baue ich meine ganze Hoffnung , “ und nun hatte er ihr etwas von „ Erbschleichen “ entgegengerufen . Aber freilich die Blanka , die kleine rothhaarige Blanka – da war sie schon wieder – aber Tante Stontheim konnte ja theilen zwischen Blanka , Nelly und ihm – ja , das war ein Ausweg . Ob nicht doch noch Alles gut werden könnte ? Ihn fröstelte ; er trat zum Kamin und warf eine Hand voll Reisig in das verglühende Feuer ; die Flammen schlugen prasselnd aus in dem dürren Holz und beleuchteten zuckend und unsicher den getäfelten Fußboden . Ihr röthlicher Schein ließ das vergoldete Laubwerk des alte Kamins in hellem Glanz aufblitzen , und die Augen des jungen Mannes folgten träumerisch den Windungen der Eichenguirlande , die sich unter dem Sims des Kamins hinzog ; in der Mitte umschloß sie kranzartig ein Schild ; es stand ein Spruch darauf : „ An Gott nit verzag ! Glück kombt all Tag , “ ein Kernspruch alter – längst vergangener Zeiten . „ Glück kombt all Tag , “ wiederholte er halblaut noch einmal ; hatte er den noch nie diese Worte gelesen ? Sie ergriffen ihn mächtig in dieser Stunde ; konnte denn nicht das Glück auch zu ihm wieder kommen ? Er sah empor zu den prächtigen Hirschgeweihen – alle waren sie von den Derenbergs erbeutet , wie die Täfelchen mit Namen und Datnm anzeigten , alle in den Wäldern , die man theils verkauft , theils verpfändet hatte . Aber es konnte ja möglich sein – warum denn nicht ? – daß er wieder dort jagte , wo seine Vorfahren so manche fröhliche Pirsch gehalten . Weg mit den Grillen ! Das Leben lag ja noch vor ihm , so hoffnungsreich , so locked , und „ Glück kombt all Tag . “ Ueber sein jugendliches Gesicht flog es wieder wie Sonnenschein ; das Herz klopfte ihm heiß in der Brust , und er fühlte den Muth , auch Stürmen zu trotzen . „ Nur vorwärts , weiter hinein in die Woge des Lebens ! Je toller die Brandung , je besser ! Ob Lust oder Schmerz , ich nehme es wie es kommt ; ein Leben ohne Kampf – das ist kein Leben . Ich will Großmama um Verzeihung bitten des Erbschleichens wegen , “ fuhr er fort , „ auch Mama soll nicht mehr so traurig sein – warum so schwarz sehen ? Selbst die Kleine hing ihr Köpfchen , ja so – das war wegen der Liese , der kleinen Lumpenliese , pah ! das ist nicht der Rede werth , und sie wird es später selbst einsehen , daß – “ Er pfiff ein Liedchen vor sich hin , als er den Corridor entlang schritt , um zu seiner Mutter zurückzukehren . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 41 , S. 669 – 672 Fortsetzungsroman – Teil 2 [ 669 ] 2. Am folgenden Morgen stand Army mit sonniger heiterer Miene vor der Großmutter : er hatte ihre Verzeihung erhalten . Zwar ’ zuckte sie lächelnd die Schulter , als er ihr seine Ansicht aussprach , daß die noch unbekannte Blanka ja mit erben könne . „ Du bist ein Phantast , Army , “ sagte sie scherzend , widersprach ihm aber nicht , sondern deutete mit der schlanken Hand auf ein Tabouret zu ihren Füßen . „ Setz ’ Dich ! Ich habe Dir noch Einiges mitzutheilen , bevor wir scheiden . “ Die Zimmer der alten Dame hatten ihre luxuriöse Einrichtung behalten und machten auf den ersten Anblick einen beinahe prächtigen Eindruck . Wer genauer hinsah , bemerkte wohl , daß die Farben des schweren purpurrothen Stoffes verblichen und die Seide hin und wieder gebrochen war , aber trotzdem verliehen die Vorhänge an Thür und Fenstern , die zierlichen Palissandermöbel , der große Smyrnaer Teppich dem Zimmer einen beinahe üppig eleganten Charakter . Von den Wänden schauten aus goldenen Rahmen heitere italienische Landschaften ; diese Bilder waren Erinnerungen an glückliche Tage , welche die Baronin als junge gefeierte Gräfin Luja in Venedig und Neapel verlebt hatte , und in diesen Erinnerungen vergaß sie die trostlose Gegenwart . „ Ueber Dein Verhalten gegen Tante Stontheim brauche ich Dir keinen Wink zu geben , Army , “ begann sie , eng die gestrige Klippe vermeidend . „ Du wirst Dich ja zu benehmen wissen ; sag ’ ihr meine innigsten Grüße , und ich wäre eine alte , müde Frau geworden . “ „ Diese Bestellung muß ich ablehnen , Großmama , “ sagte Army galant , „ unmöglich kann ich mein Gewissen mit einer Lüge belasten . “ Die alte Dame lächelte geschmeichelt , und ihm einen leichten Streich auf die Wange gebend , bemerkte sie : „ Nicht ironisch sein gegen Deine alte Großmama ! “ Army küßte ihr die Hand . „ Und was hat mir Großmama noch zu sagen ? “ „ Ja richtig , ich muß Dich noch vor etwas warnen . Du trittst sehr jung in ’ s Leben und hast das leidenschaftliche Blut meiner Vorfahren geerbt . Genieße Deine Jugend nach Herzenslust , aber hüte Dich vor einer ernsthaften Neigung ! Es muß sich Vieles in der vereinigen , die Du einst heimführst , alte Familie und Vermögen , Army , viel Vermögen ; es ist einer der wenigen Wege , die Dir offen stehen , den gesunkenen Glanz Deines Hauses wieder aufzurichten . – So , und das wäre Alles , “ schloß sie , „ und wenn Du versprichst , mir mitunter zu schreiben , so hätten wir uns weiter nichts zu sagen . “ Der junge Officier lächelte . „ Gewiß , Großmama , ich schreibe bald , denn ich werde viel Zeit haben , und ängstige Dich nicht ! An ’ s Heirathen kann ich doch unmöglich schon denken ; ich bin erst achtzehn Jahre gewesen . “ Er lachte laut auf ; es war auch keine Spur mehr von dem gestrigen Schatten in dem heiteren Gesichte . „ Darf ich Dir jetzt Adieu sagen , Großmama ? “ fragte er , „ ich möchte noch einmal in den Ahnensaal hinaufgehen , um der schönen Agnese Mechthilde einen Abschiedsbesuch zu machen . Sieh , Großmama , da kann ich Dir gleich eine Beruhigung geben , “ fügte er hinzu , „ wenn ich nicht ein Mädchen finde , die ihr ähnlich sieht , dann heirathe ich überhaupt nicht , denn sie ist mein Ideal einer Frau . “ „ Du meinst die Mechthilde mit den rothen Haaren ? “ fragte ganz erstaunt die alte Dame . „ Ja ! “ nickte der Enkel . „ Ich habe eine Schwäche für rothes Haar . Apropos , Großmama – darf ich das alte Buch behalten , das Du gestern Abend mit hinunter brachtest ? “ „ Gewiß , es ist eine Familienchronik , und ich hatte sie für Dich bestimmt . “ „ Danke tausendmal ! Auf Wiedersehen zu Mittag ! “ Er küßte ihr die feine Hand , und gleich darauf schlossen sich die rothen Falten des Thürvorhanges hinter ihm . Ein Liedchen pfeifend , schritt er den Corridor entlang und stand bald im Ahnensaal vor dem Bilde der schönen Agnese Mechthilde . Von dem dunkel gehaltenen Hintergrund hob sich der zierliche Kopf fast plastisch ab ; üppiges goldenes , beinahe röthliches Haar barg sich , von der weißen Stirn zurückgestrichen , unter einem Häubchen von Silberstoff . Unter dieser Stirn , unter den scharf gezeichneten Brauen , die seltsam contrastirten mit dem hellen Haar , blickten große dunkle Augen hervor , mit dem Ausdruck eines tiefen unergründlichen Schmerzes sahen sie den Beschauer an , so träumend , so leidversunken , als suchten sie ein verlornes Glück . Es webte ein mattes Dämmerlicht in dem großen Raume . Army zog den Vorhang des zunächst liegenden Fensters zurück , und nun flutheten die Strahlen der kalten klaren Wintersonne über die rothen Haare des schönen Weibes ; es schienen goldene Fäden darin aufzusprühen , und wieder übten die Augen auf ihn den alten Zauber , diese träumenden , so unergründlich schmerzlichen Augen . [ 670 ] Da hörte er einen leisen Schritt und die kleine rosige Hand seiner Schwester legte sich ihm auf die Schulter . „ Hier steckst Du , Army ? Wir wollen zu Tische gehen . Komm hinunter , Army ! Du mußt ja nachher bald fort , und ich habe Dich den ganzen Morgen noch nicht gesehen . “ Er zog das junge Mädchen an sich . „ Schau mich einmal an , Nelly ! “ bat er , und hob mit der Hand das Köpfchen ein wenig in die Höhe , „ bist Du fröhlich oder bist Du mir noch böse ? “ Ihre Augen feuchteten sich , als sie dem Bruder in ’ s Gesicht sah , aber sie schüttelte lächelnd den Kopf . „ Böse ? Nein , o nein ! Aber komm doch – es ist so kalt hier . “ Er nahm ihre Hand , und sie schritten der Thür zu ; ehe er sie schloß , wandte er sich nochmals zu dem Bilde um . „ ‚ Darumb nimb war , wasz für Haar ! Ist solches roth , hatz groß Gefahr ‘ , “ flüsterte er vor sich hin . – – Kaum eine Stunde später stand die alte Sanna droben an einem der Fenster des Corridors ; sie blickte dem scheidenden Army nach . Er hatte Abschied genommen von der weinenden Mutter ; nun ging er eben über den Schloßhof , und Nelly folgte ihm im schlichten Mäntelchen ; sie hatte es sich nicht nehmen lassen , dem Bruder nahe zu sein bis zur letzten Minute des Abschiedes . „ Ganz die Großmutter ! “ murmelte die alte Sanna vor sich hin , „ das Herz lacht Einem , wenn man ihn nur anschaut . “ Sie hielt sich die Hand über die Augen , um besser sehen zu können . „ Es wird ihm nicht fehlen , “ dachte sie weiter , „ er kann anklopfen wo er will : die Reichste , die Schönste wird sein , und solch Malheur , wie sein Vater hatte , wird ihn doch nicht verfolgen . O , wenn meine Baronin noch erleben könnte , daß hier im Schloß wieder ein fröhliches glänzendes Leben aufblüht ! Sie thäte noch einmal jung werden und schön . O Du blutiger Heiland , wie wollte ich Dir auf den Knieen danken dafür ! “ Indessen schritten die Geschwister die alte Lindenallee hinunter ; es war ein wunderbar schönes Winterbild , das vor ihnen lag . Unten , wo die Allee endete , schimmerten die weißen schneebedeckten Berge herüber , von den Bäumen wie in einen Rahmen gefaßt ; seitwärts blickten die Häuser des Dorfes mit ihren beschneiten Dächern hervor ; fast aus jedem Schornstein stieg eine Rauchsäule kerzengerade in die kalte Winterluft , und zur andern Seite zog sich der Wald hin im herrlichen Schmuck des Anhanges ; über Weg und Steg lag eine blendend weiße Decke gebreitet – todtenstill war es in der Natur ; nur ein Schwarm Krähen zog mit heiserem „ Krah ! Krah ! “ von den Bäumen empor und stiebte den weißen Schmuck der Aeste ab , der nun langsam in glitzerndem Gefunkel zur Erde schwebte . Und über dem Ganzen lag der rosige Duft der untergehenden Sonne , der in der Ferne in einem wundervollen Violett verschwamm . Die Blicke des jungen Mannes schweiften über die anmuthige Landschaft . „ Sieh , Nelly , “ sagte er , „ das Alles , soweit Dein Auge reicht , war einmal unser . “ „ Auch die Papiermühle ? “ fragte die Kleine und deutete hinüber zu dem schiefergedeckten Giebel derselben . „ Die Mühle selbst nicht , aber ein ansehnlicher Theil des Grundbesitzes . Großvater hat es dem Vater des Müllers verkauft , als er sich einmal in Verlegenheit befand – so erzählte mir Großmama . Der Mann geht jetzt stolz zur Jagd , während wir – “ er fuhr sich mit der Hand über die Augen ; dann lachte er und begann zu pfeifen er wollte nun einmal nicht grübeln . Am Gitterthor des Parkes wandte er sich noch einmal und sah die lange Allee zurück ; dort schimmerte das mächtige Portal ; die Stufen der breiten Freitreppe waren verschneit , und der Schnee war hoch hinaufgeweht gegen die massiven Flügelthüren . Märchenhaft schön trat das Schloß hervor , übergossen von der jetzt intensiv rothen Gluth der sinkenden Sonne ; die Fenster leuchteten wie flüssiges Gold zu dem jungen Manne hinunter , genau so golden und rosig wie die Zukunftsträume , die sich in seinem Herzen entfaltet hatten . „ Es muß hier wieder anders werden , “ sagte er , „ es muß ; ich will es . “ Er wandte sich und folgte seiner Schwester . Schweigend gingen sie neben einander her ; endlich stand der junge Officier still und sah nach der Uhr . „ Weißt Du , Schwesterchen , “ sagte er , „ ich muß rasch zuschreiten , will ich die Post nicht versäumen ; kehr ’ Du um ! Du machst Dir nur kalte Füßchen in dem tiefen Schnee ; leb ’ wohl , Kleine , und grüße mir Alle noch einmal herzlich ! “ Er beugte sich nieder und küßte ihr den frischen Mund . „ Laß Dir auch die Zeit nicht gar zu lang werden in dem alten einsamen Schloß ! “ fügte er hinzu und sah sie fast mitleidig dabei an . Sie schüttelte den Kopf . „ O nein , ich habe ja Lieschen . “ Sie standen gerade dort , wo der Weg , auf dem sie gekommen , in die Landstraße einbiegt . Drüben führte zwischen Tannen ein Weg nach der Papiermühle und mündete ebenfalls an dieser Stelle ; die Straße senkte sich ziemlich steil zum Dörfchen hinunter , und eine Linde streckte ihre Zweige über eine verschneite Steinbank aus . Vom Dorfe her tönte jetzt deutlich ein Posthorn . „ Weil ich nun scheiden muß , gieb mir den Abschiedskuß ! Mädel ade , Scheiden thut weh , “ sang , die Melodie nachahmend , eine helle Kinderstimme jubelnd und neckend in die Welt hinaus , und gleich darauf trat ein junges Mädchen hinter den Tannen hervor . Sie stutzte , als sie die beiden Gestalten dort erblickte ; über das kindliche Gesichtchen zog einen Augenblick eine dunkle Röthe , und ein paar tiefblaue Augen senkten sich wie erschreckt zur Erde , aber dann schritt sie gleich näher , und der liebliche rothe Mund lächelte , daß sich zwei herzige Grübchen in den Wangen bildeten . „ Ach , Nelly , “ rief sie , „ wie schön , daß ich Dich treffe ! Und Du , Army , “ fragte sie kindlich und ohne eine Spur von Scheu , „ willst Du schon wieder fort und bist nicht einmal bei uns in der Mühle gewesen ? “ Der junge Officier war dunkelroth geworden , als er die blauen Augen auf sich gerichtet sah und die Hand ergriff , die sie ihm nach Kindesart hinhielt . Er war noch nicht weltgewandt genug , um eine Entschuldigung zu erfinden ; sein Lächeln verschwand vor dem köstlich rosig angehauchten Gesichtchen , das fragend und vorwurfsvoll zu ihm emporblickte . „ Army muß ganz plötzlich abreisen , “ sagte Nelly , „ sonst – “ sie stockte , es war ihr unmöglich , dem arglosen Kinde etwas vorzulügen ; sie hätte weinen mögen vor Scham und sah wie hülfesuchend auf ihren Bruder . Aber schon die wenigen Worte genügten dem jungen Mädchen . „ Guter Army , “ sagte sie ganz beruhigt , „ ich hatte Dich schon im Verdacht , Du würdest gar nicht mehr zur Mühle kommen ; ich wollte eben einmal zu Nelly gehen , “ – sie lachte , daß wieder die Grübchen in den Wangen erschienen – „ um nachzusehen ob es wahr ist , was die Muhme behauptet , nämlich daß Du stolz geworden bist . Nun aber kann ich sie auslachen , gelt ? Du wärst heute oder morgen doch gekommen , “ sagte sie treuherzig . Er sah zu ihr herüber , wie in Gedanken verloren . „ Wie Du groß geworden bist ! “ sagte er dann und ließ seine Augen über die schlanke Gestalt gleiten . Lieschen war wirklich fast so hoch emporgewachsen , wie er selbst ; sie sah so anmuthig aus in dem blauen mit Pelz besetzten Sammetjäckchen ; plötzlich wurde sie dunckelroth unter seinem Blick und fragte rasch : „ Willst Du mit der Fünf-Uhr-Post fort ? Dann mußt Du eilen , Army ; ich freue mich , daß ich Dich doch noch als Officier gesehen habe . “ Sie hielt ihm wieder die Hand hin , und wieder legte er die seine hinein ; er lachte jetzt auch ; es kam etwas wie Erinnerungen aus der Kinderzeit über ihn . „ Den Letzten , Army ! “ rief sie dann , schlug ihn leicht auf die Schulter und lief eilig davon . Einen Moment stand der junge Mann , als wolle er , wie früher , ihr nacheilen , um ihr „ den Letzten “ wieder zu geben , wie sie es jedesmal gemacht hatten , wenn sie vom Schlosse oder er von der Mühle fortgegangen war – sie hatten sich so gern damit geneckt . Aber dann zog er rasch seinen Paletot über den Armen zusammen , nickte noch einmal zurück und ging . Er sah sich nicht wieder um nach den beiden Gestalten dort , die ihm Arm in Arm nachschauten ; er mußte ja eilen . Unter der alten beschneiten Linde wurden ein Paar süße blaue Augen feucht , und eine Stimme , aus welcher der Uebermuth plötzlich so ganz geschwunden war , flüsterte ein leises „ Lebe wohl ! “ Auch Nelly weinte , und als seine Gestalt hinter den Häusern des Dorfes verschwand , da fragte sie ängstlich : „ Nicht wahr , Lieschen , Du bist dem Army nicht böse ? “ Aber Lieschen antwortete nicht ; sie schüttelte nur das Köpfchen und ging ganz stumm , ganz schweigsam neben der Freundin her . Die rosige Gluth des Himmels war verblichen , und nur ein [ 671 ] mattes Gelb färbte noch den Horizont ; die Fenster des alten Schlosses blickten wieder so traurig wie immer hinaus in das ewige Einerlei , und in den beiden jungen Herzen bangte die Wehmuth des Abschieds ; der Kuß , den sie sich am Gitterthor des Parkes zur Gute Nacht gaben , war inniger , viel inniger als sonst , und Lieschen war es , als könne sie die kleine Hand der Freundin heute gar nicht loslassen , und nun flüsterte sie noch einmal : „ Gute Nacht ! “ 3. Die Lumpenmühle , wie die Papierfabrik von jeher im ganzen Umkreise genannt wurde , lag reizend zwischen hohen alten Bäumen an dem rauschenden kleinen Flusse . Das stattliche Wohnhaus mit der vergoldeten Wetterfahne auf dem spitzen Schieferdache stammte noch aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und hatte sich den Charakter der damaligen Zeit bewahrt . Die schwere eichene Hausthür mit dem blankgeputzten Messingklopfer war noch dieselbe ; die vielen kleinen Scheiben der Fenster hatte noch kein neumodisches Spiegelglas ersetzt , und die geschnitzte Inschrift auf dem hervorspringenden altersgrauen Balcon verkündete , daß dieses Haus „ zu Ehren Gottes Anno 1741 erbauet sei von Johann Friedrich Erving und seiner Ehefrauen Ernestine geborenen Eisenhardtin . “ Die alten Drachenköpfe an den vier Ecken des Daches waren noch immer bereit , das Regenwasser hinabzuspeien , und die grauen Sandsteinbänke neben der Hausthür unter den zwei großen Linden galten auch heute noch als der liebste Platz der Familie an schönen Sommerabenden . Ein großer Obstgarten umgab das Haus von drei Seiten mit schnurgeraden Wegen , einer schattigen Jasminlaube und vielen Johannis- und Stachelbeersträuchern ; dieser Garten stand unter der besondern Herrschaft der Muhme . In der ganzen Umgegend gab es nicht solch vortreffliche Aepfel- und Birnensorten wie auf der Lumpenmühle , und der Spargel auf den sorglich gepflegten Beeten der Muhme war geradezu berühmt wegen seiner Zartheit und außerordentlichen Größe . Wer hätte sich auch die Lumpenmühle denken können ohne die Alte ? Wie gemüthlich sah sich das gleich an , wenn man über den Mühlsteg schritt , der dem Wohnhause gegenüber lag ! Der alte Frauenkopf bog sich dann hinter den schneeweißen Vorhängen hervor , um den Gast mit ein Paar freundlichen hellen Augen willkommen zu heißen ; die Alte schob das Spinnrad bei Seite und war so hurtig , daß sie meist den Eintretenden schon in der stets offenen Hausthür empfangen konnte mit einem freundlichen „ Grüß Gott ! Wie wird sich Minnachen “ – das war die Hausfrau – oder „ Wie wird sich der Friedrich “ – das war der Hausherr – „ freuen ! “ und dann trippelte sie voran und öffnete die Thür , um den Gast in das behagliche Wohnzimmer treten zu lassen , und indem sie das gewichtige Schlüsselbund von ihrer Seite nahm , verschwand sie schleunigst in Küche und Speisekammer . Die alte Frau lebte schon von ihrem zehnten Jahre an in der Lumpenmühle ; sie war ein Waisenkind gewesen , und der Großvater des jetzigen Besitzers hatte das allzeit freundliche kleine Mädchen erzogen ; so war sie die Spielgefährtin seiner beiden Kinder geworden . Sie hatte diese Wohlthat durch Treue und stete Anhänglichkeit gelohnt , hatte gute und schlechte Tage mit der Familie getheilt und war nun schon lange ein liebes Mitglied des Hauses und geradezu unentbehrlich . Die Ervings hatten sich stets ausgezeichnet durch Güte und Wohlwollen den Armen gegenüber ; sie hatten die rechte Hand nie wissen lassen , was die linke that , und der Herr hatte es ihnen gesegnet , wie die Muhme so oft sagte ; sie waren die reichsten Leute weit und breit . Es hatte auf der Mühle allzeit Männer gegeben von echtem deutschem Schrot und Korn , deren Handschlag mehr galt als zehn Eide und die einen festen Willen mit Schaffensdrang und rastloser Thatkraft vereinten . Das „ Bete und arbeite “ war von jeher der Wahlspruch der Familie gewesen , der den Kindern von den Eltern eingeprägt wurde . Die Mühle besaß aber noch eine Berühmtheit , die beinahe sprüchwörtlich geworden , und das war die Schönheit der Frauen und Töchter . „ So sauber , als stammte sie von der Mühle “ , war gang und gäbe im Dorfe , wenn man einem hübschen Mädchen ein Compliment machen wollte , und die blauen Augen der schönen Müllerskinder hatten schon seit langen Zeiten gar manch Einem Kummer und Herzweh gemacht . Die alte Mühle hatte auch viel fröhliches Leben erblühen sehen , und immer war es echte , rechte , goldene Fröhlichkeit . Mit den Derenberg ’ s war immer ein nachbarliches , freundliches Einvernehmen gewesen ; es waren ja beiderseitig Naturen , die sich hochachten mußten , und wenn der jeweilige Gutsherr am Mühlbach entlang ritt und der jeweilige Müller saß unter der Linde mit seiner Frau , so entspann sich immer ein freundliches Gespräch . Auch in der Noth reichte man sich die Hände , und als die Kriegsjahre von Anno 1807 bis 1813 hereinbrachen , da konnten Blutsverwandte nicht treuer zusammenhalten , als die stolzen Derenberg ’ s und die Ervings von der Lumpenmühle . Als die Muhme in ’ s Haus kam , erblühten dem Besitzer zwei fröhliche Kinder . Das Mädchen war mit ihr in einem Alter , der Knabe um vier Jahre älter . Sie wuchs mit ihnen auf ; freilich hielt die Müllerin , eine Frau , die ebenso wirthschaftlich wie fromm war , streng darauf , daß das kleine Waisenmädchen aus dem armen Tagelöhnerhause auch in ihrem Stande bliebe ; sie sollte später als Magd im Hause dienen , aber Frau Erving konnte und mochte es doch nicht verhindern , daß die drei Kinder zusammen spielten und sich zwischen den beiden Mädchen eine innige Freundschaft entwickelte , die mit den Jahren immer fester wurde . Der Knabe seinerseits hielt gute Cameradschaft mit den beiden Söhnen , die drüben im Schlosse emporwuchsen und die Baronin Derenberg liebte den blondlockigen Jungen so sehr , daß sie die Eltern bestimmte , ihn an dem Unterrichte ihrer Söhne theilnehmen zu lassen . So kam der kleine Friedrich aus der Dorfschule in das Lehrzimmer des freiherrlichen Schlosses , und es hat wohl schwerlich jemals einen dankbareren Schüler gegeben . Später , als die Derenberg ’ schen Söhne erwachsen waren und längst die große Tour im Auslande gemacht hatten , der Aelteste bereits das Besitzthum angetreten , das sein Vater ihm hinterlassen , und der Jüngere ein flotter Reiterofficier geworden war , auch da kamen sie immer gern einmal wieder in das alte Haus , um den Freund zu besuchen . Die kleine Lisette war indessen zur stattlichen Jungfrau herangewachsen ; sie besaß die sprüchwörtliche Schönheit der Müllerstöchter in vollstem Maße und konnte mit ihren großen Augen , die so tief und blau waren wie der See in den Derenberg ’ schen Forsten , Jeden so herzgewinnend anschauen . Mariechen war auch groß geworden , ein Prachtmädel , wie die Hausfrau sagte ; sie sprang und sang in Küch ’ und Keller umher und hatte dabei ein so neckisch – freundliches Wesen , daß man dem muntern Ding mit den rothen Wangen gut sein mußte . Sie durfte zwar jetzt die Spielgefährtin nur „ Mamsell “ und „ Sie “ anreden , aber heimlich kam doch das traute Lisett und Du wieder einmal über die Lippen , und gar manchen Sommerabend saßen sie eng umschlungen in der Jasminlaube dort unten am Wasser , wie sie es schon als Kinder gethan . Und in dieser Zeit war es , wo ein schweres Geschick über die Familie hereinbrach , so schwer , daß die gebeugten Eltern es kaum zu tragen vermeinten ; aus dem muntern Mariechen ward ein ernstes , stilles Mädchen ; es betraf ja auch das Kleinod des Hauses , die schöne Lisett . Das reizende Kind hatte zwar oft genug von ihrer sprüchwortkundigen Mutter den Reim gehört : „ Gleiches Gut , gleiches Blut , Gleiche Jahre giebt die besten Paare . “ aber wie konnte sie dessen gedenken , als wirklich die Liebe in das junge Herz zog , die von Rang und Stand so gar nichts wissen will . Und sie liebte zum erstem Male mit dem reinen vertrauensvollen Kinderherzen , und die Liebe , die ihr entgegengebracht wurde , war nicht minder ernst und heilig gemeint , als die ihre . Da griff eine Hand rauh und frevelnd in das eben erblühte Glück ; es war eine feine , schöne Frauenhand , aber sie riß die beiden Herzen so jäh aus einander , daß das eine seinen Wunden erlag – Lisett schloß ihre wundervollen blauen Augen nach einem kurzen , schweren Krankenlager für immer . Von Stund an wurden alle Beziehungen zwischen Mühle und Schloß abgebrochen , und wenn die trauernde Marie den jungen Gutsherrn an der Seite seiner schönen Gemahlin drüben am Waldwege vorbeisprengen sah , dann seufzte sie wohl leise in sich hinein : „ Sie ist ja aus dem leichtsinnigen Italien – wie kann sie wissen , wie einem deutschen Herzen zu Muthe ist , wenn es Jemand so recht innig lieb hat ? Aber die Vergeltung schläft nicht . “ – – Das war nun lange , lange her , und die Menschen , die damals in der Mühle gelebt hatten , waren längst todt . Marie [ 672 ] war alt geworden und bei den Ervings geblieben , geachtet und geliebt , als gehöre sie zur Familie . Friedrich Erving , der jetzige Besitzer der Mühle , der Neffe der schönen Lisett , hatte in ihr eine zweite Mutter gefunden , denn als seine Eltern früh starben , da nahm sie ihn an ihr sorgendes Herz und zog ihn zärtlich groß . Er war frisch herangewachsen unter ihrer Obhut , und als er eines Tages ein liebliches Weib heimführte , da trat sie dem jungen Paare auf der Schwelle der väterlichen Wohnung freundlich entgegen , und der junge Gatte legte ihr sein eben gewonnenes Kleinod herzlich in die Arme : „ Da , Muhme “ – denn so nannte er sie stets – „ nun hab ’ sie auch ein wenig lieb und ersetz ’ uns Beiden die Mutter ! “ So war es denn auch geworden . Und als nun gar die Muhme am Taufsteine in der alten Dorfkirche stand , ein Töchterchen des jungen Paares über die Taufe hielt und ein paar große blaue Kinderaugen zu ihr aufschauten , da fielen Freudenthränen hernieder auf das Bettchen der Kleinen , und ein heißes Dankgebet für all das Glück , das ihr beschieden , stieg zum Himmel auf . Die Kleine erhielt den Namen : Lieschen . Um diese Zeit brach die Katastrophe über die Bewohner des Schlosses herein und erschütterte die Herzen in der stillen Mühle – der jähe Tod des Baron Derenberg . Die Muhme saß schweigend vor ihrem Spinnrade und dachte , wie doch Gottes Mühlen so gerecht mahlen . Und als eines Tages ihr Liebling , das kleine vierjährige Lieschen , und noch ein ebenso kleines blondes Lockenköpfchen Hand in Hand über den Mühlweg getrippelt kamen , gefolgt von einem bildhübschen Jungen mit schwarzem Haare und trotzigen Augen , der verlegen an seiner kleinen Holzpeitsche spielte , da ging sie ihnen entgegen , nahm das süße Lockenköpfchen auf den Arm , und als die Kleine auf die Frage , ob sie oben auf dem Schlosse wohne , genickt hatte , da trug sie das Kind in die Wohnstube zu