da sich zeigete , daß das Gefährt zu arg beschädigt und sie in diesem Wettergraus nicht weiter könne . Und es kam , daß ich mich nicht in mein eigen Gemach getrauete vor Herzklopfen und Verlegenheit , als ich mich aber dennoch überwand und vor ihr stand , da dankte sie mit süßen Worten , und ihre Augen sahen holdselig zu mir empor , bis sie sich senketen vor den meinen und ihr lilienweiß Antlitz sich röthete . Und so saßen wir stumm bei einander , und draußen tobete das Wetter und riß ungestüm in dem Geäst der hohen Linden . Ich bin ein unbeholfener Gesell ; ich konnt ' nicht reden , sah sie nur an und wehrete dem Hunde , der nicht von ihr gewichen und nun zu ihren Füßen sich gestrecket . Sie aber merkte es kaum ; ihre Augen hielt sie geschlossen , und ein schmerzlich Sinnen grub ihr ein Fältlein auf die weiße Stirn . Dann kam des Jobstens Frau und brachte Wein und Imbiß , aber sie rührte kaum die Speisen an , und dann begehrete sie zur Ruhe . Ich aber fand solche nicht . Ich lief hinaus in Sturm und Regen und starrete zu ihrem hellen Fensterlein hinauf , und die halbe Nacht wanderte ich unstät umher , und da konnt ' ich sprechen zu ihr , halblaut , lange Reden , daß die Hunde mich verwundert und blöde anstarrten . Am andern Morgen aber war das schöne Vöglein vor Thau und Tag ausgeflogen , so früh ich auch aufstand . Auf dem Tisch vor ihrem Lager aber fand ich ein offen Brieflein , und darinnen mit zierlicher Schrift die Worte : „ Friederike von Babenberg danket Euch für die Gastfreundschaft und hoffet , sie vergelten zu können . “ Das Zettelchen lieget noch im Kasten meines Tisches mit anderem Tand , Löcklein , Bändern und getrockneten Blumen , vergriffen und morsch zum Zerfallen . Nun wußt ' ich ' s ; sie war die Tochter des alten Generals Babenberg aus Mansdorf , kaum ein Stündlein von hier , und von [ 610 ] Jobsten erfuhr ich , daß sie vom Begräbniß ihres Bruders zurückgekehrt sei , der , ein toller Raufbold , auf der Mensur sein Leben gelassen habe . Nun falle das große Majorat nach dem Tode ihres sehr alten , schier kindischen Vaters an eine entfernte Seitenlinie zurück , und dann müsse sie Mansdorf verlassen . Der Kutscher , der dies erzählet , habe hinzugefüget , er möge wohl wissen , was dereinst noch aus ihr werde ; denn nach einem armen Edelfräulein renneten sich die Freier just nicht die Hacken ab . Ich aber hatt ' fortan kein ruhig Stündlein mehr . Wohin ich sah , stund vor mir das schlanke Weib in dem dunklen Trauergewand ; wohin ich ging , wandelte sie neben mir und blickte mich an aus den blauen Augen , und Nachts beugte sich ihr blasses Antlitz über mein Lager . Die Liebe war über mich gekommen mit schier zauberhafter Macht ; ich war vierundzwanzig Jahr , Johannes , und hatte bisher noch niemalen in eines Weibes Auge geschauet . Und es kam so ; es kam das Unglaubliche , kaum zu hoffen Gewagte : Friederike von Babenberg ward meine Braut . Ei , das ging Alles ordentlich zu ; kein Teufelsspuk , kein Hexenwerk , aber mich dünkete es das lieblichste Wunder der Welt in dem Augenblick , als ich sie im Arme hielt an des kranken Vaters Bette . „ Friederike , mein Leben lang will ich Dir ' s danken “ – weiter konnt ' ich nichts sagen , alles Andere wär ' arm und klein erschienen in so feierlicher Stunde . Und sie mußt ' es ja auch , zum Donnerwetter ! fühlen , daß ich mein Leben für sie gelassen hätte . So meinete ich . Und nun kam wieder Ruhe über mich ; ich wußt ' ja , sie war mein . Und so trieb es mich tagelang im Forst umher , immer mit dem einen wunderseligen Gedanken , daß ich nur ein Viertelstündlein des Weges brauchte , um in ihre räthselvollen Augen zu schauen . Und sie saß daheim am Bette ihres siechen Vaters , und wenn ich eintrat in das dunkel verhängete Gemach , dann leuchteten ihre Augen , und zwo feine , weiße Händlein streckten sich mir entgegen . Vorbei ! Alter Freud , vorbei ! Ich habe niemalen Anlage gehabt für sentiments , wie es just die Mode wollte ; es lag nicht in mir ; das Leben in Gottes freier , gesunder Natur ließ auch Solches nicht aufkommen ; schnurgrade wuchsen meine Gedanken aus dem Herzen wie die weißleuchtenden Stämme unserer heimatlichen Buchenwälder , und so klar , wie die köstliche Bergluft , sagte ich , was ich wollte , ohne Deuteln und Drehen . Freilich , die Luft hier herum weht manch ' Einem scharf in ' s Gesicht , aber ich merkte es nicht , ich war sie gewöhnt ; mir erfrischte sie Kopf und Herz . Die alte Excellenz Babenberg ging dann mit Tode ab , und acht Tage später führte ich Friederiken als mein Weib heim . Wozu auch noch zögern ? Der Tod des alten Mannes war eine Erlösung von namenlosen Qualen , und Friederiken verlangete es nach einem Heim – ihres Bleibens war nicht mehr länger im Hause ihrer Väter . In der Schloßkapelle von Mansdorf gab uns der Prediger zusammen . Hm ! Eine wunderliche Hochzeit ! Gegen Abend sollte die Trau sein , und der Tag wollte schier ewig währen . Da nahm ich mein Gewehr und streifete durch den Wald , meinte , der Zeit so besser Herr zu werden , und versäumete über eine Wildkatz , so mich schon lange geäffet , die rechte Stunde . Nur so viel Zeit hatte ich noch , mich , wie ich ging und stund , auf meinen Rappen zu werfen . Ich trat bei meiner Braut ein , als sie schon eine Weile auf mich gewartet hatte . Sie harrete inmitten des großen Prunkgemaches , wo vor wenigen Tage die Bahre ihres Vaters gestanden ; noch hingen die schwarzen Florstreifen über die Vergoldung des Getäfels ; noch meinete ich , den Geruch von Wachholdern zu spüren und von Todtenblumen . Hinter ihr erblickete ich die beiden unverheiratheten Schwestern des jüngst Verblichenen , so in dem freien adligen Damenstift Klosterode hauseten ; steif , verbissen und schier feindselig anzuschauen in ihren düsteren Gewändern . Fürwahr , ein unheimlich Hochzeitsgeleit ! Aber nur einen kurzen Augenblick achtete ich auf Solche ; dann blieb mein Blick wie gebannt an Friederiken hängen ; sie sah bleich aus , bleicher denn je ; ihre schlanke Gestalt verhüllete ein schwarz Gewand ; dunkel wob sich die Myrtenkrone in das goldschimmernde Haar ; ein schöner Weib , als sie , hat wohl nie vor eines Mannes Augen gestanden . Ich vergaß , daß ich als ein Tölpel hereingetreten war ; kein Wort kam aus meinem Munde , so mein verspätet Kommen erklärete , obgleich ihr Auge fragend und vorwurfsvoll zu mir empor schauete . Zögernd anfangs , dann mit zitternder Hast reichte sie mir die Hand , und in eiligem Schritt gingen wir zur Capellen . Hinter uns wisperten die Zungen der alten Stiftsdamen ; ich meinete , es gelte meinen bestaubten Jagdkleidern ; da wandte sie sich um mit strafenden Blicken , und sie verstummten vor ihren Augen . Da wir aber heim wollten nach der Trau , zeigete es sich , daß ich auch vergessen hatte , für ein Fuhrwerk zu sorgen . Friederike aber weigerte sich , in einem Wagen zu fahren , der bis annoch ihrem Hause gehöret und nunmehro , wie Alles dort , ihrem Vetter eignete . „ Lieber wollen wir doch gehen , “ sprach sie herb , und ein stolzer Zug legte sich um ihren Mund . „ Bitten ist nimmer meine Sach ' gewesen . “ Ein peinvoll Viertelstündlein für mich , zumalen die zween verwitterten Gesichter der Stiftsdamen hohnvoll mein junges Weib maßen , und ein jeder Zug deutlich sagte : „ Ei sieh ' , Du stolzes , ungefüges Trotzköpflein , welch ' einen lumpigen Hochzeiter hast Du Dir ausgewählt , und bist doch aus edelstem Geschlecht ! Ei , wer nicht hören mag , soll fühlen ; Du gehst mit ihm dahin als ein Taglöhnerweib ; haben wir Dich nicht gewarnt , so viel wir konnten ? “ Friederike aber stund in der Halle ; kein Blick streifete die alten Schwestern ihres Vaters , groß und bang schaute sie zurück in das Haus , in dem sie geboren und gelebet bis itzo , und ihre weiße Hand bewegete sich wie abschiednehmend . „ Ich bin bereit , “ sagte sie dann ; das erste Wort , das sie mir gönnete an diesem Abend . Da nun aber mein Rappe vorgeführet ward , fragte ich : „ Getraust Du Dich aufzusitzen , Friederike ? Ich fasse die Zügel sicher – es soll Dir kein Leid geschehen . “ Ohne ein Wort zu erwidern , schwang sie sich an meiner Hand in den Sattel ; ich legete meinen Arm um sie , und so führte ich mein Weib aus ihrer Väter Hause . Als wir in den Waldweg bogen , stund schon der Mond am Himmel , und ich lenkte das Roß aus dem dunklen Schatten der Bäume in das weiße Licht – um ihre Augen zu sehen . Warm war die Luft der Augustnacht und schwül , wie vor einem heraufziehenden Gewitter , mir aber brannte Kopf und Herz , und die Augen brannten mir vom Anschauen , und sie wandte doch das stolze Haupt nicht einmal zu mir herum . So zogen wir schweigend dahin , bis das stille Haus vor uns lag , silbern beglänzet vom Mondeslicht , aber einsam , ohne Gruß und Schmuck für seines Herrn junges Weib ; nicht einmal für ein Kränzlein über der Thür war gesorget , vergessen hatt ' ich alles Andere über sie selbsten . Ich trat hinzu , um sie herabzuheben vom Pferde , aber sie sah meine Arme nicht , sondern leitete das Thier bis zu dem steinernen Bänklein unter der Linde ; dort schwang sie sich hinab und aus dem tiefen Schatten tönte ihre Stimme zu mir herüber , seltsam , kalt und deutlich : „ Ein Wort noch , ehe denn es zu spät ist ! Mitleid begehre ich nicht ; lieber sterbe ich – “ „ Friederike ! “ rief ich erschreckt , „ was sagest Du da ? “ Ich meinte , nicht recht gehört zu haben . „ Wenn mich nur Mitleid hieher geführet itzo – dann – es ist noch Zeit ; noch habe ich jene Schwelle nicht überschritten . “ Da schrie es wild auf in meinem Herzen , und zornig wallte mir das Blut zu Kopfe . „ Was , zum Henker , thust Du für absonderliche Fragen ! “ herrschte ich sie an , wie ein Kind am lautesten schreit , so ihm bange wird . „ Meinest Du , ich werfe meine Freiheit aus Mitleid zum Fenster hinaus ? “ Aber kaum hatte ich es gesaget , so lag ich zu ihren Füßen , und weinend barg ich meinen Kopf in ihren Kleidern . Da beugte sie sich zu mir hernieder und zog mich an ihre Brust . „ Ich bin ein arm verwaist Mädchen , und Du – “ sie stockte , „ ich will es glauben , Heinrich , daß Du mich lieb hast ; es ist so schön zu glauben . “ flüsterte sie nun mit süßem , bebendem Klang ; „ vergieb mein thöricht Fragen ! Sieh , wenn ich es nicht glauben könnte , so wäre ich fort noch in dieser Nacht , und Du hättest mich niemalen wiedergesehen und nimmer gefunden . “ „ Und ich hätte Dich doch gefunden , Friederike , “ erwiderte ich und zog sie ungestüm auf das Bänklein nieder . „ und wärest Du zu jenem Stern dort oben geflohen – ich hätte Dich heruntergeholet . “ Sie schüttelte den Kopf und ließ erst jetzt die Zügel des Pferdes los , die sie noch immer gehalten . [ 611 ] „ Von dort holt man Keinen wieder , Heinrich “ , sagte sie , und zum ersten Male schlangen sich ihre Arme schier leidenschaftlich um meinen Hals , und ihr Haupt senkete sich an meine Brust . Und über uns rauschte leise der Nachtwind in den Zweigen der Linde ; bleicher zitterte das Mondlicht über dem spitzgiebligen Dache des Hauses , und dann und wann zuckte ein fernes Blitzen auf ; still war es in dem weiten Rund , nur ein verschlafen Rauschen des Quellbrunnens drüben , und der Schrei eines Hirschen im tiefen Walde ! – Nur Geduld , Johannes , das Ende kommt , kommt rascher als Du vermuthest . Sie blieb ein ernst und schweigend Weib , wie sie ein ernst und schweigend Mädchen gewesen ; keine Spur von dem süßen Getändel des Wonnemonds , und doch , ich war der glücklichste Mensch , Johannes ; ich meinete auch , es sei die Trauer um den Bruder und Vater , die sie stumm und ernst gemacht , und von Tag zu Tage hoffte ich auf ein Lächeln um ihren Mund – vergebens ! Mit einer frauenhaften Milde , die schier bedrückend wirkte , waltete sie neben mir , sodaß ich vor ihr hätt ' niederfallen mögen , um ihre Hände zu küssen , wär ' s mir nicht thöricht und läppisch erschienen . Ich sehe noch ihre schlanke Gestalt den Waldweg entlang kommen , wenn sie mir Abends bei meiner Rückkehr aus dem Forste entgegen zu schreiten pflegte ; sie ging , als schwebe sie über dem Boden , daß es mich schier dünkete , kein Grashälmchen biege sich unter ihrem Tritt ; um das blonde Haupt trug sie ein lose geknüpftes schwarzes Tüchlein aus Spitzen , und meistens hielt sie ein Sträußlein Waldblumen in der Hand , die sie emsig sammelte , bald hier , bald dort sich bückend , und Juno , meine alte Hühnerhündin , ging ihr klug zur Seiten . Später saß sie dann neben mir im traulichen Zimmer , geduldig horchend , wenn ich von des Tages Erlebnissen redete . So waren vier Wochen dahin ; da kam ich einst , wie immer mit dem sinkenden Abend , zurücke und spähete vergeblich den Weg entlang nach ihr , hatte einen Reiger geschossen und dachte , sie würde sich freuen an dem aschgrauen und weißen feinen Gefieder . Aber sie schritt heut nicht daher , ungeachtet es ein prächtiger Septemberabend war , und in Angst , es möge ihr etwas zugestoßen sein , ging ich rascher zu . Als ich nun näher gelangete und mich eben anschickte , die Stufen hinauf zu gehen in das Haus , da erreichte ein Schall mein Ohr , daß ich innehielt und lauschete ; er kam aus den jungen Tannen , hinter denen die Falknerei lag . Das Herz fing mir an zu klopfen ; so süße und silbern scholl itzo ein Lachen aus Frauenmund zu mir herüber , und dann ein lockend holdes Sprechen : „ Rupf ' an , mein Vöglein rupf ' an ! “ Rasch schritt ich über den Platz und bog um die Tannenwand ; da sah ich im purpurnen Schein der Abendsonne mein Weib ; sie hielt den Arm hochgestrecket , und mein weißer Edelfalk stund auf ihrer Hand , mit der Rechten aber bot sie ihm Atzung , und wieder scholl ihr silbern Lachen : „ Ei , Du trotziger Gesell ! Rupf ' an , mein Vöglein , rupf ' an ! “ Ich wußt ' nicht , ob ein lieblich Wunder geschehen , daß mein ernstes , stolzes Weib ein holdes lachendes Kind geworden ; rosenfarben erglühete das schöne Gesicht – ich weiß nicht , kam es vom Abendroth ? Aber so neu und süße war sie mir , daß ich stehen blieb , um sie anzuschauen , und schier den trutzigen Vogel beneidete . Ich sahe auch den Mann , der da nicht weit von mir an dem Stamme einer Buche lehnte , erst , als ich dicht an ihm vorüberschritt , um zu ihr zu gehen . Er war im tiefen Anschauen des lieblichen Frauenbildes verloren , aber nun wandte er sein Haupt , und im nächsten Angenblick hielt ich den heimgekehrten Jugendfreund in den Armen , und ein großes Freuen war über mich gekommen . Er aber machte sich hastig los und fragete , nach Friederiken hinüber deutend : „ Heinz , Heinz ! Was ist das ? “ Meine Augen folgeten seinen Blicken und ich sah , wie itzo die schlanke Frauengestalt langsam hinter den Tannen verschwand . Der Vogel saß einsam auf seinem Gestänge , trutzig in sich geducket . „ Was das ist , Christel ? Ei nun , mein Weib , mein herzliebstes junges Weib ! “ Und ich fühlte , wie mir vor freudigem Stolz das Blut in das Antlitz trat . „ Heinz ! Mein guter Heinz ! “ rief Prinz Christian in alter vertrauter Weise , „ so finde ich Dich wieder ? Hast es nicht ausgehalten allein im alten Hause und Dir die schönste Elfe eingefangen , die jemals im Mondschein durch den Wald geflattert ? Alter Borkenkäfer , wie hast Du ' s angefangen , das schönste , stolzeste Mädchen zu gewinnen , Friederike von Babenberg ? “ „ Wie ich es angefangen , Christel ? “ entgegnete ich , und warf einen Blick da hinüber , wo mein Weib gestanden ; „ wie ich es angefangen ? “ wiederholte ich noch einmal , und sah ihn stolz an . „ Garnicht habe ich es angefangen ; unsere Herzen haben sich in Liebe gefunden und – “ „ Und sie kam gern in diese Einsamkeit ? “ unterbrach mich Prinz Christian und wandte das Haupt nach den grauen Mauern des Hauses , aus dem die Giebelfenster gleich glühenden Augen in der Abendsonne leuchteten . „ Gern , Christel ? Mein Weib liebt mich . “ „ Hm ! “ meinte er , und schritt neben mir durch das Tannengestelle dem Hause zu . „ So schön , so jung und so allein , oder glaubst Du , Dein Edelfalk sei ihr auf die Länge ein guter Zeitvertreib ? “ „ Sie ist nicht wie die Andern , “ gab ich fast barsch zurück ; „ ihr ernster Sinn passet wohl zur Einsamkeit . “ Und so schritten wir schweigend in das Haus , und einen Augenblick wollt ' es mich bedünken , als wär ' mir der heimgekehrte Jugendfreund minder lieb , denn einst . Da wir aber beim Nachtmahl saßen und uns wie sonst in die Augen schauten , nahm ich meinen Becher und stieß an den seinen : „ Willkommen daheim , Christian ! Laß Dir das rothe Haus nach wie vor gefallen zu gastlichem Einspruch ! Du findest hier stets die alte Gesinnung . “ Mein Weib aber saß schweigend neben mir – ihr Lachen war verstummet ; sie sah fast stolzer aus , denn je , nur ein rosiger Anhauch war auf dem bleichen Gesichte zurückgeblieben , und als sich unsere Becher mit vollem Klange trafen , hob sie den Blick und schauete mich an , daß ich zu trinken vergaß ; ich weiß nicht , was Alles in ihren Augen lag , Angst und Vorwurf und stummes Bitten . Da ich aber den Mund aufthat , um sie zu fragen , legte sie mir sanft die Hand auf die Schulter , erhob sich und beurlaubete sich von dem Prinzen , „ da sich die Herren gewißlich noch Mancherlei zu berichten hätten aus der Zeit der Trennung , und sie noch Hausfrauenpflichten zu üben habe . “ „ Bleib , Friederike ! “ bat ich , „ es mag Dich interessieren zu hören , was man anitzo zu Paris treibet , und wie die Damen am Hofe die Hütlein tragen . “ „ Erlaube , daß ich gehe ! “ bat sie schier unfreundlich , „ was kümmert mich Paris und die welsche Mode ? “ Und mit einer tiefen Verneigung gegen den Prinzen schritt sie hinaus . Ich aber warf einen triumpfhirenden Blick zu ihm hinüber und wiederholete : „ Sie ist nicht wie die Andern , Christel . “ Ich sehe noch sein Gesicht vor mir in jenem Augenblick ; er schauete die Thür an , hinter der ihre schlanke Gestalt verschwunden war , und ein purpurn Roth überfloß sein schönes Antlitz . Ich lachete laut auf und hielt ihm den Becher hin , und als er mir Bescheid that , da sah er so bleich aus wie das Tuch auf dem Tische . Dann aber hub er an zu erzählen von seinen Reisen und lobete Paris mit seinen schönen Frauen und manch ein verwegen Abenteuer klang da in meine Ohren . Welsche Sitte , lockere Zucht – es wollt ' mir schier leid thun um den Mund , so dies erzählete , als ich aber in seine Augen sah , da leuchtete mir doch ein gut Theil alter deutscher Ehrenhaftigkeit entgegen und ich dachte , er kann sich wohl einmal in diese wirbelnden , rauschenden Wogen gestürzt haben , aber er wird niemalen darinnen untergehen , und ich dachte an seine Mutter , das Urbild einer edlen Frauen und Fürstin , und daß ihr reiner Geist ihn gefeiet habe gegen jeglich unedel Thun . Da er heimwärts reiten wollte spät in der Nacht , schritt er leisen Fußes die Gänge entlang und in die Halle , und als ich laut nach den Knechten schrie , daß sie Leuchtung bringen sollten , verwies er mich heftig : „ Denkst Du nicht , daß Dein Weib schläft ? “ Ich stutzete . Es ward mir einen Augenblick klar , welch ein ungefüger Gesell ich sei , dann aber lachte ich . „ Man merket , daß Du zu Paris die höfische Sitte noch vervollkommnet hast . “ [ 612 ] Als er sich dann auf das Pferd schwang , irrete sein Auge über die dunklen Fenster . „ Darf ich wiederkommen , Heinz ? “ fragte er itzo laut . „ So oft Du willst , Christel ; es ist meinem Hause eine Ehre und Freude , und bin ich nicht daheim , so triffst Du Friederiken ; nur darfst Du ihr nicht von Paris sprechen , “ setzte ich lachend hinzu , „ Du weißt itzo , wie sie darüber denket . “ Friederiken fund ich aber noch wach in ihrem Stüblein ; sie las in einem Gebetbuch , und der Lichtschimmer floß um ihr blondes Haupt als ein Heiligenschein . „ Friederike , “ fragte ich , „ warum ließest Du uns allein ? Mißfällt Dir Prinz Christian ? “ „ Nein , “ sagte sie kurz , „