[ 022 ] sie nicht schleunigst umwende und sich beeile , den Stiefel auszuziehen . Von dem Sonnenuntergang , von dem Heimweg auf dunklen Waldpfaden sprach Aenne freilich kein Wort , nur in ihren leuchtenden Augen stand sie , die Geschichte ihrer jungen Liebe , aber diese Schrift konnte keines von den dreien lesen . Sie sprudelte über vor lauter innerer Glückseligkeit ; es war ja auch zu wundervoll , daß sie ihn heute früh schon gesehen hatte ! Und nun heute abend - wie wollte sie das Lied singen , das Lied von der Abendsonne ! Sie wußte , wie alles kommen würde : in irgend einem Fenstereckchen des großen Saales würden sie sitzen , nachdem er ein wenig kaltes Fleisch und Salat und ein paar Gläser Champagner vom Büfett geholt , so allein , so einsam zu zweien , wie drüben im Walde , der Heinz Kerkow und sie , der Heinz Kerkow , der wilde prächtige lustige Heinz , den sie liebgewonnen , so über alles lieb ! Aenne May fiel es vorläufig gar nicht ein , weiter zu denken ; sie war sich gestern ihrer Liebe bewußt geworden , und die war aufgeblüht wie eine Rose mit hundert Blättern . Wie es weiter kommen würde , das kümmerte sie nicht , sie sog das Glück der Gegenwart in vollen Zügen ein . Beim Ankleiden zur Soiree auf dem Schloß trieb sie tausend Possen . Natürlich ging dieser feierliche Akt wieder in der Eßstube vor sich , Mama frisierte ihr schönes Töchterlein vor dem Spiegel , der über der Kommode hing ; von der Petroleumlampe war die Glocke genommen , damit sie heller leuchte , und Tante Emilie , die als Landfremde nicht hoffähig war , half wie eine perfekte Kammerjunger . Ueberall lagen Sachen umher , das unsterbliche schwarze Seidendamastkleid der Rätin baumelte am Thürpfosten und der etwas verflüchtigte Geruch des Mittags war noch mit dem Duft von Kölnischem Wasser und Mandelseife versetzt . „ Nee - reizend ! “ erklärte Tante , als Aenne fertig dastand . „ Wenn du ' mal eine Excellenz bekommst , trautstes Herzchen , werde ich mich nicht wundern . “ „ Was soll ich mit einer Excellenz , Tante , “ antwortete das Mädchen und knöpfte die gewaschenen Handschuhe zu , „ ich will keinen Alten . “ Die Rätin lächelte . Sie war auch wirklich reizend , die Aenne , und wenn sie ebenso vernünftig wäre wie hübsch , könnte sie bald versorgt sein ! Der Oberförster nebenan bemühte sich auffällig um sie , ein guter stattlicher Mann . Aber Aenne that ja , als sei sie in diesem Punkte taub und blind . „ Höre , Engelsköpfchen , wird heute getanzt ? “ erkundigte sich Tante Emilie . „ Hoffentlich , Tante ! “ „ Na , da wird wohl der Kerkow Matador sein ? “ „ Er wird ja vermutlich Sorge tragen , daß ich nicht ganz sitzen bleibe . “ „ Wenn er ' s nur könnte , er tanzte den ganzen Abend mit dir , wie Hans mit Grete , “ nickte die Tante . „ Ich denke , der Kerkow wird genug zu thun haben mit den fünf Asselbach ’ schen Komtessen , der Toni Ribbeneck und den andern vom hohen Adel ; bezweifle , daß er sich viel um Aenne kümmern kann , “ meinte die Mutter und bohrte eine Granatnadel in das Blondenhäubchen auf ihrem Scheitel . Aenne warf ihrer Mutter einen mitleidig drolligen Blick zu . „ Meinst du , Mama.O weh ! - Da setze dich nur nicht in den Tanzsaal , ich fürchte , ich werde furchtbar schimmeln . Dabei aber strahlte ihr Gesichtchen von Siegesgewißheit . Die ahnten ja samt und sonders nichts von alle dem Herrlichen , was sie wußte ! „ Ich bleibe heute nacht auf , ich muß doch erst hören , wie ihr euch amüsiert habt , “ erklärte Tante Emilie beim Abschied , „ ich stell ' mir Thee in die Röhre und leg ' Patience . “ Und so that die alte Dame , zuweilen auch trat sie ans Fenster und schaute zum Schlosse empor , in dem die langen Fensterreihen des Mittelstockes rötlich in den Oktoberabend hinausleuchteten . Die alte seelensgute Frau , die das Kind ihres Bruders abgöttisch liebte , malte sich aus , wie Aenne an den Flügel treten und singen würde , wie sie , zur Herzogin beschieden , der hohen Frau die Hand küßte und wie sie dann mit dem Kerkow im Walzer dahin flog . Sie hatte es gemerkt , längst gemerkt , daß sich die beiden mächtig anzogen , und deshalb hatte sie Mitleid gespürt und die jungen Leute gestern allein gelassen , mitten im Walde , natürlich in der Meinung , daß sie als Brautleute nach Hause kommen würden . Das war nun nicht geschehen , die Jugend war eben anders heute , gar nicht mehr so ideal , so stürmisch . Von dem Kerkow hatte sie anderes erwartet . Hätte jemand ihr gesagt . Tante Emilie , die Jugend ist noch ebenso , ebenso stürmisch , so heiß , so begeistert , nur die Welt , die Verhältnisse sind anders geworden , sie hätte es nicht geglaubt . - Aber diesen Jemand gab es nicht . Tante Emilie hatte eben in den denkbar zurückgezogensten Verhältnissen gelebt und war drauf und dran , sich in der naivsten Weise der Welt bei Aenne und Kerkow den Kuppelpelz zu verdienen . Sie legte sich alle möglichen Patiencen - wird er sich heute abend erklären ? Keine ging auf . Sie fieberte vor Ungeduld , Aenne wiederzusehen , sie würde es ihr auf den ersten Blick an merken , ob das große Ereignis eingetreten sei , wie sie es gestern abend gemerkt , daß sich das junge Paar um einen großen Schritt näher gekommen sein müsse , denn die Aenne war ins Zimmer getreten , so eigen , so rosig , so , als sei noch was an ihr hängen geblieben von der Glut der Abendsonne . Es war kein Zweifel , heute mußte sich etwas ereignen ! Die Stunde bis zwölf Uhr , wo die Schloßfeste , dem hohen Alter der Herzogin zulieb , ihren Schluß fanden , verging , Tante Emilie , die ein klein wenig eingenickt war in der Sofaecke , hörte die Hausthür aufschließen wischte den Schlaf aus den Augenn und sah den Eintretenden entgegen , ihre Blicke suchten natürlich Aenne . Ein blasses müdes Antlitz blickte an ihr vorüber . „ Engelchen , bist du krank ? “ rief sie . „ Nein , nur müde , “ war die tonlose Antwort . Dann ein flüchtiges Kopfnicken zur Tante hinüber , ein ebenso tonloses „ Gute Nacht ! “ und sie war verschwunden . „ Was ist ' s denn mit der Aenne ? “ fragte die Erschreckte die Eltern . „ Sie hat sich vielleicht beim Singen zu sehr angegriffen , “ meinte der Herr Rat und gähnte . „ Gott bewahre ! Als ob sie das spürte ! Nein sie hat vielleicht zu viel getanzt ! “ „ Ach , du liebe Zeit , “ sagte die kleine dicken Rätin , „ einmal mit Günther , dem Oberförster , die Polonaise , und eine Extratour mit Kerkow , sonst habe ich sie nicht gesehen . Es wimmelte so von Damen , und die paar Herren hatten genug zu thun , die Komtessen herum zu schwenken , die vollzählig angelangt waren . “ „ Aber Kerkow konnte doch – “ ereiferte sich die Tante , „ der konnte doch öfter mit ihr tanzen , wo er jede Woche ein paarmal hier an unserm Tische sitzt ! “ „ Ei , der hatte genug mit der Ribbeneck zu thun , . “ lachte gutmütig die Frau Rätin , der es endlich gelungen war , sich aus ihren Mänteln und Tüchern herauszuschälen , und die jetzt ihrem Gatten half . „ Aber nun wollen wir schlafen , gelt , May . Wer weiß , ob die Herzogin dich nicht noch herausklingeln läßt ! Daß du nicht vergißt , die fünfundsiebzig Pfennige , die du im Whist gewonnen hast , in die Sparbüchse zu thun - Aenne braucht notwendig um Weihnacht ein neues Gesellschaftskleid . “ Der Rat nickte . Ihm war von dem langen Stehen an der Saalwand während des Konzertes , des Singsangs und Klaviergetrommels , wie er es nannte , schon ganz elend geworden . Die Hummermayonnaise sowie die Kaviarsemmeln des Büffetts hatten auch nicht gewartet , bis an ihn die Reihe kam , er hatte mit ein wenig kaltem Rehbraten und Heringssalat vorlieb nehmen müssen . Letzterer aber war nicht nach seinem Geschmack gewesen , den konnte nur Eine genießbar zubereiten und das war seine Frau . Dann , wie ärgerlich , das Whist mit dem Oberamtmann , dem Hofprediger und dem Oberförster ! Die Herren wollten partout den Point zu einem Groschen spielen , er setzte es aber durch , daß er nur einen Pfennig galt . Er verlor sonst immer , und nun heute gewann er ! Das hätte sieben Mark und fünfzig Pfennig betragen - na , es war nicht mehr zu ändern ! Mit einem halb gähnenden „ Gute Nacht “ zur Schwester zog er ab in Begleitung seiner Frau . Tante Emilie blieb zurück , packte die Karten zusammen , schloß die Läden und schlich auf ihren Filzpantoffeln nach oben in ihr Stübchen , das im Giebel neben dem Aennes lag , nur durch eine kleine Tapetenthür getrennt , die aber auf Aennes Seite mit einem Kleiderschrank versetzt [ 023 ] war . Die alte Frau tastete sich hinüber zu diesem Thürchen und horchte , es war ihr auch , als hörte sie das Mädchen gehen . Sie rief also : „ Engelchen , Goldköpfchen , bist du noch wach ? Kann ich noch ' mal zu dir kommen ? “ Keine Antwort . Seufzend kleidete sie sich aus und suchte ihr Bett auf . Was konnte es nur sein ? Sollte sie sich zu Herzen genommen haben , daß der Kerkow nur einmal mit ihr getanzt hatte ? „ Lieber Gott , na ja , man ist so thöricht , wenn man jung und verliebt ist . Na , das ist wie Regenschauer im April - sie wird wohl schlafen , das Kind , und morgen ist ’ s wieder anders mit ihm ! “ Es mochte gegen drei Uhr sein , da erwachte die alte Frau . Es war ihr , als habe jemand gerufen , und als sie sich aufrichtete vom Lager , da hörte sie ein ganz unvernünftiges wildes Schluchzen , das kam von jenseit der Wand , wo Aennes Bett stand . „ Aenne ! “ rief sie und pochte mit den geballten Händen gegen die Wand , „ Goldherzchen , Kind , was fehlt dir ? “ Da ward es still , und wieder keine Antwort . Das war kein Aprilregen , das war der Sturm , der Blumen vernichtet und Bäume entwurzelt , das war die Todesstunde von Aenne Mays junger Liebe . – – – Und drüben im dritten Stockwerk des Schlosses ging nach Schluß der Soiree Heinz von Kerkow in seinen beiden Zimmern auf und ab . Weinen thut kein Mann um so etwas , aber weh war es ihm doch ums Herz , bitter weh ! Er konnte das bleiche Gesicht , die starren fragenden Augen nicht vergessen , mit denen sie ihn angeschaut ob seines unbegreiflichen Wesens . Während sie sang , hatte er sich in einem Nebenzimmer aufhalten wollen , aber wie von Ketten gehalten war er geblieben . Und wie hatte sie gesungen ! „ O , du purpurner Glanz der sinkenden Sonne – “ Diese Sehnsucht in der Stimme , diese Freude auf dem reizenden Gesicht ! Sie hatte ihn nicht angesehen dabei , keine Spur von Koketterie war in diesem Mädchen , aber er wußte ja , daß jedes Wort ihm galt . Und wie lieb sah sie aus in dem weißen Kleide , wie sicher und anmutig war ihr Auftreten , die tiefe Verneigung vor der Herzogin ! Die ganze andere Bande , wie er sich respektlos ausdrückte , war nichts gegen sie , trotz Grafen und Freiherren tronen . Wie das Souper begann , wie sie lächelnd dastand , um ihn zu erwarten , laut ihrem Versprechen von heute morgen , wie er dann zu ihr kam mit dem Imbiß und seine Rolle zu spielen begann , formell , verstimmt , wie er von der Hitze im Saale erzählte und daß er froh sei , wenn die Sache vorüber wäre , daß er überhaupt das Leben hier satt habe und alles daran setzen wolle , um ein Kommando nach Berlin zu bekommen , etwa an die Centralturnanstalt , denn es sei ja in diesem Wurstnest einfach zum Rasen langweilig , da hatte sie ihn angestarrt , als fürchtete sie , er sei wahnsinnig geworden . „ Sagen Sie doch selbst , Fräulein May “ - Fräulein May hatte er sie genannt - „ ob es nicht wahr ist ! Na ja , die Gegend - die Gegend ist ganz nett , aber diese ewige Natura simpelei ! Und dann die schrecklich spießbürgerlichen Verhältnisse überall ! Im übrigen fühle er , daß er sie ermüde mit seiner Unterhaltung , auch müsse er sich einmal um die Ribbeneck bekümmern und um seine Tante . Damit hatte er sie verlassen , wobei er verstand , sie nicht anzusehen , und hatte sich mit krampfhafter Ausdauer der Toni Ribbeneck gewidmet . Aber einmal sah er doch zu ihr hinüber , es war , als zöge etwas seine Blicke dahin . Sie saß auf einem der mit rotem Seidendamast bezogenen Stühle im Empirestil , an der weißen mit Goldornamenten geschmückten Wand des kleinen Tanzsaales , und da wollte sich ihm beinahe das Herz umdrehen . Das Gesicht weiß wie die Wand , die Augen verständnislos , groß und flehend zu ihm hinüber gerichtet , um den Mund ein Zucken wie von verhaltenem Weinen - - das würde er nie wieder vergessen , nie ! So ähnlich war ihm zu Mute gewesen , als er sein erstes Reh erlegte . Er hatte das Tier nur krank geschossen und fand es nicht weit von der Schußstelle im Verenden , das hatte ihn angesehen mit dem nämlichen Blick wie Aenne . Scheußlich , scheußlich kam er sich vor - lieber Himmel , wenn man nur einen Ausweg wüßte ! Aber wie denn , wo denn - Nein - lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende - er durfte sich ihr nicht nähern ! Aber alle diese gewaltsamen Versuche , sich Vernunft einzureden , vermochten es doch nicht zu hindern , daß er in Träumereien sich verlor , in süße und hoffnungsreiche Träume , wie die nie zu entmutigende Jugend sie träumt . Ach , vielleicht - vielleicht ginge es doch noch , wenn sie warteten . Vielleicht gewinnt er das große Los - vielleicht findet sich ein Erbonkel – vielleicht -- . Heute früh hatte er es noch nicht so klar , so deutlich gefühlt wie jetzt , wo er der Unmöglichkeit ihres Besitzes gegenüberstand , wie sehr , wie tief er sie liebte ! Aenne ! Aenne , ich kann dich nicht lassen ! klang es in ihm , ich will dich nicht lassen ! Er fuhr empor aus seinem Brüten , draußen hatte es geklopft . Auf sein „ Herein ! “ trat einer der herzoglichen Lakaien ins Zimmer und bestellte eine Empfehlung von Frau von Gruber , und wenn der Herr Lieutenant noch nicht zu müde wäre , würde sie sich freuen , ihn heute abend noch sprechen zu können . Er warf einen verwunderten Blick auf die Uhr - es war ein Viertel vor Eins . Dann sagte er , er werde kommen , knöpfte die aufgerissene Uniform wieder zu und stieg die Treppe zum zweiten Stock hinunter , wo , just unter seinen Zimmern , die Appartements der Hofdamen lagen . Frau von Gruber , eine Cousine seines Vaters , war bereits im bequemen Hauskleide , eine alte Dame von sechzig Jahren , die ein wenig vornübergebeugt ging und für gewöhnlich einen ziemlich hochmütigen Ausdruck zur Schau trug , der aber in Anbetracht ihrer Stellung als Oberhofmeisterin Ihrer Durchlaucht wahrscheinlich notwendig war . Sie mußte ehemals sehr schön gewesen sein , hatte noch heute eine kerzenschlanke Gestalt , ein feines Gesicht , von grauen Haaren umrahmt , die zu dem frischen Teint gut kleideten , der etwas künstlich aufgebessert schien . Sie hatte eine stürmische Ehe hinter sich , ihr Mann war der unverbesserlichste Spieler gewesen . Von seinem großen Vermögen , von den prachtvollen Besitzungen ihres Gatten - er übernahm drei Rittergüter beim Tode seines Vaters - war nichts geblieben . Als der Krach kam , war sie einige vierzig Jahre alt und noch sehr schön , und nach dem Tode ihres Gatten , der plötzlich nach dem Zusammenbruch erfolgte - er starb in Monaco - trat sie die Stelle der Oberhofmeisterin bei der verwitweten Herzogin an , der sie nun seit zwanzig Jahren treu und tadellos vorstand . Kinder besaß sie nicht , interessierte sich aber aufrichtig für diejenigen , die in ihrer Verwandtschaft emporwuchsen und nicht eben das kleinste Interesse hegte sie für Heinz von Kerkow . Am liebsten fastete sie , die doch so unglücklich in ihrer eigenen Ehe gewesen , Heiraten , und auf Heinz hatte sie es in dieser Beziehung schon lange abgesehen . Bis jetzt freilich waren ihm noch keinerlei derartige Bestrebungen von ihrer Seite aufgefallen , sie bekümmerte sich bisher nur insofern um ihn , als sie es gern sah , wenn er zuweilen in ihren dienstfreien Stunden zu ihr kam und etwas mit ihr „ klatschte “ . Er war dabei unendlich drollig , ging mit Feuereifer auf jedes angeregte Thema ein und band seiner verehrten Tante Christiane unglaubliche Dinge auf mit dem ehrlichsten Gesicht von der Welt . Zuweilen , wenn die Rede auf seine Mutter und die beiden verblühenden Schwestern kam , auf die ganze trostlose Misere seiner Lage , wurde er elegisch , und das war jedesmal der Zeitpunkt , wo sie sagte : „ Junge , du mußt eine gute Partie zu machen suchen , weiter kann ich dir keinen Rat geben ! Wenn ich nur eine wüßte , die reich und gut genug für dich wäre , aber heutzutage sterben die Erbinnen aus . „ Ich muß unter die Semiten gehen , Tante , “ antwortete er dann regelmäßig , „ und ich bin überzeugt , du wirst , wenn sie einmal meine Frau ist , das ‚ Veilchen ‘ oder ‚ Rehböckchen ‘ liebgewinnen . “ „ Rede nicht so gottlos , Heinz ! Das wäre das letzte ! “ „ Ach , teuerste Tante , in der Not frißt der Lieutenant – Fliegen . “ Heute abend , als sie ihn mit einem Scherze empfing , vermochte er nicht darauf einzugehen , merkte auch nicht , daß das Lächeln auf ihren Lippen nicht ganz ungezwungen war . Er küßte zwar aufmerksam die noch immer hübsche Hand , machte es sich in einem Fauteuil des ungemein herrlich ausstatteten Zimmers bequem und nahm ein Glas Schlummerpunsch aus ihren Händen entgegen , aber er blieb stumm . „ Was stimmt dich denn so schweigsam , Heinz , “ erkundigte sie sich , ihn etwas unruhig beobachtend . [ 026 ] „ Ach Gott , na , man ist eben ' mal einen Tag nicht so wie den andern , “ lautete die nicht sehr zuvorkommende Antwort . „ Aber du warst so strahlend lustig beim Tanz vorhin , Toni Ribbeneck sagte noch - – “ Er machte ein Gesicht , als ob er sich vor einer mißliebigen Speise ekelte . „ Was will sie denn von mir ? “ erkundigte er sich mit einem Ausdruck als wollte er sagen „ Sie soll mich doch um Gottes willen zufrieden lassen ! “ „ Gott behüte ! Sie will gar nichts , sie freute sich nur , daß wir für unseren langweiligen Winter an dir einen so netten Kavalier gewonnen haben . Du weißt ja , Heinz , daß wir daran keinen Ueberfluß besitzen . “ „ So . Na , Tantchen , nimm ' s schon nicht übel , ich habe ganz und gar keinen Mumm , den Winter über hier in eurem verwunschenen Schloß zu versauern . “ „ Aber Heinz ! “ Tante Gruber entfiel der Löffel , mit dem sie ihren gar nicht schwachen Punsch rührte . „ Nun ja , ich will versuchen , daß ich fortkomme , Tante - es gefällt mir nicht mehr hier . “ „ Du bist ja ein ganz undankbarer Mensch , oder läßt du dich durch die Geschichte so furchtbar herunterdrücken , daß - - “ „ Herunterdrücken ? Welche Geschichte meinst du ? “ fuhr er auf . „ Na - deine Mutter , meine ich , und das mit Ottilie . Hab ’ doch Vertrauen zu mir , Heinz , ich weiß es ja natürlich schon . “ Er sah sie verständnislos an . „ Solltest du wirklich noch nichts wissen ? “ fragte sie erschreckt . „ Das thut mir leid , armes Kerlchen . Morgen früh wirst du den Brief wohl bekommen , oder - er liegt auf deinem Schreibtisch und du hast ihn übersehen . Ich dachte , deine finstere Laune komme daher ; Gott , wie ungeschickt von mir ! “ „ Ich muß dich schon bitten , liebe Tante , nach diesen Aeußerungen , die mich begreiflicherweise in Besorgnis versetzt haben , weiter zu berichten und mich nicht bis morgen früh , wie einen aufgespießten Schmetterling , weiter zappeln zu lassen . “ „ Ich will ’ s dir mitteilen , natürlich , Heinz , aber die Nachtruhe wird ' s dir nicht bessern . “ „ Auch eine Logik ! “ brummte er . „ Sei nicht so schrecklich unangenehm , Heinz ! Also , nun du es hören willst - Ottilie ist krank aus ihrer Stellung zurückgekehrt ! “ Er atmete auf - es war da noch etwas , das sich wenden konnte ; er hatte Schlimmeres gedacht . „ Was fehlt ihr denn ? “ fragte er , „ weißt du es ? “ Sie schüttelte den Kopf , aber ihre sonst so kalten Augen hatten sich mit Thränen gefüllt . „ Also etwas Ernstliches , Tante . Nur zu , sag ' s doch ! Typhus ? - oder - oder Herrgott , spanne mich doch nicht auf die Folter , Tante ! “ „ Man mußte sie in eine Anstalt - in eine - weißt du , Heinz , - ihre Nerven - eine , ja in das - “ „ Irrenhaus , “ ergänzte er dumpf . Er saß plötzlich da wie gebrochen . Die alte Dame schwieg . Sie hielt ihre Hände im Schoß gefaltet und schluckte an emporquellenden Thränen . Der Junge that ihr so leid , so furchtbar leid ! „ Und Mutter “ fuhr er endlich auf . „ Mein Gott , wie wird sie den Schlag überstehen - und was wird das kosten ! Was soll überhaupt - “ Sie nickte . „ Ja , das ist ' s eben ! “ Dann erhob sie sich , schritt zum Glockenzug und befahl dem eintretenden Lakaien , die für den Herrn Lieutenant eingegangenen Postsachen aus seinem Zimmer herunter zu holen . „ Da du es nun doch schon weißt , und ich begierig bin , Näheres zu erfahren “ setzte sie hinzu . Nach ein paar Minuten hielt er den Brief in der Hand . „ Von Mutter “ murmelte er , „ ach nein , von Hede , “ verbesserte er sich . Er drehte das Schreiben hin und her und schob es dann ungelesen in den Aermelaufschlag seiner Uniform und saß noch ein Weilchen , mit fest zusammengekniffenen Lippen ins Leere starrend . Endlich stand er auf . „ Das ist schon ein großes Unglück , wenn es reiche Leute trifft , Tante , aber hier hier - Ottilie hat Mutter immer unterstützt . Ich weiß nicht , wie es werden soll - - armes Mädel ! Arme Mama ! “ „ Wir Kerkows haben alle kein Glück , mein Junge - wenn man so denkt , wie es manchem in den Schoß fällt ! Ich muß immer Toni Ribbeneck ansehen und mich dabei fragen , wie der eigentlich jetzt zu Mute sein mag , nachdem sie vorgestern die Nachricht bekam , daß ihr Onkel gestorben und sie nun Herrin eines netten Vermögens geworden ist - so jung noch , höchstens siebenundzwanzig Jahre . Es giebt ein so sicheres Gefühl in der Welt , weißt du , “ fuhr sie fort , „ natürlich ! Findest du nicht , Heinz , daß sie jetzt eine sehr distinguierte Sicherheit zur Schau trägt , diese kleine Person ? Woran denkst du , Heinz , “ fragte sie ungeduldig den vor ihr Stehenden , und als er wie aus schweren Gedanken auffuhr , sagte sie , „ ich sprach von Toni Ribbeneck . “ „ So - ja - was sagtest du doch - daß sie geerbt habe - Kann froh sein , ohne Geld geht ' s eben nicht . Gute Nacht , Tante , den Brief lese ich oben , ich kann ja augenblicklich doch nichts thun . Habe Dank für deine Teilnahme ! “ In seinem Zimmer droben warf er sich auf ' s Sofa und stöhnte auf wie unter körperlichen Schmerzen . Vor seinen Augen stand so deutlich das Bild seiner Angehörigen weit von hier in der kleinen märkischen Stadt ; die Wohnung in der öden Gasse , bestehend aus drei Stuben , Küche und Vordiele im einstöckigen Hause des Krämers Busch , dessen Laden die Zimmer ausgiebig mit den Gerüchen des Materialgeschäftes versorgte . Die Wände des Fachwerkbaues etwas schief , die Tapeten billigster Sorte , alt , rissig und geschmacklos , und darin die erblindeten Mahagonimöbel . Im Salon ein verschossener großblumiger Teppich , im Wohnzimmer der Maltisch seiner jüngsten Schwester , die Luft erfüllt von dem Duft des Terpentins , dessen sie zur Porzellanmalerei bedurfte , am andern Fenster der Lehnstuhl der Mutter vor dem Nähtisch , auf dem bunte Wolle liegt und eine angefangene Arbeit , denn wie Hede für Geld malt , so stickt die Mutter für Geld . Lieber Gott , wie mochte es da aussehen seufzte er . Was mochte geschehen sein ? Ottilie , die blasse , stille , vernünftige Schwester . die für jeden einen guten Rat gehabt , für jeden von ihnen Hilfe und Trost , Ottilie wahnsinnig ! Er nahm den Brief , öffnete ihn und rückte die Lampe näher . Es war Hede , die schrieb , ganz zitterig die Hand und Thränenspuren auf dem Papier . „ Lieber Heinz ! Uns hat Schweres betroffen ! Wenn Du diesen Brief erhältst , weißt Du es schon , denn ich bat Doktor Allers , es Tante mitzuteilen , damit sie Dich vorbereite auf das Traurige . Die Details sind so schrecklich , Heinz , ich kann Dir nicht beschreiben , wie Ottilie aussah , als sie unser Zimmer vor vier Tagen betrat , so unerwartet , so unkennbar . Ihre Briefe waren bisher ganz vernünftig gewesen , es fiel uns zwar auf , daß sie stets darin von einem großen Glück erzählte , das sie erwarte . Wir fragten aber nicht , was es sei , gaben uns vielmehr der Hoffnung hin , daß sie sich vielleicht verloben würde . Sie hatte vor zwei Jahren einmal die Andeutung gemacht , als interessiere sich der Bruder der Frau Hennigs , bei der sie bis jetzt Gesellschafterin war , für sie , derselbe ist Bankier in Berlin und soll sehr reich sein . Es wäre ja ein großes Glück für uns gewesen . Nun , denke Dir unsern Schrecken , tritt sie am Dienstag plötzlich ins Zimmer , wo wir sie doch in Berlin glaubten , in einem ganz unmöglichen Rembrandthut , blaß wie der Tod , mit flackernden Augen und sagt , als ob wir sie erst gestern gesehen hätten ihr Bräutigam käme gleich nach , um sich das Jawort der Mutter zu holen , und in acht Tagen sei die Hochzeit , wir sollten ein Souper besorgen und den Champagner nicht vergessen . Dann wirft sie den Hut auf den Tisch , geht zu Mutters Servante und holt Tassen und Teller heraus , und wie Mutter , zitternd vor Entsetzen , ihr wehren will , wird sie wütend und zertrümmert die Scheiben des Schrankes , wirft alles vom Tisch und tobt , daß wir unsere Wirtsleute zu Hilfe rufen müssen - der Mann hielt sie fest , bis Doktor Allers kam ; der eine Wärterin holen ließ und - - - Ach , Heinz , wie grauenhaft ! - Vor zwei Stunden ist sie nach Halle übergeführt . Man redete ihr vor , sie solle nach Berlin reisen , wo ihr Bräutigam sie erwarte . Sie ging willig mit , sie sagte uns zärtlich , glückstrahlend Adieu , und wir sollten sie bald besuchen . Mama liegt im Fieber zu Bett vor Erschütterung , ich mußte Ottilie allein Fremden überlassen auf der entsetzlichen Reise , Mama ist so gebrochen , ich konnte nicht von ihr gehen . Heinz , was muß ihr angethan sein , daß sie so wurde ? Wird es sich je aufklären ? [ 027 ] Ein Brief von der Dame , bei der sie in Stellung war , teilt mit , daß sie heimlich davonging und in letzter Zeit bereits ein paarmal ganz ohne Grund in Wut geraten sei . Und nun , Heinz , sei nicht böse ! Die Oktoberzulage kann Dir Mama nicht schicken , wir haben schon