ersten Jahren eingeschränkt und in der Küche gestanden und gebacken und gebraten und des Nachts an der Wiege gesessen . Ich bin nicht aus dem Haus gekommen , so daß die Leute darüber geredet haben , die dumme Gans draußen in der Ölmühle natürlich an der Spitze ( du hast es mir selbst erzählt ) , und habe jeden Abend vor einem leeren Kleiderschrank gestanden und die hölzernen Riegel gezählt . Und so sieben Jahre , bis die Kinder starben , und erst als sie tot waren und ich nichts hatte , daran ich mein Herz hängen konnte , da hab ich gedacht , nun gut , nun will ich es wenigstens hübsch haben und eine Kaufmannsfrau sein , so wie man sich in meiner Gegend eine Kaufmannsfrau vorstellt . Und als dann der Konkurs auf Schloß Hoppenrade kam , da hab ich dich gebeten , dies bißchen hier anzuschaffen , und das hast du getan , und ich habe mich dafür bedankt . Und war auch bloß in der Ordnung . Denn Dank muß sein , und ein gebildeter Mensch weiß es , und wird ihm nicht schwer . Aber all das , worüber jetzt soviel geredet wird , als ob es wunder was wäre , ja , was ist es denn groß ? Eigentlich ist es doch nur altmodisch , und die Seide reißt schon , trotzdem ich sie hüte wie meinen Augapfel . Und wegen dieser paar Sachen stöhnst du und hörst nicht auf zu klagen und verspottest mich wegen meiner Bildung und Feinheit , wie du zu sagen beliebst . Freilich bin ich feiner als die Leute hier , in meiner Gegend ist man feiner . Willst du mir einen Vorwurf daraus machen , daß ich nicht wie die Pute , die Quaas , bin , die › mir ‹ und › mich ‹ verwechselt und eigentlich noch in den Friesrock gehört und Liebschaftenhaben für Bildung hält und sich › Kätzchen ‹ nennen läßt , obschon sie bloß eine Katze ist und eine falsche dazu ? Ja , mein lieber Hradscheck , wenn du mir daraus einen Vorwurf machen willst , dann hättest du mich nicht nehmen sollen , das wäre dann das klügste gewesen . Besinne dich . Ich bin dir nicht nachgelaufen , im Gegenteil , du wolltest mich partout und hast mich beschworen um mein › Ja ‹ . Das kannst du nicht bestreiten . Nein , das kannst du nicht , Hradscheck . Und nun dies ewige › vornehm ‹ und wieder › vornehm ‹ . Und warum ? Bloß weil ich einen Trumeau wollte , den man wollen muß , wenn man ein bißchen auf sich hält . Und für einen Spottpreis ist er fortgegangen . « » Du sagst Spottpreis , Ursel . Ja , was ist Spottpreis ? Auch Spottpreise können zu hoch sein . Ich hatte damals nichts und hab es von geborgtem Gelde kaufen müssen . « » Das hättest du nicht tun sollen , Abel , das hättest du mir sagen müssen . Aber da genierte sich der werte Herr Gemahl und mußte sich auch genieren . Denn warum war kein Geld da ? Wegen der Person drüben . Alte Liebe rostet nicht . Versteht sich . « » Ach Ursel , was soll das ! Es nutzt uns nichts , uns unsere Vergangenheit vorzuwerfen . « » Was meinst du damit ? Was heißt Vergangenheit ? « » Wie kannst du nur fragen ? Aber ich weiß schon , das ist das alte Lied , das ist Weiberart . Ihr streitet eurem eignen Liebhaber die Liebschaft ab . Ursel , ich hätte dich für klüger gehalten . So sei doch nicht so kurz von Gedächtnis . Wie lag es denn ? Wie fand ich dich damals , als du wieder nach Hause kamst , krank und elend und mit dem Stecken in der Hand , und als der Alte dich nicht aufnehmen wollte mit deinem Kind und du dann zufrieden warst mit einer Schütte Stroh unterm Dach ? Ursel , da hab ich dich gesehn , und weil ich Mitleid mit dir hatte , nein , nein , erzürne dich nicht wieder ... weil ich dich liebte , weil ich vernarrt in dich war , da hab ich dich bei der Hand genommen , und wir sind hierher gegangen , und der Alte drüben , dem du das Käppsel da nähst , hat uns zusammengetan . Es tut mir nicht leid , Ursel , denn du weißt , daß ich in meiner Neigung und Liebe zu dir der alte bin , aber du darfst dich auch nicht aufs hohe Pferd setzen , wenn ich vor Sorgen nicht aus noch ein weiß , und darfst mir nicht Vorwürfe machen wegen der Rese drüben in Neu-Lewin . Was da hinging , glaube mir , das war nicht viel und eigentlich nicht der Rede wert . Und nun ist sie lange tot und unter der Erde . Nein , Ursel , daher stammt es nicht , und ich schwöre dir ' s , das alles hätt ich gekonnt , aber der verdammte Hochmut , daß es mit uns was sein sollte , das hat es gemacht , das ist es . Du wolltest hoch hinaus und was Apartes haben , damit sie sich wundern sollten . Und was haben wir nun davon ? Da stehen die Sachen , und das Bauernvolk lacht uns aus . « » Sie beneiden uns . « » Nun gut , vielleicht , oder wenigstens , solang es vorhält . Aber wenn das alles eines schönen Tages fort ist ? « » Das darf nicht sein . « » Die Gerichte fragen nicht lange . « » Das darf nicht sein , sag ich . Alles andre . Nein , Hradscheck , das darfst du mir nicht antun , da nehm ich mir das Leben und geh in die Oder , gleich auf der Stelle . Was Jammer und Elend ist , das weiß ich , das hab ich erfahren . Aber gerade deshalb , gerade deshalb . Ich bin jetzt aus dem Jammer heraus , Gott sei Dank , und ich will nicht wieder hinein . Du sagst , sie lachen über uns , nein , sie lachen nicht ; aber wenn uns was passierte , dann würden sie lachen . Und daß dann › Kätzchen ‹ ihren Spaß haben und sich über uns lustig machen sollte , oder gar die gute Mietzel , die noch immer in ihrem schwarzen Kopftuch steckt und nicht mal weiß , wie man einen Hut oder eine Haube manierlich aufsetzt , das trüg ich nicht , da möcht ich gleich tot umfallen . Nein , nein , Hradscheck , wie ich dir schon neulich sagte , nur nicht arm . Armut ist das schlimmste , schlimmer als Tod , schlimmer als ... « Er nickte . » So denk ich auch , Ursel . Nur nicht arm . Aber komm in den Garten ! Die Wände hier haben Ohren . « Und so gingen sie hinaus . Draußen aber nahm sie seinen Arm , hing sich , wie zärtlich , an ihn und plauderte , während sie den Mittelsteig des Gartens auf und ab schritten . Er seinerseits schwieg und überlegte , bis er mit einem Male stehenblieb und , das Wort nehmend , auf die wieder zugeschüttete Stelle neben dem Birnbaum wies . Und nun wurden Ursels Augen immer größer , als er rasch und lebhaft alles , was geschehen müsse , herzuzählen und auseinanderzusetzen begann . » Es geht nicht . Schlag es dir aus dem Sinn . Es ist nichts so fein gesponnen ... « Er aber ließ nicht ab , und endlich sah man , daß er ihren Widerstand besiegt hatte . Sie nickte , schwieg , und beide gingen auf das Haus zu . 4. Kapitel Viertes Kapitel Der Oktober ging auf die Neige , trotzdem aber waren noch schöne warme Tage , so daß man sich im Freien aufhalten und die Hradschecksche Kegelbahn benutzen konnte . Diese war in der ganzen Gegend berühmt , weil sie nicht nur ein gutes waagerechtes Laufbrett , sondern auch ein bequemes Kegelhäuschen und in diesem zwei von aller Welt bewunderte buntglasige Kuckfenster hatte . Das gelbe sah auf den Garten hinaus , das blaue dagegen auf die Dorfstraße samt dem dahinter sich hinziehenden Oderdamm , über den hinweg dann und wann der Fluß selbst aufblitzte . Drüben am andern Ufer aber gewahrte man einen langen Schattenstrich : die neumärkische Heide . Es war halb vier , und die Kugeln rollten schon seit einer Stunde . Der zugleich Kellnerdienste verrichtende Ladenjunge lief hin und her , mal Kaffee , mal einen Kognak bringend , am öftesten aber neugestopfte Tonpfeifen , aus denen die Bauern rauchten und die Wölkchen in die klare Herbstluft hineinbliesen . Es waren ihrer fünf , zwei aus dem benachbarten Kienitz herübergekommen , der Rest echte Tschechiner : Ölmüller Quaas , Bauer Mietzel und Bauer Kunicke . Hradscheck , der , von Berufs wegen , mit dem Schreib- und Rechenwesen am besten Bescheid wußte , saß vor einer großen schwarzen Tafel , die die Form eines Notenpultes hatte . » Kunicke steht wieder am besten . « – » Natürlich , gegen den kann keiner . « – » Dreimal acht um den König . « Und nun begann ein Sich-Überbieten in Kegelwitzen . » Er kann hexen « , hieß es . » Er hockt mit der Jeschke zusammen . « – » Er spielt mit falschen Karten . « – » Wer soviel Glück hat , muß Strafe zahlen . « Der , der das von den » falschen Karten « gesagt hatte , war Bauer Mietzel , des Ölmüllers Nachbar , ein kleines ausgetrocknetes Männchen , das mehr einem Leineweber als einem Bauern glich . War aber doch ein richtiger Bauer , in dessen Familie nur von alter Zeit her der Schwind war . » Wer schiebt ? « » Hradscheck . « Dieser kletterte jetzt von seinem Schreibersitz und wartete gerad auf seine die Lattenrinne langsam herunterkommende Lieblingskugel , als der Landpostbote durch ein auf die Straße führendes Türchen eintrat und einen großen Brief an ihn abgab ; Hradscheck nahm den Brief in die Linke , packte die Kugel mit der Rechten und setzte sie kräftig auf , zugleich mit Spannung dem Lauf derselben folgend . » Sechs ! « schrie der Kegeljunge , verbesserte sich aber sofort , als nach einigem Wackeln und Besinnen noch ein siebenter Kegel umfiel . » Sieben also ! « triumphierte Hradscheck , der sich bei dem Wurf augenscheinlich was gedacht hatte . » Sieben geht « , fuhr er fort . » Sieben ist gut . Kunicke , schiebe für mich und schreib an . Will nur das Porto zahlen . « Und damit nahm er den Briefträger unterm Arm und ging mit ihm von der Gartenseite her ins Haus . Das Kegeln setzte sich mittlerweile fort , wer aber Spiel und Gäste vergessen zu haben schien , war Hradscheck . Kunicke hatte schon zum dritten Male statt seiner geschoben , und so wurde man endlich ungeduldig und riß heftig an einem Klingeldraht , der nach dem Laden hineinführte . Der Junge kam auch . » Hradscheck soll wieder antreten , Ede . Wir warten ja . Mach flink ! « Und sieh , gleich darnach erschien auch der Gerufene , hochrot und aufgeregt , aber , allem Anscheine nach , mehr in heiterer als verdrießlicher Erregung . Er entschuldigte sich kurz , daß er habe warten lassen , und nahm dann ohne weiteres eine Kugel , um zu schieben . » Aber du bist ja gar nicht dran ! « schrie Kunicke . » Himmelwetter , was ist denn los ? Und wie der Kerl aussieht ! Entweder is ihm eine Schwiegermutter gestorben , oder er hat das Große Los gewonnen . « Hradscheck lachte . » Nu , so rede doch . Oder sollst du nach Berlin kommen und ein paar neue Rapspressen einrichten ? Hast ja neulich unserm Quaas erst vorgerechnet , daß er nichts von der Öl-Presse verstünde . « » Hab ich , und ist auch so . Nichts für ungut , ihr Herren , aber der Bauer klebt immer am alten . « » Und die Gastwirte sind immer fürs Neue . Bloß daß nicht viel dabei herauskommt . « » Wer weiß ! « » Wer weiß ? Höre , Hradscheck , ich fange wirklich an zu glauben ... Oder is es ' ne Erbschaft ? « » Is so was . Aber nicht der Rede wert . « » Und von woher denn ? « » Von meiner Frau Schwester . « » Bist doch ein Glückskind . Ewig sind ihm die gebratnen Tauben ins Maul geflogen . Und aus dem Hildesheimschen , sagst du ? « » Ja , da so rum . « » Na , da wird Reetzke drüben froh sein . Er war schon ungeduldig . « » Weiß ; er wollte klagen . Die Neu-Lewiner sind immer ängstlich und Pfennigfuchser und können nicht warten . Aber er wird ' s nu wohl lernen und sich anders besinnen . Mehr sag ich nicht und paßt sich auch nicht . Man soll den Mund nicht voll nehmen . Und was ist am Ende solch bißchen Geld ? « » Geld ist nie ein bißchen . Wieviel Nullen hat ' s denn ? « » Ach , Kinder , redet doch nicht von Nullen . Das beste ist , daß es nicht viel Wirtschaft macht und daß meine Frau nicht erst nach Hildesheim braucht . Solche weite Reise , da geht ja gleich die Hälfte drauf . Oder vielleicht auch das Ganze . « » War es denn schon in dem Brief ? « » I , bewahre . Bloß die Anzeige von meinem Schwager , und daß das Geld in Berlin gehoben werden kann . Ich schicke morgen meine Frau . Sie versauert hier ohnehin . « » Versteht sich « , sagte Mietzel , der sich immer ärgerte , wenn von dem » Versauern « der Frau Hradscheck die Rede war . » Versteht sich , laß sie nur reisen ; Berlin , das ist so was für die Frau Baronin . Und vielleicht bringt sie dir gleich wieder ein Atlassofa mit . Oder ' nen Trumeau . So heißt es ja wohl ? Bei so was Feinem muß unserein immer erst fragen . Der Bauer ist ja zu dumm . « Frau Hradscheck reiste wirklich ab , um die geerbte Summe von Berlin zu holen , was schon im voraus das Gerede der ebenso neidischen wie reichen Bauernfrauen weckte , vor allen der Frau Quaas , die sich , ihrer gekrausten blonden Haare halber , ganz einfach für eine Schönheit hielt und aus dem Umstande , daß sie zwanzig Jahre jünger war als ihr Mann , ihr Recht zu fast ebenso vielen Liebschaften herleitete . Was gut aussah , war ihr ein Dorn im Auge , zumeist aber die Hradscheck , die nicht nur stattlicher und klüger war als sie selbst , sondern zum Überfluß auch noch in Verdacht stand ( wenn auch freilich mit Unrecht ) , den ältesten Kantorssohn – einen wegen Demagogie relegierten Tunichtgut , der nun bei dem Vater auf der Bärenhaut lag – zu Spottversen auf die Tschechiner und ganz besonders auf die gute Frau Quaas angestiftet zu haben . Es war eine lange Reimerei , drin jeder was wegkriegte . Der erste Vers aber lautete : Woytasch hat den Schulzenstock , Kunicke ' nen langen Rock , Mietzel ist ein Hobelspan , Quaas hat keinem was getan , Nicht mal seiner eignen Frau , Kätzchen weiß es ganz genau . Miau , miau . Dergleichen konnte nicht verziehen werden , am wenigsten solcher Bettelperson wie dieser hergelaufenen Frau Hradscheck , die nun mal für die Schuldige galt . Das stand bei Kätzchen fest . » Ich wette « , sagte sie zur Mietzel , als diese denselben Abend noch , an dem die Hradscheck abgereist war , auf der Ölmühle vorsprach , » ich wette , daß sie mit einem Samthut und einer Straußenfeder wiederkommt . Sie kann sich nie genugtun , diese zierige Person , trotz ihrer vierzig . Und alles bloß , weil sie › Swein ‹ sagt und nicht › switzen ‹ kann , auch wenn sie drei Kannen Fliedertee getrunken . Sie sagt aber nicht Fliedertee , sie sagt Holunder . Und das soll denn was sein . Ach , liebe Mietzel , es ist zum Lachen . « » Ja , ja ! « stimmte die Mietzel ein , schien aber geneigt , die größere Schuld auf Hradscheck zu schieben , der sich einbilde , wunder was Feines geheiratet zu haben . Und sei doch bloß ' ne Katholsche gewesen und vielleicht auch ' ne Springerin ; wenigstens habe sie so was munkeln hören . » Und überhaupt , der gute Hradscheck « , fuhr sie fort , » er soll doch nur still sein . In Neu-Lewin reden sie nicht viel Gutes von ihm . Die Rese hat er sitzenlassen . Und mit eins war sie weg , und keiner weiß wie und warum . Und war auch von Ausgraben die Rede , bis unser alter Woytasch rüberfuhr und alles wieder still machte . Natürlich , er will keinen Lärm haben und is ' ne Suse . Zu Hause darf er ohnehin nicht reden . Oder ob er der Hradschecken nach den Augen sieht ? Sie hat so was . Und ich sage bloß , wenn wir alles hergelaufene Volk ins Dorf kriegen , so haben wir nächstens auch die Zigeuner hier , und Frau Woytasch kann sich dann nach ' nem Schwiegersohn umsehn . Zeit wird es mit der Rike ; dreißig is sie ja schon . « So ging gleich am ersten Tage das Geklatsch . Als aber eine halbe Woche später die Hradscheck geradeso wiederkam , wie sie gegangen war , das heißt ohne Samthut und Straußenfeder , und noch ebenso grüßte , ja womöglich noch artiger als vorher , da trat ein Umschlag ein , und man fing an , sie gelten zu lassen und sich einzureden , daß die Erbschaft sie verändert habe . » Man sieht doch gleich « , sagte die Quaas , » daß sie jetzt was haben . Sonst sollte das immer was sein , und sie logen einen grausam an , und war eigentlich nicht zum Aushalten . Aber gestern war sie anders und sagte ganz klein und bescheiden , daß es nur wenig sei . « » Wieviel mag es denn wohl sein ? « unterbrach hier die Mietzel . » Ich denke mir so tausend Taler . « » O mehr , viel mehr . Wenn es nicht mehr wäre , wäre sie nicht so ; da zierte sie sich ruhig weiter . Nein , liebe Mietzel , da hat man denn doch so seine Zeichen , und denken Sie sich , als ich sie gestern frug , › ob es ihr nicht ängstlich gewesen wäre , so ganz allein mit dem vielen Geld ‹ , da sagte sie : › Nein , es wär ihr nicht ängstlich gewesen , denn sie habe nur wenig mitgebracht , eigentlich nicht der Rede wert . Das meiste habe sie bei dem Kaufmann in Berlin gleich stehenlassen . ‹ Ich weiß ganz bestimmt , sie sagte : das meiste . So wenig kann es also nicht sein . « Unterredungen wie diese wurden ein paar Wochen lang in jedem Tschechiner Hause geführt , ohne daß man mit Hilfe derselben im geringsten weitergekommen wäre , weshalb man sich schließlich hinter den Postboten steckte . Dieser aber war entweder schweigsam oder wußte nichts , und erst Mitte November erfuhr man von ihm , daß er neuerdings einen rekommandierten Brief bei den Hradschecks abgegeben habe . » Von woher denn ? « » Aus Krakau . « Man überlegte sich ' s , ob das in irgendeiner Beziehung zur Erbschaft stehen könne , fand aber nichts . Und war auch nichts zu finden . Denn der eingeschriebene Brief lautete : » Krakau , den 9. November 1831 Herrn Abel Hradscheck in Tschechin . Oderbruch Ew . Wohlgeboren bringen wir hiermit zu ganz ergebenster Kenntnis , daß unser Reisender , Herr Szulski , wie alljährlich so auch in diesem Jahre wieder , in der letzten Novemberwoche bei Ihnen eintreffen und Ihre weitern geneigten Aufträge in Empfang nehmen wird . Zugleich aber gewärtigen wir , daß Sie , hochgeehrter Herr , bei dieser Gelegenheit Veranlassung nehmen wollen , unsre seit drei Jahren anstehende Forderung zu begleichen . Wir rechnen um so bestimmter darauf , als es uns , durch die politischen Verhältnisse des Landes und den Rückschlag derselben auf unser Geschäft , unmöglich gemacht wird , einen ferneren Kredit zu bewilligen . Genehmigen Sie die Versicherung unserer Ergebenheit . Olszewski-Goldschmidt & Sohn « Hradscheck , als er diesen Brief empfangen hatte , hatte nicht gesäumt , auch seine Frau mit dem Inhalte desselben bekannt zu machen . Diese blieb anscheinend ruhig , nur um ihre Lippen flog ein nervöses Zittern . » Wo willst du ' s hernehmen , Abel ? Und doch muß es geschafft werden . Und ihm eingehändigt werden ... Und zwar vor Zeugen . Willst du ' s borgen ? « Er schwieg . » Bei Kunicke ? « » Nein . Geht nicht . Das sieht aus nach Verlegenheit . Und die darf es nach der Erbschaftsgeschichte nicht mehr geben . Und gibt ' s auch nicht . Ich glaube , daß ich ' s schaffe . « » Gut . Aber wie ? « » Bis zum 30. hab ich noch die Feuerkassengelder . « » Die reichen nicht . « » Nein . Aber doch beinah . Und den Rest deck ich mit einem kleinen Wechsel . Ein großer geht nicht , aber ein kleiner ist gut und eigentlich besser als bar . « Sie nickte . Dann trennte man sich , ohne daß weiter ein Wort gewechselt worden wäre . Was zwischen ihnen zu sagen war , war gesagt und jedem seine Rolle zugeteilt . Nur fanden sie sich sehr verschieden hinein , wie schon die nächste Minute zeigen sollte . Hradscheck , voll Beherrschung über sich selbst , ging in den Laden , der gerade voll hübscher Bauernmädchen war , und zupfte hier der einen am Busentuch , während er der andern die Schürzenbänder aufband . Einer Alten aber gab er einen Kuß . » Einen Kuß in Ehren darf niemand wehren – nich wahr , Mutter Schickedanz ? « Mutter Schickedanz lachte . Der Frau Hradscheck aber fehlten die guten Nerven , deren ihr Gatte sich rühmen konnte . Sie ging in ihr Schlafzimmer , sah in den Garten und überschlug ihr Leben . Dabei murmelte sie halb unverständliche Worte vor sich hin und schien , den Bewegungen ihrer Hand nach , einen Rosenkranz abzubeten . Aber es half alles nichts . Ihr Atem blieb schwer , und sie riß endlich das Fenster auf , um die frische Luft einzusaugen . So vergingen Stunden . Und als Mittag kam , kamen nur Hradscheck und Ede zu Tisch . 5. Kapitel Fünftes Kapitel Es war Ende November , als an einem naßkalten Abende der von der Krakauer Firma angekündigte Reisende vor Hradschecks Gasthof vorfuhr . Er kam von Küstrin und hatte sich um ein paar Stunden verspätet , weil die vom Regen aufgeweichten Bruchwege beinah unpassierbar gewesen waren , am meisten im Dorfe selbst . Noch die letzten dreihundert Schritt von der Orthschen Windmühle her hatten ein gut Stück Zeit gekostet , weil das ermüdete Pferd mitunter stehenblieb und trotz allem Fluchen nicht weiter wollte . Jetzt aber hielt der Reisende vor der Ladentür , durch deren trübe Scheiben ein Lichtschein auf den Damm fiel , und knipste mit der Peitsche . » Hallo ; Wirtschaft ! « Eine Weile verging , ohne daß wer kam . Endlich erschien der Ladenjunge , lief aber , als er den Tritt heruntergeklappt hatte , gleich wieder weg , » weil er den Knecht , den Jakob , rufen wolle . « » Gut , gut . Aber flink ... Is das ein Hundewetter ! « Unter solchen und ähnlichen Ausrufungen schlug der jetzt wieder alleingelassene Reisende das Schutzleder zurück , hing den Zügel in den frei gewordenen Haken und kletterte , halb erstarrt und unter Vermeidung des Tritts , dem er nicht recht zu trauen schien , über das Rad weg auf eine leidlich trockene , grad vor dem Ladeneingange durch Aufschüttung von Müll und Schutt hergerichtete Stelle . Wolfsschur und Pelzmütze hatten ihm Kopf und Leib geschützt , aber die Füße waren wie tot , und er stampfte hin und her , um wieder Leben ins Blut zu bringen . Und jetzt erschien auch Jakob , der den Reisenden schon von früher her kannte . » Jott , Herr Szulski , bi so ' n Wetter ! Un so ' ne Weg ! I , doa kümmt joa keen Düwel nich . « » Aber ich « , lachte Szulski . » Joa , blot Se , Herr Szulski . Na , nu geihen S ' man in de Stuw . Un dat Fellisen besorg ick . Un will ook glieks en beten wat inhöten . Ick weet joa : de Giebelstuw , de geele , de noah de Kegelboahn to . « Während er noch so sprach , hatte Jakob den Koffer auf die Schulter genommen und ging , dem Reisenden vorauf , auf die Treppe zu ; als er aber sah , daß Szulski , statt nach links hin in den Laden , nach rechts hin in das Hradschecksche Wohnzimmer eintreten wollte , wandt er sich wieder und sagte : » Nei , nich doa , Herr Szulski . Hradscheck is in de Wienstuw ... Se weeten joa . « » Sind denn Gäste da ? « » Versteiht sich . Wat arme Lüd sinn , na , de bliewen to Huus , awers Oll-Kunicke kümmt , un denn kümmt Orth ook . Un wenn Orth kümmt , denn kümmt ook Quaas un Mietzel . Geihen S ' man in . Se tempeln all wedder . « Eine Stunde später war der Reisende , Herr Szulski , der eigentlich ein einfacher Schulz aus Beuthen in Oberschlesien war und den National-Polen erst mit dem polnischen Samtrock samt Schnüren und Knebelknöpfen angezogen hatte , der Mittelpunkt der kleinen , auch heute wieder in der Weinstube versammelten Tafelrunde . Das Geschäftliche war in Gegenwart von Quaas und Kunicke rasch abgemacht und die hoch aufgelaurene Schuldsumme , ganz wie gewollt , durch Barzahlung und kleine Wechsel beglichen worden , was dem Pseudo-Polen , der eine so rasche Regulierung kaum erwartet haben mochte , Veranlassung gab , einiges von dem von seiner Firma gelieferten Ruster bringen zu lassen . » Ich kenne die Jahrgänge , meine Herren , und bitt um die Ehr . « Die Bauern stutzten einen Augenblick , sich so zu Gaste geladen zu sehen , aber sich rasch erinnernd , daß einige von ihnen bis ganz vor kurzem noch zu den Kunden der Krakauer Firma gehört hatten , sahen sie das Anerbieten schließlich als einen bloßen Geschäftsakt an , den man sich gefallenlassen könne . Was aber den Ausschlag gab , war , daß man durchaus von dem eben beendigten polnischen Aufstand hören wollte , von Diebitsch und Paskewitsch , und vor allem , ob es nicht bald wieder losgehe . Szulski , wenn irgendwer , mußte davon wissen . Als er das vorige Mal in ihrer Mitte weilte , war es ein paar Wochen vor Ausbruch der Insurrektion gewesen . Alles , was er damals als nahe bevorstehend prophezeit hatte , war eingetroffen und lag jetzt zurück , Ostrolenka war geschlagen und Warschau gestürmt , welchem Sturme der zufällig in der Hauptstadt anwesende Szulski zum mindesten als Augenzeuge , vielleicht auch als Mitkämpfer ( er ließ dies vorsichtig im Dunkel ) beigewohnt hatte . Das alles traf sich trefflich für unsere Tschechiner , und Szulski , der als guter Weinreisender natürlich auch ein guter Erzähler war , schwelgte förmlich in Schilderung der polnischen Heldentaten wie nicht minder in Schilderung der Grausamkeiten , deren sich die Russen schuldig gemacht hatten . Eine Hauserstürmung in der Dlugastraße , just da , wo diese mit ihren zwei schmalen Ausläufern die Weichsel berührt , war dabei sein Paradepferd . » Wie hieß die Straße ? « fragte Mietzel , der nach Art aller verquienten Leute bei Kriegsgeschichten immer hochrot wurde . » Dlugastraße « , wiederholte Szulski mit einer gewissen gekünstelten Ruhe . » Dluga , Herr Mietzel . Und das Eckhaus , um das es sich in meiner Geschichte handelt , stand dicht an der Weichsel , der Vorstadt Praga grad gegenüber , und war von unseren Akademikern und Polytechnikern besetzt , das heißt von den wenigen , die von ihnen noch übrig waren , denn die meisten lagen längst draußen auf dem Ehrenfelde . Gleichviel indes , was von ihnen noch lebte , das steckte jetzt in dem vier Etagen hohen Hause , von Treppe zu Treppe bis unters Dach . Auf dem abgedeckten Dach aber befanden sich Frauen und Kinder , die sich hier hinter Balkenlagen verschanzt und mit herangeschleppten Steinen bewaffnet hatten . Als nun die Russen , es war das Regiment Kaluga , bis dicht heran waren , rührten sie die Trommel zum Angriff . Und so stürmten sie dreimal , immer umsonst , immer mit schwerem Verlust , so dicht fiel der Steinhagel auf sie nieder . Aber das vierte Mal kamen sie bis an die verrammelte Tür , stießen sie mit Kolben ein und sprangen die Treppe hinauf . Immer höher zogen sich unsere Tapferen zurück , bis sie